Das Interesse an menschlichen Zeichensystemen reicht bis weit in die
Antike zurück. Doch heute verzeichnen wir ein verstärktes Interesse
an Fragen der Semiotik, jener Disziplin, die sich mit Zeichen
(griechisch semeion) beschäftigt. Der Grund hierfür liegt in der
rasanten Zunahme von Ausdrucks- und Kommunikationsformen, die nicht
mehr auf die Mittel der natürlichen Sprache zurückgreifen. Auch die
Interaktion zwischen Menschen und immer komplexer werdenden Maschinen
hat semiotische Fragen ganz neuer Art aufgeworfen.
Die Sprache--in mündlicher und schriftlicher Form--ist wohl das
komplexeste Zeichensystem, das wir kennen. Das Wort Sprache bezieht
sich zwar auch auf andere Zeichensysteme, stellt aber keineswegs eine
Synthese aller dieser Zeichensysteme dar. Den Entwicklungsprozeß der
Sprachlichkeit können wir als eine fortschreitende Projektion des
Individuums auf seine Lebensumwelt verstehen. Das Zeichen Ich als
Bezeichnung der eigenen Individualität--die sich von anderen Ichs
unterscheidet, mit denen man kooperiert, konkurriert oder
kämpft--können wir wahrscheinlich als erstes Zeichen voraussetzen.
Es bestand zusammen mit dem Zeichen für das andere; denn Ich kann nur
in Relation zu dem anderen definiert werden. In einer als das andere
erfahrenen Welt zeichneten sich Einheiten ab, die entweder gefährlich
und bedrohlich, hilfreich oder kooperativ waren. Solche
qualifizierenden Eigenschaften konnte man nicht einfach zum
Identifikationsmerkmal machen. Sie stellten Projektionen des
Subjekts dar, das seine Umwelt erkannte, interpretierte oder
fehldeutete.
Um meine These von der pragmatischen Natur von Sprache und
Schriftlichkeit zu belegen, muß ich mich noch etwas näher mit dem
vorsprachlichen Stadium befassen. Mein Interesse beschränkt sich
dabei auf die Natur der Sprache, was indes ihre Entstehung und die
Bedingungen dafür mit einschließt. Auf das, was wir gemeinhin als
Werkzeug bezeichnen, und auf rudimentäre Verhaltenskodes (in Bezug
auf Sexualität, Schutzbedürfnis und Nahrungssuche) habe ich bereits
hingewiesen. Es gibt für dieses Stadium genügend historisch
gesichertes Material und eine ganze Reihe bekannter Tatsachen
(Klimawechsel, das Aussterben von Tieren und Planzen), die sich auf
dieses Stadium ausgewirkt haben. Schlußfolgerungen aus Lebensformen,
die denen ähneln, die wir für die frühen menschlichen Lebensformen
halten, ergänzen unser Wissen darüber, wie sich Zeichen als Ausdruck
einer Identität herausgebildet haben. Diese Zeichen bilden eine
Objektwelt ab und drücken daneben eine Bewußtheit von einer Welt aus,
die durch die biologische Veranlagung des Menschen ermöglicht wurde.
Allgemein wird Sprechen verstanden als Erklärung von Gedanken mittels
Zeichen, die für diesen Zweck entwickelt wurden. Gleichzeitig wird
das Denken als seiner Natur nach von Wörtern und Zeichen unabhängig
verstanden. Meiner Meinung nach ist der Übergang vom Natur- zum
Kulturzustand, d. h. von Reaktionen auf natürliche Reize zu Reflexion
und Bewußtheit, durch Kontinuität und Diskontinuität gleichermaßen
gekennzeichnet. Die Kontinuität liegt in der biologischen Struktur,
die in den Interaktionsraum des Menschen mit ähnlichen oder
unähnlichen Einheiten übertragen wurde. Die Diskontinuität ergibt
sich aus Veränderungen in der Gehirngröße, des aufrechten Gangs und
der Funktion der Hände. Das vorsprachliche (prädiskursive) Stadium
ist seiner Natur nach unmittelbar. Das diskursive Stadium, das den
manifesten Gedanken ermöglicht, ist durch Sprachzeichen vermittelt.
Die Zeichen, mit denen die Menschen des vorsprachlichen
Entwicklungsstadiums ihre Wirklichkeit in ihren Existenzrahmen
übertrugen, drückten durch die ihnen eigene Energie und Plastizität
das aus, was die Menschen damals waren. Sie brachten vor allem das
zum Ausdruck, was im anderen--in anderen Gegenständen oder anderen
Lebewesen--als gleich erfahren wurde, und Gleichheit war allen
Zeichen gemein. Direkte Interaktion und Unmittelbarkeit, Aktion und
Reaktion waren vorherrschend. Das Unerwartete oder Verzögerte war
das Unbekannte, Mysteriöse. Die Skala des menschlichen Lebens war
klein. Jedes Geschehen, jeder Vollzug bestand aus wenigen Schritten
und war von begrenzter Dauer. Zeichen der Gegenwärtigkeit, einer
allen gemeinsamen Raum- und Zeiterfahrung, wurden zum Ausdruck der
Interaktion. Zeichen bezogen sich auf das Hier und Jetzt des
gemeinsam erfahrenen Lebens und drückten auf unmittelbare Weise Dauer,
Nähe und Intervalle aus, lange bevor sich die heutigen Vorstellungen
von Raum und Zeit herausgebildet haben. Mithilfe solcher
Unterscheidungen durch Zeichen konnte Abwesendes oder Bevorstehendes
angedeutet bzw. die Dynamik sich wiederholender Vorgänge ausgedrückt
werden. Nach diesen frühen Formen des Selbstausdrucks erst konnte
die Darstellungsfunktion von Zeichen entwickelt werden: ein hoher
Schrei, der nicht nur Schmerz ausdrückte, sondern vor einer Gefahr
warnte, die Schmerz bewirken konnte; ein erhobener Arm, der über die
Bekundung von Präsenz hinaus Aufmerksamkeit forderte; Farbe auf der
Haut nicht nur als Ausdruck der Freude an einer Frucht oder Pflanze,
sondern als Ankündigung und Antizipation bevorstehender ähnlicher
Freuden--kurz, Anweisungen, ja sogar Instruktionen, die man befolgen,
lernen und nachahmen konnte.
Als Teil des auf diese Weise zum Ausdruck Gebrachten entwarfen die
Individuen in der Verwendung des Ausdrucks nicht nur sich selbst,
sondern auch ihre auf diese begrenzte Welt bezogene Erfahrung.
Zeichen, die Bezüge zu Ereignissen herstellten (Wolken zu Regen,
Hufschlag zu Tieren, Blasen auf der Wasseroberfläche für Fische),
stellten nicht nur diese Ereignisse dar, sondern drückten
gleichzeitig die mit anderen gemeinsame Erfahrung in der Lebenswelt
aus. Erfahrungsaustausch über das Hier und Jetzt hinaus, also der
Übergang von direkter und unmittelbarer zu indirekter und
vermittelter Interaktion, bezeichnet den nächsten kognitiven
Entwicklungsschritt. Er konnte vollzogen werden, als gemeinsam
verwendete Zeichen auf eine allen gemeinsame Erfahrung bezogen wurden
und sich daraus Regeln ergaben, nach denen neue Zeichen für neue
Erfahrungen erzeugt werden konnten. Jedes Zeichen ist ein
biologisches Zeugnis über seinen eigenen Entstehungsprozeß und über
die Skala der menschlichen Erfahrung. Das Flüstern erreicht einen,
vielleicht zwei Zuhörer, die nahe beieinander stehen. Ein Schrei
entspricht einer anderen Skala. Insofern birgt jedes Zeichen seine
eigene Geschichte in Kurzform und vollzieht den Brückenschlag vom
Natur- zum Kulturzustand des Menschen.
Abfolgen, etwa die Aufeinanderfolge von Lauten oder sprachlichen
Äußerungen, oder Zeichenverknüpfungen wie in Bildern lassen eine
höhere Stufe der kognitiven Entwicklung erkennen. Die Beziehungen
zwischen solchen Abfolgen oder Verknüpfungen und der sie
hervorbringenden praktischen Erfahrung sind nicht mehr intuitiver Art.
Aus dem Verständnis solcher Zeichenbeziehungen praktische Regeln
abzuleiten, gehörte zu den wesentlichen Interaktionserfahrungen der
Benutzer solcher Zeichensysteme. An einem späteren Entwicklungspunkt
ist die unmittelbare Erfahrungskomponente nur noch indirekt in der
Sprache gegenwärtig. Sprache ist nachgerade das Ergebnis dieser
Verlagerung der Aufmerksamkeit vom Zeichen zu den Beziehungen
zwischen Zeichen. In ihrer primitivsten Form war Grammatik nicht ein
System von Regeln über die Zusammensetzung von Zeichen (Syntax) oder
darüber, wie Zeichen etwas bezeichnen (Semantik), sondern darüber,
wie bestimmte Umstände neue Zeichen entstehen ließen, die ihre
Erfahrungsqualität beibehielten--also Pragmatik.
Sprache entwickelte sich folglich als eine Vermittlungsinstanz
zwischen stabilisierter Erfahrung (Wiederholungsmuster in Arbeits-
und Interaktionsabläufen) und Zukunft (durchbrochene Muster). Die
Zeichen bewahrten zunächst die Konkretheit des Anlasses, der sie
hervorbrachte. Mit zunehmender Sprachbenutzung jedoch wurde die
unmittelbare individuelle Projektion aufgegeben. Der
Verallgemeinerungsgrad der Sprache insgesamt wurde viel größer als
derjenige ihrer einzelnen Komponenten (der einzelnen Zeichen) oder
irgendwelcher anderer Zeichen. Doch selbst auf dieser allgemeinen
Ebene der Sprache behielt das Zeichensystem seine charakteristische
pragmatische Funktion bei: nämlich die Herausbildung praktischer
Erfahrungen, nicht die Bereitstellung von Mitteln für die gemeinsame
Kategorisierung von Erfahrungen. In jedem Zeichen und mehr noch in
jeder Sprache treffen biologische und artifizielle Aspekte
aufeinander. Dominiert das biologische Element, vollziehen sich
Zeichenerfahrungen als Reaktionen. Dominiert das kulturelle Element,
wird die Zeichen- oder Spracherfahrung zu einer Form der
Interpretation, also zu einer Fortsetzung der semiotischen Erfahrung.
Jegliche Interpretation entspricht dem unabschließbaren Prozeß der
ausdifferenzierenden Abtrennung vom Biologischen und ist
gleichbedeutend mit der Herausbildung von Kultur. Unter dem Begriff
der Kultur verstehen wir die Natur des Menschen und ihre
Objektivierung in Erzeugnissen, Organisationsformen, Gedanken,
Haltungen, Werten und Kunstwerken.
Die praktische Erfahrung der Zeichenbildung--von der Verwendung von
Zweigen, Felsbrocken und Pelzen bis zu den ersten primitiven
Gravierungen (auf Stein, Knochen und Holz), von Lauten und Gesten bis
zur Sprachartikulation--trug zu Veränderungen des Lebensalltags bei
(Jagd, Schutzsuche, gemeinschaftliche Verrichtungen) und damit
letztlich zur Veränderung des Menschen. In einer von inhaltsschweren
Details gekennzeichneten Welt, in der die Menschen ihre Identität
durch Kampf um Lebensressourcen und in der kreativen Suche nach
besseren Alternativen fanden, veränderte sich zwar nicht die
verfügbare Information, aber die lebenspraktischen Implikationen der
Details traten zunehmend ins Bewußtsein. Die Aneignung von Wissen
vollzog sich durch dessen Anwendung in der Arbeit; jede daraus
abgeleitete Erfahrung eröffnete neue Interaktionsmuster.
Zeichen ermöglichten die kollektive Teilhabe an der Erfahrung. Die
genetische Übermittlung von Wissen lief relativ langsam ab. Sie
beherrschte die Anfangsstadien der menschlichen Entwicklung, als der
Mensch den Mustern seiner natürlichen Umgebung seine eigenen
Handlungsmuster einprägte. Die semiotische, insbesondere die
sprachliche, Wissensvermittlung verläuft schneller, kann indes die
Vererbung nicht ersetzen. Wir können die Spuren des menschlichen
Lebens etwa 2,5 Millionen Jahre zurückverfolgen, die der
Sprachanfänge etwa 200000 Jahre. Formen der Landwirtschaft als
etablierte Erfahrung und Lebensform entwickelten sich vor etwa 19000,
Schriftformen vor etwa 5000 Jahren (nach Schätzung einiger Gelehrter
vor etwa 10000 Jahren). Den immer kürzeren Zyklen der
Menschheitsentwicklung entspricht dabei die Tatsache, daß neben den
genetischen zunehmend auch andere Mittel am Entwicklungsprozeß
beteiligt waren. Was wir heute als unsere geistigen Fähigkeiten
bezeichnen, ist das Ergebnis eines relativ kurzen, komprimierten
Entwicklungsprozesses. Erste Zeichenspuren Zeichen können
aufgezeichnet werden--in und auf unterschiedlichsten Materialien; das
gleiche gilt für die Sprache, die indes nicht in Form eines
Schriftsystems entstand. Der Ishango Knochen aus Afrika ist einige
tausend Jahre älter als jedes Schriftsystem; mit den Quipu-Schnüren
nahmen die Inkas eine chronologische und statistische Erfassung von
Menschen, Tieren und Waren vor; auch in China, Japan und Indien
kannte man Aufzeichnungsmethoden, die der Schriftlichkeit
vorausgingen.
Die polygenetische Herausbildung von Schriftsprache ist in mancherlei
Hinsicht bedeutsam. Zum einen bot sie eine neue, vom individuellen
Sprecher losgelöste Vermittlungsinstanz. Zum zweiten schuf sie einen
im Vergleich zum mündlichen Ausdruck höheren Allgemeinheitsgrad, der
unabhängig von Zeit, Raum und anderen Aufzeichnungsmethoden war. Und
drittens trug alles, was in Zeichen und darüber hinaus in
ausformulierte Sprache hineinprojiziert wurde, zur Formation von
Bedeutung bei--als Ergebnis des Verstehens von Sprache, das sich aus
ihrer Verwendung ergab. Erst dadurch erhielt die Sprache ihre
semantische und syntaktische Dimension.
Wenn wir Fragen der Schriftkultur und der Sprachentstehung verknüpfen,
dann ist deren gemeinsame Grundlage die Schriftsprache. Gleichwohl
geben uns Vorgänge, die der Schriftsprachlichkeit vorausgingen,
Aufschlüsse darüber, welche Faktoren die Schriftsprache erforderlich
machten und warum manche Kulturen niemals eine Schriftsprache
entwickelt haben. Dies wiederum könnte trotz des weit
zurückliegenden Zeitrahmens (von tausenden von Jahren) erklären,
warum Schreiben und Lesen nicht notwendigerweise unser heutiges und
zukünftiges Leben und Arbeiten beherrschen müssen. Zumindest könnten
wir das Verhältnis zwischen Mensch, Sprache und Dasein besser
verstehen. Wir betrachten das Wort als etwas selbstverständlich
Gegebenes und fragen uns, ob es je einen Menschen ohne Wort gegeben
hat. Als das Wort aber erst einmal durch die Möglichkeit seiner
Aufzeichnung etabliert war, beeinflußte es nicht nur die zukünftige
Entwicklung, sondern auch das Verständnis der Vergangenheit.
Das Wort bemächtigt sich der Vergangenheit und verleiht den
Erklärungen, die die Existenz des Wortes voraussetzen, ihre
Legitimität. Es beruht auf einem Notationssystem, das zugleich eine
Art eingebautes Gedächtnis und ein Mechanismus für Assoziationen,
Permutationen und Substitutionen ist. Wenn wir aber die Ursprünge
des Lesens und Schreibens so weit zurückverlegen, dann erweist sich
der Gegensatz von Schriftlichkeit und Schriftlosigkeit als
Strukturmerkmal nur einer der zahlreichen menschlichen
Entwicklungsperioden. In einer so weiten zeitlichen Perspektive
widerspricht unsere Auffassung von Notation (zu der wir auch Bilder,
den Ishango Knochen, die Quipu-Schnüre, die Vinca-Figuren usw.
zählen) dem logokratischen Sprachmodell. Ein- und mehrsilbige
Sprachelemente, hörbare Lautfolgen (und entsprechende Atemtechniken,
die Pausen vorsehen und Synchronisierungsmechanismen ermöglichen)
sowie natürliche Mnemotechniken (Kiesel, Astknoten, Steingestalten
usw.) sind dem Wort vorausgehende Komponenten einer vorsprachlichen
Notation. Sie entsprechen allesamt einem durch direkte Interaktion
gekennzeichneten Entwicklungsstadium. Sie beziehen sich auf eine
kleine Skala menschlichen Handelns, in welcher Zeit und Raum noch in
Form natürlicher Strukturen (Tag-Nacht, nah-fern, usw.) eingeteilt
werden können.
Der entscheidende Entwicklungsschritt in der Selbstkonstituierung des
Menschen wurde mit dem Übergang von aus der Natur ausgewählten
Zeichen zum Bezeichnen vollzogen, ein Prozeß, der zu etablierten
Klangmustern und schließlich zum Wort führte. Diese Veränderung
führte lineare Beziehungen in einen sich als zufällig oder chaotisch
darbietenden Bereich ein. Auch entwickelten sich neue Formen der
Interaktion: Namensgebung (durch Assoziation, etwa wenn Clans die
Namen von Tieren trugen), Ordnen und Zählen (zunächst die paarweise
Zuordnung der gezählten Gegenstände zu anderen Gegenständen) oder die
Aufzeichnung von Regelmäßigkeiten (des Wetters, der
Himmelsbeschaffenheit, biologischer Zyklen), soweit sie sich auf das
Ergebnis praktischer Tätigkeiten auswirkten.