Eine Pause trat ein. Die Gräfin Löwenjoul hielt ihren kleinen,

glattgescheitelten Kopf zur Seite geneigt und lächelte abwesend und

madonnenhaft. Fräulein Spoelmann betrachtete Klaus Heinrich unverwandt

aus großen, schwarzglänzenden Augen, als prüfe sie die Wirkung, die

ihres Vaters wunderliche Schroffheit auf den Gast hervorbringe -- ja,

Klaus Heinrich hatte den Eindruck, daß sie mit Ruhe und Verständnis

seines Aufbruchs und Abschiedes auf Nimmerwiederkehren gewärtig sei. Er

begegnete ihrem Blick und blieb. Herr Spoelmann seinerseits zog eine

goldene Dose hervor und entnahm ihr eine breite Zigarette, die, nachdem

er sie angezündet, einen köstlichen Duft verbreitete.

»Mögen rauchen?« fragte er dann ... Und da Klaus Heinrich fand, daß es

nicht mehr darauf ankomme, so bediente auch er sich, nach Herrn

Spoelmann, aus der dargebotenen Dose.

Es war dann, bevor man zur Besichtigung der Gläser schritt, noch von

verschiedenen Gegenständen die Rede -- hauptsächlich zwischen Klaus

Heinrich und Fräulein Spoelmann, denn die Gräfin war mit ihren Gedanken

nicht gegenwärtig, und Herr Spoelmann warf nur dann und wann ein

knarrendes Wort dazwischen --: vom hiesigen Hoftheater, von dem großen

Schiff, auf welchem Spoelmanns die Reise nach Europa zurückgelegt. Nein,

nicht ihre Jacht hatten sie dazu benutzt. Die hatte hauptsächlich dazu

gedient, Herrn Spoelmann bei Sommershitze, wenn Imma und die Gräfin in

Newport waren und ihn die Geschäfte an die Stadt fesselten, am Abend

aufs Meer hinauszufahren, woselbst er auf Deck die Nächte verbracht

hatte. Jetzt lag sie wieder in Venedig. Aber über den Ozean hatte ein

Riesendampfer sie gebracht, ein schwimmendes Hotel mit Konzertsälen und

Sportplätzen. Fünf Stockwerke, sagte Fräulein Spoelmann, habe er gehabt.

»Von unten an gerechnet?« fragte Klaus Heinrich. Und sie antwortete

unverzüglich: »Allerdings. Von oben hatte er sechs.« Er ließ sich

verwirren, verstand gar nichts mehr und merkte lange nicht, daß er

verspottet wurde. Dann suchte er, sich zu erklären, seine einfältige

Frage zu rechtfertigen, darzutun, daß er gemeint habe, ob sie alles

mitrechne, auch die Räume unter Wasser, sozusagen die Kellerräume --

kurz, zu beweisen, daß es ihm keineswegs an Scharfsinn fehle, und

stimmte schließlich in die Heiterkeit ein, die das Ergebnis dieses

Unternehmens war. Was das Hofschauspiel betraf, so fand Fräulein

Spoelmann, indem sie die Lippen rümpfte und ihr Köpfchen hin und her

wandte, daß der Vertreterin des naiven Faches eine Kur in Marienbad,

verbunden mit einem Kursus im Tanz- und Anstandsunterricht, nicht warm

genug empfohlen werden könne, während dem Heldendarsteller zu bedeuten

sei, daß man sich eines Organes von dem Wohllaut des seinen selbst im

Privatleben nur mit äußerster Zurückhaltung bedienen sollte ...

unbeschadet ihrer, des Fräuleins Spoelmann hoher Achtung vor dem in Rede

stehenden Kunstinstitut.

Klaus Heinrich lachte und staunte, ein kleines Weh im Herzen, über so

viel Behendigkeit. Wie gut sie sprach, wie scharf und blinkend sie die

Worte fügte! Man plauderte auch von Stücken, von Opern und Schauspielen,

die diesen Winter in Szene gegangen, und Imma Spoelmann widersprach dem

Urteil Klaus Heinrichs, widersprach ihm auf jeden Fall, gerade als

schiene es ihr schimpflich, nicht zu widersprechen, setzte ihn matt im

Handumdrehen mit der lustigen Übermacht ihrer Zunge, und ihre großen

schwarzen Augen in dem perlblassen Gesichtchen schimmerten vor Freude am

guten Wort, während Herr Spoelmann, schräg zurückgelehnt, die breite

Zigarette zwischen den rasierten Lippen und blinzelnd vor ihrem Rauch,

seine Tochter mit zärtlichem Wohlgefallen betrachtete.

