Zukunft und Vergangenheit

Müssen wir schriftkulturell gebildet sein, um die Zukunft behandeln

zu können? Und umgekehrt, ist Geschichte und Geschichtsverständnis

das Ergebnis von Schriftlichkeit? Und ist beides Voraussetzung für

das Verständnis der Gegenwart? Diese Fragen beschäftigen uns heute

mehr denn je. Wir wollen uns zunächst der Zukunft zuwenden, denn an

dieser Frage können wir ablesen, welche Voraussetzungen für die

Auseinandersetzung mit ihr gegeben sein müssen.

Vorahnung ist die natürliche Form einer diffusen Zeiterfahrung.

Diese Erfahrung kann mehr oder weniger unmittelbar sein. Sie richtet

sich nicht vom Jetzt auf das Gewesene (wie es vielleicht im

Gedächtnis gespeichert ist), sondern auf das Mögliche (etwas ein

Zeichen bevorstehender Gefahr in der natürlichen Umwelt).

Hinweisende Zeichen, d. h. indexikalische Zeichen, solcher Art sind

Fußabdrücke, Federn, Blutflecken. Sprache macht Vorahnung und Gefühl

explizit, wenn auch nicht vollkommen. Sie überträgt akkumulierte

Zeichen (Vergangenheit) in eine Sprache des Möglichen (Zukunft).

Wenn wir die Vergangenheit rekonstruieren, erkennen wir, daß jedes

Vergangenheitsstadium einmal eine Zukunft gewesen ist.

Wenn wir bedenken, wie sich unsere Gegenwart in die Zukunft hinein

entfaltet, dann sehen wir schnell, daß mit zunehmenden Möglichkeiten

die Zukunft in ihren Einzelheiten immer weniger bestimmt und

bestimmbar wird. Weder die unkritischen Befürworter der neuen

Technologien, noch die ausschließlich in der Schriftkultur

verhafteten Politiker und Pädagogen haben das begriffen. Beide

Gruppen verstehen offenbar nicht, wie sich Zukunft in unserer

Sprache--oder einem anderen Zeichensystem--in Form von Plänen,

Vorhersagen oder Antizipationen artikuliert.

Jeder Gedanke drückt eine praktische Erfahrung und die kognitive

Leistung aus, den direkten Eindruck zu verallgemeinern. Einmalige

Artikulationen auf der Signalebene und ideographische Schrift

erwachsen aus Erfahrungen, die auf der pragmatisch-affektiven

Existenzebene liegen. Rufe und Schreie oder in Bildern ausgedrückte

Ähnlichkeiten tragen keine Gedanken und gehen kaum über die

unmittelbare Empfindung hinaus. Gedanken ergeben sich aus der

Erfahrung auf der pragmatisch-rationalen Ebene. Sprache kann dabei

als Medium dienen, Pläne explizit zu machen. Zeichnungen, Diagramme,

Modelle und Simulationen können durch Sprache beschrieben werden.

Bevor die Menschen ihre Zukunft verschriftlicht haben, haben sie sie

versprachlicht, und zwar auch mithilfe anderer Zeichen: mit

Körperbewegungen, Gegenständen, die Gefahr und damit Furcht andeuten,

und erfolgreichen Handlungen, die Zufriedenheit signalisieren. Mit

der Übertragung auf Tontafeln und Papyrus erhielt die auf die Zukunft

gerichtete Sprache einen anderen Status--sie verlor die Flüchtigkeit

der ursprünglichen Laute und Gesten. Schrift begleitet Handlung und

überdauert die darin gemachte Erfahrung. Damit umgab das

geschriebene Wort eine Aura, die Laute, Gesten oder auch Kunstgebilde

nie erlangen konnten. Auch Wiederholungsmuster, das wesentliche

Strukturmerkmal von Ritualen, vermochten nicht in dem Maße wie die

Schrift die Empfindung von Dauerhaftigkeit zu vermitteln. Gordon

Childe stellt in diesem Zusammenhang fest: "Die Verewigung des Wortes

in der Schrift muß als übernatürlicher Prozeß empfunden worden sein;

es mußte magisch anmuten, daß ein längst Verstorbener noch immer von

einer Tontafel oder einer Papyrusrolle sprechen konnte."

Im religiösen Zusammenhang verlagert sich die Aura vom

Magisch-Mythischen (übermittelte Hinweise für erfolgreiches Handeln)

zum Mystischen (eine übernatürliche Autorität als Hinweisquelle).

