Sprache und Logik

Etwa zu der Zeit, in der Computer zum alltäglichen Bestandteil

unseres Lebens wurden, entwarf ein relativ unbekannter

Science-Fiction-Autor eine utopische Welt, die er non A (A) nennt.

Sie ist auf unserem Planeten im Jahr 2560 angesiedelt, und non A

bezeichnet eine Form der nicht-aristotelischen Logik, die in ein

Computerspiel eingebettet ist, das die Welt beherrscht. Gilbert

Gosseyn (im Englischen Go Sane ausgesprochen, was im Deutschen soviel

wie "werde gesund", "werde vernünftig" heißt), der Protagonist dieser

Welt, entdeckt plötzlich, daß er mehr ist als nur eine Person.

Jeder, der ein wenig mit der Geschichte der Logik vertraut ist, wird

hier an Levy-Bruhls umstrittenes Gesetz der Mitbeteiligung denken,

das von der folgenden Annahme ausgeht: "In den kollektiven

Darstellungen einer primitiven Mentalität können Gegenstände,

Lebewesen und Phänomene auf eine Weise, die wir nicht begreifen

können, gleichzeitig sie selbst und etwas anderes sein." Die relativ

undifferenzierte, synkretistische Erfahrung, die den Anfangsstadien

Notation und Schrift zugrunde lag, kannte offenbar vielfältige, uns

ungewöhnlich erscheinende Verbindungen. Bei der Erforschung der von

primitiven Stämmen hervorgebrachten Produkte hat sich gezeigt, daß

einerseits das visuelle Denken vorherrscht, und andererseits die

Funktionsweise des Menschen in einem Zusammenhang gedacht wird, den

wir heute multivalente Logik nennen würden.

Obwohl die Welt von non A in ferner Zukunft liegt, beschreibt sie

doch eine Logik, die wir mit einem lange zurückliegenden Stadium der

menschlichen Entwicklung verbinden. Aus der Anthropologie wissen wir,

daß es noch heute in den Regenwäldern des Amazonas und in entlegenen

Eskimo-Gebieten Stämme gibt, deren Angehörige sich nicht nur als sie

selbst begreifen, sondern zugleich als etwas anderes, als Vogel,

Pflanze oder als vergangenes Ereignis. Hierbei handelt es sich nicht

nur um eine andere Sprachverwendung, sondern um eine andere Form der

Identitätsbildung. In diesem pragmatischen Zusammenhang übersteigt

der logische Schluß die Grenzen, die ihm die aristotelische Logik mit

ihrem Dualismus von wahr und falsch setzt. Möglicherweise ist der

Begriff der multivalenten Logik eine gute Bezeichnung für diese Art

von Schlußfolgerung; er liefert indes keine Erklärung dafür, warum

die Selbstkonstituierung auf solche Mechanismen zurückgreift und wie

sie funktionieren. Selbst wenn wir eine Antwort darauf finden würden,

müßten wir uns doch fragen--da sich unsere Selbstsetzung nach einer

anderen Logik vollzieht--, welche Beziehung zwischen der

Spracherfahrung und dem logischen Rahmen jener Menschen besteht, die

in der non-A-Welt vergangener Zeiten lebten. Der in solchen Stämmen

vorherrschende Umgang mit Bildern erklärt, warum es ein logisches

Kontinuum anstelle der scharfen Trennung zwischen wahr und falsch,

gegenwärtig und abwesend gibt. Mehrwertige Logik in den

verschiedensten Ausprägungen und pragmatischen Zusammenhängen wurde

zurückgedrängt, als Sprache ihre schriftliche, auf einem Alphabet

basierende Form annahm und das Denken sich in schriftlichen

Ausdrücken stabilisierte. Die Bewußtmachung von Verbindungen, die

dezidiert in die Erfahrung eingebunden sind und in einem Korpus

intelligiblen Wissens quantifiziert werden, klären den logischen

Horizont. Mit der Unterdrückung einer multivalenten Logik wurden

Einheiten nur als das konstituiert, als das sie die Erfahrung

erscheinen ließ, und nicht mehr als viele Dinge gleichzeitig.

Der Wechsel von der Mündlichkeit zur praktischen Erfahrung der

geschriebenen Sprache wirkte sich auf viele Aspekte der menschlichen

Interaktion aus. Die Schrift brachte einen Referenzrahmen mit sich,

Möglichkeiten des Vergleichs und der Bewertung, und damit überhaupt

eine Vorstellung von Wert, als Ergebnis einer Wahl unter einer

begrenzten Anzahl von Optionen. Mündlichkeit wurde von denen

kontrolliert, die sie ausübten. Die durch Zeichen auf einer

beschriebenen Oberfläche stabilisierte Schrift ermöglichte eine neue,

analytische Form des Fragens. Im Verlauf der Zeit ergaben sich in

der geschriebenen Sprache eine Reihe von Assoziationen, einige aus

dem visuellen Aspekt der Schrift, andere aus bestimmten

Schriftmustern, Wiederholungsformen und ähnlichem. Schrift regte zum

Vergleich von Erfahrungen der Selbstkonstituierung an, indem sie den

Vergleich verschiedener Aufzeichnungen ermöglichte. Die Erwartung,

daß alles Aufgezeichnete akkurat aufgezeichnet ist, ist der

Schrifterfahrung implizit. Die skeletthafte Form der Anfänge der

Schrift bot sichtbare Verbindungen, die innerhalb der Mündlichkeit

verblaßten.

Logik ist, sehr allgemein definiert, die Disziplin der

Zusammenhänge--"Wenn das eine, dann das andere." Diese Denkfigur

kann auf vielfältige Weise ausgedrückt werden, formale Ausdrücke

eingeschlossen. Die in der Mündlichkeit gegebenen Zusammenhänge

waren spontan. Mit der Schrift gingen die Stabilisierung der

Erfahrung und ein methodisches Versprechen einher. Die Methode

besteht in den Schlußfolgerungen, die sich aus den Verknüpfungen

ergeben. Das besagt nichts anderes, als daß die der Mündlichkeit

innewohnende Logik eine natürliche Logik ist, die natürliche

Zusammenhänge wiedergibt, welche von den sich in der Schrift

niederschlagenden Verknüpfungen unterschieden sind. Die Schrift

liefert gewissermaßen das Röntgenbild eines nur schwer faßbaren

Erfahrungsschatzes, in dessen Tiefen sich Verknüpfungen und ihre

praktischen Implikationen abzuzeichnen begannen.

Das Bewußtsein von Zeit und Raum wird relativ langsam gewonnen.

Dementsprechend drückt es sich aus als ein allmählich sich

einstellendes Bewußtsein davon, wie Zeit und Raum das Ergebnis

praktischer Tätigkeiten beeinflussen. Wie die Zeichen ist auch die

Logik in der Praxis menschlicher Selbstkonstituierung verwurzelt und

entwickelt sich sehr wahrscheinlich gemeinsam mit ihnen. Gemeinsame

Gegenwärtigkeit, d. h. Ko-Präsenz dessen, was unterschiedlich oder

ähnlich ist, Inkompatibilitäten, Ausschließungen und ähnliche Zeit-

oder Raumsituationen werden von Handlungen, Gegenständen und Personen

losgelöst und bilden eine wohl definierte Erfahrungsschicht. Aus

einfacheren Konfigurationen oder Verknüpfungssequenzen ergeben sich

Mechanismen der Schlußfolgerung, die man aus Gegenständen, Handlungen,

Personen, Situationen usw. ableitet. Zur Festmachung solcher

Schlußfolgerungen eignet sich die Schrift sehr viel besser als

Rituale oder mündliche Ausdrücke, womit allerdings nicht gesagt ist,

daß sie damit auch die gemeinsame Teilhabe an diesen

Schlußfolgerungen erleichtert. Was an Breite gewonnen wird, geht an

Tiefe verloren.

Die Lebenspraxis wird damit nicht nur effektiver, sondern auch

komplexer. An die Stelle physischer Leistungen treten zunehmend

kognitive Leistungen. Komplexere Erkenntnis und Erfahrung ergeben

sich aus erweiterten Handlungsradien und können nur noch in der

skeletthaften, abstrakten Form der Verschriftlichung vermittelt

werden; damit verliert die Erfahrung die reichhaltigen individuellen

Merkmale derer, die sich in ihr identifizieren. Aus dem

Verknüpfungsreichtum ergibt sich Handlungslogik. Der Akzent liegt

dabei auf Zeit und Raum, bzw. auf dem, was wir rückblickend Bezüge,

bzw. Referenz nennen. In dem Maße, in dem die Schrift die in der

Zeit verlaufenden Ausdrucks- und Kommunikationsmittel (vor allem

Rituale) ersetzt, verliert auch die zeitliche Logik an Bedeutung.

Mit der Veränderung des pragmatischen Horizonts knüpft die

Schriftkultur in Verbindung mit der ihr innewohnenden Logik ihr

unsichtbares Netz, ihre eigene Metrik. Alles, was nicht in

irgendeiner Weise auf diese schriftkulturelle Selbsterzeugung des

Menschen bezogen ist, bleibt außerhalb unserer

Verstehensmöglichkeiten. Die Sprache der Schriftkultur erweist sich

als eine reduktionistische Maschine, mittels derer wir der Welt aus

der Perspektive unserer eigenen Erfahrungen begegnen. Sobald wir uns

bewußt werden, daß es andere Erfahrungen gibt oder daß sie doch

möglich sind, versuchen wir, sie zu verstehen; wir wissen aber, daß

wir dadurch, daß wir sie in unsere eigene Spracherfahrung einbinden,

die Bedingungen ignorieren, unter denen sie gewonnen wurden.

Mündliche Erziehung beruhte auf der zusammenhängenden Einheit von

Eltern und Kind, und Erinnerung, d. h. Erfahrung, wurde auf

unmittelbarem Wege übertragen. Die Schriftkultur setzte an die

Stelle dieser zusammenhängenden Einheit die Mittel, Diskontinuitäten

und Unterschiede zu erkennen und festzumachen. In irgendeiner Form

der Aufzeichnung speicherte sie alles, was sich auf die gesamte

menschliche Erfahrung bezog. Aber mit der Aufzeichnung stellte sie

auch eine neue Form der Erfahrung mit eigenen Werten dar.

Wir haben behauptet, Schriftlichkeit sei eine reduktionistische

Maschine; sie reduziert Sprache auf einen Korpus von allgemein

akzeptierten Weisen des Redens, Aufzeichnens und Lesens, die zwei

Arten von Regeln entsprechen mußten: solchen der Zusammenhänge

(Logik) und solchen der Grammatik. Im Rückblick auf diese

Entwicklung können wir verstehen, inwiefern die Schrift die Erfahrung

menschlicher Selbstkonstituierung durch Sprache beeinflußt hat.

Insofern teilen wir auch nicht die Meinung derer, die in der

Nachfolge des jungen Wittgenstein eine der Sprache immanente Logik

für gegeben halten und ihre Aufgabe darin sehen, das ans Licht zu

bringen, was die Sprachzeichen verbergen. Sprache besitzt keine

innere Logik; jede praktische Erfahrung bezieht Logik und

kontaminiert alle menschlichen Ausdrucksmittel durch die

Schlußfolgerung aus dem, was möglich ist, auf das, was nötig ist.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 56 / 65 题