Die Pluralität intellektueller Strukturen

Angesichts der Bedeutung, die die Skala bei der Selbstkonstituierung

des Menschen durch Sprache spielt, liegt es nahe zu fragen, inwieweit

auch die Logik durch die Skala beeinflußt ist. Auf den ersten Blick

hat Logik mit Skala nichts zu tun. Schlüsse bleiben gültig

unabhängig davon, wie viele Menschen sie gezogen bzw. nachvollzogen

haben. Das ist aber nur die universalistische Sehweise. Wenn wir

die Herausbildung von Logik betrachten und sie auf die praktische

menschliche Erfahrung zurückführen, welche sich aus dem Bewußtsein

von Verknüpfungen ergibt, dann ist es nicht mehr so sicher, ob Logik

wirklich von Skala unabhängig ist. Einige Erfahrungen wären

tatsächlich ohne das Erreichen einer kritischen Masse gar nicht

möglich gewesen, und die Beziehung zwischen einfach und komplex ist

nicht nur rein progressiver Art. Sie ist eine multivalente Relation,

natürlich auch mit zuwachsenden Elementen.

Die praktische Erfahrung einer Stammesgemeinschaft, z. B. in Afrika,

Nordamerika oder Südamerika, ist definiert durch die Skala der

Beziehungen innerhalb dieses Stammes sowie der Beziehungen zwischen

diesem Stamm und einem relativ begrenzten Daseinsumfeld. Die dieser

Skala eigene Logik (im Sprachgebrauch einiger Anthropologen sollten

wir von Prä-Logik sprechen) ergibt sich dabei aus der Vorherrschaft

der Instinkte und Intuitionen und drückt sich hauptsächlich in

visuellen Mitteln aus, wie wir sie als für primitive

Mentalitätsstadien typische Ausdrucks- und Kommunikationsmittel

erkannt haben. Die Erinnerung scheint dabei eine wichtige Rolle zu

spielen. Die unterscheidende Kraft der Sinne (Sehen, Hören, Riechen

usw.) ist besonders stark ausgebildet; die Anpassungsfähigkeit ist

sehr viel größer als bei den Angehörigen moderner Gesellschaften.

Die Stämme leben in getrennten, voneinander abgeschlossenen Gruppen,

sind sich der biologischen Gemeinsamkeiten untereinander nicht bewußt

und in ihren Überlebensstrategien auf sich selbst beschränkt. Wenn

solche Gruppen zueinander in Beziehungen treten, diversifiziert sich

ihre Lebenspraxis, Zusammenarbeit und Austausch jeglicher Art nehmen

zu, die Sprache in ihren vielfältigen Ausdrucksformen wird wichtiger

Teil der Selbstsetzung.

Wir haben gesehen, daß Sprache an die frühen Zentren

landwirtschaftlicher Lebensformen gebunden war. Hier konnte sich die

Bevölkerung vermehren, weil die an diesen Orten gefundene

Lebenspraxis effektiv genug war, um eine größere Anzahl von Menschen

zu unterhalten. Möglicherweise waren es diese frühen Formen der

Landwirtschaft, in denen die Skala ein Schwellenstadium erreicht

hatte und sich unter dem Einfluß der neuen praktischen Erfahrungen

der Sprache eine neue Qualität des pragmatischen Handelns

herausbilden konnte. Diese Tätigkeit hatte dann auch eine sehr

präzise Logik aufzuweisen, das Bewußtsein von einer Vielfalt von

Ebenen, deren Verknüpfungen sich entscheidend auf die Ergebnisse

dieses Handelns, also auf das Wohlergehen der Handelnden, auswirkte.

Die Logik gestaltet vor allem die Beziehungen zwischen den

praktischen Tätigkeiten des Menschen und dem Ort, auf den sich diese

Tätigkeiten beziehen und dessen Sakralität im lateinischen Wortstamm

(Agrikultur--Kultur--cultus) zum Ausdruck kommt. Logik ist auf

vielfache Weise kulturgebunden und kulturgestaltend--von der

Sequenzierung eines Handlungsablaufes über die Verwendung der

verfügbaren Ressourcen bis hin zum Entwurf von Plänen, Werkzeugen usw.

