Als das Sprechzeichen ein Sprachzeichen (Alphabet, Wörter, Sätze)
wurde, gewann der oben skizzierte Prozeß an Tiefe. Das konkrete
(geschriebene, stabilisierte) Zeichen leistete seinen Beitrag bei der
Verallgemeinerung von Erfahrung--mittels der Abstraktheit seiner
Linien, Formen und Verknüpfungen, Ton, Wachs und Pergament oder
irgend einem anderen Träger. Die Abfolge individueller Zeichen
(Buchstaben, Wörter) verwandelte sich in das Zeichen für das
Allgemeine. Jahrhundertelang war die Schrift nur ein Behälter für
Sprache, nicht operationelle Sprache. Damit widersprechen wir nicht
der noch immer umstrittenen Sapir-Whorf-Hypothese von der
Beeinflussung des Denkens durch die Sprache. Wir wollen lediglich
klarstellen, daß der aktive Einfluß auf das Denken nicht unmittelbar
von der Sprache, sondern von einer Abfolge von praktischen
Erfahrungen ausging. Hätte es ein Gerät gegeben, die mündliche
Sprache aufzuzeichnen, dann hätte die Verwendung von Schrift und die
Notwendigkeit von Schriftkultur ziemlich sicher andere Formen
angenommen.
Die Menschen gehen mit Zeichensystemen nicht um wie mit Maschinen
oder mit irgendwelchen Teilen, die man ansammelt und weglegt. Sie
waren stets ihre eigenen Skripte und vollzogen in Form von Notationen
tatsächliche oder mögliche Erfahrungen. Das hebräische Alphabet
begann als Kurzschrift aus Konsonanten, die die Schreiber als
Wortwurzeln auf Pergament brachten. Für die begrenzte Skala und
gemeinsame Lebenspraxis reichte diese Kurzschrift völlig aus. Die
Hieroglyphen der Maya, die mesopotamischen Ideogramme und alle
anderen uns bekannten Notationen verfolgten denselben Zweck: Hinweise
zu geben, damit andere die Sprache wiederaufleben lassen konnten.
Eine erweiterte Skala und weniger homogene Erfahrungen veranlaßten
die hebräischen Schreiber, diakritische Zeichen zur Andeutung von
Vokalen zu ergänzen. Ebenso veränderte sich die Schrift der
Mesopotamier und Sumerer mit veränderten pragmatischen Rahmen.
Daß das Schreiben zu den Erfahrungen menschlicher
Selbstkonstituierung gehört, die sich in der Struktur der Gedanken
widerspiegelt, könnte ohne einen Blick auf die biologische Komponente
vielleicht nicht überzeugen. Derrick de Kerkhove hat darauf
hingewiesen, daß alle von rechts nach links geschriebenen Sprachen
nur Konsonanten verwenden. Die kognitiven Lesemechanismen, die man
zu ihrer Entzifferung braucht, unterscheiden sich also von denen, die
man zur Entzifferung von Sprachen mit Vokalen benötigt, die von links
nach rechts geschrieben werden. Als die Griechen die ursprünglich
konsonantischen Alphabete der Phönizier und Hebräer übernahmen,
ergänzten sie diese um Vokale und veränderten die
Schriftrichtung--zunächst in Form des pflugartig in beide Richtungen
verlaufenden Bustrophedon. Später dann bekam die Schrift ihre
gleichförmige Richtung, die einer auf Sequentialität ausgerichteten
kognitiven Struktur entsprach. Dementsprechend veränderte sich die
Funktionsweise der griechischen Sprache. Die im Kontext der
vorsokratischen und sokratischen Dialoge stehenden Gedanken haben
einen deutlich deduktiven, spekulativen Charakter im Gegensatz zum
analytischen Diskurs der schriftlich verfaßten späteren griechischen
Philosophie.
Der Zusammenhang von Denkstruktur und Schriftstruktur läßt sich auch
an den Vorurteilen gegenüber der Linkshändigkeit ablesen, die in
vielen Sprachen und den von ihnen geformten Denkweisen verbreitet
sind. Rechts (Hand und Richtung) scheint eindeutig bevorzugt zu sein:
Wir bezeichnen Dinge als richtig (englisch right), im Deutschen sind
Recht und Richter etymologisch damit verwandt; wir erledigen Dinge
mit der rechten Hand und bevorzugen die rechte Seite. Vorstellungen
von dem, was richtig oder gerecht ist, die Menschenrechte und vieles
andere stehen in diesem etymologischen Zusammenhang. In unseren von
Rechts beherrschten Denk- und Handlungsweisen ist dementsprechend die
linke Hand negativ konnotiert mit Schwäche, Unfähigkeit und sogar
Sünde. (Beim Jüngsten Gericht müssen die Sünder zur Linken Gottes
stehen.) Der in diesen Verhältnissen zum Ausdruck kommende
Symbolismus würde eine nähere Untersuchung verdienen; in unserem
Zusammenhang ist es indes interessant zu vermerken, daß die Dominanz
des Rechten in Schrift, Schriftkultur und Bildung verblaßt. Die
Effizienz einer auf dieser Norm gründenden Praxis reicht nicht mehr
aus, um den an globale Handlungsräume gerichteten
Effizienzerwartungen zu genügen. Dieser Prozeß steht im Zusammenhang
mit allgemeinen Erfahrungen, in denen Schrift zunehmend durch viele
Teilschriften ersetzt wird, die ein Stadium jenseits der
Schriftkultur kennzeichnen.
Da Gedanken im Akt des Sprechens entstehen, hängt ihre Verbreitung
und Bewertung von der Tragbarkeit des Mediums ab, in dem sie
ausgedrückt werden. Mit dem Aufkommen der Schrift war die
Verbreitung der Sprache nicht mehr an die Mobilität ihrer Sprecher
gebunden. Die in der Schrift ausgedrückten Gedanken konnten
außerhalb ihres Entstehungszusammenhangs geprüft werden. Damit
fallen die Funktion der Verbreitung durch Sprache und der Bewertung
in der Lebenspraxis zusammen. Einer Tafel, einer Papyrusrolle, einem
Kodex, einem Buch oder einem digitalen Vergleich ist gemeinsam, daß
sie praktische Erfahrungen aufzeichnen; aber nicht das, was ihnen
gemein ist, erklärt ihre Effizienz, sondern die in den gegebenen
Zusammenhängen gefundene Verbreitungsform, die in der alles
durchdringenden und global präsenten Form der digitalen Aufzeichnung
ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Für den Zugang zum in den
elektronischen Netzwerken gespeicherten Wissen benötigen wir nichts
weiter als ein Password. Damit lösen wir uns von den bekannten
Raumund Zeitkoordinaten. In diesen erweiterten Parametern kann die
Schiftkultur nicht mehr alle Erwartungen erfüllen. Der Bereich, in
dem sich die Alternativen zur Schriftkultur herausbilden, begründet
das Stadium jenseits der Schriftkultur.