Logiken hinter der Logik

Die im Sprachgebrauch angelegte Koordinationsleistung hat sich im

Verlauf der Sprachverwendung fortentwickelt. Unverändert blieb

allerdings die Struktur der Koordinationsmechanismen. Logik, wie wir

sie heute kennen, also eine Disziplin, die durch den schriftlichen

Gebrauch der Sprache legitimiert ist, beschäftigt sich mit den

strukturalen Aspekten verschiedener Sprachen. Wenn wir den

Koordinationsmechanismus von Schrift und Schriftkultur, der die Logik

mit einbezieht, auf diese aber nicht allein reduzierbar ist,

begreifen, können wir auch besser verstehen, wie und warum sich jene

Bedingungen herausgebildet haben, die zur Schriftkultur führten.

Dieser Koordinationsmechanismus bestand aus Regeln für den korrekten

Sprachgebrauch (Grammatik), aus der Bewußtwerdung der für die

Lebenspraxis spezifischen Zusammenhänge (Logik), aus

Überredungsmitteln (Rhetorik), der Wahlmöglichkeit zwischen

verschiedenen Optionen, Erfindungskunst (Heuristik) und der

Argumentation (Dialektik). In ihrer Gesamtheit lassen sie erkennen,

wie komplex der Vorgang der Selbstkonstituierung ist; einzeln

betrachtet erhellen sie die fragmentierten Erfahrungsbereiche des

Sprachgebrauchs, nämlich Rationalität, Überzeugung, Auswahl, Handeln

und Glauben. Jedem (relativ) normalen Geschehensablauf liegt eine

Logik zugrunde, ebenso jeder Krise, wenn wir den Begriff der Logik so

weit fassen wollen, daß er die rationale Beschreibung und Erklärung

der Faktoren, die zu einer Krise geführt haben, mit einschließt. Und

dieser Logik wiederum liegen andere Formen der Logik zugrunde. Die

Logik der Religion, die Logik der Kunst, der Moral, der Wissenschaft,

der Logik selbst, die Logik der Schriftkultur: allesamt Beispiele für

die vielfältigen Interessensgegenstände des Menschen, anhand derer er

die jeweilige Logik dem Test der Vollständigkeit (bezieht sie sich

auf alles?), der Folgerichtigkeit (ist sie widersprüchlich?) und

bisweilen der Transitivität unterzieht.

Unabhängig vom Gegenstand (Religion, Kunst, Ethik, eine exakte

Wissenschaft, Schriftkultur usw.) richten die Menschen die jeweilige

Logik als Netzwerk gegenseitiger Beziehungen und funktionaler

Abhängigkeiten ein, anhand dessen man die (religiöse, künstlerische,

ethische usw.) Wahrheit zu ergründen sucht. Diese Logik, die ihren

Ursprung in der anfänglichen Bewußtheit von Zusammenhängen hatte,

entwickelte sich zu einem formalen System, von dem manche Philosophen

und Psychologen noch immer glauben, daß es in irgendeiner Weise dem

Gehirn (oder dem Geist) zugehörig ist und dessen korrekte

Funktionsweise garantiert. Erfolgreiches Handeln wurde in diesem

Zusammenhang als Ergebnis der Logik interpretiert, hard-wired, d. h.

fest verdrahtet, als Bestandteil der biologischen Anlage. Andere

Forscher begreifen Logik als Produkt unserer Erfahrung, besonders

unseres Denkens, das sich auf unsere Selbstsetzung in der natürlichen

und der von uns geschaffenen Welt bezieht. Als Regelwerk und

Kriterienraster bezieht sich Logik auf Sprache, aber es gibt auch

eine Logik der menschlichen Handlungen, eine Logik der Kunst, der

Moral usw., die jeweils durch Regeln beschrieben werden, mit deren

Hilfe wir Unwidersprüchlichkeit erzielen, Integrität bewahren,

Kausalzusammenhänge erkennen und andere wichtige kognitive

Operationen wie Hypothesenbildung und Schlußfolgerungen durchführen

können.

