Mündlichkeit konnte vergangene Vorgänge kaum darstellen. Wörter, die
in einem unendlichen Jetzt--der impliziten Vorstellung von
Gegenwärtigkeit--eingebunden sind, erfinden offenbar die
Vergangenheit je nach den unmittelbaren Bedürfnissen immer wieder neu.
Im mündlichen Stadium der Sprache war die Vergangenheit eine
spezifische Form der Gegenwart genau wie die Zukunft, da die Sprache
über keine Möglichkeiten verfügte, das Wort auf eine Zeitachse zu
projizieren.
Mündlichkeit ist daher an festgelegte Existenz- und Lebensrahmen
gebunden. Die Kultur des geschriebenen Wortes ergab sich aus einem
variablen Existenzrahmen, innerhalb dessen ein neuer pragmatischer
Handlungsraum und die wachsende Skala menschlicher Tätigkeit stabile
Sprachkonturen erforderten. Wenngleich über jeweils kürzere
Zeitspannen ein solcher Sprachentwurf als fixierter Bezugsrahmen
erscheint, bringt er doch grundsätzlich eine mobile, dynamische
Lebenspraxis zum Ausdruck, deren Ertrag sich aus der Dynamik linearer
Beziehungen ergibt. Arbeit und soziale Interaktion, also die
pragmatische Dimension des menschlichen Daseins, erforderten die
Aufzeichnung der Sprache und prägten deren Linearität.
Hinter der über 3500 Jahre alten Keilschrift stehen Sumerer, die beim
Betrachten des Nachthimmels einen Löwen, einen Stier und einen
Skorpion erkannten. Sie zeigt zugleich, wie die praktische Erfahrung
als kognitiver Filter fungiert: wie sie die Betrachtung unbekannter
Phänomene beeinflußt, für die es keine Begriffe gibt, und wie sie
auseinanderliegende Welten--die irdische Welt und den Himmel--in
diesem Stadium der Sprachentwicklung aufeinander bezieht. Dies ist
umso bemerkenswerter, als das Sumerische als isolierte Sprache nur in
schriftlicher Form überliefert ist--ein Produkt jener kulturellen
Hochblüte im Südwesten Asiens, wo viele Sprachfamilien ihren Ursprung
haben.
Schrift ist auf einer höheren kognitiven Ebene angesiedelt als die
Artikulation des Wortes oder die Notierung von Piktogrammen. Sie ist
ein vielfältiges Beziehungsgefüge, das Relationen zwischen Wörtern,
zwischen Sätzen und zwischen Bild und Sprache ermöglicht. Auch die
Schrift brachte von Anfang an auseinanderliegende Welten in Beziehung,
aber auf einer anderen Ebene als die sumerische Keilschrift.
Schrift ermöglicht und erfordert geradezu eine weitere Sprachebene,
den Text: eine Einheit, deren einzelne Teile ihre individuelle
Bedeutung verlieren und als Ganzes eine Botschaft darstellen oder
Bedeutung hervorbringen. Die Erfahrung, die man in bildlichen
Darstellungen, in Zeichnungen, Felsgravierungen und Holzschnitten,
gemacht hatte, wurde auf das geschriebene Wort übertragen.
Bildzeichen stellten eine komplexe Notationsform dar mit zahlreichen
Komponenten--einige sichtbar (das Schriftbild), andere unsichtbar
(die Phonetik)--und wenigen Kombinationsregeln. Bildzeichen sind
durchaus in Zeichenfolgen angeordnet; diese erzählen von Ereignissen
oder Handlungen in ihrem natürlichen Ablauf. Was in der Zeichenfolge
zuerst erscheint, geht allem anderen tatsächlich (zeitlich) voraus
oder nimmt in einer Hierarchie einen höheren Platz ein. Die
Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen freien Individuen und
Sklaven sowie zwischen Eigenem und Fremdem wurde auf diese Weise
verankert. Selbst die Schriftrichtung (von links nach rechts, rechts
nach links oder oben nach unten) liefert Aufschlüsse über die
Menschen, die ihre Identität ausdrücken, indem sie Buchstaben in
Tafeln einritzen oder sie auf Pergament malen. Die konkreten
Piktogramme erlaubten keine Verallgemeinerungen. Die Ausdruckskraft
war hoch, Präzision indes praktisch unmöglich.
Eine ausführliche Geschichte der Schrift beansprucht viele Kapitel in
einer Geschichte der Sprache. Sie ist zugleich eine hilfreiche
Einführung in die Wissensgeschichte, in die Ästhetik und vermutlich
die Kognitionswissenschaft. In der Geschichte der Schrift erkennen
wir ferner die Prozesse, die zu den Anfängen von Schriftkultur und
darauf basierender Bildung führten.Vermutlich liegen zwischen den
Höhlenmalereien und Steingravierungen und den ersten bekundeten
Schriftversuchen mehr als 30000 Jahre. Aus der Perspektive der
Schriftkultur beinhaltet dieser Zeitraum die Loslösung des Menschen
vom Bildlich-Konkreten und die Einrichtung einer Welt aus
Konventionen und gezielter Verschriftlichung. Abstraktes Denken ist
ohne die kognitive Unterstützung durch abstrakte Darstellungen und
die darin (teils implizit) enthaltenen Übereinkünfte und Konventionen
nicht möglich. Die keilförmigen Zeichen der Sumerer, die
Zeremonialschrift der ägyptischen Hieroglyphen, die chinesischen
Ideogramme, das hebräische, griechische und römische Alphabet--ihnen
allen ist die Tendenz gemeinsam, die Konkretheit von Erfahrung und
Mitteilung zu überwinden. Sie bieten ein abstraktes Zeichensystem,
aus dem sich immer komplexere Sprachen entwickeln konnten.
Bis zur Entwicklung der Schrift blieb die Sprache eng an ihre
Benutzer gebunden--an Stimme, Blick, Gehör und Berührung. Die
Schrift objektivierte die Sprache und löste sie vom Subjekt und von
der Sinneswahrnehmung. Die Entwicklung zur geschriebenen Sprache und
von dort zu einer zunächst begrenzten, schließlich allgemein
verbreiteten Schriftkultur begleitet die Evolution des Menschen von
einem Stadium unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung (Kreisrelation) zu
einem Stadium, in dem sich Ansprüche mittelbarer Art vermehrt
einstellten (Linearfunktion). Der Unterschied zwischen
Grundbedürfnissen des Überlebens und den darüber hinausgehenden
Bedürfnissen des Sozialstatus (Macht, Ego, Furcht, Freude, frühe
Stadien des Bewußtseins und der Sinngebung ) ist in der Sprache
ausgedrückt, die wir ihrerseits wiederum als Teil der
fortschreitenden Selbstkonstituierung des Menschen in einem
bestimmten pragmatischen Zusammenhang begreifen müssen.