Sie antwortete: »Weil Sie mich daran hindern.«

»Aber wie hindere ich Sie? Bitte, sagen Sie mir's!«

Und immer mit verschlossenem Ausdruck, die Augen auf ihren weißen Zügel

gesenkt und leicht geschaukelt vom Schritt ihres Pferdes, erwiderte sie:

»Durch alles, durch Ihr Verhalten, durch Ihre Art und Weise, durch Ihre

ganze erlauchte Persönlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme

Gräfin gehindert haben, sich gehen zu lassen, und sie gezwungen haben,

klar und nüchtern zu sein, obgleich ihr doch ausdrücklich auf Grund

ihrer übermäßigen Erfahrungen die Wohltat der Verwirrung und

Wunderlichkeit gewährt worden ist -- und daß ich Ihnen gesagt habe, ich

wüßte sehr wohl, wie Sie es angefangen hätten, sie zu ernüchtern? Ja,

ich weiß es wohl, denn auch mich hindern Sie, mich gehen zu lassen, auch

mich ernüchtern Sie, immerwährend, durch alles, durch Ihre Worte, durch

Ihren Blick, durch Ihre Art zu sitzen und zu stehen, und es ist ganz

unmöglich, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, Sie

im Verkehr mit anderen Leuten zu beobachten, aber ob es nun Doktor

Sammet im Dorotheen-Hospital oder Herr Stavenüter im Fasaneriegarten

war, es war immer dasselbe, und immer habe ich Kälte und Angst dabei

empfunden. Sie halten sich aufrecht und stellen Fragen, aber nicht aus

Teilnahme, es ist Ihnen nicht um den Inhalt der Frage zu tun, nein, um

gar nichts ist es Ihnen zu tun, und nichts liegt Ihnen am Herzen. Ich

habe es oft gesehen -- Sie sprechen, Sie äußern eine Meinung, aber Sie

könnten ganz ebensogut eine andere äußern, denn in Wirklichkeit haben

Sie keine Meinung und keinen Glauben, und auf nichts kommt es Ihnen an

als auf Ihre Prinzenhaltung. Sie sagen zuweilen, Ihr Beruf sei nicht

leicht, aber da Sie mich herausgefordert haben, so will ich Ihnen

bemerken, daß er Ihnen leichter fallen würde, wenn Sie eine Meinung und

einen Glauben hätten, Prinz -- das ist meine Meinung und mein Glaube.

Wie könnte man Vertrauen zu Ihnen haben. Nein, es ist nicht Vertrauen,

was Sie einflößen, sondern Kälte und Befangenheit, und wenn ich mir auch

Mühe gäbe, Ihnen näherzukommen, so würde mich diese Art von Befangenheit

und Unbeholfenheit daran hindern -- jetzt habe ich geantwortet.«

Er hatte ihr mit schmerzlicher Spannung zugehört, hatte mehrmals in ihr

bleiches Gesichtchen geblickt, während sie sprach, und dann wieder, wie

sie die Augen auf den Zügel gesenkt.

»Haben Sie Dank, Imma,« antwortete er nun, »daß Sie so ernst gesprochen

haben -- denn Sie wissen wohl, daß Sie nicht immer so tun, sondern

meistens nur spottweise reden und auf Ihre Art die Dinge so wenig ernst

nehmen, wie ich auf die meine.«

»Wie soll man anders, als spöttisch, zu Ihnen reden, Prinz!«

»Und zuweilen sind Sie sogar hart und grausam, wie zum Beispiel gegen

die Schwester-Oberin im Dorotheen-Spital, die Sie so sehr in Verwirrung

setzten.«

»Oh, ich weiß wohl, daß ich ebenfalls meine Fehler habe und jemanden

nötig hätte, der mir hülfe, sie abzulegen.«

»Der will ich sein, Imma, wir wollen einander helfen ...«

»Ich glaube nicht, daß wir einander helfen können, Prinz.«

»Doch, wir können es. Haben Sie nicht eben schon ernst und ganz ohne

Spott geredet? Was aber mich betrifft, so haben Sie ja schon nicht mehr

recht, wenn Sie sagen, daß es mir um gar nichts zu tun sei und nichts

mir am Herzen liege; denn um Sie, Imma, um Sie ist es mir zu tun, Sie

liegen mir am Herzen, und da es mir so unaussprechlich ernst mit der

Sache ist, so kann es nicht fehlen, daß ich endlich Ihr Vertrauen

gewinne. Wüßten Sie, wie gerne ich das gehört habe, was Sie von

Mühegeben und Näherkommen sagten! Ja, geben Sie sich ein wenig Mühe und

lassen Sie sich niemals mehr von jener Art von Unbeholfenheit, oder was

es ist, verwirren, die Sie mir gegenüber so leicht empfinden! Ach, ich

weiß ja, weiß es so schrecklich gut, wie sehr ich schuld daran bin! Aber

lachen Sie mich aus und sich selbst, wenn ich Ihnen ein solches Gefühl

erwecke und halten Sie zu mir! Wollen Sie mir versprechen, daß Sie sich

ein wenig Mühe geben werden?«

Aber Imma Spoelmann versprach nichts, sondern bestand nun endlich auf

ihrem Galopp, und noch manche Unterredung blieb ohne Ergebnis wie diese.

Zuweilen, wenn Klaus Heinrich auf »Delphinenort« den Tee genommen hatte,

erging man sich im Park, der Prinz, Fräulein Spoelmann, die Gräfin und

Perceval. Der edle Collie hielt sich mit gesammelter Miene an Immas

Seite und Gräfin Löwenjoul zwei oder drei Schritte hinter den jungen

Herrschaften. Denn bald, nachdem man die Promenade angetreten, hatte sie

sich einen Augenblick verweilt, um mit gekrümmten und gespreizten

Fingern an einem Strauche zu nesteln, und den Abstand, welcher sich

dadurch hergestellt, hatte sie nicht ganz wieder ausgeglichen. So gingen

Klaus Heinrich und Imma vor ihr her und unterhandelten; war aber eine

gewisse Runde zurückgelegt, so machten sie kehrt, so daß sie nun also

die Gräfin zwei oder drei Schritte vor sich hatten, und dann

unterstützte Klaus Heinrich wohl seine rednerischen Bemühungen, indem er

behutsam und ohne hinzublicken Imma Spoelmanns schmale, schmucklose Hand

von ihrer Seite nahm und sie mit seinen beiden umfing, auch mit der

linken, an die er nicht dachte und die keine Hemmung mehr war wie beim

Repräsentieren -- während er eindringlich fragte, ob sie sich Mühe gäbe

und Fortschritte gemacht habe im Vertrauen zu ihm. Nur ungern hörte er

etwa, daß sie studiert, der Algebra obgelegen und in den kühlen Gegenden

gespielt habe seit dem letzten Zusammensein, und bat sie herzlich, jetzt

ihre Bücher beiseitezulassen, welche sie nur zerstreuen und der Sache

abwendig machen könnten, der jetzt alle ihre Gedankenkräfte gewidmet

sein müßten. Er sprach auch von sich, von jener Ernüchterung und

Befangenheit, die sein Wesen ihrer Aussage nach einflößte, suchte sie zu

erklären und so zu entkräften. Er sprach von dem kalten, strengen und

armen Dasein, das er bis dahin geführt, schilderte ihr, wie alle stets

dagewesen seien, um eben dazusein und zu schauen, indes es sein hoher

Beruf gewesen, sich zu zeigen und geschaut zu werden, was das weitaus

Schwerere war, und mühte sich ab, sie recht erkennen zu lassen, daß eine

Heilung von dem, wodurch er die arme Gräfin am Schwatzen gehindert habe

und sie selbst zu seinem Kummer befremde -- daß seine Heilung allein

durch sie, nur eben einzig durch sie zu bewirken und gänzlich in ihre

Hand gegeben sei. Sie sah ihn an, ihre übergroßen Augen schimmerten in

dunklem Forschen, und man sah wohl, daß sie kämpfte, auch sie. Aber dann

schüttelte sie den Kopf oder beendete das Gespräch, indem sie mit

vorgeschobenen Lippen eine Redensart anführte, über die sie sich lustig

machte, unfähig, das Ja, um das er flehte, diese unbestimmte und, wie

die Dinge lagen, eigentlich zu nichts verpflichtende Hingabe über sich

zu gewinnen.

Sie hinderte ihn nicht, einmal oder zweimal in der Woche zu kommen,

hinderte ihn nicht, zu sprechen, ihr mit Bitten und Beteuerungen

anzuliegen und dann und wann ihre Hand zwischen den seinen zu halten.

Allein sie duldete nur, sie blieb unbewegt, ihre Entschließungsangst,

diese Scheu, ihr kühles und spöttisches Reich zu verlassen und sich zu

ihm zu bekennen, schien unüberwindlich, und es fehlte nicht, daß sie

erschöpft und verzagt in die Worte ausbrach: »Ach, Prinz, wir hätten

einander niemals kennenlernen sollen -- das wäre das beste gewesen! Dann

würden Sie nach wie vor geruhig Ihrem hohen Berufe nachgehen, und auch

ich hätte meinen Frieden, und keines quälte den andern!« Es kostete

Mühe, sie zum Widerruf zu bestimmen, ihr das Zugeständnis abzugewinnen,

daß sie es nicht unbedingt bedauere, seine Bekanntschaft gemacht zu

haben. Aber auf diese Weise verging die Zeit. Der Sommer neigte sich,

frühe Nachtfröste lösten die Blätter noch grün von den Bäumen, Fatmes,

Florians und Isabeaus Hufe raschelten im roten und goldenen Laub, wenn

man spazierenritt, der Herbst kam mit Nebeln und herben Düften -- und

niemand hätte ein Ende, eine irgend entscheidende Wendung der seltsam

schwebenden Sache abzusehen vermocht.

Das Verdienst, die Dinge auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, den

Geschehnissen die Richtung zu einem glückseligen Ausgang gegeben zu

haben, wird immer dem hochgestellten Manne zugesprochen werden müssen,

der bis dahin eine gewisse Zurückhaltung beobachtet hatte, im richtigen

Augenblick aber mit behutsam fester Hand in die Ereignisse eingriff. Es

war Exzellenz von Knobelsdorff, Minister des Innern, des Äußeren und des

Großherzoglichen Hauses.

Oberlehrer Doktor Überbein hatte recht gehabt mit seiner Behauptung, daß

der Konseilpräsident sich über Klaus Heinrichs persönliche und

leidenschaftliche Schritte Bericht erstatten lasse. Mehr noch: der alte

Herr, wohl bedient durch intelligente und spürgewandte Unterbeamte,

befand sich genau auf dem laufenden über die öffentliche Meinung, über

die Rolle, die Samuel Spoelmann und seine Tochter in der

Einbildungskraft des Volkes spielten, den königlichen Rang, den sie in

seiner Vorstellung einnahmen, über die gewaltige und abergläubige

Spannung, mit der die Bevölkerung den Verkehr zwischen den Schlössern

»Eremitage« und »Delphinenort« verfolgte, über die Volkstümlichkeit

dieses Verkehrs, mit einem Wort, wie sie für jeden, der sehen wollte,

nicht nur in der Residenz, sondern im ganzen Lande in Gerede und

Gerüchten zutage trat. Ein bezeichnender Zwischenfall genügte, um Herrn

von Knobelsdorff seiner Sache sicher zu machen.

Anfang Oktober nämlich -- der Landtag war seit vierzehn Tagen eröffnet,

und die Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission waren in vollem Gange

-- erkrankte Imma Spoelmann, und zwar, wie es anfangs hieß, sehr schwer.

Es stellte sich heraus, daß das unvorsichtige Fräulein -- Gott wußte, in

welcher Laune oder Stimmung -- auf einem Spazierritt, den sie mit ihrer

Ehrendame unternommen, auf ihrer weißen Fatme gegen den heftigen

Nordostwind, der ging, einen Dauergalopp von beinahe einer halben Stunde

ertrotzt und eine Lungenerweiterung heimgebracht hatte, an der sie

schier zu ersticken drohte. Die Nachricht war nach wenigen Stunden in

Umlauf. Es hieß, das junge Mädchen schwebe in Lebensgefahr, was, wie

sich zum Glücke bald erwies, eine maßlose Übertreibung war. Allein wenn

einem Mitgliede des Hauses Grimmburg, wenn dem Großherzog selbst ein

ernster Unfall zugestoßen wäre, so hätte die Bestürzung, das allgemeine

Mitgefühl nicht größer sein können. Man sprach von nichts anderem. In

den geringeren Stadtgegenden, zum Beispiel in der Nähe des

Dorotheen-Kinderspitals, standen gegen Abend die Frauen vor ihren

Haustüren, preßten die flachen Hände gegen den Busen und keuchten, um

einander deutlich zu machen, wie es sei, wenn einem der Atem fehle. Die

Abendblätter brachten über den Zustand Fräulein Spoelmanns eingehende

und medizinisch sachkundige Mitteilungen, die von Hand zu Hand gereicht,

an den Familien- und Stammtischen verlesen, auf den Trambahnwagen

erörtert wurden. Man hatte den Berichterstatter des »Eilboten« per

Droschke nach »Delphinenort« jagen sehen, woselbst er in der Vorhalle

mit dem Mosaikfußboden von dem Spoelmannschen Butler abgefertigt worden

war und englisch mit ihm gesprochen hatte, obgleich es ihm nicht leicht

wurde. Übrigens war der Presse der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie

die Sache aufbauschte und unnötige Besorgnisse unterhielt. Es konnte

schlechterdings von keiner ernsten Gefahr die Rede sein. Sechs Tage

Bettruhe unter der Pflege des Spoelmannschen Leibarztes genügten, um die

Gefäßerweiterung zu beheben und des Fräuleins Lunge vollständig

wiederherzustellen. Aber diese sechs Tage genügten auch, um die

Bedeutung, welche die Spoelmanns und insonderheit Fräulein Immas Person

in unserer Öffentlichkeit gewonnen hatten, klar zutage treten zu lassen.

Allmorgendlich fanden sich die Abgesandten der Journale, Beauftragte der

allgemeinen Wißbegier, in der Mosaikhalle von »Delphinenort« zusammen,

um den knappen Tagesbericht des Butlers entgegenzunehmen, den sie dann

in jener breiten Verarbeitung, welche das Publikum verlangte, in ihren

Blättern anrichteten. Man las von duftenden Grüßen und Genesungswünschen,

die in »Delphinenort« eingetroffen seien, übersandt von

verschiedenen wohltätigen Anstalten, die Imma Spoelmann besucht und

mit reichen Stiftungen unterstützt hatte (und Witzbolde merkten an, daß

eigentlich die großherzogliche Steuerbehörde Gelegenheit hätte nehmen

müssen, auf ähnliche Art ihre Huldigung darzubringen). Man las auch --

und ließ die Zeitung sinken, um einander anzublicken -- von einer

»prachtvollen« Blumenspende, die Prinz Klaus Heinrich nebst seiner Karte

habe übermitteln lassen -- (während die Wahrheit war, daß der Prinz

nicht einmal, sondern täglich, solange Fräulein Spoelmann das Bett

hütete, Blumen nach »Delphinenort« sandte, was aber, um allzu große

Erschütterungen zu vermeiden, von den Wissenden verschwiegen wurde). Man

las ferner, daß die allbeliebte junge Patientin zum ersten Male das Bett

verlassen habe, und endlich wurde gemeldet, daß ihre erste Ausfahrt

unmittelbar bevorstehe. Diese Ausfahrt jedoch, die acht Tage nach des

Fräuleins Erkrankung an einem sonnigen Herbstvormittag stattfand, sollte

zu einer Gefühlsäußerung von seiten der Bevölkerung Veranlassung geben,

die von Leuten mit strengem Selbstbewußtsein sogar als zu weitgehend

bezeichnet wurde. Um das riesige, olivenfarben lackierte und mit

ziegelroten Lederpolstern ausgestattete Spoelmannsche Automobil nämlich,

das, mit einem jungen Chauffeur von angelsächsischem Gesichtsschnitt und

blasser, gesammelter Miene auf dem Bock, vor dem Hauptportal von

»Delphinenort« wartete, hatte sich eine größere Menschenansammlung

gebildet, und als Fräulein Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul und

gefolgt von einem deckentragenden Lakaien ins Freie trat, brachen

tatsächlich, mit Mützenschwenken und Tücherwehen, Hochrufe aus, die sich

wiederholten und andauerten, bis das Kraftfahrzeug sich unter dem Tosen

der Hupe den Weg durch das Gedränge gebahnt und die Manifestanten im

Benzinbrodem zurückgelassen hatte. Zuzugeben ist, daß die Gruppe der

Schreier aus jenen nicht sehr würdigen Elementen bestand, die sich bei

solchen Gelegenheiten zusammenzufinden pflegen: aus halbwüchsigen

Burschen, einigen Frauen mit Marktkörben, ein paar Schulkindern,

Gaffern, Tagedieben und Beschäftigungslosen verschiedener Art. Aber was

ist das Volk und wie muß es sich zusammensetzen, um maßgebend zu sein?

Ferner ist eine Behauptung nicht ganz mit Stillschweigen zu übergehen,

die später von höhnischen Charakteren verbreitet wurde und wonach unter

der Volksmenge um das Automobil ein im Solde des Herrn von Knobelsdorff

stehender Agent, Mitglied der geheimen Polizei, sich befunden hätte, der

die Hochrufe angestimmt und mit Fleiß unterhalten habe. Man kann das

dahinstellen und den Verkleinerern bedeutender Vorgänge ihre Genugtuung

gönnen. Geringsten Falles, das heißt, wenn die Angabe jener Leute

zutraf, hatte es sich um die mechanische Auslösung von Empfindungen

gehandelt, die eben lebendig vorhanden sein mußten, um ausgelöst werden

zu können. Jedenfalls verfehlte dieser Auftritt, der natürlich in der

Tagespresse ausführlich geschildert wurde, auf niemanden seine Wirkung,

und für Personen mit einigem Scharfblick für den Zusammenhang der Dinge

unterlag es keinem Zweifel, daß eine weitere Nachricht, die wenige Tage

darauf die Gemüter beschäftigte, zu all diesen Erscheinungen und

Anzeigen in tiefer Beziehung stehen müsse.

Die Meldung lautete dahin, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus

Heinrich Seine Exzellenz den Herrn Staatsminister von Knobelsdorff auf

Schloß »Eremitage« in einer Audienz empfangen habe, die ohne

Unterbrechung von drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends gedauert

habe. Geschlagene vier Stunden lang! Um was hatte es sich gehandelt? Um

den nächsten Hofball doch nicht? Nun, es war unter anderem auch von dem

Hofball die Rede gewesen.

Herr von Knobelsdorff hatte seine Bitte um eine vertrauliche Unterredung

dem Prinzen gelegentlich der Hofjagd vorgetragen, die am zehnten Oktober

bei Schloß »Jägerpreis« in den westlichen Waldungen abgehalten worden

und an welcher Klaus Heinrich, gleich seinen rotköpfigen Vettern, in

grüner Uniform, Kerbhut und Stulpenstiefeln, behängt mit Feldstecher,

Hirschfänger, Jagdmesser, Patronengürtel und Pistolentasche, sich

beteiligt hatte. Herr von Braunbart-Schellendorf war zu Rate gezogen und

die Besprechung auf die dritte Nachmittagsstunde des zwölften

Oktobertages angesetzt worden. Übrigens hatte Klaus Heinrich sich

erboten, seinerseits den alten Herrn in dessen Amtswohnung aufzusuchen,

aber Herr von Knobelsdorff hatte es vorgezogen, nach »Eremitage« zu

kommen, und kam pünktlich, empfangen mit all der Verbindlichkeit und

Wärme, die Klaus Heinrich gegenüber dem betagten Ratgeber seines Vaters

und Bruders durch die Form als geboten erachtete. Jener nüchterne kleine

Salon, in welchem die drei schönen Empirefauteuils in Mahagoni mit der

bläulichen Lyrastickerei auf gelbem Grunde standen, war der Schauplatz

der Unterhaltung.

Wiewohl den Siebzig nicht mehr fern, war Exzellenz von Knobelsdorff

rüstig in körperlichem wie in geistigem Betracht. Sein Gehrock zeigte

nicht eine Greisenfalte, sondern umspannte prall und bestens ausgefüllt

den gedrungenen und freundlich gepolsterten Körper eines Mannes von

glücklicher Gemütsart. Sein voll erhaltenes, in der Mitte

glattgescheiteltes Haupthaar war von reinem Weiß wie der gestutzte

Schnurrbart, sein Kinn durch einen Einschnitt, der als Grübchen gelten

konnte, sympathisch gespalten. Die fächerförmig angeordneten Fältchen an

seinen äußeren Augenwinkeln trieben ihr Spiel wie vorzeiten; ja, sie

hatten mit den Jahren noch kleine Abzweigungen und Nebenlinien erhalten,

so, daß dies vielfache und rege Runzelwerk seinen blauen Augen den

beständigen Ausdruck launiger Verschlagenheit verlieh. -- Klaus Heinrich

war Herrn von Knobelsdorff zugetan, ohne daß ein näheres Verhältnis

zwischen ihnen bestanden hätte. Der Staatsminister hatte zwar des

Prinzen Lebensgang überwacht und geleitet, hatte anfänglich den Schulrat

Dröge zu seinem ersten Lehrer bestimmt, dann das Fasanenkonvikt für ihn

ins Leben gerufen, ihn später mit Doktor Überbein auf die Universität

geschickt, auch seinen scheinbaren militärischen Dienst geregelt und ihm

sogar Schloß »Eremitage« zur Wohnung bestimmt -- aber alles nur

unmittelbar und bei seltener persönlicher Berührung; ja, wenn Herr von

Knobelsdorff in jenen Erziehungsjahren mit Klaus Heinrich

zusammengetroffen war, so hatte er sich wohl gar nach des Prinzen

Entschließungen und Zukunftsplänen untertänigst erkundigt, als wüßte er

nichts davon, und vielleicht war es gerade diese von beiden Seiten

standhaft aufrechterhaltene Fiktion, die den Verkehr durchaus in den

Schranken des Förmlichen gehalten hatte.

Herr von Knobelsdorff, der in bequemer und dennoch ehrerbietiger Haltung

die Führung des Gesprächs übernommen hatte, während Klaus Heinrich die

Absichten dieses Besuches zu erraten suchte, plauderte zunächst von der

vorgestrigen Hofjagd, tat einen behaglichen Rückblick auf die Strecke

und erwähnte dann von ungefähr seines vortrefflichen Kollegen von den

Finanzen, Dr. Krippenreuthers, der ebenfalls an dem Jagen teilgenommen

und dessen schlechtes Aussehen er beklagte. Herr Krippenreuther habe bei

»Jägerpreis« wahrhaftig nichts als Fehlschüsse getan. »Ja, Sorgen machen

die Hand nicht sicher«, bemerkte Herr von Knobelsdorff und legte so dem

Prinzen das Stichwort zu einer knappen Kennzeichnung dieser Sorgen in

den Mund. Er sprach von dem »nicht unerheblichen« Fehlbetrag des

Hauptvoranschlages, von des Ministers Mißhelligkeiten mit der

Budgetkommission, der neuen Vermögenssteuer, dem Steuerfuß von

dreizehneinhalb und dem wütenden Widerstande der städtischen Vertreter,

von der vorsintflutlichen Fleischsteuer und dem Hungerschrei der

Beamten; und Klaus Heinrich, anfänglich befremdet von soviel

Sachlichkeit, hörte ihm mit ernstem und eifrigem Kopfnicken zu.

Die beiden Herren, der alte und der junge, saßen nebeneinander auf einer

schmächtigen und ein wenig harten Sofabank mit gelbem Tuchbezug und

kranzförmigen Messingbeschlägen, die, hinter dem Rundtisch, der schmalen

Glastür gegenüberstand, die auf die Terrasse führte und hinter welcher

der halbentblätterte Park mit dem Ententeich im Herbstnebel verschwamm.

Der niedrige, schlichtweiße Kachelofen, in dem ein Feuer knisterte,

verbreitete in dem streng und karg möblierten Zimmer eine linde Wärme,

und Klaus Heinrich, nicht völlig imstande, den politischen Ausführungen

zu folgen, doch stolz und glücklich, von dem erfahrenen Würdenträger so

ernst unterhalten zu werden, fühlte sich mehr und mehr von einer

dankbaren, vertrauensvollen Stimmung umfangen. Herr von Knobelsdorff

sprach angenehm über die unangenehmsten Dinge, seine Stimme war

wohltuend, das Gefüge seiner Rede gewandt und einschmeichelnd -- und

plötzlich ward Klaus Heinrich gewahr, daß er das wirtschaftliche Gebiet

verlassen hatte und von den Sorgen Doktor Krippenreuthers auf sein

eigenes, Klaus Heinrichs, Befinden übergegangen war. Täuschte sich Herr

von Knobelsdorff? Seine Augen fingen an, ihn zuweilen im Stiche zu

lassen. Aber ihm wollte scheinen, als sei auch das Aussehen Seiner

Königlichen Hoheit schon besser, schon frischer, schon heiterer gewesen.

Eine Müdigkeit, ein Zug von Kummer sei unverkennbar ... Herr von

Knobelsdorff fürchte zudringlich zu erscheinen; aber er müsse hoffen,

daß diesen Anzeichen keine ernstliche Beschwerde des Körpers oder

Gemütes zugrunde liege?

Klaus Heinrich schaute in den Nebel hinaus. Noch war sein Blick

verschlossen; aber obgleich er in unnachlässig gesammelter und

gegenwärtiger Haltung wie immer, die Füße gekreuzt, die rechte Hand über

der linken, den Oberkörper Herrn von Knobelsdorff zugewandt auf dem

harten Sofa saß, so spannte seine innere Haltung sich doch ab in dieser

Stunde, und ermattet wie er war von seinen seltsam zarten und

ergebnislosen Kämpfen, fehlte nicht viel, daß seine Augen sich mit

Tränen gefüllt hätten. Er war so sehr allein und unberaten. Doktor

Überbein hielt sich neuerdings fern von »Eremitage« ... Klaus Heinrich

sagte noch: »Ach, Exzellenz, das würde zu weit führen.«

Aber Herr von Knobelsdorff antwortete: »Zu weit? Nein, fürchten

Königliche Hoheit nicht allzu ausführlich sein zu müssen. Ich bekenne,

daß ich über Euerer Königlichen Hoheit Erlebnisse unterrichteter bin,

als ich mir eben den Anschein gab. Königliche Hoheit werden mir,

abgesehen von jenen Feinheiten und Einzelheiten, die das Gerücht nicht

aufzunehmen vermag, kaum etwas Neues mitzuteilen haben. Aber wenn es

Euerer Königlichen Hoheit wohltun könnte, einem alten Diener, der Sie

auf seinen Armen getragen, Ihr Herz auszuschütten ... vielleicht, daß

ich nicht ganz und gar unfähig wäre, Euerer Königlichen Hoheit mit Rat

und Tat zur Seite zu stehen.«

Da geschah's, daß alles in Klaus Heinrichs Brust sich löste und sich als

Bekenntnis gewaltig ergoß, daß er Herrn von Knobelsdorff das Ganze

erzählte. Er erzählte, wie man erzählt, wenn das Herz einem voll ist und

alles auf einmal sich über die Lippen drängt: nicht gerade sehr

planmäßig, nicht sehr der Reihe nach und bei Unwesentlichkeiten über

Gebühr verweilend, aber höchst eindringlich und mit jener

Körperlichkeit, die das Erzeugnis leidenschaftlicher Anschauung ist. Er

fing in der Mitte an, sprang unversehens zum Anfang, hastete dem Ende zu

(das nicht vorhanden war), überstürzte sich und rannte sich mehr als

einmal verzweifelt fest. Aber Herrn von Knobelsdorffs Vorkenntnisse

erleichterten ihm die Übersicht, sie setzten ihn instand, durch

förderliche Zwischenfragen das Schifflein wieder flottzumachen -- und

endlich lag das Bild von Klaus Heinrichs Erlebnissen mit allen seinen

Personen und Vorgängen, mit den Gestalten Samuel Spoelmanns, der

verwirrten Gräfin Löwenjoul, ja selbst des edlen Collies Perceval und

namentlich derjenigen Imma Spoelmanns in all ihrer Schwierigkeit,

vollendet und lückenlos zur Beratung vor. Sogar des Stückes

Guttaperchapapier war ausführlich Erwähnung getan, denn Herr von

Knobelsdorff schien Gewicht darauf zu legen, und nichts war ausgelassen

zwischen jenem so eindrucksvollen Auftritt bei der Ablösung der

Schloßwache und den letzten innigen und quälenden Kämpfen zu Pferd und

zu Fuß. Klaus Heinrich war stark erhitzt, als er fertig war, und seine

stahlblauen, von den volkstümlichen Wangenknochen bedrängten Augen

standen in Tränen. Er hatte die Sofabank verlassen, wodurch er Herrn von

Knobelsdorff gezwungen hatte, sich ebenfalls zu erheben, und wollte der

Wärme wegen durchaus die Glastür zu der kleinen Veranda öffnen, was aber

Herr von Knobelsdorff mit dem Hinweis auf die große Erkältungsgefahr

verhinderte. Er richtete die untertänigste Bitte an den Prinzen, sich

wieder zu setzen, da Seine Königliche Hoheit sich der Notwendigkeit

einer ruhigen Erörterung der Sachlage nicht verschließen könne. Und

beide ließen sich wieder auf das wenig schwellende Polster nieder.

Herr von Knobelsdorff überlegte eine Weile, und sein Gesicht war so

ernst, wie es mit seinem gespaltenen Kinn und seinen spielenden

Augenfältchen nur immer zu sein vermochte. Sein Schweigen brechend,

dankte er zunächst dem Prinzen bewegten Herzens für die hohe Ehre, die

er ihm durch sein Vertrauen erwiesen habe. Und unmittelbar im Anschluß

hieran war es, daß Herr von Knobelsdorff, unter Betonung jedes einzelnen

Wortes, die Erklärung abgab: Welche Stellungnahme der Prinz nun auch

immer in dieser Angelegenheit von ihm, dem Herrn von Knobelsdorff,

gewärtigt habe, so sei er, Herr von Knobelsdorff, jedenfalls nicht der

Mann, den Wünschen und Hoffnungen des Prinzen entgegen zu sein, vielmehr

durchaus gemeint, Seiner Königlichen Hoheit die Wege zu dem ersehnten

Ziel nach besten Kräften zu ebnen.

Langes Stillschweigen. Klaus Heinrich blickte Herrn von Knobelsdorff

entgeistert in die Augen mit den strahlenartig angeordneten Fältchen. Er

hatte also Wünsche und Hoffnungen? Es gab also ein Ziel? Er wußte nicht,

was er hörte. Er sagte: »Exzellenz sind so freundlich ...«

Da fügte Herr von Knobelsdorff seiner großen Erklärung etwas von einer

Bedingung hinzu und sagte: Unter einer Bedingung freilich nur dürfe er,

als erster Beamter des Staats, seinen bescheidenen Einfluß im Sinne

Seiner Königlichen Hoheit geltend machen ...

Unter einer Bedingung?

»Unter der Bedingung, daß Euere Königliche Hoheit nicht in eigennütziger

und unbedeutender Weise nur auf Ihr eigenes Glück Bedacht nehmen,

sondern, wie Ihr hoher Beruf es von Ihnen fordert, Ihr persönliches

Schicksal aus dem Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachten.«

Klaus Heinrich schwieg, und seine Augen waren schwer von Nachdenken.

»Genehmigen Königliche Hoheit,« fuhr Herr von Knobelsdorff nach einer

Pause fort, »daß wir diese delikate und noch ganz unübersehbare

Angelegenheit auf eine Weile verlassen und uns allgemeineren

Gegenständen zuwenden! Dies ist eine Stunde des Vertrauens und der

gegenseitigen Verständigung ... ich bitte ehrerbietigst, sie nutzen zu

dürfen. Königliche Hoheit sind durch Ihre erhabene Bestimmung dem rauhen

Getriebe der Wirklichkeit entrückt, durch schöne Vorkehrungen davon

geschieden. Ich werde nicht vergessen, daß dieses Getriebe nicht -- oder

doch nur mittelbar -- Euerer Königlichen Hoheit Sache ist. Dennoch

scheint mir der Augenblick gekommen, Euerer Königlichen Hoheit

wenigstens ein gewisses Gebiet dieser rauhen Welt, ganz um seiner selbst

willen, zu unmittelbarer Anschauung und Einsicht nahezubringen. Ich

bitte im voraus um gnädigste Verzeihung, wenn ich Euere Königliche

Hoheit durch meine Informationen innerlich hart berühren sollte ...«

»Bitte, sprechen Sie, Exzellenz!« sagte Klaus Heinrich nicht ohne

Bestürzung. Unwillkürlich setzte er sich zurecht, wie man sich im Stuhle

des Zahnarztes zurechtsetzt und seine Natur gegen einen schmerzhaften

Eingriff sammelt ...

»Ungeteilte Aufmerksamkeit ist erforderlich«, sagte Herr von

Knobelsdorff beinahe streng. Und nun erfolgte, anknüpfend an die

Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, jener Vortrag, jene klare,

gründliche und ungeschminkte, mit Ziffern und eingeschobenen

Erläuterungen der Grundverhältnisse und Fachausdrücke wohlausgestattete

Belehrung und Unterrichtsstunde über die wirtschaftliche Lage des

Landes, des Staates, die dem Prinzen unser ganzes Leidwesen in

unerbittlicher Deutlichkeit vor Augen rückte. Selbstverständlich waren

diese Dinge ihm nicht vollkommen neu und fremd; vielmehr hatten sie ihm

ja, seitdem er repräsentierte, als Anlaß und Stoff zu jenen förmlichen

Fragen gedient, die er an Bürgermeister, Ackerbürger, hohe Beamte zu

richten pflegte und worauf er Antworten entgegennahm, die um ihrer

selbst und nicht um der Dinge willen gegeben wurden, auch wohl von dem

Lächeln begleitet waren, das er von klein auf kannte und welches »Du

Reiner, Du Feiner!« besagte. Aber noch nie war all das in dieser

massigen und nackten Sachlichkeit auf ihn eingedrungen, um in vollem

Ernst seine Denkkraft in Anspruch zu nehmen. Herr von Knobelsdorff

begnügte sich keineswegs mit Klaus Heinrichs gewohntem, eifrig

ermunterndem Nicken; er nahm es genau, er überhörte den jungen Mann, er

ließ sich ganze Erläuterungen wiederholen, er hielt ihn unnachsichtig im

Banne des Gegenständlichen, und es war wie ein Zeigefinger, der, faltig

von trockener Haut, an dem einzelnen Punkte haftete und nicht eher von

der Stelle rückte, als bis man den Ausweis wirklichen Verständnisses

erbracht hatte.

Herr von Knobelsdorff begann bei den Grundlagen und sprach von dem Lande

und seinen wenig entwickelten Verhältnissen in bezug auf Handel und

Industrie, von dem Volk, Klaus Heinrichs Volk, diesem sinnigen und

biederen, gesunden und rückständigen Menschenschlage. Er sprach von den

mangelhaften Staatseinnahmen, den schlecht rentierenden Eisenbahnen, den

unzulänglichen Kohlenlagern. Er kam auf die Forst-, Jagd- und

Triftverwaltung, er sprach vom Walde, von den Überfällungen, der

übermäßigen Streuentnahme, den Krüppelbeständen, der gesunkenen

Forstrente. Dann ging er des näheren auf unsere Geldwirtschaft ein,

erörterte die natürliche Steueruntüchtigkeit des Volkes, kennzeichnete

die verwahrloste Finanzgebarung früherer Perioden. Und hierauf rückte

die Ziffer der Staatsschulden an, die zu wiederholen Herr von

Knobelsdorff den Prinzen mehrmals nötigte. Es waren sechshundert

Millionen. Der Unterricht erstreckte sich weiter auf das

Obligationenwesen, auf Zins- und Rückzahlungsbedingungen, er kehrte zu

Doktor Krippenreuthers gegenwärtiger Bedrängnis zurück und schilderte

die schwere Ungunst des Augenblicks. An der Hand der »Zeitschrift des

Statistischen Bureaus«, die er plötzlich aus der Tasche zog, machte Herr

von Knobelsdorff seinen Schüler mit den Ernteergebnissen der letzten

Jahre bekannt, zählte die Unbilden auf, die den Mißwuchs gezeitigt

hatten, bezeichnete die Steuerausfälle, die er mit sich brachte, und

erwähnte sogar der unterernährten Gestalten auf dem Lande. Dann ging er

zur Lage des Geldmarktes im großen über, verbreitete sich über die

Geldteuerung, die allgemeine wirtschaftliche Verstimmung. Und Klaus

Heinrich erfuhr von dem Tiefstand des Kurses, der Unruhe der Gläubiger,

dem Geldabfluß, den Bankbrüchen; er sah unsern Kredit erschüttert,

unsere Papiere entwertet und begriff vollkommen, daß die Begebung einer

neuen Anleihe beinahe unmöglich war.

Die Dämmerung fiel ein, es war weit über fünf Uhr, als Herr von

Knobelsdorff seinen volkswirtschaftlichen Vortrag endigte. Um diese Zeit

pflegte Klaus Heinrich seinen Tee zu nehmen, aber er dachte nur ganz

vorübergehend daran, und von außen wagte niemand eine Unterredung zu

stören, deren Wichtigkeit sich in ihrer Zeitdauer zu erkennen gab. Klaus

Heinrich lauschte, lauschte. Er wußte noch kaum, wie sehr erschüttert er

war. Aber wie unterfing man sich eigentlich, ihm all das zu sagen? Nicht

ein einziges Mal hatte man ihn »Königliche Hoheit« genannt während

dieses Unterrichts, hatte ihm gewissermaßen Gewalt angetan und seine

Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und doch war es gut, es

erwärmte innerlich, das alles zu hören und sich um der Sache willen

darein vertiefen zu müssen ... Er vergaß, Licht machen zu lassen, so

sehr war seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.

»Diese Umstände«, schloß Herr von Knobelsdorff, »waren es etwa, die ich

im Sinne hatte, als ich Euere Königliche Hoheit aufforderte, Ihr

persönliches Wünschen und Trachten stets im Lichte des Allgemeinen zu

sehen. Königliche Hoheit werden aus dieser Stunde und dem Inhalt, den

ich ihr geben durfte, Nutzen ziehen, ich zweifle nicht daran. Und in

dieser Zuversicht lassen Königliche Hoheit mich wieder auf Ihre engeren

Angelegenheiten zurückkommen.«

Herr von Knobelsdorff wartete, bis Klaus Heinrich mit der Hand ein

Zeichen seiner Zustimmung gegeben hatte, und fuhr dann fort: »Wenn

dieser Sache irgendwelche Zukunft beschieden sein soll, so ist es

erforderlich, daß sie sich nun zu einer neuen Entwicklungsstufe erhebt.

Sie stagniert, sie steht formlos und aussichtslos wie der Nebel draußen.

Das ist unleidlich. Man muß ihr Gestalt geben, muß sie verdichten, muß

sie auch für die Augen der Welt bestimmter umreißen ...«

»Ganz so! Ganz so! Ihr Gestalt geben ... sie verdichten ... Das ist es!

Das ist unbedingt notwendig!« bestätigte Klaus Heinrich außer sich,

wobei er neuerdings das Sofa verließ und im Zimmer hin und her zu gehen

begann: »Aber wie? Sagen Exzellenz mir um Gottes willen, wie!«

»Der nächste äußere Fortschritt«, sagte Herr von Knobelsdorff und blieb

sitzen -- so ungewöhnlich war die Stunde --, »muß dieser sein, daß man

die Spoelmanns bei Hofe sieht.«

Klaus Heinrich blieb stehen.

»Nie,« sagte er, »niemals, wie ich Herrn Spoelmann kenne, wird er zu

bewegen sein, zu Hofe zu gehen!«

»Was nicht ausschließt,« antwortete Herr von Knobelsdorff, »daß sein

Fräulein Tochter uns dieses Vergnügen machen wird. Wir sind nicht

allzuweit mehr vom Hofball entfernt -- in Ihrer Hand liegt es,

Königliche Hoheit, Fräulein Spoelmann zur Teilnahme daran zu bestimmen.

Ihre Gesellschaftsdame ist Gräfin ... sie soll nicht ohne Eigenheiten

sein, aber sie ist Gräfin, und das erleichtert die Sache. Wenn ich

Euerer Königlichen Hoheit versichere, daß der Hof es nicht an

Entgegenkommen fehlen lassen wird, so spreche ich im Einverständnis mit

dem Herrn Oberzeremonienmeister von Bühl zu Bühl ...«

Und nun behandelte das Gespräch noch drei Viertelstunden lang

Placementfragen und die zeremoniellen Bedingungen, unter denen die

Einführung, die Vorstellung, würde zu vollziehen sein. Unerläßlich blieb

die Kartenabgabe bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin Katharina,

einer verwitweten Gräfin Trümmerhauff, die bei den Festlichkeiten im

Alten Schlosse der Damenwelt vorstand. Was aber den Akt der Vorstellung

selbst betraf, so hatte Herr von Knobelsdorff Zugeständnisse zu erwirken

verstanden, die einen geflissentlichen, ja herausfordernden Charakter

trugen. Es gab keinen amerikanischen Geschäftsträger am Orte -- kein

Grund dafür, erklärte Herr von Knobelsdorff, die Damen durch den

erstbesten Kammerherrn präsentieren zu lassen: nein, der

Oberzeremonienmeister selbst bitte um die Ehre, sie dem Großherzog

vorstellen zu dürfen. Wann? An welchem Punkte der vorgeschriebenen

Reihenfolge? Nun, zweifellos, ungewöhnliche Umstände erforderten ein

Übriges. Zuerst also, an erster Stelle, =vor= allen Neueingeladenen der

verschiedenen Hofrangklassen -- Klaus Heinrich möge das Fräulein dieser

außerordentlichen Maßregel versichern. Es werde Gerede geben, Aufsehen

bei Hofe und in der Stadt. Aber gleichviel und um so besser. Aufsehen

war keineswegs unerwünscht, Aufsehen war nützlich, war notwendig ...

Herr von Knobelsdorff ging. Es war so dunkel geworden, als er sich

verabschiedete, daß man einander kaum noch sah. Klaus Heinrich, der

dessen erst jetzt gewahr wurde, entschuldigte sich in einiger

Verwirrung, aber Herr von Knobelsdorff erklärte es für ganz

unwesentlich, in welcher Beleuchtung eine solche Unterredung stattfinde.

Er nahm Klaus Heinrichs Hand, die dieser ihm bot, und umfaßte sie mit

seinen beiden. »Nie,« sagte er warm -- und dies waren seine letzten

Worte, bevor er sich zurückzog --, »nie war das Glück eines Fürsten von

dem seines Landes unzertrennlicher. Bei allem, was Euere Königliche

Hoheit erwägen und tun, wollen Sie sich gegenwärtig halten, daß Euerer

Königlichen Hoheit Glück durch Schicksalsfügung zur Bedingung der

öffentlichen Wohlfahrt geworden ist, daß aber auch Euere Königliche

Hoheit Ihrerseits in der Wohlfahrt des Landes die unerläßliche Bedingung

und Rechtfertigung Ihres Glücks zu erkennen haben.«

Heftig bewegt und noch außerstande, die Gedanken zu ordnen, die ihn

tausendfältig bestürmten, blieb Klaus Heinrich in seinen enthaltsamen

Empirestuben zurück.

Er verbrachte eine unruhvolle Nacht und machte am nächsten Vormittag

trotz unsichtigen und schleimigen Wetters einen einsamen, ausgedehnten

Spazierritt. Herr von Knobelsdorff hatte klar und reichlich geredet,

hatte Tatsachen gegeben und entgegengenommen; aber zur Verschmelzung,

Gestaltung und inneren Verarbeitung dieses vielfachen Rohstoffes hatte

er nur kurze, spruchartige Anleitungen gegeben, und es war schwere

Gedankenarbeit, die Klaus Heinrich zu leisten hatte, während er

nächtlicherweile wach lag und später, als er auf Florian spazierenritt.

Nach »Eremitage« zurückgekehrt, tat er etwas Merkwürdiges. Er schrieb

mit Bleistift auf ein Blättchen Papier eine Order, eine gewisse

Bestellung, und schickte den Kammerlakaien Neumann damit zur Stadt, zur

Akademischen Buchhandlung in der Universitätsstraße. Was Neumann, schwer

schleppend, zurückbrachte, war ein Ballen Bücher, die Klaus Heinrich in

seinem Arbeitszimmer ausbreiten ließ, und mit deren Lektüre er sofort

begann.

Es waren Werke von nüchternem und schulbuchmäßigem Aussehen, mit

Glanzpapierbacken, unschön geschmückten Lederrücken und rauhem Papier,

auf welchem der Inhalt peinlich nach Abschnitten, Hauptabteilungen,

Unterabteilungen und Paragraphen angeordnet war. Ihre Titel waren nicht

heiter. Es waren Lehr- und Handbücher der Finanzwissenschaft, Ab- und

Grundrisse der Staatswirtschaft, systematische Darstellungen der

politischen Ökonomie. Und mit diesen Schriften schloß der Prinz sich in

seinem Kabinett ein und gab Weisung, daß er auf keinen Fall gestört zu

werden wünsche.

Der Herbst war wässerig, und Klaus Heinrich fühlte sich wenig versucht,

die Eremitage zu verlassen. Am Sonnabend fuhr er ins Alte Schloß, um

Freiaudienzen zu gewähren; sonst war er diese Woche lang Herr seiner

Zeit, und er wußte Gebrauch davon zu machen. Angetan mit seiner Litewka,

saß er in der Wärme des niedrigen Kachelofens an seinem kleinen,

altmodischen und wenig benutzten Sekretär und las, die Schläfen in den

Händen, in seinen Finanzbüchern. Er las von den Staatsausgaben, und

worin sie nur immer bestanden, von den Einnahmen, und woher sie

glücklichenfalls flossen; er durchpflügte das ganze Steuerwesen in allen

seinen Kapiteln; er vergrub sich in die Lehre vom Finanzplan und Budget,

von der Bilanz, dem Überschuß und namentlich dem Defizit, er verweilte

am längsten und gründlichsten bei der Staatsschuld und ihren Arten, bei

der Anleihe, dem Verhältnis von Zins und Kapital und der Tilgung -- und

zuweilen erhob er den Kopf vom Buche und träumte lächelnd von dem, was

er gelesen, als sei es die bunteste Poesie.

Übrigens fand er, daß es nicht schwer war, das alles zu begreifen, wenn

man es darauf anlegte. Nein, diese ganze ernste Wirklichkeit, an der er

nun teilnahm, dies simple und plumpe Interessengefüge, dies Lehrgebäude

platt folgerichtiger Bedürfnisse und Notwendigkeiten, das zahllose

gewöhnlich geborene junge Leute in ihre lebenslustigen Köpfe zu nehmen

hatten, um ihre Examina darüber abzulegen -- es war bei weitem so schwer

nicht beherrschbar, wie er in seiner Höhe geglaubt hatte.

Repräsentieren, fand er, war schwerer. Und viel, viel heikler und

schwieriger waren seine Kämpfe mit Imma Spoelmann, zu Pferd und zu Fuß.

Doch machte es ihn warm und froh, sein Studium, und er fühlte, daß er

rote Backen bekam vor Eifer wie sein Schwager zu Ried-Hohenried von

seinem Torf.

Nachdem er so den Tatsachen, die er von Herrn von Knobelsdorff

empfangen, eine allgemeine und akademische Grundlage gegeben und auch

sonst im Knüpfen von inneren Beziehungen und im Abwägen von

Möglichkeiten eine bedeutende Gedankenarbeit verrichtet hatte, stellte

er sich wieder um die Teestunde auf »Delphinenort« ein. Die Glühbirnen

der löwenfüßigen Schaftkandelaber und der großen Kristallüster brannten

im Gartensalon. Die Damen waren allein.

Nach den ersten Fragen und Antworten über Herrn Spoelmanns Befinden und

Immas überstandene Unpäßlichkeit -- Klaus Heinrich machte ihr lebhafte

Vorwürfe über ihr seltsames Ungestüm, worauf sie mit vorgeschobenen

Lippen erwiderte, daß sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener Herr sei und

mit ihrer Gesundheit nach Belieben schalten könne -- kam das Gespräch

auf den Herbst, auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete, auf

die vorgerückte Jahreszeit, den nahen Winter, und Klaus Heinrich

erwähnte von ungefähr des Hofballes, wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob

denn die Damen -- wenn leider Herr Spoelmann schon durch seinen

Gesundheitszustand verhindert sein würde -- nicht Lust hätten, sich

diesmal daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte: Nein, wirklich,

die Absicht einer Kränkung liege ihr fern, aber dazu habe sie

schlechterdings nicht die geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern

stellte die Frage vorläufig gelassen zurück.

Was er getrieben habe die letzten Tage? -- Oh, er sei beschäftigt

gewesen, er könne sagen, daß es Arbeit die Hülle und Fülle gegeben habe.

-- Arbeit? Ohne Zweifel meine er die Hofjagd bei »Jägerpreis«. -- Nun,

die Hofjagd ... Nein, er sei wirklichen Studien nachgegangen, die er

übrigens keineswegs schon abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch

tief in der betreffenden Materie ... Und Klaus Heinrich begann von

seinen unschönen Büchern, seinen finanzwissenschaftlichen Einsichten zu

erzählen, und mit solcher Freude und Hochachtung sprach er von dieser

Disziplin, daß Imma Spoelmann ihn mit großen Augen betrachtete. Als sie

ihn aber -- was auf fast schüchterne Weise geschah -- über den Anlaß und

Beweggrund zu seiner Beschäftigung befragte, antwortete er, daß es

lebendige, nur allzu brennende Tagesfragen seien, die ihn darauf

hingeleitet hätten: Verhältnisse und Umstände, die sich leider für ein

heiteres Teegespräch recht wenig eigneten. Diese Redewendung kränkte

Imma Spoelmann ganz offenkundig. Auf welche Beobachtungen -- fragte sie

scharf und wandte ihr Köpfchen hin und her -- sich eigentlich seine

Überzeugung gründe, daß sie ausschließlich oder auch nur vorzugsweise

heiteren Gesprächen zugänglich sei? Und sie befahl ihm mehr, als sie

bat, sich gefälligst über die brennenden Tagesfragen zu äußern.

Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt

hatte, und sprach über das Land und die Lage. Er wußte Bescheid in jedem

Punkte, worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den

natürlichen und den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den

hingeschleppten und den verschärfend hinzugetretenen Übelständen, er

betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie

auf unsre Volkswirtschaft ausübten -- es waren sechshundert

Millionen --, und er vergaß nicht einmal der unterernährten Gestalten

auf dem Lande.

Er sprach nicht zusammenhängend; Imma Spoelmann unterbrach ihn mit

Fragen und half ihm mit Fragen vorwärts, sie nahm es genau und ließ sich

erläutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenärmeligen

Hauskleid aus ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine

altspanische Ehrenkette um den kindlichen Hals, saß sie, über den

Teetisch gebückt, der von Kristall und Silber und köstlichem Porzellane

schimmerte, einen Ellenbogen aufgestützt, das Kinn in die schmucklose

und zartgliedrige Hand vergraben, und lauschte mit ganzer Seele, indes

ihre Augen, so übergroß, so dunkel glänzend, in seiner Miene forschten.

Aber während er sprach, von Imma mit Mund und Augen befragt, sich mühte,

sich ereiferte und sich ganz seinem Gegenstand hingab, fühlte Gräfin

Löwenjoul sich nicht länger zu nüchterner Klarheit angehalten durch

seine Gegenwart, sondern ließ sich gehen und erlaubte sich die Wohltat

des Irreschwatzens. An allem Elend, erklärte sie mit vornehmen

Bewegungen und seltsam gekniffenem Blicke, auch an der Mißernte, der

Schuldenlast und der Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld,

von welchen es überall wimmele, und die leider auch den Weg durch den

Fußboden zu finden wüßten, wie denn vergangene Nacht die Frau eines

Feldwebels aus der Leibfüsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie

mit abscheulichen Gebärden gemartert habe. Hierauf erwähnte sie ihre

Schlösser in Burgund, in die es von oben hineinregnete, und ging so

weit, zu erzählen, daß sie einen Feldzug gegen die Türken als Leutnant

mitgemacht habe, wobei sie die einzige gewesen sei, die »nicht den Kopf

verloren habe«. Imma Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie und da ein

gutes Wort, versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen und

ließen sich übrigens von ihren Zwischenreden nicht stören.

Sie hatten beide heiße Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte,

was er wußte -- ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blässe

der Perlen, war ein Hauch von Röte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und

auch die Gräfin verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt,

gekniffenen Blickes ins Leere äugend. Klaus Heinrich spielte auf dem

blitzend weißen und scharf gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer

Orchidee, die in einem Spitzgläschen neben seinem Gedeck gestanden

hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete er Imma Spoelmanns

Augen, die übergroß, flammend und unverwandt, über den Tisch hinweg eine

dunkelfließende Sprache führten.

