Auf die Natur gerichtete praktische Erfahrungen beinhalteten die
Erkenntnis von Unterschieden: veränderte Farben zu verschiedenen
Jahreszeiten, die Vielfalt von Flora und Fauna, Veränderungen des
Wetters und der Himmelskonstellationen. Menschliche Bedürfnisse
objektivieren sich in Jagd und Nahrungssuche, Fischfang und
Schutzsuche sowie in der Suche nach dem anderen, ob aus
Geschlechtstrieb oder dem Zwang zur Kooperation. Auf die Vielfalt
der Natur reagiert der Mensch mit einer Vielfalt von elementaren
Operationen. Daraus erwuchs zunächst eine einfache Sprache aus
Handlungen. Sie kannte keinen wirklichen Dialog. In der Natur kann
Schreien und Kreischen in einer bestimmten begrenzten Abfolge Gefahr
signalisieren. Ansonsten kann die Natur menschliche Zeichen, Bilder
oder Laute nicht verstehen. Zum Anlocken oder Fangen von Beute oder
zur Vermeidung von Gefahren können Geräusche, Farben oder Formen
dienen. Ihre unbegrenzte Variations- und Kombinationsmöglichkeit in
einem gegebenen Handlungsrahmen macht sie zu Zeichen. Vor dem
Hintergrund erkannter Unterschiede wurden auch Ähnlichkeiten in
Erscheinungsform und Handlungsweisen bewußt, was sich in
entsprechenden Interaktionsformen niederschlug. Sobald sich die
Erfahrung innerhalb einer sozialen Gruppe stabilisiert hatte, wurde
sie ihrerseits zeichenhaft und als solche kohärent in deren
Handlungsrahmen eingebunden.
Elementare Formen der Lebenspraxis bewahrten eine enge Bindung
zwischen dem Individuum und dem Objekt, auf das sich die Handlung
bezog. Extraktion dessen, was vielen Aufgaben gemeinsam war, führte
zu einer Akkumulation von Erfahrung. Und mit der Erfahrung stellte
sich eine gewisse Distanz zwischen Individuum bzw. Gruppe und
Aufgabe ein. Die Sprache aus Handlungen veränderte sich in diesem
Prozeß unaufhörlich. Evaluation begann als Vergleich. Daraus
ergaben sich Vorlieben, Wiederholungsmuster und Auswahlverfahren, bis
sich schließlich eine bestimmte Handlungsvorschrift herausbildete.
Die Interpretation natürlicher Muster bezüglich des Wetters (Wechsel
der Jahreszeiten, Sturm, Dürre usw.), der gejagten Tiere, der Suche
nach Wurzeln und Knollen oder der Landwirtschaft (wie wir sie im
Rückblick nennen) ergab ein Repertoire der beobachteten Merkmale und
allmählich eine Beobachtungsmethode. Die beobachteten Phänomene
wurden auf ihre Relevanz geprüft und wurden so zu Zeichen. Sie
bezogen den Beobachter mit ein, der sie sich einprägte und mit
zweckdienlichen Handlungsmustern assoziierte. Diese Form des
Lesens--also die Beobachtung aller möglichen Muster und Assoziationen
bezüglich der sich stellenden Aufgaben--ging den Notationsformen und
der Schrift voraus und war vermutlich die eigentliche Grundlage für
deren allmähliche Herausbildung. Dieses Lesen filterte das Relevante
heraus, jenes Charakteristikum--eines Tieres, einer Pflanze, einer
Wetterlage--, das die erfolgreiche Bewältigung einer Aufgabe
beeinflußte. Die Sprache aus Handlungen gewann folglich an Kohärenz
und entwickelte ständig neue Zeichen. Rituale stellen eine Art
kollektiven Bewußtseins dar, einen Kalender sui generis als Ausdruck
eines impliziten Zeitbewußtseins. Sie sind ein Lernmittel und helfen,
die auf die Arbeit bezogenen Zeichen zu verstehen und unter
veränderten Umständen die entsprechenden Handlungsstrategien zu
befolgen. Die Einheit von Natur und Mensch wird im Ritual unablässig
bekräftigt.
Werkzeuge sind "Verlängerungen" der menschlichen Physis. Sie sind
die entscheidenden Mittel zur Erreichung eines Ziels. Zeichen
hingegen sind Mittel der Selbstreflexion und ihrer Natur nach
Kommunikationsmittel. Auch Werkzeuge können als Zeichen
interpretiert werden und dadurch die selbstreflektive Natur des
Menschen ausdrücken, allerdings auf andere Weise. Sie sind über ihre
Funktion definiert, nicht etwa hinsichtlich der Bedeutung, die sie in
einem Kommunikationszusammenhang heraufbeschwören könnten.