Logik und Kultur bedingen sich gegenseitig: diese Abhängigkeit nahm

im Verlauf der Zeit zu und resultierte in den heute entwickelten

logischen Maschinen, die eine Kultur definieren, welche sich von der

Kultur mechanischer Geräte deutlich unterscheidet. Wir sollten

Unterschiede im Bereich der Intelligenztypen anerkennen, und wir

sollten Unterschiede in Betracht ziehen, die sich aus der Vielfalt

der natürlichen Zusammenhänge des praktischen Lebens ergeben.

Gemeinsamkeiten in der Überlebenserfahrung und die Weiterentwicklung

sollten auch in die Dynamik der menschlichen Selbstkonstituierung mit

einbezogen werden.

Allerdings zeigt sich aus heutiger Sicht, daß in den

lebenspraktischen Zusammenhängen des postindustriellen Zeitalters die

Logik, die aus den praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung

in der Welt bezogen wird, und die Logik, die sich bei unseren

Versuchen, die menschliche Welt zu definieren, einstellt, zunehmend

unterschiedlicher Art sind. Wir lesen nicht länger die Logik der

Sprache und schließen von da auf die Erfahrung, sondern projizieren

unsere eigene Logik (selbst ein praktisches Ergebnis unserer

Selbstkonstituierung) in die Erfahrung in dieser Welt. Booles

Algebra des Denkens ist hierfür ein Beispiel, aber keineswegs das

einzige. Allenthalben werden heute Sprachen geschaffen, die eine

Vielfalt logischer Systeme unterstützen, unter anderem

autoepistemische, zeitliche, modale und intuitionistische Systeme.

Man könnte fast so etwas wie eine universale Logik und eine

Universalsprache erwarten--in der Vergangenheit und in der Gegenwart

gibt es ausreichende Versuche für einen derartigen Universalismus.

Leibniz verfolgte Visionen einer idealen Sprache, einer

characteristica universalis und eines calculus ratiocinator. Viele

ähnliche Versuche folgten, aber alle übersahen, daß mit zunehmender

Diversifikation der menschlichen Erfahrungen solche Visionen immer

utopischer wurden. Parallel hierzu trennen wir uns von solchen

Formen der Logik, die wir als geistiges Erbe tradiert haben. Die

Logik, die in zahlreichen autarken, primitiven Erfahrungen

verschiedenster Bevölkerungsgruppen Asiens, Afrikas und Europas

eingebettet ist, verkörpert heute wenig mehr als kulturelle

Erinnerung. Die Skala, die in solchen Erfahrungen zum Ausdruck kommt,

und die dieser Skala angemessene Logik wird in der sehr viel

umfassenderen Skala der global agierenden Wirtschaft aufgehoben. Die

Logik magischer Erfahrungen können wir nicht mehr aufdecken und

nachvollziehen, nicht einmal jene rationalen oder rationalisierbaren

Aspekte, die sich auf Pflanzen, Tiere und Mineralien beziehen, die

den uns vorhergegangenen Völkern als Heilmittel gedient haben.

In unserer heutigen Zeit rücken die Kulturen, die fast allesamt das

Heilige durch das Profane, das Primitive durch das Überentwickelte

ersetzen, dichter zusammen. Dies geschieht nicht etwa, weil jeder es

so möchte, und nicht einmal, weil alle davon profitieren (viele geben

dafür ihre Identität preis). Nein, hinter diesem Prozeß steht die

Notwendigkeit, solche Effizienzebenen zu erreichen, die der neuen

Skala der Menschheit angemessener sind. Innerhalb dieser Skala

werden die verschiedenen Menschengruppen zuallererst als menschliche

Wesen (nicht als Stämme, Nationen oder Religionsangehörige)

integriert; daraus erwächst allmählich ein pragmatischer Rahmen,

dessen Kennzeichen die erhöhte Integration der Menschen ist.