»Es war hübsch heute«, sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme, als er

für diesmal Abschied nahm -- und er fühlte, wie ihre schmale,

zartknochige Hand die seine mit kräftigem Druck umspannte. »Wenn Euere

Hoheit wieder einmal unser unwürdiges Haus beehren, sollten Sie mir das

eine oder andere von den guten Büchern bringen, die Sie sich angeschafft

haben.« -- Sie konnte es nicht ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn

um seine Finanzbücher, und er brachte sie ihr.

Er brachte ihr zwei davon, die er für die lehrreichsten und

übersichtlichsten hielt, brachte sie einige Tage später in seinem Coupé

durch den feuchten Stadtgarten, und sie wußte ihm Dank dafür. Sobald sie

den Tee genommen, zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurück,

woselbst sie, während die Gräfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte,

in thronartigen Armstühlen an einem vergoldeten Tischchen sitzend, über

das erste Blatt eines Lehrbuches namens »Finanzwissenschaft« gebeugt,

ihr gemeinsames Studium begannen. Selbst die Vorworte zur ersten und zur

sechsten Auflage lasen sie mit, abwechselnd mit leiser Stimme jeder

einen Satz; denn Imma Spoelmann hielt dafür, daß man methodisch zu Werke

gehen und mit dem Anfang beginnen müsse.

Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Führer durch die

Paragraphen, und niemand hätte behender und hellsinniger zu folgen

vermocht als Imma.

»Es ist leicht!« sagte sie und sah lachend auf. »Mich nimmt wunder, daß

es im Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz ...«

Aber da sie die Sache so gründlich betrieben, kamen sie demnach nicht

weit in einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie

das nächste Mal fortfahren würden.

Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf »Delphinenort« von

dem sachlichsten Inhalt erfüllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am

Teetisch erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback

eingetaucht, sich mit Doktor Watercloose zurückgezogen hatte, richteten

Imma und Klaus Heinrich sich mit ihren Büchern an dem goldenen Tischchen

ein, um sich, Kopf an Kopf, in die Geldwirtschaftskunde zu vertiefen.

Aber im Vorwärtsschreiten verglichen sie die abgezogene Lehre mit der

Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die Verhältnisse des Landes

an, wie Klaus Heinrich sie dargelegt hatte, und studierten mit Nutzen,

obgleich es nicht selten geschah, daß ihr Forschen von Betrachtungen

persönlicher Art unterbrochen wurde.

»Dann kann also die Emission«, sagte Imma, »auf direktem oder indirektem

Wege erfolgen -- ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet sich

geradeswegs an die Kapitalisten und eröffnet die Subskription ... Ihre

Hand ist doppelt so breit wie meine«, sagte sie -- »sehen Sie, Prinz!«

Und nun schauten sie lächelnd und glücklich betroffen von dem einfachen

Anblick ihre Hände an, seine rechte und ihre linke, die nebeneinander

auf der goldenen Tischplatte lagen. »Oder«, fuhr Imma fort, »die Anleihe

wird durch Negotiation begeben, und es ist irgendein großes Bankhaus

oder Konsortium von solchen, an das der Staat seine Schuldscheine ...«

»Warten Sie!« sagte er leise. »Warten Sie, Imma, und beantworten Sie mir

eine Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht außer acht? Geben Sie

sich auch Mühe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit der

Ernüchterung und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein

bißchen Vertrauen zu mir?« Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem

ein kostbarer Duft entströmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches

Kindergesichtchen still dabei über das Buch gebeugt, wenn sie auch seine

Frage nicht unumwunden beantwortete. »Aber muß es ein Bankhaus oder

Konsortium sein?« überlegte sie. »Es steht nichts davon da, aber mir

scheint, daß es das praktischen Falles nicht notwendig zu sein

braucht ...«

Sie sprach ernsthaft und ohne Anführungszeichen in dieser Zeit, denn

auch sie hatte ja, für ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewältigen,

welche Klaus Heinrich nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff

verrichtet hatte. Und als er einige Wochen später auf seine Frage

zurückkam, ob sie nicht Lust habe, den Hofball zu besuchen, und ihr die

zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die für diesen Fall bewilligt

waren, da geschah es, daß sie ihm antwortete, ja, sie habe Lust und

wolle morgen mit der Gräfin Löwenjoul bei der verwitweten Gräfin

Trümmerhauff vorfahren, um ihre Karten abzugeben.

Dieses Jahr fand der Hofball früher statt als sonst: schon Ende November

-- eine Maßnahme, die, wie man hörte, auf Wünsche innerhalb des

Großherzoglichen Hauses zurückzuführen war. Herr von Bühl zu Bühl

beklagte bitter diese Überstürzung, welche ihn und seine Unterbeamten

zwänge, die Vorbereitungen zu der wichtigsten höfischen Festlichkeit

über das Knie zu brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die

Festräume des Alten Schlosses so dringend bedürftig waren. Aber der

Wunsch des betreffenden Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die

Unterstützung des Herrn von Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall

mußte sich fügen. So aber kam es, daß die Gemüter kaum Zeit hatten, sich

auf das, was eigentlich an dem Abend Ereignis war, und wogegen der

ungewöhnliche Zeitpunkt gleich nichts erschien, genügend vorzubereiten:

ja, als der »Eilbote« die Kunde von der Kartenabgabe und Einladung in

fetten Lettern verbreitete -- nicht ohne in etwas kleinerem Druck, doch

in warmen Worten seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben und

Spoelmanns Tochter bei Hofe willkommen zu heißen --, da stand der

bedeutende Abend schon vor der Tür, und ehe die Zungen sich recht in

Bewegung gesetzt, war alles vollendete Wirklichkeit.

Nie hatte mehr Neid auf den fünfhundert begnadeten Personen geruht,

deren Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Bürger am

Morgen mit größeren Augen den Bericht des »Eilboten« verschlungen, diese

glitzernden Spalten, die alljährlich von einem durch den Trunk

entarteten Adeligen abgefaßt wurden und so üppig zu lesen waren, daß man

glaubte, Einblick in das Feenreich zu tun, während in Wahrheit das

Ballfest im Alten Schloß ohne Überschwang und selbst nüchtern verlief.

Aber der Bericht reichte nur bis zum Souper, mit Einschluß der

französischen Speisenfolge, und alles, was später kam, sowie überhaupt

alle Zartheiten und Unwägbarkeiten des großen Vorgangs blieben notwendig

mündlicher Überlieferung vorbehalten.

Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil vor

dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pünktlich im Alten Schloß

eingefunden, wenn auch so pünktlich nicht, daß Herr von Bühl zu Bühl

nicht Zeit gehabt hätte, sich zu ängstigen. Von siebeneinviertel Uhr an

war er, in großer Uniform, mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit

spiegelndem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, in der

Mitte des mit Rüstungen umstellten Rittersaales, woselbst sich das

Großherzogliche Haus und der große Dienst versammelten, von einem Fuß

auf den andern getreten und hatte mehrmals einen Kammerjunker in den

Ballsaal hinübergesandt, um zu erfahren, ob Fräulein Spoelmann noch

nicht erschienen sei. Er erwog unerhörte Möglichkeiten. Wenn diese

Königin von Saba zu spät kam -- und was konnte man nicht von ihr

gewärtigen, die mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war! --, so

mußte sich der Eintritt des großherzoglichen Korteges verzögern, so

mußte der Hof auf sie warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt

zuerst vorgestellt werden, und es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß

sie nach dem Großherzog im Ballsaale eintraf ... Aber gottlob! eine

knappe Minute vor siebeneinhalb Uhr war sie mit ihrer Gräfin gekommen

(und die Bewegung war groß gewesen, als die empfangenden Kammerherren

sie zunächst den Diplomaten und also vor dem Adel, den Palastdamen, den

Ministern, den Generalen, den Kammerpräsidenten und aller Welt in die

Hofgesellschaft eingereiht hatten) -- Flügeladjutant von Platow hatte

den Großherzog aus seinen Zimmern geholt, im Rittersaal hatte Albrecht,

als Husar gekleidet, mit niedergeschlagenen Augen die Mitglieder seines

Hauses begrüßt, hatte seiner Tante Katharina den Arm geboten, und dann,

nachdem Herr von Bühl in der geöffneten Flügeltür dreimal seinen Stab

gegen das Parkett gestoßen, hatte sich der Einzug des Hofes in den

Ballsaal vollzogen.

Augenzeugen versicherten später, daß die allgemeine Unaufmerksamkeit

während des Rundgangs der höchsten Herrschaften die Grenze des

Anstößigen erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner würdevoll

schreitenden Tante gerade gekommen war, da war ohne die rechte Sammlung

ein hastiges Neigen und Wogen entstanden, aber sonst waren alle

Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit

brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet gewesen ... Die dort

stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den Frauen, den

weiblichen Trümmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die hier

ihre Fächer regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie

gemustert. Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als daß die

Kritik sich hervorgewagt hätte, oder hatte ihre Persönlichkeit an und

für sich den heimlichen Widerstand überwunden -- nur eine Stimme hatte

geherrscht, und es war die gewesen, daß Imma Spoelmann schön sei wie

Bergkönigs Töchterlein. Die Residenz wußte am nächsten Morgen ihre

Toilette auswendig, der Schreiber im Ministerium, der Dienstmann an der

Straßenecke. Es war ein Gewand aus blaßgrünem Chinakrepp gewesen, mit

silberner Stickerei und einem Bruststück aus alter Silberspitze von

Fabelwert. Ein krönleinartiger Kopfschmuck aus Diamanten hatte farbig in

ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine Neigung zeigte, ihr in

glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, und eine lang herabhängende

Kette aus demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um ihren

bräunlichen Hals geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer

wundersam ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem

bleichen Gesichtchen und ihren übergroßen und seltsam eindringlich

redenden Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Gräfin

Löwenjoul gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas,

gekleidet gewesen war. Mit einer gewissen spröden Pagenanmut hatte sie,

als das Kortege zu ihr gelangt war, die höfische Verbeugung angedeutet,

ohne sie auszuführen; aber als Prinz Klaus Heinrich, das zitronengelbe

Band und die flache Kette des Hausordens zur Beständigkeit über dem

Waffenrock, den Silberstern vom Grimmburger Greifen auf der Brust und

jene blutleere Cousine am Arme führend, die nichts als »jä« zu sagen

vermochte, gleich hinter dem Großherzoge an ihr vorübergeschritten war,

da hatte sie mit geschlossenen Lippen gelächelt und hatte ihm zugenickt

wie ein Kamerad -- wobei es denn doch wie ein Zucken durch die

Versammlung gegangen war ...

Dann, nach der Begrüßung der Diplomaten durch die höchsten Herrschaften,

hatten die Vorstellungen begonnen -- begonnen mit Imma Spoelmann,

obgleich sich unter den neueingeladenen Damen zwei Komtessen Hundskeel

und ein Freifräulein von Schulenburg-Tressen befunden hatten.

Schwänzelnd und mit falschen Zähnen lächelnd hatte Herr von Bühl

Spoelmanns Tochter seinem Herrn präsentiert. Und indem er mit der

kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen gesogen, hatte

Albrecht auf ihre spröde Pagenverneigung niedergeblickt, aus der sie

sich erhoben hatte, um aus redenden Augen den leidenden Husarenobersten

in seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu betrachten. Der

Großherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, während er es sonst

ohne Ausnahme bei einer bewenden ließ, hatte sich nach ihres Vaters

Befinden, nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr

selbst auf die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen

Lippen und das schwarzbleiche Köpfchen hin und her wendend mit ihrer

gebrochenen Stimme geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche

vielleicht eine Pause des inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr

sein Vergnügen zum Ausdruck gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann

hatte auch Gräfin Löwenjoul, mit einem seitwärts entgleitenden Blick,

ihre Kniebeugung vollführen dürfen.

Dieser Auftritt, Imma Spoelmann vor Albrecht, blieb lange der

Lieblingsgegenstand des Gesprächs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten

verlaufen war, wie er verlaufen mußte, so sollen sein Reiz und seine

Bedeutung nicht geschmälert werden. Der Höhepunkt des Abends war er

nicht. Das war in den Augen vieler die _Quadrille d'honneur_, für manche

auch das Souper -- in Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegespräch

zwischen den beiden Hauptpersonen des Stückes, ein kurzer, unbelauschter

Wortwechsel, dessen Inhalt und sachlichen Enderfolg die Öffentlichkeit

freilich nur zu ahnen vermochte -- der Abschluß gewisser zarter Kämpfe

zu Pferd und zu Fuß ...

Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nächsten Tage Personen, die

behaupteten, Fräulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der

Seite des Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf

zu. Das Fräulein hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber

geführt vom englischen Geschäftsträger und dem Prinzen Klaus Heinrich

gegenüber. Immerhin war das stark, und noch stärker war, daß die

Mehrzahl der Festgäste es nicht einmal als unerhört, sondern im

Gegenteil beinahe als selbstverständlich empfunden hatte. Ja, Imma

Spoelmanns Stellung war befestigt, die volkstümliche Auffassung ihrer

Person -- das Volk erfuhr es am nächsten Tage -- war herrschend gewesen

im Hofballsaal, und übrigens hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen,

daß diese Auffassung mit aller Augenfälligkeit, die er für wünschenswert

hielt, zum Ausdruck gelangte. Nicht mit Rücksicht und nicht mit

Auszeichnung, nein, zeremoniös war Imma Spoelmann behandelt worden, und

das mit planmäßiger, absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden

Zeremonienmeister, Kämmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die

Tänzer zugeführt, und wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot

ausgeschlagenen Podium, wo die Großherzogliche Familie auf Damastsesseln

saß, mit einem Kavalier verlassen hatte, um zu tanzen, so war die

Balleitung geschäftig gewesen, wie dies beim Tanz der Prinzessinnen

geschah, ihr freien Raum unter dem mittleren Lüster zu schaffen und sie

vor jedem Zusammenstoß zu behüten -- was übrigens leichte Arbeit gewesen

war, denn ohnedies hatte sich, wenn sie tanzte, ein schützender Kreis

von Neugier um sie geschlossen.

Man berichtete, daß, als Prinz Klaus Heinrich Fräulein Spoelmann zum

erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein förmliches

Zischen der »Erregung« im Saale hörbar gewesen sei, und daß die

Vortänzer zu tun gehabt hätten, den Ball in Gang zu erhalten und zu

verhindern, daß alles in gieriger Schaulust die Tanzenden umstehe.

Namentlich die Damen hatten das einsame Paar mit einem exaltierten

Entzücken begleitet, das, wenn Imma Spoelmanns Stellung nur ein wenig

schwächer gewesen wäre, unzweifelhaft die Formen der Wut und der Bosheit

gezeigt haben würde. Aber zu sehr hatte jeder einzelne der fünfhundert

Festgäste unter dem Druck und Einfluß des öffentlichen Empfindens, jener

gewaltigen Eingebung von unten her, gestanden, um dies Schauspiel anders

als mit des Volkes Augen betrachten zu können. Der Prinz schien nicht in

dem Sinne beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein Name, und

zwar einfach in der Abkürzung »K. H.«, hatte zweimal, für zwei große

Tänze, auf Miß Spoelmanns Karte gestanden, und außerdem hatte er noch

mehrfach bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und

Spoelmanns Tochter. Ihr bräunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus

zitronenfarbener Seide geruht, das über seine Schulter lief, und sein

rechter Arm hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen

gehalten, während er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die

Hüfte gestützt und nur mit einer Hand seine Dame geführt hatte. Mit

einer Hand ...

So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der

zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff für Imma Spoelmanns

Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschütternd in Kraft getreten. Es war

der gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum Gegenstand hatte.

Während nämlich die große Menge der Festgäste in der Bildergalerie und

im Saal der zwölf Monate an langen Tafeln speiste, war für die

Großherzogliche Familie, die Diplomaten und die obersten Hofchargen im

Silbersaal gedeckt. Feierlich geordnet, wie beim Eintritt in den

Ballsaal, begaben sich Albrecht und die Seinen punkt elf Uhr dorthin.

Und an den Kammerlakaien vorüber, welche die Türen besetzt hielten und

Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des englischen

Geschäftsträgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um an der

großherzoglichen Tafel teilzunehmen.

Das war ungeheuerlich gewesen -- und zugleich, nach allem

Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, daß jederlei

Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben

würde. Heute hatte es einfach gegolten, großen Anzeichen und

Erscheinungen innerlich gewachsen zu sein ... Aber nach aufgehobener

Tafel, als der Großherzog sich zurückgezogen und Prinzessin Griseldis

mit einem Kammerherrn den Kotillon eröffnet hatte, war die Erwartung

dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage

war gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der Spoelmann ein

Sträußchen zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die gewesen, ihr

nicht gerade das erste zu bringen. Er hatte zunächst seiner Tante

Katharina und einer rothaarigen Cousine je eines überreicht; aber dann

war er mit einem Fliedersträußchen aus der Hofgärtnerei vor Imma

Spoelmann hingetreten. Im Begriffe, das schöne Gebinde an ihr Näschen zu

führen, hatte sie aus unbekannten Gründen mit ängstlicher Miene

gezögert, und erst, nachdem er sie durch ein lächelndes Kopfnicken dazu

ermutigt, hatte sie sich entschlossen, den Duft zu versuchen. Dann

hatten sie, ruhig sprechend, ziemlich lange miteinander getanzt.

Jedoch während dieses Tanzes war es gewesen, daß jener unbelauschte

Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar bürgerlichem Inhalt und

sachlichem Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte ... hier ist

sie.

»Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen bringe?«

»Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schön und duftet ordnungsgemäß. Er gefällt

mir sehr.«

»Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid,

weil seine Rosen Ihnen mißfallen mit ihrem Moderduft.«

»Ich will nicht sagen, daß sie mir mißfallen, Prinz.«

»Aber sie ernüchtern und erkälten Sie wohl?«

»Ja, das vielleicht.«

»Habe ich Ihnen aber von dem Glauben der Leute erzählt, daß der

Rosenstock einmal erlöst werden soll, nämlich an einem Tage der

allgemeinen Beglückung, und Rosen hervorbringen soll, die zu ihrer

großen Schönheit auch noch mit lieblich natürlichem Duft begabt sein

werden?«

»Ja, Prinz, das muß man abwarten.«

»Nein, Imma, man muß helfen und handeln! Sich entschließen muß man und

allem Zweifelmut absagen, kleine Imma! Sagen Sie mir ... sagen Sie mir

heute: Haben Sie nun Vertrauen zu mir?«

»Doch, Prinz, in letzter Zeit habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt.«

»Sehen Sie!... Gott sei gelobt!... Sagte ich nicht, daß es mir

schließlich gelingen müsse?... Und so glauben Sie denn nun, daß es mir

ernst ist, wirklicher, ernsthafter Ernst um Sie und um uns?«

»Ja, Prinz, in letzter Zeit glaube ich, daß ich es glauben kann.«

»Endlich, endlich, unschlüssige kleine Imma!... Ach, ich danke Ihnen aus

Herzensgrund!... Aber dann haben Sie also Mut und wollen sich zu mir

bekennen vor aller Welt, da Sie doch zu mir gehören?«

»Bekennen Sie sich, Königliche Hoheit, zu mir, wenn's gefällig ist.«

»Das will ich, Imma, laut und fest. Aber nur unter einer Bedingung darf

ich es, nämlich, daß wir nicht in eigennütziger und unbedeutender Weise

nur auf unser eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern alles aus dem

Gesichtspunkt des Großen, Ganzen betrachten. Denn die öffentliche

Wohlfahrt, sehen Sie, und unser Glück, die bedingen sich gegenseitig.«

»Wohlgesprochen, Prinz. Denn ohne unsere Studien über die öffentliche

Wohlfahrt würde ich mich schwerlich zum Vertrauen zu Ihnen entschlossen

haben.«

»Und ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, würde ich

schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.«

»Also wollen wir denn sehen, was wir ausrichten, jeder an seinem Platze,

Prinz. Sie bei den Ihren und ich -- bei meinem Vater.«

»Kleine Schwester«, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze

ein wenig fester an sich gezogen. »Kleine Braut ...«

Und das war in der Tat ein Sonderfall von Verlobungsgespräch gewesen.

Freilich war hiermit nicht alles, ja wenig geschehen, und rückblickend

muß man sich sagen, daß, in dem Gesamtaspekt der Verhältnisse nur einen

Faktor weg oder anders gedacht, das Ganze damals noch immer Gefahr lief,

in nichts zu zerfallen. Welch Glück, daß an der Spitze der Geschäfte ein

Mann sich befand, welcher der Zeit fest und unerschrocken, ja selbst

nicht ohne Schalkhaftigkeit ins Auge blickte und eine Sache nicht einzig

deshalb für unmöglich erachtete, weil sie sich bis dahin noch niemals

ereignet hatte!

Jener Vortrag, den ungefähr acht Tage nach dem denkwürdigen Hofball

Exzellenz von Knobelsdorff seinem Herrn, dem Großherzog Albrecht II. im

Alten Schlosse hielt, gehört der Zeitgeschichte an. Tags zuvor hatte der

Konseilpräsident einer Sitzung des Staatsministeriums vorgesessen, über

welche der »Eilbote« so viel zu melden in die Lage gesetzt worden war,

daß Finanzfragen und innere Angelegenheiten der Großherzoglichen Familie

zur Beratung gestanden hätten, sowie ferner, daß -- und dies fügte das

Blatt in gesperrten Lettern hinzu -- eine vollkommene Einhelligkeit der

Meinungen unter den Ministern erzielt worden sei. So aber befand sich

Herr von Knobelsdorff bei jener Audienz seinem jungen Monarchen

gegenüber in starker Stellung; denn er hatte nicht nur die wimmelnde

Masse des Volkes, sondern auch die einmütige Willensäußerung der

Staatsregierung im Rücken.

Die Unterredung in Albrechts zugigem Arbeitszimmer nahm fast nicht

weniger Zeit in Anspruch, als diejenige in dem kleinen gelben Salon von

Schloß »Eremitage«. Es mußte sogar eine Pause eintreten, während welcher

dem Großherzog eine Limonade und Herrn von Knobelsdorff ein Glas

Portwein nebst Biskuits gereicht wurde. Allein die lange Dauer des

Vortrags war lediglich der Großartigkeit des durchzusprechenden Stoffes,

nicht etwa dem Widerstande des Monarchen zuzuschreiben; denn Albrecht

leistete keinen. In seinem geschlossenen Gehrock, die mageren,

empfindlichen Hände im Schoße gekreuzt, das stolze und feine Haupt mit

dem Spitzbart und den schmalen Schläfen erhoben und die Lider gesenkt,

sog er leicht mit der kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen und

begleitete Herrn von Knobelsdorffs Ausführungen von Zeit zu Zeit mit

einer gemessenen Kopfneigung, die zugleich Zustimmung und Ablehnung

ausdrückte, eine unbeteiligt sachliche Zustimmung unter dem stillen und

kalten Vorbehalt seiner durch nichts erreichbaren persönlichen Würde.

Herr von Knobelsdorff begab sich unverzüglich in die Mitte der Dinge und

sprach von dem Verkehr des Prinzen Klaus Heinrich auf Schloß

»Delphinenort«. Albrecht wußte davon. Selbst in seine Einsamkeit war ein

gedämpfter Widerhall der Ereignisse gedrungen, welche die Stadt und das

Land in Atem hielten; auch kannte er seinen Bruder Klaus Heinrich, der

gestöbert und mit den Lakaien geplaudert hatte, der, als er sich am

großen Spieltisch die Stirn gestoßen, geweint hatte aus Mitleid mit

seiner Stirn -- und im wesentlichen bedurfte er keiner Belehrung.

Lispelnd und mit einem flüchtigen Erröten gab er das Herrn von

Knobelsdorff zu verstehen und fügte hinzu, da jener bisher nicht

hindernd eingegriffen, sondern ihm die Tochter des Milliardärs sogar

zugeführt habe, so schließe er, daß Herr von Knobelsdorff die

Unternehmungen des Prinzen begünstige, ohne daß er, der Großherzog,

übrigens absähe, wohin das alles führen solle. Die Regierung, antwortete

Herr von Knobelsdorff, würde sich in einen schädlichen und entfremdenden

Gegensatz zum Willen des Volkes setzen, wenn sie die Absichten des

Prinzen durchkreuzte. »So verfolgt mein Bruder bestimmte Absichten?«

»Lange«, versetzte Herr von Knobelsdorff, »handelte er planlos und

lediglich seinem Herzen zuliebe; aber seitdem er sich mit dem Volke auf

dem Boden des Wirklichen gefunden, haben seine Wünsche praktische

Gestalt gewonnen.« »Und das alles will also sagen, daß das Publikum die

Schritte des Prinzen billigt?« -- »Daß es sie akklamiert, Königliche

Hoheit, daß es die innigsten Hoffnungen darauf setzt!«

Und nun entrollte Herr von Knobelsdorff noch einmal das dunkle Bild von

der Lage des Landes, von der Not, von der großen, großen Verlegenheit.

Wo war Abhilfe und Heilung? Dort war sie, einzig dort, im Stadtpark, in

dem zweiten Zentrum der Residenz, an dem Wohnsitz des kränkelnden

Geldfürsten, unseres Gastes und Einwohners, dessen Person das Volk mit

seinen Träumen umspann, und für den es ein kleines sein würde, allen

unseren Mißhelligkeiten ein Ende zu bereiten. Wenn er zu bestimmen war,

sich unserer Staatswirtschaft anzunehmen, so war ihre Gesundung

gesichert. Würde er zu bestimmen sein? Aber das Schicksal hatte eine

Gefühlsbegegnung zwischen der einzigen Tochter des Gewaltigen und dem

Prinzen Klaus Heinrich herbeigeführt! Und dieser weisen und gütigen

Fügung sollte man trotzen? Starrer und abgelebter Herkömmlichkeiten

wegen sollte man eine Verbindung hintanhalten, die für Land und Volk so

ungemessenen Segen in sich schloß? Denn daß sie das tue, war freilich

vorauszusetzen, und darauf beruhte ihre Rechtfertigung und hohe

Gültigkeit. War aber diese Bedingung erfüllt, fand Samuel Spoelmann

sich, um es geradeheraus zu sagen, zur Finanzierung des Staates bereit,

so war die Verbindung -- da denn das Wort nun gefallen war -- nicht nur

statthaft, sie war notwendig, sie war die Rettung, das Wohl des Staates

verlangte sie, und weit über die Landesgrenzen hinaus, überall dort, wo

ein Interesse an der Wiederherstellung unserer Finanzen, an der

Vermeidung einer wirtschaftlichen Panik vorhanden war, wurde sie vom

Himmel erfleht.

An dieser Stelle tat der Großherzog eine Zwischenfrage, leise, ohne

aufzublicken, und mit spöttischem Lächeln.

