Sampling

Im Rahmen der Schriftkultur vollziehen sich Erinnern und Besinnen und

die daran geknüpfte Logik hauptsächlich durch Zitieren. Etwas zu

wissen, heißt hier, darüber schreiben zu können und auf diese Weise

die Logik der Schrift zu bekräftigen. Lebenswege werden in der

Erinnerung aufbewahrt, Tagebücher sind auf einen intendierten Leser

hin (Geliebter, Kinder, Nachwelt) interpretierte Lebenswege. Die

schriftkulturellen Mittel, über aufeinander abfolgende praktische

Erfahrungen gemeinsam zu verfügen, beinhalten die entsprechende Logik

und beeinflussen Erfahrung und deren Kommunikation. Alles scheint

sich aus demselben Zusammenhang zu ergeben: aus dem Wissen um die

Mittel, die die Erfahrung nacherleben lassen. Die auf Schrift

basierende Erkenntnislehre mit der ihr impliziten Logik gründet

darauf, die Erfahrung als Spracherfahrung beständig neu zu schaffen

und nacherleben zu lassen. Deshalb ist jede Form des Schreibens auf

der Grundlage der in der Schriftkultur verkörperten Struktur

(literarisch oder philosophisch, religiös, wissenschaftlich,

journalistisch oder politisch) in Wirklichkeit ein Nachschreiben

(rewriting).

Hingegen ist in einem Stadium jenseits der Schriftkultur das Prinzip

des Sampling--ein Begriff, den wir aus der Genetik

kennen--vorherrschend. Wir wollen Zitieren und Sampling kurz

miteinander vergleichen. Die schriftliche Aneignung in Form des

Zitierens vollzieht sich innerhalb der schriftkulturellen Strukturen.

Schriftsprachliche Abfolgen sind so ausgelegt, daß sie die Worte

eines anderen ohne weiteres integrieren können. Ein Zitat

signalisiert zugleich die gewünschte Hierarchie, sei es durch

Anrufung, sei es durch Infragestellung der zitierten Autorität.

Autorenschaft wird ausgeübt, indem ein Kontext für die Interpretation

und zugleich schriftkulturelle Regeln für deren Vermittlung

geschaffen werden. Insofern erfüllen auch die Interpretationen die

Erwartungen, daß mit ihnen die deterministische Struktur der

Schriftkultur, ihre innere Logik, reproduziert wird. Zugleich

unterstützt das Zitat eine zentralistische Sichtweise, indem es sich

als Interessens- und Verstehenszentrum setzt.

Die jenseits schriftkultureller Verfahren liegende Aneignung

widersetzt sich der Hierarchie und der Sequentialität, widersetzt

sich dem Gedanken der Autorschaft und den Regeln des logischen

Schlusses. Sie kennt keine elementaren bedeutungstragenden Einheiten

und geht mit ihren Auswahlverfahren weit über wohlgeformte Sätze,

über Wörter, Morpheme oder Phoneme und die formale Logik hinaus. Die

Techniken des Sampling gehen bis zur Rückgängigmachung. Die

Aneignung kann sich auf Wortrhythmen beziehen oder auf Satzstrukturen,

auf das Feeling eines Textes oder auf die vielen anderen

nicht-schriftlichen Ausdrucksformen. Alles, was sich auf einen

geschriebenen Satz bezieht--und im übrigen auch alles, was sich auf

Musik, Malerei, Geruch, Textur, Bewegung (von Personen, Bildern,

Baumblättern, Sternen, Flüssen usw.) bezieht--kann ausgewählt, in

Einheiten jeder gewünschten Größe aufgelöst und als ein Echo der in

ihr verkörperten Erfahrung angeeignet werden. Genetische

Konfigurationen, wie sie sich bei Pflanzen oder anderen lebendigen

Einheiten finden, können ebenfalls vom Sampling erfaßt werden. Durch

das genetische Splicing wird die Relation zur umfassenderen

genetischen Textur von Pflanzen oder Tieren aufrecht erhalten. So

werden auch Wörter, Sätze oder Texte durch Splicing an die allgemeine

Erfahrung rückgebunden, in der sie konstituiert wurden.

Derartige Relationen sind stark relativiert und unterliegen einer

Vagheitslogik. Wenn sie sich auf das beziehen, was wir schreiben,

werden sie durch emotionale Komponenten angereichert, die die

schriftkulturelle Erfahrung aus dem schriftlichen Ausdruck verdrängt

hatte. Wo sich früher die Strenge und die Logik des guten Schreibens

gegen alle denkbaren Störfaktoren zur Wehr setzten, ist nun Platz für

Variation, für Spontaneität, für das Zufällige. Wenn sich diese

Beziehungen auf biologische Strukturen erstrecken, betreffen sie

spezielle Eigenschaften wie Komposition oder Verderblichkeit. In

dieser Kultur des Sampling gibt es keinen allgemeinverbindlichen

Korpus schriftkultureller Texte und damit verbundener Logik; die

vorherrschende Dynamik dieses Entwicklungsstadiums betrachtet die

Vergangenheit allenfalls als ein erweitertes Alphabet, aus dem man

zufällig oder systematisch diejenigen Buchstaben auswählen kann, die

zum jeweiligen Vorgang passen. Diese Buchstaben bilden ein Alphabet

sui generis, verändern sich gemeinsam mit den praktischen Erfahrungen,

auf die sie sich beziehen, und interagieren mit zahlreichen

logischen Regeln für ihren Gebrauch oder für das Verständnis ihrer

Funktionsweise. Hierbei wird Interpretation nicht nur ein Akt der

Sprachverwendung, sondern der Hervorbringung von Sprache. Das

biologische Sampling und das damit zusammenhängende Splicing

betrachtet auch das Lebendige als einen Text. Beide Verfahren

bearbeiten die ausgewählten Komponenten, um ihren Geschmack, ihr

Aussehen, ihren Nährwert usw. zu verbessern. Darin liegt das

eigentliche Ziel der genetischen Steuerung; in dieser Erfahrung hat

die Logik des Lebens, wie sie sich in den DNA-Sequenzen und

Konfigurationen ausdrückt, die Oberhand über die Logik von Sprache

und Schriftkultur gewonnen, auch wenn die in der Genetik noch so

prominente Textmetapher dabei eine so wichtige Rolle spielt. Es sei

in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß das Wort Text vom

lateinischen Wort für weben kommt und erst später auf

zusammenhängende geschriebene Satzgebilde angewandt wurde.

Nicht alles, was durch Sampling zusammenkommt, wird in eine graue

Informationsmasse umgewandelt. In ihrer Lebenspraxis tragen die

Menschen Gefühle und Empfindungen zusammen, Lebensmittel im

Supermarkt, Unterhaltungsprogramme, Kleidung und sogar Partner (für

bestimmte Gelegenheiten oder als Lebenspartner, als Geschäftspartner

und vieles andere mehr). Im Gegensatz zum Zitieren führt das mehr

oder weniger ungesteuerte Zusammentragen zu einer Trennung von dem,

was die Schriftkultur als Tradition und Kontinuität gepriesen hat.

Vor allem stellt sie den Begriff der Verfasserschaft in Frage. In

dem Maße, in dem das Sampling in unserer Erfahrung Raum greift,

gewinnt der Mensch eine sehr spezifische Freiheit, die innerhalb der

Grenzen der schriftkulturellen Erfahrung nicht möglich war.

Tradition wird ergänzt durch Innovationsformen, die ein durch

Progression und dualistische (wahr--falsch) Erfahrung

gekennzeichneter pragmatischer Rahmen nicht kannte. Besonders

deutlich wird das daran, daß auf das Sampling stets die Synthese

folgt, die weder wahr noch falsch, sondern (bis zu einem gewissen

Grad) angemessen ist. In der Musik wird für diesen Zweck ein Gerät

verwendet, das man Sequencer nennt. Das Zusammengesetzte, das

Komponierte, ist synthetisch. Das ermöglicht eine neue Erfahrung,

die formal gesehen den sogenannten Ad-hoc-Sprachen und ihrer

Verwendung entspricht. Der Mix Master ist eine Maschine für das

Recycling von willkürlich definierten Kompositionseinheiten wie Noten,

Rhythmen oder Melodiemustern, die aus ihrem pragmatischen

Zusammenhang genommen wurden. All dies gilt auch für den

biologischen Text, auch für die Biologie des Menschen. In gewisser

Weise gewinnt die Genmutation den Status eines neuen Verfahrens, mit

dessen Hilfe man neue Pflanzen und Tiere, auch neue Materialien,

synthetisch gewinnen kann.

Die Collagetechnik in der Kunst gründet auf einer ähnlichen

Auswahllogik, die über die realistische Darstellung hinausgeht.

Logische Gesetze der Perspektive werden durch Gesetze der

Gegenüberstellung aufgehoben. Als künstlerische Technik antizipiert

die Collage die Stadien des Sampling und der erwähnten

Kompositionsform. Mit all diesen Entwicklungen wird aber unsere

Vorstellung von geistigem Eigentum, Markenzeichen und Copyright

verändert, die allesamt einer Logik entspringen, welche an die

Erfahrung der Schriftkultur gebunden ist. Der Begriff der

Autorschaft ist überholt; sobald etwas in die Öffentlichkeit geraten

ist, ist es Gemeinbesitz.

Auch postmoderne Literatur und Malerei kennen die Technik des

Sampling--mit einer Offenheit für alles, was unser heutiges

Alltagsidiom der Maschinen und Verfremdung zu bieten hat. Auch das

Sampling bei Pflanzen, Früchten oder Mikroben ist nicht auf die

Bewahrung ursprünglicher Identität gerichtet, sondern auf die

Hervorbringung neuer Identitäten, die ihren Platz in unseren neuen

Erfahrungen der Selbstsetzung zugewiesen bekommen. Unter dem

Gesichtspunkt der Logik ist das Verfahren insofern interessant, als

es neue Bereiche der logischen Angemessenheit einrichtet. Logische

Identität wird aus einer dynamischen Perspektive neu definiert.

Unter pragmatischem Gesichtspunkt können z. B. bestimmte Erfahrungen

durch Anwendung einer bestimmten Form von Logik maximiert werden. In

anderen Fällen können komplementäre Formen der Logik--die sich so

ergänzen, daß eine jede auf einen bestimmten, genau definierten

Aspekt des Systems bezogen ist--für bestimmte Strategien des

gestaffelten Managements, für bestimmte Abläufe oder für parallel

verlaufende Abläufe in Frage kommen. So verbinden z. B. Strategien

zur Maximierung wirtschaftlicher Transaktionen verschiedene

entscheidungstragende Schichten, derer jede einzelne eine andere

logische Voraussetzung hat. An die Stelle eines einzigen,

festgelegten logischen Rahmens auf der Grundlage der Schriftkultur

tritt eine Vielzahl logischer Rahmen, die sich auf die Vielfalt

unserer neuen Lebenspraxis einstellt.

Wir wollen einen letzten Gedanken verfolgen. Reicht es festzustellen,

daß die Sprache die ideologische und soziale Identität des Menschen

ausdrückt? Die Auseinandersetzung mit der Sprache, genauer: mit der

Verkörperung der Sprache in der Schriftkultur, ist eine

Auseinandersetzung mit allen bio- und soziologischen, politischen und

kulturellen Aspekten, die die Spezies Mensch ausmachen. Dabei

erweist sich der logische Aspekt offenbar als grundlegend:

bio-logisch, sozio-logisch usw. Daraus ergibt sich eine Hierarchie,

die möglicherweise nicht jedem einleuchten wird, nimmt doch die

Sprache in diesem System einen höheren Platz zwischen allen am Prozeß

der menschlichen Selbstsetzung beteiligten Faktoren ein. Um als zoon

politikon, als homo sapiens, als homo ludens oder als homo faber zu

gelten, muß der Mensch zu all jenen Interaktionen befähigt sein, die

jeder dieser Begriffe beschreibt: auf der biologischen Ebene, auf der

gesellschaftlichen Ebene, innerhalb von Interessensstrukturen, die er

mit anderen Menschen teilt, im Bereich seiner eigenen Anlagen. Eben

deshalb definiert sich der Mensch durch ein praktisches Handeln, das

die Verwendung von Zeichen wesentlich mit einbeschließt.

Der Mensch gewinnt seine Identität auf den verschiedenen Ebenen, auf

denen solche Zeichen hervorgebracht, interpretiert, verstanden und

zur Erstellung neuer Zeichen verwendet werden. Felix Hausdorf hat

deshalb den Menschen auch als ein zoon semeiotikon, als ein

semiotisches, ein Zeichen verwendendes Wesen bezeichnet. Charles

Sanders Peirce hat im übrigen die Semiotik als eine Logik der

Unbestimmtheit verstanden. Die Zeichen--Bilder, Laute, Gerüche,

Texturen, Wörter (oder Wortkombinationen)--die einer Sprache, einem

Diagramm, der mathematischen oder chemischen Formelsprache, einer

neuen Sprache (etwa in der Kunst, der Politik oder im Bereich des

Programmierens), einem genetischen Code usw. zugehören--sind auf den

Menschen bezogen, nicht abstrakt, sondern konkret an unserem Leben

und an unserer Arbeit beteiligt.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 59 / 65 题