In diesem Zusammenhang drängt sich eine alte Frage auf: Gibt es eine

universelle Logik jenseits der Unterschiede in den Sprachen und in

den biologischen Merkmalen, jenseits aller Unterschiede zwischen den

Menschen? Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Aus unserer

Perspektive ist sie eindeutig zu verneinen. Wir heben ja gerade

Unterschiede hervor, eben weil sie sich auf unterschiedliche Formen

der Logik erstrecken, welche sich wiederum aus unterschiedlichen

praktischen Erfahrungen ergeben. Aber die Antwort fällt

möglicherweise angemessener aus, wenn wir uns vor Augen halten, daß

die Hauptsprachsysteme unserer Welt unterschiedliche logische

Mechanismen verkörpern, die sich auf die Koordinierungsfunktion der

Sprache auswirken.

Wir müssen diese logischen Systeme kurz betrachten, weil sie auch die

Bedingungen erhellen, die die Schriftkultur notwendig gemacht hat und

unter neuen pragmatischen Bedingungen weniger notwendig, wenn nicht

gar überflüssig, macht. Vor allem müssen wir fragen, ob in einer

globalen Welt vereinheitlichende Kräfte oder heterogene und

diversifizierende Kräfte, wie sie in den verschiedenen

Schriftkulturen und den daran gebundenen logischen Formen verkörpert

sind, wirksam werden. Aristoteles gilt gemeinhin als Begründer der

im westlichen Sprachsystem angelegten Logik. Die griechische Schrift

bot das geeignete Medium für seine Logik der richtigen

Schlußfolgerung aus in Sätzen ausgedrückten Prämissen. Die

Schriftkultur wurde das Haus dieser Logik und verlieh ihr zugleich

eine Gültigkeit und eine Dauerhaftigkeit, die sie noch heute

unantastbar macht. In den östlichen Sprachsystemen finden sich

ähnlich bedeutende Beiträge in den philosophischen Hauptschriften des

alten China und des alten Japan sowie in Hindu-Texten. Anstelle

eines zwangsläufig oberflächlichen Überblicks möchte ich ein Zitat

des Fung Yu Lan zum Wesen der chinesischen Philosophie (das zugleich

repräsentativ für den gesamten Fernen Osten ist) heranziehen:

"Philosophie darf nicht nur Gegenstand der Erkenntnis sein, sondern

muß auch Gegenstand der Erfahrung werden." Aus der Begründung der

chinesischen Philosophie in der Erfahrung ergeben sich nicht nur die

Unterschiede zur indischen Philosophie, sondern auch zu den

philosophischen Prinzipien der westlichen Welt.

Die in den indoeuropäischen Sprachen zum Ausdruck kommende Logik

gründet auf einer Unterscheidung zwischen Gegenstand und Handlung,

die sich sprachsystematisch in den Kategorien von Substantiv und Verb

ausdrückt. Über 2000 Jahre lang hat diese Logik die Struktur der

Gesellschaft bzw., wie Aristoteles sagen würde, der Polis beherrscht

und gestützt. Aristoteles definierte den Menschen als

gesellschaftliches Wesen, als zoon politikon, und seine Logik ist der

Versuch, jene kognitive Struktur herauszuarbeiten, die den richtigen

Schluß aus in Sätzen ausgedrückten Prämissen erlaubt. Er versuchte

dabei, die Logik so unabhängig wie möglich von der verwendeten bzw.

von der jeweiligen in anderen Lebensgemeinschaften gesprochenen

Sprache zu sehen. Ganz ähnliche Ziele verfolgen diejenigen, die

heute formale Sprachen entwerfen.

Neben der sprachlichen Behausung der aristotelischen Logik gab es ein

anderes Sprachsystem, in dem das Verb (das sich auf die Handlung

bezieht) im Objekt assimiliert war, nämlich Chinesisch und Japanisch.

