Das Gedächtnis verdient unsere nähere Aufmerksamkeit, und zwar in
seinen frühen Ausformungen (vergleichbar mit dem Gedächtnis der
Kindheit, am Anfang der menschlichen Kultur) wie auch mit seinen
neuen Funktionen in unserer Zeit. Wir dürfen mit einiger Sicherheit
annehmen, daß vor dem Wirken des kulturellen Gedächtnisses das
genetische Gedächtnis (in Form des genetischen Kodes, der inneren Uhr
und homöostatischer Mechanismen) die Vererbungsmechanismen beherrscht
hat, die das Überleben, die Fortpflanzung und die soziale Interaktion
regeln. Mit dem Aufkommen des Wortes verlagerte sich das Gewicht von
der Vererbung auf die Vermittlung. Es veränderten sich die Rituale;
sie integrierten die Sprache und gewannen einen neuen Status als
synkretistische Projektion der Lebensgemeinschaft. Mithilfe der
Sprache konnten effiziente Handlungswege beschrieben werden. Auch
ließen sich allgemeine Programme für die verschiedensten Aktivitäten
formulieren, für Schiffahrt, Jagd, die Unterhaltung von Feuerstellen
und die Herstellung von Werkzeugen. Sprache vollzog sich in einem
Allgemeinheitsgrad, der weder der direkten Handlung noch dem Ritual
möglich war.
In den Bildern, die den Wörtern vorausgingen, folgten Gedanke und
Handlung einer Kreisstruktur: das eine war in das andere eingebettet.
Die Kreisrelation entsprach der begrenzten Skala der sich
konstituierenden Spezies: kein Wachstum, ein ausbalanciertes
Verhältnis von Input und Output. Dieser zirkuläre Rahmen entsprach
der Identität, die zwischen dem Ergebnis einer Bemühung und der dafür
aufgewendeten Mühe bestand. Jagen und Fallenstellen erforderten
große physische Anstrengung. Der Lohn bestand allein darin, daß der
Hunger gestillt wurde. Dividieren wir das Ergebnis durch die
aufgewendete Leistung, dann liefert uns das Ergebnis eine sehr
intuitive Darstellung von Effizienz oder Nutzen: in diesem zirkulären
Stadium stehen die beiden Variablen noch dicht beieinander, in einem
Verhältnis von etwa 1:1.
Der Rahmen der linearen Relationen ergab sich, als man sich der
Möglichkeiten bewußt wurde, die aufgewendete Leistung zu reduzieren
und den erzielten Nutzen zu erhöhen. Lineare Handlungsfolgen waren
deterministisch miteinander verknüpft--je kräftiger der Mensch, desto
stärker beim Werfen, Stoßen und Ziehen; je länger die Beine, desto
schneller der Lauf. Sprache entstand, als sich der zirkuläre Rahmen
veränderte; gleichzeitig wurde sie zu einem wirkmächtigen Faktor bei
der dynamischen Fortentwicklung auf landwirtschaftliche Arbeits- und
Lebensformen hin. Mit der Sprache wurde die Kreisstruktur
aufgebrochen, Sequenzen wurden möglich, und der einmal erreichte
Allgemeinheitsgrad schuf weitere Ebenen der Verallgemeinerung. In
der Entwicklung von der durch Instinkt und biologische Rhythmen
koordinierten direkten Interaktion über eine durch melodische
Geräusche, Bewegung und Feuerzeichen koordinierte Interaktion hin zu
einer auf Wörtern basierenden Kommunikation fand die Spezies Mensch
zu ihrer Identität in Bezug auf andere Spezies. Zugleich erfuhr sie
Kategorien wie Zweck und Fortschritt.
Im Mythos drückt sich ein pragmatischer Handlungsrahmen aus, der
durch Progression gekennzeichnet ist. Dieser Rahmen erstreckt sich
bis in unsere Zeit, in Formen, die der menschlichen
Skala--Progression von Stammesorganisation zur polis, den Städten der
Antike--und ihren Aktivitäten entspricht. In der heutigen
Begrifflichkeit wären Mythen Algorithmen des praktischen Lebens. Im
Ritual konnten die zentralen Erfahrungen wie Geburt, Partnerwahl,
Geschlechtsbeziehung--allesamt bezogen auf Fortpflanzung und
Tod--innerhalb der Zirkularität von Aktion und Reaktion ausgedrückt
werden. Im Mythos vermittelt die Sprache eine relativ unpersönliche
Erfahrung, die allen und jedem zugänglich ist. In ihrer durch
Sprache objektivierten Form nahm diese Erfahrung den Charakter von
Richtlinien an. Sprache ist ein Hort der Erinnerung, aber auch ein
Mechanismus des Vergessens oder Vergessen-Machens, wenn sich neue
Umstände für die Arbeit und das gesellschaftliche Leben ergeben.
Veränderte Erfahrungen spiegelten sich in allem, was bezüglich dieser
Erfahrungen in der Sprache aufgehoben war. Häufig wurden im Akt der
Erfahrungsvermittlung Einzelheiten verändert und Mythen umgeformt.
Daraus entstanden neue Programme für neue Zielsetzungen und neue
Arbeitsbedingungen.
Die Herausbildung und kulturelle Festigung der Sprache einerseits und
die Statusveränderung des Menschen vom Homo Faber (dem Verwender von
Werkzeugen) zum Homo Sapiens (dem denkenden Wesen) andererseits
entwickelten sich im Rahmen der linearen Beziehungen von Aktion und
Ergebnis parallel. Die Notwendigkeit, die Inhalte einer
mannigfaltigeren, indirekten und vermittelten Erfahrung zu
beschreiben, zu kategorisieren, aufzubewahren und weiterzugeben wurde
in die Sprachwirklichkeit hineinprojiziert. Die Bedeutung der
Erfahrung für die Lösung eines vorliegenden Problems wurde ersetzt
durch die antizipierende Strukturierung zukünftiger Aufgaben mit dem
Ziel, die aufzubringende Leistung zu minimieren und das Ergebnis zu
maximieren.