»Haben Sie mir vor neunzehn Tagen Ihre Bücher gezeigt, Fräulein Imma --
oder nicht?«
»Vor neunzehn Tagen? Da muß ich rechnen. Nein, lassen Sie sehen, es sind
achtzehn Tage und ein halber, wenn mich nicht alles täuscht ...«
»Sie haben mir also Ihre Bücher gezeigt?«
»Das trifft unbedingt zu, Prinz. Und ich wiege mich in der Hoffnung, daß
sie Ihnen gefallen haben.«
»Ach, Imma, Sie müssen nicht so sprechen, nicht jetzt und nicht zu mir!
Mir ist so ernst ums Herz, und ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen,
wozu ich vor neunzehn Tagen nicht gekommen bin, als Sie mir Ihre Bücher
zeigten ... Ihre vielen Bücher. Ich möchte da anknüpfen, wo wir damals
aufgehört haben und das Dazwischenliegende vergessen sein lassen ...«
»Um Gottes willen, Prinz, lassen Sie lieber das andere vergessen sein!
Worauf kommen Sie zurück?! Woran erinnern Sie sich und mich?! Ich
dächte, Sie hätten Grund, über diese Dinge das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Sich in dem Grade gehen zu lassen! In dem Grade die Haltung
zu verlieren!...«
»Wenn Sie wüßten, Imma, wie unaussprechlich wohl es mir tat, die Haltung
zu verlieren!«
»Ich bedanke mich! Das ist beleidigend, wissen Sie das? Ich bestehe
darauf, daß Sie auch mir gegenüber die Haltung wahren, die Sie der
ganzen Welt gegenüber an den Tag legen. Ich bin nicht dazu da, daß Sie
sich bei mir von Ihrem prinzlichen Dasein erholen.«
»Was für ein Mißverständnis, Imma! Aber ich weiß wohl, daß Sie mich mit
Absicht mißverstehen und nur im Scherz, und das zeigt mir, daß Sie mir
nicht glauben und nicht ernst nehmen, was ich sage ...«
»Nein, Prinz, das ist in der Tat zuviel verlangt! Haben Sie mir nicht
von Ihrem Leben erzählt? Sie sind zum Schein zur Schule gegangen, Sie
sind zum Schein auf der Universität gewesen, Sie haben zum Schein als
Soldat gedient und tragen noch immer zum Scheine die Uniform; Sie
erteilen zum Schein Audienzen und spielen zum Schein den Schützen, und
der Himmel weiß, was noch alles; Sie sind zum Schein auf die Welt
gekommen, und nun soll ich Ihnen plötzlich glauben, daß es Ihnen mit
irgend etwas ernst ist?«
Während sie dies sagte, traten ihm Tränen in die Augen; so sehr taten
ihm ihre Worte weh. Er antwortete leise: »Sie haben recht, Imma, es ist
viel Unwahrheit in meinem Leben. Aber ich habe es ja nicht gemacht oder
gewählt, müssen Sie bedenken, sondern habe meine Pflicht getan, wie sie
mir streng und genau zur Erbauung der Leute vorgeschrieben war. Und
nicht genug, daß es schwer war und voller Verbote und Entbehrungen, so
soll es sich nun auch rächen, dadurch, daß Sie mir nicht glauben.«
»Sie sind stolz«, sagte sie, »auf Ihren Beruf und Ihr Leben, Prinz, ich
weiß das wohl, und ich kann nicht einmal wünschen, daß Sie sich selber
die Treue brechen.«
»Oh,« rief er aus, »lassen Sie das meine Sorge sein, das mit der Treue
zu mir, und machen Sie sich keineswegs Gedanken darüber! Ich habe
Erfahrungen, ich bin mir untreu gewesen und habe das Verbot zu umgehen
gesucht, und es hat mit Schande geendet. Aber seit ich Sie kenne, weiß
ich, weiß ich zum erstenmal, daß ich zum erstenmal ohne Reue und Schaden
daran, was man meinen hohen Beruf nennt, mich gehen lassen darf wie
irgendeiner, obwohl Doktor Überbein sagt, und sogar auf lateinisch, daß
das nicht gegeben werde ...«
»Sehen Sie wohl, was Ihr Freund da gesagt hat!«
»Haben Sie ihn nicht selbst einen unseligen Menschen genannt, der ein
schlechtes Ende nehmen werde? Er ist ein edler Charakter, ich schätze
ihn hoch und verdanke ihm viele Aufklärungen über mich und die Dinge.
