Und nun kreischte die Säge Tag für Tag vom frühen Morgen bis

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Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

1 bis 2

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XVII

_Inhalt_: Schloß Schönfeld bei Dresden im Wintersturm – Ein

sterbendes Handwerk – Wie Weihnachten vor fünfundzwanzig

Jahren im Vogtland gefeiert wurde – Triebtal und Eisenberg

bei Jocketa – Die »Wilde Sau« und ihr Gästebuch –

Weihnachten im Oskar-Seyffert-Museum – Alfred Meiche,

Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft

Pirna – Vergewaltigung der Natur – Unterm Adventsstern – Aus

den Anfangstagen unseres Museums – Flockenspiel – Erwiderung

– Marterln in Sachsen – Osterschießen in der Bautzner Gegend

– Ein Naturdenkmal des Vogtlandes – Paul Schumann † –

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10 Gewinne je 500 „ = 5000 „

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50 Gewinne je 100 „ = 5000 „

100 Gewinne je 50 „ = 5000 „

150 Gewinne je 20 „ = 3000 „

300 Gewinne je 10 „ = 3000 „

1000 Gewinne je 5 „ = 5000 „

3000 Gewinne je 3 „ = 9000 „

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz

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Band XVII Heft 1/2 1928

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 15. Februar 1928

Schloß Schönfeld bei Dresden im Wintersturm

Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch

Steinhart gefrorne, vereiste Wagenspuren im holprigen Feldweg, tobender

Ost und aschgrauer Himmel – das sind die ersten »Landschaftseindrücke«

heute auf meiner Wanderung, wie ich aus dem Windschutz hinter den

Rochwitzer Bauerscheunen hervortrete. Einem eiserstarrten Meer gleich

hüpfen die Ackerschollen dahin, hoch aus der niedrigen, glasierten

Schneedecke herausragend. Drei dürre Blätter jagen im rasselnden

Wettlauf über diese unsanfte Bahn, bis ihnen der alte Kirschbaum mitten

im Acker Halt gebietet. Starr steht er da und reckt seine Arme hilflos

in den Dezembernachmittag hinaus. – Ist das eine Kälte hier oben! Jetzt

wird es mir klar, warum mein guter Bekannter, der Herr Teichpächter,

vorhin so vergnügt hinter seinem Doppelfenster hervornickte. Das

richtige Wetter für sein Geschäft ist es heute; er läßt einfach den

Frost für sich arbeiten und sitzt selber im Warmen! – Halb von der

Seite schiebe ich mich über die freie Fläche hin. Der Ostwind zwingt

mich, die Nase dauernd nach rechts zu wenden, und siehe da, auch das

hat sein Gutes. So kann und muß ich die ganze Zeit die Augen über den

langen Gebirgszug gleiten lassen, der da im Südwesten sich hinschwingt,

dunkelblau und geradezu machtvoll heut’ wirkend; von der Tellkoppe

über den zackigen Wilisch hinüber zum Landberg. Da vergißt sich

bald alle Not, alles Ohrensummen und Wangenbrennen vor der Pracht

dieses Heimatbildes. Eine breite rotgoldne Borte verbrämt den blauen

Gebirgswall, und in wohl dreißig gewaltigen Strahlenbarren durchbricht

dort die Wintersonne das sturmgelockerte graue Gewölk. Es sieht aus,

als schütte eine verborgene Riesenhand Segen aus auf die weihnachtlich

harrende Erde.

Ganz wunderlich kommt einem dann die Stille an in der bewaldeten

Bodensenke, die den Rochwitzer Acker von der Gönnsdorfer Rittergutsflur

scheidet. Munter rinnt das randeisklirrende Bächlein hin, ein paar

schwarzgrüne Blätter und erfrorene Beerendolden hängen noch an

dem Holundergebüsch. Filigranartig vergittert sich Buchengezweig

vor dem Frosthimmel. Dann geht es wieder hinaus in den Kampf! Die

riesige Hängebirke über dem Hohlweg läßt ihr dichtes, langes Haar

gleich schwarzen Regenschwaden im Sturme fluten. Hinterm Gutshof

bringt frischgebreiteter Stalldünger etwas Farbe in die dunkle

Schollenunendlichkeit; ein paar Goldammern hüpfen in glücklicher

Farbenanlehnung auf den duftenden Strähnen herum. Und noch einmal kommt

das Heroische in die westliche Landschaft. Die Sonne über den Bergen

hat sich durchgerungen; in rotem qualmenden Dunst überschüttet sie ein

paar Augenblicke lang die beschneiten Lehnen vorm Wilisch mit ihrem

Licht, dann rast eine Schneewolke heran und verschlingt alles.

[Illustration: Abb. 1. =Winterfreuden der Dorfjugend auf dem Anger zu

Rochwitz=]

Starr und eben liegt heute die Fläche des Cunnersdorfer Dorfteiches

da, in dem sich sonst die Karpfen so schwer und behaglich werfen.

Im Schlamm stehen sie jetzt mit den Köpfen, und hätte nicht der

fürsorgliche Bauer zwei offene Stellen in die Eisdecke gehauen und mit

Strohhauben vor dem Wiederzufrieren bewahrt, so fehlte es den behäbigen

Herrschaften nicht bloß an Freßlust, auch die Luft ginge ihnen wohl

aus. Wunderhübsch liegt das Gehöft mit seiner Strohdachscheune hinter

dem Teich. Eine riesige Linde überragt das trauliche Heim, starke weiße

Birkenstämme vor dem Gemäuer und ein paar Kopfweiden mit ockergelben

Ruten bringen etwas Farbe ins Bild. Taubenflug klatscht auf dem

Dachfirst; Gänsegeschrei und das Jauchzen der Dorfjugend hallt durch

die Gasse. Am unteren Weiher sind sie alle fleißig beim Ruscheln.

