Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift

Neben dem allgemeinen Verstehenshintergrund gibt es zahlreiche Ebenen

des Verstehens, die durch die im Sprechen, Schreiben oder anderen

Ausdrucks- und Kommunikationsformen enthaltenen Hinweise

repräsentiert werden. So kann z. B. eine Frage durch einen

bestimmten Tonfall als solche identifiziert werden. Die Schrift hat

je nach Sprache dafür ein bestimmtes Zeichen. Andere Hinweise sind

tiefer verwurzelt, aber nicht weniger wichtig. Sie beziehen sich auf

die Intention der Aussage, auf den Sprecher (Geschlecht, Beruf,

Alter), den Gesprächskontext oder Hierarchien (soziale, sexuelle,

moralische). Viel außersprachliches Hintergrundwissen lenkt das

Verstehen. Ein Gespräch besteht aus weit mehr als zwei Personen, die

sich Sätze zuspielen. Es ist eine pragmatische Situation, die neben

der Sprache ebensoviel Verständnis des Gesprächskontextes erfordert;

denn jeder Gesprächsteilnehmer konstituiert sich gegenüber dem

anderen. Die Gesprächssituation macht deutlich, daß das

Sprachverstehen eine supra- (oder para-) linguistische Angelegenheit

ist. Sie setzt voraus, daß die innerund außersprachlichen Hinweise

erkannt und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Sie setzt vor

allem eine Rekonstruktion der Erfahrung voraus, die im

Hintergrundwissen verkörpert ist.

Wenn wir Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift vergleichen,

erkennen wir, daß die Einrichtung von Konventionen sich aus der

Notwendigkeit ergab, die Konkretheit zu überwinden und Zugang zu

einem neuen, durch eine veränderte Lebenspraxis bedingten, kognitiven

Bereich zu finden. Interessanterweise wurden jedoch Elemente der

Mündlichkeit, die eigentlich einer begrenzteren Erfahrungsskala

entsprachen, in der Struktur der Schrift auf der neuen kognitiven

Ebene beibehalten. Heute stellt sich die Beibehaltung von

Mündlichkeitselementen weniger dringlich. Doch man könnte dem

entgegenhalten, daß die im Englischen geläufigen Bezeichnungen wie 4

Sale (For Sale) oder Toys ‘R’ Us in die gegenteilige Richtung deuten.

Derartige Versuche, Sprache zu komprimieren, lassen erkennen, wie

man visuelle Zeichen (Ikonen) schafft, um auf einer synthetischen

Ebene den Informationsaustausch zu beschleunigen. Die interaktiven

Multimedien oder der rege Kommunikationsaustausch im Internet bieten

viele weitere solcher Beispiele. Schriftkultur ist hierfür weder

erforderlich noch gefragt. Es gibt eine ausgeprägte neue Form der

Mündlichkeit, die an einige Merkmale der lange zurückliegenden

Mündlichkeit erinnert. Das beherrschende Element dieser neuen

Mündlichkeit ist das Visuelle, das neue ikonische Zeichen. Beispiele

hierfür sind das international geläufige Valentinsherz anstelle des

Wortes Liebe oder die in Europa verwendeten Zeichen für

Pflegehinweise in Kleidungsstücken.

Die Bezeichnung von Zeitbezügen in Texten erweist sich als besonders

problematisch aufgrund der für unsere Zeit charakteristischen Abläufe:

zahlreiche simultan laufende Transaktionen, differenzierte

Arbeitsteilung, Vernetzung, rasche Veränderung von Regeln. Das alles

kann in einem geschriebenen Text nicht mehr angemessen wiedergegeben

werden. Jetzt bedeutet für die, die über viele Zeitzonen hinweg

miteinander verbunden sind und miteinander kommunizieren, jeweils

etwas ganz anderes. Der Sonnenaufgang, den wir auf der Web Page von

Santa Monica miterleben, kann mit dem Anklicken einer Taste durch ein

entsprechendes Gedicht ergänzt werden. Die der Sprache eigene und in

der Schriftkultur instrumentalisierte Zeit- und Raumerfahrung wird

durch solche Phänomene nicht unbedingt konsolidiert.