»Und die Thronfolge?« fragte er.

»Das Gesetz«, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschütterlich, »legt es

in Euerer Königlichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu

beseitigen. Standeserhöhung und selbst Ebenbürtigkeit zu verleihen

gehört auch bei uns zu den Prärogativen des Landesherrn -- und wann wäre

je in der Geschichte ein tieferer Anlaß zur Betätigung dieser Vorrechte

gegeben gewesen? Diese Verbindung trägt ihre Echtheit in sich, sie ist

von langer Hand her im Gemüte des Volkes vorbereitet, und ihre

vollkommene staats- und fürstenrechtliche Anerkennung würde dem Volke

nicht mehr als eine äußere Bestätigung seines innersten Empfindens

bedeuten.«

So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularität zu

sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von

leichter Unpäßlichkeit, auf den ebenbürtigen Rang, den dies

außerordentliche Wesen in der Phantasie des Volkes einnähme -- und seine

Augenfältchen spielten, als er Albrecht an die alte Wahrsagung

erinnerte, die im Volke lebte, von dem Prinzen sprach, der mit einer

Hand dem Lande mehr geben sollte, als andere mit zweien je vermocht

hätten, und beredsam darlegte, wie die Verbindung zwischen Klaus

Heinrich und Spoelmanns Tochter dem Volke als vorgesehene Erfüllung des

Orakels und somit als gottgewollt und rechtmäßig erscheine.

Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er

erwähnte der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns -- denn

außer dem deutschen, portugiesischen und englischen fließe ja, wie man

vernähme, auch ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren

Adern -- und betonte, daß er sich von der belebenden Wirkung, welche die

Mischung der Rassen bei alten Geschlechtern hervorzubringen vermöge, für

die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke

hatte der unbefangene alte Herr, als von den ungeheuren und segensvollen

Veränderungen die Rede war, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen

des Hofes selbst, unseres verschuldeten und bedrängten Hofes, durch die

kühne Heirat des Thronfolgers würden hervorgebracht werden. Denn hier

war es, wo Albrecht am hochmütigsten an der Oberlippe sog. Der Geldwert

sank, die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem wirtschaftlichen

Gesetz, das für die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie für jeden

Privathaushalt seine Gültigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen

war unmöglich. Aber es ging nicht an, daß das Vermögen des Landesherrn

hinter dem mancher Untertanen zurückstand; es war im monarchistischen

Sinne unleidlich, daß Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon längst eine

Zentralheizung hatte, das Alte Schloß aber noch immer nicht. Abhilfe war

nötig, in mehr als einem Fall, und wohl dem Fürstenhause, dem sich eine

so großartige Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten,

daß alle Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung höfischer

Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentäußerung, mit welcher

fürstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die

Öffentlichkeit vor ernüchternden Einblicken in ihre Vermögensverhältnisse

zu bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse,

Entmündigungen, fragwürdige Veräußerungen waren an der Tagesordnung.

Aber war dieser kleinlichen und bürgerlichen Art von Anpassung

nicht das Bündnis mit dem souveränen Reichtum vorzuziehen --

eine Verbindung, welche die Hoheit auf immer hoch über alle

wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in den Stand setzen würde,

sich dem Volke mit allen jenen äußeren Zeichen sichtbar zu machen, nach

denen es verlangte?

So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage

mit unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war seine

Rede, daß er das Alte Schloß nicht verließ, ohne stolz gelispelte

Genehmigungen und Ermächtigungen mit fortzunehmen, die weit genug

reichten, um, wenn Fräulein Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte,

Abschlüsse sondergleichen zu gewährleisten.

Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwürdigen Gang bis zum seligen

Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen Personen,

die =gesehen= (nicht etwa nur davon erzählen gehört) hatten, wie eines

schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl im

Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen Zwicker

auf der Nase, vor »Delphinenort« aus einem Hofwagen gestiegen und

schwänzelnd im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar

gingen in der Stadt Individuen umher, die an Eides Statt versicherten,

daß jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und

gleichfalls in Pelz und Zylinder, an dem grinsenden Plüschmohren vorbei

das Portal von »Delphinenort« verlassen und sich mit fiebrigen Augen in

eine bereitstehende Droschke geworfen habe, unzweifelhaft unser

Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu gleicher Zeit

tauchten in dem halbamtlichen »Eilboten« erste und vorbereitende

Vermerke von Gerüchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im

Großherzoglichen Hause zum Inhalt hatten -- tastende Verlautbarungen,

die, in behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich

die beiden Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck

beieinander zeigten ... Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber

sie schwarz auf weiß zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.

Äußerst fesselnd war es übrigens, zu beobachten, wie bei den

publizistischen Erörterungen, die sich hierauf entspannen, unsere

aufgeklärte und freigeistig gesinnte Presse sich zu der volkstümlichen

Seite der Sache, nämlich zu der Prophezeiung stellte, die denn doch in

zu hohem Grade politische Bedeutung gewonnen hatte, als daß nicht

Bildung und Intelligenz genötigt gewesen wären, sich damit

auseinanderzusetzen. Weissagerei, Chiromantie und dergleichen

Hexenwesen, erklärte der »Eilbote«, seien, soweit das Schicksal des

einzelnen in Frage komme, schlechterdings in das dunkle Gebiet des

Aberglaubens zu verweisen, sie gehörten dem grauen Mittelalter an, und

nicht genug zu belächeln seien die wahnbefangenen Personen, die, was

freilich in den Städten wohl nicht mehr geschähe, sich von geriebenen

Beutelschneidern die Groschen aus der Tasche ziehen ließen, um aus der

Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz sich ihre geringfügige Zukunft

deuten, sich gesundbeten, homöopathisch kurieren oder ihr krankes Vieh

von eingefahrenen Dämonen befreien zu lassen -- wie als ob nicht bereits

der Apostel gefragt habe: »Kümmert sich denn Gott auch um die Ochsen?«

Allein ins Große gerechnet und entscheidende Wendungen im Schicksal

ganzer Völker oder Dynastien in Rede gestellt, so laufe einem geschulten

und wissenschaftlichen Denken die Vorstellung nicht unbedingt zuwider,

daß, da die Zeit nur eine Illusion und in Wahrheit betrachtet alles

Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche im Schoße der Zukunft

ruhenden Umwälzungen den Menschengeist im voraus erschüttern und ihm

gesichtweise sich offenbaren könnten. Und deß zum Beweise

veröffentlichte das eifrige Blatt ein umfangreiches, von einem unserer

Hochschulprofessoren gütigst zur Verfügung gestelltes Elaborat, das eine

Übersicht aller der Fälle der Menschheitsgeschichte bot, in welchen

Orakel und Horoskop, Somnambulismus, Hellseherei, Wahrtraum,

Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine Rolle gespielt hatten

-- ein überaus dankenswertes Memorandum, das seine Wirkung in gebildeten

Kreisen nicht verfehlte.

Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverständnis, Presse,

Regierung, Hof und Publikum, und sicher hätte der »Eilbote« seine Zunge

gehütet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch

verfrüht und politisch gefährlich -- wenn, mit einem Wort, die

Verhandlungen auf »Delphinenort« nicht bereits weit in günstiger

Richtung vorgeschritten gewesen wären. Heute weiß man ziemlich genau,

wie diese Verhandlungen sich abwickelten und einen wie schwierigen, ja

peinlichen Stand unsere Sachwalter dabei hatten: der sowohl, dem als

Vertrauensperson des Hofes die zarte Mission zugefallen war, des Prinzen

Klaus Heinrichs Werbung vorzubereiten, wie auch der oberste Betreuer

unseres Finanzwesens, der es sich trotz seiner schwer erschütterten

Gesundheit nicht nehmen ließ, in eigener Person die Sache des Landes bei

Samuel Spoelmann zu führen. Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns

ärgerliche und reizbare Gemütsart in Rechnung zu ziehen, zweitens aber

zu bedenken, daß ja dem ungeheueren kleinen Manne an einem in unserem

Sinne glücklichen Abschluß des Handels bei weitem so viel nicht gelegen

war wie uns. Abgesehen von Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die

ihm ihr Herz geöffnet und ihm ihr schönes Verlangen kundgegeben hatte,

sich liebend nützlich zu machen, hatten unsere Mandatare nicht =einen=

Trumpf gegen ihn auszuspielen, und es war schlechterdings nicht an dem,

daß Doktor Krippenreuther seine Wünsche als Bedingungen an das hätte

knüpfen können, was Herr von Bühl etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen

Klaus Heinrich sprach Herr Spoelmann beständig mit der Bezeichnung »der

junge Mensch« und bekundete über die Aussicht, seine Tochter einer

Königlichen Hoheit zur Frau geben zu sollen, so wenig Ergötzen, daß

Doktor Krippenreuther sowohl wie Herr von Bühl mehr als einmal in

tödliche Verlegenheit gerieten. »Wenn er irgend etwas gelernt, eine

ordentliche Beschäftigung hätte!« knarrte er verdrießlich. »Aber ein

junger Mensch, der nichts versteht, als sich hochleben zu lassen ...«

Wirklich erbost zeigte er sich, als zum ersten Male ein Wort von

morganatischer Vermählung fiel. Seine Tochter, erklärte er »_once for

all_«, sei kein Kebsweib und nicht für die linke Seite. Heirate man sie,

so heirate man sie ... Aber die Interessen der Dynastie und des Landes

trafen in diesem Punkte ja völlig mit den seinen zusammen; die Erzielung

erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft war eine Notwendigkeit, und Herr

von Bühl war mit all den Vollmachten ausgestattet, die Herr von

Knobelsdorff vom Großherzog zu erwirken verstanden hatte. Was aber die

Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so war es gewiß nicht die

Beredsamkeit ihres Trägers, welche sie glücken ließ, sondern einzig

Herrn Spoelmanns Vaterzärtlichkeit -- die Willfährigkeit eines

leidenden, überdrüssigen und von seinem Wundertierdasein längst paradox

gestimmten Vaters gegen seine einzige Tochter und Erbin, die sich

schließlich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermögen anzulegen

wünschte, selbst aussuchen mochte.

Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe

Verschwiegenheit gehüllt blieben und nur schrittweise, erst durch die

Ereignisse selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen

Worten zusammengestellt werden mögen.

Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und

anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit der

Veröffentlichung des Verlöbnisses im »Staatsanzeiger« würde die Erhebung

der Braut zur Gräfin verkündet werden -- unter einem Phantasienamen von

romanhaftem Adelsklang, ähnlich dem, welchen Klaus Heinrich auf seiner

Studienreise in den schönen Ländern des Südens geführt hatte; und am

Tage ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-Thronfolgers mit der

Würde einer Fürstin zu bekleiden. Die beiden Standeserhöhungen waren

frei von Stempelsteuer, die viertausendachthundert Mark betragen haben

würde, zu vollziehen. Nur vorläufig und zur Gewöhnung der Welt sollte

die Ehe zur Linken geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich

zeigen würde, daß sie mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, würde

Albrecht II., mit Rücksicht auf die unvergleichlichen Umstände, die

morganatische Gemahlin seines Bruders für ebenbürtig erklären und ihr

den Rang einer Prinzessin des Großherzoglichen Hauses mit dem Titel

Königliche Hoheit verleihen. Das neue Mitglied des Herrscherhauses würde

auf jede Apanage verzichten. Was das höfische Zeremoniale betraf, so war

zum Feste der linkshändigen Vermählung nur eine Sprechcour, zur Feier

der Ebenbürtigkeitserklärung jedoch jene höchste und vollkommenste

Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel Spoelmann aber, von

seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von dreihundertundfünfzig

Millionen Mark -- und zwar unter Bedingungen so väterlicher

Art, daß dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung

trug.

Es war Großherzog Albrecht, der den Prinzen-Thronfolger von diesen

Abschlüssen in Kenntnis setzte. Wieder stand Klaus Heinrich in dem

großen, zugigen Arbeitszimmer unter dem zersprungenen Deckengemälde vor

seinem Bruder, wie einst, als Albrecht ihm die Repräsentationspflichten

übertragen hatte, und nahm in dienstlich geschlossener Haltung die

großen Mitteilungen entgegen. Er hatte den Waffenrock eines Majors der

Gardefüsiliere angelegt zu dieser Audienz, während der Großherzog zu

seinem schwarzen Überrock neuerdings Pulswärmer trug, die seine Tante

Katharina ihm in dunkelroter Wolle gefertigt hatte, gegen den Zug durch

die hohen Fenster des Alten Schlosses. Als Albrecht geendigt hatte, trat

Klaus Heinrich einen Schritt seitwärts, um aufs neue salutierend die

Absätze zusammenzuziehen, und sagte: »Ich bitte dich, lieber Albrecht,

dir herzlichen und untertänigen Dank zu Füßen legen zu dürfen, in meinem

Namen und im Namen des ganzen Landes. Denn letzten Endes bist du es ja,

der all diesen Segen ermöglicht, und die verdoppelte Liebe des Volkes

wird dir für deine hochherzigen Entschließungen lohnen.«

Er drückte die magere und empfindliche Hand seines Bruders, die dieser

dicht an der Brust und ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen,

ihm darreichte. Der Großherzog hatte seine kurze, gerundete Unterlippe

emporgeschoben, und seine Lider waren gesenkt. Er antwortete leise und

lispelnd: »Ich neige um so weniger dazu, mir über die Liebe des Volkes

Illusionen zu machen, als ich, wie du weißt, dieser fraglosen Liebe

schmerzlos entraten kann. Dabei fällt die Frage kaum ins Gewicht, als ob

ich sie auch nur verdiene. Ich gehe zur Abfahrtsstunde auf den Bahnhof,

um zu winken -- das ist weniger verdienstvoll als albern, aber es ist

nun einmal mein Amt. Dein Fall ist freilich ein anderer. Du bist ein

Sonntagskind. Alles fügt sich dir wohl ... Ich wünsche dir Glück«, sagte

er, indem er die Lider von seinen einsam blickenden blauen Augen hob.