In diesen Frühstadien der Menschheit markierte die Zeichenbenutzung
den Übergang vom Zufälligen zum Systematischen. Die Verwendung von
Werkzeugen und die relativ uniforme Struktur der sich stellenden
Aufgaben führte zu einem Methodenbewußtsein. Werkzeuge bekunden den
geschlossenen und homogenen Charakter des pragmatischen
Handlungsrahmens auf dieser primitiven Entwicklungsstufe. Der
Synkretismus von Werkzeugen und Zeichen findet seinen Nachklang in
der synkretistischen Natur der daraus hervorgegangenen Zeichen der
praktischen Erfahrung. Was wir heute als Religion, Kunst,
Wissenschaft, Philosophie und Ethik entwickelt haben, ist in nuce auf
undifferenzierte, synkretistische Weise im Zeichen repräsentiert.
Mit der Beobachtung von repetitiven Mustern wurden auch mögliche
Abweichungen erkannt. Indem die Menschen diese Erfahrung in komplexe
Zeichen übertrugen, wurde sie verstehbar und eindeutig und konnte
über die Zeiten hinaus bewahrt werden.
Wir sollten uns solche Kategorien wie Synkretismus, Verständnis,
repetitive Muster als Kategorien des praktischen Handelns
vergegenwärtigen. Ein Zeichen kann aus einem einfachen Rhythmus
bestehen. Es sollte selbst unter ungünstigen Umständen leicht zu
erkennen sein (der Schlag des Donners, der Schrei eines Tieres). Die
Menschen sollten daraus die gleichen Reaktionen ableiten können (Lauf!
sollte nicht mit Halt!, Wirf! nicht mit Wirf nicht! oder etwas
ähnlichem verwechselt werden). Vor allem muß die Eindeutigkeit über
die Zeiten hinaus erhalten bleiben. Mit der Mannigfaltigkeit der
praktischen Erfahrungen wuchs auch die Mannigfaltigkeit der
verschiedenen Sprachstufen. Rhythmus, Farbe, Form, Körperausdruck
und Bewegung als Erfahrungsbestandteile des täglichen Lebens wurden
in Rituale eingebunden. Gegenstände wurden als das gezeigt, was sie
sind--Tierköpfe, Geweihenden und Krallen, Äste und Baumstämme,
aufgeborstene Felsbrocken. Sie wurden bearbeitet mit Feuer, Wasser
und scharfen Steinen, die sich zum Hauen und Schneiden eigneten.
Der Mensch wird zum Menschen, indem er seine eigene Natur
konstituiert. Zu diesem Vorgang gehört die Externalisierung
bestimmter Charakteristika, damit sie im Rahmen der sich
herausbildenden Kultur von allen geteilt werden können. Wir wissen,
daß es eine Trennung zwischen der Welt auf der einen und dem
denkenden Subjekt auf der anderen Seite nicht gibt. Die Menschen
finden ihre Identität und die ihrer Gattung durch Vergleich, durch
Erkennen von Ähnlichkeiten und Unterschieden. Diese beziehen sich
auf ihre Existenz; die gemeinsame Bewußtmachung dieser Ähnlichkeiten
und Unterschiede ist Teil der menschlichen Interaktion. Insofern
wird die Welt im Augenblick ihrer Entdeckung konstituiert. Die
Dynamik zwischen Identität und Unterscheidung macht auch deutlich,
warum Sprache etwas anderes ist als das "Abbild unserer Gedanken".
Sprache ist auch mehr als der Akt ihrer Verwendung. Wir schaffen
unsere Sprache genau so, wie wir uns unablässig selbst schaffen.
Dieses schöpferische Tun vollzieht sich nicht in einem leeren Raum,
sondern im pragmatischen Handlungsrahmen unserer gegenseitigen
Beziehungen und Abhängigkeiten. Der Übergang von Direktheit und
Unmittelbarkeit zu Indirektheit und Vermittlung und den damit
verbundenen Vorstellungen von Raum und Zeit spiegelt sich in
mancherlei Hinsicht im Entstehungsprozeß der Sprache. Die
Herausbildung von Zeichen, ihre Funktionsweise, die Entstehung von
Sprache und die Entwicklung der Schrift verweisen auf die
Selbstbestimmung und die Selbstbewahrung des Menschen, so wie sie
sich im praktischen Akt der Selbstkonstituierung der menschlichen
Gattung ergeben.
Kapitel 2: