Es gibt mindestens 700 künstliche Sprachen. Hinter jeder von ihnen
steht eine praktische Erfahrung, deren Anforderungen die natürliche
Sprache nicht ausreichend genügen konnte. Eine dieser Sprachen setzt
sich mit den Vorurteilen bezüglich Links- und Rechtshändigkeit
auseinander, eine andere versucht, die geschlechtsspezifischen
Vorurteile umzukehren, wieder eine andere ist nach ästhetischen
Prinzipien konstruiert. Es gibt literarische Kunstsprachen: Tolkiens
Elfisch, die Sprache der Klingons in Star Trek oder das Nadsat in
Burgess Uhrwerk Orange. Oder es gibt wissenschaftlich begründete
Ansätze: logische Sprachen, an wissenschaftlichen Klassifikationen
orientierte Sprachen. Auch die in der Vergangenheit entwickelten
künstlichen Sprachen orientierten sich offenkundig an pragmatischen
Funktionen: die von Ramon Llul für Missionare entwickelte Ars Magna
oder Hildegard von Bingens aus dem klösterlichen Leben erwachsene,
aber weit über rein liturgische Funktionen hinausgehende Lingua
Ignota.
Sie alle versuchen auf ihre Art, die Leistung der Sprachfunktionen zu
verbessern. Einige verfolgen das Ziel, die Grenzen zwischen den
Sprachen zu überwinden; andere sollen eine bessere Beschreibung und
damit eine bessere Beherrschung der Welt ermöglichen. Ihnen allen
liegt die Erkenntnis zugrunde, daß die Sprache nicht ein neutrales
Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel, sondern mit allen
Eigenschaften unserer Lebenspraxis einschließlich ihrer Vorurteile
aufgeladen ist. Deshalb beanspruchen sie, allgemein oder in
speziellen Bereichen ein besseres Bild von der Welt zu bieten.
Ungeachtet ihrer Ziele und ihres Erfolgs erlauben uns diese Sprachen,
die kognitiven Bedingungen und ihren Beitrag zur Effizienzsteigerung
in unserer Lebenspraxis genauer zu untersuchen.
Die erhöhte expressive Kraft in den erwähnten literarischen
Kunstsprachen ist dabei noch relativ leicht nachzuvollziehen. Sie
gelten als literarische Konventionen, sind Teil der ästhetischen
Erfahrung und Bestandteil der Schriftkultur. Sie erstreben keine
Präzision, sondern Ausdrucksdichte und sind auf eine sublime Art
mehrdeutig. Präzision wird man eher in logischen Sprachen oder in
den Programmiersprachen für Computer finden. Programmiersprachen wie
Cobol, Fortran, C, C++, Lisp oder Java werden auf Wegen verbreitet,
die sich den Ansprüchen von Schriftlichkeit und Schriftkultur
widersetzen; sie erfüllen höchste Effizienzerwartungen und sind wegen
ihrer Funktionalität anerkannt. Sie eignen sich zum Abfassen von
Gedichten ebensowenig, wie sich die literarischen Kunstsprachen für
das Betreiben eines Computers eignen. Sie zeichnen sich aus durch
ihre konsequente Eindeutigkeit. In solchen Sprachen können wir die
Funktion und die Logik kontrollieren. Sie sind modulartig konzipiert
und auf die optimale Erfüllung ihrer Aufgaben angelegt. Zu ihren
Funktionen gehören Beweisbarkeit, Optimierung und Präzision. Zu den
verwendbaren logischen Formen gehören u. a. die klassische
propositionale Logik, die intuitionistische propositionale Logik, die
modale Logik und die temporale Logik.
Daneben zeichnet sich noch eine Kategorie von sogenannten
kontrollierten Sprachen ab. Eine kontrollierte Sprache ist die
Teilmenge einer natürlichen Sprache (begrenzt in Vokabular, Grammatik
und Stil), die auf eine bestimmte Tätigkeit hin entworfen ist. Alle
erwähnten künstlichen Sprachen orientieren sich an der Funktionsweise
der sogenannten natürlichen Sprache mit dem Ziel, die Leistung der
Sprachmaschine in irgendeiner Weise zu optimieren. Um diesen Ansatz
noch besser zu verstehen, müssen wir genauer darlegen, wie die
Sprache die in ihr konstituierten Menschen zur Welt, in der sie leben,
in Beziehung bringt. Wir wollen beginnen mit der Entwicklung des
Wortes und seiner Beziehung zum Ausdrücken von Gedanken, d. h. mit
der Entwicklung vom Eindeutigen (Einszu-Eins-Entsprechung) zum
Mehrdeutigen (Eins-zu-Viele-Relation).
Systeme aus eindeutigen Zeichen haben an der Hervorbringung von
Gedanken nur geringen Anteil. Als Weiterentwicklung von Signalen
sind ursprüngliche Zeichen eindeutig. Federn stammen definitiv nicht
von Fischen oder Säugetieren, Blutflecken rühren von Wunden her,
Vierfüßer hinterlassen andere Spuren als Zweifüßer. Polysemie
(Mehrdeutigkeit eines Zeichens) hat sich erst allmählich entwickelt
und zeugt von der Rückwirkung der Bedeutung auf den Bedeutungsträger:
Wörter, Zeichnungen, Geräusche usw. Eine Tierzeichnung verweist auf
das dargestellte Tier oder auf daran geknüpfte Assoziationen:
Fellqualität, Gefahr, Fleisch.
Philosophie und Literatur (und die Künste allgemein) wurden erst auf
einer bestimmten Ebene der Sprachentwicklung als Ausdruck einer höher
entwickelten Lebenspraxis möglich. Der Philosoph greift zum Beispiel
auf die gewöhnliche Sprache (Verbalsprache) zurück, verwendet sie
aber auf ungewöhnliche Weise: metasemisch, metaphorisch, metaphysisch.
Die antike Philosophie, die wir als Zeugnis für Sprache und
Schriftkultur heranziehen, ist noch so metaphorisch, daß man sie als
Literatur lesen kann und tatsächlich auch als solche aufgenommen
wurde. Die moderne Philosophie (nach Heidegger) hat aufgezeigt, wie
die Beziehungen (die sie hervorhebt und behandelt) die
Bezugsgegenstände in sich aufgenommen haben. Als formalisierte
Argumentation, frei von den Beschränkungen der Schriftkultur und
freilich auch weniger expressiv als die im Wort ausformulierte
Philosophie und ihre endlosen Interpretationen, hat Philosophie
nunmehr ihre eigene Veranlassung und Rechtfertigung entwickelt. Die
praktischen Auswirkungen im Rahmen einer Lebenspraxis, die auf
anderen als schriftkulturellen semiotischen Funktionsweisen beruht,
werden indes zunehmend geringer.
Die Distanz zwischen der Wortform und der Bedeutsamkeit eines
Gedankens wird als solche zum Parameter für die Weiterentwicklung vom
Natur- zum Kulturzustand. Wörter wie Raum, Zeit, Materie, Bewegung
wurden erst möglich durch die Schrifterfahrung. Sobald man sie aber
niedergeschrieben hatte, war nichts mehr übrig von der unmittelbaren,
vermutlich intuitiven Erfahrung von Raum und Zeit, von Materie in
ihren verschiedenen Erscheinungsformen oder von Bewegung. Visuelle
Darstellungen--andere Formen des Schreibens also--sind dem von ihnen
Dargestellten näher: die cartesianischen Koordinaten als Darstellung
des Raumes, die Uhr als zyklische Zeitauffassung und ähnliches. Sie
bringen spezifische Beziehungen in Raum und Zeit oder spezifische
Aspekte von Materie oder Bewegung zum Ausdruck.
Das Wort ist im Vergleich zum darin ausgedrückten Gedanken
willkürlich. Der Gedanke, geboren aus dem Tun des Menschen, ist in
der Naturordnung oder im Denken praktisch offenbartes Wissen. Im
Ausdruck des Gedankens treffen rationale Strenge und Expressivität
aufeinander. Dieses synthetisierende Herausbilden von Gedanken ist
ein wichtiger Fall menschlicher Selbstkonstituierung. Gedanken
drücken auch den impliziten Wunsch des Menschen aus, sie zu
veräußerlichen (Marcuse sprach von der "imperativen Qualität" des
Denkens). In schriftlicher Fassung legen die Wörter indes nicht nur
die Flüchtigkeit der Sprachlaute ab, sie werden gleichzeitig offen
für potentiell konfligierende Interpretationen. Diese ergeben sich
daraus, daß wir Wörter in unterschiedlichen pragmatischen Situationen
unterschiedlich verwenden.
In der Schriftkultur gebildet zu sein heißt, die Sprache zu
beherrschen, heißt aber auch, in den Erfahrungen der Vergangenheit
verhaftet und ihren Regeln unterworfen zu bleiben. Jeder Gedanke ist
das Resultat einer Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten in
einem gegebenen Existenzparadigma. Er findet seine genaue Bestimmung,
d. h. seinen Niederschlag als Bedeutung, dadurch, daß er einem
pragmatischen Kontext zugeordnet wird. Verändert sich der Kontext,
kann der Gedanke bestätigt werden, auf Widerspruch treffen (er wird
zweideutig) oder sich vielen Interpretationen öffnen (er wird
mehrdeutig). Ein Beispiel: Der Begriff der Demokratie durchlief alle
Stadien von seinen ersten Erwähnungen in der griechischen Kultur bis
zur liberalen Ausdeutung--und Selbstverleugnung--im Stadium jenseits
der Schriftkultur. Er bedeutet eines--die Macht des Volkes--, ist
aber kontextabhängig, je nachdem, was man unter Volk verstand und wie
man Macht ausübte. In seinen neuen Kontexten bedeutet er so viel
Verschiedenes, daß sich manche fragen, ob er überhaupt noch etwas
bedeutet.
Schriftkultur bot den geeigneten Rahmen und die angemessenen Mittel
zur Kommunikation von Ideen. Wenn aber Ideen in immer schnellerem
Rhythmus zum Ausdruck kommen und in immer kürzeren Zyklen von
Eindeutigkeit zu Mehrdeutigkeit übergehen, dann wird Schriftkultur
und Schriftlichkeit entweder nicht mehr deren praktischer Funktion
oder der Dynamik individueller Selbstsetzung gerecht. Es sieht sogar
so aus, als würden Ideen als solche, in ihrer Leistung als Mittel
menschlicher Projektion, immer weniger wichtig. Was wir einstmals
als den Höhepunkt menschlicher Leistungsfähigkeit angesehen haben,
betrifft die heutige Gesellschaft immer weniger. Unsere Welt ist
beherscht von Methoden und Produkten, und Ideen haben allenfalls
kulturelle Bedeutung. Wissen ist heute auf Information reduziert;
Verstehen ist lediglich operational. Immer mehr künstliche Sprachen
werden entwickelt und zunehmend auf Methoden und Produkte
ausgerichtet. In der vernetzten Welt der digitalen
Informationsverbreitung brauchen wir kein Esperanto, sondern Sprachen,
die die grenzenlose Vielfalt der Geräte und Programme vereinen, mit
denen wir unsere neuen Erfahrungen im World Wide Web machen. Auch
Effizienz bezieht sich in dieser Welt auf Transaktionen, in die nicht
mehr unbedingt Menschen als handelnde Personen eingebunden sind.
Innerhalb dessen, was sich als Netconomy etabliert, betreiben
unabhängige Agenten, d. h. autonome Programme, die geschäftlichen
Transaktionen und maximieren den Profit (weil es jeder wünscht).
Diese Agenten sind mit Regeln für Reproduktion, Bewegung und Fairness
versehen und können auch kulturell identifiziert werden. Netconomy
ist bislang allerdings mehr Verheißung als Wirklichkeit. Das
Funktionieren solcher Agenten zeigt uns allerdings, wie die Metapher
vom Funktionieren der Sprache in unserer Welt jenseits der
Schriftkultur zu ihrer wörtlichen Bedeutung zurückfindet. Die
Visualisierung von Gedanken Das mindeste, wofür das geschriebene
Zeichen--Wort, Satz oder Text--steht, ist das Sprachzeichen.
Allerdings mußte die Schrift eine längere Entwicklungsphase
durchlaufen, bevor sie diesen Stand erreicht hatte. In ihren
vorsprachlichen Formen hatte die graphische Darstellung ihren
Bezugsgegenstand in der Wirklichkeit--sie re-präsentierte das, was
nicht präsent war. Das Präsente braucht nicht repräsentiert zu
werden. Die Richtung, die der visuellen Repräsentation eingeprägt
ist, weist von der Vergangenheit zur Gegenwart. Das, was aufgehoben
werden muß, liegt dem Akt der Entfremdung von der Unmittelbarkeit als
ursprüngliche Motivation zugrunde. Die frühen Formen der
Repräsentation, insgesamt Teil eines recht primitiven Repertoires,
besitzen nur Ausdrucksfunktion. Sie bewahren vom Nicht-Präsenten
(was nicht gesehen, gehört, gefühlt, gerochen werden kann) die
relevante Information für die zukünftigen Beziehungen zwischen
Menschen und deren Umwelt auf. Das Bild gehört zur Natur.
Mitgeteilt wird die Art des Sehens oder Erkennens, nicht das
tatsächlich Gesehene. Der Vollzug des geschriebenen Zeichens
hingegen ist nicht Informationsvergabe, die dann zur Verfertigung von
Gegenständen führen kann, sondern das, was es bedeutet. Eine relativ
geringe Zahl von Zeichen--das Alphabet, Zeichensetzung und
diakritische Zeichen--ist an der immanenten Unbegrenztheit der
Kompetenz des Schreibens beteiligt.
Wie immer wir menschliches Denken definieren, seine Festlegung hat es
erst in der Schrift gefunden. Die in der Schrift festgehaltene
Gegenwart verliert ihren Charakter als unmittelbarer Vorgang. Kein
geschriebenes Wort ist je zum Vorschein gekommen, das nicht auch
geäußert und gehört, d. h. empfunden worden ist. Die Bedeutung
(intendierte und zugewiesene) ergibt sich aus der Einrichtung der
Sprache in der Lebenspraxis. Nicht zufällig haben sich die räumliche
Einrichtung des Menschen (in dörflichen Siedlungsformen) und die
Einrichtung der Sprache als Schrift (ihrer Natur nach ebenfalls
räumlich) gleichzeitig vollzogen (vgl. Leroi-Gourhan). Eine dritte
Komponente gehört allerdings auch in diesen Zusammenhang, nämlich die
Sprache von Zeichnungen, die, so primitiv sie auch gewesen sein mögen,
bei der Anfertigung von Schutz- und Arbeitsvorrichtungen dienlich
waren.
Dieser allgemeine Kontext führte schließlich hin zum großen
historischen Moment der griechischen Philosophie, die wir im
zeitlichen Zusammenhang sehen müssen mit der Alphabetisierung und im
allgemeineren kulturellen Zusammenhang mit der Entwicklung mancherlei
handwerklicher Künste, allen voran die Architektur. Sokrates, der
das Denken und die Wahrheit im Gespräch suchte, verfocht die
Mündlichkeit. Das ist zumindest das Bild, das uns Platon von ihm
vermittelt. Die großen Handwerker seiner Zeit teilten diese
Einstellung. Zum Bau von Tempeln und der Herstellung von Werkzeugen
und anderen nützlichen Geräten war nicht unbedingt Schrift vonnöten.
Die heuristischen und mäeutischen Methoden, mit deren Hilfe der
Mensch seine Handlungsalternativen und neuen Optionen überprüft und
überdenkt, sind im wesentlichen mündlich. Sie setzen die physische
Präsenz des Philosophen oder des Architekten voraus. Eigentlich hat
sich bis heute nicht viel daran geändert, wenn wir uns vor Augen
halten, wie Design oder Ingenieurwissenschaften auch heute noch
unterrichtet werden. Aber das ändert sich: gerade diese Bereiche
beziehen immer mehr die digitale Verarbeitung mit ein.
Computationale praktische Erfahrungen, die diese digitale
Datenverarbeitung einbeziehen, genetic engineering, d. h. die
Gestaltung und Erzeugung neuer genetischer Produkte, oder Memetik
sind nicht mehr nur Fortentwicklungen jener Erfahrungen, die auf
Schriftkultur gründen, sondern ganz anderer Natur.