Entrüstet rückt Vater Gänserich mit den Seinen nach Hause. Selbst

die einzige offene Stelle am Teichrand können einem diese Jungens

verleiden! – Erlen mit verholzten Fruchtzapfen, fahler Rasen, braunes

Schilf, ausgestochene Schneequadern am Wegrand – dann liegt auch das

hinter mir. Dorf Schönfeld taucht auf; das Ziel meines Ganges. Lang

und schmal zieht er sich im Bachgrund hin, der uralte Flecken, bis

sich die Gasse zum stattlichen Marktplatz weitet, der vom steilen Dach

der Schloßbrauerei und den schönen Wirtschaftsgebäuden des Ritterguts

so prächtig eingerahmt ist. Es herrscht eine schöne Einheitlichkeit

in diesem Marktbild, eine straffe Geschlossenheit, eine wirkungsvolle

Steigerung, die ihren Gipfel findet im Schloß, das inmitten des Teiches

auf einer Insel sich aufbaut. Voll und ganz ein Werk der sächsischen

Renaissance steht es hier an der Stelle des alten Wasserschlosses aus

dem Mittelalter. Noch heute ist der Einstieg zu einem unterirdischen

Gang erkennbar, der den Schönfelder Edelhof mit der Burg von Helfenberg

verband. Ein schönes und reiches Haus war es, das hier im Jahre

1573 seiner Vollendung entgegen ging. Und auch heute noch macht es

selbst in seiner düsteren Unbewohntheit einen starken Eindruck auf

den Beschauer, der vom Wirtschaftshof aus den Blick über die hohen,

volutengeschmückten Giebel und den stattlichen Treppenturm mit seinen,

für die Zeit seiner Entstehung charakteristischen, schrägen Fenstern

gleiten läßt. Eine vierjochige Steinbrücke führt über das Wasser

direkt auf das rundbogige Tor im Turme zu, das mit dem steinernen

Wappenbild des Erbauers, des kurfürstlich sächsischen Geheimen Rates

Dr. Georg Craco und seiner zweiten Gemahlin Christine Dorothea Funcke

gekrönt ist. – Es ist die Erinnerung an eine düstre Zeitspanne der

heimischen Geschichte, die der Anblick dieses Ehewappens im Beschauer

auslöst – die ersten Jahrzehnte nach dem Tod Martin Luthers steigen

herauf. Es ist bekannt, daß bald nach des Reformators Hinscheiden

im Kurstaat eine Geistesströmung sich bemerkbar machte, die der

Lutherschen Lehre vom Heiligen Abendmahl in wesentlichen Stücken

entgegenlief. Es standen immer mehr derer auf, die an dem Wörtlein

»~est~«, an der Lehre vom Genuß des wahren Fleisches und Blutes des

Herrn im Abendmahl rüttelten. Die Hohe Schule zu Wittenberg besonders

ging hierin voran. Hatte doch schon Philipp Melanchthon in diesem

Punkte Luthers Überzeugung nicht teilen können. Seine Schüler gar

neigten bald unverhohlen der Auffassung Calvins zu. Ahnungslos stand

der Landesherr, Kurfürst August, lange dieser Tatsache gegenüber. Der

Lehre Luthers treu ergeben, war er von Stolz darauf erfüllt, in seinen

Landen das Evangelium lauter und unverfälscht verkündet zu sehen. Wohl

empfing er von den anderen lutherischen Reichsständen und auch aus der

Geistlichkeit seines eigenen Landes oft Warnungen, daß in Wittenberg

die Sache doch anders ausschaue, als er glaube – aber immer wieder

wußten ihn die Leute dort zu beschwichtigen. So achtunggebietend auch

viele von den heimlichen Calvinisten in ihrer Überzeugungstreue später

dastehen, als die Tage der Trübsal über sie gekommen waren, so läßt

es sich doch nicht leugnen, daß sie im Anfang unwahr und hinterhältig

genug vorgingen. Es kam so weit, daß der Kurfürst von einem Schweizer

Theologen mit huldigenden Worten ein im calvinischen Geist gehaltenes

Büchlein übersandt bekam. Glaubte man doch im Reiche und darüber hinaus

nicht anders, als daß ein neuer Zug am Dresdner Hofe wehe. Wohl verbat

sich August mit mürrischen Worten für die Zukunft weitere derartige

Dedikationen, aber auch jetzt noch verhielt er sich ruhig. Erst das

Jahr 1574 brachte ihm volle Klarheit, und nun entbrannte sein Zorn

versengend und furchtbar gegen die Wittenberger und ihre Genossen.

Von den vier Häuptern der Bewegung aber war es der Kanzler Craco, der

Schloßherr von Schönfeld, der die landesherrliche Ungnade besonders

zu fühlen bekam. – Von Geburt ein Pommer, war Craco nach ruhmvoller

akademischer Lehrtätigkeit in Wittenberg an den Hof des sächsischen

Kurfürsten gekommen. Bald war er der vertraute Rat Augusts und wohl

der einflußreichste Mann im Kurstaat. Noch oft in den Tagen seiner

Gefangenschaft hat er es erwähnt, wie innig der Freundschaftsbund

zwischen ihm und seinem fürstlichen Herrn gewesen. Insonderheit jenes

Tauffestes auf dem Stolpener Schloß gedenkt er, da er bei einem Kinde

Augusts und Annas Pate stand, und der Kurfürst ihn im Verlaufe des

Abends an die Brust gezogen mit den Worten: »Du herziger, lieber,

dicker Doktor«. – Es scheint fast, als sei Craco nicht aus ganz

zwingendem inneren Triebe zum Förderer der kryptocalvinischen Bewegung

geworden. Wohl stand er der Richtung sympathisch gegenüber, und die

Wittenberger taten alles, den mächtigen Minister an sich zu fesseln,

aber er selbst gibt von allen vier gefangenen Führern die Sache am

schnellsten auch innerlich verloren. »Hätt’ ich mich doch nicht mit den

Pfaffen eingelassen«, ist einer seiner Seufzer in der Gefangenschaft.

– In der Untersuchung gegen ihn spielte ein Gastmahl eine Rolle, das

er hier in Schönfeld Melanchthons Schwiegersohn Dr. Peucer und dem

Superintendenten Stössel aus Pirna gegeben hatte. Man hatte da über

die Wittenberger Bewegung gesprochen und in der Lust des Weines dann

wohl auch einige despektierliche Späße über die Kurfürstin gemacht,

vom »Weiberregiment« am Hofe gesprochen und geäußert: »Hätten wir

Mutter Annen erst, den Herrn wollten wir wohl kriegen«. Die knöcherne

Dame war nicht leicht zu nehmen, und wem sie grollte, der bekam es zu

spüren. Craco, der wohl schon während der Zeit seiner Kanzlerschaft

öfters Reibungen mit ihr hatte, fand sie in seiner Sache später als

unversöhnliche Feindin sich gegenüber. – Im April 1574 erfolgte des

Kanzlers Verhaftung. Auf sein Gut Schönfeld ward er »bestrickt«, d. h.

er durfte sich hier nicht über Haus und Garten hinaus bewegen. Aber

diese verhältnismäßig milde Art der Gefangenschaft sollte nicht lange

Bestand haben. Der Kurfürst, von Anfang an unzufrieden mit dem milden

Spruch der Untersuchungskommission, beschloß, Craco in engere Haft zu

nehmen. Ein Argwohn beseelte den Landesherrn und ließ ihn nicht zur

Ruhe kommen; der Verdacht nämlich, der Kanzler habe Anschluß an die der

Kurwürde vor einiger Zeit verlustig gegangenen Ernestiner gesucht und

diesen mit Hilfe der reformierten Reichsstände wieder zu ihrer alten

Macht verhelfen wollen. –

[Illustration: Abb. 2. =Schöne starke Linde bei Gönnsdorf.= In der

Ferne Vorort Rochwitz]

So erschien denn am 8. Juli 1574 auf kurfürstlichen Befehl abends gegen

neun Uhr der Amtsschösser von Stolpen mit beiden Bürgermeistern, dem

Stadtrichter und einer großen Anzahl gewappneter Bürger des Städtchens

»mit ihrem besten Gewehr« vor dem Schloßtor von Schönfeld. Laut hallten

die Schläge der Einlaß begehrenden Männer durch das stille Haus.

Endlich erschien ein Knecht. Die Gewappneten sprangen vor und griffen

zu. »Ist der Doktor zu Hause?« Da kam er schon selbst. »Was bringet

Ihr mir in der Nacht?« – Ach, schlimme Kunde. Sofort aufsitzen in den

Wagen vorm Tor, und fort auf des Herrn Geheiß an einen sichern Ort.

Der Pleißenburg düstre Mauern sind es, die ihn wenige Tage später

aufnehmen; das Martyrium Cracos beginnt.

[Illustration: Abb. 3. =Die alte Brauerei in Schönfeld=]

Gleich einem gemeinen Verbrecher wird er in Leipzig in dem Kerker

gehalten. Nicht die vielen flehentlichen Eingaben des Gefangenen,

ihn menschlicher zu verwahren; nicht die Vorstellungen seiner Räte

können den Kurfürsten bewegen, Cracos Los zu mildern. Ein wenig

Trost bringt ihm kurze Zeit die Teilnahme eines jungen Studenten,

des Schloßhauptmanns Sohn. Der sieht nach ihm, liest mit ihm in den

Klassikern, besorgt ihm Briefe, läßt ihn im Festungsgraben ein wenig

Luft schöpfen – aber das wird verraten. Der Schuldige kommt in Haft;

der Henker peitscht ihn zum Stadttor hinaus – auf fünf Jahre muß er ins

Elend.

[Illustration: Abb. 4. =Westseite des Schlosses Schönfeld=

Vorn der vereiste Schloßteich und die schön geschwungene alte Brücke]

Für Craco aber beginnt nun die härteste Zeit. In ein halbdunkles

Gelaß wird er verbracht, und der neue Schloßhauptmann, Ernst von

Wettin, ist ein erbarmungsloser Kerkermeister unter der Aufsicht des

hartlutherischen Bürgermeisters Rauscher von Leipzig. Der Gefangene

weist in einer Eingabe an den Kurfürsten darauf hin, er sei mit

Geschwüren bedeckt, kümmre in seinem feuchten Gefängnis elend dahin und

bitte um Gottes Willen um einen Trunk Wein hier und da. Aber nichts

geschieht zur Erleichterung seines Loses. Der von Wettin erklärt in

seinem Begleitrapport alles für Verstellung. In Augusts Herzen hat sich

die Überzeugung von einem beabsichtigten Hochverrat Cracos immer tiefer

eingefressen. Herausbekommen will er die Schuld seines ehemaligen

Vertrauten, und sollte dieser darüber in Stücke gerissen werden. »Denn

nicht einen Fuchsschwanz, ein schneidendes Schwert hat mir Gott in die

Hand gegeben. Ich will es gebrauchen.« Craco kommt auf die Folter.

Vier Stunden lang liegt er auf der Leiter, aber was die Befrager von

ihm hören wollen, kann er nicht gestehen. Als der Gemarterte sich

ein wenig erholt hat, gibt er zu Protokoll, es sei ihm herzlich leid,

daß er wider den Kurfürsten und seine Hausfrau gehandelt, unbedachtsam

gesprochen und sich und die Seinen in solche Not gebracht. Aber daß er

mit den Ernestinern verhandelt, kann er nicht zugeben. –

[Illustration: Abb. 5. =Westportal am Schloß Schönfeld=]

Augusts Herz bleibt ungerührt. Der Gefangene, schon bei seiner

Bestrickung leberkrank, muß jetzt von seinem Wärter gefüttert werden,

so schwach liegt er in seiner Zelle. Dazu der Verhöre kein Ende.

Rauschers Beharrlichkeit im Dienste des Herrn ist groß auf diesem

Gebiet; der Dr. Peucer hat es später gleichfalls zu seiner Verzweiflung

erfahren. Am 4. März 1575 findet das letzte Verhör statt. »Ach du

treuer Gott«, stöhnt der Gefangene, »wie kommt doch mein gnädigster

Herr darauf, aus mir zwingen zu wollen, das ich mein Lebtag nicht im

Sinn gehabt? Es geschieht alles auf einen bloßen Wahn.«

[Illustration: Abb. 6. =Gesamt-Westseite des Schlosses Schönfeld=;

eingerahmt von alten, gewaltigen Linden]

Und dann kommt doch die Befreiung. In der Nacht vom 16. zum 17. März

hat die Wache laut Bericht »den Doktor lange kläglich schreien und den

Herrn Jesum anrufen hören«. Am Morgen ist man zu ihm gegangen, da ist

er schon starr und steif dagelegen. Noch am Tage vorher hatte Craco

dem Kurfürsten, dem er vierunddreißig Jahre lang treu gedient, mit

schwacher Stimme eine Gute Nacht wünschen lassen. Es sei ihm leid, daß

er ihn und die hohe Frau gekränkt habe. August aber versichert seinem

Schwager, dem König von Dänemark, brieflich, der Kanzler habe sich

mutwillig durch Verhungern ums Leben gebracht und erlaubt sich, wie

die Forschung berichtet, an anderer Stelle einen rohen Witz über den

Unglücklichen, den er einst seinen Freund, Vertrauten und Gevattersmann

nannte.

[Illustration: Abb. 7. =Die Pechhütte in Schönfeld=]

* * * * *

Schwarz und düster ragt der alte Bau in den Abendhimmel hinein.

Welche Fülle von Erinnerung aus der Heimatgeschichte vermag er zu

wecken! – Auf Leid folgte übrigens auch bei ihm wieder Lust. Einen

seiner glanzvollsten Tage sah er unter der Herrschaft der Freiherren

und Grafen von Friesen, als der Sonnenkönig des sächsischen Barock,

August der Starke, in eigener erhabener Person hier seine natürliche

Tochter Augusta Constantia, die er auf das unermüdliche Betreiben ihrer

schönen Mutter, der Gräfin Kosel, während des Reichsvikariats 1711

hatte legitimieren lassen, seinem Oberkammerherrn Grafen von Friesen

vermählte. Auch für die Untertanen in Schönfeld muß das ein Tag der

Lust gewesen sein. Der Wein sei dabei zum Schloßportal hinausgeflossen,

weiß man noch heut’ zu erzählen.

Gleich hinter der Schloßmauer erhebt sich die Kirche. In ihrer Gruft

stehen die Särge der Friesen. Auch Cracos Leib soll der Überlieferung

nach in silbernem Sarg unter dem Kirchenschiff ruhen, was jedoch von

anderer Seite der heimischen Geschichtsforschung bestritten wird.

Das Kirchspiel von Schönfeld ist eines der größten im Lande gewesen.

Vom Ufer der Elbe erstreckte es sich noch vor nicht langer Zeit bis

unter die düstern Wipfel der Dresdner Heide. Dies stolze Bewußtsein

muß Ende des vorigen Jahrhunderts die Kirchväter stark erfüllt haben,

denn sie haben damals einen Turmneubau ausgeführt, der dem zu Babel

offenbar wenig nachsteht. Der neue Goliath schlägt in seinen gänzlich

unangebrachten Verhältnissen Schloß, Kirche und Marktbild einfach tot!

Das empfinden zum freilich geringen Trost auch noch einzelne Seelen

in Schönfeld. »Ja, unser Kirchturm! Justament wie der von Stolpen«,

sagte mir erst kürzlich ein älterer Schönfelder Bürger mit schalkhaftem

Lächeln. Und er hat recht – auch dem Stolpener Stadtbild sind Baulust

und Wohlstand im vorigen Jahrhundert ja zum Unheil gediehen. –

Immer noch zieht der Ost übers Land, auch jetzt noch, da ich im Dunkeln

heimkehre, dem Lichtschein von Dresden entgegen. Laut klappern die

Zweige der alten Weiden aneinander; still und verlassen liegt der

Dorfteich von Cunnersdorf da. Die lustige Menschenjugend hat sich in

die Stuben verkrochen. Ein langer Lichtstrahl aus dem Gehöft bahnt

sich einen graubleiernen Steg über das Eis, unter dem die braven

Karpfen schlafen. Gut habt ihr’s, kaltblüt’ge Gesellen; euch fährt kein

Oststurm um die Nase, wie hier oben uns Menschen.

Benutzt wurden folgende Quellen: A. Kluckhohn: Der Sturz

der Kryptocalvinisten in Sachsen 1574; R. Calinich: Kampf

und Untergang des Melanchthonismus in Kursachsen; sowie

Aufzeichnungen des langjährigen Kantors von Schönfeld,

Oberlehrer i. R. Julius Pabst.

Ein sterbendes Handwerk

Von _Felix Klaus_, Seitendorf

Mit Aufnahmen des Verfassers

Wer durch die Dörfer der südlichen Oberlausitz wandert, sieht bei

manchen Häusern hohe, wohlgeschichtete Holzfeimen. Da die einzelnen

»Hölzer« ziemlich gleichmäßig und sorgfältig zugehauen sind, kann man

erkennen, daß es sich nicht um Brennholz, sondern um Nutzholz handelt.

Es sind die »Holzstöße« der Holzpantoffelmacher. Freilich sieht man

sie immer seltener. Am häufigsten traf man sie bis zum Kriege in dem

langgestreckten Seitendorf zwischen Hirschfelde und Weigsdorf.

Wenn man der Darstellung in dem Werke »Die Oberlausitz als besondere

Abteilung von Sachsens Kirchengalerie (Dresden: Verl. Herm. Schmidt

1838)« und der mündlichen Überlieferung Glauben schenken darf, so

wurde die Holzpantoffelmacherei in Seitendorf überhaupt begründet.

Wir lesen in den genannten Geschichtsblättern über die Beschäftigung

der Bewohner Seitendorfs: »Nebst diesem – Ackerbau und Weberei – gibt

es noch einen Nahrungszweig, der nicht nur vielen Beschäftigung und

Brot verschafft, sondern sein Entstehen hiesigen Ortes fand, und von

da aus seine jetzige allgemeine Ausbreitung erhielt: Die Verfertigung

der Holzpantoffeln durch den Häusler Johann George Simon. Auch ist die

durch den aus Italien stammenden Martinelli zuerst hier eingeführte

Hechel- und Krätzelmacherei nicht unbedeutend«. Es sind die beiden

Handwerke um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts eingeführt worden,

da Simon 1817 und Martinelli 1804 gestorben ist. Während die letztere

Beschäftigung schon über ein Menschenalter ausgestorben ist – denn

länger als ein Menschenalter wird bei uns kein Flachs mehr selbst

zubereitet, so daß man Hecheln und Krätzel brauchen könnte! –, geht

nun auch die Holzpantoffelmacherei einem langsamen, aber sicheren

Aussterben entgegen. Ehe die Gründe dafür angeführt werden, versetzen

wir uns in die Blüteperiode der Holzpantoffelmacherei in den achtziger

und neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts.

Sobald die Schneeverhältnisse es im Januar oder Februar zuließen, zog

der Holzpantoffelmacher mit seinen Gehilfen aus, Holz zu fällen. Die

Pappelalleen oder der Laubwald waren ihr Ziel. Unter Beil und Säge

stürzte ein Baum nach dem andern. Die Äste wurden abgesägt und blieben

dem Besitzer als Brennholz zurück. Von Birken und Linden wurden auch

die stärkeren Äste verbraucht. Nachdem die Stämme in längere oder

kürzere Stücke zersägt waren, zogen Pferde diese »Klippel« auf schweren

Holzwagen heim. Wenn die Dämmerung das Arbeiten unmöglich machte, begab

man sich heimwärts, um am nächsten Morgen beim ersten Grauen wieder

auszurücken. Viel Holz wurde aus Böhmen geholt, und zwei bis vier

Stunden Weg zum Schlag waren nichts Seltenes. Diese Fällarbeit dauerte

einige Wochen, bis der Vorrat für ein Jahr geschlagen war. Dreißig

Fuhren (hundert bis hundertfünfzig Kubikmeter) wurden oft von einem

einzigen Pantoffelmacher angefahren. Das kleine Holz- oder Lehmhaus war

dann ordentlich versteckt hinter den hohen Holzwällen!

Und nun kreischte die Säge Tag für Tag vom frühen Morgen bis in den

späten Abend; denn es galt, die »Klippel« in »Rädel« zu zersägen, die

die Länge eines Fußes haben mußten (vergl. Bild 2 und 3). Zu dieser

umfangreichen Arbeit wurde auch die Hausfrau und die erwachsene Tochter

herangezogen; denn es galt, die Zeit gut auszunützen, weil noch viel

Arbeit zu tun war, ehe der fertige Holzpantoffel verkauft werden

konnte. War genug Vorrat gesägt, so wurden die »Rädel« gespalten. Der

Pantoffelmacher stellte ein Rädel auf den großen Spaltklotz und setzte

das Beil darauf. Mit wuchtigem Schlag trieb ein Arbeiter das große

Spaltbeil in das Holz und spaltete Stück für Stück ab in der Stärke,

die für den Pantoffel nötig war (vergl. Bild 2). Oft mußte der schwere

Holzschlegel mehrfach niedersausen, ehe die knorrigen Äste sich teilen

ließen. Da die meisten Stücke nicht glatt spalteten, wurden sie nun mit

dem Beil glatt gehackt und sorgfältig in großen Feimen zum Trocknen

aufgestellt. (Bild 3.)

