Bestätigung als Feedback

Das Verstehen der Sprache ist weit mehr als die gründliche Kenntnis

von Vokabular und Grammatik. Ohne Teilhabe an der Erfahrung jenseits

der Sprachäußerung ist sprachliches Verstehen nicht möglich. Das,

was nicht zum Ausdruck gebracht wird, muß im Hörer, Leser oder

Schreiber präsent sein. Sprache muß durch die Laut- und Wortfolge,

die gehört, gelesen oder geschrieben wird, das entstehen lassen, was

durch die wiedererkannten Wörter und die verwendete Grammatik nicht

unmittelbar ausgedrückt wird. Hinter jedem Wort, das wir verstehen,

steht eine gemeinsame praktische Erfahrung, ein gemeinsamer

pragmatischer Handlungsrahmen oder irgendeine rudimentäre Form

gemeinsamen Verstehens als Hintergrundswissen. "Die Grenzen der

Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt," hat Wittgenstein gesagt.

Ich würde diese Feststellung neu formulieren und Wissen an Erfahrung

binden: Die Grenzen meiner Erfahrung sind die Grenzen meiner Welt.

Die Selbstkonstituierung durch Sprache ist Teil dieser Erfahrung.

Die erste Ebene der direkten Beziehung zwischen jemandem, der etwas

sprachlich ausdrückt, und jemandem, der das Gesagte verstehen möchte,

läßt sich in eine einfache semantische Annahme bringen: Ich weiß, daß

du weißt." Aber reicht dieses Wissen, um ein Gespräch erfolgreich

fortzuführen? Reicht es etwa in einem Gespräch über ein zu jagendes

Tier aus, wenn der Gesprächspartner weiß, um welches Tier es geht?

Viele Semantiker würden sich damit zufrieden geben. Sie teilen die

von Chomsky getroffene Unterscheidung zwischen Sprachkompetenz

(competence) und Sprachverwendung (performance) und führen

Kommunikationsprobleme auf die Inkongruenz unserer individuellen

Lexika, und nicht auf die unterschiedlichen praktischen Erfahrungen

der Sprachbenutzer zurück. Zumindest theoretisch wäre demnach die

kulturelle Kongruenz einer Sprachgemeinschaft durch umfassende Lexika

usw. herzustellen. Heute wissen wir, daß die entstehende

Industriegesellschaft zwar eine gewisse Phase relativer kultureller

Kongruenz aufgrund einheitsstiftender Faktoren durchlaufen hat, diese

Kongruenz aber mit der Erweiterung der Skala menschlicher Erfahrungen

aufgehoben wurde. Die eingangs des Kapitels gegebenen Beispiele

haben dies verdeutlicht.

Sprache wird also nicht einfach nur auf die Erfahrungswelt der

Menschen bezogen, sie wird in ihr und durch sie geschaffen. Das ist

eine der Haupthesen des vorliegenden Buches. Sprachverwendung geht

der Sprachkompetenz voraus. Das Erkennen einer Äußerung oder eines

Satzes an sich ist bereits eine Erfahrung, durch die sich Individuen

definieren. Innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala bewirkte die

Homogenität der Lebensumstände eine kohärente Sprachverwendung. Mit

steigender Bevölkerungszahl und diversifizierter Erfahrung löste sich

der homogene pragmatische Bezugsrahmen auf, folglich gab es auch

keine kohärente Sprachpraxis. Die fortlaufende Diversifizierung der

praktischen Erfahrung führte schließlich dazu, daß Wörter und Sätze

mehrere und unterschiedliche Dinge gleichzeitig bedeuten konnten.

Die Festsetzung und Zuweisung von Bedeutung liegt stets in der

Erfahrung, durch die Individuen ihre Identität bilden.

Wenn wir die verschiedenen Elemente untersuchen, die den Status der

Schriftkultur in der heutigen Welt fragmentierter praktischer

Erfahrungen beeinflussen, erscheint Sprache in einem anderen Licht.

Aus dieser Perspektive können wir beurteilen, wie und wann durch

gleichförmige Erfahrungen ein einheitlicher Rahmen für die

Schriftkultur möglich und notwendig gemacht wurde. Wir können

gleichzeitig sehen, von welchem Entwicklungspunkt an diese

Schriftkultur durch andere Formen der Literalität ergänzt wurde und

wodurch, wenn überhaupt, diese Vielfalt verbunden werden könnte. Die

beiden zu untersuchenden Stadien sind die der unmittelbaren und der

vermittelten Erfahrung. Dabei ist jener Sprachstand von besonderem

Interesse, in dem Gesten, Laute und erste Wortgebilde die

unmittelbare Erfahrung beeinflußten.

Indirektheit beinhaltet, daß man sich gemeinsamer

Bezeichnungen--Geste, Laut, Wort--bewußt ist. Die Gemeinsamkeit

schließt die Erfahrung mit ein. Auf dieser Ebene gibt es noch keine

Verallgemeinerung. Handlungsmuster sind zugleich Muster der

Selbstkonstituierung: beim Jagen projiziert der Jäger physische

Fähigkeiten. In der Beziehung zu anderen Jägern überträgt er

Fähigkeiten der Koordination, Planung und gegenseitigen Verständigung.

Dadurch wird eine Ebene der Indirektheit erreicht: die der

Rückbestätigung für alle biologischen Abläufe, in der Kybernetik

feedback genannt. Das (stillschweigend vorausgesetzte) anfängliche

"Ich weiß, daß du weißt", wird nun zu, "Ich weiß, daß du weißt, daß

ich weiß." Damit kommen Fragen der Koordination und Hierarchie ins

Spiel. Wollen wir in dieser Erfahrung gar den Anfang von Bedeutung

in der Sprache sehen, wird die Folge der stillschweigenden Annahmen

noch länger: "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du weißt."

Wir befinden uns damit auf einer kognitiven Ebene, die sich von

derjenigen der unmittelbaren praktischen Erfahrung völlig

unterscheidet.

Wir sehen, wie sich in unserer dreiteiligen Annahmensequenz Syntax

und Semantik gegenseitig bedingen und wie beide eingebettet sind in

die sie bedingende Lebenspraxis. Übertragen auf unsere Jagdszene

heißt das soviel wie: "Ich weiß, daß du weißt, daß ich hier bin. Wir

können unsere Handlungen so koordinieren, daß wir das Tier töten,

ohne uns dabei gegenseitig zu gefährden." Solange die Skala

menschlicher Erfahrung begrenzt war, vollzog sich diese Übereinkunft

stillschweigend. Sie drückte sich in reibungslos ablaufenden

Handlungsmustern aus. Innerhalb einer erweiterten Skala wurden

Zeichen durch Wörter ersetzt, die die Koordination leisteten. Die

Schrift ermöglichte sodann Bezugsrahmen und Medium für sehr viel

komplexere Tätigkeiten. Der Internet Browser schließlich verbindet

eine prinzipiell unbegrenzte Zahl simultan verlaufender

Informationserfahrungen, ohne daß die an diesem Prozeß Teilhabenden

sich begrüßen oder einander zur Kenntnis nehmen. Hierdurch entsteht

eine virtuelle Gemeinschaft von Individuen, die an der Erfahrung z.

B. einer tatsächlich verlaufenden neurochirurgischen Operation

teilhaben. Solche neuartigen Arbeitsformen charakterisieren in einem

Stadium jenseits der Schriftkultur unseren Arbeitsplatz, unsere

Schulen und die Regierungsarbeit; ihnen allen liegen die gleichen

Kommunikationsannahmen zugrunde.

Der Jäger der Frühzeit und diejenigen, die heutzutage ihre Präsenz

durch Namensschild, Mobiltelefon, Zugangskarte, Password anzeigen,

unterscheiden sich hinsichtlich der Formen und Mittel, mit denen man

sich der gegenseitigen Präsenz versichert. Doch selbst die einfache

Begrüßung eines Menschen, den wir zu kennen glauben, impliziert die

gesamte oben dargestellte FeedbackAbfolge. Daraus folgt:

1. Sprache verstehen heißt, alle die zu verstehen, mit denen wir die

praktischen Erfahrungen unserer Selbstkonstituierung teilen. 2. Alle

Beteiligten müssen diese stillschweigend vorausgesetzte

Kommunikationserwartung mitbringen.

3. Jeder neue pragmatische Zusammenhang bringt neue Erfahrungen und

damit neue Formen des Kommunikationsverhaltens und ihrer

Bewußtwerdung mit sich.

Dieses Sprachverstehen vollzieht sich auf der Grundlage der

ausgeführten Annahme, "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du

weißt...", z. B. um welche Jagdbeute es sich handelt, bzw. was eine

Operation ist, was eine bestimmte Tätigkeit in einem

Produktionsablauf für Folgen hat, welche Funktion eine bestimmte

Regierungsstelle hat. Andernfalls würde das Gespräch versiegen, oder

es müßte ein anderes Ausdrucksmittel gefunden werden.

Bestätigung durch Sprache, Gestik und Mimik signalisiert

erfolgreiches Verstehen. Wo immer das Verstehen ausbleibt, ist dies

auf fehlende Bestätigung zurückzuführen. Und wenn diese Bestätigung

nicht mehr ausschließlich durch Mittel der Schriftkultur geleistet

werden kann--dazu brauchen wir uns nur die moderne Kriegsführung, die

Kontrolltechnologie für Atomreaktoren oder die mannigfaltigen Formen

elektronischer Transaktionen vor Augen zu halten--, dann ist

letztendlich auch die Notwendigkeit der Schriftkultur in Zweifel

gestellt. Mittlerweile besteht der überwiegende Teil der heutzutage

erteilten Anweisungen aus Bildern (Zeichnungen), einer

Ton-BildMischung (Videobänder) oder einer Kombination verschiedener

Medien: die zunehmende Skepsis gegenüber der Schriftkultur, wenn

nicht seitens der Lehrenden, so doch seitens der Lernenden, kommt

also gar nicht so überraschend. Ihre Lebenspraxis und Erfahrung

liegt bereits jenseits der Schriftkultur und einer darauf beruhenden

Form des Verstehens. Und das gilt nicht nur für den Umgang mit dem

Internet, sondern für Arbeitsplatz, Schule, Regierung und viele

andere Formen der Lebenspraxis.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 44 / 65 题