Auf den vorangegangenen Seiten ist der Begriff der Skala als
wichtiger Parameter der Menschheitsentwicklung wiederholt verwendet
worden. Da er für die Erklärung großer Veränderungen im menschlichen
Handeln von zentraler Bedeutung ist, soll er etwas näher erläutert
werden. So geht die Entwicklung von präverbalen Zeichen zu
Notationsformen und in unserer Zeit von Alphabetismus zu einem
Stadium jenseits der Schriftlichkeit (PostAlphabetismus) einher mit
einer Fortentwicklung der (Erfahrungs- und Handlungs-) Skala des
Menschen. Reine Zahlen--etwa darüber, wie viele Menschen in einem
bestimmten Gebiet leben oder in einem bestimmten praktischen
Erfahrungszusammenhang interagieren, die Lebensdauer von Menschen
unter bestimmten Bedingungen, Sterblichkeitsrate,
Familiengröße--sagen dabei wenig oder gar nichts aus. Nur wenn
Zahlen zu Lebensumständen in Beziehung gesetzt werden können, sind
sie aufschlußreich. Der Begriff der Skala drückt derartige
Beziehungen aus.
So brachte die Haltung von Haustieren, die eine entscheidende
Erweiterung der Handlungsskala bedeutete, mit sich, daß bestimmte
Tierkrankheiten auf die Menschen übertragen wurden und deren Leben
und Arbeit nachhaltig beeinträchtigten. Der Schnupfen wurde wohl vom
Pferd auf den Menschen übertragen, die Grippe vom Schwein, die
Windpocken vom Rind. Auch wissen wir, daß sich über einen längeren
Zeitraum gesehen Infektionskrankheiten (Gelbfieber, Malaria oder
Masern) negativ auf große, stationäre menschliche Populationen
auswirken. Wichtige Erkenntnisse liefern uns bisweilen auch jene
isolierten Volksstämme, deren heutige Lebensformen denen aus weit
zurückliegenden Entwicklungsstadien noch weitgehend ähnlich sind,
also zum Beispiel die Indianerstämme des Amazonas. Sie weisen
Anpassungsstrategien auf, die wir ohne Anschauung kaum verstehen
könnten. Die aus der Beobachtung gewonnenen statistischen Daten
können dabei unsere auf dem Wissen um biologische Mechanismen
beruhenden Modelle deutlich verbessern.
Der Begriff der Skala bezieht derartige Überlegungen mit ein, denn er
erhellt, daß sich die Lebenserwartung in unterschiedlichen
pragmatischen Lebenszusammenhängen drastisch unterscheidet. Eine
Lebenserwartung von weniger als 30 Jahren (die sich aus einer hohen
Rate der Kindersterblichkeit, aus Krankheiten und den Gefahren der
natürlichen Umwelt ergibt) erklärt sich aus den Umständen der relativ
stationären Bevölkerung der Jäger und Sammler. Etwa zwanzig Jahre
höher lag die Lebenserwartung in den Siedlungsformen vor den
Städtegründungen (die sich zu unterschiedlichen Zeiten in Kleinasien,
Nordafrika, dem Fernen Osten, Südamerika und Europa entwickelten).
Die Landwirtschaft führte zu mannigfaltigeren Ressourcen und setzte
eine Dynamik aus geringerer Sterblichkeitsrate, höherer Geburtenrate
und veränderten anatomischen Merkmalen (höherem Körperwuchs) in Gang.
Im vorliegenden Zusammenhang sind besonders die Ergebnisse der auf
alte Sprachfamilien gerichteten Sprachgeschichte interessant, die
eine Beziehung zwischen der Verbreitung von Sprachfamilien über weite
Gebiete und einer sich ausweitenden landwirtschaftlichen Bevölkerung
erkennen läßt. Mit der sogenannten neolithischen Revolution
entwickelten sich in manchen Gemeinschaften Methoden der
Nahrungsproduktion, die nicht mehr auf Suche, Jagd und Fallenstellen
beruhten. Die veränderten Bedingungen begünstigten einen
Bevölkerungszuwachs, der sich wiederum auf die Beziehungen zwischen
den Individuen und kleineren sozialen Gruppen auswirkte. Einzelne
Gruppen lösten sich vom Stamm los, um nach einem Lebensumfeld mit
geringerem Konkurrenzkampf um Lebensressourcen zu suchen. Zugleich
aber förderten die neuen pragmatischen Bedingungen eine erhöhte
Bevölkerungsdichte, mit der die Natur der Beziehungen komplexer wurde.
