Ihre Augen waren voller Schrecken, als sie es wieder hob. --

»Sie duftet nicht!« sagte sie, und ein Ausdruck von Ekel erschien um

ihren Mund. »Warten Sie ... Doch, sie riecht nach Moder!« sagte sie.

»Was bringen Sie mir, Prinz?« Und ihre übergroßen schwarzen Augen in dem

perlblassen Gesichtchen schienen vor fragendem Entsetzen zu glühen.

»Ja,« sagte er, »verzeihen Sie, das ist unsere Art von Rosen. Sie ist

von dem Stock in einem der Höfe des Alten Schlosses. Haben Sie niemals

davon gehört? Es hat seine Bewandtnis damit. Das Volk sagt, daß sie

eines Tages aufs lieblichste zu duften beginnen werden.«

Sie schien ihm nicht zuzuhören. »Es ist, als hätte sie keine Seele«,

sagte sie und betrachtete die Rose. »Aber sie ist vollkommen schön, das

muß man ihr lassen ... Nun, das ist ein fragwürdiges Naturspiel, Prinz.

Aber haben Sie jedenfalls Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und wenn sie aus

dem Schloß Ihrer Väter stammt, so muß man ihr Reverenz erweisen.«

Sie stellte die Rose in ein Wasserglas neben ihr Gedeck. Ein

Schwanverbrämter brachte dem Prinzen Tasse und Teller. Und sie

plauderten beim Tee über den verwunschenen Rosenstock und dann über

gewohnte Gegenstände, über das Hoftheater, über ihre Pferde, über

allerlei nichtige Streitfragen, in welchen Imma Spoelmann ihm

widersprach, geschliffene Redensarten in Anführungsstrichen daherführte,

indem sie sich über sie lustig machte, ihn mattsetzte in erlesener

Schriftrede, die sie mit ihrer gebrochenen Stimme hervorsprudelte,

während sie launisch ihr Köpfchen dabei drehte. Später wurde ein

gewichtiger, in weißes Papier verpackter Ballen gebracht, eine Sendung

des Buchbinders für Fräulein Spoelmann, enthaltend eine Anzahl von

Werken, die sie in schöne und dauerhafte Gewänder hatte kleiden lassen.

Sie öffnete das Paket, und alle drei sahen nach, ob der Handwerker gute

Arbeit getan habe.

Es waren fast lauter gelehrte Bücher, entweder solche, die inwendig so

zauberhaft aussahen wie Imma Spoelmanns Kollegheft, oder solche, die

sich mit wissenschaftlicher Seelenkunde, scharfsinnigen Zergliederungen

der inneren Vorgänge befaßten; und sie waren aufs kostbarste

ausgestattet, mit Pergament und gepreßtem Leder, mit Golddruck,

ausgesuchten Papieren und seidenen Bandzeichen. Imma Spoelmann zeigte

sich leidlich zufrieden mit der Lieferung, aber Klaus Heinrich, der

niemals so reiche Bände gesehen hatte, war des Lobes voll.

»Nun werden sie also aufgestellt?« fragte er ... »Zu den anderen oben?

Sie haben wohl viele Bücher? Und sind alle so schön wie diese? Lassen

Sie mich zusehen, wie Sie sie einreihen! Ich kann nicht fahren, das

Wetter steht immer noch da und droht meinen weißen Hosen. Ich weiß

überhaupt nicht, wie Sie wohnen auf Delphinenort, ich war nie in Ihrem

Studio. Wollen Sie mir Ihre Bücher zeigen?«

»Das hängt von der Gräfin ab«, sagte sie und war damit beschäftigt, die

neuen Bände aufeinanderzustapeln. »Gräfin, der Prinz wünscht meine

Bücher zu sehen. Darf ich Sie bitten, sich hierzu zu äußern?«

Gräfin Löwenjoul saß in Abwesenheit. Den kleinen Kopf zur Schulter

geneigt, betrachtete sie Klaus Heinrich mit einem scharf gekniffenen, ja

boshaften Blick und ließ dann ihre Augen zu Imma Spoelmann

hinübergleiten, während ihre Miene sich veränderte und ein weicher,

mitleidiger und besorgter Ausdruck davon Besitz ergriff. Lächelnd kam

sie zu sich und nestelte eine kleine Uhr aus ihrem braunen,

enganschließenden Kleide hervor.

»Um sieben Uhr«, sagte sie frisch, »erwartet Mister Spoelmann Sie, Imma,

damit Sie ihm vorlesen. Sie haben eine halbe Stunde, um den Wunsch

Seiner Königlichen Hoheit zu erfüllen.«

»Nun, so kommen Sie, Prinz, und besichtigen Sie mein Studio!« sagte

Imma. »Auch mögen Sie sich immerhin an der Überführung der Bücher

beteiligen, sofern Ihre Hoheit es zuläßt. Ich nehme die Hälfte ...«

Aber Klaus Heinrich nahm alle Bücher. Er umfaßte sie mit beiden Armen,

obgleich der linke ihm wenig nütze war, und der Stapel reichte ihm über

das Kinn. So, rückwärts gebeugt und behutsam, um nichts zu verlieren,

folgte er der führenden Imma hinüber in den nach der Auffahrtsallee

gelegenen Flügel, in dessen Hauptgeschoß die Wohnungen Fräulein

Spoelmanns und der Gräfin Löwenjoul lagen.

In dem großen und wohnlichen Zimmer, das sie durch eine schwere Tür

betraten, ließ er seine Last auf die sechseckige Platte eines

Ebenholztisches nieder, der vor einem massigen, mit golddurchwirktem

Stoff überkleideten Sofa stand. Imma Spoelmanns Studio war nicht in dem

geschichtlichen Stile des Schlosses, sondern in neuerem Geschmack und

übrigens ohne alle Zierlichkeit, vielmehr mit großzügigem, herrenhaftem

und zweckmäßigem Luxus hergerichtet. Mit edlem Holze getäfelt bis hoch

hinauf und geschmückt mit alten Tonwaren, die rings unter der Decke auf

den Gesimsen schimmerten, war es ausgestattet mit morgenländischen

Teppichen, einem Kamin mit schwarzmarmornem Mantel, auf dessen Platte

schöngeformte Vasen und eine goldene Stutzuhr standen, breiten,

bordierten Sammetstühlen und Vorhängen aus dem gewirkten Stoff des

Sofabezuges. Der geräumige Schreibtisch stand vor dem Bogenfenster,

welches die Aussicht auf das große Brunnenbassin vorm Schlosse bot. Eine

Wand war mit Büchern bedeckt, aber die Hauptbibliothek befand sich in

dem anstoßenden, kleineren und ebenfalls mit Teppichen belegten Raum, in

den eine offene Schiebetür Einblick gewährte, und dessen Wände durchaus

und bis zur Decke hinauf mit Bücherborden umstellt waren.

»Nun, Prinz, dies ist meine Eremitage«, sagte Imma Spoelmann. »Sie

gefällt Ihnen, wie ich hoffe?«

»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich gar nicht um,

sondern blickte unverwandt auf sie, die bei dem sechseckigen Tisch an

dem Seitenpolster des Sofas lehnte. Sie trug eines ihrer schönen

Hauskleider, ein sommerliches heute, aus einem blütenweißen, gefalteten

Stoff, mit offenen Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die

Haut ihrer Arme und ihres Halses erschien bräunlich wie angerauchter

Meerschaum gegen die Weiße des Kleides, ihre übergroßen und glänzend

ernsten Augen in dem seltsamen Kindergesichtchen redeten eine fließende

und unaufhaltsame Sprache, und eine glatte Strähne ihres blauschwarzen

Haares fiel seitwärts in ihre Stirn. Sie hatte Klaus Heinrichs Rose in

der Hand.

»Doch, sie ist herrlich«, sagte er, der vor ihr stand, und wußte nicht,

was er meinte. Seine blauen Augen, von den volkstümlichen Wangenknochen

bedrängt, waren trüb wie von Schmerz. »Sie haben so viele Bücher,« fügte

er hinzu, »wie meine Schwester Ditlinde Blumen hat.«

»Hat die Fürstin so viele Blumen?«

»Ja, aber neuerdings sind sie ihr weniger wert.«

»Nun wollen wir einräumen«, sagte sie und griff nach den Büchern.

»Nein, warten Sie«, sagte er mit schwerer Brust. »Ich habe Ihnen so viel

zu sagen, und unsere Zeit ist so kurz. Sie müssen wissen, daß heute mein

Geburtstag ist -- darum kam ich und brachte Ihnen die Rose.«

»Oh,« sagte sie, »das ist bemerkenswert! Es ist Ihr Geburtstag heute?

Nun, ich bin sicher, daß Sie alle Glückwünsche mit dem Ihnen eigenen

Anstand entgegengenommen haben. Nehmen Sie auch den meinen! Es war

hübsch, daß Sie mir heute die Rose brachten, obgleich sie ihr

Bedenkliches hat ...« Und sie versuchte noch einmal mit furchtsamem

Ausdruck den Moderduft. »Wie alt werden Sie heute, Prinz?«

»Siebenundzwanzig«, antwortete er. »Vor siebenundzwanzig Jahren wurde

ich auf der Grimmburg geboren. Ich habe es immer recht streng und einsam

seitdem gehabt.«

Sie schwieg. Und plötzlich sah er, wie ihr Blick, unter leicht

verfinsterten Brauen, an seiner Seite suchte -- ja, obwohl er, seiner

Übung nach, ein wenig schräg vor ihr stand und ihr die rechte Schulter

zuwandte, konnte er nicht verhindern, daß ihre Augen sich mit stillem

Forschen auf seinen linken Arm, auf die Hand hefteten, die er weit

rückwärts in die Hüfte gestemmt hatte.

»Haben Sie das da seit Ihrer Geburt?« fragte sie leise.

Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein Laut der Erlösung klang,

sank er vor ihr nieder, indem er die seltsame Gestalt mit beiden Armen

umschlang. Da lag er in seinen weißen Hosen und seinem blau und roten

Rock mit den Majorsraupen auf den schmalen Schultern.

»Kleine Schwester ...«, sagte er. »Kleine Schwester ...«

Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: »Haltung, Prinz. Ich bin der

Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern daß man

unter allen Umständen Haltung bewahren muß.«

Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr emporgewandt,

sagte er nichts als: »Imma ... kleine Imma ...«

Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die

Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und

Wachsinn zu verbergen gewöhnt war -- nahm sie und küßte sie.

Königliche Hoheit: Roman · 第 14 / 18 题