Am zweiten Feiertag gingen meine Eltern zum Nachtmohl (heiligen

Abendmahl). Am Tage vorher wurde sich beim Herrn Pastor dazu angemeldet

und ihm für den Abendmahlswein eine Beisteuer in beliebiger Höhe

gespendet. Meine Eltern gaben, so viel ich mich erinnere, 25 Pfennige

in einem alten Silberstück, das zu jener Zeit immerhin für unbemittelte

Leute einen gewissen Wert darstellte. Bei dem geringen Einkommen

war dem Geistlichen nicht zuzumuten, auch noch die Kosten für den

Abendmahlswein aufzubringen.

Welch christlicher Sinn wurde gerade zur Weihnachtszeit in das

kindliche Gemüt gelegt durch die Beachtung der von altersher

bestehenden Sitten und Gebräuche seitens der Eltern. Das haben wir

Kinder damals am besten empfunden. Wie glücklich und zufrieden fühlten

sich Eltern wie Kinder zur Weihnachtszeit in ihrer Einfachheit und

ihren bescheidenen Verhältnissen. Durch den Wechsel der Zeiten aber

sind diese alten guten Sitten der Nachwelt leider verloren gegangen

und wie lange wird es noch dauern, werden sie alle der Vergangenheit

angehören.

So wurde noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in

Falkenstein Weihnachten gefeiert bei den Alten in fröhlicher Eintracht

und Harmonie, bei den Jungen in kindlicher, seliger Lust. War das doch

eine schöne glückliche Zeit. Ich werde sie nie vergessen!

Triebtal und Eisenberg bei Jocketa

Von _Bernhard Stöckel_, Altensalz

Als anfangs der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein

Schienenweg von Sachsen ins Bayernland gebaut werden sollte, ergab sich

nach eingehenden Vorarbeiten, daß zwei große Brücken, nämlich über

das Göltzsch- und über das Elstertal nicht zu vermeiden seien. Diese

Brücken wurden in den Jahren 1846 bis 1851 aus Bruchstein, Ziegeln und

Sandstein bzw. Granit erbaut. – Da die heutige Führung dem Eisenberg

bei Jocketa gilt, möge der nahen Elstertalbrücke eine Viertelstunde

gewidmet sein. Unweit des Bahnhofs gönnen wir uns zunächst von der

Loreley aus einen lohnenden Blick nieder ins Triebtal, und dann bleibe

das Auge rechts am oberen Teil der Elstertalbrücke haften. – Die Bogen

des zweiten Stockwerks, die wir uns von dem öffentlichen Fußweg aus

ansehen wollen, der in halber Höhe des Bauwerks von hüben nach drüben

führt, sind etwas größer als die unteren. Wohl sechsunddreißig Meter

hoch und ebenso weit, sind diese Öffnungen mit granitnen Wölbungen

allein schon bewundernswert. Noch mehr erregen sie Bewunderung, wenn

man der Tausende von Eisenbahnreisenden und der großen Lasten gedenkt,

die täglich in annähernd einhundertfünfundzwanzig Zügen über sie hinweg

rollen: es mögen alle Tage hunderttausend Tonnen oder zwei Millionen

Zentner sein. Die Namen der Erbauer der Brücke, Oberingenieur Wilke

und Ingenieur Kell, sind in unvergänglicher Steinschrift am Bauwerk

angebracht.

Durch einen der unteren weiten Brückenbogen geht die Talbahn

Greiz–Plauen und durch einen andern fließt die Elster, mit der sich

eben die Trieb vereinigt hat. Die Stelle des Zusammenkommens dieser

beiden Gewässer ist bereits im Mittelalter als bemerkenswert beachtet

worden: Die älteste vogtländische Urkunde, die bei der Gründung der

Johanniskirche in Plauen im Jahre 1122 gegebene Beschreibung der Gau-

oder Sprengelgrenze, fängt mit den Worten an »~a capite rivi Cocotvia~«

(von der Mündung des Baches Trieb). –

[Illustration: Abb. 1. =Elstertalbrücke bei Jocketa=]

Das Tal, die »Klamm«, in die wir einzutreten im Begriff sind, ist

ein geologisches _Naturdenkmal_! Die fünfzig bis sechzig Meter hohen

und meist steilen Talwände bestehen aus Diabasbreccie, und in diese

Felsen hat das Wasser mit seinen Mitarbeitern im Verlaufe von vielen

hunderttausend Jahren diese tiefe schmale Rinne eingesägt! Einige der

im Flußbett befindlichen Grünsteinblöcke sind als widerstandsfähige

Reste anzusehen, die meisten mögen aber von den Steilwänden

abgestürzt sein. – Die Trieb, die als »Geigenbach« den Bergener

Granitkessel durchfließt, hat bei etwa zweiunddreißig Kilometer Länge

vierhundertsechsundvierzig Meter Fall. Kein Wunder also, daß ihr Wasser

an engen Stellen über größere steinerne Hindernisse hinwegsetzt. Zu

manchen Zeiten wirkt das Getöse der rauschenden, schäumenden Fluten wie

das eines großen Wasserfalles. –

[Illustration: Abb. 2. =Die Trieb vor der Vereinigung mit der Elster=]

Am Wege zur Rechten grüßen »Reinsteingrotte« und

»Dr.-Bretschneider-Platz«; beide Stellen sind von Naturfreunden den

genannten Wegebereitern gewidmet. – Im Flußbett zur Linken steht hier,

etwas schräg aufrecht, ein reichlich meterhoher Steinblock, an dem

man ein Frauenantlitz zu erkennen vermag, und am Fuße dieses Blockes

liegt eine Platte, auf der von Natur (?) ein Hundekopf eingezeichnet

ist. Von einem Felsen am Wege blickt weiterhin ein verwittertes

Männergesicht hernieder. – Auf dem nahen _Loreleysteg_, der bei dem

gleichnamigen Felsen über den tosenden Wasserlauf führt, lohnt es

sich, kurze Zeit Umschau zu halten. – Weiter flußaufwärts gehend,

kommt man an der Kaiser-Wilhelm-Grotte und bei der Wegebiegung an dem

Bismarckfels vorüber. Dann sichtet man mehrmals oben einen Rundbau

oder Pavillon (König-Albert-Höhe) und der fachmännische Beobachter

findet vielleicht am Hange Spuren einstigen Eisensteinbergbaues. Es

folgt links die früher vielbemerkte sogenannte Pyramidenwiese (alte,

regelmäßig gewachsene Fichten) und rechts geht durch Unterholz ein

schmaler Fußsteig hinauf nach dem _Vorsprunge des Eisenberges_, dessen

besondere Merkwürdigkeit der deutlich sichtbare Überrest einer großen

_Wallanlage aus vorgeschichtlicher Zeit_ ist (verschlackter Steinwall).

Nachdem man, von der Pyramidenwiese kommend, beim Aufstieg einige

steinerne Stufen (aus Theumaer Fruchtschiefer) überschritten hat, geht

man sofort durch den vorderen oder _kleineren_ (durchgrabenen) Wall

hindurch. Der Weg wendet sich dann rechts nach der Alberthöhe mit

Ausblick auf Loreley, Elstertalbrücke, einen Teil von Jocketa und die

Jößnitz-Steinsdorfer Höhen.

[Illustration: Abb. 3. =In der Enge des Triebtales=]

Kurz vor Erreichung des Pavillons ist der Weg durch den hier am

Steilhang beginnenden _Hauptwall_ hindurchgelegt. Der von hier

in west-östlicher Richtung sich erstreckende, zum Teil doppelte,

verfallene Wall ist etwa einhundertvierzig Meter lang und bis zu

vier Meter hoch. Die vom schwach bogenförmig angelegten Wall und

den steilen Talhängen umfriedete und seiner Zeit etwa durch Verhaue

besonders _geschützte Fläche auf_ unserem, _von der Trieb umflossenen

Bergvorsprung_ mißt ungefähr vier Hektar.

[Illustration: Abb. 4. =Steinblock mit Frauengesicht und einem

Hundekopf im Bette der Trieb=]

Die ganze Anlage der Bergfestung, jedenfalls aber die durch

Nachgrabungen ermittelte _Bauart_ dieses Walles mit längs und quer

geschichteten Balken und mit Steinen ausgefüllten Zwischenräumen ist

nach Professor Feyerabend, Görlitz, entschieden _keltisch_. Das

schließt aber nicht aus, daß der Ansatz zur Befestigung schon viel

früher gemacht wurde. Eine ganz ähnliche Anlage ist der Buigenwall in

Württemberg, der ebenfalls teilweise verschlackt ist und von der Brenz

umflossen wird. Am Boden des inneren Randes des Eisenbergwalles wurden

bei der Durchgrabung die üblichen Überreste einer vorgeschichtlichen

Siedlung wie Getreidekörner (Weizen, Gerste, Erbsen), Spinnwirtel

und dergleichen, sowie viele Tonscherben aus der Bronze-, Hallstatt-

und La-Tène-Zeit gefunden. Wie im östlichen Deutschland werden auch

hier Leute mit sogenannter »_Lausitzer Kultur_« ansässig gewesen sein

(Illyrier), die bekanntlich vor etwa zweitausendfünfhundert Jahren den

von Westen vordringenden »_Kelten_« weichen mußten. – Den Anlaß zur

Sicherung des Bergvorsprunges am Eingang ins Triebtal dürfte das eine

reichliche Stunde flußaufwärts entfernte _Salzwasservorkommen_ gegeben

haben (»_Altensalz_«). Nach dem Zurückweichen der Kelten vor den von

Norden kommenden _Germanen_ haben letztere wahrscheinlich von der Feste

Gebrauch gemacht. Sie werden auf dem Rücken des Berges ihre Feste

und Zusammenkünfte, besonders die Sommersonnwendfeier, _das spätere

Johannisfest_, abgehalten haben, das sich als Kinderspielfest mit

Topfschlagen usw. und auch als landläufige Zeitangabe (zu »Gehanne«)

bis weit ins vorige Jahrhundert hinein in der Umgegend erhalten hat.

Der Berg ist _ringsum_ von einem förmlichen Höhenkranze umgeben,

so daß eine Verständigung mit den im »_Kreise_« wohnenden Siedlern

durch Zeichen unschwer stattfinden konnte. Nach dem Zusammenbruch

des mächtigen Hermunduren- oder Thüringer Reiches (531), vielmehr

nach der Völkerwanderungszeit, werden sicherlich bald _Slaven_

auf dem Eisenberge Fuß gefaßt haben. Anscheinend haben sie den

zusammengestürzten Wall durch Erdaufschüttung erhöht und am östlichen

Steilhang ein wenig geradeaus verlängert. Auf dem Bergvorsprung

sind vor einigen Jahren Scherben aus der späten Slaven- oder frühen

Kolonisationszeit gefunden worden. – Als alte _Orts- und Flurnamen

im Bereiche des Eisenberges_ sind besonders hervorzuheben: Cocotvia

(Gocke, Jocketa), Röttis, Beel (Pöhl), Joansgrune (Gansgrün),

Möschwitz, Chrieschwitz, Jößnitz, Thoßfell und Zobes; ferner Burkhardt,

Altliebau, Dobris, Ganshübel (Joanshübel), Gunzenberg, Ziegenrück,

Camera und Lauspöhl bei Altensalz. – Nach Professor Johnson läßt sich

der Name »Eisenberg« fünfhundert Jahre zurück nachweisen, er ist

aber vermutlich schon seit der deutschen Kolonisation in dieser Form

gebraucht worden. – Freilich werden schon vorher, vielleicht bereits

in der keltischen Zeit kleine Eisenmeiler daselbst betrieben worden

sein. Aber in Anbetracht der vielen anderen Eisenerzfundstellen in der

Gegend ist es trotzdem zu bezweifeln, daß der Berg nach dem Metall

Eisen benannt worden sei. Die Alten werden für ihren stark befestigten

Stützpunkt und _Kultplatz_ eine _ähnlich lautende_ Bezeichnung

angewandt haben, die bei Einzug des Christentums verpönt wurde. Die

_besondere Stellung_ des Eisenberges, von welchem in der Sächsischen

Kirchengalerie von 1843 berichtet wird, daß daselbst eine »Burg«

gewesen sei, geht daraus hervor, daß er überhaupt bis zum Jahre 1560 in

der Hand des Landesherrn verblieben und nicht an Lehnsleute vergeben

worden ist. »In allen den vielen Urkunden über Besitz- und Zinsrechte

in Möschwitz und Pöhl ist der Eisenberg nicht erwähnt, jedenfalls aus

dem Grunde, weil er überhaupt nicht an Privatbesitzer übergegangen war«

(Johnson).

[Illustration: Abb. 5. =Loreleysteg am Fuße des Loreleyfelsens im

Triebtale=]

Über den _Eisensteinabbau_ auf dem Berge genügen an dieser Stelle

wenige Mitteilungen: Erze werden etwa _um und nach der Zeit der

Reformation in größerer Menge_ gewonnen und im Tale gehämmert, gemahlen

und überhaupt verarbeitet worden sein. 1542 wird Adam Röder zu Pöhl

als Besitzer eines Eisenhammers daselbst erwähnt und talwärts stand

eine »Eisenmühle«. Die kleinen Bergwerke sind jedenfalls während des

Dreißigjährigen Krieges zum Erliegen gekommen und »zum guten Teil erst

nach dem Siebenjährigen Krieg wieder in Gang gebracht worden; sowohl

nach dem Elster- und nach dem Triebtale, wie nach der Spitze des Berges

zu wurden dabei viele alte Schächte vorgefunden, deren Alter sich nicht

angeben läßt«. Die periodisch gewonnenen Eisensteine (Brauneisenerz)

wurden aber von dieser Zeit an bis zum Erlöschen des Bergbaues in den

sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr im Pöhler Hammer

verarbeitet, sondern nach Rautenkranz, Morgenröthe oder Schönheider

Hammer verkauft. Sobald auf den einzelnen Gruben die Wässer nicht

mehr abliefen, d. h. die Talsohle ziemlich erreicht war, wurde der

Weiterbau aufgegeben. – Zu Kriegszeiten und zuletzt auch noch im Jahre

1806 suchte ein Teil der Bewohner von Pöhl mit ihrem Vieh Zuflucht »in

verborgenen Schluchten« des Eisenbergs, abseits von der durch den Ort

führenden alten (südnördlichen) Heeresstraße.

[Illustration: Abb. 6. =Natürliche freistehende Lindengruppe im

Triebtale= (am Wege von Pöhl bei Jocketa nach Altensalz)]

Auf dem Gipfel des Berges steht seit dreißig Jahren ein massiver

_Aussichtsturm_, der Charlottenturm, erbaut vom Verein der Naturfreunde

zu Plauen (Vogtl.). Der Turm ist auf einem gekennzeichneten Wege

zugängig und bietet noch einige Jahre eine schöne Rundsicht, bis ihm

die nahen Fichtenbäume über den Kopf gewachsen sind.

Die Forstverwaltung des Rittergutes Pöhl beabsichtigt, von der

einseitigen Nadelholzkultur nach und nach zur Anpflanzung von Mischwald

und reinem Laubwald überzugehen. Dann wird sich der Eisenberg in

hellgrünem und im Herbste mehr in buntem Gewande zeigen.

Wie unsere germanischen Voreltern stehen auch wir teilweise noch –

trotz Auto und Radio – im Banne der hochaufragenden, vom Winde belebten

Waldbäume, der »Heiligen Hallen«, und der im kühlen Grunde rauschenden

Wellen.

Schriftleiter Erwin Belger, Plauen, ein Opfer des Weltkrieges, hat

kurz vor seinem Weggange aus dem Vogtlande, als er noch einmal von dem

steilen Hange am Friedrich-August-Stein (bei Röttis) in das Wald-

und Flußgebiet hineinschaute, seinem Empfinden in folgenden Strophen

Ausdruck gegeben:

Hier stehe ich vor eurer Schöpfung Wunder

Ihr Riesenkräfte ewiger Natur!

Im Menschenstrom bin ich ein Sandkorn nur

Und wie ich kam, so senkt man mich hinunter.

Ihr aber bleibt, ihr trotz’gen Felsenkronen,

Ihr Wellen rauscht im Tal ein ewig Lied! –

Wenn schon der Enkel Schar die Wege zieht,

Noch ungebeugt die Vogtlandwälder thronen.

Die »Wilde Sau« und ihr Gästebuch

Von _G. Lampadius_, Grimma

Ein bildschöner Nachmittag Mitte Juli 1884. Strahlendblau der Himmel,

an dem kein Wölklein hing. Aber nicht minder strahlend die Stimmung der

drei jungen Schulfüchslein, die, darunter ich, aus Freibergs Mauern auf

der Hainichener Straße dahintraben. Anfang der großen Ferien und die

Erlaubnis, nach Hause nicht mit der Bahn, sondern auf Schusters Rappen

zu kommen. Hainichen, wo der jüngste zu Hause ist, ist bald erreicht.

Wir beiden anderen haben weiteres Ziel: Leipzig. Bis zum Abend kommen

wir noch bis Rossau mittwegs zwischen Hainichen und Mittweida,

unmittelbar am Rossauer Walde gelegen. Gewitterschwüle, die sich

schließlich entlädt, Strohsäcke, dicke Betten. Aber trotzdem fester

Schlaf der Jugend. Am nächsten Morgen weiter nach Mittweida und durchs

Zschopautal, dort, wo jetzt leider die große Talsperre angelegt werden

soll, an Kriebstein vorbei nach Waldheim. Dann geht’s auf die uralte

Landstraße, die einst gebaut wurde, Böhmen von Brüx über Sayda, Öderan,

Hainichen, Waldheim, Colditz mit Leipzig und Magdeburg zu verbinden,

die übrigens Goethe 1813 bei der Rückkehr von Dresden auf der Fahrt von

Waldheim nach Rochlitz wenigstens das Stück bis zum sogenannten »Kreuz«

bei Hartha benutzt hat. Heiß sticht die Nachmittagssonne. Da lockt

rechts an der Straße nach etwa zweistündigem Marsch von Waldheim ein

stattlicher Gasthof. Wir biegen ab. Am Eingang grüßt an der Wand das

nachersichtliche Bild mit seiner Über- und Unterschrift.

So kam ich das erstemal zur »Wilden Sau« und hielt drin fröhliche Rast.

Als ich dann nächsten Tags über unsere Fahrt dem Vater schuldigen

Bericht erstattete, da lobte er wohl die Einkehr in der »Sau«. Auch er

sei dort als Student und Kandidat auf der Wanderung von Freiberg nach

Leipzig und umgekehrt öfters über Nacht geblieben. Nicht aber erzählte

er – ob, weil es seinem Gedächtnis entschwunden oder aus erzieherischen

Gründen? – vom Studentengästebuch und daß er selbst als Kandidat im

Dezember 1836 sich also darin eingetragen habe:

Betracht ich es genau,

So fehlt im Wunderbau

Der Reime auf die Sau

Nur einzig noch die Frau.

Zwar ruft wohl mancher rauh:

Was soll zur Sau die Frau?

Doch gäb’ es in der Sau

Nicht auch ’ne brave Frau,

Man lebte nicht so schlau.

Drum leb’ in dieser Sau

Auch hoch die brave Frau!

W. A. Lampadius, ~cand. theol.~

[Illustration: Abb. 1. =Aus dem Tagebuch des Leipziger Studenten Karl

Rudolf Kell aus Pappendorf an der Striegis (1836)=]

Das erfuhr ich erst zehn Jahre später nach Vaters Tode durch meinen

inzwischen nun auch schon heimgegangenen Freund, den späteren

Bürgermeister von Freiberg, Dr. Alfred _Hase_, der mir die fröhlichen

Verse abgeschrieben hatte.

Seitdem bin ich oft zur Wilden Sau hingewandert und habe am Behagen

ihrer traulichen Gaststube und an dem alten Gästebuch mich erfreut.

Wohl ist über Gasthof und Buch schon des Öfteren berichtet: So sehr

ausführlich vom Schriftleiter _Hecht_ in der Beilage »Heimat und Welt«

zum Waldheimer Tageblatt und kürzlich von Dr. _Kell_, dem Großneffen

eines der Stifter des Gästebuch, in den Leipziger Neuesten Nachrichten.

