allermeist um Einträge solcher, die in der »Wilden Sau« auf dem Hin-
oder Rückwege nach oder von Leipzig übernachten. Wobei übrigens immer
davon die Rede ist, man komme aus der oder wolle in die »Provinz«.
Unter den Einkehrenden überwiegen weitaus die Erzgebirgler, aber auch
Dresdener oder Lausitzer stehen eingetragen. Von den Fakultäten kommen
an erster Stelle, wenigstens so lange es sich um Übernachter handelt,
die Theologen. Sie waren eben vielfach wohl die weniger Begüterten,
die zur ~Alma mater~ wandern und deshalb unterwegs übernachten
mußten. Später sind auch die anderen Fakultäten etwa gleichmäßig
vertreten. Auch Bergstudenten tauchen auf. Neben Sachsen kommen
Bayern, Braunschweiger, ein Frankfurter, ein Siebenbürge, Preußen.
Neben solchen aus Leipzig, Jenenser, Münchner, Heidelberger Studenten.
Von Leipziger studentischen Korporationen erscheint zuerst die
Burschenschaft Germania, von den Korps die Sachsen und Meißner, von den
Landsmannschaften die Grimmenser, ferner die Sängerschaften Paulus und
Arion u. a. m. Sind ursprünglich nur Semesterbeginn oder Semesterschluß
und die Weihnachtsferien Anlaß zur Einkehr, so stellt sich von den
fünfziger Jahren ab der Student auch lediglich als Ausflügler in der
Sau ein.
[Illustration: Abb. 5. =Der Gasthof »Die wilde Sau«=]
Die Einträge sind in den ersten zwanzig Jahren sehr häufig, später
immerhin nicht selten in lateinischer Sprache abgefaßt, einige in recht
flüssigen Versen.
So schreibt einer der ~R. C. U.~-Freunde unter seinem Kneipnamen
Schwenekfeld, unter dem sich, wie Dr. Kell feststellt, Dr. Preußer,
der spätere Herausgeber des Thieme-Preußerschen englischen Wörterbuchs
verbirgt:
~O quicunque suem transis Studiose viator
siste gradum sapiens atque momento frui.~
Frei übersetzt:
Studio, wenn auch der Weg hier an der Sau dich vorbeiführt,
Hemme, ein Weiser, den Schritt; nütze was heut sich dir beut.
Die alte Weisheit:
~Deficiente pecu – deficit omne – nia~
wird mehrfach, das erstemal 1838 niedergeschrieben und 1850 vom
späteren Rochlitzer Rechtsanwalt _Gülde_ verdeutscht:
Ach bei mangelnder Bar – fehlt uns jegliche – schaft.
Auch griechische Einträge, allerdings meist Zitate, finden sich; ebenso
zwei hebräische.
Vielfach wird die Semesterzahl beigeschrieben. Ein Philologe zeichnet
als zwölftes Semester und wird deswegen im nächsten Eintrage gefragt,
ob er es zum Troste aller Füchse tut, oder um derartigen Neulingen
Respekt vor seinem akademischen Greisenalter einzuflößen. Rechtsanwalt
Mirus weithin bekannt als einstiger Besitzer des schönen Rosengartens
am Abhange des Leisniger Burgfelsens und liebenswürdiger Kunst- und
Altertumsfreund unterschreibt als 111. Semester.
1838 erscheinen zum ersten Male Einträge von Grimmenser
Fürstenschülern, die dann immer einmal wiederkehren. Erschütternd einer
aus dem Jahre 1912. Denn bei fünf von sieben Namen ist später das
Sterbekreuz, weil die Träger im Weltkriege fielen, beigefügt.
Solche Vermerke über Lebensschicksale Eingetragener finden sich
übrigens oftmals. Gleich bei dem ersten Eingetragenen, dem Mitstifter
des Buches, Julius _Kell_, die Beischrift: »Ich kenne zwar die Gründe
nicht«. Womit, wie sein Großneffe Dr. _Kell_ berichtet, festgestellt
werden sollte, daß er derjenige Abgeordnete im 48er sächsischen
Landtage war, der die Gründe der Regierung »Zwar nicht kannte, aber
mißbilligte«. Bei weiteren Eingetragenen ist beigeschrieben, was
sie im späteren Leben geworden sind: Professor, Gerichtsdirektor,
Oberlandesgerichtsrat, Landgeistlicher, Superintendent usw. Bei dem am
12. September 1839 eingetragenen Studenten der Rechte, Wilhelm Adolf
von _Trützschler_ ist angemerkt: »Erschossen zu Mannheim 1849«. Er
hatte sich führend an dem badischen Aufstande beteiligt und war vom
Kriegsgericht in Mannheim zum Tode verurteilt worden.
Beide Vermerke gehören zu den Bekundungen, mit denen das Buch auf
Zeitereignisse Bezug nimmt. Sie sind nicht gerade häufig, aber fehlen
eben doch auch nicht ganz. Gar kein Eintrag ist allerdings vorhanden,
der das, was 1870 uns brachte, berührte. Wie denn überhaupt von 1873
bis 1886 ein starkes Nachlassen der Einträge festzustellen ist.
Ebenso haben die Ereignisse von 1848, abgesehen von einem belanglosen
Verschen, keinen Widerhall in dem Gästebuch gefunden.
[Illustration: Abb. 6. =Aus dem Gästebuch der »Wilden Sau«=]
Dagegen spiegeln Einträge des Jahres 1845 politische Vorgänge, die
sich im August desselben Jahres in Leipzig abspielten, wieder. Von der
sächsischen Regierung war am 17. Juli 1845 eine Bekanntmachung erlassen
worden, in der sie sich gegen liberale kirchliche Strömungen wendete.
Diese Bekanntmachung hatte in liberalen Kreisen außerordentlich böses
Blut gemacht. Als daher Prinz Johann, der nachmalige König, am 12.
August 1845, wie alljährlich in Leipzig eine Musterung der dortigen
Bürgergarde abhielt, kam es, da er als Seele der kirchlichen Reaktion
galt, auf dem Roßplatze vor dem ~Hotel de Prusse~ zu einem ernstlichen
Auflaufe. Als zu dessen Beseitigung Militär angerufen und von diesem
geschossen wurde, war die Erregung eine ungeheure, und führte am
folgenden Tage zu einer nach Tausenden zählenden Volksversammlung
unter Robert Blums Leitung. Deren Teilnehmer zogen dann vors Rathaus
und erreichten, daß der Rat der Stadt Leipzig versprach, die
Aufrechterhaltung der Ordnung solle ausschließlich der Bürgergarde,
nicht dem Militär, übertragen bleiben. Zur Verstärkung der ersteren
wurden Studentenkompagnien gebildet. Eine ganze Reihe von Einträgen
bezeichnet die Einschreibenden als Angehörige dieser Kompagnien.
Einer vermerkt sogar – doch wohl ironisch –: »Teilte die ruhmvollen
Waffentaten der Leipziger Augusttage mit der 15. Komp.«
Ein weiteres politisch oder doch mindestens volkswirtschaftlich
wichtiges Ereignis, dessen gedacht wird, ist das Inkrafttreten des
Bürgerlichen Gesetzbuchs für Sachsen von 1863. Ein Eintrag von 1864
singt davon, daß der alte Codex ~Justinianeus rum rum~ sei, und nur
noch als Notnagel in Frage komme.
Die Beziehungen des Studenten zum Militär spielen mehrfach eine Rolle.
Einträge 1837 handeln davon, daß der eine eine Glücksnummer zog und so
vom Dienst beim Heere frei kam, (man konnte sich bekanntlich damals
freilosen), während der andere, der von ihm gezogenen Losnummer
ein »Pereat« bringt, weil er »Als stockgemeiner Schütze vom ersten
Bataillon der fröhlichen Studentenwelt auf der Wilden Sau ein tristes
Lebewohl sagen müsse«. Auch verschiedene Manöver, die die Wilde Sau
berührt haben, haben im Gästebuch ihre Spuren hinterlassen. Viele
Akademiker, die im bunten Rocke steckend, daran teilnahmen, haben sich
eingetragen. Im Kaisermanöver 1912 – ob auch als alter Akademiker,
vermochte ich nicht festzustellen –, Franz, Prinz von Bayern, mit
seinem Stabe.
Aus der Zeit des Weltkrieges seien drei Einträge hervorgehoben.
Einer vom Ostermittwoch 1916:
Es ist eine große Ruhe im Lande, noch mehr aber in den einsamen
alten Höfen an des Landes Straßen;
einer vom 2. August 1916:
Ein froher Kreis in ernster Zeit;
viel Grund zu Glück und Dankbarkeit;
und endlich:
Heut kehrt ich wiederum ein,
in der Wilden Sau – Doch allein,
weil der Vater noch im Krieg ist
und ich bin auch schon Infanterist;
letzterer von einem Grimmenser Abiturienten.
Gelegentlich haben sich natürlich auch Nichtakademiker eingetragen.
Wenn sich’s um Männer, wie den vortrefflichen Flötisten des Leipziger
Gewandhauses, Maximilian Schwedler, handelt, der 1919 mit seiner Frau
in der Wilden Sau übernachtete, soll gewiß nichts dagegen eingewendet
werden.
Ziemlich am Ende des alten Buches, 1924, findet sich auch eine sehr
hübsche Zeichnung. Sie stammt von dem bekannten schlesischen Radierer
Dr. Paul _Aust_ aus Hermsdorf u. d. Kynast. Er hat Ende der achtziger
Jahre in München Pharmazie studiert, 1907 den Apothekerberuf aufgegeben
und lebt nun ganz der Kunst in seiner schlesischen Heimat. Das Bildchen
stellt die Enkelin des alten Moritz _Streul_ dar.
Und nun zum Schluß noch einige besonders vergnügte, oder doch sonst für
den Geist des Buches charakteristische Einträge, wobei übrigens mit
besonderer Genugtuung festgestellt sei, daß im ganzen Buch auch nicht
ein einziger Eintrag anstößigen Inhalts zu finden ist.
Zunächst einige aus der ältesten Zeit:
Da schreibt ~stud. jur.~ Sachse aus Freiberg unter dem 30. März 1836:
Was soll ich mit dem Zeuge machen,
Dem Wasser, ohne Saft und Kraft,
Gemacht für Kröten, Frösche, Drachen,
Und für die ganze Würmerschaft.
Für Menschen muß es besser sein,
Drum trinket nur und schenket ein.
Am 10. Mai desselben Jahres dichtet ~stud. jur.~ Zumpe aus Dresden:
Ein junger Bursch mit frohem Mut,
Gefülltem Beutel und feurigem Blut,
Was gibt es wohl Schönres auf Erden?
So wandert ich heute bei Sternenlicht
Aus der trauten Heimat und jammre nicht,
Die Beute des Sturmwinds zu werden,
Denn eisig blies es von Norden her;
Trieb Schnee und Graupen wohl übers Meer
Zum größten Schrecken des armen Mai.
Doch jetzt ist alles vergessen, vorbei.
Kann ich doch in deinen Armen
Du herrliche Sau jetzt erwarmen.
Kurz und bündig meldet der ~stud. med.~ F. Körner im Dezember 1837:
Nach langem Wege durch tiefen Kot,
half mir die Säue aus jeder Not.
Ein Theologe berichtet am 2. Dezember 1837:
Um zu Hause nochmals froh zu sein,
Kehr ich in der Saue jetzt noch einmal ein.
Als Studio zum letztenmal, –
Das ist fatal –
Zu Ostern ins Examen!
Amen.
Ein anderer läßt sich am Semesterschluß 1838 hören:
Herr Wirt, nehm er das Glas zur Hand,
Und schenk er wieder ein,
Schreib er’s nur dort an jene Wand,
Gepumpet muß ja sein!
Sei er fidel, ich laß ihm ja
Mein Cerevis zum Pfande da.
Der aber klagt, daß er nun ins Philisterium muß:
Bemooster Bursche zog ich aus,
Es grüß’ dich Gott, du Sauwirtshaus,
Zur alten Heimat geh ich ein,
Und werde nun Philister sein.
Übrigens derselbe Theologe, dem es oben vor dem bevorstehenden Examen
grauste.
Aus demselben Jahre endlich nochmals der oben schon angezogene Dr.
_Preußer_ (vulgo Schwenekfeld), der in liebenswürdig gelassener
Philosophie sich vernehmen läßt:
Ich kam und ging und werde wieder kommen,
Und werde wieder gehen, nach wie vor.
Dies ist der ew’ge Zirkel aller Dinge,
In dem der Mensch sich dreht, ~jusqu’à la mort~.
Im März 1842 singt der später noch oft wiederkehrende ~stud. theol.~
Ernst _Eckardt_, später Schulinspektor:
Ich ziehe durchs liebe Sachsenland,
Die Augen nach rechts und links gewandt,
Manch liebliches Bild zu erschauen.