[Illustration: Abb. 1. =Seitendorf=, mittlerer Teil]

Inzwischen war es Frühjahr geworden, und der Meister mußte sorgen,

daß Pantoffeln fertig wurden. Es wurden nun vom vorjährigen Feimen,

Stoß genannt, die Hölzer genommen und mit einem Holzmodell die Form

des Pantoffels darauf gezeichnet. In mühseliger Arbeit wurde nun mit

dem Beil die runde Form herausgearbeitet. In späterer Zeit hat man

diese anstrengende und zeitraubende Arbeit von der Bandsäge schneller

und schöner besorgen lassen. Das Beil konnte nur grobe Umrisse

schaffen, die saubere glatte Rundung machte das Schnittmesser auf der

Schnittbank. (Bild 4.) Hier wurde das Holz auch ausgehohlt, damit der

Fuß einen besseren Stand habe, nachdem zuvor der Hohlfuß ausgesägt

worden war. Früher geschah das Letztere mit der Handsäge, später auch

mit der Bandsäge. Nun war das Holz fast so weit, daß das Leder darauf

gespannt werden konnte.

[Illustration: Abb. 2. =Beim Spalten des Holzes=]

Diese jetzt beschriebenen Arbeiten wurden vom »Hölzerschneider«

verrichtet, der sich das ganze Jahr damit beschäftigte. Er hatte seine

Schnittbank daheim, holte sich einen Handwagen voll Hölzer und brachte

sie bearbeitet zurück, um für jedes Paar drei Pfennig Arbeitslohn zu

empfangen. Ehe nun der »Nagler« das Leder über das Holz spannen konnte,

wurde mit einem besonderen Messer am obern Rande eine Vertiefung

geschnitten, in die das Leder eingelegt und der Draht darüber gezogen

wurde. Jetzt spannte der Nagler das Leder über einen Leisten, der aufs

Holz befestigt war und befestigte durch Nägel und Drahtklammern den

darumgelegten Draht. (Bild 5.) Nun endlich war der Pantoffel fertig zum

Verkauf! Wieviel Zeit und Mühe mußte aufgewandt werden, ehe es soweit

war! Während mancher Pantoffelmacher mit seiner Frau alle Arbeiten vom

Fällen bis zum Nageln allein ausführte, waren bei manchem zwei bis

drei Hölzerschneider und ebensoviel Nagler beschäftigt. Da hatte dann

der Meister nur die »Blätter« aus dem Leder zuzuschneiden und für den

Versand zu sorgen.

In den allerersten Zeiten wurden nur alte Stiefelschäfte verarbeitet.

(Als im Kriege das Leder überhaupt nicht oder nur zu unerschwinglichen

Preisen zu haben war, hat man es ebenso gemacht.) Bald aber verwendete

man Abfälle von echtem Juchtenleder. Später wurde Rindleder, das

eigens dafür gegerbt wurde, seltener Roßleder, dazu genommen. Als die

Lederspalterei erfunden war, wurde auch mit Erfolg Spalt verarbeitet.

Zu Kinderpantoffeln eignete sich auch Schafleder. Manche Kunden

bevorzugten Pantoffeln, deren Leder mit einem bunten Lederstreifen

eingefaßt war. Deshalb »säumte« die Meistersfrau einen Teil der Blätter

mit buntem Schafleder. Schwächere Blätter wurden auch mit Schafleder

oder Stoffresten abgefüttert. Während auf diese Weise der Hausfrau

eine umfangreiche Nebenbeschäftigung gesichert war, wurden auch die

Kinder fleißig herangezogen. Beim Aufsetzen der Rädel und Hölzer wurden

sie ebenso nötig gebraucht wie zum Herbeischaffen des Materials und

zum Forträumen des Abfalls. Auch hatten sie die fertige Ware in die

umliegenden Dörfer zu den Krämern zu schaffen und auf den Bahnhof. Der

größte Teil der Kundschaft saß in der Löbauer und Herrnhuter Gegend.

Als die Eisenbahn den Transport noch nicht erleichterte, mußte der

Vater mit dem erwachsenen Sohne die Ware auf dem Handwagen dorthin

bringen. Über fünfzig Jahre lang wurden auf dem Löbauer Markte gute

Geschäfte gemacht, bis in der neueren Zeit die Fabrikware aus der

dortigen Gegend die Seitendorfer Handarbeit verdrängte.

[Illustration: Abb. 3. =Das Hacken der Hölzer=]

Bemerkenswert ist auch, daß die Holzpantoffelmacher nie

zunftmäßig vereinigt waren. Es gab daher auch kein Lehrlings- und

Gesellenverhältnis. Wer das Handwerk lernen wollte, ging einen Winter

zu einem Pantoffelmacher auf Arbeit und fing im Frühjahr selbständig

an. So gab es eigentlich nur Meister, von denen aber nicht einer den

Meisterbrief hatte. Das Handwerk pflanzte sich in der Regel in der

eigenen Familie fort, und noch jetzt kann man eine ununterbrochene

Reihe bis auf den Gründer zurückbilden. Zur Zeit der höchsten Blüte

waren in Seitendorf vierundzwanzig selbständige Holzpantoffelmacher.

Auch in den umliegenden Dörfern waren immer eine Reihe gut beschäftigt.

[Illustration: Abb. 4. =Auf der Schnittbank=]

Aus den Darlegungen ist auch schon zum Teil hervorgegangen, warum

dieses Handwerk seinen goldenen Boden verloren hat. Die Löhne und

Preise in der Zeit höchster Blüte, also in den achtziger und neunziger

Jahren, waren unglaublich niedrig. Der Hölzerschneider erhielt also für

jedes Paar drei bis vier Pfennige, und dabei konnte er bei fleißiger

Arbeit täglich dreißig bis vierzig Paar fertigstellen, so daß er sechs

bis sieben Mark Wochenlohn erwerben konnte. Dafür hatte er aber das

ganze Jahr Beschäftigung, während die Nagler manchmal einige Wochen

feiern mußten. Deshalb verdiente dieser am Paar vier bis fünf Pfennige.

Ein geschickter Arbeiter fertigte in der Stunde vier bis sechs Paar.

Bei einer Durchschnittsleistung von 40 Paar am Tage wurden in Zeiten

flotten Geschäftsganges auch sechzig Paar hergestellt. Bei einigen

Meistern wurden jährlich fünftausend bis sechstausend Paar geliefert.

Diese Pantoffelmacher hatten eben zwei oder drei Hölzerschneider und

ebensoviel Nagler. Da aber in den meisten Fällen alle Arbeiten nur von

einer Person verrichtet werden mußten, betrug der Jahresumsatz oft nur

eintausend Paar. Wenn man einen Durchschnittspreis von fünfzig Pfennig

annimmt, ist ersichtlich, daß nach Abzug der Auslagen für Holz, Leder

und Draht eine unglaublich kleine Summe für Arbeitslohn und Verdienst

übrig blieb. Als aber gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts die

Lebensbedürfnisse und Löhne beträchtlich stiegen, mußte sich ein

Preis ergeben, der nicht mehr angemessen zu nennen war. Dazu kam die

immer schwierigere Holzbeschaffung. Die billige Pappel stirbt aus;

Birke, Linde und Erle sind rar und teuer. Der Preis des Holzpantoffels

stand in keinem rechten Verhältnis mehr zum billigen Hausschuh oder

zu anderer Fußbekleidung. Dazu kommt, daß es natürlich auch auf dem

Lande kaum noch fein genug ist, in Holzpantoffeln zu laufen, so daß

auch aus diesem Grunde ein Rückgang im Verbrauch festzustellen ist.