Mehr als einmal empfand Klaus Heinrich in seinem Gesicht die kleine

schmerzliche Verzerrung, die er damals in dem der guten Schwester-Oberin

gesehen, und dennoch glaubte er deutlich zu erkennen, daß es nicht Imma

Spoelmanns Meinung war, zu verletzen, daß sie den andern nicht als

gedemütigt betrachtete, wenn er ihr nicht Widerpart zu halten vermochte,

daß sie vielmehr seine armen Antworten gelten ließ, als sei sie der

Ansicht, daß er die Wehr des Witzes nicht nötig habe -- nur sie. Aber

wie das und warum? Er mußte an Überbein denken bei manchen von ihren

Scharfzüngigkeiten, an den wortgewandt rodomontierenden Doktor Überbein,

der ein Malheur von Geburt war und unter Bedingungen aufgewachsen, die

er die guten nannte. Eine elende Jugend, Einsamkeit und

Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, man setzte

kein Fett an dabei, man kannte kein Behagen und sah sich scharf und klar

auf seine Fähigkeiten angewiesen, was sicher ein Vorteil vor denen war,

die »es nicht nötig hatten«. Aber Imma Spoelmann saß weich in ihrem

rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch

verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit, während ihre Rede scharf

ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum

Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich bemühte sich innig, das

zu ergründen, während man über Ozeandampfer und Theaterstücke sprach.

Aufrecht, in unbedingt beherrschter Haltung und ohne sich bequeme

Abspannung zu erlauben, saß er am Tisch, indem er seine linke Hand

verbarg, und manchmal traf ihn ein schief gehässiger Blick aus den Augen

der Gräfin Löwenjoul.

Ein Diener erschien und überreichte Herrn Spoelmann auf silberner Platte

ein Telegramm. Herr Spoelmann riß es ärgerlich auf, durchlas es

blinzelnd, den Rest einer Zigarette im Mundwinkel, und warf es auf die

Platte zurück mit der kurzen Anordnung: »Mister Phlebs«. Hierauf zündete

er sich verdrießlich eine neue Zigarette an. Fräulein Spoelmann sagte:

»Das ist, trotz gemessener ärztlicher Vorschrift, die fünfte Zigarette,

die du heute nachmittag rauchst. Ich verhehle dir nicht, daß die

zügellose Leidenschaft, mit der du dich dem Laster überläßt, deinen

grauen Haaren nicht wohlansteht.«

Man sah, daß Herr Spoelmann zu lachen versuchte, und dann sah man, daß

es ihm nicht gelang, daß er den starken und scharfen Klang der Worte

nicht ertrug und das Blut ihm zu Kopfe fuhr.

»Schweig!« knarrte er bitterböse. »Du denkst immer, daß im Scherze alles

zu sagen erlaubt ist. Aber ich verbitte mir deine Keckheiten, du

Schwätzerin!«

Klaus Heinrich blickte erschüttert auf Imma, die groß und erschreckt in

ihres Vaters jähzorniges Antlitz sah und dann traurig das dunkle

Köpfchen senkte. Gewiß, sie hatte sich ergötzt an den düster großen und

fremden Worten, die sie spöttisch handhabte, hatte Heiterkeit zu erregen

erwartet und war nun zufällig so übel angelaufen. »Väterchen, aber

kleines Väterchen!« sagte sie bittend und ging hin, Herrn Spoelmann die

hitzige Wange zu streicheln. »Ach was,« murrte er noch, »du bist auch

nicht größer.« Aber dann ließ er sich schmeicheln, bot ihr die Glatze

zum Kusse dar und gab sich zufrieden. Klaus Heinrich erinnerte an die

Gläser, als der Friede hergestellt war, und so verließ man den Teetisch

und begab sich hinüber in den anstoßenden Sammlungssaal, mit Ausnahme

der Gräfin Löwenjoul, die sich mit tiefer Verbeugung zurückzog. Herr

Spoelmann ließ nebenan die elektrischen Kerzen der Lüster erglühen.

Schöne Schränke im Geschmacke des ganzen Schlosses, bauchig und mit

gewölbten Glastüren, umstanden abwechselnd mit seidenen Prunkstühlen das

ganze Gemach, und sie enthielten Herrn Spoelmanns Kunstgläsersammlung.

Ja, das war offenbar die lückenloseste Sammlung beider Welten, und das

Glas, das Klaus Heinrich erworben, war freilich nur ein bescheidenes

Beispielchen daraus. Sie begann in einem Winkel des Saales mit den

frühesten Luxuserzeugnissen des Gewerbezweiges, mit heidnisch bemalten

Funden aus den Kulturen der Urzeit, setzte sich fort über die

Kunstprodukte des Morgen- und Abendlandes und aller Zeitabschnitte, wies

umkränzte, verschnörkelte und reichgestaltete Vasen und Kelche aus den

Bläsereien Venedigs und kostbare Stücke aus böhmischen Hütten auf,

deutsche Humpen, bilderreiche Zunft- und Kurfürstengläser, untermischt

mit fratzenhaften Tiergestaltungen und Scherzgebilden, große

Kristallpokale, die an das Glück von Edenhall im Liede erinnerten, und

in deren Schliffen das Licht sich prunkend brach, Rubingläser, die

glühten gleich dem Heiligen Gral, und edelste Beispiele endlich für den

neuesten Aufschwung der Kunst, überzarte Glasblüten auf unendlich

gebrechlichen Stielen und Ziergläser im modischen Formengeschmack, die

mittels des Dampfes verflüchtigter Edelmetalle mit schillerndem

Farbenschmelz überzogen waren. Zu dritt und gefolgt von Perceval, der

ebenfalls zuschaute, ging man langsam auf Teppichen um den Saal, und

Herr Spoelmann erklärte mit knarrender Stimme die Herkunft einzelner

Stücke, indem er sie mit seiner mageren, von der ungestärkten Manschette

halbbedeckten Hand behutsam von den Sammetborden nahm und gegen das

Glühlicht hielt.

Klaus Heinrich hatte Übung im Besichtigen, in Erkundigungen und höchst

anerkennenden Äußerungen, und darum war er imstande, zu gleicher Zeit

über Imma Spoelmanns Redeweise nachzudenken, ihre seltsame Redeweise,

die ihn schmerzlich beschäftigte. Was sie nicht alles sagte mit ihren

vorgeschobenen Lippen! Was für Worte sie leichthin im Munde führte!

»Leidenschaft«, »Laster«, wie kam sie dazu, sie zu beherrschen und sich

ihrer so keck zu bedienen? Hatte die Gräfin Löwenjoul, die auf verwirrte

Art ebenfalls von solchen Dingen redete und offenbar schreckliche

Einblicke getan hatte, sie nicht als vollkommen unwissend bezeichnet?

Das war zweifellos zutreffend, denn war sie nicht ein Sonderfall von

Geburt wie er, aufgewachsen in Reinheit und Feinheit, ausgeschlossen von

dem Treiben der Leute und unteilhaft der wilden Dinge, die im wirklichen

Leben jenen düster großen Wörtern entsprachen? Aber der Wörter hatte sie

sich bemächtigt und führte sie in geschliffener Rede daher, indem sie

sich darüber lustig machte. Ja, so war es: dies scharfe und süße

Geschöpf in seinem rotgoldenen Kleide, es lebte in Redensarten, es

kannte vom Leben nicht mehr als die Worte, es spielte mit den ernstesten

und furchtbarsten wie mit bunten Steinen und begriff nicht, wenn es

Ärgernis damit erregte! -- Klaus Heinrichs Herz war voller Mitgefühl,

während er dies bedachte.

