Von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit

Wenn wir im Verein mit zahlreichen Sprachhistorikern die Anfänge der

Sprache mit den frühen Formen der Landwirtschaft korrelieren, so

heißt das, daß wir von einer pragmatischen Grundlegung der Sprache

als Praxis ausgehen. Sprache ist nicht nur passiver Zeuge bei der

dynamischen Entfaltung der menschlichen Gattung. Die Vielfalt der

praktischen Erfahrung spiegelt sich in der Sprache und ist durch die

praktische Erfahrung der Sprachbenutzung erst ermöglicht worden. Die

Anfänge der Sprache wie die der Schrift liegen im Bereich des

Natürlichen. Daher müssen wir auch die biologischen Umstände, unter

denen der Mensch mit seiner Außenwelt in Beziehung tritt, mit

berücksichtigen. Die praktische Erfahrung der Selbstkonstituierung

durch Sprache ist zugleich die Grundlage der Kultur. Der Akt des

Schreibens ist wie der Akt der Werkzeugherstellung grundlegend für

eine Spezies, die ihre Natur selbst definiert. Daher müssen wir

neben der biologischen Identität des Menschen die kulturschaffenden

Aspekte gleichermaßen berücksichtigen.

Wir wollen zunächst betrachten, welche Implikationen sich aus dem

biologischen Faktor ergeben. Wir wissen zum Beispiel, daß die Zahl

der Laute, die der Mensch erzeugen kann, sehr hoch ist. Aus dieser

praktisch unbegrenzten Zahl von Lauten sind indes nur etwa vierzig in

den indogermanischen Sprachen identifizierbar, im Gegensatz zum

Chinesischen und Japanischen. Es ist zwar nicht möglich, zu zeigen,

wie der biologische Zuschnitt des einzelnen und die Struktur seiner

Erfahrung in das Sprachsystem projiziert sind; dennoch wäre es unklug,

diese Projizierung, die sich in jedem Moment unseres Daseins

vollzieht, nicht in Rechnung zu stellen. Beim Sprechen werden

Muskeln, Stimmbänder und andere anatomische Funktionselemente

aktiviert und entsprechend ihren Merkmalen verwendet. Zum Sprechen

gehört das Hören, beim Schreiben und Lesen kommt noch das Sehen hinzu.

Weitere dynamische Merkmale wie Augenbewegung, Atmung und

Herzschlag gehören zu den biologischen Implikationen der

Sprachverwendung. Was wir sind, tun, sagen, schreiben oder lesen,

steht in einem unauflöslichen Zusammenhang. Die Erfahrungen, auf

deren Hintergund sich die Sprachverwendung vollzieht, und die

biologischen Eigenschaften derer, die in eine Sprache eingebunden

sind, sind dabei so unterschiedlich, daß kaum je ein Ereignis, so

einfach es sich auch gestalten mag, von verschiedenen Menschen durch

Sprache (oder durch irgend ein anderes Zeichensystem) auf identische

oder ähnliche Weise ausgedrückt wird.

Erste Erkundungen der Geschichte oder das persönliche Fragen nach dem

Verlauf vergangener Ereignisse beruhen auf Mündlichkeit, beziehen den

Mythos mit ein und münden schließlich in den Versuch, Ereignisse an

Ort und Zeit zu knüpfen. Die ersten Logographen rekonstruierten die

Genealogien von Personen, die in tatsächliche Ereignisse verwickelt

waren (Kriege, Gründungen von Clans, Stämmen oder Dynastien) oder in

der zeitgenössischen Literatur hervorgehoben wurden (zum Beispiel den

Epen Homers oder in der Genesis). Als der Mensch aus dem Stadium der

Erinnerung (mnemai) in das Stadium des fixierten Berichts (logoi)

fortschritt, entwickelte er ein Bewußtsein von Zeit und

Geschichtlichkeit. Der gemeinsame Bezug auf Ereignisse machte dabei

zugleich Unterschiede im Verhältnis zu diesen Ereignissen bewußt.

Die Kodierung der sozialen Erfahrung, angefangen bei eher naiven

Formen (Familie, Religion, Krankheit) bis hin zu komplexen

Regelwerken (der Zeremonien, der Machtausübung und des militärischen

Verhaltens) ergab sich aus einer Praxis, die sich unter Mitwirkung

der Sprache zunehmend diversifizierte. Die Spannung zwischen

Mündlichkeit und Schriftlichkeit drückt dabei die Spannung aus, die

zwischen einer eher homogenen Lebensform und sich beständig

differenzierenden Lebensformen besteht, welche die über lange Zeit

hinaus gültigen Grenzen durchbrochen haben. Im Sprachraum der

zahlreichen chinesischen Sprachen wird dies deutlicher als in den

westlichen Sprachen. Die ideographische Schrift des Chinesischen,

welche die vielen gesprochenen Dialekte in sich vereinigt, hat ihre

Konkretheit und damit die Tradition als einen bewährten Zugang zur

Welt bewahrt. So ist auch die chinesische Kultur vergleichsweise

stark durch Mündlichkeit geprägt. Die aus einer solchen Sprache

abgeleitete Philosophie verteidigt, durch das Grundprinzip des Tao im

Konfuzianismus, einen etablierten und allen gemeinsamen Mechanismus

der Wissensvermittlung.

Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache ist die Schrift relativ jung.

Einige Sprachhistoriker datieren die Anfänge der Schrift auf 4000 bis

3000 v.Chr.; andere gehen bis auf 6000 v. Ch. oder noch weiter

zurück. Für eine Wiederbelebung derartiger Debatten gibt es jedoch

weder neues Material noch neue überzeugende Interpretationen der

vorhandenen Quellen. Insgesamt sind die Grenzen zwischen den

einzelnen kulturellen Stadien der Menschheit schwer zu bestimmen.

Wir werden vermutlich niemals genau wissen, ob die Bilder

(Höhlenmalereien oder Petroglyphen) den Wörtern vorausgingen oder

deren Folge waren. Möglicherweise entwickelten sich die Sprachen,

die über eine Notation, über Zeichnungen, Gravierungen und

Rituale--einschließlich des umfangreichen Repertoires an

artikulierter Gestik--verfügten, relativ zeitgleich nebeneinander.

Einige Schrifthistoriker vertreten die Meinung, daß es Bilder ohne

Worte nicht hätte geben können. Andere lehnen das logokratische

Modell ab und glauben, daß Bilder nicht nur dem geschriebenen,

sondern vielleicht sogar dem gesprochenen Wort vorausgingen. Ähnlich

widersprüchliche Theorien setzen die Herausbildung von Ritualen vor

oder nach den Zeichnungen, vor oder nach der Entwicklung der Schrift

an. Ich glaube, daß die frühen menschlichen Ausdrucksformen

synkretistisch und polymorph waren und sich unmittelbar aus einem

pragmatischen Rahmen der Selbstkonstituierung heraus entwickelten,

der durch die Erfahrung der Vielfalt bestimmt war.

Jenseits der Schriftkultur — Band 2 · 第 39 / 65 题