Das Funktionieren der Sprache kann weder in Rotationen pro Sekunde
oder in verarbeiteten Rohstoffmengen noch mit unseren neuen
Maßeinheiten von Bits, Bytes, Flops und dergleichen ausgedrückt
werden. Die Produkte der Sprache (um in der Maschinenmetapher zu
bleiben) sind Ausdrucksformen, Informationsaustausch und Wertungen.
Noch wichtiger aber ist ein anderes Produkt, das den kognitiven
Aspekt menschlicher Selbstkonstituierung bestimmt: Gedanken und
Vorstellungen.
Wir haben gezeigt, wie sich Sprache von ihrer Bindung an individuelle
Erfahrung loslöste, wie diese Entwicklung Interaktionsformen und
Handlungsmuster beeinflußte und wie sich schließlich die
verschiedenen Notationsformen aus einer erweiterten Erfahrungs- und
Interaktionsskala heraus zur Schrift hin entwickelten, die ihrerseits
einen ganzen Satz von linearen Konventionen bewirkte.
Die Umstände, die das Entwickeln und Verstehen von Gedanken
ermöglicht haben, ließen den Menschen als einzigartige Spezies unter
allen Lebewesen hervortreten. Gedanken, wie komplex sie auch
ausfallen, beziehen sich auf Weltzustände: auf die physische,
biologische oder räumliche Wirklichkeit, die in der
Selbstkonstituierung des Individuums verkörpert ist. Sie beziehen
sich ferner auf die Geisteszustände derer, die die Gedanken
formulieren. Gedanken sind Symptome der menschlichen
Selbstkonstituierung und damit zugleich der Sprachen, die die
Menschen in der Praxis entwickelt haben. Wir wollen der Frage
nachgehen, ob zwischen Schriftkultur und dem Entwickeln und Verstehen
von Gedanken ein innerer Zusammenhang besteht oder ob Gedanken auch
auf andere als schriftsprachliche Weise, etwa in Zeichnungen oder den
heutigen multimedialen Systemen formuliert und verstanden werden
können.
Die Menschen drücken sich durch ihre Zeichensysteme nicht nur anderen
gegenüber aus, sie hören sich auch zu und blicken sich an. Sie sind
gleichzeitig Sender und Empfänger. Beim Sprechen folgen die Zeichen
in einer Serie von selbstkontrollierten Abfolgen aufeinander. Neue
Ausdrucksformen entstehen (Synthese), indem das verfügbare Wissen auf
eine neue, den neuen lebenspraktischen Erfahrungen angemessene Weise
geordnet wird; dieser Prozeß unterliegt der beständigen
Selbstkontrolle.
Präverbale und subverbale unartikulierte Sprachen (auf der
Signalebene von Geruch, Berührung, Geschmack oder die kinetischen und
proxemischen Sprachtypen) definieren Empfindungen unmittelbar bzw.
über rudimentäre Kontexte. Das Verhältnis von artikulierter Sprache
zu unartikulierten subverbalen Sprachen zeigt sich auf der Ebene der
natürlichen wie auch der soziokulturellen Tätigkeiten. Hierfür ein
Beispiel: Unter den Bedingungen, die allmählich zur Sprache
hinführten, war das Olfaktorische als Geschmackskontrolle in seiner
Bedeutung Sehen und Gehör vergleichbar. Dies änderte sich, als an
die Stelle der unmittelbaren Erfahrung die sprachlich vermittelte
Erfahrung trat. Im lebenspraktischen Zusammenhang der Schriftkultur
verlor der Geruchssinn gänzlich an Bedeutung. Biologische
Kommunikationsformen wurden eingeschränkt, immaterielle, nicht an
Substanzen gebundene Kommunikation nahm im gleichen Maße zu. Gewiß
können Gedanken im strengen Wortsinn nicht durch Geruch ausgedrückt
werden. Dennoch beeinflussen Geruchs-, Geschmacks- und andere
Sinneserfahrungen Bereiche der Lebenspraxis, die jenseits von
Schriftlichkeit liegen.