Aber dennoch ist vielleicht gerechtfertigt, gerade in diesen Blättern

die Erinnerung an Gasthof und Buch festzuhalten.

Der Gasthof hat seine jetzige Gestalt, wie die Unterschrift auf

dem vorhin erwähnten Bilde lehrt, 1768 erhalten. Die beiden unten

eingefügten Bilder zeigen ihn, das mit dem Anbaue auf Pfeilern, von

Südost, das mit der Linde, von Süden. Die Wirtschaftsgebäude, die

auf dem letzteren teilweise zu sehen sind, waren 1916 abgebrannt.

Pastor _Eisemann_ aus dem benachbarten Gersdorf schildert das Bild der

Zerstörung, das sie damals boten, im Gästebuch sehr beweglich. Sie

sind dann neu aufgebaut worden. Nicht ganz im Einklange mit dem so

malerischen Hauptgebäude. Immerhin aber doch recht anständig, so daß

das Bild des alten Gasthofes nicht beeinträchtigt wird. Die Aufnahme

von Süden her läßt nicht ganz erkennen, wie behaglich der stattliche

Gebäudekomplex an der Straße steht. Gerade der Eingang zum Gasthofe ist

hier tief beschattet und was von den beiden Linden zu sehen ist, läßt

eben nur ahnen, wie die wunderschön gewachsenen Bäume schützend als

Wächter des Grundstücks vor dem offenen Hofraum ihre Arme breiten.

Die »Wilde Sau« gehört zu Schönerstädt, einem stattlichen Dorfe

mit großen Höfen und einer alten Kirche mit breitem Turmbau, den

ein schlanker Dachreiter krönt. Es erstreckt sich einige hundert

Meter nördlich von der Landstraße in einer kleinen Talmulde. Die

»Wilde Sau« ist eben seinerzeit offenbar an die Straße vorgeschoben

worden, um den Verkehr auf dieser aufzufangen. Auch jetzt ist dieser

noch ganz erheblich, wenn auch Autos überwiegen, die am Gasthofe

vorbeiflitzen. Früher aber, vor allem zu Zeiten der Messe, muß er ein

ganz außerordentlich lebhafter gewesen sein. Sind doch noch Anfang des

19. Jahrhunderts auf einem Gehöft des Dorfes Schönerstädt bis dreißig

Vorspannpferde gehalten worden.

[Illustration: Abb. 2. =Wirtshausschild an der »Wilden Sau«=]

Ihren Namen hat die »Wilde Sau«, wie auch das Bild neben dem

Hauseingange zeigt, daher, daß die Wälder, die früher sich in dieser

Gegend meilenweit erstreckten, bei überhaupt reichem Wildbestand, vor

allem auch einen solchen an Wildschweinen hatten. Kamprad (Chronik von

Leisnig und Colditz Seite 572) berichtet von einer 1583 abgehaltenen

Sauhatz im Colditzer Wald, wobei ein Wildschwein im Gewicht von sieben

Zentnern erlegt wurde und von einer Jagd im Jahre 1608, bei der

sechshundertvierundfünfzig wilde Schweine gefangen wurden. 1739 sei

eine Sauhatz gehalten worden, bei der beide königliche Majestäten und

ein Hofstaat von einhundertvierzig Personen drei Tage in Colditz sich

befunden hätten.

[Illustration: Abb. 3. =Aus dem Gästebuch der »Wilden Sau«=]

Über die Besitzverhältnisse an der Wilden Sau habe ich mich nur

insoweit unterrichtet, als das Grundbuch in Leisnig und ein Vermerk in

dem neuen Bande des Gästebuchs Auskunft gibt. Darnach befindet sich der

Gasthof seit Mitte des 18. Jahrhunderts im Besitze der Familie _Heinse_

beziehentlich mit dieser Familie Verschwägerter. Der jetzige Besitzer

Max Kurt _Streul_ ist der Sohn des Moritz _Streul_, Ehemanns der Thekla

geborenen Heinse. Der letzteren Großmutter war, nachdem sie von ihrem

ersten Mann Johann Christian _Heinse_ verwitwet war, in zweiter Ehe mit

Christian Gottlob _Seidel_ verheiratet. Bereits im Jahre 1548 muß das

Grundstück aber in privatem Besitz gewesen sein. Denn im Grundbuche

war auf Grund des Amtserbbuches von diesem Jahre eingetragen, daß ein

Lehngeld an das Rentamt Leisnig zu entrichten sei.