Jede Handlung wurde substantivisch ausgedrückt (das Jagen, Rennen,

Sprechen), so daß auf diese Weise ein nicht-prädikativer Sprachmodus

entstand. Eine aristotelische Konstruktion sieht folgendermaßen aus:

Falls a gleich b ist (der Himmel ist bedeckt), und falls b gleich c

ist (das, was ihn bedeckt, sind Wolken), dann ist auch a gleich c

(ein bewölkter Himmel). Nicht-prädikative Konstruktionen kommen

nicht zu derartigen Schlußfolgerungen, sondern gehen von einer

Bedingung in die andere über wie etwa in der folgenden Weise: bedeckt

sein, Bedeckung in Wolkenform, Bewölkung assoziiert Regen, Regen...

Es handelt sich hierbei also um nach hinten offene Verknüpfungen im

status nascendi. Wir sehen, daß die aristotelische Logik die

Wahrheit des Schlusses aus der Wahrheit ihrer Prämissen entwickelt

und dies auf eine formale Relation gründet, die von beiden unabhängig

ist. In einer nicht-prädikativen Logik verweist die Sprache

lediglich auf mögliche Relationsketten, wobei sie implizit anerkennt,

daß gleichzeitig auch andere möglich wären. Direktes Wissen wird

hier nicht abgeleitet, und ebenso wenig werden die Schlußfolgerungen

einem formalen Test auf ihre Wahrheit oder Unwahrheit unterzogen.

Der abstrakten und formalen Darstellung der Schlußfolgerung auf

Wissen stellt dieses Logikmodell eine konkrete und natürliche Form

der Darstellung gegenüber, in welcher Unterschiede bezüglich der

Qualität wichtiger sind als Quantitätsunterschiede.

Aus unseren Ausführungen über die Natur der ideographischen Schrift

dürfte hervorgehen, daß sich eine derartige Schrift nicht für jene

Art des logischen Denkens eignet, wie es von Aristoteles und seinen

Nachfolgern entwickelt wurde und das seinen Höhepunkt im westlichen

Wissenschaftsverständnis und im westlichen Wertesystem fand. Die

Entdeckung fernöstlicher Darstellungsformen und der aus den ganz

anderen Denkweisen hervorgehenden Philosophie sowie das zunehmende

Interesse an den diesen Kulturen eigenen und unserer Kultur fremden

Subtilitäten hat zu mancherlei Versuchen geführt, die Grenzen

zwischen diesen beiden fundamental verschiedenen Sprachkulturen zu

überwinden. Sollte dies gelingen, so würde unsere Sprache und damit

unser intellektuelles und emotionales Leben um Dimensionen

angereichert, die den Strukturen unseres westlichen Existenzrahmens

diametral entgegengesetzt sind.

Wir wählen hierfür als Beispiel die Logik des

Abhängigkeitsverhältnisses. Ausgedrückt im japanischen Konzept des

amé umfaßt es ein ganzes Beziehungsgefüge und eine daraus abgeleitete

Logik des Handels, unterschiedliche Denkmodi und unterschiedliche

Wertesysteme. Die uns bekannten, immer wiederkehrenden

Mißverständnisse zwischen der westlichen Welt und Japan (aber auch

anderen, in gleicher Weise geprägten asiatischen Ländern) lassen sich

teilweise darauf zurückführen. Grob vereinfacht könnte man z. B.

sagen, daß es sich auch im Verhältnis zwischen einem Unternehmen und

seinen Angestellten ausdrückt: Wenn beide Seiten dieses Prinzip

akzeptieren (was sie auch tun, weil das Prinzip des amé im Leben

dieser Menschen struktural verankert ist), ergibt sich für beide

Vertragspartner daraus die Verpflichtung zur bedingungslosen Treue.