Doch ob ich gern küsse und liebe – doch
Schmieg ich mich nimmer in’s Ehejoch –
Und lasse mich nimmermehr trauen.
Cerevisia bleibt mir ewig neu,
Die wird mir nimmermehr ungetreu;
’s is gar ein wonniges Liebchen.
Drum wer _mir_ gleich die Braune erkor,
Dem Bruder steig ich ein Viertel vor! –
Steigt’s nach! – Aus Gläsern und Stübchen[1].
Und jetzt solche aus späteren Jahren:
1873:
Im schwarzen Walfisch zu Askalon
Und in der Wilden Sau:
Im ersteren war der Herr Jonas,
Im anderen ich selber grau!
1892:
Wo Urgroßvater, Großvater und Vater gewesen,
Hat heut der Sohn und Enkel gesessen,
Und hat einen durstigen Gruß entboten,
Dem Lebenden und den beiden Toten.
1894:
Wie manchem, der sich hier geletzt,
Ward schon ein schlichtes Kreuz gesetzt!
Wie mancher, der hier sein Liedchen sang,
Ging schon den letzten, den dunklen Gang!
Wo die Väter einst saßen, sitzen wir:
Auch unsres Bleibens ist nicht hier.
Wo jetzt wir gesungen, gescherzt, gezecht,
Sitzt bald ein andres, ein neues
O, würden die Enkel den Ahnen gleich,
An schlichter, studentischer Freude reich,
Gesund und kernig, von festem Mark,
An Leib und Seele frisch und stark.
Vom faden, blasierten Gigerltum fern
Und deutsch des Wesens Kern und Stern!
1896 auch einmal ein Lob auf des Wirtes Töchterlein:
Im Haus zur Wilden Sau,
Kehrt ich zum ersten Male ein,
Doch was am meisten mir gefiel,
Das war des Wirtes Töchterlein.
Endlich aus dem Jahre 1907 eine Mahnung, die verdient, auch in Zukunft
nicht außer acht gelassen zu werden:
Nun denke doch nicht jeder Gast,
Der hier einmal hält kurze Rast
Mit oder ohne Kind und Frau
Bei Moritz _Streul_ »Zur wilden Sau«,
Daß er gleich seine Herzergüsse
In Versen niederschreiben müsse.
Ein launisch Roß ist Pegasus:
Wenn ’s grad mal sein soll oder muß,
Gibt es sich nicht zum Reiten her,
Springt höchst unartig kreuz und quer,
Oder es bleibt, statt hochzufliegen,
Auf dürrer Spreu der Prosa liegen.
Drum, lieber Freund, wer du auch seist,
Zermartre dir nicht deinen Geist.
Laß dir den Tisch zum Vesper decken,
Dazu ein Gläschen Bier gut schmecken,
Schreib einfach deinen Namen her,
Mach dir die Sache nicht zu schwer. –
Woher, wohin? Und wie du Gast
Es auf der Sau gefunden hast.
Nimm diesen Rat und deutschen Gruß
Von dem ~vicinus parochus~!
Wie 1836 Studenten nach der Wilden Sau im Schlitten gelangten, zeigt
auf Seite 33 die Wiedergabe einer reizenden kleinen farbigen Zeichnung,
die Dr. _Kell_ mir aus dem Tagebuch seines Großvaters Carl Rudolf
_Kell_ – unter dem Namen Vos gleichfalls im Gästebuch eingetragen –,
freundlich zur Verfügung stellte.
Die anmutige Winterlandschaft, die so fein gezeichneten Gesichter der
Musensöhne und die Pracht ihrer Schlafröcke, die sie, wie das Tagebuch
berichtet, »der Wärme wegen übergezogen hatten«, wirken farbig ja noch
viel reizvoller.