In die Zeit, während der genannte Seidel den Gasthof bewirtschaftete,

fällt nun die Anlegung unseres Gästebuchs. Sie geschah 1836 seitens

eines Freundeskreises von Leipziger Studenten, der sich unter dem Namen

~R. C. U.~ (~Res publica cachinans Utopia~ = Lachende Studentenrepublik

Wolkenkuckucksheim) am 28. Juli 1834 vereinigt hatte. Dem Buche,

einem handlichen Quartbande von Büttenpapier, ist die nachfolgend

wiedergegebene Widmung vorgeheftet:

~_Caro

Seidelio

Viro Semidocto

Cauponi Honestissimo_

Hospitii per multos annos probe ac

fideliter praebiti hunc librum praemi

um dedicant

aliquot Musarum et Bacchi amici,

ut in hac caupona nobilissima omnium, qui ab hoc hospite liberaliter

excepti erunt, exstet perennis memoria.

R. C. U.~

Zu deutsch:

Dem lieben _Seidel_,

Dem halben Gelehrten und höchst anständigem Gastwirt

Widmen zur Belohnung für viele Jahre hindurch brav und treu

Gewährte Gastfreundschaft dieses Buch

Einige Freunde der Musen und des Bacchus,

Damit in dieser sehr vornehmen Schänke

Ein dauerndes Andenken entstehe aller derjenigen,

Die von diesem Gastfreund werden freigiebig aufgenommen sein.

Die Buchstaben ~R. C. U.~ unter der Widmung waren lange Zeit

rätselhaft. Ein Sohn des im Buche an erster Stelle eingetragenen

Kandidaten der Theologie Julius _Kell_ hat im Vogtländischen Anzeiger

vom 27. September 1895 nach dem Tagebuche seines Vaters die oben in

Klammer beigefügte Erklärung gegeben. Und sein Großneffe Dr. _Kell_

schreibt in seinem oben erwähnten Aufsatze wohl in Anlehnung an

Niederschriften in jenem Tagebuche über die ~Res publica cachinans

Utopia~:

»Es war ein Freundschaftsbund von acht Studenten, die sich

unter den damals verbotenen großdeutschen Farben – die dem

Gästebuche vorgeklebte Nachbildung des Wappens der ~R. C. U.~

zeigt sie in der Helmzier – den schwermütigen Scherz machten,

ihre für Deutschlands Freiheit und Einheit begeisterten Herzen

nach Utopien zu versetzen und in freien Vorträgen sowie

Besprechungen über Börnes Briefe und Lamennais’ »Worte eines

Gläubigen« ihrer Begeisterung beredte Worte zu leihen, die –

ganz im Sinne der Empfindsamkeit – zuweilen von hellen Tränen

begleitet waren.«

Und nun zum Inhalte des Buches selbst:

Naturgemäß enthalten seine Einträge zum guten Teile studentischen

Ulk und zielen ab auf Verherrlichung »des Stoffes«, insbesondere im

Anfange, des von Vater Seidel verschänkten vortrefflichen _Erlanger_

Bieres. Aber daneben sind doch auch ein gutes Teil Einträge ernsteren

Inhaltes zu finden, vor allem auch von älteren Akademikern, die längst

die Studentenjahre hinter sich haben und in der Sau wieder einkehren,

um alte Zeiten vor sich erstehen zu lassen. Und alles in allem hat

das Buch jedenfalls als Quelle für die Erkenntnis studentischer

Sinnesrichtung, studentischer Gepflogenheiten, ja darüber hinaus, als

Zeit- und Kulturspiegel bleibenden Wert.

[Illustration: Abb. 4. =Der Gasthof »Die wilde Sau«=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 1–2 · 第 2 / 8 段