Die Erfüllung

Ernste Gerüchte liefen über den Gesundheitszustand des Finanzministers

Doktor Krippenreuther im Lande um. Man sprach von nervöser Zerrüttung,

von einem fortschreitenden Magenübel, auf welches in der Tat die

schlaffen und gelben Gesichtszüge Herrn Krippenreuthers zu schließen

berechtigten ... Was ist Größe! Der Tagelöhner, der fahrende Strolch

beneideten diesen gequälten Würdenträger nicht um seinen Titel, seine

Gnadenketten, seinen Rang bei Hofe, sein hervorragendes Amt, zu dem er

zähe emporgestrebt war, um sich darin aufzureiben. Sein Rücktritt war

wiederholt als unmittelbar bevorstehend gemeldet worden -- einzig und

allein dem Widerwillen des Großherzogs gegen neue Gesichter sowie der

Erwägung, daß ein Personalwechsel zur Zeit nichts bessern könne, sei es,

sagte man, zuzuschreiben, daß dieser Rücktritt noch nicht zur Tatsache

geworden war. Doktor Krippenreuther hatte seinen Sommerurlaub in einem

Höhenkurort verbracht; aber falls er dort oben einige Erholung gefunden,

so wurden nach seiner Heimkehr die gesammelten Kräfte rasch wieder

verzehrt, denn gleich zu Beginn der parlamentarischen Jahreszeit gab es

Zwietracht zwischen dem Minister und der Budgetkommission -- schwere

Mißhelligkeiten, die gewiß nicht in einem Mangel an Geschmeidigkeit

seinerseits, sondern in den Verhältnissen, der heillosen Sachlage

begründet waren.

Mitte September eröffnete Albrecht II. unter den hergebrachten

Gebräuchen im Alten Schlosse den Landtag. Eine Anrufung Gottes durch den

Hofprediger D. Wislizenus in der Schloßkirche war der Zeremonie

voraufgegangen; dann begab sich der Großherzog, begleitet von dem

Prinzen Klaus Heinrich, in feierlichem Zuge zum Thronsaal, woselbst die

Mitglieder der beiden Kammern, die Minister, die Hofchargen und viele

andere Herren in Uniform und Bürgerkleid die fürstlichen Brüder mit

einem dreifachen Hoch begrüßten, aufgefordert dazu durch den Präsidenten

der Ersten Kammer, einen Grafen Prenzlau.

Albrecht hatte dringend gewünscht, seine Rolle bei der förmlichen

Handlung an seinen Bruder abzutreten, und nur auf inständige

Gegenvorstellungen des Herrn von Knobelsdorff schritt er im Zuge hinter

den als Pagen verkleideten Kadetten her. Er schämte sich seiner

verschnürten Husarenjacke, seiner prallen Hosen und dieses ganzen

Hokuspokus in dem Grade, daß Ärger und Verlegenheit ihm unzweideutig vom

Gesichte zu lesen waren. Seine Schulterblätter waren nervös verzogen,

als er die Stufen zum Thron emporstieg. Dann stand er vor dem

Theaterstuhl unter dem schadhaften Baldachin und sog an der Oberlippe.

Auf dem weißen Stehkragen, der weit aus dem silbernen Husarenkragen

hervorragte, ruhte sein schmaler, spitzbärtiger, unmilitärischer Kopf,

und seine blauen, einsam blickenden Augen sahen niemanden. Das Klirren

der Sporen des Flügeladjutanten, der ihm die Handschrift der Thronrede

überreichte, klang durch den Saal, in welchem sich Stille verbreitet

hatte. Und leise, ein wenig lispelnd und mehrmals von plötzlicher

Heiserkeit unterbrochen, verlas der Großherzog, was man ihm aufgesetzt

hatte.

Es war das schonungsvollste Schriftstück, das je zu Gehör gekommen, und

setzte jeder niederschlagenden Tatsache äußerer Natur einen dem Volke

innewohnenden sittlichen Vorzug entgegen. Es fing damit an, die im Lande

vorhandene Tüchtigkeit zu preisen, und räumte dann ein, daß gleichwohl

nicht auf allen Gebieten des Erwerbslebens ein eigentlicher Aufschwung

zu verzeichnen sei, so daß die Einnahmequellen nicht durchweg die

wünschenswerte Ergiebigkeit aufwiesen. Es vermerkte mit Genugtuung, wie

der Sinn für das Gemeinwohl und wirtschaftlicher Opfermut sich mehr und

mehr in der Bevölkerung ausbreiteten, und erklärte dann ohne

Schönfärberei, daß »trotz überaus begrüßenswerter Erhöhung der

Steuereingänge infolge Zuzugs steuerkräftiger Fremder« -- womit Herr

Spoelmann gemeint war -- an eine Herabsetzung der Ansprüche an den eben

gewürdigten Opfermut nicht wohl habe gedacht werden können. Selbst

ohnedies, hieß es weiter, hätten sich im Etatsentwurf nicht alle

finanzpolitischen Ziele erreichen lassen, und wenn es zunächst noch

nicht gelungen sei, die Schuldentilgung auf das angestrebte Maß zu

bringen, so sehe die Regierung doch in der Fortsetzung einer maßvollen

Anlehenspolitik den besten Ausweg aus den rechnerischen Verwicklungen.

Auf jeden Fall fühle sie sich -- die Regierung -- in aller Ungunst der

Verhältnisse von dem Vertrauen des Volkes getragen, jenem Glauben an die

Zukunft, der ein so schönes Erbteil unseres Stammes sei ... Und so bald

als tunlich verließ die Thronrede das mißliche Gebiet des

Geldwirtschaftlichen, um sich minder heiklen Gegenständen, dem Kirchen-,

Schul- und Rechtswesen zuzuwenden. Staatsminister von Knobelsdorff

erklärte im Namen des Monarchen den Landtag für eröffnet. Und die

Hochrufe, die Albrecht begleiteten, als er den Saal verließ, hatten

einen trotzig verzweifelten Nachdruck.

Da die Witterung noch sommerlich war, kehrte er sofort nach Hollerbrunn

zurück, von wo er notgedrungen zur Stadt gekommen war. Er hatte das

seine getan, und was übrigblieb, war Sache Herrn Krippenreuthers und des

Landtags. Es kam, wie gesagt, sogleich zu Streitigkeiten, und zwar wegen

mehrerer Punkte auf einmal: der Vermögenssteuer, der Fleischsteuer und

des Beamtengehaltstarifs.

Da nämlich die Volksvertretung für nichts in der Welt zur Bewilligung

neuer Steuern zu bewegen gewesen wäre, so war Doktor Krippenreuthers

grübelnder Geist darauf verfallen, die bisher gebräuchlich gewesenen

Extrasteuern in eine Vermögenssteuer umzuwandeln, die, den Steuerfuß auf

dreizehneinhalb vom Hundert angesetzt, einen Mehrertrag von rund einer

Million ergeben würde. Wie bitter notwendig, ja, wie unzulänglich ein

solcher Mehrertrag war, erhellte denn auch aus dem Hauptvoranschlag für

das neue Etatsjahr, welcher, der Übernahme neuer Lasten auf die

Staatskasse ungeachtet, mit einem Fehlbetrag abschloß, der das Herz

jedes wirtschaftlich Einsichtigen mußte erbeben machen. Da aber klar

war, daß fast allein die Städte durch die Vermögenssteuer würden

belastet werden, so kehrte sich gegen den Steuerfuß von dreizehneinhalb

die volle Entrüstung der städtischen Vertreter, und zum mindesten

forderten sie als Entgelt die Abschaffung der Fleischsteuer, die sie

volksfeindlich und vorsintflutlich nannten. Hinzu kam, daß die

Kommission mit Unnachgiebigkeit auf der längst versprochenen und immer

hinausgeschobenen Aufbesserung der Beamtenbesoldung bestand -- wobei

nicht zu leugnen war, daß die Gehälter der Verwaltungsbeamten,

Geistlichen und Lehrer des Großherzogtums in der Tat zum Erbarmen

aufforderten. Allein Dr. Krippenreuther konnte nicht Gold machen -- »ich

habe nicht Gold machen gelernt«, sagte er wörtlich --, und so wenig er

sich in der Lage sah, auf die Fleischsteuer zu verzichten, so wenig

wußte er Rat gegen den Notstand der Beamten. Ihm blieb nichts übrig, als

auf seine dreizehneinhalb vom Hundert zu trotzen, obwohl er am besten

wußte, daß man durch ihre Bewilligung nicht wesentlich würde gefördert

sein. Denn die Lage war ernst, und schwermütige Geister gaben ihr

trübere Bezeichnungen.

Über die Ernteergebnisse der letzten Jahre enthielt die »Zeitschrift des

Großherzoglichen Statistischen Bureaus« erschreckende Angaben. Die

Landwirtschaft hatte eine Reihe von Mißjahren zu verzeichnen.

Wetterunbilden, Hagel, Dürre und übermäßiger Regen hatten die Bauern

getroffen; ein außerordentlich schneearmer und kalter Winter hatte die

Saaten erfrieren gemacht; und die Krittler behaupteten, wenn auch

ziemlich unbewiesenerweise, daß die Fällungen bereits das Klima

beeinträchtigt hätten. Jedenfalls war laut zahlenmäßiger Nachweisung der

Gesamtertrag an Körnern im beunruhigendsten Grade zurückgegangen. Die

Beschaffenheit des Strohs, das übrigens in ungenügenden Mengen vorhanden

war, ließ der amtlichen Redewendung nach zu wünschen übrig; die Ziffern

der Kartoffelernte standen weit hinter dem Durchschnittsertrag von

Jahrzehnten zurück, zu schweigen davon, daß nicht weniger als zehn vom

Hundert dieser Früchte erkrankt waren; den künstlichen Futterbau

angehend, so zählten die letzten beiden Jahre, sowohl in bezug auf die

Menge als auch auf die Beschaffenheit des Ertrages an Klee und Luzerne,

zu den ungünstigsten der ganzen Erhebungsperiode, und weder mit der

Ernte an Winterraps noch mit derjenigen an Heu und Grummet stand es

besser. Der Niedergang der landwirtschaftlichen Verhältnisse fand

krassen Ausdruck in der Zunahme der Zwangsveräußerungen, deren Ziffer in

diesem Berichtsjahr entsetzlich emporschnellte. Aber der Mißwuchs zog

Steuerausfälle nach sich, die, wenn sie anderswo schmerzlich empfunden

worden wären, bei uns verhängnisvoll wirken mußten.

Die Forsten? Es war nichts daraus erwirtschaftet worden. Ein Unheil kam

zum andern; Schädlinge, Nonnen hatten die Wälder mehrmals heimgesucht --

und daran, daß durch die Überhauungen der Wald überhaupt in seinem

Kapitalwerte erschüttert war, braucht nicht erinnert zu werden.

Die Silberbergwerke? Sie waren lange erträgnislos gewesen. Zerstörende

Naturmächte hatten den Betrieb unterbrochen, und da die

Wiederherstellung große Kosten verursacht haben würde, auch die

Ergebnisse niemals so recht den Aufwendungen hatten entsprechen wollen,

so hatte man sich genötigt gesehen, die vorläufige Auflassung der Werke

zu verfügen, obgleich dadurch viele Arbeiter brotlos gemacht und ganze

Gegenden geschädigt wurden.

Genug! Wie es in dieser Zeit der Prüfung um die ordentlichen Einnahmen

des Staates stand, ist hiermit gekennzeichnet. Die schleichende Krise,

das von einem Wirtschaftsjahr in das andere geschleppte Defizit war

durch Notstand, durch die Feindseligkeit der Elemente und Steuerausfall

brennend, war schreiend geworden, und bei der ratlosen Umschau nach

Heilmitteln -- nach Linderungsmitteln offenbarte sich dem blödesten

Blick der ganze Jammer unserer Finanzgebarung. An die Bewilligung neuer

Abgaben war nicht einmal zu denken. Steueruntüchtig von Natur, war das

Land in diesem Augenblick erschöpft, seine Steuerkraft erlahmt, und die

Krittler behaupteten, daß auf dem Lande der Anblick unterernährter

Gestalten immer häufiger werde, woran erstens die empörenden

Verzehrungssteuern und zweitens die unmittelbaren Steuerlasten die

Schuld trügen, welche bekanntlich den Viehbesitzer zwängen, alle

Vollmilch zu Gelde zu machen. Was aber jenes andere, minder sittliche,

doch verlockend bequeme Hilfsmittel gegen Geldmangel betrifft, welches

die Finanzwissenschaft kennt, nämlich die Anleihe, so war die Stunde

gekommen, wo eine mißbräuchliche und leichtfertige Ausnutzung dieses

Mittels sich bitter zu rächen begann.

Nachdem man die Schuldentilgung eine Weile auf ungeschickte und

verlustbringende Weise betrieben, hatte man sie unter Albrecht II. so

gut wie ganz unterlassen, hatte die klaffenden Löcher im Etat mit neuen

Anleihen und Schatzscheinen notdürftig gestopft und sah sich erbleichend

einer schwebenden und kurzfristigen fundierten Schuld gegenüber, deren

Höhe zur Kopfzahl der Einwohnerschaft in skandalösem Verhältnis stand.

Doktor Krippenreuther war nicht vor den Praktiken zurückgeschreckt, die

in solchem Falle dem Staat zu Gebote stehen. Er hatte sich hoher

Kapitalverbindlichkeiten entschlagen, hatte zur Zwangskonversion

gegriffen und, nicht ohne gleichzeitige Herabsetzung des Zinsfußes,

kurzfristige Schulden über die Köpfe der Gläubiger hinweg in ewige

Rentenschulden umgewandelt. Aber die Renten wollten gezahlt sein, und

während diese Zahlungsverpflichtungen unsere Volkswirtschaft

unerträglich belasteten, wurde durch den Tiefstand des Kurses bei jeder

neuen Ausgabe von Schuldverschreibungen der Kapitalerlös für die

Staatskasse geringer. Mehr noch: die wirtschaftliche Krise im

Großherzogtum bewirkte, daß die auswärtigen Gläubiger ihre Forderungen

hastig zu veräußern suchten, was wiederum Kurssturz und verstärkten

Geldabfluß zur Folge hatte, und Bankbrüche in der Geschäftswelt waren an

der Tagesordnung.

Mit einem Worte: unser Kredit war erschüttert, unsere Papiere standen

tief unter dem Nennwerte, und wenn der Landtag eine neue Anleihe

vielleicht auch lieber als neue Steuern bewilligt hätte, so waren die

Bedingungen, die dem Lande auferlegt worden wären, doch solcher Art, daß

die Begebung schwierig, wenn nicht unmöglich erschien. Denn zu allem

Unglück kam dies, daß man gerade damals unter dem Druck jener

allgemeinen wirtschaftlichen Mißstimmung, jener Geldteuerung stand, die

noch in jedermanns Erinnerung ist.

Was tun, um festen Boden zu gewinnen? Wohin sich wenden, um den

Geldhunger zu stillen, der uns verzehrte? Die Veräußerung der zur Zeit

erträgnislosen Silberbergwerke und die Verwendung des Erlöses zur

Tilgung hochverzinslicher Schulden war längst erwogen worden. Jedoch

durch den Verkauf, der, wie die Dinge lagen, notwendig ungünstig

ausfallen mußte, wäre nicht nur das in den Werken angelegte Kapital fast

ganz verlorengegangen, sondern der Staat hätte sich auch der Gewinne

begeben, die dennoch vielleicht über kurz oder lang einmal daraus würden

zu erlangen sein -- und schließlich war nicht von heute auf morgen ein

Käufer zu finden. Einen Augenblick -- es war ein Augenblick seelischer

Hinfälligkeit -- kam selbst der Verkauf von Staatsforsten in Betracht.

