Entfremdung von der Unmittelbarkeit

Unter Entfremdung verstehen wir ganz allgemein jenen Prozeß, der uns

einen Teil unserer selbst (unseres Körpers, unserer Gedanken, Arbeit,

Gefühle, Überzeugungen) als fremd erscheinen läßt. Wenn wir die

Erklärung dieses bedeutsamen Prozesses (und des Begriffes, der ihn

sprachlich darstellt) in die Entstehungs- und Verwendungsgeschichte

von Zeichen einbinden, können wir seine pragmatischen Implikationen

besser verstehen.

Zeichen wahrzunehmen heißt den Unterschied wahrnehmen zwischen dem,

was wir sind, und der Art, wie wir unsere Identität ausdrücken. Wenn

Zeichen irgendeinen Gegenstand darstellen (die Zeichnung eines

Gegenstandes oder einer Person, Name, Versicherungsnummer,

Personalausweis usw.), dann ist der Unterschied zwischen dem, was

dargestellt ist, und seiner Darstellungsform eine Frage der

Angemessenheit (warum nennen wir einen Tisch Tisch oder eine

bestimmte Frau Maria) und der Entfremdung. Der bewußte Gebrauch von

Zeichen ergibt sich vermutlich aus der Erkenntnis, daß Gedanken,

Gefühle oder Fragen fast immer ungenügend ausgedrückt werden. Zwei

Dinge geschehen, und zwar vermutlich gleichzeitig:

1. Wenn nicht mehr der direkte Umgang mit einem Gegenstand oder

einer geplanten Handlung, sondern mit dessen Darstellung gegeben ist,

wird es schwieriger, die mit dem Gegenstand verbundenen Erfahrungen

mit anderen zu teilen.

2. Da sich auch die vorzunehmende Interpretation vom Objekt auf

dessen Darstellung verlagert, stellen sich neuartige Erfahrungen und

Assoziationen ein, die teils verwirrend, teils anregend sein können.

Das Bild war noch nahe am Gegenstand; Verwirrung stellte sich

hinsichtlich der Handlungsanweisung ein. Die Schrift ist vom

Gegenstand weit entfernt, wohingegen Handlungen wegen der zeitlichen

Differenzierungsmöglichkeiten besser beschrieben werden können.

Mittlerweile wissen wir, daß sich laufende Bilder oder Photoserien

der darzustellenden Handlung zu diesem Zweck noch besser eignen.

Mit dem geschriebenen Wort können Ereignisse berichtet werden.

Ferner können Beziehungen und gegenseitge Verpflichtungen unter den

Mitgliedern einer Lebensgemeinschaft dargestellt werden. Normen

können errichtet und auferlegt werden. Insgesamt schlägt sich in der

Schrift eine fundamentale Veränderung nieder, die sich aus der

erhöhten Produktivität der gerade erst seßhaft gewordenen

Gemeinschaften ergab. Es geht nicht mehr vornehmlich um Arbeit, um

leben (d. h. überleben) zu können, sondern um das Leben, welches der

Arbeit gewidmet ist. Die Schrift entfremdet mehr als alle vorher

gebräuchlichen Zeichen die Menschen von ihrer Umwelt und von sich

selbst. Einige Gefühle (Freude, Trauer) und Haltungen (Ärger,

Mißtrauen) werden selbst zu Zeichen und können, einmal ausgedrückt,

niedergeschrieben werden (in Briefen, Testamenten). Auch die

Gedanken durchlaufen, um von anderen geteilt werden zu können, diesen

Prozeß, wie überhaupt alles, was auf Leben, Tun, Veränderung,

Krankheit, Liebe und Tod bezogen ist.

Daß Schrift und Seßhaftigkeit des Menschen zusammenzusehen sind,

haben wir schon festgestellt. Dasselbe gilt für das Verhältnis der

Schrift zum Warentausch und zu dem, was später Arbeitsteilung heißt.

Während nämlich der mündliche Gebrauch von Sprache die

Differenzierung der Lebenspraxis ermöglicht, bringt die Verwendung

der Schrift die Teilung zwischen körperlicher und nichtkörperlicher

Arbeit mit sich. Das Schreiben erfordert bestimmte Fertigkeiten, zum

Beispiel für die Bedienung von Schneidnadel oder Griffel, später für

die Kunst der Kalligraphie. Zwischen der Fähigkeit zu schreiben und

der Fähigkeit, Felle zu gerben, Fleisch, landwirtschaftliche Produkte

und Rohstoffe zu verarbeiten, besteht ein großer Unterschied. Der

gesellschaftliche Status von Schreibern belegt, daß dieser

Unterschied genügend anerkannt wurde. Und wir sollten nicht

vergessen, daß die wenigen, die das Schreiben beherrschten, zugleich

diejenigen waren, die lesen konnten. Dennoch belegen einige

historische Quellen eher das Gegenteil: im 13. Jahrhundert wurden

Schreiber bevorzugt, die des Lesens unkundig waren, weil das

ungestörte Abschreiben genauer war. Ganz ähnliches finden wir heute

bei den des Englischen unkundigen Operatoren, die angesammelte

Datenkorpora auf digitale Datenträger übertragen müssen. Während die

Zahl der Lesekundigen ständig anstieg, blieb die Zahl der

Schreibenden, die sich den wirklichen Schriftstellern als Schreiber

zur Verfügung stellten, jahrhundertelang begrenzt.

Schriftlichkeit begann in primitiven Volkswirtschaften als

overhead-Aufwand einer Elite, entwickelte sich zu einer elitären

Beschäftigung, die von Vorurteilen und Aberglauben umrankt war,

weitete sich aus, nachdem (rudimentärer) technologischer Fortschritt

ihre Verbreitung ermöglicht hatte, und erwies sich schließlich im

Industriezeitalter als Voraussetzung für gesteigerte Effizienz.

Primitiver Tauschhandel kam ohne das geschriebene Wort aus, obgleich

er fortbestand, auch nachdem sich geschriebene Sprache ihren festen

Platz gesichert hatte.

Die vom Tauschhandel bedingte Form der Entfremdung unterscheidet sich

wesentlich von jener, die von einem auf der Vermittlung des

geschriebenen Wortes basierenden Markt ausgeht. Mit anderen Worten:

Tausch ist etwas grundsätzlich anderes als Kauf und Verkauf. Die an

den Tauschhandel gebundenen Produkte tragen den persönlichen Stempel

derer, die sie im Schweiße ihres Angesichts produziert haben. Zum

Verkauf stehende Produkte werden unpersönlich; ihre Identität ist

einzig das Bedürfnis, das sie stillen oder bisweilen hervorrufen.

Der Mythos als ein Satz von praktischen Programmen für eine kleinere

Zahl räumlich begrenzter Erfahrungen wurde den Erfordernissen einer

Gemeinschaft, die ihre Erfahrungen ausweitete und mit fremden

Gemeinschaften interagierte, nicht mehr gerecht. Dem Unterschied

zwischen den Marktformen, für die entweder Mündlichkeit oder eine

frühe Form von Schriftlichkeit charakteristisch ist, entspricht der

Unterschied zwischen einem mündlich überlieferten Mythos und einer

ausgearbeiteten Mythologie, die an die Schrifterfahrung gebunden ist.

Sprache in schriftlicher Form erwies sich als soziales Gedächtnis

sui generis, als potentielle Geschichte.

Das starke Interesse an genealogischen Abfolgen (in China, Indien,

Ägypten, bei den Hebräern und in nahezu allen mündlichen Kulturen)

verrät ein Interesse am Zusammenhang und Ablauf menschlicher

Entwicklungen, die in einem Gedächtnis mit sozialen Dimensionen zu

bewahren sind. Auch drückt sich darin ein Interesse an der Dimension

der Zeit aus, denn jede genealogische Abfolge ist ein historisches

Dokument über Menschen, Handlungen, Folgen und Veränderungen. In

mündlichen Kulturen dienten Genealogien auch als Erinnerungstechniken,

konnten neuen Lebensbedingungen angepaßt und so neben einem Dokument

der Vergangenheit auch zu einer Anweisung für die Zukunft werden.

Anfänglich griffen die genealogischen Aufzeichnungen noch stark auf

Bildmaterial (Stammbaum) und auf das gesprochene Wort zurück und

hielten sich damit die Variabilität des Mündlichen offen. Gleichwohl

boten die Strukturen der Schriftsprache neue Möglichkeiten des

gesicherten Ausdrucks, der Aufbewahrung, Uniformität und des

logischen Zusammenhangs. Sie entwickelten sich aus den ersten

Versuchen, Gedanken und Begriffe zu formulieren, was schließlich zu

dem führte, was wir unter theoria verstehen--die reflektierende

Betrachtung von Dingen und ihre Umsetzung in Sprache. Diese wiederum

schufen die Grundlage für die Natur- und Geisteswissenschaften von

gestern, zum Teil auch noch von heute. In gewisser Hinsicht sind

auch Theorien Genealogien, mit einer Wurzel und mit Zweigen, die die

Hypothesen und verschiedenen Schlußfolgerungen darstellen. Die

geschriebene Sprache sicherte die Dauerhaftigkeit der historischen

Dokumente (Genealogien, Besitzverhältnisse, Theorien) und

erleichterte zugleich über relativ uniforme Kodes den Zugang dazu.

In den Stadtstaaten des antiken Griechenland wurden sich indes

diejenigen, die an die begrenzte Praxis der Mündlichkeit gebunden

blieben, der Gefahren bewußt, die ein neuer Ausdrucks- und

Kommunikationsmechanismus mit sich brachte. Die Schrift wies ihre

eigenen Formen der Ungenauigkeit auf, sei es aufgrund eines bewußten

Verhältnisses gegenüber einer bestimmten Erfahrung, sei es durch den

Wunsch, Zusammenhanglosigkeit zu vermeiden: beides wirkte sich

jedenfalls auf die Darstellung der Tatsachen aus. Tatsachen sind,

wie wir alle wissen, nicht zwangsläufig zusammenhängend. Daher

wenden wir alle nur denkbaren Strategien auf, sie aufeinander

auszurichten, selbst dann, wenn sie zusammenhanglos sind. In der

mündlichen Kommunikation wird Zusammenhang dadurch hergestellt, daß

man sich unaufhörlich auf den Verlauf des Gesprächs einstellt. Hier

gibt es eine direkte Form der Kritik, d. h. eine selbstregulierende

Funktion des Gesprächs. Mithin bedeuten Vollständigkeit und

Zusammenhang im (offenen) Gespräch und im geschriebenen Text etwas

anderes, und im übrigen etwas wiederum anderes in formalen Sprachen.

Auch das Gedächtnis stand zur Debatte. Als ein alternatives Medium

der Bewahrung und Tradierung ließ auch die Schrift Auswirkungen auf

das kollektive Gedächtnis befürchten--auf jenen Speicher von

Tradition und Identität, über den ein Volk im Zeitalter der

Mündlichkeit verfügte. Schrift besitzt einen anderen Ausdruckswert

als das Mündliche und hinterläßt einen anderen Eindruck. Und dadurch,

daß die Schrift nur den Lesekundigen zugänglich ist, wirkt sie sich

auf Aufbau und Verfügbarkeit des gemeinsamen Wissensbestandes aus.

Gesprochene Worte sind die Worte dessen, der sie äußert. Ein

geschriebener Text nimmt ein Eigenleben an und erscheint als etwas

von außen Kommendes, Fremdes. Geschriebenes ist vorgegeben und

nivelliert Unterschiede zwischen den Individuen; Gesprochenes kann

der Situation angepaßt oder verändert werden, die Kohärenz hängt vom

Dialogverlauf ab. Noch heute gibt es Volks- oder

Stammesgemeinschaften (die Netsidik, Nuer oder Bassari, um nur einige

zu nennen), die das Gesprochene dem Geschriebenen vorziehen. In

ihrer Lebenspraxis teilt der leibhaftige Ausdruck eines Menschen, der

seine Worte in Gegenwart anderer äußert, mehr an Informationen mit,

als es dieselben Worte in schriftlicher Form tun könnten.

Das kollektive Gedächtnis einer Schriftkultur verliert den Bezug zur

unmittelbaren Erfahrung und wird zu einem Speicher der vielfältigen

Vermittlungen im sozialen Leben einer Gemeinschaft. Das, was gesagt

wird (legomena), unterscheidet sich von dem, was getan wird (dromena).

Das geschriebene Wort bezieht sich auf andere Wörter, nicht auf das,

was getan wird. Das Gleiche gilt für den Satz, wenn er den Status

einer relativ vollständigen Spracheinheit besitzt. Die wirkliche

Veränderung vollzog sich durch das Geschriebene, auf Papyrus, Ton,

Pergament oder Schiefertafel, auf Stein oder Blei. Eine solche Seite

ist auf andere Seiten bezogen und letztlich auf alles Geschriebene.

Das tatsächliche Tun verschwindet aus der Geschichte; diese wird zu

einer Sammlung von Schriftstücken, sauber auf Buchregalen

zusammengetragen. Die Bedeutung der Geschichte drückt sich aus in

der Variabilität der Beziehungen, die zwischen den einzelnen Texten

bestehen. Wenn das Hier und Jetzt der dromena verloren ist, bleibt

uns nur das Bewußtsein von Abfolgen. Das ist ein Gewinn, aber auch

ein Verlust: die holistische Bedeutung der Erfahrung ist verloren

gegangen.

Wie relevant der in dieser Kritik betonte Gegensatz zwischen

Mündlichkeit und Schriftlichkeit für die Phänomene unserer Zeit ist,

bedarf einer ausführlicheren Erörterung. Seit der Zeit, in der die

erwähnte Kritik an der Schriftlichkeit geäußert wurde, hat sich die

Sprache so sehr verändert, daß wir die Texte jener Zeit nur in

kommentierten Übersetzungen lesen können. Einige davon mußten aus

Texten einer späteren Zeit (d. h. eines anderen pragmatischen

Lebenszusammenhangs) oder aus Übersetzungen rekonstruiert werden.

Zwischen der Schriftkultur aus den Anfängen der Schrift und der

automatischen Lektüre und Textverarbeitung besteht keine unmittelbare

Beziehung. Für einige dieser Texte müssen wir einen Kontextbezug

erstellen, ohne den große Teile dieser Texte gar nicht verständlich

wären. Selbst das geschriebene Wort ist von dem Kontext abhängig, in

dem es verwendet wurde. Obwohl also die geschriebene Sprache

scheinbar weniger lebendig und weniger einem Wandel unterworfen ist

als das Gespräch, verändert sie sich. Heute schreiben wir mithilfe

von Textverarbeitungstechnologien, die sich von allen anderen Formen

des Schreibens unterscheiden.

Wir können die Kritik aus der Zeit Platons nicht völlig von der Hand

weisen. Im Medium der Schrift wurde manch eine menschliche Erfahrung

verdinglicht. Sie ermöglichte eine bestimmte extreme Form der

Subjektivität: Ohne Gespräch und ohne die darin mögliche Kritik wurde

Vergangenheit immer aufs Neue erfunden gemäß den Zielen und Werten

der jeweiligen Gegenwart, in die der Verfasser eingebettet war. Im

sozialen Leben einer auf mündlicher Kommunikation beruhenden

Gesellschaft war die Meinung (griechisch doxa) das Ergebnis der

Sprache; diese mußte unvermittelt sein. In der Schrift wird Wahrheit

gesucht und bewahrt. Die Heftigkeit, mit der sich Sokrates gegen die

Schrift verwahrte (jedenfalls in Platons Dialogen), erklärt sich aus

seiner Einsicht, daß man sich damit zunehmend von der Quelle des

Denkens entfernte und somit der untreuen Auslegung Raum gab.

Sokrates fürchtete wie Platon die Indirektheit und verließ sich

allein auf Gedächtnis und Weisheit.

So sorgt sich Platon bezüglich der Folgen des Schreibens: "Bedenklich

nämlich, mein Phaidros, ist darin das Schreiben und sehr verwandt der

Malerei. Denn auch ihre Schöpfungen stehen da wie lebend,--doch

fragst du sie etwas, herrscht würdevolles Schweigen." Als einer der

ersten Philosophen, die sich mit dem Schreiben auseinandersetzten,

konnte Platon noch nicht erkennen, daß es sich dabei nicht einfach

nur um eine Transkription von Gedanken handelte (also der Worte,

durch die und in denen Menschen denken), daß sich die Gedanken beim

Schreiben anders formen als beim Sprechen und daß es sich bei der

Schrift um ein qualitativ neues Zeichensystem handelt, das in seinem

Realitätsbezug noch stärker vermittelt ist als das Reden.

Mit Blick auf unsere Gegenwart nun ist leicht zu erkennen, daß auch

heute das Gedächtnis von entscheidender Bedeutung ist.

Schriftlichkeit erweist sich dabei als große Herausforderung

bezüglich der Zuverlässigkeit des Gedächtnisses. Einerseits ist das

Gedächtnis der Speicher jener Fakten, mit denen sich die Menschen in

der Arbeitswelt einrichten. Ärzte, Juristen, militärische

Führungskräfte, Lehrer, Krankenschwestern und Büroangestellte greifen

dabei in stärkerem Maß auf das Gedächtnis zurück als vielleicht

Fabrikarbeiter am Fließband. Andererseits aber verringert sich mit

erhöhter Berufsqualifikation die Notwendigkeit, auf Schriftlichkeit

zurückzugreifen, abgesehen von den anfänglichen

Bildungsvoraussetzungen, die über Bücher erworben werden. Video,

Tonband und Diskette, digitale Speicherung und Netzwerke haben die

Bedeutung der Schriftlichkeit für die Wissensvermittlung

eingeschränkt.

Die Faktoren, die die Sprache notwendig haben entstehen lassen,

erklären auch ihre Geschichte und Eigenschaften. Die Sprache

entstand aus einem allgemeinen Entwicklungsprozeß heraus, in dem sich

der Mensch in die Praxis seines Daseins hineinprojizierte, zu seiner

natürlichen und sozialen Identität fand und den Weg des linearen

Wachstums einschlug. Das Stadium der Mündlichkeit legt dabei Zeugnis

ab für begrenzte, zirkuläre Erfahrungen und entspricht einer noch

nicht zur Seßhaftigkeit gefundenen Lebensform, in der der Mensch nach

Wohlergehen und Sicherheit strebte. Sie beruhte weitgehend auf dem

lebendigen Gedächtnis und schlug sich im Ritual nieder. Schrift und

Schreiben entwickelten sich im Zusammenhang verschiedener

weitreichender Veränderungen: eine ausdifferenzierte Lebenspraxis,

Seßhaftigkeit und ein über den Tauschhandel hinausgehender Warenmarkt,

wobei diese Faktoren sich gegenseitig beeinflußten. Am Ende dieses

Prozesses stand die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit.

Sprechen, Schreiben und Lesen--jene Eigenschaften der Schriftkultur,

die uns aus der Sicht unserer heutigen Schriftkulturen geläufig und

selbsverständlich sind--wurden durch diese Entwicklung logisch

möglich. Tatsächlich war das Schreiben nicht unbedingt der Anfang

von Schriftkultur und Bildung, sondern stellte die Möglichkeit zu

ihrer Herausbildung dar. Ein Verständnis der Mechanismen der Sprache

und jener Sprachfunktionen, die mit der Entwicklung der Schrift ein

neues Entwicklungsstadium des Menschen eingeleitet hatten, wird uns

auch zu verstehen helfen, wie die Schrift zum späteren Ideal der

Schriftkultur und Bildung beitrug.

Kapitel 3:

Mündlichkeit und Schrift in unserer Zeit:

Was verstehen wir, wenn wir Sprache verstehen?

Wir sitzen vor dem Computer und sind mit dem World Wide Web verbunden.

Was liegt heute an? Wie wär’s mit Neurochirurgie? Irgendwo auf

dieser Welt führt ein Neurochirurg gerade eine Operation durch. Wir

können einzelne Neuronen auf unserem Monitor sehen. Oder wir können

mitverfolgen, wie der Chirurg die Fähigkeit des Patienten überprüft,

bestimmte Muster zu erkennen, damit er eine Karte von den kognitiven

Funktionen des Gehirns zeichnen kann, die für den Erfolg der

Operation entscheidend ist. Ab und an wird das Gespräch zwischen

Chirurg und Assistenten durch die Einspielung von Daten auf

verschiedenen Monitoren ergänzt. Verstehen wir die Sprache, die sie

sprechen? Könnte ein schriftlicher Bericht über den Ablauf der

Operation ersetzen, was wir leibhaftig vor Augen haben? Für einen

Studenten der Neurochirurgie oder einen Wissenschaftler wird sich die

Frage des Verstehens anders stellen als für einen Laien.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Unter einer anderen Internetadresse

findet ein Konzert statt. Bands aus aller Welt schicken ihre Musik

live an diese Adresse. Die Zuhörer können zwischen den zahllosen

gleichzeitig spielenden Bands auswählen. Man singt von

Allerweltsthemen--Liebe, Hoffnung, Verständnis. Und dennoch: selbst

wenn wir jedes Wort verstehen könnten, verstehen wir wirklich, was

sich da abspielt?

Anstelle des Internet könnte man eine Fabrik besuchen, eine Börse

oder ein Kaufhaus. Man könnte sich in der U-Bahn irgendeiner Stadt

wiederfinden, eine Schulklasse besuchen oder in einem Regierungsbüro

seinen Geschäften nachgehen. Diese Szenarien verkörpern die

vielfältigen Formen menschlicher Selbstkonstituierung durch Arbeit.

Auf den ersten Blick sprechen alle die gleiche Sprache. Aber wer

versteht was? Einfacher gefragt: Was verstehen wir, wenn wir eine

Anweisung lesen oder beiläufig oder offiziell ein Gespräch verfolgen?

Der gegebene Kontext ist die heutige Zeit, die sich von jeder

vorausgegangenen Zeit, vor allem aber von einer Lebenspraxis

unterscheidet, die auf Schriftkultur und Bildung gründete. Die

Antworten auf unsere Fragen sind nicht einfach. Und die Grundlage

für die Behandlung solcher Fragen muß breiter sein als die wenigen

angeführten Beispiele.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 43 / 65 题