Für jetzt aber bleibt nur zu wünschen, daß auch künftig recht oft
Akademiker und sonstige Freunde alten Brauches und der Heimat den Weg
zur »Wilden Sau« finden möchten. Die neue Autolinie Colditz–Waldheim
hat ihn ja sehr bequem gemacht. Sie hat sogar eine Haltestelle an
unserem alten Gasthofe eingerichtet. Wer lieber wandert, der kann von
=Leisnig= über die unterhalb der früheren Infanteriekaserne gelegene
Liebchensmühle, den Hasenberg, Seifersdorf; von =Rochlitz= über
Geringswalde, das Rinnmühlental und Langenau; von =Colditz= durch den
Tiergarten und über Zschirla, Raschütz; endlich von =Waldheim= über
den Mühlweg, Aschershain, durch die Fröhne, den Sörnziger Wald und
Langenau, vielfach im Waldesschatten, allenthalben aber auf, besonders
zur Frühlingszeit und im Herbste, anmutigen Wegen zur »Wilden Sau«
gelangen. ~Vivant sequentes!~
Fußnote:
[1] Name für Lichtenhainer Holzbierkännchen.
Weihnachten im Oskar-Seyffert-Museum
Von _Richard Bürckner_, Dresden
»Hier ruht Frau Johanna Konkordia Schaarschmidt, eine geborene
Schaarschmidt. Sie wurde geboren den 3. September 1776, verehelichte
sich im Jahre 1796 mit dem damaligen Junggesellen Joh. Ernst
Schaarschmidt, Erbbegüterter allhier, lebte mit demselben in der
Ehe siebenunddreißig Jahre, zeugte sieben Kinder, wovon eins in die
Ewigkeit voranging. Von diesen erlebte sie fünfunddreißig Enkel und 30
Urenkel. Fünfundzwanzig Jahre lebte sie als Witwe, brachte ihr Alter
auf zweiundachtzig Jahre, fünf Wochen, zwei Tage und starb den 15.
Oktober 1858 und ruht nun wieder vereint mit ihrem Gatten in einem
Grabe.«
Wie viele von den Tausenden, die zu Weihnachten ins Landesmuseum
gekommen sind, haben die Grabschrift gelesen? Die gute Witwe
Schaarschmidt brauchte gewiß nur wenige ihrer dreißig Urenkel
dazuzunehmen, um an den Fingern die paar Leute abzuzählen, die
in den Tagen vom 17. Dezember bis zum 1. Januar ihr die Ehre
bezeigt haben, das Türchen an ihrem schmiedeeisernen Grabkreuz zu
öffnen und in ihrem Lebensbuche zu blättern. Dabei steht das Kreuz
dort, wo die Weihnachtsfeiern stattfinden, wo die Leute, ehe es
»losgeht«, gelangweilt herumsitzen auf der eisenbeschlagenen Truhe
aus Niedersteinbach, auf dem alten schwarzen Kriegskasten, auf
herbeigeschleppten Hockern, als ob sie auf wer weiß was für eine
»Schau« warten müßten.
Das Schicksal der Grabschrift ist bezeichnend. So sehr wir uns freuen
über die Scharen von Weihnachtsbesuchern, so sehr bedauern wir, daß
das Museum als solches bei sehr vielen zu kurz kommt. Hunderte von
eigenartigen, von schönen Dingen werden mit dem Blicke kaum gestreift,
viel weniger besehen, noch weniger betrachtet, ihre Schönheiten
mit innerer Anteilnahme aufgenommen. Man mag sich nicht bei ihnen
aufhalten, ebensowenig wie bei Frau Schaarschmidts Grabschrift.
Wie überall, gibt es unter unsern Besuchern »Enttäuschte«. Das sind
nicht bloß jene, die »so zeitig« gekommen und doch unglücklich sind,
weil sie wegen der vielen Menschen, die nun vornstehen, nicht jedem
Sänger, jeder Sängerin in den Mund gucken, dem Hofrat nicht jedes
seiner Weihnachtsworte von den Lippen weglesen können. Seid ihr denn
taubstumm? Enttäuschte sind es auch, die da sagen: Bloß die paar
Christbäume? Ich dachte, man könnte sehen, wie das ganze Museum
weihnachtlich »angeputzt« sei. Wäre es nicht wunderschön, wenn z.
B. die Bergspinnen, die das ganze Jahr so dahängen, durch bunte
Papierketten miteinander verbunden würden, wenn Tannenranken gespannt,
Weihnachtskränze aufgehängt wären, vielleicht mit Goldband umwunden.
Das wäre Sache! –
[Illustration: Abb. 1. =Altarteil, Mitte des 15. Jahrhunderts=]
Ihr guten Leute! Ihr gleicht jenen, die sich nichts ansehen, insofern
als auch euch die Museumsdinge Nebensache sind. Nein, die sollen nicht
zum Zurücktreten gezwungen werden, sie sollen trotz der Christbäume
Hauptsache sein.
Sie sind es auch hier in unsern der Erinnerung an Weihnachten im
Landesmuseum gewidmeten Zeilen. Aber der Flachs sämtlicher Spinnrocken
im Museum reichte nicht aus, wollten wir den Erinnerungsfaden so lang
spinnen, daß er alle die weihnachtlichen Dinge im Museum umfaßte
vom Weihnachtsberg und der großen Drehpyramide im erzgebirgischen
Spielzeugzimmer bis zu den Weihnachtsleuchtern und -männern, -engeln
und -sternen. Wir beschränken uns auf die drei Dinge, die wir hier
zeigen können.
[Illustration: Abb. 2. =Weihnachtskrippe von Frau Hilde Schelcher=]
Zuerst blicken wir auf die Maria mit dem Kinde; Abbildung 1. Sie steht
den Leuten, die, wie wir oben erzählt haben, warten, daß es »bald
losgeht«, gerade gegenüber. Ich möchte wissen, wie viele von ihnen sie
überhaupt gesehen hätten, wenn der Hofrat in seinen weihnachtlichen
Worten nicht von ihr erzählte. Sie hat es ihm anvertraut, daß sie
seit dem Jahre 1425, aus dem sie etwa gekommen sein mag, schon manche
Weihnachtsfeier erlebt habe mit Lichterglanz und Kerzenschein, mit
Weihrauchduft und Lobgesang. Aber wenige hätten ihr so gefallen wie
die schlichten Feiern im Landesmuseum, bei denen von Kindern und
jungen Mädchen – die höre sie besonders gern – so schön und, zwar
nicht ganz so schön, aber frisch und herzlich von so vielen andern
Leuten gesungen werde. Wenn der Hofrat so oder so ähnlich sagt, dann,
ich wette, bemerkt mancher, bemerkt manche erst, daß da eine Maria
steht. Man ist doch nicht »wegen der« gekommen! Erfreulicherweise
kann aber berichtet werden, daß nach der Feier dieser oder jene vor
die Maria tritt und sich still an ihrer Schönheit freut. Zuletzt
achtet der Beschauer wohl auch auf das Gewand mit den vielen Falten
und Faltenenden. Er vergleicht es unwillkürlich mit dem ebenfalls
holzgeschnitzten blauen Vorhang und findet, daß dessen Falten ganz
anders gezogen sind, ganz anders enden. Wie kommt denn das? Lieber
Freund, hole dir vorn am Eingang den Führer durch das Museum, der dir
vorhin schon durch sein lustiges buntes Titelbild aufgefallen ist. Der
Hofrat selbst hat ihn geschrieben. Dort kannst du erfahren, was du
wissen willst und zur Erhöhung deiner Freude wissen solltest.
[Illustration: Abb. 3. =Weihnachtskrippe vom Bildhauer Ebbe=]
Jede Weihnachtsfeier im Museum besteht aus zwei Teilen, einem ernsten,
durchaus weihnachtlich gestimmten unten im Raum der Grabkreuze mit
seinem vortrefflichen Schall und einem zweiten bei Volksliedern und
fröhlichen Geschichten oben im Volkstrachtenraum. Die Pause zwischen
beiden Teilen haben wir letzte Weihnachten zum ersten Male zu kurzen
Führungen benutzt, die Schreiber dieser Zeilen veranstaltete. Es
war jedesmal eine Freude, das Staunen zu sehen, mit dem die innere
Verschiedenheit der beiden Weihnachtskrippen im kleinen Raume neben
der »guten Stube« von vielen zum ersten Male empfunden wurde. Tief
im Innern der Nische, wie umflossen von der Klarheit himmlischen
Lichtes, die gekrönte Himmelskönigin mit dem Jesusknaben. Der
leuchtende Strahlenkranz, das gelbe Gewand, der kostbare Mantel erhöhen
ihre Herrlichkeit. Hirten und Könige huldigen. Heimisches, kleines
Getier bei den Hirten, fremdes, gewaltiges bei den Königen, in ihrem
prächtigen Zuge. Gegenüber die andere Krippe. Eine Waldecke. Bescheiden
und doch überglücklich Maria mit dem Christuskinde, Joseph in ihrer
Nähe. Drüben bei der Himmelskönigin vermißten wir ihn gar nicht. Hier
aber muß er dabei sein. Es ist, als ob er die Hirten herangeführt
habe, weil sie sich nicht nähertrauten. Rechts die Weisen aus dem
Morgenlande. Keine Krone, kein Gefolge. Aus dem halbgeöffneten Schrein
blitzen zwar Gold und Perlen hervor, aber nur an der Krippe drüben
bewundern wir die Pracht; hier ergreift uns die Schlichtheit.