Die Menschheit brauchte einige tausend Jahre, bis sie sich die

Konventionen der Schriftlichkeit angeeignet hatte. Möglicherweise

wurden einige dieser Konventionen von der Hardware (Gehirn)

absorbiert und in neue Formen der Selbstkonstituierung umgesetzt.

Die Praxis des Schreibens und die Erkenntnis der Möglichkeiten, die

sich dadurch öffneten, führten zu neuen Konventionen. Praktische

Unternehmungen, die sich aus den neuen in der Schrift (und im Lesen)

angelegten Zeit- und Raumkonventionen ergaben, veränderten die

Konventionen ebenfalls. Die Entdeckung der Fragmentarisierbarkeit

von Raum und Zeit etwa, die sich in einer auf Mündlichkeit

basierenden Kultur vermutlich nicht einstellen konnte, ließ neue

praktische Erfahrungen und neue Theorien von Raum und Zeit entstehen.

Nachdem sich Schriftlichkeit als praktische Erfahrung durchgesetzt

und eine allseits anerkannte Wirklichkeit auf einer entsprechend

höheren Ebene der Abstraktheit begründet hatte, stellte sich auf

verschiedenen Textebenen eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten ein.

Einige davon waren so unerwartet und ungewöhnlich, daß ihr

Verständnis eine Herausforderung für den Leser darstellte. Dieses

Verstehensproblem stellt sich offenbar immer dann ein, wenn neue

Ebenen ins Spiel kommen, wie zum Beispiel die der

Selbstreferentialität, die in der verkabelten Welt der Home Page

allgegenwärtig ist. Sprache wird zunehmend zu einem Medium, an dem

wir die Beziehung zwischen dem Bewußten, dem Unbewußten oder

Unterbewußten und der Sprache beobachten können. Bei der oben

erwähnten Gehirnoperation wurden bestimmte Neuronen gehemmt und auf

diese Weise das Erkennen von Gegenständen und Tätigkeiten

eingeschränkt.

Die unnatürliche, nichtsprachliche Sprachverwendung wird heute von

Psychologie, Neurologie, Kognitionswissenschaft und künstlicher

Intelligenzforschung auf das Verhältnis zwischen Sprache und

Intelligenz hin untersucht. Die Notwendigkeit, die biologischen

Aspekte der Sprech-, Schreibund Lesepraxis zu behandeln, ergibt sich

aus unserer Prämisse. Die menschliche Selbstkonstituierung vollzieht

sich, während und indem die biologischen Fähigkeiten in Erfahrung

umgesetzt werden. Die Arbeit mit sogenannten splitbrain

Patienten--Menschen, bei denen die Verbindung zwischen den beiden

Gehirnhälften unterbrochen wurde, um epileptische Anfälle zu

verhindern--hat gezeigt, daß sogar die scharfe Trennung zwischen

linker und rechter Gehirnhälfte (der linke Teil steuert das

Sprachvermögen) fragwürdig ist. Es zeigte sich, daß bei jeder

einzelnen praktischen Erfahrung des Menschen die biologische

Ausrüstung tätig, aber gleichzeitig zum Gegenstand der

Selbstreflexion wird. Als man das Wort Lach! in den rechten Teil des

Blickfeldes projizierte, fingen die Patienten an zu lachen, obwohl

sie das Wort theoretisch gar nicht hätten aufnehmen können. Auf

Befragung erklärten sie ihr Lachen mit Gründen, die nicht in

Beziehung zum sprachlichen Stimulus standen. Ähnliches ergab sich

bei der Aufforderung, sich zu kratzen. Diese und andere klinische

Beobachtungen werden in der Erfahrungswelt der virtuellen Realität

aufgegriffen und nutzbar gemacht. In einem gegebenen Umfeld der

virtuellen Realität ist zum Beispiel das Nichtvorhandene bisweilen

ebenso wichtig wie das, was man vorfindet. In den

Hintergrundskanälen, die die Interaktionsmuster der virtuellen

Realität verarbeiten, können neben Wörtern auch Reaktionsdaten der

Agierenden (Drehungen des Kopfes, Schließen der Augen,

Handbewegungen) übertragen werden. Sie werden im Feedback wieder in

die virtuelle Realität als deren neuer Bestandteil eingegeben und der

Lage dessen angepaßt, der sich dieser Wirklichkeit überläßt. Aus

diesem Grund bleiben die Merkmale der mündlichen Kommunikation--des

frühen und des gegenwärtigen Entwicklungsstadiums--von besonderer

Bedeutung.

In der mündlichen Kommunikation ist Hintergrundwissen leichter

verfügbar. Die größere Nähe zwischen Ding und Wort, die

Gegenwärtigkeit der Kommunizierenden und deren Bereitschaft, die

Beziehung zwischen Wort und Bezeichnetem aufzuzeigen, die allgemeine

Verfügbarkeit der an das Wort geknüpften Erfahrung sowie die

Eins-zu-Eins-Relation zwischen Wort und Bezeichnetem erleichtern das

Lesen und Übersetzen des Wortes. In mancherlei Hinsicht macht die

Eltern-Kind-Beziehung dieses Kindheitsstadium der Menschheit

sinnfällig.

In der jenseits der Schriftkultur sich abzeichnenden neuen

Mündlichkeit wird dieselbe Eins-zu-Eins-Relation durch

Segmentierungsstrategien erreicht. Sprecher und Hörer teilen Raum

und Zeit--und damit Vergangenheit, Gegenwart und bis zu einem

gewissen Grad Zukunft. Selbst wenn der Gesprächsgegenstand nicht auf

den speziellen Ort und Augenblick bezogen ist, wird ein

Referenzmechanismus in Gang gesetzt dank der Tatsache, daß die

Gesprächsteilnehmer die Erfahrung der Selbstkonstituierung teilen.

Entfernt heißt entfernt vom Gesprächsort; vor langer Zeit heißt lange

vor dem Zeitpunkt des Gesprächs. Das Erlernen von entfernt, vor

langer (kurzer) Zeit resultiert bereits aus lebenspraktischen

Umständen, die zu einem höheren Entwicklungsstadium führten. Heute

sind solche Unterschiede für uns selbstverständlich, und wir sind

überrascht, wenn Kinder um genauere Angaben bitten oder ein

Computerprogramm nicht funktioniert, weil die Eingaben keinen

ausreichenden Distinktionsgrad aufweisen.

Die Kategorisierung von Zeit und Raum entspricht einem relativ späten

Entwicklungsstadium. Sie ergab sich aus einer Skala mit linearen

Beziehungen, als Ergebnis wiederholter entsprechender Erfahrungen von

Abfolgen, die sich zu Erfahrungsmustern verfestigten. Als dieser

Referenzmechanismus für Raum und Zeit allgemein verbreitet und in

neue Erfahrungen integriert war, versetzte er den Menschen in die

Lage, die Sprache zu vereinfachen und über das tatsächlich Gesagte

hinaus Annahmen und Vermutungen zu ergänzen. Heute ist unsere

Erfahrung von Raum und Zeit durch Relativität gekennzeichnet.

Entsprechend bedeutet der Rückgriff auf Mündlichkeit jenseits der

Schriftkultur nicht die Rückkehr zur primitiven Mündlichkeit, sondern

die Erstellung einer Referenzstruktur, die die Dynamik der heute

möglichen Beziehungen besser verarbeitet. Raum und Zeit in

virtuellen Erfahrungen sind Beispiele dafür, daß wir uns von der

Sprache befreit haben, nicht aber von den Erfahrungen, durch die wir

unser Zeit- und Raumverständnis erworben haben.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 45 / 65 题