Es war fast sieben Uhr, als er bat, nach seinem Wagen zu schicken --

etwas beunruhigt über sein langes Verweilen in Hinsicht auf den Hof und

das Publikum. Sein Aufbruch rief einen neuen furchtbaren Anfall

Percevals, des Colliehundes, hervor. Jede Veränderung oder Unterbrechung

eines Zustandes schien das edle Tier um sein seelisches Gleichgewicht zu

bringen. Bebend, mit rasendem Gebell und jeder Beschwichtigung

unzugänglich, stürmte er durch die Gemächer, die Vorhalle und die Treppe

auf und nieder, so daß die Abschiedsworte im Lärm erstarben. Der Butler

erwies dem Prinzen die Honneurs bis hinunter in den Flur mit den

Götterbildern. Herr Spoelmann begleitete ihn keineswegs. Fräulein

Spoelmann machte den Satz verständlich: »Ich halte mich versichert, daß

der Aufenthalt im Schoße unserer Familie Sie mit Entzücken erfüllt hat,

Prinz.« Und es war ungewiß, ob ihr Spott der Redensart »im Schoße

unserer Familie« oder der Sache selber galt. Jedenfalls wußte Klaus

Heinrich ihr fast nichts zu erwidern. In einen Winkel seines Coupés

gelehnt, ein wenig wund und zerschlagen, aber auch erfrischt von der

ungewohnten Behandlung, die ihm widerfahren, fuhr er heim, durch den

dunklen Stadtgarten nach Eremitage, kehrte zurück in seine enthaltsamen

Empirestuben, woselbst er mit den Herren von Schulenburg-Tressen und

Braunbart-Schellendorf zu Abend speiste. Am folgenden Tage las er den

Vermerk des »Eilboten«. Er lautete einfach dahin, daß gestern Seine

Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort den Tee

genommen und die berühmte Kunstgläsersammlung des Herrn Spoelmann in

Augenschein genommen habe.

Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu führen und

seinen hohen Beruf zu üben. Er sprach seine gnädigen Worte, vollführte

seine Handbewegungen, repräsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim

Konseilpräsidenten, erteilte Freiaudienzen, frühstückte in der

Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und

schenkte dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche

Anwesenheit. Lächelnd und mit geschlossenen Absätzen waltete er der Form

und tat in unbedingt gefaßter Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl

er zu dieser Zeit über so manches nachzudenken hatte, über den hitzigen

Herrn Spoelmann, die verwirrte Gräfin Löwenjoul, den tollen Percy und

namentlich auch über Imma, die Tochter des Hauses. Manche Frage, die

sein erster Besuch in »Delphinenort« ihm aufgegeben, war er jetzt noch

nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt die Lösung erst im

weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den er unter

angespannter und schließlich fieberhafter Teilnahme der Öffentlichkeit

aufrechterhielt, und der seine nächste Fortsetzung damit fand, daß der

Prinz eines Tages in aller Morgenfrühe zum Erstaunen der Herrschaft, der

Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaßen willenlos und wie vom

Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf »Delphinenort« erschien, um

das Fräulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien störte,

zu einem Spazierritt abzuholen.

Die Macht des Winters war früh gebrochen in diesem auf immer

denkwürdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon Mitte

Februar mit Vogelsang, Sonnengold und süßen Lüften ein Vorfrühling ein,

und als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen hoffnungsvollen

Tagen auf Schloß Eremitage in seinem alten und geräumigen Mahagonibett

erwachte, von dessen einem Pfosten die kugelförmige Bekrönung

abgebrochen und verlorengegangen war, fühlte er sich wie von starker

Hand berührt und unwiderstehlich zu frischen Taten aufgefordert.

Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzüge auf

Eremitage) und erteilte Weisung, daß binnen einer Stunde Florian

gesattelt sein möge. Ob auch für den Lakaien ein Pferd bereitgemacht

werden solle? Nein, nicht nötig; Klaus Heinrich erklärte, allein reiten

zu wollen. Dann gab er sich zur morgendlichen Herstellung in Neumanns

gewissenhafte Hände, frühstückte drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld

und stieg am Fuße der kleinen Terrasse zu Pferde. Die gespornten

Reitstiefel in den Steigbügeln, in der braun behandschuhten Rechten die

gelbledernen Zügel und die Linke unter dem offenen Mantel in die Hüfte

gestemmt, ritt er im Schritt durch den zarten Morgen, indem er über sich

im noch nackten Gezweig die Vögel suchte, deren Zwitschern er hörte. Er

ritt durch den öffentlichen Teil seines Parks, durch den Stadtgarten und

den Grund von »Delphinenort«. Halb zehn Uhr kam er an. Die Überraschung

war groß.

Am Hauptportal übergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der

Butler, der in Hausstandsgeschäften quer durch die Halle mit dem

Mosaikfußboden kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich

gewahrte. Auf die Frage, die der Prinz mit heller und gleichsam

übermütiger Stimme nach den Damen tat, antwortete er überhaupt nicht,

sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu, blickte stumm von Klaus

Heinrich hinauf zu ihrer Höhe; denn dort stand Herr Spoelmann.

Wie es schien, so hatte er kürzlich sein Frühstück beendet und befand

sich in behaglicher Laune. Er hielt die Hände in die Hosentaschen

versenkt, wobei er den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste

zurückraffte, und der bläuliche Rauch der Zigarette zwischen seinen

Lippen machte ihn blinzeln. »Na, junger Prinz?« sagte er und schaute

hinunter ...

Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Läufer die Stufen hinan.

Ihm war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das

Ungeheuerliche der Lage zu bewältigen sei.

»Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann,« sagte er -- »zu dieser

Stunde ...« Er war außer Atem und erschrak sehr darüber: so wenig war er

dieses Zustandes gewohnt.

Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebärde, daß er

sich zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklärung begierig sei.

»Es handelt sich um eine Verabredung ...« sagte Klaus Heinrich. Er stand

zwei Stufen unter dem Milliardär und sprach zu ihm hinauf. »Eine

Verabredung zum Spazierritt zwischen Fräulein Imma und mir ... Ich habe

versprochen, den Damen die Fasanerie oder den Hofjäger zu zeigen ...

Fräulein Imma kennt fast nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt

hat. Am ersten schönen Tage war vereinbart ... Nun ist es so schön heute

... Es ist natürlich Ihre Zustimmung erforderlich ...«

Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als wollte

er sagen: »Zustimmung -- wieso?«

»Meine Tochter ist erwachsen«, sagte er. »Ich pflege ihr nicht

dreinzureden. Reitet sie, so reitet sie. Aber ich glaube, sie hat keine

Zeit. Müssen sich selbst erkundigen. Da drinnen sitzt sie.« Und Herr

Spoelmann wies, indem er beiseitetrat, mit dem Kinn nach der Teppichtür,

durch die Klaus Heinrich schon einmal geschritten war.

»Danke!« sagte Klaus Heinrich. »Ja, dann gehe ich selbst.« Und er

erstieg vollends die Treppe, schlug mit entschlossener Bewegung den

gewirkten Vorhang auseinander und stieg die Stufen hinab in den

durchsonnten, von Pflanzenduft erfüllten Wintergarten.

Vor dem rieselnden Brunnen und dem Wasserbecken mit den künstlich

gefiederten Enten saß Imma Spoelmann, indem sie dem Eintretenden fast

völlig den Rücken zuwandte, über ein Tischchen gebeugt. Ihr Haar war

aufgelöst. Blauschwarz und glänzend floß es zu beiden Seiten von ihrem

Scheitel hinab, verhüllte ihren Oberkörper und ließ nichts erkennen, als

einen Schatten von dem stumpfen und kindlichen Viertelsprofil ihres

Gesichtchens, das bleich wie Elfenbein gegen die Finsternis des Haares

erschien. So eingehüllt gab sie sich ihren Studien hin, bearbeitete die

Aufzeichnungen eines neben ihr liegenden Kollegheftes, indem sie die

Lippen auf den schmalen Rücken ihrer Linken gesenkt hielt und mit

durchgedrücktem Zeigefinger den Füllfederhalter führte.

Auch die Gräfin war anwesend, ebenfalls mit Schreiben beschäftigt. Sie

saß in einiger Entfernung unter der Palmengruppe, wo Klaus Heinrich

zuerst mit ihr geplaudert, und schrieb aufrecht, mit zur Seite geneigtem

Kopfe, auf Briefbogen, von denen ein Häuflein, dicht bekritzelt, neben

ihr lag. Das Klirren von Klaus Heinrichs Sporen ließ sie aufsehen. Sie

blickte ihn zwei Sekunden lang, den langen, spindelförmigen Federhalter

in der Hand, mit gekniffenen Augen an; dann erhob sie sich zur

Verbeugung. »Imma«, sagte sie. »Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus

Heinrich ist da.«

Fräulein Spoelmann wandte sich rasch auf ihrem Korbsessel, schüttelte

ihr Haar zurück und sah den Eindringling mit großen, erschrockenen Augen

an, ohne zu sprechen, bis Klaus Heinrich mit militärischem Gruß den

Damen einen guten Morgen geboten hatte. Dann sagte sie mit ihrer

gebrochenen Stimme: »Auch Ihnen guten Morgen, Prinz. Sie kommen aber zu

spät zum ersten Frühstück. Wir sind längst fertig.«

Klaus Heinrich lachte.