Uns interessiert die Richtung, die diese Entwicklung nahm, und das
Zusammenspiel der vielen daran beteiligten Faktoren. Vor allem
wollen wir wissen, auf welche Weise Skala und Veränderungen in den
praktischen Lebenserfahrungen der Menschen zusammenhängen. Setzt
eine Entdeckung oder Erfindung eine Veränderung der Skala voraus oder
bewirkt sie, gegebenenfalls im Verbund mit anderen Faktoren, diese
Veränderung erst? Polygenetische Erklärungen solch komplexer
Entwicklungen wie diejenigen, die neue Erfahrungsebenen, damit
wiederum erhöhte Bevölkerungszahlen und diversifizierte
Interaktionsformen ermöglichen, führen viele Variablen ins Feld.
Ausweislich archäologischer und sprachwissenschaftlicher Forschungen
sind alle großen Sprachfamilien dort zu verorten, wo der pragmatische
Lebenszusammenhang landwirtschaftlicher Lebensformen nachzuweisen ist.
Zuverlässige Belege finden sich für zwei Gebiete in China: das
Becken des Gelben Flusses, wo der Anbau von Futterhirse nachgewiesen
ist, und das Yangtse-Becken, in dem Reis angebaut wurde. Von hier
aus verbreiteten sich die austronesischen Sprachen tausende von
Kilometern weit. Hieraus ergibt sich die interessante Korrelation
zwischen der Natur der menschlichen Erfahrung, der sie ermöglichenden
Skala und der Verbreitung von Sprache. Ähnliches gilt für das Gebiet
von Neuguinea, wo die Verbreitung der Papuasprachen in Verbindung mit
dem Anbau der Taroknolle steht: mit der Suche nach geeigneten
Anbaugebieten und den Auseinandersetzungen mit umherstreifenden
Volksstämmen.
Angeborene Fähigkeiten (Rufen, Werfen, Laufen, Pflücken, Brechen und
Biegen) kennzeichneten ein Entwicklungsstadium, in dem sich der
Mensch in Gruppen oder Gemeinschaften mit begrenzter Skala
organisierte. Andere, nicht angeborene Fähigkeiten wie Pflanzen,
Kochen, Hüten, Singen und die Verwendung von Werkzeugen werden bewußt
und aus der Kenntnis ihrer Ursache heraus entwickelt. Sie ergaben
sich, als Veränderungen der Skala bezüglich Bevölkerung und Leistung
neue, der Gemeinschaft angemessene und allein durch die angeborenen
Fähigkeiten nicht zu erreichende Effizienzebenen erforderten. Solche
Fähigkeiten entwickelten sich schnell. Die neue Praxis förderte
modifizierte Mittel der Selbstorganisation: rudimentäre Formen des
Planens, Reduktionsstrategien zum Überleben (Aufgabenteilung beim
Lösen von Problemen) und Koalitionsbildungen, die sich auf immer
höheren Ebenen entfalteten. An einem bestimmten Punkt der
Skalenentwicklung schließlich ergaben sich differenzierte
Arbeitsabläufe und neue kognitive Möglichkeiten zur Bewahrung und
Vermittlung von Wissen, das sich auf diese Arbeitspraxis bezog.
