Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung

Üblicherweise werden Sprachfunktionen entweder mit Gehirntätigkeit

assoziiert oder über den Bereich menschlicher Interaktion definiert.

Im ersten Fall wird Sprachverstehen, Sprachproduktion, Lese-,

Aussprache- und Schreibfähigkeit untersucht. Durch nicht-invasive

Methoden versucht der Neuropsychologe aufzuzeigen, wie Erinnerung und

Sprachfunktionen mit dem Gehirn zusammenhängen. Im zweiten Fall

liegt das Augenmerk auf sozialen und kommunikativen Funktionen, mit

zunehmendem Interesse an unterliegenden Aspekten (die oft an

Computermodellen durchgespielt werden). Mein Ansatz dagegen verlegt

die Sprachfunktionen in den Bereich der praktischen Erfahrung, in die

Pragmatik der menschlichen Spezies. Sprachfunktionen werden

zuallererst durch Zeichenprozesse verkörpert.

In einem vorsprachlichen Zustand funktionierten Zeichen auf der

Grundlage ihrer ontogenetischen Bedingungen. Es waren

zurückgelassene Markierungen--Fußeindrücke, Blut aus einer Wunde,

Bißabdrücke--, die nur in dem Maß Assoziationen erlaubten, in dem

Individuen ihre Entstehung erfuhren oder nachvollzogen. Das Erkennen

solcher Zeichen führte zu einfachen Assoziationsmustern wie Aktion

und Reaktion, Ursache und Wirkung. Die Erfahrung, daß ein Biß einen

Abdruck hinterläßt, ist ein Beispiel dafür. Hinweise auf Gegenstände

(abgebrochene Zweige am Weg, Obsidiansplitter an Stellen, an denen

Steine bearbeitet worden waren, zurückgebliebene Asche) und Symptome

(von Stärke oder Schwäche) sind weniger unmittelbar, aber ebenfalls

noch ohne jegliche Intentionalität. Die nichtintentionale

Zeichenerfahrung fand mit der Nachahmung ein Ende. Bei nachahmenden

Zeichen, die dem Dargestellten ähnlich sein sollen, wird das Zeichen

nicht einfach zurückgelassen, sondern gezielt geschaffen mit dem

Zweck, mit anderen geteilt zu werden, also mit-zu-teilen.

Die Funktion, die am besten das Zeichen als Hinweis auf seinen

Verursacher definiert, ist die Ausdrucksfunktion. Die

Kommunikationsfunktion bringt Individuen über die Erfahrung zusammen,

an der sie teilnehmen. Die Bedeutungsfunktion schließlich entspricht

einer Erfahrung, die Zeichen zum Gegenstand hat und auf der

symbolischen Ebene operiert. Diese Funktion versieht das Zeichen mit

dem Gedächtnis, das den Prozeß seiner Hervorbringung in der

Lebenspraxis einschließt. Die Bedeutungsfunktion verweist auf die

selbstreflexive Dimension von Zeichen. Ausdruck und Kommunikation,

vor allem aber Bedeutung unterscheiden sich in unterschiedlichen

pragmatischen Handlungsrahmen erheblich.

Ausdrucksformen sind gewissermaßen Gleichnisse für individuelle

Eigenschaften und persönliche Erfahrung, sie können als Übersetzung

dieser Eigenschaften und der Erfahrung, die sie hervorbringt,

betrachtet werden. Ein großer Fußabdruck verweist auf einen großen

Fuß und bestimmt innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala das

lebenswichtige Resultat einer Handlung. Die Ausdrucksformen der

gesprochenen Sprache sind durch die Gegenwärtigkeit der

Kommunikationspartner gekennzeichnet, deren gemeinsame Raum- und

Zeiterfahrung durch Versicherungen wie hier und jetzt ausgedrückt

wird. In der Schrift ist die Ausdrucksform an die äußeren Merkmale

des Schreiben-Könnens gebunden. Daher schließt die Graphologie auch

von den äußeren Erscheinungsmustern auf psychologische Eigenschaften

des Schreibers. Die Schriftkultur ist jedoch an derartigen

Ausdrucksformen wenig interessiert, wenngleich sie dazu beiträgt und

natürlich der Graphologie als Medium dient. Die Schriftkultur

fördert Normen und Erwartungen bezüglich des korrekten Schreibens.

Diejenigen, die diese Normen verinnerlichen, wissen, daß innerhalb

einer auf Schriftkultur beruhenden Praxis die Effizienz der

Selbstkonstituierung ganz wesentlich durch eine gleichförmige

Arbeits- und Lebenspraxis erhöht wird.

Für die Kommunikations- und Bedeutungsfunktion gilt das gleiche.

Gemeinsam ist ihnen eine aufsteigende Skala: Bezeichnungen für

Verwandtschaft, für größere Gruppen, Kollektivbezeichnungen,

schließlich kraftvolle Ausdrücke, wenn sich der Aktionsradius

erweitert und Individuen allmählich mit ihren individualisierenden

Merkmalen negiert werden. Bei der Kommunikation wird das noch

deutlicher. Familienmitglieder zusammenzubringen ist leichter, als

Stämme, Gemeinden, Städte, Länder usw. oder gar die ganze Welt

zusammenzuführen. Da aber verfügbare Ressourcen nicht

notwendigerweise mit erhöhten Bevölkerungszahlen und schon gar nicht

mit wachsenden Bedürfnissen und Erwartungen Schritt halten, ist es

entscheidend, kognitive Ressourcen in die Erfahrungen der

Selbstkonstituierung zu integrieren. Die an Zeichensysteme gebundene

Kommunikationsfunktion erreichte mit den Mitteln der Schriftkultur

ihre bis dahin höchste Entwicklung. Neue Erweiterungen der Skala

werden neue Effizienzerwartungen mit sich bringen und damit indirekt

einen Bedarf an neuen Mitteln, die diesen Erwartungen gerecht werden.

Veränderungen--wie der Schritt von vorsprachlichen zu sprachlichen

Zeichensystemen, von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit, von der

Schriftkultur zu einem Stadium jenseits davon--finden immer nur dann

statt, wenn die praktischen Erfahrungen komplexer werden und neue

kognitive Ressourcen erschließen. Mit anderen Worten: Wenn die

Sprache die Lebenspraxis nicht mehr so trägt, daß die der gegebenen

Skala entsprechende Effizienz erreicht wird, werden neue Formen des

Ausdrucks, der Kommunikation und des Bedeutens notwendig.

Unser Thema, die zeitliche Bedingtheit eines jeden Zeichensystems,

besonders das der Mündlichkeit und der Schriftkultur, ist von diesen

Überlegungen in zweifacher Hinsicht betroffen:

1. Sie zeigen, daß die grundlegenden Sprachfunktionen (Ausdruck,

Kommunikation, Bedeutung) von pragmatischen Lebenszusammenhängen

abhängig sind;

2. Sie zeigen Bedingungen auf, unter denen neue Mittel und Methoden

mit größerer Effizienz diejenigen ergänzen oder übertreffen, die in

zurückliegenden Praxiszusammenhängen entstanden waren.

Wir haben im einzelnen zeigen können, wie Lebenspraxis,

Selbstkonstituierung und Identitätsbildung in der

Menschheitsentwicklung einhergingen mit der Entwicklung von immer

differenzierteren und abstrakteren Zeichensystemen, die schließlich

in der Schriftkultur und den aus ihr hervorgehenden Errungenschaften

im Produktionsbereich, im sozialen, politischen und künstlerischen

Leben sowie in Bildung und Freizeit gipfelten.

Die Entwicklung von Sprachen auf noch höheren Ebenen und von Mitteln

zur Visualisierung, Animation, Simulation und Modellierung bringt

heutzutage weitere Veränderungen mit sich. Wir werden ihre Bedeutung

für unser Leben jedoch nicht verstehen können, wenn wir uns nicht

vergegenwärtigen, was sie notwendig gemacht hat. Das heißt, wir

müssen uns wieder mit dem Menschen und seiner dynamischen Entfaltung

befassen. Dazu müssen wir zuallererst die Beziehung zwischen der

Struktur der Kultur, innerhalb derer Zeichensysteme, Schriftkultur

und Bildung und darüber hinausgehende Mittel zu identifizieren sind,

und der Struktur der Gesellschaft, innerhalb derer sich die

Interaktion zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser Gesellschaft

vollzieht, verstehen. Ansonsten geben Erklärungsmodelle jedweder Art

keinen Sinn. Wir gehen von folgender Voraussetzung aus: Da nicht

einmal die Väter des behavioristischen Modells davon ausgingen, daß

die Ursprünge unseres Verhaltens in uns selbst liegen (Skinner hat

das in einem Interview kurz vor seinem Tod noch einmal dargelegt),

dürfen wir die zu einer Gemeinschaft findenden Individuen als Ort

menschlicher Interaktion definieren. Dabei wirkt Sprache lediglich

als eine Integrationskraft unter anderen. Wir haben gesehen, wie der

Übergang vom Natur- zum Kulturzustand, der seinen Höhepunkt in der

Schriftkultur erreichte, einen Wechsel in der Welterfahrung und im

Verhältnis des Menschen zur Welt bewirkte. Heute sehen wir uns einem

Umbruch ausgesetzt, der auf eine Lebensform jenseits der

Schriftkultur hinsteuert--gekennzeichnet durch vielfältige Schichten

der Vermittlung und Vermitteltheit, Konfiguration, Nichtlinearität,

Aufgabenverteilung und durch Meta-Sprache. In diesem Prozeß

verändert sich die Funktionsweise der Sprache ebenso wie der Mensch,

der sich in grundlegend neuen Erfahrungszusammenhängen und

Praxisformen neu konstituiert.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 49 / 65 题