Aber hier darf gesagt werden, daß immerhin genug gesunder Sinn im Lande

vorhanden war, um zu verhindern, daß unsere Wälder der Privatindustrie

überantwortet würden.

Um nichts zu verschweigen: noch andere Verkaufsgerüchte kamen auf,

Gerüchte, die darauf schließen ließen, daß die Verlegenheit nicht vor

Stätten haltmachte, welche das ehrerbietige Volk sich gern als allen

Unbilden der Zeit entrückt gedacht hätte. Der »Eilbote«, nicht gewohnt,

seinem Zartgefühl eine Information zu opfern, brachte zuerst die

Nachricht, daß zwei im offenen Lande gelegene Schlösser des Großherzogs,

»Zeitvertreib« und »Favorita«, dem Verkauf unterstellt seien. In

Erwägung, daß beide Besitztümer für Wohnzwecke der allerhöchsten Familie

nicht mehr in Betracht kämen und jährlich steigende Zuschüsse

erforderten, habe die Verwaltung der Kronfideikommißgüter die

zuständigen Stellen angewiesen, die Veräußerung in die Wege zu leiten.

Was bedeutete das? Offenbar stand es anders damit als mit dem Verkauf

von »Delphinenort«, der die Folge eines ganz außerordentlichen und

überaus günstigen Angebots und außerdem eine Handlung der Staatsklugheit

gewesen war. Leute, die abgehärtet genug waren, um Dinge namhaft zu

machen, vor deren Nennung ein feineres Empfinden zurückbebt, sprachen es

aus, daß die Hoffinanzdirektion von unruhig gewordenen Gläubigern

rücksichtslos bedrängt werde und, wenn sie solche Verkäufe empfehle,

einem unerbittlichen Zwang unterliege.

Wohin war es gekommen? In welche Hände würden die Schlösser gelangen?

Gerade die Bestgesinnten, die so fragten, waren geneigt, eine weitere

Nachricht, die von überklugen Alleswissern ausgesprengt wurde, als

tröstlich zu empfinden und zu glauben: Daß nämlich abermals niemand

anders als Samuel Spoelmann der Käufer sei -- eine völlig grundlose und

aus der Luft entstandene Meldung, die aber erkennen läßt, welche Rolle

in der Vorstellungswelt des Volkes der einsame und leidende kleine Mann

spielte, der sich in seiner Mitte fürstlich niedergelassen hatte.

Dort hauste er, mit seinem Leibarzt, seiner elektrisch betriebenen Orgel

und seiner Gläsersammlung, hinter den Säulen, den Bogenfenstern und

gemetzten Laubgewinden des Lustschlosses, das sein Wink aus dem Verfalle

hatte erstehen lassen. Man sah ihn fast nie; er lag mit Breiumschlägen.

Aber man sah seine Tochter, dies fremdartige, mit launischem Mienenspiel

auf königlicher Höhe lebende Wesen, das eine Gräfin zur Gesellschaft

hatte, der Algebra oblag und frei und zornig mitten durch die

Wachtmannschaft gegangen war -- man sah sie, und an ihrer Seite sah man

zuweilen den Prinzen Klaus Heinrich.

Es war eine von Raoul Überbeins starken Redensarten gewesen, als er

erklärt hatte, daß das Publikum bei diesem Anblick »den Atem anhalte«;

aber in der Sache hatte er recht, und man kann sagen, daß niemals die

Bevölkerung unserer Residenz -- und zwar in ihrer ganzen Zusammensetzung

-- einen gesellschaftlichen oder öffentlichen Vorgang mit so

leidenschaftlichem, so alles andere hintansetzendem Eifer verfolgt

hatte, wie Klaus Heinrichs Verkehr auf »Delphinenort«. Der Prinz selbst

handelte bis zu einem gewissen Punkte -- nämlich bis zu einer gewissen

Unterredung mit Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Knobelsdorff --

blind, ohne Rücksicht auf die Mitwelt und inneren Trieben gehorchend;

aber sein Lehrer konnte ihn mit Fug ob der Meinung, als könnten seine

Schritte der Welt verborgen bleiben, in seiner väterlichen Art

verspotten, denn sei es nun, daß die beiderseitige Dienerschaft nicht

reinen Mund hielt oder daß unmittelbare Beobachtungen von seiten des

Publikums vorlagen, jedenfalls war Klaus Heinrich niemals mit Fräulein

Spoelmann zusammengetroffen, niemals seit jener ersten Begegnung im

Dorotheen-Spital, ohne daß es bemerkt und besprochen worden wäre.

Bemerkt? Nein, erspäht, eräugt und gierig aufgegriffen! Besprochen?

Vielmehr mit Sturzbächen von Gerede überschüttet! Dieser Verkehr bildete

den Gesprächsgegenstand der Hofgesellschaft, der Salons, der Wohn- und

Schlafzimmer, der Barbierstuben, Wirtshäuser, Handwerkstätten und

Gesindekammern, der Droschkenkutscher an den Haltestellen und der Mägde

unter den Haustoren, er beschäftigte gleichermaßen die männlichen und

weiblichen Köpfe, wenn auch natürlich mit den Abweichungen, die in der

unterschiedlichen Betrachtungsweise der Geschlechter begründet liegen,

die unerhört einmütige Teilnahme daran wirkte ausgleichend,

zusammenfassend, sie überbrückte die gesellschaftlichen Klüfte, und es

konnte geschehen, daß der Trambahnschaffner sich auf der Plattform an

den feingekleideten Fahrgast mit der Frage wandte, ob er schon wisse,

daß gestern nachmittag der Prinz wieder eine Stunde auf »Delphinenort«

gewesen sei.

Aber das sowohl an und für sich Bemerkenswerte wie auch für die Zukunft

Entscheidende bei alldem war, daß man keinen Augenblick den Eindruck

gewann, als läge ein Ärgernis in der Luft und als handle es sich bei all

der Zungenbewegung um die gemeine Lust an anstößigen Vorgängen in hohen

Sphären -- sondern daß vom ersten Anbeginn, bevor noch irgendein

Hintergedanke aufzukommen Zeit gehabt hatte, die tausendstimmige

Erörterung bei aller Erregtheit durchaus im Sinne der Billigung und des

Einverständnisses geführt wurde, ja, daß der Prinz, wenn er früher

darauf verfallen wäre, sich nach der öffentlichen Meinung umzutun,

sogleich die glückliche Gewißheit von der unbedingten Volkstümlichkeit

seines Handelns erhalten hätte. Als er nämlich, seinem Lehrer gegenüber,

Fräulein Spoelmann eine »Prinzessin« genannt hatte, da hatte er, wie es

ihm übrigens wohl anstand, genau im Geiste des Volkes gesprochen --

jenes Volkes, das überall das Ungemeine und Traumhafte mit dichterischem

Sinn zu erfassen weiß. Ja, für das Volk war das schwarzbleiche, kostbare

und eigentümlich liebliche Wesen von schillernder Blutzusammensetzung,

das von den Gegenfüßlern zu uns gekommen war, um sein vereinzeltes und

beispielloses Leben bei uns zu führen -- für das Volk war es ein

Fürsten- oder Feenkind aus Fabelland, eine Prinzessin in des Wortes

sonderbarster Bedeutung. Aber alles, sowohl ihr eigenes Gehaben als auch

das Verhalten der Welt zu ihr, trug dazu bei, sie auch im gewohnten

Sinne des Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen. Wohnte sie nicht

mit ihrer gräflichen Ehrendame in einem Schloß, wie es sich gehörte?

Fuhr sie nicht in ihrem prachtvollen Kraftwagen oder mit ihrem

Viergespann an den mildtätigen Anstalten, dem Blinden-, dem Waisen-, dem

Diakonissenhause, der Volksküche und der Milchküche vor, um sie zu

allgemeiner Erhebung und eigener Belehrung zu besichtigen, völlig nach

fürstlicher Art? Hatte sie nicht sowohl für die Überschwemmten wie für

die Abgebrannten aus ihrer »Privatschatulle«, wie der »Eilbote« sich

bezeichnend ausdrückte, Unterstützungssummen gespendet, die genau denen

des Großherzogs gleichkamen (sie nicht übertrafen, was allgemein

beifällig vermerkt wurde)? Berichteten nicht fast jeden Tag die Journale

gleich unter den Hofnachrichten über Herrn Spoelmanns wechselnden

Gesundheitszustand -- ob die Koliken ihn ans Bett fesselten oder ob er

den morgendlichen Besuch des Quellengartens wieder aufgenommen habe?

Gehörten die weißen Livreen seiner Bedienten nicht zum hauptstädtischen

Straßenbilde wie die braunen der großherzoglichen Lakaien? Ließen nicht

die Fremden mit ihren Handbüchern sich nach Delphinenort hinausfahren,

um sich in den Anblick der Spoelmannschen Residenz zu versenken --

manche, bevor sie das Alte Schloß gesehen? Waren nicht beide Schlösser,

das Alte und Delphinenort, nahezu gleichermaßen Hochsitze und

Mittelpunkte der Stadt? In welche Gesellschaft gehörte das aller

Gemeinschaft und Gleichartigkeit entrückte Menschenkind, das als Samuel

Spoelmanns Tochter geboren war? Wem sollte es sich anschließen, mit wem

Verkehr pflegen? Nichts war weniger befremdend, nichts einleuchtender

und natürlicher, als Klaus Heinrich an ihrer Seite zu sehen. Und auch

alle diejenigen, die des Anblicks nicht wirklich teilhaft geworden

waren, genossen ihn im Geiste und vertieften sich darein: die schlanke,

festlich vertraute Gestalt des Prinzen neben der Tochter und Erbin des

ungeheuerlichen kleinen Fremden, der krank und ärgerlich an einem

Vermögen trug, welches sich ungefähr doppelt so hoch belief wie unsere

sämtlichen Staatsschulden!

Da geschah es, daß eine Erinnerung, eine wunderliche Wortfügung vom

öffentlichen Bewußtsein Besitz ergriff ... niemand kann sagen, wer

zuerst darauf hinwies, darauf zurückwies -- das steht nicht fest.

Vielleicht war es eine Frau, vielleicht ein Kind mit gläubigen Augen,

dem man es irgendwann zum Einschlafen erzählt -- Gott weiß es. Aber eine

gespenstische Gestalt belebte sich in der Einbildungskraft des Volkes:

der Schatten eines alten Zigeunerweibes, das, grauzottig und krumm, die

Augen nach innen gekehrt, seinen Stock durch den Sand führte und dessen

Gemurmel aufgezeichnet und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert

worden war ... »Das größte Glück?« Durch einen Fürsten »mit einer Hand«

sollte es dem Lande zuteil werden. Mehr werde er, hieß es, mit seiner

einen dem Lande geben, als andere mit zweien nicht vermöchten ... Mit

einer? Aber war alles ganz in Ordnung an Klaus Heinrichs schlanker

Festgestalt? War nicht, wenn man sich besann, eine Schwäche, ein Fehler

an seiner Person, wovon man, wenn man ihn grüßte, abzusehen gewöhnt war,

aus Scheu zum ersten und zweitens, weil er es einem mit liebenswerter

Kunst erleichterte, davon abzusehen? Man sah ihn im Wagen, wie er über

dem Säbelgriff den linken Unterarm mit dem rechten bedeckte. Man sah ihn

unter einem Baldachin, auf einer mit Fahnentüchern behangenen Tribüne

sich darstellen, ein wenig nach links gewandt, die Linke auf eine

gewisse Art in die Hüfte gestützt. Sein linker Arm war zu kurz, die Hand

verkümmert, man wußte es und kannte sogar verschiedene Erklärungen für

die Entstehung dieses Gebrechens, ohne daß Ehrfurcht und Abstand doch

erlaubt hätten, es klar zu sehen oder es auch nur eigentlich zuzugeben.

Aber nun sah man es. Niemals wird festgestellt werden können, wer zuerst

flüsternd daran erinnerte und es mit der Prophezeiung in Verbindung

brachte -- ein Kind, eine Magd oder ein Greis an der Schwelle des

Jenseits. Aber was feststeht, ist, daß es im Volke geschah, daß das Volk

gewisse Gedanken und Hoffnungen -- nicht zuletzt seine Auffassung der

Person Fräulein Spoelmanns -- den gebildeten Ständen bis hinauf zu den

ausschlaggebenden Stellen erst aufdrängte und von unten her gewaltig

eingab: daß der unbefangene, von Vorurteilen nicht gehemmte Glaube des

Volkes allem Späteren die breite und feste Grundlage bot. »Mit einer

Hand?« fragte es, und »Das größte Glück?« Es sah Klaus Heinrich im

Geiste neben Imma Spoelmann die Linke in die Hüfte stützen, und, noch

unfähig, zu Ende zu denken, was es dachte, erbebte es bei seinem halben

Gedanken.

Damals schwebte alles in der Luft, und niemand dachte etwas zu Ende --

und auch nicht die nächstbeteiligten und handelnden Personen, denn

zwischen Klaus Heinrich und Imma Spoelmann lagen die Dinge ja sonderbar,

und ihr Sinnen konnte -- auch seines -- vorderhand auf kein

handgreifliches Ziel gerichtet sein. In der Tat hatte jener wortkarge

Vorgang am Nachmittag von des Prinzen Geburtstag (als Fräulein Spoelmann

ihm ihre Bücher gezeigt hatte) an ihren Beziehungen sehr wenig, ja gar

nichts geändert, und wenn auch Klaus Heinrich damals in jenem wallenden

und hitzig entzückten Zustand, der jungen Leuten bei solchen

Gelegenheiten eigen ist, nach »Eremitage« zurückgekehrt war, wohl gar in

der Meinung befangen, daß etwas Entscheidendes sich ereignet habe, so

wurde er doch bald belehrt, daß sein Werben um das, was er als sein

Glück erkannt hatte, nun erst eigentlich begann. Dieses Werben aber

konnte, wie gesagt, noch gar keinem sachlichen Enderfolg, einem

bürgerlichen Versprechen oder ähnlichem gelten -- das lag zunächst

außerhalb des Bereiches des Denkbaren, und überdies lebte man, um

dergleichen ins Auge zu fassen, in allzu großer Abgeschiedenheit von der

praktischen Welt. Ja, worum Klaus Heinrich fortan mit Blick und Worten

bat, war nicht sowohl, daß Fräulein Spoelmann die Empfindungen, die er

ihr entgegenbrachte, erwidern -- sondern daß sie sich überhaupt

entschließen möge, an die Wirklichkeit und Lebendigkeit dieser

Empfindungen zu glauben. Denn das tat sie nicht.

Er ließ zwei Wochen verstreichen, ehe er wieder auf »Delphinenort«

vorsprach, und lebte während dieser Zeit in seinem Innern von dem, was

geschehen. Es schien ihm nicht eilig, dieses Geschehnis durch Neues

veralten zu machen, und außerdem nahmen ihn in diesen Tagen mehrere

Repräsentationspflichten in Anspruch, unter anderen das Festschießen des

Zimmerstutzen-Schützenverbandes, dessen erklärter Schirmherr er war, und

an dessen Stiftungsfest er sich alljährlich beteiligte, indem er, in

grüner Tracht, als lebe und webe er im Schützenwesen, von den

Vereinsmitgliedern mit begeistertem Schützengruß empfangen, an den

Schießständen vorfuhr und mit den verklärten Herren des Vorstandes, ganz

gegen Appetit, einen Imbiß einnahm, um endlich in anmutig kundiger

Haltung mehrere Schüsse in der Richtung verschiedener Scheiben

abzugeben. Als er sich hierauf -- es war Mitte Juni -- wieder um die

Teestunde bei Spoelmanns einstellte, verhielt Imma sich äußerst

spöttisch, und ihre Ausdrucksweise war ungewöhnlich schriftmäßig und

redensartlich. Auch Herr Spoelmann war jenes Mal zugegen, und obgleich

seine Anwesenheit das von Klaus Heinrich ersehnte Alleinsein mit der

Tochter des Hauses hintanhielt, so half sie dem Prinzen doch auf

unerwartete Weise über den Kummer, der Immas Schärfe ihm machte, hinweg;

denn Samuel Spoelmann war gütig, fast weich gegen ihn.

Man nahm den Tee auf der Terrasse, in neuartig geformten Korbstühlen

sitzend, zart angeweht von den Düften des Blumengartens. Der Schloßherr

lag unter einer grünseidenen, mit Papageien durchwebten und mit Pelz

gefütterten Decke ausgestreckt am Tische auf einem mit seidenen Kissen

ausgestatteten Ruhebett aus Rohrgeflecht. Er war außer Bett, um die

linde Luft zu genießen, aber seine Wangen waren heute nicht hitzig,

sondern gelblichbleich und seine Äuglein getrübt; sein Kinn war spitz,

seine gerade hervorspringende Nase erschien länger als sonst, und seine

Stimmung nicht von der gewohnten Ärgerlichkeit, sondern eher wehmütig,

was nicht als gutes Zeichen genommen werden konnte. Zu seinen Häupten

saß lang und milde lächelnd Doktor Watercloose.

»Na, junger Prinz ...« sagte Herr Spoelmann müde, und auf die Frage nach

seinem Befinden antwortete er nur mit einem schwachen Knarren. Imma, in

schillerndem Hauskleide mit hoher Taille und grünsamtenem Jäckchen, goß

Wasser aus dem elektrisch geheizten Kessel in die Kanne. Sie

beglückwünschte den Prinzen mit vorgeschobenen Lippen zu seinem

persönlichen Erfolge auf der Schützenwiese. Sie habe, sagte sie und

wandte ihr Köpfchen hin und her, »aus der Tagespresse mit tiefer

Genugtuung Kenntnis davon genommen« und die Schilderung seines

Auftretens als Schütze auch der Gräfin vorgelesen. Diese saß gerade

aufgerichtet in ihrem engen braunen Kleid am Tische und handhabte ihr

Löffelchen mit vornehmen Bewegungen, ohne sich irgendwie gehen zu

lassen. Der heute sprach, war Herr Spoelmann. Er tat es, wie gesagt, auf

eine sanfte, ja wehmütige Weise, die das Ergebnis seiner Schmerzen war.

Er erzählte einen Vorfall, ein Erlebnis, das um Jahre zurücklag, mit dem

er aber offenbar nicht fertig wurde, und das ihn in Tagen schlechter

Gesundheit immer aufs neue schmerzlich beschäftigte -- erzählte die

kurze und einfache Geschichte zweimal hintereinander und kränkte sich

beim zweiten Male noch bitterer als beim ersten. Damals hatte er eine

seiner Stiftungen machen wollen -- keine vom ersten Range, aber doch

eine stattliche --, hatte einer großen menschenfreundlichen Anstalt der

Vereinigten Staaten handschriftlich zu wissen gegeben, daß er ihr zur

Förderung ihrer guten Bestrebungen eine Million in Eisenbahnpapieren

zuzuwenden wünsche, in sicheren Papieren der Südpacifischen

Eisenbahngesellschaft, sagte Herr Spoelmann und schlug sich in die

flache Hand, um die Papiere anschaulich zu machen. Was aber hatte die

menschenfreundliche Anstalt getan? Sie hatte die Schenkung

ausgeschlagen, sie zurückgewiesen, die Annahme verweigert -- und zwar

mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, daß sie es vorziehe, auf eine

Unterstützung mit fragwürdig und gewalttätig erworbenem Gut Verzicht zu

leisten. Das hatte sie getan. Herrn Spoelmanns Lippen zitterten, als er

es erzählte, sowohl das erste wie das zweite Mal, und voller Verlangen

nach Trost und Mißbilligung sah er sich mit seinen kleinen, nahe

beisammenliegenden, metallischen Rundaugen am Teetisch um.

»Das war nicht menschenfreundlich von der menschenfreundlichen Anstalt«,

sagte Klaus Heinrich. »Nein, das war es nicht.« Und sein Kopfschütteln

war so entschieden, sein Unwille und sein Mitgefühl so deutlich, daß

Herr Spoelmann sich ein wenig erheiterte und erklärte, heute sei es

hübsch draußen, und die Blumen drunten dufteten gut. Ja, er nahm alsbald

Gelegenheit, sich dem jungen Gast erkenntlich zu zeigen und ihm sein

Wohlwollen auf die ausdrucksvollste Art zu bekunden. Klaus Heinrich

nämlich hatte sich bei dem warmen Wetter, das diesen Sommer mit jäh

abkühlenden Gewittern und Hagelschlägen wechselte, eine Erkältung

zugezogen, sein Hals war geschwollen, er spürte Stechen beim Schlucken,

und da sein hoher Beruf und eine gewisse Zärtlichkeit in der Überwachung

seiner zur Darstellung bestimmten Person ihn notwendig ein wenig

weichlich gemacht hatten, so konnte er nicht umhin, davon zu sprechen

und sich über seine Halsschmerzen zu beklagen. »Dann müssen Sie feuchte

Umschläge machen«, sagte Herr Spoelmann. »Haben Sie Guttaperchapapier?«

Aber Klaus Heinrich hatte keines. Da warf Herr Spoelmann die

Papageiendecke von sich, stand auf und ging ins Innere des Schlosses. Er

antwortete auf keine Frage, ließ sich nicht aufhalten und ging. Man

fragte einander in seiner Abwesenheit, was er im Sinn haben könne, und

Doktor Watercloose, wohl in der Befürchtung, daß ein Schmerzensanfall

seinen Patienten vertrieben habe, folgte ihm auf dem Fuße. Aber als Herr

Spoelmann zurückkehrte, hatte er in der Hand ein Stück Guttaperchapapier,

an dessen Vorhandensein von früherher in irgendeiner Schublade

er sich erinnert hatte, ein schon etwas brüchiges Stück, das

er dem Prinzen einhändigte, indem er ihn ausführlich darüber belehrte,

wie er es zu verwenden habe, um Nutzen daraus zu ziehen. Klaus Heinrich

dankte ihm freudig, und Herr Spoelmann streckte sich befriedigt wieder

aus. Er blieb diesmal da, und als der Tee getrunken war, veranlaßte er

sogar einen gemeinsamen Rundgang um den Park, wobei die Anordnung die

war, daß Herr Spoelmann in seinen weichen Schuhen zwischen Imma und

Klaus Heinrich wandelte, während die Gräfin Löwenjoul mit Doktor

Watercloose in einigem Abstande folgten. Als der Prinz für heute

Abschied nahm, sagte Imma Spoelmann noch etwas scharf Gesetztes über

seinen Hals und die feuchten Umschläge, beschwor ihn mit verstecktem

Spotte, sich zu pflegen und seine geheiligte Person doch ja in sorgsame

Acht zu nehmen. Aber obgleich Klaus Heinrich ihr nichts Angemessenes zu

erwidern wußte -- was sie übrigens ja nicht erwartete und verlangte --,

so bestieg er doch ziemlich frohgemut seinen Dogcart; denn das Stückchen

brüchiger Guttapercha in der rückwärtigen Tasche seines Uniformrockes

erschien ihm, ohne daß er sich klare Rechenschaft über diese Auffassung

ablegte, als ein Unterpfand glücklicher Zukunft.

Mochte dem nun aber wie immer sein, so blieb es dabei, daß sein Kampf

erst eigentlich begann. Es war der Kampf um Imma Spoelmanns Glauben, der

Kampf darum, daß sie ihm in dem Grade vertrauen möge, um des

Entschlusses fähig zu sein, sich aus der frostigen und reinen Sphäre,

darin sie zu spielen gewohnt war, aus dem Reiche der Algebra und der

Sprachverspottung mit ihm hinabzuwagen in die fremde Zone, jene wärmere,

dunstigere und fruchtbarere, welche er ihr zeigte. Denn ihre Scheu vor

diesem Entschlusse war gewaltig groß.

Das nächste Mal war er allein mit ihr oder so gut wie allein, das heißt

zu dritt mit der Gräfin Löwenjoul. Es war ein kühler, bedeckter Morgen

nach einer nächtlichen Wetterkrise. Sie ritten die Wiesenböschung

entlang, Klaus Heinrich in langen Stiefeln, die Krücke der Reitpeitsche

zwischen die Knöpfe seines grauen Mantels gehängt. Die Schleuse droben

bei der hölzernen Brücke war geschlossen, das Bett des Wasserarmes lag

leer und steinig. Perceval, dessen erste Lärmwut gestillt war, setzte

federnd darüber hin und her oder trabte, nach Hundeart schief laufend,

den Pferden voran. Die Gräfin, auf Isabeau, hielt lächelnd ihren kleinen

Kopf zur Seite geneigt. Klaus Heinrich sagte: »Ich denke Tag und Nacht

an etwas, was wohl ein Traum gewesen sein muß. Ich liege nachts und höre

Florian drüben im Stalle schnauben, so still ist es. Dann denke ich

bestimmt, daß es kein Traum war. Aber wenn ich Sie sehe wie heute und

neulich am Teetisch, dann kann ich es doch unmöglich für etwas Besseres

halten.«

Königliche Hoheit: Roman · 第 15 / 18 题