Es bleibt die Frage: Bringen Strukturveränderungen eine neue Skala
hervor, oder bewirkt die Skala Strukturveränderungen? Der Prozeß ist
komplex insofern, als die dem menschlichen Handeln zugrundeliegende
Struktur den Bedürfnissen des Überlebens angepaßt und auf die
zahlreichen Faktoren abgestimmt ist, die die individuellen und
gemeinschaftlichen Erfahrungen beeinflussen. Skala und Grundstruktur
sind voneinander abhängig. Das ergibt sich schon daraus, daß die
Skala sowohl Möglichkeiten als auch Bedürfnisse erfaßt. Eine größere
Zahl von Individuen mit einander ergänzenden Fähigkeiten haben bei
komplexen Handlungszielen größere Erfolgsaussichten. Zugleich nehmen
die Bedürfnisse zu, da diese Individuen nicht nur ihre Person in den
Erfahrungszusammenhang einbinden, sondern auch außerhalb dieser
Zusammenhänge liegende Verpflichtungen. Die Grundstruktur
menschlichen Handelns umfaßt Elemente der menschlichen Begabung--die
ihrerseits Veränderungen unterworfen ist, die sich aus neuen
Herausforderungen und Lebensumständen ergeben--wie auch Elemente der
menschlichen Beziehungen, die wechselseitig die Skala menschlicher
Erfahrung beeinflussen und von ihr beeinflußt werden. Aus der
dynamischen Spannung zwischen Skala und all jenen Elementen, die die
Grundstruktur ausmachen, ergeben sich Veränderungen des pragmatischen
Handlungsrahmens. Die Entwicklung der Sprache ist ein Beispiel für
derartige Veränderungen. Gesprochene Sprache entwickelte sich
zusammen mit den Frühformen der Landbewirtung als Erweiterung der für
die Jagd und das Sammeln von Nahrungsmitteln erforderlichen
Kommunikationsmittel. In einem späteren Entwicklungsstadium bildeten
sich Notationssysteme und fortschrittlichere Werkzeuge heraus. Die
hierdurch ermöglichte fortgeschrittenere praktische Erfahrung
förderte handwerkliche Fähigkeiten und damit spezialisiertere
Arbeitsformen. Notation und Lesefähigkeit als neue kognitive
Erfahrungen führten zur Schrift. Diese wurde erforderlich, als sich
die Lebenspraxis auf Handel verlegte und über die Unmittelbarkeit des
Hier und Jetzt und des direkten Miteinander hinausging. Die
Grundstruktur der Schriftlichkeit wurde der Sequentialität der
allgemeinen praktischen Erfahrungen sowie der Empfindung von
Relationen und Abläufen in höchstem Maße gerecht.
Unterschiedliche Kommunikationsformen entwickelten sich mithin in dem
Maße, in dem sich die Interaktionsskala des Menschen auffächerte.
Die Schriftkultur entsprach dabei einem qualitativ neuen
Entwicklungsstand. Wenn wir die Sprache jener Skala zurechnen, die
den Übergang vom Jäger- und Sammlerstadium zur Landbewirtschaftung
markiert, dann müssen wir die Entstehung von Schriftkultur der
nächsten Entwicklungsstufe zurechnen--der Herstellung von
Produktionsmitteln. Wir können in diesem Zusammenhang auf die
Metapher der kritischen Masse bzw. der Schwelle zurückgreifen. Damit
ersetzen wir nicht den Begriff der Skala, damit definieren wir einen
Wert, eine Komplexitätsebene oder einen neuen Attraktor (wie er in
der Chaostheorie genannt wird). Kritische Masse bezeichnet dabei
eine niedrigere Schwelle--bis zu diesem Wert vollzog sich menschliche
Interaktion optimal mittels referentieller Zeichen, auf Gleichheit
basierender Darstellungen oder Sprache. Auf der niedrigeren Schwelle
können sich Individuen und die sozialen Gruppen, denen sie angehören,
noch kohärent definieren. Allerdings macht sich eine gewisse
Instabilität geltend: ein und dieselben Zeichen drücken nicht mehr
ähnliche oder äquivalente Erfahrungen aus. Hier bezieht sich
kritische Masse auf Zahl oder Menge (der Menschen, der geteilten
Ressourcen, der ausgeübten Interaktionen usw.) und auf Qualität
(unterschiedliche Ergebnisse im Bemühen der Selbstsetzung).
Überkommene Mittel erweisen sich aufgrund neuartiger praktischer
Erfahrungen als unzureichend. Aus diesen Erfahrungen ergeben sich
neue Strategien, insbesondere die Optimierung der betreffenden
Zeichensysteme (Signale, Sprache, Notation, Schrift).
Notationssysteme wurden erforderlich, als das verfügbare und
aufzubewahrende Wissen (Inventare, Mythen, Genealogien) die
Möglichkeiten der mündlichen Überlieferung überstieg. Der Begriff der
kritischen Masse hilft uns zu erklären, warum einige Kulturen niemals
eine Schriftkultur entwickeln mußten oder warum eine einzige, allein
vorherrschende Form der Schriftkultur unserer heutigen Zeit nicht
mehr angemessen ist.