Auch die Organisation des gesellschaftlichen Lebens erwies sich ohne

Dokumente mit Vorschriftscharakter als wenig effektiv. Die ersten

überlieferten Dokumente aus dem alten China tragen dieser Einsicht

Rechnung, gleiches gilt für Hindu, Hebräer und Griechen sowie für

viele nachfolgende, oft am Römischen Imperium orientierten

Zivilisationen.

Natürlich setzt die Verwendung von Sprache für die Regelung des

Gemeinwesens nicht zwangsläufig Schriftlichkeit voraus. Dies gilt

für Vergangenheit und Gegenwart. Es gab Zeiten, in denen man nur von

Fremden den Erwerb von Schreib- und Lesekenntnissen erwartete. Dem

lag eine praktische Einsicht zugrunde: der Fremde fand auf diese

Weise Zugang zu den ihm ungewohnten Sitten der einheimischen

Bevölkerung. Mit der Abgabe von Versprechen--die sich ja stets auf

Zukünftiges richten--wurde das soziale Leben zunehmend

verschriftlicht, wenngleich auch dann die Besiegelung oft mündlich

erfolgte, wie die Eidesformeln und -gesten bis in die heutige Zeit

zeigen. Mit all dem wurden lineare Beziehungen von Ursache und

Wirkung festgehalten und als Maßstab (der Rationalität) in die

Zukunft projiziert.

In unserer heutigen Gesellschaft wird die für die Vergangenheit

charakteristische Sprache als Dekorum verwendet. Eine globale Skala

und die gesellschaftliche Komplexität finden in linearen Beziehungen

nicht mehr ihren angemessenen Ausdruck. Infolgedessen ist die

Schriftlichkeit der Schriftkultur zukünftig nicht nur eine unter

vielen anderen Sprachen, sondern vielleicht sogar ungeeignet für die

effiziente Artikulation von Zukunftsplanungen. Fast alle, die sich

heute mit solchen Planungen befassen, arbeiten mit mathematischen

Modellierungen und Computersimulation. Die Arbeitsergebnisse

beanspruchen immer weniger Text und werden in dynamischen Modellen

abgebildet, die global verfügbar sind. An die Stelle von Linearität

treten nicht-lineare Beschreibungen der zahlreichen miteinander

verknüpften Faktoren. Selbstkonfiguration, Parallelismus und

verteilte Strategien kommen zum Ausdruck bei Simulationen der Zukunft.

Die Geschichte allerdings hat ihren Ursprung eindeutig in der Schrift.

Sie ergibt sich aus der Beschäftigung mit universell verfügbaren

Aufzeichnungen, mithin innerhalb des Universums der Schriftkultur.

Wir wissen nicht, ob eine Grammatik die Sprache in ihrem

geschichtlichen Werden zusammenfassend darstellt oder das Programm

für ihre zukünftige Verwendung entwirft. Grammatiken gibt es in

verschiedenen Kontexten, offenbar weil der Mensch die einzelnen

Stimmen innerhalb einer Sprache verifizieren möchte. Aus dem

gleichen Anlaß gibt es Geschichtsdarstellungen: weniger um

irgendeiner historischen Größe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,

als vielmehr um einen Zusammenhang aus den Quellen herzustellen, um

sie in einer Stimme sprechen zu lassen und den Zusammenhang zu

erschließen, aus dem sie entstanden sind.

Die Zukunft und die Selbstkonstituierung des Menschen in neuen

pragmatischen Zusammenhängen stehen in direkter Verbindung; die

Vergangenheit hängt indirekt mit der praktischen Erfahrung zusammen.

Das verbindende Element für die verschiedenen auf die Zukunft

gerichteten Perspektiven liegt in der neuen Erfahrung. In

Ermangelung einer solchen verbindenden Perspektive wird

Geschichtsschreibung zum Selbstzweck, ungeachtet der Kraft, die von

Beispielen ausgeht. Seit dem frühen Mittelalter reichten

schriftliche Aufzeichnungen und die analytische Kraft der Sprache für

die Geschichtsschreibung und die Schärfung des Geschichtsbewußtseins

aus. Als sich die Methoden der Geschichtsforschung differenzierten,

möglicherweise im Zusammenhang mit der Lebenspraxis, ergaben sich

neue Perspektiven. Einige waren ganz praktisch ausgerichtet: Welche

Pflanzen wurden in primitiven Gesellschaftsformen verwendet? Wie war

die Wasserversorgung geregelt? Wie ging man mit den Toten um?

