Individuelles und kollektives Gedächtnis

Anthropologen haben versucht, die überlieferte Erfahrung zu

kategorisieren, um zu sehen, wie sich Mündlichkeit und später

Schriftlichkeit (die einfachen Notationsformen) zu den einzelnen

Kategorien verhalten. Man hat dabei auf die materielle Umwelt

verwiesen--Ressourcen im weitesten Sinn--, auf erfolgreiches Handeln

und auf Wörter in ihrem Bezug zum allgemeineren Rahmen (Zeit, Raum,

Zielsetzungen usw.) Man vermutet, daß der Mensch zunehmend von

künstlich erstellten Notationsmitteln abhängig wurde. In der Folge

aktivierte er in geringerem Maß seine rechte Gehirnhälfte, was zu

einer verminderten Schärfe der entsprechenden Gehirnfunktionen führte.

Der durch den Überlebenstrieb der Spezies diktierte Drang nach

Stabilität und Dauerhaftigkeit wurde in Zeichenfolgen

hineinprojiziert, die zunächst noch nicht die sichere Einbindung in

ein Sprachsystem aufweisen konnten. Dennoch verfestigte sich diese

Erfahrung des Umgangs mit Zeichen und wurde durch die Möglichkeiten

und Zwänge der Mündlichkeit vereinheitlicht.

Sprache ist gleichwohl nicht der unmittelbare Ausdruck von Erfahrung.

Sie ist sogar weniger umfassend als die Zeichen, die zur Sprache

hinführten. Jedem Gespräch geht etwas voraus--eine gemeinsame

Erfahrung als Grundlage des Gesprächs und Hintergrund für weitere

gemeinsame Erfahrungen. Alle frühen Formen menschlicher Tätigkeit

und Interaktion wurden zu Zeichen, wenn sie über die Erfüllung des

unmittelbaren Überlebenszwecks hinaus praktische Richtlinien des

Handelns und damit Gemeinsamkeit und Übereinkunft implizierten.

Diese Übereinkunft, die gemeinsame Teilhabe am Zeichen, ist dessen

eigentliches Merkmal, besonders in der Sprache.

Werkzeuge, Höhlenbilder, primitive Notationsformen und Rituale

richteten sich auf ein kollektives Gedächtnis, wie begrenzt auch

immer das Kollektive gewesen sein mag. Wörter richteten sich an ein

individuelles Gedächtnis und boten die Möglichkeit individueller

Differenzierung. Individuelle Bedürfnisse und Antriebe müssen in

Beziehung zu denen der sozialen Gruppe gesetzt werden. Zeichen und

Werkzeuge sind Elemente, die in die Differenzierung mit einbezogen

wurden. Ein Blick auf die gegenwärtige Erforschung kognitiver

Prozesse und deren Kategorien der verteilten und zentralen Autorität

kann das Zusammenspiel zwischen beiden erhellen. Werkzeuge weisen

alle Merkmale der Verteilung auf. Sie werden durch individuelle und

gemeinsame Verwendung immer wieder getestet und verbessert. Zeichen

als Ergebnis menschlicher Interaktion sind alles andere als

individueller Natur. Wir müssen sie daher mit den Anfängen einer

zentralisierten Autorität in Verbindung bringen. Diese Überlegung

ist natürlich eine konzeptuelle Hypothese über eine Wirklichkeit, zu

der wir anders keinen Zugang finden. Doch ohne eine solche Hypothese

wären weitere Schlußfolgerungen sinnlos.

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich drei Stadien, die wir vor einer

näheren Betrachtung der Sprache abhandeln müssen:

1. die Integration in der sozialen Gruppe durch unmittelbare Formen

der Interaktion wie Berührung, Austausch von Gegenständen, Erkennen

bzw. Wiedererkennen über Geräusche und Gesten sowie die Befriedigung

von Instinkten;

2. die Bewußtmachung von Unterschieden und Ähnlichkeiten auf

unmittelbarem Weg wie Vergleichen durch Gegenüberstellung,

Gleichmachung durch physische Anpassung;

3. Stabilisierung der Ausdrucksformen für Gleichheit oder

Unterschied durch Einbeziehung in das praktische Handeln.

Von dem Augenblick an, in dem gleich und anders auf einer

allgemeinen Ebene behandelt wurden, verloren sich die Empfindungen

und Lebensformen der Direktheit und Unmittelbarkeit. Vielfältige

Schichten des Verstehens und Regeln für die Formung kohärenter

Ausdrucksmittel wurden angesammelt, an zahllosen konkreten

Situationen überprüft, mit bereits verwendeten Zeichen (Gegenstände,

Geräusche, Gesten, Farben usw.) verknüpft und von dem Bedürfnis

eindeutiger Bedeutung losgelöst. Alle diese Ausdrucksmittel wurden

im Prozeß der Produktion (dem Herstellen von Gegenständen und

Kunstwerken, beim Jagen, Fischen, Pflügen usw.) und

Selbstreproduktion sozialisiert, bis sie sich schließlich zu einer

Sprache formten. Und nachdem sie einmal zur Sprache geworden

waren--also zu Dingen und Handlungen, über die gesprochen

wurde--löste sich diese Sprache von den Gegenständen und den

Produktionsvorgängen. Durch diese Loslösung aber erschien sie

zunehmend als etwas Gegebenes, als eine Einheit per se, eine

Wirklichkeit, die man fürchten oder genießen, die man verwenden

konnte, etwa zum Vergleich seiner eigenen Handlungen mit denen

anderer. Dieser Entfaltungsprozeß beanspruchte eine sehr lange

Zeit--einige hunderttausend Jahre. Er verlief vermutlich simultan

mit der Herausbildung eines größeren Gehirns und des aufrechten Gangs.

Doch zurück zur Rolle des Gesprochenen (vor der Entstehung von

Notationssystemen und der Schrift) und seiner kulturellen Funktion im

Leben menschlicher Gemeinschaften. Die vor der Entwicklung des

Wortes liegende Form des Gedächtnisses beinhaltete Handlungsmuster,

Gesten, Geräusche, Gerüche und geschaffene Gegenstände. Die

Strukturierung des Lebens war von außen vorgegeben--natürliche

Rhythmen (der Tages- und Jahreszeiten und des Alterns) und die

natürliche Umwelt (Flußlandschaft, Gebirgslandschaft, Täler,

Waldgbiete, Grasebenen). Die Außenwelt lieferte gewissermaßen das

Stichwort, auf das hin die Teilnehmer reagierten und ihre Rolle

spielten. Oder sie reagierten auf Stichwörter, die ihnen die

vorausgegangene Erfahrung vorgab, welche durch direkte Überlieferung

von einem zum anderen tradiert wurde. Lange vor der Astrologie

bestimmte die Geomantik die Art und Weise, wie die Menschen ihre

Umwelt lasen und daraufhin verschiedene Glyphen (Petroglyphen,

Geoglyphen) ausbildeten. Anfänglich bezog sich die Erinnerung auf

einen Ort, später auf Handlungsabfolgen. Erst mit der Sprache

entwickelte sich die Zeitvorstellung. Das Erinnern war nur minimal

durch den Instinkt veranlaßt und seiner Natur nach kaum genetisch

bedingt. Mit der Herausbildung des Wortes, welches zugleich auch die

Mittel für das Erkennen und schließlich das Aufzeichnen von Wörtern

beinhaltete, trat eine fundamentale Änderung ein. Das Wort bot der

menschlichen Erfahrungswelt ein Zeichen für Beziehungen an, war ein

relationales Zeichen. Es brachte Objekt und Handlung zusammen.

Gemeinsam mit den Werkzeugen schuf es Kultur, verstanden als Einheit

von dem, was wir sind (Identität), was unsere Welt ist (Gegenstand

der Arbeit, der Betrachtung und des Nachdenkens) und was wir tun (um

zu überleben, uns fortzupflanzen und zu verändern). Dieser

Entwicklungsschritt zu einer menschlichen Kultur und dem Bewußtsein

von ihr wirkte sich entscheidend auf die praktischen Erfahrungen der

Selbstkonstituierung des Menschen aus. Gleichzeitig vollzog sich

eine wichtige Spaltung: das genetische Gedächtnis blieb für die

biologische Realität des Menschen verantwortlich, das soziale

Gedächtnis übernahm diese Aufgabe für die menschliche Kultur.

Gleichwohl existiert keines der beiden unabhängig vom anderen.

Die jeweilige Natur dieser gegenseitigen Abhängigkeit ist dabei

charakteristisch für die jeweiligen Veränderungen in der Skala des

Menschen, die uns hier interessiert. Selbst wenn wir beschreiben

könnten, welche Voraussetzungen nötig sind, damit die Menschen sich

zu Gemeinschaften zusammenschließen können, was sie wissen und

verstehen müssen, um jagen, sammeln, Viehzucht und Landwirtschaft

betreiben zu können, dann wüßten wir noch lange nicht, wie gut sie

all dies ausführen müßten. Rückblickend sieht es so aus, als habe es

für die Entwicklung aus den primitiven Stadien der Menschheit zu dem,

was wir sind, einen vorbestimmten Weg gegeben. Auch wenn wir von

einem solchen Weg ausgehen, wissen wir noch immer nicht, zu welchem

Zeitpunkt ein bestimmter Handlungstypus den Überlebenserwartungen

nicht mehr genügte und daher andere Wege erprobt werden mußten. Wenn

wir indes das Konzept der Skala in unser Erklärungsmodell einbauen,

können wir nicht nur die Phänomene der Mündlichkeit und

Schriftlichkeit besser verstehen, sondern auch den Prozeß, der zur

Schriftkultur und schließlich zu einem Stadium jenseits der

Schriftkultur führte.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 40 / 65 题