Das geschriebene Wort trat fast immer, wie wir wissen, zusammen mit
anderen Bezeichnungssystemen auf, besonders mit Bildern. Insofern
ist unsere Frage, was wir beim Verstehen von Sprache verstehen, auch
geknüpft an die Frage, ob Bilder beim Verstehen von Texten hilfreich
sein können. Zweifellos tragen Bilder (zumindest manche) aufgrund
ihrer kognitiven Merkmale bessere Interpretationshinweise als Wörter
oder Schriftmittel. Bilder können besser als Texte den abwesenden
Autor ersetzen. Sofern sie den Konventionen der Realität folgen,
kann ein Individuum mit ihrer Hilfe den Raum- und Zeitrahmen oder
eines von beiden wachrufen. Andererseits sind Bilder nicht unbedingt
die besseren Informationsvermittler, ihre Vorzüge gehen auf Kosten
des Verstehens, der Klarheit oder der Kontextabhängigkeit.
Vor allem kann die Konkretheit des Bildes die Vorteile der
Abstraktion nicht ersetzen. Das dichte Medium der Schrift steht in
deutlichem Kontrast zum diffusen Medium des Bildes. Auch ist die
jeweilige Komplexität nicht vergleichbar. Im Internet einen Text
herunterzuladen ist etwas ganz anderes, als Bilder darzubieten. Wenn
allerdings die Komplexität eines Bildes hoch ist, wird seine
Dekodierung genauso kompliziert wie die eines Textes und das Ergebnis
entsprechend weniger genau. Daher versucht man es am liebsten mit
einer Kombination aus Bild und Wort. Wir können daraus auch etwas
über die Strategien für die Verknüpfung von Text und Bild lernen:
Redundanz richtet die Interpretation auf das Wesentliche;
Komplementarität erweitert den interpretatorischen Blickwinkel;
andere Strategien wie Kontrastierung von Text und Bild,
Paraphrasierung des Textes durch Bilder oder das Ersetzen des einen
durch das andere beeinflussen je auf ihre Weise durch die
Bereitstellung von Erklärungszusammenhängen die Interpretation.
Weite Bereiche unserer heutigen Kultur--von Comics und Bildromanen
über Werbung und Soap Operas im Internet--greifen auf solche und
ähnliche Strategien zurück.
Im vorliegenden Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Erfahrung,
die wir für das Verständnis eines Textes benötigen, durch Bilder
ersetzt werden kann. Sollten wir sie bejahen können, würden Bilder
fast die Rolle eines Gesprächspartners übernehmen. Als Produkte der
menschlichen Erfahrung verkörpern Bilder genauso wie die Sprache eben
diese Erfahrung. Das Verstehen von Bildern ist also nicht
gleichzusetzen mit der bloßen Anschauung von ihnen. Das hat sich
bereits bei geschriebener Sprache gezeigt. Wörter oder Sätze auf dem
Papier zu sehen geht deren Verstehen voraus. Die Natürlichkeit der
Bilder (jedenfalls solcher, die dem äußerlichen Erscheinungsbild
unserer Welt entsprechen) macht den Zugang zu ihnen bisweilen
leichter als den zur geschriebenen Sprache. Aber dieser Zugang
ergibt sich niemals automatisch und sollte nicht als
selbstverständlich angesehen werden. Und während das geschriebene
Wort nicht unmittelbar zur Nachahmung einlädt, spielen Bilder hier
eine aktivere Rolle und lösen andere Reaktionen als Wörter aus.
Sprachkodes und visuelle Kodes sind nicht aufeinander reduzierbar;
sie besitzen unterschiedliche pragmatische Funktionen.
Vorliegende Forschungsergebnisse erweisen ziemlich eindeutig, daß ein
mithilfe von Bildern verbessertes Textverständnis nicht einfach auf
die Präsenz von Bildern zurückzuführen ist, sondern auf bestimmte
Lesermerkmale. Das zeigt erneut, wie wichtig ein Hintergrundwissen
für das Verständnis von Texten, Bildern und anderen zur Sprache
verfestigten Ausdrucksformen ist. Die Forschungsverfahren beruhten
dabei auf empirischen Messungen von sogenannten
Textverarbeitungsprozessen bei Lesern. Bei den Untersuchungen wurden
die Augenbewegungen aufgezeichnet und mit dem Textverständnis
korreliert, was Aufschluß über die Interaktion von Text und Bild gab.
So sind Bilder für sogenannte schlechte Leser eindeutig hilfreich.
Für erfahrene Leser waren Bilder irrelevant, wenn die Information im
Mittelpunkt stand. War die Information weniger wichtig,
beeinträchtigten Bilder die Lektüre. Auch zeigte sich, daß der
Texttyp--expositorisch, erzählend--kein besonderer Faktor ist und daß
Bilder dabei helfen, Texteinzelheiten zu erinnern. Das ist
allerdings schon seit mindestens 300 Jahren bekannt. Im
elisabethanischen Theater lernten die Schauspieler ihre Texte
auswendig, indem sie bestimmte Passagen mit bestimmten
architektonischen Details des Theatergebäudes verknüpften.
Letztendlich ergaben all diese Untersuchungen, daß die Auswirkung von
Bildern auf das Verständnis geschriebener Texte nicht leicht zu
erklären ist. Das kann kaum überraschen, wenn man auf
Schriftlichkeit basierende Meßverfahren verwendet, um die Grenzen der
Schriftlichkeit zu bestimmen. Ob zufällig auftretende oder dem Leser
aufgenötigte Bilder, ob quasi-lineare oder komplizierte Texte (d. h.
solche, die auf komplexe praktische Erfahrungen zurückgehen)--die
Beziehung zwischen Bild und Text scheint keinem klaren Muster zu
folgen. Wenn wir die Ursachen und Eigenarten von Leseschwierigkeiten
ergründen wollen, erweisen sich solche Experimente wie alle anderen,
die auf der Prämisse der Schriftlichkeit beruhen, als untauglich.
Derartige Untersuchungen bestätigen eigentlich nur, daß es heutzutage
selbst unter Schülern und Studenten viel weniger Gemeinsamkeiten gibt
als zu jener Zeit, in der sich das Schreiben und Lesen herausbildete.
Die Diversifikation unserer Erfahrung vor dem Hintergrund einer
relativ stabilen Sprache, die als allgemeiner Kulturstandard
vorausgesetzt wird, sollte uns veranlassen, eben diese Beziehung zur
Erklärung der vorliegenden Daten und auch zur Erklärung der
ursprünglichen Fragestellung heranzuziehen. Warum in den
zurückliegenden Jahren das Lesen, Verstehen und Erinnern von
geschriebener Sprache trotz der vermehrten Anstrengungen von Schule,
Elternhäusern, Arbeitgebern und Ministerien immer mehr zum Problem
geworden ist, weiß niemand zu sagen. Wie sehr wir uns auch immer
bemühen, das Verständnis eines Textes durch die Verwendung von
Bildern zu erhöhen, die Notwendigkeit von Texten als Ausdruck einer
schriftkulturellen praktischen Erfahrung ist damit keineswegs
gesteigert. Zu solchen Ergebnissen kommen wir nicht leichtfertig,
denn wir sind noch immer durch die Schriftkultur konditioniert.
Jenseits solcher Konditionierungszwänge stellen sich andere
Erfahrungsinhalte ganz natürlich ein. So erklärt sich auch, warum im
Internet der Tenor des sozialen und politischen Dialogs viel
vorurteilsfreier ist als das, was wir in Büchern, Zeitungen und
Fernsehsendungen vermittelt bekommen. Das ist nicht als eine neue
Form von technologischem Determinismus zu verstehen. Mir geht es um
die neuen pragmatischen Umstände, nicht um die darin eingebundenen
Mittel.
Vermutlich hat Korzybski recht, wenn er sagt, Sprache sei "eine Karte,
die das verzeichnet, was sich in uns und außerhalb von uns abspielt."
Angesichts des Entwicklungsstandes, den unsere Zivilisation
erreicht hat, ist keine der bislang gezeichneten Karten genau genug.
Wenn wir die für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung
wesentlichen Einzelheiten abbilden wollen, müssen wir die Veränderung
in der Metrik (d. h. in der Skala der verzeichneten Einheit) und in
der Dynamik berücksichtigen. Die Welt verändert sich, weil wir uns
verändern, und damit eröffnen wir der Welt neue Dimensionen.
Wenn wir Ähnlichkeiten mit vergangenen Stadien erkennen--also etwa
dem der Mündlichkeit--, gewinnen sie nur dann Bedeutung, wenn wir sie
im angemessenen Kontext betrachten. Die moderne Technologie hat die
Probleme, die mit der langsamen Geschwindigkeit der Schallwellen
zusammenhingen, gelöst und die mündliche Kommunikation über weite
Entfernungen hinweg (Telekommunikation) zu einer einfachen
Angelegenheit gemacht. In früheren Zeiten konnten Personen auf zwei
benachbarten Hügeln sich entweder besuchen, sich zurufen oder Feuer-
und Lichtsignale senden. Heute können wir mit jemandem sprechen, der
gerade in einem Flugzeug sitzt, im Auto fährt, spazierengeht oder den
Mount Everest besteigt. Auf diese Weise sind wir über die
Telefontechnologie überall auf der Welt so genau zu orten wie durch
das in Satelliten installierte Global Positioning System (GPS). Das
Telefon als neues Medium der Mündlichkeit erübrigt jede Form der
physischen Präsenz und kann praktisch überall aktiviert werden. Auf
diese Weise wurde die heutige Kommunikation revolutioniert und
Mündlichkeit in einem global wirkenden, komplexen und kontrollierten
Handlungsrahmen wiederbelebt und mit neuen Funktionen versehen. Im
digitalen Netzwerk, das zunehmend zu unserem Medium der
Selbstkonstituierung geworden ist, sind wir gleichzeitig Absender und
Adresse. Mit einem Tastendruck sind wir, wo immer wir sein wollen,
was wir sein wollen und was wir zu tun vermögen. Mit einem weiteren
Tastendruck werden wir zum Gegenstand der Interessen, Handlungen,
Nachfragen eines anderen. Die Verwendung von Bildern gehört in
diesen weiten Rahmen, ebenso das allgegenwärtige und, wie es manchmal
scheint, allmächtige Fernsehen. Das hat uns mit der gesamten Welt
verbunden; zugleich aber haben wir die Bindung an uns selbst verloren.
Die Bandbreite für Interaktionen durch eine Vielfalt von Kanälen
hat sich vom Kupferdraht auf Glasfiber-Datenautobahnen ausgeweitet
und damit eine Struktur geschaffen, die unsere Koordinaten in einer
Welt der global ausgelegten Handlungsräume neu definiert. Wir setzen
die physikalischen Gesetze außer Kraft und sind gleichzeitig an
mehreren Orten. Wir können auch gleichzeitig mehr als nur eine
Person sein. Das Verstehen von Sprache wird unter solchen
veränderten Umständen zu einer gänzlich neuen Erfahrung unserer
Selbstkonstituierung.
Dennoch bedeutet das Verstehen von Sprache immer noch, diejenigen zu
verstehen, die sich durch Sprache ausdrücken, gleich welches Medium
sie dafür verwenden. Die Schriftkultur ermöglichte es, die Sprache
eines Zivilisationsstadiums zu verstehen, dessen Skala der linearen
Natur des Schreibens und Lesens und der in der Sprache angelegten
Wahrheitslogik entsprach. Gleichwohl weist Schrift keine
heuristischen Dimensionen auf, ist langsam und ermöglicht nur
begrenzt Interaktivität. Das Irrationale unterwirft sie der
Rationalität und unser gesamtes Leben ihrer bürokratischen Sorge.
Eine allen gemeinsame Erfahrung in einem begrenzten Lebensrahmen, wie
sie für die Anfänge der Sprachnotation charakteristisch war,
erleichtert die Interpretation. Divergente Erfahrungen, die dem
Streben nach Nützlichkeit, Effizienz, Vermittlung entspringen und
weniger Gemeinsames aufweisen, bringen es mit sich, daß die Sprache
unserer Selbstkonstituierung in geringerem Maße entspricht und daher
auch schwerer zu verstehen ist. So gesehen macht die Schriftkultur
alles, was sie umfaßt, gleichförmig; deshalb widersetzt man sich ihr.
Sie ist alles andere als eine bloße Fertigkeit; sie ist gemeinsame
Erfahrung, die sich in der Arbeit und im sozialen Leben einstellte.
Veränderungen des pragmatischen Rahmens führten zu der Einsicht, daß
Schriftkultur sehr wohl dazu dienen könnte, Brücken zwischen den
verschiedenen fragmentarisierten Wissens- und Erfahrungsbereichen zu
schlagen, nicht aber, diese zu verkörpern. Sie könnte sich durchaus
noch darauf auswirken, wie wir Sondersprachen als Instrumente für
unsere verschiedenen Zugriffe auf die Welt, für unsere
Veränderungsversuche und für die Darstellung der Ergebnisse solcher
Versuche verwenden. Daraus folgt indes noch lange nicht, daß
Schriftkultur der einzig heilbringende Lösungsweg für Ausdruck,
Kommunikation und Bedeutung bleiben wird oder bleiben sollte.
Kapitel 4: