Wissen und Verstehen

Das Verhältnis von Wissen und Verstehen ist vermutlich einer der

wichtigsten Aspekte unserer gegenwärtigen Lebenspraxis. Wir sind in

viele Tätigkeiten eingebunden, ohne die Abläufe wirklich zu verstehen.

Die e-mail erreicht uns und diejenigen, an die wir unsere

Nachrichten versenden, und die wenigsten verstehen, was sich dabei im

einzelnen abspielt. Unser Postsystem war leichter zu verstehen. Den

Weg einer e-mail-Nachricht zu bestimmen, ist für eine programmierte

Maschine trivial, für einen Menschen fast unmöglich. Mit zunehmender

Komplexität unserer Tätigkeiten nimmt die Wahrscheinlichkeit, daß die

darin eingebundenen Menschen sie und die wirkenden Mechanismen

verstehen, rapide ab. Dadurch wird die Effektivität der Tätigkeit

keineswegs geschmälert.

Das gilt mittlerweile für eine ganze Reihe von Tätigkeiten in der

außerhalb der Schriftkultur stehenden Lebenspraxis. Trotz komplexer

diagnostischer Hilfsmittel ist--aufgrund spezifischer Eigenschaften

der zu vollziehenden Tätigkeit--der eine Arzt besser als der andere;

trotz Automatisierung vieler Bereiche des Berufslebens--Buchführung,

Steuererklärung, Design und Architektur--führen irgendwelche Merkmale

der zu verrichtenden Tätigkeiten dazu, daß die Leistung bestimmter

Menschen besser ist als die fortschrittlichste Technologie. Obwohl

manche Manager nahezu nichts von den Produkten ihrer Firma verstehen,

kennen sie die Marktgesetze so gut, daß ihre Arbeit stets mit Erfolg

gekrönt ist, was immer sie auch vermarkten. Diese Manager bewegen

sich im Erfahrungsraum einer Sprache--der Sprache des Marktes, nicht

des Produktes. Wir wollen uns daher die Evolution von Wissen und

Verstehen im Rahmen verschiedener aufeinander folgender pragmatischer

Handlungsrahmen etwas näher anschauen, insbesondere die Rolle, die

die Sprache als vermittelndes Element in jedem dieser Rahmen gespielt

hat.

Das Sprachzeichen besteht aus der kontradiktorischen Einheit von

phonetischen und semantischen Elementen. Innerhalb einer begrenzten

Erfahrungsskala war Schriftkultur und Bildung gleichbedeutend mit dem

Wissen davon, was sich hinter einem Wort verbarg, mit der Fähigkeit,

es aufleben zu lassen oder gar, dem Wort neues Leben zu verleihen.

Mit der Erweiterung der Skala nahm man das, was sich hinter einem

Wort verbarg, als selbstverständlich und vorgegeben. Das setzt

voraus, daß Wörterbücher als Bestandsverzeichnisse unserer Sprache,

also auch die persönlichen Wörterbücher, kongruent sind. Das

Erlernen einer Sprache beschränkt sich nicht darauf, deren Ausdrücke

auswendig zu lernen. Der einzig erfolgreiche Weg liegt darin, eine

Sprache zu leben. Mit dem durch die Sprache erworbenen und

ausgedrückten Wissen stellt sich Verstehen ein.

Der Mensch kommt nicht ohne Erfahrung auf die Welt. Wichtige

Bestandteile der Erfahrung sind biologisch veranlagt. Andere werden

durch beständige Interaktion vermittelt, besonders durch

gegenseitiges Verstehen. Wir haben an der abnehmenden Bedeutung des

olfaktorischen Elements zeigen können, daß die Menschen durch die

evolutionären Zyklen bestimmt sind. Mit dem Rückgang der sinnlichen

Erfahrung verringerten sich auch die an die sinnliche Wahrnehmung

gebundenen Kenntnisse. Ähnlich gilt, daß Sprachleistungen aus dem

Leben und Ausüben einer Sprache hervorgehen. Das Existieren als

Sprache, die Anbindung des einzelnen an die Welt durch Sprache, ist

Voraussetzung dafür, sie zu kennen und zu verstehen. Die Sprache

unserer natürlichen Umwelt ist nicht-verbal; sie artikuliert sich auf

der Ebene der elementaren, von außen veranlaßten Empfindungen, die

sich einstellen, wenn der Mensch seine Umwelt zu beherrschen oder

verändern versucht. Nach derartigen Erfahrungen erlebt der Mensch

die Welt als stabilisierte Bedeutung: Wolken können Regen ankündigen,

Donner Feuer verursachen; fliehendes Wild verrät die Jäger, Eier in

einem Nest deuten auf Vögel hin. Die Komplexität unserer Bemühungen,

die Welt zu meistern, nahm im Lauf unserer Entwicklung ständig zu.

So sind die Tätigkeiten in einem Lebensrahmen, der die Schriftkultur

entstehen ließ, von einem anderen Komplexitätsgrad als die der

Industriegesellschaft und die unserer heutigen Zeit.

Zwischen den Sinnen und der Sprache--und daher auch zwischen

nichtverbalen und verbalen Sprachen--sind zahlreiche Einflüsse

wirksam. Wörter bringen kognitive Bedingungen mit sich, die sich von

Sinneseindrücken unterscheiden und die anders verarbeitet werden.

Die Sprache fügt der Sinnesinformation eine intellektuelle

Information hinzu, und zwar hauptsächlich in Form von Assoziationen,

die das Gegenwärtige und das Nicht-Gegenwärtige umfassen können.

Interessanterweise wissen wir nicht alles, was wir verstehen; und

ebenso verstehen wir nicht alles, was wir wissen. Wir können zum

Beispiel wissen, daß sich in der nichteuklidischen Geometrie

Parallelen treffen. Oder wir wissen, daß Wasser, eine Flüssigkeit,

aus Wasserstoff und Sauerstoff, also aus zwei Gasen, besteht. Oder

auch, daß der Gebrauch von Drogen zu Abhängigkeit führen kann. Und

dennoch verstehen wir nicht unbedingt die näheren Umstände, Abläufe

und Zusammenhänge.

In der Schriftkultur gehen wir davon aus, daß wir, wenn wir etwas

schreiben können, es automatisch kennen und verstehen. Und sollte

sich zeigen, daß unser Wissen unvollständig, zusammenhanglos oder

nicht dauerhaft, daß es in irgendeiner Weise gestört ist, können wir

es durch Lektüre vervollständigen oder durch Vergleich mit dem Wissen

anderer zusammenhängender gestalten. Die Dauerhaftigkeit und

Stabilität von Schrift und Schriftkultur kann sich allerdings auch

als Hemmschuh erweisen, den wir in relativ stabilen Kontexten

zunächst nicht oder nur selten als Nachteil erfahren. Mit

gesteigerten Effizienzerwartungen verkürzen sich indes die Zyklen

unserer Tätigkeit. Die größere Intensität, die Variabilität unserer

Interaktionsstrukturen und die extrem arbeitsteilige Natur unserer

Einbindungen in die Praxis erfordern variable Bezugsrahmen für Wissen

und Verstehen. In diesen veränderten Merkmalen unserer Lebenspraxis

zeichnet sich vermehrt ein Hang zu Zweioder Mehrdeutigkeit im

Sprachgebrauch ab. In Literatur und Theater akzeptabel und

angemessen, im politischen und diplomatischen Leben zweifelhaft,

beeinflußt ein solcher Sprachgebrauch nunmehr die schriftliche

Abfassung von Gedanken und Plänen, die sich auf moralische Werte,

politische Progamme und wissenschaftliche oder technologische Ziele

beziehen.

Die oben erwähnten veränderten Umstände unserer Lebenspraxis

erfordern auch, daß wir für den Erwerb und die Verbreitung von Wissen

andere als nur sprachliche Mittel und deren schriftliche

Funktionsweise einbeziehen. Ein Wissen, das sich schnell verändert,

kann besser mit Mitteln erworben werden, die dieser Dynamik

entsprechen. Auch diese Mittel--interaktive Multimedien, Programme

zur virtuellen Realität oder genetische

Computermodellierung--verändern sich; damit aber impliziert die

Erfahrung des Wissenserwerbs die Einsicht in den transitorischen

Charakter jener Mittel, die das Wissen speichern und darbieten. Es

gibt heute viele Tätigkeiten, deren Wissensgrundlage nicht mehr die

traditionellen Mittel einschließlich der schriftkulturellen

Vermittlung und Bildung sind. Moderne Gehirnchirurgie auf neuronaler

Ebene, Entwicklung immenser weltweiter Netzwerke als Grundlage für

e-mail, Weltraumforschung und memetic engineering, hochspezialisierte

Kanäle des Verstehens und eine Unmenge weiterer hocheffizienter

Tätigkeiten auf einer bis vor kurzem noch nicht verfügbaren

Wissensgrundlage kennzeichnen den Handlungsrahmen eines

Entwicklungsstadiums jenseits der Schriftkultur.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 53 / 65 题