Und in diesem Augenblick sah man, daß er Klaus Heinrich liebte. »Ich

wünsche dir Glück, Klaus Heinrich -- aber nicht allzuviel, und daß du

nicht allzu wohlig in der Liebe des Volkes ruhen mögest. Übrigens sagte

ich schon, daß alles sich dir zum besten fügt. Das Mädchen deiner Wahl

ist recht fremdartig, recht wenig hausbacken, recht unvolkstümlich zu

guter Letzt. Sie hat viererlei Blut ... ich habe mir sagen lassen, daß

sogar indianisches Blut in ihren Adern fließt. Das ist vielleicht gut.

Mit einer solchen Gefährtin läufst du vielleicht weniger Gefahr,

bequemen Sinnes zu werden.«

»Weder das Glück«, sagte Klaus Heinrich, »noch die Liebe des Volkes wird

je bewirken können, daß ich aufhöre, dein Bruder zu sein.«

Er ging, ihm stand noch ein schweres Stündlein bevor, ein Gespräch mit

Herrn Spoelmann unter vier Augen, seine persönliche Werbung um Immas

Hand. Da mußte er schlucken, was die Unterhändler geschluckt hatten,

denn Samuel Spoelmann zeigte auch nicht die geringste Freude und sagte

ihm knarrend viele erfrischende Wahrheiten. Aber dann war auch das

bestanden, und der Morgen kam, da die Verlobung im »Staatsanzeiger«

prangte. Da löste die lange Spannung sich in unendlichen Jubel; da

winkten gesetzte Männer einander mit den Schnupftüchern zu und tauschten

Umarmungen auf offenem Markt; da flogen an den Flaggenstangen die

Fahnentücher empor.

Aber am nämlichen Tag traf auf Schloß »Eremitage« die Botschaft ein, daß

Raoul Überbein sich entleibt habe.

Das war eine nichtswürdige, ja läppische Geschichte, die wiederzugeben

nicht lohnen würde, wenn nicht ihr Ende so gräßlich gewesen wäre.

Die Schuldfrage scheide hier aus. An des Doktors Grabe bildeten sich

zwei Parteien. Erschüttert durch seine Verzweiflungstat, behaupteten die

einen, man habe ihn in den Tod getrieben; die andern erklärten

achselzuckend, daß sein Benehmen unmöglich und hirnverbrannt, seine

Maßregelung durchaus geboten gewesen sei. Das stehe dahin. Auf jeden

Fall rechtfertigte eigentlich nichts einen tragischen Ausgang; ja, es

war für einen Mann von den Gaben Raoul Überbeins eine vollkommen

unwürdige Gelegenheit, zugrunde zu gehen ... Es folgt die Geschichte.

Zu Ostern vorigen Jahres war der Ordinarius der zweitobersten Klasse

unseres humanistischen Gymnasiums, ein herzkranker Mann, auf Grund

seines körperlichen Leidens zeitlich quiesziert worden, und trotz Doktor

Überbeins verhältnismäßiger Jugend, einzig in Ansehung seines

beruflichen Eifers und seiner unleugbar bemerkenswerten Erfolge im

mittleren Klassendienst, hatte man ihm das vorerst erledigte Ordinariat

übertragen. Ein guter Griff, wie sich gezeigt hatte; denn nie waren die

Leistungen der Klasse ihren diesjährigen gleichgekommen. Der beurlaubte

Professor, übrigens ein beliebter Kollege, war, wohl infolge seines

Leidens, das wiederum mit einer an sich sympathischen, in ihrem Übermaß

aber bedenklichen Neigung, nämlich derjenigen zum Biere, zusammenhing,

ein zwar launenhafter, aber auch fahrlässiger und mattsinniger Herr

gewesen, der fünf hatte gerade sein lassen und alljährlich ein recht

mangelhaft vorbereitetes Schülermaterial in die Selekta befördert hatte.

Ein neuer Geist war mit dem stellvertretenden Ordinarius in die Klasse

eingezogen -- und niemanden hatte das wundergenommen. Man kannte seinen

unheimlichen Berufseifer, seine einseitige und friedlose Strebsamkeit;

man sah voraus, daß er diese Gelegenheit, sich hervorzutun, nicht

ungenützt lassen würde, an die er ohne Zweifel ehrsüchtige Hoffnungen

knüpfte. Sowohl mit dem Faulenzen also, wie mit der Langeweile hatte es

in der Unterprima ein jähes Ende genommen. Doktor Überbeins Ansprüche

waren hochgespannt, seine Kunst, auch die Widerwilligsten dafür zu

begeistern, war unwiderstehlich gewesen. Die jungen Leute beteten ihn

an. Seine überlegene, väterliche und herzlich bramarbasierende Art hielt

sie in Atem, rüttelte sie auf, machte es ihnen zur Ehrensache, diesem

Lehrer durch dick und dünn zu folgen. Er fesselte sie an seine Person,

indem er sonntägliche Ausflüge mit ihnen unternahm, bei denen sie Tabak

rauchen durften, während er ihre Einbildungskraft durch burschenhaft

aufgeräumte Rodomontaden über die Größe und Strenge des offenen Lebens

bezauberte. Und am Montag fanden sie sich mit dem umgetriebenen

Kameraden von gestern zu froher und leidenschaftlicher Arbeit wieder

zusammen.

Drei Viertel des Schuljahres waren so verwichen, da war, vor

Weihnachten, die Ankündigung ergangen, daß der beurlaubte Professor,

recht leidlich genesen, nach den Freiwochen seine Tätigkeit wieder

aufnehmen, sein Amt als Ordinarius der Unterprima wieder antreten werde.

Und nun hatte es sich gezeigt, wie es um Doktor Überbein stand und was

es mit seiner grünen Gesichtsfarbe, seinem aufgeräumten und überlegenen

Wesen eigentlich auf sich hatte. Er hatte sich aufgelehnt, war

vorstellig geworden, hatte lauten und in der Form nicht unanfechtbaren

Einspruch dagegen erhoben, daß ihm, der in drei Vierteljahren mit der

Klasse verwachsen war, der Arbeit und Erholung mit ihr geteilt und sie

fast bis zum Ziele geführt hatte, nun für das letzte Quartal das

Ordinariat entzogen und dem Beamten, der drei Viertel des Jahres im

Ruhestande verbracht, wieder zuerteilt werden sollte. Das war

verständlich, begreiflich, war menschlich nachfühlbar. Ohne Zweifel

hatte er gehofft, dem Direktor, der das Ordinariat der Selekta

innehatte, eine Musterklasse zuzuführen, deren Fortgeschrittenheit und

vorzügliche Ausbildung seine Fähigkeit in helles Licht setzen, seine

Laufbahn beschleunigen würde, und die Vorstellung mußte ihn schmerzen,

einen anderen die Früchte seiner Hingebung ernten zu sehen. Aber wenn

sein Unmut entschuldbar gewesen wäre, so war seine Tollheit es nicht:

und leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders, daß er, als

der Direktor seinen Vorstellungen taub blieb, unbedingt toll wurde. Er

verlor den Kopf, er verlor alles Gleichgewicht, er setzte Himmel und

Hölle in Bewegung, damit dieser Bummler, dieses Bierherz, dieser

lieblose Schuster, wie er ohne Rücksicht den beurlaubten Professor

bezeichnete, ihm nicht seine Klasse wegnähme, und als er, worüber der

Einsame sich nicht hätte wundern dürfen, im Lehrerkollegium keine

Unterstützung gefunden hatte, da hatte der unselige Mann sich so weit

vergessen, daß er zum Aufwiegler der ihm anvertrauten Schüler geworden

war. Wen sie haben wollten als Klassenlehrer für das letzte Quartal,

hatte er sie vom Katheder herunter gefragt -- ihn oder jenen? Und

fanatisiert von seiner bebenden Erregung, hatten sie geschrien, sie

wollten ihn. Dann sollten sie gefälligst selbst ihre Sache in die Hand

nehmen, Farbe bekennen und geschlossen vorgehen, hatte er gesagt -- und

Gott wußte, was er sich in seiner Überreiztheit eigentlich dabei gedacht

hatte. Aber als nach den Ferien der zurückgekehrte Ordinarius das

Klassenzimmer betreten hatte, da hatten sie ihm Doktor Überbeins Namen

entgegengebrüllt, minutenlang -- und der Skandal war dagewesen.

Er wurde nicht unnötig aufgebauscht. Die Revoltanten blieben fast

straflos, da Doktor Überbein bei der sofort eingeleiteten Untersuchung

selbst seine Ansprache zu Protokoll gegeben hatte. Aber auch was ihn

selbst, den Doktor, betraf, so schien die Behörde durchaus geneigt, ein

Auge zuzudrücken. Sein Eifer, seine Fähigkeiten waren geschätzt, gewisse

gelehrte Arbeiten, die er von sich gegeben, Früchte seines nächtlichen

Fleißes, hatten seinen Namen bekannt gemacht, man hielt auf ihn an

höheren Stellen -- an Stellen, wohlgemerkt, mit denen er persönlich

nicht in Berührung kam und die er also nicht durch sein väterliches

Wesen hatte erbittern können --, auch seine Eigenschaft als Erzieher des

Prinzen Klaus Heinrich fiel ins Gewicht, und kurz, er wurde keineswegs,

wie man wohl hätte erwarten können, einfach entlassen. Der

großherzogliche Oberschulrat, vor den die Sache gekommen war, erteilte

ihm eine ernste Rüge, und Doktor Überbein, der gleich nach dem

skandalösen Vorfall seine Lehrtätigkeit eingestellt hatte, wurde

vorläufig im Ruhestande belassen. Aber Leute, die es wissen konnten,

versicherten später, daß nichts als des Oberlehrers Versetzung an ein

anderes Gymnasium vorgesehen gewesen sei, daß man höheren Ortes nichts

Besseres gewünscht habe, als Gras über die Sache wachsen zu lassen, und

daß man dem Doktor tatsächlich eine bedeutende Zukunft offengehalten

habe. Alles hätte gut werden können.

Aber wenn die Behörde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft,

die desto feindlicher gegen Doktor Überbein Stellung nahm. Der

»Lehrerverein« bildete unverzüglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem

beliebten Mitgliede, dem von den Schülern abgelehnten Ordinarius mit dem

Bierherzen, Genugtuung zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem

zurückgezogen in seinem möblierten Zimmer lebenden Überbein schriftlich

zugestellt wurde, lautete demgemäß. Indem er, lautete es, sich gesträubt

habe, dem Kollegen, den er vertreten, das Ordinariat der Unterprima

wieder einzuräumen, indem er ferner gegen denselben gewühlt und am Ende

sogar die Schüler zur Unbotmäßigkeit gegen ihn aufgereizt habe, habe

sich Überbein einer in dem Maße unkollegialen Handlungsweise schuldig

gemacht, daß dieselbe nicht nur im intern beruflichen, sondern auch im

allgemein bürgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet werden müsse. So

der Spruch. Die erwartete Folge war, daß Doktor Überbein, der freilich

dem »Lehrerverein« stets nur dem Namen nach angehört hatte, seinen

Austritt aus dieser Körperschaft erklärte -- und damit hätte es, wie

mancher dachte, wohl sein Bewenden haben können.

Aber sei es, daß der abgesonderte Mann nicht Kenntnis von dem Wohlwollen

hatte, das man höheren Ortes bei alldem für ihn hegte; daß er seine Lage

für aussichtsloser hielt, als sie war; daß er die Untätigkeit nicht

ertrug, den vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand;

daß die Redensart von der »Unehrenhaftigkeit« ihm das Blut vergiftet

hatte, oder daß sein Gemüt den Erschütterungen dieser Zeit überhaupt

nicht gewachsen gewesen war: fünf Wochen nach Neujahr fanden seine

Wirtsleute ihn auf dem dürftigen Teppich seines Zimmers, nicht grüner

als sonst, aber eine Kugel im Herzen.

So endete Raoul Überbein; hierüber strauchelte er; dies war der Anlaß

seines Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle

Erörterungen seines kläglichen Zusammenbruches beherrschte. Der

friedlose und ungemütliche Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch

unter Menschen gewesen war, der hochmütig alle Vertraulichkeit

verschmäht, sein Leben kalt und ausschließlich auf die Leistung gestellt

und gewähnt hatte, daß er darum alle Welt väterlich behandeln dürfe --

da lag er denn nun; das erstbeste Ungemach, die erste Mißwende auf dem

Felde der Leistung hatte ihn elend zu Falle gebracht. Wenige bedauerten,

niemand beweinte ihn in der Bürgerschaft -- einen einzigen ausgenommen,

den Chefarzt des Dorotheen-Spitals, Überbeins geistesverwandten Freund

-- und vielleicht eine weiße Frau, mit der er zuweilen Kasino gespielt

hatte. Klaus Heinrich aber bewahrte seinem unglücklichen Lehrer immer

ein ehrendes, ja inniges Andenken.

Königliche Hoheit: Roman · 第 17 / 18 题