Um niedrigere Preise zu ermöglichen, mußte die Herstellungsdauer

wesentlich verkürzt werden. Das konnte nur durch maschinelle

Bearbeitung des Holzes erreicht werden. Der Handwerker ist nicht mehr

konkurrenzfähig, und so werden denn die Holzpantoffelmacher langsam

verschwinden. Die alten verbrauchen ihren Vorrat vollends, den sie noch

haben, die jüngeren wenden sich anderen Berufen zu. Einige beziehen die

fertigen Hölzer aus Fabriken und spannen nur das Leder darüber, so daß

sie eigentlich nur noch Nagler sind. So versuchen sie im harten Kampfe

mit den Fabriken leistungsfähig zu bleiben und ihr tägliches Brot zu

sichern.

[Illustration: Abb. 5. =Der Holzpantoffelmacher= (Nagler)]

Die Technik hat auch in diesem Handwerk viele Hände entbehrlich

gemacht. Viele selbständige Existenzen sind vernichtet worden. Die

Heimarbeit und mit ihr ein gesundes und geordnetes Familienleben ist

vorbei. Man mag das in Rücksicht auf den besprochenen Stand wie auf die

Volksgemeinschaft bedauern, zu ändern ist nichts mehr an der Tatsache:

die Holzpantoffelmacherei ist ein sterbendes Handwerk.

Wie Weihnachten vor fünfundsechzig Jahren im Vogtland gefeiert wurde

Eigene Erlebnisse von Schichtmeister i. R. _A. Roßner_, Zwickau

Meine Geburtsstadt ist Falkenstein. Dort habe ich meine Kinderzeit im

Elternhause verlebt bis zur Konfirmation. Unser Wohnhaus, nahe der

Göltzsch und am Wald gelegen, war von einer großen Wiese umgeben.

Hier tummelten wir Kinder uns aus nach Herzenslust. In diesem trauten

Heim verlebte ich auch meine Weihnachtsfeste, eins schöner, wie’s

andere. Nur diejenigen vor meiner Schulzeit sind mir nicht mehr im

Gedächtnis. Im Christmonat bereiteten uns schon der »Ruprecht« und das

»Bornkinnel«, wie beide im Volksmund genannt wurden, oder deutlicher

gesagt »Knecht Ruprecht« und das »Christkind« auf das Weihnachtsfest

vor. Sie erschienen mehrere Male vor dem Feste. Die Mutter machte

uns jedesmal vorher darauf aufmerksam, damit uns der Schreck nicht

allzusehr in die Glieder fahren sollte, weil wir, mein Bruder und ich,

wußten, daß wir im verflossenen Jahre manche Dummheit in kindlichem

Übermut ausgeführt hatten. Die Sache war daher nicht so einfach, wenn

unsere Mutter uns vorher ganz ernsthaft ankündigte: »Ihr Kinner, heit

Omd kimmt der Ruprich«. Wir zitterten schon an allen Gliedern und

harrten der Dinge, die da kommen sollten. Am höchsten steigerte sich

unsere Angst abends nach sieben Uhr, weil wir wußten, jetzt kommt er

bald. Um acht Uhr polterte es auf der Holztreppe. Der Ruprich stampfte

mit dem Stock tüchtig auf und kam in leibhaftiger Gestalt. Er sah nicht

etwa aus wie ein Weihnachtsmann, o nein, wie der größte Vagabund auf

der ganzen Erde. So war er in seiner Kleidung entstellt. Eine Stimme

hatte er, wie ein Bär. Der Teufel sollte sich da nicht fürchten! Wir

Buben krochen zu Loch, als wenn wir sonst etwas verbrochen hätten,

knieten nieder und beteten. Wer sich widerspenstig zeigte, wurde vom

Ruprich tüchtig versohlt mit dem Rutenbesen. Wir aber sagten uns: »Mit

dem Kerl ist nicht gut Kirschen essen«, wir wollen lieber folgen. Er

frug uns: »Habt Ihr gefolgt?« Ein kräftiges »Ja« folgte, auch wenn die

Antwort nicht ganz richtig war. Dann griff er mehrmals in den Sack und

warf Nüsse und Äpfel auf die Diele. Wir Jungen kugelten dort rum und

suchten alles zusammen. War das eine Lust! Unsere Aufregung war durch

die empfangenen Gaben wieder etwas geschwunden. Mit einer ernsten

Vermahnung: »Folgt recht schön!« verabschiedete sich der Ruprich von

uns mit Händedruck.

Weit höflicher und anständiger wurden wir behandelt vom »Bornkinnel«

oder Christkind, das uns auch vor dem Feste besuchte. Weiß gekleidet,

das Gesicht verschleiert, erschien es uns. Mit ganz zarter Stimme

frug uns das Christkind: »Ihr Kinderchen, Ihr habt doch gefolgt?«

Ein schnelles einstimmiges »Ja« entschlüpfte uns beiden. Wir beteten

und erhielten kleine Geschenke aus dem schmucken Säckchen. Das war

wenigstens eine anständige Behandlung, wie sie auch anständigen Kindern

zukommt. Das Christkind verabschiedete sich von uns freundlich und

verschwand. Wir aber unterhielten uns noch lange vom Ruprich und dem

lieben Christkind.

Inzwischen kam das Weihnachtsfest heran. Der heilige Abend war für

uns schon ein Feiertag. Schon am frühen Morgen waren wir Jungen auf

den Beinen. Da gab es viel Arbeit. Im ganzen Jahr haben wir nicht so

gearbeitet, wie am Weihnachtsheiligenabend. Alle Weihnachtssachen

wurden hergesucht und neu vorgerichtet, so der Drehturm, oder

die Pyramide, dann die vielen Lämpchen und die Vorrichtungen zur

Illumination sämtlicher Fenster, der große Prachtengel und der Moosmann.

Der Drehturm, Kirche mit Turm, stand in einem Paradiesgarten. Das

Innere der Kirche, in welcher sich ein Altar befand, war festlich

erleuchtet. Auf den Stufen des Altars standen Maria mit dem Kinde

und Joseph, die drei Weisen aus dem Morgenlande und die Hirten.

Auf einer unteren Stufe stand der Geistliche. Das alles wirkte auf

uns bezaubernd. Durch den Kirchturm ging eine Welle mit Scheiben

und Figuren darauf. Über der Turmspitze war oben auf der Welle ein

Flügelrad angebracht. Die Kirche mit dem Turm wurde außen mit Lämpchen

erleuchtet. Durch die Wärme, die sich dem Flügelrad mitteilte, wurde

dieses in Bewegung gesetzt und zugleich auch die Welle mit den Scheiben

und Figuren. Alles drehte sich nach rechts. Welch eine Lust für uns

Buben.

Nun folgte die Vorbereitung zur Illumination der Fenster in der Stube.

Sie war Wohnstube und gute Stube zugleich und hatte acht Fenster in

drei Fronten um das ganze Haus herum. Jedes Fenster erhielt sechs

Lämpchen. Diese wurden fein geputzt und mit Rüböl gefüllt. Nicht nur

die Fenster in der Richtung nach der Stadt, sondern auch die nach dem

Walde zu wurden illuminiert, um die Sache recht feierlich zu gestalten.

Eine bessere Beleuchtung zu solchen Zwecken gab es damals noch nicht.

Die Rüböl-Beleuchtung bedeutete aber zu dieser Zeit immerhin schon

einen wesentlichen Fortschritt nach der höchst unsauberen primitiven

Beleuchtung durch den Kienspan.

Nun kam an die Reihe der Engel »Gabriel«. Sein Rumpf lag das ganze

Jahr hindurch auf dem Oberboden. Mein Bruder hat ihn mir manchmal

aus kindlichem Übermut zugeworfen und ich habe ihn aufgefangen. Als

Engelsleib hatte er es eigentlich nicht verdient. Die Arme, die Beine

und der schöne Engelskopf wurden aber sorgfältig aufbewahrt. Wenn der

Körper mit all diesen Teilen versehen worden war, bekam er schon ein

anderes Aussehen. Diese Engelsgestalt in Länge von einem Meter wurde

von meiner Mutter mit weißen Beinkleidern und einem schneeweißen

Tüllkleid überzogen. Darüber legte sie eine breite grünseidene Schärpe.

Der Kopf mit der Krone wurde aufgesteckt. Der Engel war fertig. In

beiden Händen hielt er ein nach oben gebogenes Transparent mit der

erleuchteten Inschrift: »Ehre sei Gott in der Höhe!«. Der Engel

wurde hochgezogen an die Decke und schwebte nun so, wie eine lebende

Gestalt, nach rechts und links sich drehend, noch lange Zeit bis nach

Weihnachten.

Der große Moosmann, ein Meter hoch, dessen Hosen und Rock mit feinem

Waldmoos überzogen waren, hielt eine brennende Kerze in der Hand.

Nicht fehlen durfte aber der liebe Weihnachtsbaum. Verkaufsstellen

gab es damals noch nicht. Das Ausholzen der Tannenbäume aus dem

Gestrüpp des Waldes war von der v. Trützschlerschen Herrschaft nicht

verboten. So ging ich denn auch am heiligen Abend vormittags mit einer

kleinen Hacke in den nahen Wald und suchte mir im tiefsten Schnee und

grimmigster Kälte den schönsten und billigsten Weihnachtsbaum nach

meiner Art heraus. In der Regel hatte ich schon eine zeitlang vorher

im Wald Umschau gehalten, und es dauerte gar nicht lange, kam ich

mit einem schönen frischen Tannenbaum zur Freude Aller wieder heim.

Er füllte das Zimmer mit würzigem Duft. Bald war auch der Baum von

uns angeputzt, aber nur mit versilberten und vergoldeten Äpfeln und

Walnüssen. Gold- und Silberfäden gab es damals noch nicht. Auch gab es

noch keine guten Kerzen. Nur Öllämpchen standen uns zur Verfügung. Der

Weihnachtsbaum wurde nicht, wie jetzt, auf den Tisch, oder wenn er groß

war, auf die Diele gestellt, sondern an die Decke gezogen.

Der heilige Abend ließ es an Überraschungen nicht fehlen. Zu Mittag

wurde einfache Mahlzeit eingenommen. Wenn meine Mutter mit Scheuern

der Stube fertig war – gestrichene Fußböden gab es damals noch

nicht – brachte sie von der Scheune herüber drei Bund langes Stroh

und belegte damit sorgfältig den ganzen Fußboden. Im Stalle zu

Bethlehem, wo Christus geboren wurde, gab es ja auch Stroh und das

sollte sinnbildlich dargestellt werden. Das Stroh wurde erneuert zum

Silvester und Hohneujahr. Damals hieß es im Vogtland, ohne Stroh in

der Stube, kein Weihnachtsfest. Nicht nur in Wohnungen, sondern auch

in Schankwirtschaften und Gasthöfen waren die Zimmer mit Stroh belegt.

Auch wir Kinder freuten uns riesig auf’s »Heiligenomdenstroh«. Das

ging uns über alles. Wir legten uns dann um den warmen Kanonenofen,

der in der Mitte der Stube stand, und erzählten uns von der

Weihnachtsbescherung, die uns nahe bevorstand. Ein Wunder war es, daß

das Stroh nicht einmal Feuer gefangen hat. Ich habe aber nie etwas

davon gehört. Jedenfalls würde jetzt diese schöne alte Sitte streng

verboten werden. Alle Vorbereitungen zum Feste waren nun getroffen.

Die Mutter rief uns noch zu: »Ihr Kinner zünd e Kärzel a, daß noch

Weihnachten riecht«.

Bei uns wurde am ersten Feiertag früh um sechs Uhr beschert, während

die Christbescherung bei ganz vornehmen Leuten in Falkenstein, und dazu

gehörten wir noch nicht, schon am heiligen Abend vor sich ging. Aber

auch unsere Bescherung war recht schön, wir wußten es eben nicht anders.

Abends um sieben Uhr am heiligen Abend war Festessen. Es gab neunerlei,

vor allem grüne Klöße mit Schweinefleisch und Sauerkraut. Mein Vater

faltete die Hände zum Gebet: »Komm’ Herr Jesus sei unser Gast und

segne, was du uns bescheret hast«. Wir Buben waren natürlich auch

ernst bei der Sache, zogen die Köpfe ein und beteten im Stillen mit.

Sonst wurde bei uns nicht laut gebetet. Vielleicht hat mein Vater der

Einfachheit halber die Sache für das ganze Jahr gleich erledigt. Nach

dem Beten ließen wir es uns gutschmecken. Während der Mahlzeit kam der

erste Weihnachtssänger zu uns, ein in den sechziger Jahren stehender

alter Mann mit einer großen, brennenden Laterne in der Hand. Es war

der Nachtwächter von Falkenstein mit Namen Schösser. Er wohnte in

unserem alten Nebenhaus und hatte das Privilegium zum Weihnachtssingen.

Bei uns fing er zuerst an und sang einige Verse vom Weihnachtslied:

»Hochgeborner Gottessohn sei willkommen auf der Erden«. Es fiel ihm

schon bei uns schwer, die höchsten Stellen des Liedes herauszubringen.

Wie hoch er es mit der Zahl der Häuser überhaupt gebracht haben

wird, weiß ich nicht. Vielleicht hat er später überall nur einen

Vers gesungen, um nicht wegen Heiserkeit das Singen ganz einstellen

zu müssen. Dabei mußte er noch die schwere Laterne stundenlang

herumtragen, weil weder die Straßen, noch die Hausfluren erleuchtet

waren. Sie war nicht etwa eine feine zierliche Handlaterne, wie man

sie heute kennt, sie hätte vielmehr ihrer Größe nach ganz gut als

Straßenlaterne dienen können und war ein »Unikum« einzig in ihrer Art.

Vielleicht ist sie später dem Altertumsmuseum überwiesen worden. Der

arme Nachtwächter bekam überall ein Geldgeschenk. Das war für ihn eine

große Hilfe zu damaliger Zeit. Sein Gehalt wird nicht sehr hoch gewesen

sein.

Während meiner Schulzeit hatte Falkenstein nur eine kleine Kapelle,

in welcher der Gottesdienst abgehalten wurde. Der einfache hölzerne

Glockenturm stand daneben. Die alte Kirche war beim großen Brande vom

11. August 1859 mit niedergebrannt. Ich erinnere mich noch dessen, ich

war ein fünfjähriger Knabe und weiß noch, wie mich meine Mutter auf

dem Arme trug, um vom Marktplatz aus mit vielen anderen Leidtragenden

dem Brande der altehrwürdigen Kirche zuzuschauen. In der Kapelle

wurden Christmetten nicht abgehalten. Ein großer Teil der Bewohner

Falkensteins strömte daher am Weihnachtsheiligenabend in die Kirche

des eine Stunde entfernten Auerbach, um dort am Abend die Christmette

zu feiern. Die Kirche war jedesmal überfüllt. Da es noch kein Gas gab,

brachte jeder Besucher ein Talglicht mit und brannte es in der Kirche

an. Die vielen Hunderte von brennenden Lichtern auf den Emporen und

im Schiff gewährten einen eigenartigen Anblick. Trotzdem war aber die

große Kirche nicht sehr erleuchtet. Die Kerzen spendeten wenig Licht.

Durch das Abbrennen der damals noch minderwertigen Lichter entstand in

der Kirche ein übler Geruch. Die Kerzen auf den Emporen tropften herab

auf die Köpfe der im Schiff sitzenden Leute und deren Kleider, so daß

Viele recht unbefriedigt den Heimweg wieder antraten, um natürlich das

nächste Jahr immer wieder in die Christmetten zu gehen.

Am ersten Feiertag früh sechs Uhr sollte nun die Christbescherung vor

sich gehen. Unter den verschiedenartigen Eindrücken des heiligen Abend

legten wir uns schlafen, nicht etwa im Nebenzimmer, sondern im großen

geräumigen Dachboden, wo es manchmal recht luftig herging bei achtzehn

bis zwanzig Grad Reaumur unter alten Dachschindeln. Die Kälte war so

grimmig, daß die Koppen von den Schindelnageln unter lautem Krachen

absprangen. Der Wind wehte den Schnee durch die Schindeln hindurch auf

das Bett und über das Gesicht hinweg. Ein recht unbehagliches Gefühl!

Doch da half kein Wehklagen, schnell war der Kopf unter der Zudecke

verschwunden. Man schlief nicht fest ein, es war nur ein Schlummern. In

meinem Kopf wirbelte es noch teils von den Ergüssen des heiligen Abend,

teils vor Freude auf die bevorstehende Christbescherung. Lange Zeit vor

dem großen Wecken waren wir schon wieder munter, plauderten im Bett und

erwarteten sehnsüchtig den Augenblick, da uns die gute Mutter rief. Sie

saß die ganze Nacht hindurch und strickte unermüdlich, bis die Strümpfe

für den Weihnachtstisch fertig waren. Endlich, endlich ertönte es

laut: »Ihr Kinner steht auf, ’s Bornkinnel (Christkind) hot beschert!«

Schnell waren wir aus dem Bett und sprangen, die Hosen in der Hand,

oder nur notdürftig bekleidet, die hölzerne Bodentreppe eiligst

herunter. Die Stubentür öffnete sich. Welch ein Lichterglanz! Welch

eine Pracht! Das muß man gesehen haben, das kann man nicht beschreiben.

In dem Kirchlein war es hell und lebendig, der Engel bewegte sich

langsam majestätisch an der Decke und verkündete uns: »Ehre sei Gott

in der Höhe!« Der Weihnachtsbaum grüßte uns. Die Illumination der

acht Fenster wirkte auf uns bezaubernd. Wir wußten schon ungefähr, was

uns der Weihnachtsmann wieder gebracht haben könnte und gingen an den

Weihnachtstisch. Wir wurden immer mit den notwendigsten Sachen und

gleichmäßig bedacht. Spielsachen gab es nicht, ich kann mich wenigstens

nicht darauf besinnen. Dem Weihnachtsmann fehlten die Mittel hierzu.

Ich bekam nur Kleidungsstücke: Schwarze Filzschuhe, selbstgearbeitete

blaue Strümpfe, einen wollenen Schal, ein Paar Fäustlinge, eine

gestrickte wollene Mütze, Stollen, Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse.

Über diesen Rahmen hinaus ging es selten. Ich weiß nur, daß unsere

Freude groß war, als mein Bruder und ich später einmal je eine blaue

und rote blecherne Federbüchse bekamen. Wir waren anspruchslos und nie

enttäuscht. Der Weihnachtsschmuck in unserer Stube und das heilige

Omdenstroh ging uns über alles. Jetzt liegen freilich die Verhältnisse

anders. Die Kinder sind verwöhnt und würden mit solch einfachen

Geschenken nicht mehr vorlieb nehmen.

Am ersten Feiertag früh um neun Uhr gingen wir in Begleitung unserer

Mutter in die Kirche oder vielmehr in die Kapelle. Wir mußten doch

unsere neuen schwarzen Filzschuhe und die blauen Strümpfe und alles

andere sehen lassen. Meine Mutter ging voraus und wir beiden Brüder

liefen ernst und würdevoll hinterher. Sie trug, wie ich mich entsinne,

das Gesangbuch nach altem Brauche mit beiden Händen vor sich her.

Darauf lag ein weißes Schnupftügel (Taschentuch), fein und säuberlich

zusammengefaltet, das wurde aber nicht benützt, o nein, das wurde nur

spazieren getragen und zu Hause dann wieder in den Kasten gelegt, um es

später wieder zum gleichen Zwecke zu verwenden. Das waren Sitten und

Gebräuche, die sich noch lange erhalten haben.

Am ersten Feiertag gegen Abend gingen wir Jungen zum Ackersgustel

(August Acker). Er war von Beruf Töpfer, wohnte an der Bahnhofstraße

und hatte einen schönen großen Weihnachtsberg ausgestellt, der die

halbe Stube einnahm. Da gab es zu sehen die Geburt Christi und viele

andere bewegliche Figuren. Der Ackersgustel freute sich, wenn die

stattliche andächtige Kinderschar von früh bis abends Wohlgefallen fand

an seinem Weihnachtsberg.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 1–2 · 第 1 / 8 段