[Illustration: Abb. 4. =Die bürgerliche Stube=
Erinnerungsraum an Leutnant Hans Seyffert, gefallen im Weltkrieg]
Unserm Grundgedanken getreu haben wir zuerst den Museumsbildern die
Ehre gegeben. Nun zu den Christbäumen. Manch lieber Freund wird
den seinen, manch treue Helferin den ihren, mancher Besucher einen
ihm besonders lieb gewesenen auf den Bildern vermissen. Wir bitten
herzlich, uns deshalb nicht gram zu sein. Christbäume photographieren,
das ist schwierig. Die meisten Bäume, so hübsch sie im Museum aussahen,
hatten mit dem Reize der Farben oder des glitzernden Goldes im Bilde
so viel verloren, daß ihre Wiedergabe hier ein Fehler gewesen wäre.
Aus dem gleichen Grunde haben wir darauf verzichten müssen, eine oder
die andere aus dem reichen Schatze der Kinderarbeiten abzudrucken,
die während der Weihnachtstage das Sitzungszimmer des Museums füllten.
Der ganze Raum strahlte von Christkind- und Weihnachtsfreude. Die
unerschöpfliche Phantasie fröhlich schaffender Knaben und Mädchen
feierte »Weihnachten überall«. Farbe und Licht liehen den Formen das
Leben; es war hier nicht wiederzugeben.
[Illustration: Abb. 5. =Marionettentheater=, gestiftet von der Familie
von Hagen]
Ernsthafter noch als daheim tritt im Museum die Frage auf: Wohin
stellen wir den, wohin jenen Baum? Mancher kann hinkommen, wo
gerade noch Platz ist, manch andrer verlangt seinen Raum, der Raum
verlangt ihn. Ein vortreffliches Beispiel dafür, wie Raum und Baum
zusammengehen, bietet unser Blick in die »gute Stube«. Merkwürdig!
Der Baum mit den ihn im strengen Kreise umschwebenden Engeln war uns
so sehr Bestandteil des Zimmers geworden, daß wir ihn jetzt geradezu
vermissen. Das Bild zeigt deutlich, wie die durch zarte Goldfäden leise
betonte Pyramide des Baumes den festlichen Tisch bekrönte. Um sein
grünes Rund, unter ihm hätte die weihnachtliche Kaffeegesellschaft
ungestört Platz nehmen können. Er war kein Hindernis wie der häusliche
Christbaum so oft, er war eine Ergänzung des Raumes.
[Illustration: Abb. 6. =Im Raum der Dresdner Heide=]
Besser als neben dem Hagenschen Kindertheater konnten auch sie nirgends
im Museum stehen, die beiden Bäume, die von kleinen Kinderhänden mit
buntfarbiger Pracht behängt worden waren. Im Bilde sieht der ganze
Schmuck so hell, gar nicht so kindlich und lustig aus wie er in
Wirklichkeit war.
Zur Aufnahme von ihren Standorten entfernt sehen wir die Bäume in den
Abbildungen 6 und 7. Der erste zeigt bunte Papierfaltarbeiten aus der
Schule in Lausa, der einzigen nicht aus Dresden. Er mußte unbedingt
neben den Roller-Erinnerungen seinen Platz erhalten.
[Illustration: Abb. 7. =In der Lausitzer Weberstube=]
Hunderte von Schneesternen hatten Gestalt gewonnen und waren auf zwei
Bäume herniedergerieselt. Wir zeigen den einen. Das Weiß des Schmuckes
leuchtet wie in der Wirklichkeit.
Zwar bei weitem nicht die bunte nach oben heller getönte Pracht, aber
die Fülle des Schmuckes, die der Baum trug, bietet Abbildung 8. Im
großen Volkstrachtenraum wirkten seine bunten neuartigen Sterne groß
und kräftig.
[Illustration: Abb 8. =Im Volkstrachtenraum=]