In der Kulturgeschichte hat es wiederholt kritische
Auseinandersetzungen mit der Schriftkultur und Schriftbildung gegeben,
deren bekannteste nach Platon wohl die von Marshall McLuhan ist.
Buchstabenkulturen, so seine Position in Gutenbergs Galaxy (1964),
haben die Welt uniformisiert, fragmentarisiert und auf logische
Abfolgen hin ausgerichtet, was überzogenen Rationalismus,
Nationalismus und Individualismus gezüchtet habe. Vernunft sei mit
Schriftkultur und Rationalismus mit einer einzigen Technologie
gleichgesetzt worden. Solche Attacken haben nun allerdings--soweit
wir das aus unserer heutigen Sicht beurteilen können--nicht dazu
geführt, daß die Schriftlichkeit und ihr Einfluß abgenommen haben.
Aus anderer Perspektive hat im übrigen Roland Barthes (1970) die
Notwendigkeit einer mündlich-visuellen Kultur hervorgehoben.
Ohne Frage gehören alle Pläne, die je von Architekten, Handwerkern
oder Designern entworfen worden sind, einer Praxis an, die mündliche
(Anweisungen zur Umsetzung des Plans in ein Produkt) und visuelle
Kulturformen verbindet. Viele solcher Pläne mit Gedanken und
Konzepten, die vielleicht genauso kühn sind wie die, die in
Manuskripten und später in Büchern aufgezeichnet wurden, sind
verloren gegangen. Einige Werke haben die Zeiten überdauert. Die
Tatsache, daß die Dominanz des geschriebenen Wortes die immense
Bedeutung von Zeichnungen in den Hintergrund unserer Wahrnehmung
verdrängt hat, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß durch
sie unsere Erfahrung nachhaltig geprägt und wichtiges Wissen
übermittelt wurde. Zeichnungen sind holistische Einheiten, deren
Komplexität nur schwer mit der eines Textes verglichen werden kann.
Die Bedeutung, die durch die Schrift vermittelt wird, vollzieht sich
in einem Prozeß der Verallgemeinerung und Reindividualisierung. Was
bedeutet es für ein Individuum, sie zu lesen und zu verstehen? Es
durchläuft den Weg, der vom Sprechen zum Schreiben, vom Konkreten zum
Abstrakten und von der analytischen zur synthetischen Funktion der
Sprache führte, in umgekehrter Richtung. Zu jedem beliebigen
Zeitpunkt verfügen wir einerseits über die begrenzte Wirklichkeit der
Zeichen (Alphabet, Wörter, Idiome), und andererseits die praktisch
unbegrenzte Wirklichkeit, die in den zum Ausdruck gebrachten
Sprachsequenzen und Begriffen verkörpert ist. Daraus ergibt sich die
Frage nach dem Ursprung der Gedanken, bzw. der Begriffe und dem
Verhältnis zwischen Zeichen (vor allem Wörtern) und der ihnen
zugewiesenen Bedeutung, bzw. dem Inhalt, der durch Sprache
weitervermittelt werden kann. In westlichen Kulturen wird Bedeutung
durch additive Mechanismen hervorgerufen, vergleichbar mit dem
Anmischen von Pigmenten. In östlichen Kulturen beruht Bedeutung auf
substraktiven Mechanismen, vergleichbar mit der Mischung von Licht.
Obwohl Buchstabenschrift einfacher und stabiler als ideographische
Schrift erscheint, ist sie doch schwieriger. Das liegt am höheren
Abstraktionsgrad. Daher muß der Leser eines Buchstabentextes die
große Kluft zwischen dem graphischen Zeichen und dem Bezeichneten mit
seiner eigenen Erfahrung überbrücken. Die praktische
schriftkulturelle Erfahrung geht von der Annahme aus, daß die Bildung
in Form von geschichtlichem und kulturellem Bewußtsein diesen
Referenzbezug ersetzt. Die Leser von ideographischen Texten haben
den Vorteil einer größeren Konkretheit der Darstellung. Da also jede
Sprache ihre eigene Geschichte in sich trägt, gewissermaßen als
Zusammenfassung der sie hervorbringenden Lebenspraxis, impliziert das
Lesen in einer anderen Sprache zugleich die Konfrontation mit einer
fremden Erfahrung und damit die Notwendigkeit, diese Schrift Schritt
für Schritt für sich neu zu erfinden.