Die eurozentrische Vorstellung, daß alle Typen der Intelligenz sich

auf den westlichen Typ (und damit auf die westlichen Formen der

Sprachpraxis, die in der Schriftkultur kulminierten) entwickeln, hat

sich als Irrtum erwiesen. Statt dessen machte sich eine Vielfalt

intellektueller Strukturen geltend, leider fast immer auf

demagogische Weise oder als Lippenbekenntnis gegenüber der

Vergangenheit, niemals jedoch als eine Öffnung auf die Zukunft hin.

Die Schriftkultur hat aus guten Gründen--jenen der industriellen

Revolution--Heterogenität und damit die Vielfalt der menschlichen

Erfahrungen und Formen der Identitätsfindung ausgelöscht. Wenn sich

die Gründe hierfür erschöpft haben, weil neue Lebens- und

Arbeitsbedingungen eine neue Logik erfordern, erweist sich

Schriftkultur als ein Hemmschuh, ohne daß sich dies allerdings auf

die ihr eigene Logik auswirken muß.

Die Skala des menschlichen Lebens und der menschlichen Handlungen und

die damit verbundene Projektion von Erwartungen jenseits des bloßen

Überlebens der Selbsterhaltung führt nicht zu einer universalen

Schriftkultur, sondern zu zahlreichen unterschiedlichen Alphabetismen

und zu einer Vielfalt logischer Horizonte. Da die

Koordinationsmechanismen aus Logik, Rhetorik, Heuristik und Dialektik

bestehen, fördert die neue Skala u. a. auch neue rhetorische Mittel.

Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, wie sich Überredung auf der

Ebene des globalen Dorfes äußern könnte oder auf der Ebene des

Individuums, das in diesem globalen Dorf durch die Mechanismen der

Netzwerke und der multimedialen Interaktivität beeinflußt ist. Die

logischen Mechanismen der Massenkommunikation werden ersetzt durch

Überlegungen darüber, wie die individuelle Kommunikation intensiviert

werden kann. Man halte sich nur die neuen heuristischen Verfahren im

World Wide Web oder in der Marktforschung oder den elektronischen

Transaktionen der Netconomy vor Augen. Faszinierende Forschung im

Bereich der multivalenten Logik, der Fuzzy Logic (der Alternative zur

Logik der scharf definierten Mengen), der temporalen Logik und in

vielen anderen logischen Ansätzen, die sich auf Computer, künstliche

Intelligenz, Memetik und Vernetzung beziehen, eröffnen einen Weg in

die Zukunft, der weit über das hinausgeht, was in der

Science-fiction-Welt von non A entworfen wurde. Die Logik von

Handlungen Zwischen den relativ monolithischen und uniformen Idealen

einer schriftkulturell gebildeten Gesellschaft, die von den Tugenden

der Logik überzeugt ist, und der pluralistischen und heterogenen

Wirklichkeit partieller Schriftkulturen, die die Logik auf Maschinen

übertragen, kann man leicht einen Richtungsunterschied ausmachen.

Personen mit angemessener schriftkultureller Bildung, die im Geist

der Rationalität und klassischer oder formaler Logik erzogen worden

sind, stehen den Sub-Alphabetismen spezialisierter Arbeitsprozesse

oder den unlogischen Schlußfolgerungen, die innerhalb der neuen

Bereiche der menschlichen Selbstkonstituierung getroffen werden,

hilflos gegenüber. Wir wollen uns deren Haltung etwas genauer

betrachten. Beim Übergang von einem Entwicklungsstadium in das

andere erfuhren die Menschen, daß tradierte Verhaltenskodes erodieren,

und sie projizieren ihre neuen Lebensumstände in neue

Verhaltensmuster. Der in dem überholten Verhaltenskode zum Ausdruck

kommende Typus der Kohäsion wurde durch einen anderen und die eine

sich diesem Kode unterwerfende Logik durch eine andere ersetzt. Wann

immer sich eine Interaktion zwischen Gruppen mit verschiedenen

Kohäsionstypen ergab, war auch die Logik ernsthaft auf die Probe

gestellt. Manchmal setzte sich eine Form der Logik durch; in anderen

Fällen wurde ein Kompromiß gefunden. Primitive Entwicklungsstadien

erweisen sich als erstaunlich anpassungsfähig.

