Annahmen sind eine wichtige Komponente für das Funktionieren von
Zeichensystemen. Ein zurückgebliebener Abdruck kann Sinn ergeben,
wenn er bemerkt wird. Die Annahme, daß etwas erkannt oder bemerkt
wird, ist die minimale Voraussetzung dafür, daß etwas als Ausdruck
gilt. Die mit dem Schreiben verbundenen Annahmen sind andere als die
der Mündlichkeit. Sie umfassen strukturale Merkmale der praktischen
Erfahrungen, innerhalb derer die schreibenden Menschen ihre Identität
setzen. Schriftkulturelle Annahmen sind im Gegensatz zu anderen der
Sprachlichkeit eigenen Annahmen Erweiterungen der linearen,
sequentiellen Erfahrung mit all ihren konstitutiven Teilen. Sie
schlagen sich im Vokabular nieder, besonders aber in der Grammatik.
Die neue Mündlichkeit hingegen ist eine Erfahrung jenseits des
Bereichs, der durch die Mittel und Methoden der Schriftkultur
bestimmt ist. Diese neue Kultur stellt die Notwendigkeit und
Berechtigung der schriftkulturellen Annahmen in Frage, und zwar
besonders mit Blick darauf, wie sie sich auf die Effizienz des
Menschen auswirken.
Die heute selbstverständlichen differenzierten Bezeichnungen für Zeit
und Raum haben sich nur allmählich und zunächst in wenig
differenzierter Weise durchsetzen können. Und trotz unseres
ungeheuren Fortschritts müssen wir auch heute noch im Umgang mit Zeit
und Raum auf das Repertoire zurückgreifen, das in den frühen Stadien
der Menschheit entwickelt wurde. Bewegungen von Hand, Kopf oder
anderen Körperteilen (Körpersprache), Veränderungen des
Gesichtsausdrucks und der Hautfarbe (Erröten), Atemrhythmus und
Stimmvariation (Intonation, Pause, Sprachfluß)--all dies läßt
erkennen, daß im Gespräch eine Erfahrung wachgerufen wird, die von
der Sprache allein nicht getragen werden kann. Und diese
paralinguistischen Elemente sind in den neuen
Erfahrungszusammenhängen interaktiver virtueller Welten nicht weniger
bedeutungsvoll.
Die paralinguistischen Elemente, die in primitiven
Lebensgemeinschaften bewußt verwendet werden oder unbewußt vorhanden
sind, entziehen sich der näheren Erforschung. Innerhalb von
Lebensgemeinschaften, deren Angehörige die gleichen genetischen
Voraussetzungen mitbringen, nehmen sie unterschiedliche Formen an.
Sie sind keineswegs auf Sprache beschränkt, wenngleich sie an die
Erfahrung der Sprachverwendung geknüpft sind. Das gilt zum Beispiel
für das ausgeprägte Rhythmusgefühl der Schwarzen in Amerika und
Afrika oder die holistische Weltsicht der Chinesen und Japaner. Wir
können lediglich aus Wörtern in den von uns rekonstruierten
Protosprachen oder der vermuteten einheitlichen Muttersprache der
Menschheit (Proto-Welt) folgern, daß Wörter in Verbindung mit
nichtsprachlichen Einheiten verwendet wurden. Ob es eine solche
Muttersprache der Menschheit, eine vorbabylonische Sprache je gegeben
hat, ist eine andere Frage. In dieser Frage verbirgt sich die Suche
nach einem allen Menschen gemeinsamen Vorfahren und dessen
vermeintlicher Sprache. Wichtiger ist jedoch, daß die praktische
Erfahrung der Herausbildung von Sprache keineswegs alles
Nichtsprachliche eliminiert. Das paralinguistische Element bleibt
für die Effizienz menschlicher Aktivitäten selbst dann wichtig, wenn
Sprachlichkeit eine so beherrschende Rolle spielt wie im Zeitalter
der Schriftkultur. Ein Stadium jenseits der Schriftkultur wird nun
nicht notwendig die paralinguistischen Überreste zurückliegender
Erfahrungsräume ausgraben. Vielmehr wird ein Rahmen geschaffen, der
ihre Einbindung in eine effektivere Lebenspraxis ermöglicht, in einen
Prozeß mit technologischen Möglichkeiten, die alle erdenklichen
Hinweise verarbeiten kann.
In einem bestimmten Rahmen von Raum und Zeit werden paralinguistische
Zeichen stark konventionalisiert. Die Entwicklung des englischen
Wortes I (im Gegensatz zu seinen Entsprechungen in anderen Sprachen:
ich, je, yo, eu, én, ani usw.) oder die Art, wie sich die auf das
Wort two bezogenen Wörter entwickelten (Hände, Beine, Augen, Ohren,
Eltern), geben hierfür aufschlußreiche Hinweise. Vermutlich trat zum
Beispiel das Paar zunächst als grammatische Kategorie auf und wurde
durch nichtsprachliche Zeichen markiert (Klatschen, Wiederholung,
Aufzeigen). Einige solcher Zeichen sind noch heute gebräuchlich.
Grammatische Kategorie und die Unterscheidung zwischen eins und zwei
hängen zusammen. Die Aranda in Australien verwenden die Wörter eins
und zwei als Grundlage ihrer Arithmetik. Ebenso beginnt der Plural
mit zwei. Das erscheint uns heute als selbstverständlich, aber
einige Sprachen (z. B. Japanisch) kennen keinen Plural. Und
schließlich können die gleiche Zeichen (das Zeigen mit dem Finger,
Signale der Hand) in verschiedenen Kulturen unterschiedliche
Bedeutungen haben. Kopfnicken bedeutet bei den Bulgaren Ablehnung,
Kopfschütteln Zustimmung.
Innerhalb einer Kultur wird jedes Zeichen zu einer bedeutenden
Hintergrundkomponente, denn es verkörpert die gemeinsame Erfahrung,
die es hervorbrachte. Im direkten Gespräch kennen sich entweder die
Gesprächsteilnehmer oder sie lernen sich kennen; was sich in der
skizzierten und weiter kumulierbaren Voraussetzung des "Ich weiß, daß
du weißt, daß ich weiß, daß du weißt" ausdrückt. Sprechen und
Zuhören werden so zu einer Erfahrung des gegenseitigen Verstehens,
vor allem wenn sich das Gespräch in einem nicht-linearen,
unbestimmten Kontext vollzieht, der in Form von Schriftlichkeit nicht
mehr nachgebildet werden kann. Hierzu zählen die Kontakte in der
elektronisch vernetzten Welt und extrem schnelle Transaktionen
(Börsenhandel, Weltraumforschung, militärische Operationen), die mit
den begrenzten Möglichkeiten der Schriftkultur nicht zu leisten sind.
Mündlichkeit kann deklarativer, interrogativer oder imperativer Natur
sein. Mit zunehmend vertiefter Erfahrung im Umgang mit Sprache und
aufgrund der dem mündlichen Sprachgebrauch impliziten Annahmen
entwickelte der Mensch allmählich seine interaktive Natur. Diese
ergab sich aus veränderten Lebensbedingungen: in der Natur war
Interaktion auf Aktion-Reaktion begrenzt; im menschlichen Leben
entwickelten sich aus diesem interaktiven Grundmuster
Interaktionsabfolgen, welche die Bereiche des gemeinsamen Interesses
definierten. Die fortschreitende kognitive Erkenntnis, daß die
Ansprache an ein Gegenüber dessen Fähigkeit des Verstehens, bzw. bei
unvollständigem Verstehen die Verpflichtung zur Erläuterung
beinhaltet, ist eine weitere Quelle unserer interaktiven Veranlagung.
Fragen übernehmen die Funktion der direkten paralinguistischen
Zeichen und ergänzen die interaktive Qualität des Dialogs, solange
eine gemeinsame Grundlage besteht. Diese gemeinsame Grundlage gilt
denen, die an der Schriftkultur festhalten, als notwendige
Voraussetzung jeglicher Interaktion, wird aber unterschiedlich
definiert: einmal beruht sie auf Vokabular und Grammatik, ein anderes
Mal auf Logik, Phonetik, Aussprache oder dem kulturellen Erbe. Gewiß
ist eine gemeinsame Sprache die notwendige Voraussetzung für
Kommunikation; das heißt aber noch lange nicht, daß eine solche
Sprache ausreichend oder ausreichend effizient dafür ist. Die
Interaktivität, die sich jenseits des schriftkulturellen Modells
etabliert hat, läßt es möglich, wenn nicht gar notwendig erscheinen,
daß die üblichen Spracherwartungen abgelegt und durch variable Kodes
ersetzt werden, wie wir sie im Umgang mit den multimedialen
Einrichtungen oder den Interaktionsabläufen im Internet entwickelt
haben.
Wie wichtig ist Literalität?
In den voraufgegangenen Kapiteln haben wir uns gefragt, was neben
einer gemeinsamen Sprache für ein sinnvolles Gespräch notwendig ist.
Skala ist hierfür ein weiterer Faktor. Die Skala, die einen Dialog
bestimmt, unterscheidet sich von der Skala, innerhalb derer sich die
menschliche Selbstkonstituierung einschließlich des Spracherwerbs und
der Sprachverwendung vollzieht. Skala allein reicht nicht aus, um
einen Dialog zu definieren oder die umfassendere sprachbezogene oder
sprachbegründete praktische Tätigkeit, durch die der Mensch seine
biologische Anlage und seine spezifisch menschlichen Eigenschaften
realisiert. Wir haben ausreichende Hinweise darauf, daß der Mensch
im frühen Entwicklungsstadium nur homogene Aufgaben lösen konnte.
Innerhalb eines solchen Rahmens war der Dialog Träger von Kooperation
und Bestätigung oder von Konflikten. Mit zunehmender Diversifikation
nahm er eine heuristische Dimension an--die Auswahl des Nützlichen
aus einer Reihe von Möglichkeiten, selbst wenn dabei Zusammenhang und
Vollständigkeit aus dem Blick gerieten. In einer verallgemeinerten,
auf Sprache gründenden Lebenspraxis kam neben der Heuristik ("Wenn es
hilft, tu es") auch die Logik ins Spiel ("Wenn es richtig ist" /
"Wenn es sinnvoll ist"), und durch deren Vermittlung gehörten
schließlich auch Wahrheit und Unwahrheit zum Spektrum der
Spracherfahrung. Damit wirkt Sprache integrativ. Dieser integrative
Einfluß verstärkt sich in dem Maße, in dem Mündlichkeit durch die
begrenzte Schriftkultur von Schreiben und Lesen ersetzt wird.
Die Schriftkultur der Industriegesellschaft stillte den Bedarf nach
einheitlichen und zentralisierten Rahmen für die Lebenspraxis
innerhalb einer Skala, der die Linearität der Sprache auf optimale
Weise gerecht wurde. Heutzutage konstituieren wir uns und unsere
Sprache durch Erfahrungen, die es in einer solchen Vielfalt bislang
nicht gegeben hat. Diese Erfahrungen sind kürzer und relativ
partiell, sie stellen nur einen kurzen Moment dar in dem
umfassenderen Prozeß, den sie ermöglichen. Das Ergebnis ist eine
soziale Aufsplitterung. Sie vollzieht sich selbst innerhalb der
angenommenen Grenzen einer Sprachgemeinschaft, die angeblich eine
Nation ausmachen und die paradoxerweise ihr angekündigtes Ende
überdauern. In Wirklichkeit gibt es gar keine gemeinsame Sprache
einer Sprachgemeinschaft mehr, zumindest funktioniert sie nicht mehr
so wie gewohnt. An ihre Stelle treten provisorische Bindungen, die
einen neuen Rahmen für Tätigkeiten bieten, die man nicht mehr als
eine durch Schriftkultur definierte Erfahrung ausüben kann. Für jede
dieser schnellebigen und rasch sich verändernden Bindungen entwickeln
sich Teilsprachen von begrenzter Dauer und begrenztem Wirkungskreis.
Sie wiederum sind begleitet von Subformen der Schrift und Bildung.
Eine derartige Erfahrung bietet eine neue Plattform für vermehrte
Mündlichkeit unter Bedingungen, die nicht mehr der Schriftkultur
eigen sind, sondern aus neuen Technologien jenseits der Praxis der
Schriftkultur hervorgehen und daher eine erhöhte Effizienz aufweisen.
Darüber hinaus können natürliche Zeichen oder Hieroglyphen bestimmte
Anweisungen ebenso gut oder gar besser als die Schrift vermitteln.
Die Schriftkultur legt eine Reihe von stillschweigenden Annahmen nahe:
In der Schriftkultur gebildete Eltern erziehen ihre Kinder zu
entsprechender Bildung. Gemeinschaftssinn setzt voraus, daß die
Mitglieder einer Gemeinschaft von der Zweckmäßigkeit dieser Bildung
überzeugt sind und an ihr teilhaben. Religiosität ist an Bildung
gebunden. Nur gebildete Menschen können am gesellschaftlichen Leben
teilnehmen. Wir sollten uns angesichts solcher Annahmen jedoch
vergegenwärtigen, daß der abstrakte Bildungsbegriff, der davon
ausgeht, daß eine gemeinsame Sprache automatisch zu gemeinsamen
Erfahrungen führt, falsche Hoffnungen weckt. Die Kinder gebildeter
Eltern sind keineswegs ebenfalls gebildet. Es ist viel
wahrscheinlicher, daß sie wie die Kinder aus anderen Elternhäusern
längst in die jenseits der Schriftkultur angesiedelten Arbeits- und
Lebensstrukturen eingebunden sind. Das ist weder eine Frage der
individuellen Entscheidung, noch der elterlichen Autorität.
Auf dem digitalen Highway, auf dem immer mehr Menschen ihre
Koordinaten setzen, etablieren sich Beziehungsgemeinschaften, die an
keine Lokalität gebunden sind. Das allenthalben vorherrschende
Zeichen @ trägt dabei allein die nötige Identifikationsleistung. Die
Teilhabe an solchen Gemeinschaften ist grundverschieden von allen
bisher geläufigen Formen der auf Schriftkultur beruhenden
Gemeinschaft, die von gegenseitigen Abhängigkeiten getragen und durch
Schreibfähigkeit ebenso wie durch Autorität und an industrielle
Produktionszyklen gebundene Arbeitsweisen gekennzeichnet sind.
In den Kommunikationsformen unserer Zeit ist die Bildungs- und
Schriftkulturkomponente nicht nur zurückgedrängt, sie verzeichnet im
Vergleich zu anderen Kommunikationsformen den stärksten prozentualen
Rückgang. In diesem neuen Rahmen müssen Staatsgebilde und
Verwaltungsapparate um ihr Überleben kämpfen. Doch die dafür
verwendeten Methoden und Instrumente der Schriftkultur haben sich
wiederholt als ineffizient erwiesen. Solche Feststellungen erübrigen
keineswegs Fragen nach dem Verstehen von Schrift, von welcher Bildung
und Schriftkultur stärker abhängen als von gesprochener Sprache.
Doch zu den neuen Fragestellungen dieses Buches gehört auch, wie sich
Sprachverstehen vollzieht in einem neuen pragmatischen Rahmen, in dem
Sprache von den Beschränkungen der Schriftkultur befreit ist.
Was ist Verstehen?
Die Anfänge der Schrift hatten piktographischen Charakter. Der
Vorteil lag im direkten Zugang zur Welt, die unmittelbar und für alle
gleichermaßen zu erkennen war; der Nachteil lag darin, daß der
Verallgemeinerungsgrad des Ausdrucks nur potentiell gegeben war. Die
Notation blieb auf die Dinge, weniger auf die Sprache bezogen. Diese
bildbezogene Sprache entwickelte sich analog zu einem relativ
einfachen Rahmen der Raum- und Zeitbezeichnung.
Die Alphabetschrift überwindet den auf Ähnlichkeit beruhenden
Erfahrungsrahmen. Wenn Zeit nicht ausdrücklich angegeben ist oder
Raumkoordinaten nicht bewußt benannt werden, sind Zeit und Raum im
Text und in der Grammatik umgesetzt. Damit verändert sich die
Kommunikation, sie wird durch abstrakte Größen vermittelt, deren
Bezug zur Erfahrung sich wiederum aus zahlreichen Substitutionen
ergibt, über die der Leser nicht verfügt.
Hinweise in der Schrift sind zuallererst Hinweise auf Sprache, erst
in zweiter Linie auf menschliche Erfahrung. Die Lektüre eines Textes
erfordert daher die aufwendige kognitive Rekonstruktion der
ausgedrückten Erfahrung und ist stets mit der Unsicherheit darüber
verbunden, ob das Verstandene auch angemessen verstanden wurde. Bei
der Lektüre eines Textes gibt es niemanden, den man fragen kann, der
unser Verstehen seinerseits aktiv nachvollzieht oder es bezweifelt.
Der Autor existiert als Projektion im Text nicht anders als der Autor
in den von uns gekauften und verwendeten Waren. Jeder Text ist eine
Realität auf Papier oder anderen Speichern und Vermittlungsträgern.
Hinweise können aus Autorennamen oder aus historischen Kenntnissen
gewonnen werden. Niemals aber kann es den gegenseitigen Austausch
eines mündlichen Gesprächs geben, das gemeinsame Bemühen der
gegenwärtigen Kommunikationspartner.
Wie komplex Schrift auch immer sein mag, es fehlt ihr doch die
interaktive Komponente der Mündlichkeit. Diese Einschränkung ist
einer der Gründe dafür, daß Schriftkultur unsere aus der Praxis der
Interaktivität hervorgehenden Erwartungen nicht mehr erfüllen kann.
Eine metaphorische Verwendung des Begriffs der Interaktivität, die
die "interaktive" Beziehung zwischen Leser und Text durch Lektüre,
Interpretation und Verstehen beschreibt, ist eine ganz andere
Angelegenheit. Schwierigkeiten beim Sprachverstehen können natürlich
überwunden werden, aber nicht mechanisch dadurch, daß ich die
Sprachfähigkeit durch das Erlernen von fünfzig weiteren Vokabeln oder
eines weiteren Grammatikkapitels verbessere, sondern nur über
verbessertes Hintergrundwissen durch Erweiterung der Erfahrung, auf
der dieses gemeinsame Wissen beruht.
Wenn wir indes diesen Weg einschlagen, verlassen wir den
einheitlichen Rahmen der Schriftkultur, innerhalb dessen die
Erfahrungsvielfalt auf Schreiben, Lesen und Sprechen beschränkt ist.
Wenn diese Beschränkung nicht mehr leistungsfähig ist--was wir unter
den derzeitigen Existenzbedingungen zunehmend erfahren--, wird auch
das Verstehen von Sprache immer schwieriger. Andererseits hängt
unsere Selbstkonstituierung von dem Ergebnis unseres Sprachverstehens
ab. Als einfaches Beispiel können uns hier die zahlreichen
Handbücher zur Computer-Software dienen. Sie sind in einfacher
Sprache abgefaßt, aber dennoch schwer zu verstehen. Und sind sie
einmal verstanden, ist der Ertrag mager. Daher ist man auch dazu
übergegangen, anstelle der schriftlichen Anleitung die nötigen
Anweisungen online zu geben, und zwar durch graphische Darstellung
oder durch einfache bewegte Bilder. Der vorliegende Rahmen der
Spezialisierung beschränkt dabei die Anweisung auf das für die
Aufgabe notwendige Ausmaß. Im Rahmen einer derartigen
fortschreitenden Spezialisierung werden dann auch Lesen und Schreiben
zu einem Bereich der Spezialisierung unter anderen. Schriftkultur
und darauf beruhende Bildung ist damit eine bestimmte, spezifische
Form menschlicher Praxis, und nicht mehr ihr gemeinsamer Nenner.
Das Schreiben als eine eigene spezifische Form der Praxis trägt in
diesem Zusammenhang zur Aufsplitterung der Gesellschaft, statt zu
ihrer Vereinigung bei. Spezialisierte Formen des Schreibens fördern
die allgemeine Tendenz zur Spezialisierung und rufen spezialisierte
Formen des Lesens hervor. Das sei etwas näher erläutert.
Selbst wenn Autoren versuchen, ihre Sprache auf ein bestimmtes
Lesepublikum auszurichten, sind sie nur teilweise erfolgreich, weil
die involvierten Erfahrungsbereiche nicht deckungsgleich sind.
Entweder wird der Autor zum Opfer der Sprache (jenem
hochspezialisierten Sprachregister, das auf einen spezifischen
Wissensbereich zugeschnitten ist) und ahmt in Grammatik und Rhetorik
das normale Gesprächsverhalten nach. Oder aber er übersetzt oder
erläutert, wie in populärwissenschaftlichen Publikationen zu Physik,
Genetik, den Künsten oder der Psychologie. In diesem
interpretierenden Diskurs werden Einzelheiten ausgelassen oder
ergänzt, um die Wissensgrundlage zu erweitern. Bestimmte
Ausdrucksmittel wie Vergleiche und Metaphern sollen unterschiedliche
Hintergründe überbrücken und die Leser zu neuen Erfahrungsebenen
führen. Und selbst wenn sich die Leser dieser Mittel bewußt sind,
kann das nicht den Mangel an Erfahrung ausgleichen, wodurch allein
ein Text Sinn ergibt. Ein juristischer Schriftsatz, ein
militärischer Text, eine Investmentanalyse, die Evaluierung eines
Computerprogramms sind Beispiele hierfür. Sie sind auf Englisch oder
Deutsch geschrieben, aber sie beziehen sich auf Erfahrungsbereiche,
die nur Juristen, Offizieren, Maklern oder Programmierern zugänglich
sind.
Autoren, Redner, Leser und Zuhörer sind sich der Anpassungen bewußt,
die zum Verständnis dieser und ähnlicher Texttypen nötig sind. Ein
direktes Gespräch, für das man allerdings gemeinsame Zeit aufbringen
muß, kann einen solchen Anpassungsrahmen bieten, eine gedruckte
Textseite sehr viel weniger. Bestenfalls kann ein Leser seine
Reaktion wiederum zu Papier bringen oder schriftlich um ergänzende
Erläuterungen bitten, um auf diese Weise den Geist des Gesprächs zu
treffen. Die Erfahrung des Schreibens und Lesens hat immer weniger
den Charakter einer allgemeinen Erfahrung und immer mehr den einer
hochspezialisierten Tätigkeit. Schrift kann von Maschinen gelesen
werden. Als Hilfsmittel für Blinde lesen solche Maschinen
Anleitungen, Zeitungsartikel und Untertitel von Videofilmen.
Synthetische Stimme, Auge und Nase, Berührungssensor oder
Geschmacksübersetzer operieren in einem Bereich, der völlig losgelöst
ist von dem Leben, das in den entsprechenden Text (Bild, Geruch,
Textur, Geschmack) eingegangen ist und das der Leser (Zuschauer,
Riechende, Fühlende, Schmeckende) von sich aus hinzuzufügen hätte.
Schriftkultur, verstanden als ein universelles und immerwährendes
Medium für Ausdruck, Kommunikation und Bezeichnung hat eine
romantische oder auch demokratische Haltung gegenüber Kunst, Politik
und Wissenschaft gepflegt. Sie ging von folgenden Voraussetzungen
aus: da jeder reden, schreiben und lesen sollte, kann und soll ein
jeder reden, schreiben und lesen; kann und soll ein jeder Literatur
mögen, am politischen Leben teilhaben und die Wissenschaften
verstehen. Das traf in gewissem Maße auch zu, solange Dichtung,
Politik und Wissenschaft mehr oder weniger unmittelbare Bestandteile
der Lebenspraxis waren und der Skala der menschlichen Tätigkeit
entsprachen, die sich in linearen, homogenen Erfahrungen
herausbildete. Nun, da sich die Skala verändert, die Dynamik
beschleunigt, die Vermittlung vermehrt und Nicht-Linearität etabliert
hat, stehen wir vor einer neuen Situation. Dichter, Redenschreiber
und Wissenschaftsautor wenden sich längst nicht mehr an die gesamte
Bevölkerung; mehr noch, da sie selbst den Prozessen der
Arbeitsteilung unterworfen sind, tragen sie auf ihre Weise zur
Förderung von Teilbildung und Aufsplitterung der Gesellschaft bei,
obwohl sie eigentlich das Gegenteil bewirken wollen. Als Reaktion
auf die traditionellen Ansprüche der Schriftkultur stellt eine
allgemeine dekonstruktivistische Haltung gegenüber Texten die
Dauerhaftigkeit der philosophischen Abhandlung, wissenschaftlicher
Systeme, der Mathematik, des politischen Diskurses und vor allem der
Literatur in Frage. Die Methode ist überall die gleiche: die
Mechanismen aufzuzeigen, die die Illusion von Dauerhaftigkeit und
Wahrheit schaffen. Texte sind plötzlich nur noch Mittel zu einem
Zweck, der nicht mehr unmittelbar zählt. Daraus ergibt sich eine
Beschreibung der Ausdruckstechnologie, die von all jenen begrüßt wird,
die gegenüber der Universalität von Wissenschaft, Politik und
Literatur skeptisch geworden sind. Wenn jedes Zeichen (unabhängig
vom Thema) nur sich selbst bezeichnet und die in ihm verkörperte
Erfahrung diejenige seiner Hervorbringung ist, dann hätte das Projekt
des Dekonstruktivismus seinen Höhepunkt erreicht.