Andere hatten politische, ideologische oder kulturelle Grundlagen.

Aber in allen diesen aus der Lebenspraxis hervorgehenden Fällen

entzog sich die Geschichte mehr oder weniger den Beengungen der

Schriftkultur.

Spracharchäologie, Anthropologie und besonders Paläoanthropologie

sowie Computergeschichte sind nur einige Beispiele für neue Bereiche

der Geschichte und Geschichtsschreibung, die neue Formen jenseits der

Schriftkultur annehmen. Sie sind gekennzeichnet durch neue

Arbeitsmittel wie Elektronenmikroskop, Computersimulation,

Modellierung künstlichen Lebens und Forschungsergebnisse zur

künstlichen Intelligenz oder Genetik. Die Memetik untersucht die

Seinsform von Gedanken und deren Bewußtwerdung, sie bezieht sich auf

Vergangenheit und Zukunft. Sie entwickelte sich aus der Genetik und

trägt die Kennzeichen eines Darwinschen Mechanismus. Sie wurde zum

Schlüsselbegriff für eine Generation, die ohne jeglichen

Geschichtsbezug war und sich nicht minder von einer Zukunft bedroht

sah, die allzu schnell auf sie hereinbrach. Technologische

Umsetzungen der Memetik (das sogenannte memetic engineering oder die

Memetiktechnologie) bezeugen Effizienzerwartungen, die die Geschichte

des Zeitalters der Schriftkultur niemals beschäftigte oder auch nur

anerkennen wollte.

Es sieht also ganz so aus, daß die relativierte Bedeutung der

Schriftkultur und der an sie geknüpften Ideale von Universalität,

Dauerhaftigkeit, Hierarchie und Determinismus und das gleichzeitig zu

verzeichnende Aufkommen vieler Schriftlichkeiten, mit den wiederum an

sie geknüpften Haltungen der Begrenztheit, Flüchtigkeit,

Dezentralisierung und des Indeterminismus parallel verlaufen zu der

abnehmenden Bedeutung von Geschichte und dem Aufkommen vieler

Spezial-(oder Teil-)geschichten. Der Hypertext ersetzt den

diskursiven Text und ruft eine neue Welt von Verbindungen ins Leben.

Diese neuen Verknüpfungen zwischen genau definierten Bereichen der

historischen Aufzeichnung verweisen auf eine Realität, die sich der

fortlaufenden, zusammenhängenden Darstellung einer einheitlichen

Geschichte entzieht; sie sind aber für die Gegenwart relevant. Der

spezialisierte Historiker berichtet nicht einfach über die

Vergangenheit, sondern über jene spezifischen Aspekte der

menschlichen Selbstkonstituierung in der Vergangenheit, die für den

heutigen Erfahrungsrahmen bedeutsam sind. Bisweilen scheint es, als

erfänden wir die Vergangenheit stückweise aufs Neue, nur um die

gegenwärtige Lebenspraxis zu unterstützen und das Bewußtsein von der

Gegenwart zu stärken. Die Sequentialität und Linearität jenes

pragmatischen Rahmens, der Sprachen erst entstehen ließ und zu einem

späteren Zeitpunkt Schriftkultur und Geschichtsbewußtsein notwendig

erforderte, sind nun durch Nicht-Sequentialität und nichtlineare

Beziehungen ersetzt, die auf die heutige Skala des menschlichen

Daseins besser zugeschnitten sind. Sie erweisen sich zudem für die

komplexen Formen heutiger menschlicher Selbstkonstituierung als

besser geeignet.

Als Eintrag in einer Datenbank (von enormem Umfang) verbreitet die

Vergangenheit noch immer ihre romantische Aura, aber sie richtet sich

auf Gegenwart und Zukunft. Eine Position außerhalb der Schriftkultur,

wie sie sich zum Beispiel in der Unkenntnis der einen großen

Erzählung (story) von der Geschichte (history) äußert, resultiert

nicht aus Unkenntnis im Lesen und Schreiben. Sie ist auch nicht auf

schlechte Geschichtslehrer oder Geschichtsbücher zurückzuführen, wie

manche glauben. Sie ergibt sich daraus, daß unsere neuen praktischen

Erfahrung der Selbstkonstituierung von den Erfahrungen der

Vergangenheit abgetrennt sind.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 52 / 65 题