Amé kann sich allerdings auch auf die gegenseitigen Beziehungen

innerhalb einer Familie (einschließlich aller Vorurteile) oder auf

die Beziehungen zwischen Freunden beziehen. Dieser Begriff

bezeichnet eine praktische Erfahrung, die weit über die genannten

Beispiele hinausgeht: Sie konstituiert einen Handlungsrahmen, der

nicht nur bestimmte (logisch gerechtfertigte) Entscheidungen

ermöglicht, sondern den Kontext für das Denken, Fühlen, Handeln und

Bewerten der in diesen Rahmen eingebundenen Menschen abgibt. Er

betrifft das Verhältnis zur Sprache ebenso wie das Bildungssystem,

die diese Form der Abhängigkeit als eine logische Form verinnerlicht

hat, die über jegliche Individualität Priorität gewinnt. Die einzige

Möglichkeit, die Logik des amé in unsere Logik zu integrieren--sofern

wir dies für richtig und für möglich hielten--läge darin, die in

diesem Prinzip zum Ausdruck gebrachte praktische Erfahrung

nachzuvollziehen. So scheint amé auf Grenzen in unserer Sprache

hinzuweisen, tatsächlich aber offenbart sie Grenzen in unseren Formen

der Selbstkonstituierung, Grenzen bezüglich der Formen, mit denen wir

unsere gegenseitigen Beziehungen als Teil unserer Erfahrung

definieren.

Im übrigen gilt natürlich in umgekehrter Richtung genau das Gleiche.

Auch hier ergab sich aus der Erkenntnis dieser Grenzen ein stark

gewachsenes Interesse an der westlichen Kultur und der Wunsch, sich

einiges davon in Vokabular und Verhalten anzueignen. Eine wiederum

andere Faszination übte die indische Welt über den in den vedischen

Texten ausgedrückten Mystizismus und allgemein über die

nachdrückliche Beschäftigung mit den Daseinsbedingungen des Menschen

aus. Das hat bekanntlich dazu geführt, daß viele Menschen unseres

Kulturkreises in jener Kultur eine Alternative suchen zu dem, was sie

als überkonditionierte Existenzform, als Leistungs- und

Konkurrenzdruck empfinden. Der bewußte Ausstieg aus der

Schriftkultur und überhaupt aus der Kultur, die Suche nach Befreiung

(mukti), der Ausstieg aus einer auf Nützlichkeit und Logik

ausgerichteten Welt ist auch heute für viele "Aussteiger" ein

erstrebenswertes Ziel. (Dieser Aussteiger muß dabei die von ihm

bewunderte alternative Existenzform keineswegs wirklich verstanden

und vollkommen angenommen haben; in vielen Fällen kopiert man

lediglich einen Lebensstil und gibt sich einem exotischen Eskapismus

hin; junge Israeli dürften hierfür ein geeignetes Beispiel sein).

Kurz: Aus der Entwicklung von Sprache und Logik innerhalb der vielen

uns bekannten Kulturen können wir die sehr komplexe Beziehung ablesen

zwischen dem, wer wir sind und was wir sind: zwischen unserer Sprache

und der Logik, die die Sprache ermöglicht und später verkörpert.

Jäger in europäischen Ländern und Jäger in fernöstlichen Ländern, in

Afrika, Indien und Papua, Sammler, Fischer, Landwirte--sie alle

entwickeln eine je unterschiedliche Beziehung zu ihrer Umwelt und zu

den Führungsgestalten in ihrer jeweiligen Lebensgemeinschaft. Die

Art und Weise, in der ihre relativ einfachen Erfahrungen in Sprache

und andere Ausdrucksformen gekleidet sind, spielt eine wichtige Rolle

für die Art und Weise, wie gemeinschaftliche Erfahrung, Religion,

Kunst, die Errichtung eines Wertesystems, später Erziehung und

Identitätswahrung organisiert sind. Es gibt allerdings auch etwas

ihnen allen Gemeinsames, und das bezieht sich in aller Regel auf jene

Beziehungen, die sich im Arbeitsprozeß abspielen und die sich auf die

Effizienz auswirken. Diese Gemeinsamkeiten sind entscheidend für

unser Verständnis der Rolle, die die Sprache und die Logik in den

verschiedenen Stadien der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen

Entwicklung gespielt haben und heute spielen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 57 / 65 题