Die Aphasieforschung der letzten 15 Jahre hat gezeigt, daß ab einem
bestimmten Stadium eine Regression von der Schrift- zur Bildlektüre
(piktographisches, ikonisches Lesen) zu verzeichnen ist. Buchstaben
verlieren ihre sprachliche Identität. Der aphasische Leser sieht nur
Linien, Unterbrechungen, Formen. Begriffe und Gedanken brechen im
wahrsten Sinn des Wortes zusammen. Erkennbar bleibt einzig die
Ähnlichkeit zwischen konkreten Formen. Der Niedergang vom Abstrakten
zum Konkreten kann als soziokultureller Unfall vor dem Hintergrund
eines natürlichen (biologischen) Unfalls gedeutet werden.
Heutzutage verzeichnen wir ähnliche Symptome, die auf eine Art
kollektiver Aphasie in gegenteiliger Richtung hindeuten. Schrift
wird dekonstruiert und zur Graffiti-Notation, zu kurzschriftartigen,
von Sprache und Schriftkultur befreiten Statements. Eine Zeitlang
waren Graffiti kriminalisiert. Später wurden sie zur Kunstgattung
erhoben und vom Markt absorbiert. Dabei sind wir uns vermutlich nie
des Ausmasses bewußt geworden, in dem gerade auch Graffiti durch eine
Form von Alphabetismus gekennzeichnet ist, haben wir uns kaum
Klarheit verschafft über deren Ursprünge, ihre Verbreitung und die
"aphasischen" Implikationen ihrer Ausübung. Nicht nur die New Yorker
U-Bahn wurde in eine bewegliche Zeitung verwandelt, die so oft
erschien, wie man die Aufsicht täuschen konnte. Ein großer Teil der
Öffentlichkeit lehnte Graffiti ab, denn es widersetzte sich der
legitimierten Kommunikation und zugleich der Aura von Ordnung und
Korrektheit, die der Schriftkultur zugrunde liegt. Viele andere
fanden ihre Freude daran. Die Rap-Musik ist das musikalische
Gegenstück zum Graffiti. Die Botschaften, die heute auf den
Datenautobahnen ausgetauscht werden, weisen oft Merkmale der Aphasie
auf. Konkretheit steht an erster Stelle. :-) (der smiley im
Internet) z. B. erübrigt jeden anderen Ausdruck von Freude. Für den
stupenden Informationsaustausch in den digitalen Netzwerken ist
solche kollektive Aphasie symptomatisch für Veränderungen der
kognitiven Voraussetzungen derer, die in diese Erfahrungen
eingebunden sind. Weder opportunistische Begeisterung noch
dogmatische Ablehnung können uns helfen, die Notwendigkeit dieser
Entwicklung und ihre Nutzanwendung zu verstehen. Viele private
Sprachen und unzählige Kodes zirkulieren als Kilo- und Megabytes
zwischen den Kommunikationspartnern und entziehen sich jeglicher
Regulierung.
Die digitalen Netzwerke haben sich als ein Handlungsrahmen erwiesen,
der die heutigen Erwartungen angemessen erfüllt; die traditionelle
Form der Schriftkultur sieht sich dabei herausgefordert durch
flüchtigere, auf Teilbereiche beschränkte Sondersprachen. Der
Allgemeinheitsanspruch der Schriftkultur ist unhaltbar, wenngleich
sie als ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel bestehen bleibt.
Aber manch einer hat erfahren, daß sie für den praktischen und
geistigen Erfahrungshorizont einer Menschheit, die aus allen ihren
alten Kleidern, Spielzeugen, Büchern, Geschichten, Werkzeugen und
sogar Konflikten herausgewachsen ist, nicht mehr ausreicht.
Es drängt sich als Anschlußfrage auf, ob die schriftkulturelle
Erfahrung des Wortes zu dessen stetig abnehmender Bestimmtheit
beigetragen hat oder ob die Kontextveränderungen dessen
Interpretation, will sagen: die semantische Verschiebung von bestimmt
zu vage, verursacht. Vermutlich spielen beide Faktoren dabei eine
Rolle. Einerseits erschöpft die Schriftkultur ihre eigenen
Möglichkeiten. Andererseits beschränken neue Kontexte ihre
Leistungsfähigkeit als das beherrschende Medium für den Ausdruck, die
Kommunikation und die Bezeichnung von Gedanken.
Wir alle kennen Versuche, Sprache so kontextfrei wie möglich zu
verwenden--die Verallgemeinerungen jeglicher Demagogie (liberaler,
konservativer, linker oder rechter, religiöser oder emanzipierter)
können als Beispiel dienen; aber auch die vielen Formen des Lesens
der Zukunft aus Glaskugeln, Handflächen, Tarotkarten, die in den
vergangenen Jahren vor dem Hintergrund zunehmender Illiteralität
entstanden sind. Nichts davon ist neu; neu ist nur, daß dieser Markt
voller Unbestimmtheit und Ambiguität, der abweichende Funktionsweisen
der Sprache erkennen läßt, in voller Blüte steht. Dies alles sind
Symptome für eine Veränderung unserer Lebenspraxis, wie sie im
vorliegenden Buch dargelegt ist.
Wir müssen allerdings die Veränderungen der Sprachfunktionen noch
genauer erläutern. Wir wissen heute, daß die ältesten überlieferten
Höhlenzeichnungen indexikalische Hinweiszeichen aus einem mündlichen
Kontext, und weniger Darstellungen von Jagdszenen sind (wenn sie auch
oft so interpretiert werden). Sie zeugen mehr von denen, die sie
gezeichnet haben, als von dem, was gezeichnet ist. Die überholte
Schriftlichkeit mystifizierter Botschaften fungiert auf ähnliche
Weise. Sie sagt mehr aus über ihre Verfasser als über ihren
Gegenstand, ob dieser nun Geschichte, Soziologie oder Anthropologie
ist. Die gestiegene mündliche und visuelle, technologisch optimierte
Kommunikation nun definiert die jenseits der Schriftkultur liegende
neue kognitive Dimension des Menschen. Der Übergang vom Sprechen zum
Schreiben entspricht dem Übergang von einer pragmatisch-affektiven
Lebenspraxis zu einer pragmatisch-rationalen Ebene mit linearen
Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt. Sie vollzieht
sich im Zusammenhang der Evolution vom Synkretistischen zum
Analytischen. Der neuerliche Übergang von Schriftkultur zu einer
Vielzahl von Alphabetismen wiederum entspricht einer Lebenspraxis,
die sich durch nicht-lineare Beziehungen auszeichnet und die einer
fortschreitenden Entwicklung vom Analytischen zum Synkretistischen
entspringt. Diese Bemerkungen beziehen sich auf die europäischen
Kulturen und ihre Ableger. Die ostasiatischen Sprachen weisen eine
Tendenz zum Aufzeigen statt zum Erklären auf. Die analytische
Struktur des logischen Denkens (die wir später eingehender erörtern)
wird in der Satzstruktur der Sprache gebildet, die in diesen beiden
Kulturbereichen grundlegend anders ist. Die imperative Energie des
Ausdrucksvorgangs verleiht z. B. der chinesischen Sprache einen
permanenten Hervorbringungscharakter (Sprechen im Vollzug, im
Entstehen). Die hervorgehobene Rolle dieses Vorgangs in der
asiatischen Kultur spiegelt sich in der zentralen Position des Verbs.
Die Anordnung der Satzteile um das Verb herum lenkt das Denken auf
die Beziehung zwischen Bedingung und Bedingtem.
Die für den europäischen Kulturkreis charakteristische Form der Logik
(unter dem deutlichen Einfluß der klassischen griechischen
Philosophie) spiegelt sich in der hervorgehobenen Position des
Substantivs. Es ist freier und stabiler als das Verb und kann
Identität, Invarianz und das Allgemeine wiedergeben. Die auf dieser
Voraussetzung gründende Logik sucht die Einheit zwischen Spezies und
Genus. Die Schrift der europäischen Kulturen und die ideographische
Schrift des Orients haben beide auf ihre Weise Logik, Rhetorik,
Heuristik und Dialektik zu definieren versucht. Aus historischer
Sicht sind sie komplementär. Mit Blick auf die Geschichte des Wissen
und auf die Geschichte als solche könnte man sagen, daß das
europäische Abendland Wissen und Weltkontrolle, der Orient
Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle erlangt haben. Es wäre utopisch
(und mit vielfältigen historischen, sozialen, ideologischen und
politischen Implikationen verbunden), sich eine Welt vorzustellen,
die beides harmonisch vereinigt. Voraussetzung hierfür wäre im
übrigen, daß sich der jeweilige Status der Schriftkultur in beiden
Kulturkreisen veränderte. Eben solche Veränderungen in Richtung auf
eine Konvergenz der Sprachen in den erwähnten Kulturkreisen können
wir indes derzeit beobachten.
Schriftlichkeit ist nicht nur ein Instrument der Vermittlung zwischen
Kulturen, sie zieht auch Grenzen. Das gilt für westliche und
fernöstliche Kulturen (und alle anderen) gleichermaßen. So hält
Japan zum Beispiel trotz der spektakulären Leistungen bei der
Aneignung und Fortentwicklung neuer Technologien innerhalb seiner
Grenzen an einem Rahmen fest, der seiner traditionellen Schriftkultur
und Bildung entspricht. Außerhalb seiner Grenzen kann es sich auf
andere Schriftkulturen und Bildungsformen hervorragend einstellen.
Auf andere Weise trifft dies auch auf China zu. Innerhalb seiner
Grenzen baut es ein internes Netzwerk auf (Intranet), ohne dies
jedoch an das allumfassende Netz (Internet) ganz anzubinden, das uns
in einigen Bereichen die Erfahrung der Globalität eröffnet.
Die hierarchische Organisation, mit der man sich im Westen den
ehemaligen wirtschaftlichen Erfolg Japans zu erklären versuchte, ist
letztlich auf die Einheit semmai-kohai, d. h. senior-junior,
zurückzuführen. Diese Unterscheidung entspricht einer spezifischen
Logik und Ethik, die vom Vorrang des Alten über das Junge ausgehen
und die pragmatischer Natur sind. Anerkannt werden damit Erfahrung
und Leistung, die im Japanischen in den Kategorien kyu, d. i.
Tüchtigkeit und Geübtheit, und dau, etwa Erfahrung, ausgedrückt
werden. Diese Systematik wirkt sich auf das Wirtschaftsleben, auf
Kalligraphie, japanischen Ringkampf (sumo), Blumenschmuck (ikebana)
und die gesellschaftliche Ordnung aus. Auch dieses System ist von
der Dynamik der gegenwärtigen Veränderungen nicht unberührt geblieben.
Mit Blick auf die Leistungen der Sprache müssen wir feststellen, daß
Nationalsprachen zur Abkapselung führen, angenommene Sprachen
hingegen--hier besonders Englisch--als Bindeglied zur übrigen Welt
dienen können. Auch die japanische Gesellschaft sieht sich einer
zunehmend global organisierten Welt gegenüber und damit der
Notwendigkeit ausgesetzt, neue, dieser globalen Welt angemessene
Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel zu entwickeln.
Einerseits zeigt sich Japan als eine an den Vorurteilen der
Schriftkultur und traditionellen Bildung ausgerichtete Gesellschaft,
streng hierarchisch organisiert, frauen- und fremdenfeindlich,
dogmatisch; andererseits, trotz der gegenwärtigen Krise in Japan,
beweist es eine erstaunliche Fähigkeit, sich auf die veränderten
Bedingungen der Lebenspraxis und der Selbstsetzung als Japaner und
zugleich als integrierte Mitglieder der Weltgemeinschaft einzurichten.
Folglich entwickeln sich auch in dieser so homogenen Kultur neue
Formen der Schriftlichkeit und Bildung, die wir im übrigen auch in
China, Korea, Indonesien und den arabischen Ländern feststellen
können. Und dieser Prozeß weitet sich allmählich, wenn auch
langsamer als von einigen erwartet, auf die afrikanischen und
südamerikanischen Länder aus.
Die globale Wirtschaft erfordert neue Beziehungsformen zwischen den
Staaten und Kulturen, und diese Beziehungsformen müssen der Dynamik
der neuen Lebenspraxis angemessen sein. Die zwanghafte Suche nach
Identität, die sich in den multikulturellen Tendenzen unserer Tage
ausdrückt, wird in der Vergangenheit keine hinreichenden Argumente
finden. Den besten Beleg hierfür liefern die Aktivisten dieser
Bewegung mit ihren Fehldarstellungen von historischen Ereignissen,
Fakten und Zahlen. Multikulturalität entspricht der Dynamik, die
sich jenseits der Schriftkultur entwickelt: sie verlagert den Akzent
von der Einmaligkeit und Universalität einer einzig vorherrschenden
Kultur und Kulturform auf eine Pluralität, die keine ethnische Gruppe,
keinen Lebensstil, keine Kultur ausgrenzt. Wer Multikulturalität
heute als eine Frage der Rasse oder Feminismus als eine Frage des
Geschlechts (vor dem Hintergrund der Geschichte) behandelt, wird
keine wirksame Strategie für diejenigen entwickeln können, deren
Andersartigkeit heute anerkannt ist. Andersartigkeit bringt andere
Fähigkeiten mit sich und andere Wege, die jeweilige Identität zur
Geltung zu bringen. Die Vergangenheit ist unbedeutend geworden; die
Zukunft hat uns zu beschäftigen.
Kapitel 5: