Sprachen sind, ebenso wie die jeweiligen Schriftkulturen und die auf
ihnen gründende Bildung, untereinander sehr verschieden. Die
Unterschiede gehen weit über Wortklang, Alphabet, Buchstabenfolge und
Satzstrukturen hinaus. Manche Sprachen weisen nuancierte
Unterscheidungen für Farben, Formen, Geschlechtsbezeichnungen,
Mengenbezeichnungen und Naturphänomene auf, während allgemeine
Aussagen nur schwer in ihnen zu formulieren sind. Wir wissen aus der
Anthropologie, daß eine Sprache die jeweilige Lebenswelt ihres
eigenen Sprachraums lexikalisch differenzierter widerspiegelt als
andere Sprachen. Die verschiedenen Bezeichnungen für Schnee in
Eskimosprachen oder für Kamel im Arabischen sind geläufige Beispiele.
Sprachen kategorisieren die Wirklichkeit. Und eine Sprache
erscheint umso fremder, je fremder dem Betrachter die in ihr erfaßte
Wirklichkeit ist. So führt auch die Beherrschung der chinesischen
Sprache (d. h. in ihr gebildet zu sein), zu etwas anderem als die
Beherrschung etwa des Englischen oder eines afrikanischen
Stammesdialekts. Schon diese Beispiele zeigen, daß die praktische
Erfahrung, durch die eine Sprache hervorgebracht wird, Teil des
allgemeinen pragmatischen Handlungsraums des Menschen ist.
Eine abstrakte Sprache gibt es nicht. Doch trotz der zum Teil
erheblichen Unterschiede zwischen den Sprachen ist die
Sprachfähigkeit der gemeinsame Nenner der Spezies homo sapiens und
ein konstitutives Element der Dynamik dieser Spezies. Wir sind
unsere Sprache. Die Feststellung, daß die Sprache dem Leben folgt
und es nachbildet, trifft nur die halbe Wahrheit. Denn zugleich
bildet sich auch in der Verwendung der Sprache das Leben heraus.
Beide beeinflussen sich gegenseitig, letztlich hängt der Mensch von
jenem pragmatischen Handlungszusammenhang ab, innerhalb dessen er
seine biologische Struktur in den praktischen Akt der
Selbstdefinition überträgt.
Die Gründe für Veränderungen im dynamischen Zustand einer Sprache
können wir aus jenen (biologischen, sozialen, kulturellen) Bereichen
erschließen, die Sprache hervorgebracht haben, die Unterschiede in
der Sprachverwendung hervorgerufen und die Anlässe für Veränderungen
der Lebensumstände gegeben haben. Die Notwendigkeit zur Veränderung
und die Kräfte, die die Veränderung tragen, dürfen dabei nicht
verwechselt werden, obwohl die Trennung zwischen ihnen nicht immer
ganz leicht ist. Veränderte Arbeitsgewohnheiten und Lebensformen
sind ebenso wie die Sprache, die sie ausdrückt, an den pragmatischen
Rahmen unserer beständigen Selbstkonstituierung gebunden. Noch immer
verfügen wir über zehn Finger--eine Strukturgegebenheit des
menschlichen Körpers, die sich in das Dezimalsystem übertragen hat--,
aber das binäre Zahlensystem ist heute vermutlich vorherrschend. Das
besagt nichts anderes, als daß neue Wörter immer dann geprägt werden,
wenn die Umstände dies erfordern, und der Vergessenheit anheimfallen,
wenn sie nicht länger benötigt werden. Oft ermöglichen neue Wörter
und neue Ausdrucksformen erst neue Lebens- und Arbeitsformen; sie
bilden dann nicht nur Leben ab, sondern öffnen ihm mögliche
Entwicklungswege.
Die Sprache erlaubt dem Menschen erlernbare und kulturell tradierbare
Organisationsformen, die ihn vom instinktiven Verhalten des Tieres
unterscheiden. Über den Ursprung der Sprache ist damit noch nichts
gesagt, und nichts darüber, warum die instinktive und genetisch
vererbte Organisationsform der Tierwelt für die sprachlich
vermittelte Organisationsform des Menschen weder hinreicht noch
dieser gleichwertig ist. Sprache ist mehr als ein bloßer
Archivierungsort, sie ist ein Mittel zum Entwurf von Wirklichkeit,
ein Instrument zur Hervorbringung neuer Instrumente und deren
Evaluierung.
Doch wir müssen Sprache in einem noch allgemeineren Rahmen betrachten.
Sprachen entwickeln sich wie die Menschen, die sie benutzen. Auch
das Aussterben von Sprachen gibt Aufschluß darüber, wie das Leben
einer Sprache an das Leben derer gebunden ist, die sie entwickelt und
erforderlich gemacht und schließlich durch andere Mittel ersetzt
haben. Die anthropologische, archäologische und genetische Forschung,
die sich mit den vorsprachlichen Stadien menschlichen Lebens befaßt,
konzentriert sich auf die Gegenstände, die man für primitive
Verrichtungen verwendete. Aus diesem Zusammenhang wissen wir recht
zuverlässig, daß vor der Entwicklung relativ stabiler und repetitiver
Strukturen die Menschen Laute und körpersprachliche Formen der Mimik
und Gestik einsetzten, und zwar wohl ziemlich genau so, wie wir es
heute von Kleinkindern kennen. Aus den frühen Stadien der Menschheit
ist ein reicher Fundus an Handlungsmustern und Verhaltenscodes
überliefert, die durchaus eine gewisse Kohäsion aufweisen. Unsere
Vorfahren aus grauer Vorzeit entwickelten bereits für den Zweck der
Nahrungsversorgung und als Reaktion auf Veränderungen in den
Lebensbedingungen, die sich auf die Ernährungs- und Schutzbedürfnisse
auswirkten, bestimmte regelhafte Verhaltensformen.
In vorsprachlicher Zeit fungierten Werkzeuge offenbar auch als
Zeichen und Kommunikationsmittel. Viele Wissenschaftler glauben
allerdings, daß die Erfindung von Werkzeugen ohne Wörter, also vor
der Existenz von Sprache, nicht möglich war. Ihnen zufolge sind die
zur Herstellung von Werkzeugen und die zur Herausbildung des
werkzeugmachenden Menschen (homo faber) erforderlichen kognitiven
Prozesse sprachlicher Natur. Das Werkzeug als Verlängerung des Arms
stelle eine Art von Verallgemeinerung dar, die nur durch Sprache
möglich wurde. Es könnte aber durchaus sein, daß natürliche Formen
der "Notation" (Fußabdrücke, Bißeindrücke und solche Steingebilde,
die manche bereits für Werkzeuge halten) der Sprache vorausgingen.
Solche Notierungen dürfen auch als Extension der biologischen
Gegebenheiten des Menschen gelten und entsprechen einem kognitiven
Entwicklungsstand und einer Existenzskala, die auf die Herausbildung
von Sprache hinführte.
Die vorliegenden Erkenntnisse über die Entstehung von Schriftsystemen
lassen nachvollziehen, wie sich lautliche und gestische Muster zu
graphischen Darstellungen entwickelt haben, und zugleich auch, wie
mit dem Entstehen der Schrift neue Erfahrungshorizonte und eine
breitere Skala menschlicher Tätigkeit erschlossen wurden.
Entsprechende Rückschlüsse können wir auch aus aussterbenden Sprachen
ziehen, die weniger wegen ihrer Grammatik oder Phonetik interessant
sind als wegen des erkennbaren Zusammenhangs, der zwischen ihnen und
einer entsprechenden Erfahrungswelt, einer zugrundeliegenden
biologischen Struktur und der Skala der menschlichen Erfahrungen und
ihrer Veränderungen besteht.
Der hier getroffenen Unterscheidung zwischen vorsprachlicher Notation,
Sprachentstehung, Entstehung von Schriftsystemen und aussterbenden
Sprachen entspricht ein Unterschied zwischen Arten und Typen
menschlicher Ausdrucksweise, Interaktion und Interpretation von allem,
was die Menschen zur Anerkennung der sie umgebenden Wirklichkeit
heranziehen. Auf sich oder andere aufmerksam zu machen erfordert
noch keine Sprache. Hierfür reichen Laute, Gesten können das Signal
verstärken. In jedem artikulierten Laut und in jeder Geste
projiziert sich der Mensch auf irgendeine Weise. In Höhe, Timbre,
Umfang und Dauer eines Lautes bleibt Individualität bewahrt; Gesten
können langsam oder schnell, zögernd oder aggressiv oder in einer
Mischung von alldem ausgeführt werden. Wird aber ein bestimmter Laut
oder eine Lautfolge bzw. eine bestimmte Geste oder Gestenfolge auf
die Bezeichnung eines bestimmten Gegenstandes festgelegt, so wird aus
diesem stabilisierten Ausdruck das, was wir im Nachhinein ein Zeichen
nennen.