Aber in letzter Zeit habe ich oftmals über ihn nachgedacht, und als Sie
damals so über ihn geurteilt hatten, da habe ich mich mehrere Stunden
lang mit Ihrem Urteil beschäftigt und mußte Ihnen recht geben. Denn ich
will Ihnen sagen, Imma, welche Bewandtnis es mit Doktor Überbein hat. Er
lebt in Feindschaft mit dem Glücke -- das ist es.«
»Das dünkt mich eine anständige Feindschaft«, sagte Imma Spoelmann.
»Anständig,« antwortete er, »aber unselig, wie Sie selber gesagt haben,
und obendrein sündhaft -- denn es ist Sünde gegen etwas, was herrlicher
ist als seine strenge Anständigkeit, das weiß ich nun, und zu dieser
Sünde hat er auch mich erziehen wollen, in aller Väterlichkeit. Aber nun
bin ich seiner Erziehung entwachsen, in diesem Punkte bin ich es. Ich
bin nun selbständig und weiß es besser, und wenn ich Überbein auch nicht
überzeugt habe -- Sie werde ich überzeugen, Imma, sei es heut oder
später ...«
»Ja, Prinz, das muß ich gestehen! Sie wissen zu überzeugen, Ihr Eifer
reißt unwiderstehlich mit sich fort! Neunzehn Tage, sagten Sie nicht so?
Ich halte achtzehn und einen halben für richtig, aber das läuft auf
dasselbe hinaus. In dieser Zeit haben Sie einmal geruht, auf
Delphinenort zu erscheinen ... vor vier Tagen ...«
Er sah ihr erschrocken ins Gesicht.
»Aber, Imma, Sie müssen Geduld mit mir haben und etwas Nachsicht ...
Bedenken Sie doch, ich bin noch ungelenk ... es ist fremder Boden! Ich
weiß nicht, wie es kam ... Ich glaube, ich wollte uns Zeit lassen. Und
dann traten verschiedene Anforderungen an mich heran ...«
»Natürlich, Sie mußten zum Schein nach der Scheibe schießen, ich habe es
gelesen. Wie gewöhnlich hatten Sie einen bedeutenden Erfolg zu
verzeichnen. Sie standen da kostümiert und ließen sich von einer ganzen
Wiese voll Menschen lieben ...«
»Halt, Imma, o bitte, keinen Galopp!... Es ist unmöglich, ein Wort zu
sprechen ... Lieben, sagen Sie. Aber was ist das für eine Liebe? Eine
Wiesenliebe, eine ungefähre, oberflächliche Liebe, eine Liebe von
weitem, die nichts bedeutet -- eine Liebe in Gala und ganz ohne
Vertraulichkeit! Nein, Sie brauchen durchaus nicht böse zu sein, daß ich
sie mir gefallen lasse, denn nicht ich habe gut davon, sondern einzig
die Leute, die erhoben werden dadurch, und das ist ihr Verlangen. Aber
ich habe auch mein Verlangen, Imma, und Sie sind es, an die ich mich
damit wende ...«
»Womit kann ich Ihnen dienen, Prinz?«
»Ach, Sie wissen es wohl! Es ist Vertrauen, Imma -- könnten Sie nicht
ein wenig Vertrauen zu mir haben?«
Sie sah ihn an, und so dunkel eindringlich wie jetzt hatten ihre
übergroßen Augen noch niemals geforscht. Aber wie inständig auch die
stumme Bitte war, mit der er an ihr hing, so wandte sie sich doch ab und
sagte mit verschlossener Miene: »Nein, Prinz Klaus Heinrich, das kann
ich nicht.«
Er stieß einen Laut des Kummers aus, und seine Stimme zitterte, als er
fragte: »Und warum können Sie nicht?«