Unser heutiges Entwicklungsstadium, das in mancherlei Hinsicht vom

Ursprung weit entfernt ist, zeichnet sich durch ein Umfeld aus,

innerhalb dessen ein auf hohe Effizienz ausgerichteter pragmatischer

Rahmen geschaffen werden soll. Logik, Rhetorik, Heuristik und

Dialektik sind innerhalb dieses Rahmens eng aufeinander bezogen. Mit

anderen Worten: Der Mensch hat eine Entwicklung vollzogen von der

sinnlichen Verankerung in der natürlichen Welt hin zur artifiziellen

(d. h. vom Menschen geschaffenen und gestalteten) Welt, die der

konkreten Wirklichkeit übergelegt wurde--und die sich im übrigen

ausweitet auf ein künstliches Leben hin, wie man eine der jüngsten

Forschungsrichtungen bezeichnet (ALife). Innerhalb dieser neuen Welt

beschränken die Menschen die Projektion ihrer natürlichen und

geistigen Bedingungen nicht mehr auf ein umfassendes Zeichensystem

(oder nur wenige). Im Gegenteil, alles zielt auf Segmentierung ab,

das Ziel liegt nicht in einer globalen Kohäsion, sondern in einer auf

den Einzelfall bezogenen Kohäsionskraft, die zur Optimierung des

gegebenen Problems beiträgt. Komplexität und Natur dieser

Veränderungen innerhalb des Systems rufen nach einer Strategie der

Segmentierung und einer diese unterstützenden Logik (oder mehreren

Formen der Logik). In dem Zusammenspiel zwischen Sprache und den

sich in ihr konstituierenden Menschen sind logische Konflikte nicht

ausgeschlossen. Die Logik der Lebenspraxis, die auch durch die

Heuristik beeinflußt wird, und die der Schriftkultur und Bildung

eigene Logik sind nicht unbedingt identisch.

Handlungen implizieren Handlungsträger und verweisen damit auf die

Logik, die in Werkzeuge und die von Menschen geschaffenen Gegenstände

eingeprägt ist. Die Annahme, daß die in der Sprache zum Ausdruck

kommende Logik sich auch in dem ausdrückt, was zur Herstellung von

Werkzeugen und anderen auf die menschliche Tätigkeit bezogenen

Gegenstände führt, blieb lange Zeit unangefochten. Auch heute noch

werden Designer und Ingenieure in ihrer Ausbildung einem Ideal von

Bildung und Schriftkultur unterworfen, dessen Rationalität man in

ihrer Arbeit zu erkennen glaubt. Dabei haben aber neben der

Entwicklung der menschlichen Sprachen stets auch Zeichnungen als

Anweisung für die Anfertigung von Gegenständen und die Ausführung

bestimmter Tätigkeiten gedient. Jede Zeichnung verkörpert auf ihre

Weise die Logik des zukünftigen, mit ihrer Hilfe hervorgebrachten

Gegenstandes, ganz gleich wie nützlich oder unbedeutend dieser sein

mag. Unsere Schriftkultur weist einen umfangreichen Korpus von

Texten auf, aus dem die logischen Aspekte des Denkens abgeleitet

werden können. Dem stehen nur ein relativ geringer Bestand von

Zeichnungen und nicht allzuviele Gegenstände gegenüber, die bis in

unsere heutige Zeit überdauert haben. Produkte werden stets für

genau bestimmte praktische Erfahrungen entwickelt und haben diese

Erfahrungen oder die Personen, die sie verkörperten, selten

überdauert. Natürlich überdauerten Straßen, Häuser, Geräte und

andere Gegenstände, aber erst mit der Erfindung besserer

Zeichengeräte und eines besseren Papiers wurde eine Bibliothek des

Ingenieurwesens möglich. Zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt,

unterwirft sich die hybride Form der Ingenieurwissenschaft der Logik

wissenschaftlicher Erkenntnis nur in einem bestimmten Maß und

balanciert diese gegen die Logik der ästhetischen Wahrnehmung aus.

Im pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur spielen die

Ingenieurwissenschaften hinsichtlich der menschlichen

Selbstkonstituierung in sprachgebundenen praktischen Erfahrungen eine

herausragende Rolle. Sie wirken sich nachhaltig auf die Effizienz

der praktischen Erfahrungen und auf ihre fast unbegrenzte

Diversifikation aus.

Wenn bestimmte Mittel (wie z. B. Sprache oder die heute von

Designern und Ingenieuren verwendeten Visualisierungsmittel)

überkommene Mittel ersetzen oder gar überflüssig machen, gibt es eine

Phase des Konflikts, eine Phase der Anpassung und eine Phase der

gegenseitigen Ergänzung. In der heutigen Zeit mit ihren

distributiven Transaktionsformen, ihrer Heterogenität und den

Interaktionsformen, die weit über die Linearität einfacher Abfolgen

hinausgehen, geraten die strukturalen Merkmale der Schriftkultur mit

der Dynamik einer neuen Entwicklungsphase, die durch leistungsfähige

Technologien mit einer Vielfalt logischer Möglichkeiten getragen wird,

in Konflikt. Anders ausgedrückt: Wir beobachten, wie die der

Schriftkultur und Bildung eigene Logik mit den neuen Formen der Logik

(die sich in der Tat als eine Vielzahl präsentieren) im derzeitigen

pragmatischen Handlungsrahmen in Konflikt gerät.

Innerhalb der Logik des schriftsprachlichen Diskurses, der wir nolens

volens auch in diesem Buch folgen, ist der Versuch, die Schriftkultur

zu bewahren, gleichbedeutend mit dem Versuch, lineare Relationen,

Determinismus, Hierarchie (von Werten) und Zentralisierung aufrecht

zu erhalten, und dies in einem Rahmen, der Nichtlinearität,

Dezentralisierung, verteilte oder distribuierte Erfahrungsformen und

nicht fixierte Werte verlangt. Diese beiden Rahmen sind logisch

inkompatibel. Das heißt natürlich nicht, daß Schriftkultur,

Schriftlichkeit und Bildung vollkommen aufgegeben werden müssen oder

daß sie gar vollends verloren gehen, wie dies mit den Hieroglyphen

oder der piktographischen Schrift geschah, oder daß an ihre Stelle

Zeichnungen oder computergestützte Sprachverarbeitung tritt. Das

Prinzip der Linearität wird auch weiterhin eine große Zahl

praktischer Tätigkeiten bestimmen; das Gleiche gilt für

deterministische Erklärungen und für verschiedene Formen des

Zentralismus (politisch, religiös, technologisch usw.) und selbst für

einen elitären Wertbegriff. Aber es wird nicht mehr ein universeller

Standard sein oder gar ein allgemeinverbindliches Ziel (das alles

Nichtlineare dem Versuch der Linearisierung unterzieht, alles auf

eine Abfolge von Ursache und Wirkung zurückführt, alles einem Zentrum

zuordnet und Zentralismus ausübt); es wird vielmehr Teil eines

komplexen Systems von Relationen sein ohne jegliche Hierarchie--oder

zumindest eingebunden in rasch wechselnde Hierarchien--wertfrei,

anpassungsfähig, stark verteilt.

Das Gleiche gilt auch für den Typ der Logik (und damit der Rhetorik,

Heuristik und Dialektik), der in der Sprache angelegt ist, d. h. der

aus dem Universum der menschlichen Selbstkonstituierung in das System

der Schlußfolgerungen, des Wissens und des Bewußtseins

hineinprojiziert ist. Die in unserer Sprache zutage tretende Logik

ist dualistisch, auf dem Gegensatzpaar von wahr und falsch aufgebaut

und unterstützt eine Erfahrungsform, die den abstrakten Charakter

logischer Rationalität trägt. Sie wird ergänzt von einem logischen

Symbolismus und einem logischen Kalkül, der diesen Dualismus

formalisiert und andere, dieser dualistischen Struktur nicht

entsprechende logische Modelle ausschließt.

Die bivalente Logik--etwas ist geschrieben oder nicht geschrieben,

das Geschriebene ist richtig oder falsch--gehört zu den unsichtbaren

Grundlagen der Schriftkultur. Erst sehr spät, mit dem logischen

Formalismus, konnten sich multivalente Schemata geltend machen. Wenn

nun der effiziente Rahmen der postindustriellen Lebenspraxis auf

Nichtlinearität und Vagheit (fuzziness) angelegt ist, dann erweist

sich unsere Schriftkultur als eine schlechte Grundlage für eine

multivalente Logik. Auch einige der Teildisziplinen, die sich aus

der Schriftkultur ergaben und als ihre Erweiterung verstehen

(Geschichte, Philosophie, Soziologie), sind nicht in der Lage, eine

Logik aufzunehmen, die sich von derjenigen unterscheidet, die in der

praktischen Erfahrung des Lesens und Schreibens ihren festen Sitz hat.

Das weist die Computerwissenschaft als einen neuen

wissenschaftlichen Horizont aus, innerhalb dessen eine multivalente

Logik auf dem Computer simuliert werden kann, obwohl dessen Struktur

eine andere Logik (diejenige Booles) aufweist. Die wissenschaftliche

Diskursform der Schriftkultur und der multimediale, nichtlinerare

heuristische Zugang zur Wissenschaft sind fundamental unterschieden.

Sie setzen eine unterschiedliche Form der Logik voraus und bringen

unterschiedliche Formen der Interaktion hervor zwischen denen, die

ihre Identität in der Ausführung wissenschaftlicher Experimente, und

jenen, die ihre Identität durch die Beteiligung daran finden.

Die Welt der prädikativen Logik und die auf die analytische Kraft

bauende Wissenschaft taten sich schwerer, eine Logik der Vagheit (

fuzzy logic) zu akzeptieren und sie in neue Produkte einzubauen, als

z. B. die Welt der nichtprädikativen Logik und die auf die

synthetische Kraft gestützte Wissenschaft. In der Welt der

nicht-prädikativen Sprache ist die Logik der Vagheit in den Entwurf

von Kontrollmechanismen für Hochgeschwindigkeitszüge und der neuen

effizienteren Toaster eingegangen. In Japan wurde eine auf der Basis

dieser Logik arbeitende Waschmaschine 1993 auf den Markt gebracht,

als man diese Logik in der westlichen Welt noch heftig diskutierte.

Diese Tatsache ist mehr als nur ein einfaches Beispiel im Rahmen von

Überlegungen, die die Implikation einer globalen Wirtschaft für die

verschiedenen Sprachsysteme und die in ihnen verkörperten logischen

Koordinationsmechanismen behandeln. Der Fortschritt im Verstehen und

in der Weiterentwicklung des menschlichen Denkens weist eine

fortlaufende Entwicklung auf von einem Modell, das auf

Schriftlichkeit und Schriftkultur basiert, zu einem Modell, das in

einem völlig neuen pragmatischen Rahmen wurzelt. Regelbasierte

Muster-Matching-Systeme verallgemeinern den Prädikaten-Kalkulus;

neuronale Netzwerke ahmen in einer synthetischen

Neuron-plex-Anordnung die Gehirnfunktionen nach; Fuzzy Logic setzt

sich mit den Grenzen des Boolschen Kalküls und den neuronalen Netzen

auseinander und versucht, Ungenauigkeit, Ambiguität und

Unentscheidbarkeit in dem Maße zu modellieren, in dem diese Phänomene

in der neuen Lebenspraxis des Menschen an Bedeutung gewinnen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 58 / 65 题