»Nun, es ist gut,« sagte er, »daß beide Teile gefrühstückt haben. Denn

so können wir ja ungesäumt reiten.«

»Reiten?«

»Ja, unserer Verabredung gemäß.«

»Unserer Verabredung?«

»Nein, Sie dürfen das nicht vergessen haben!« sagte er bittend. »Habe

ich nicht versprochen, Ihnen die Umgegend zu zeigen? Wollten wir nicht

zusammen reiten bei schönem Wetter? Nun, der Tag ist herrlich. Sehen Sie

hinaus ...«

»Der Tag ist nicht übel,« sagte sie, »aber Sie finde ich stürmisch,

Prinz. Ich kann mich erinnern, daß etwas von Reiten in Aussicht genommen

wurde -- aber doch nicht in so nahe? Wie wäre es denn wenigstens mit

einer kleinen Benachrichtigung, einer Anfrage gewesen, wenn Euere Hoheit

das Wort genehmigen? Sie werden mir einräumen, daß ich so nicht wohl in

die Umgegend reiten kann.«

Und sie stand auf, um ihr Morgenkleid zu zeigen, das aus einem

taillenlosen Fluß von schillernder Seide und einem offenen grünsamtenen

Jäckchen bestand.

»Nein,« sagte er, »leider, das können Sie leider nicht. Aber ich warte

hier, während die Damen sich umkleiden. Es ist ja früh ...«

»Ausnehmend früh. Aber zweitens ging ich eben ein wenig meiner harmlosen

Beschäftigung nach, wie Sie sahen. Ich habe um elf Uhr Kolleg.«

»Nein,« rief er, »heute dürfen Sie keine Algebra treiben, Fräulein Imma,

oder im luftleeren Raume spielen, wie Sie es nennen! Sehen Sie doch die

Sonne!... Darf ich ...?« Und er trat zum Tischchen und nahm das

Kollegheft zur Hand.

Was er sah, war sinnverwirrend. In einer krausen, kindlich dick

aufgetragenen Schrift, die Imma Spoelmanns besondere Federhaltung

erkennen ließ, bedeckte ein phantastischer Hokuspokus, ein Hexensabbat

verschränkter Runen die Seiten. Griechische Schriftzeichen waren mit

lateinischen und mit Ziffern in verschiedener Höhe verkoppelt, mit

Kreuzen und Strichen durchsetzt, ober- und unterhalb wagrechter Linien

bruchartig aufgereiht, durch andere Linien zeltartig überdacht, durch

Doppelstrichelchen gleichgewertet, durch runde Klammern zu großen

Formelmassen vereinigt. Einzelne Buchstaben, wie Schildwachen

vorgeschoben, waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen ausgesetzt.

Kabbalistische Male, vollständig unverständlich dem Laiensinn, umfaßten

mit ihren Armen Buchstaben und Zahlen, während Zahlenbrüche ihnen

voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Häupten und Füßen

schwebten. Sonderbare Silben, Abkürzungen geheimnisvoller Worte, waren

überall eingestreut, und zwischen den nekromantischen Kolonnen standen

geschriebene Sätze und Bemerkungen in täglicher Sprache, deren Sinn

gleichwohl so hoch über allen menschlichen Dingen war, daß man sie lesen

konnte, ohne mehr davon zu verstehen als von einem Zaubergemurmel.

Klaus Heinrich sah auf zu der kleinen Gestalt, die in schillerndem

Kleide, behangen von den schwarzen Gardinen ihres Haares, neben ihm

stand und in deren fremdartigem Köpfchen dies alles Sinn und hohes,

spielendes Leben hatte. Er sagte: »Und über diesen gottlosen Künsten

wollen Sie den schönen Vormittag versäumen?«

Sie blickte ihn eine Weile befremdet, mit großen, redenden Augen an.

Dann erwiderte sie mit vorgeschobenen Lippen: »Es scheint, daß Euere

Hoheit sich schadlos halten will für den Mangel an Verständnis, der hier

neulich in Hinsicht auf Ihren eigenen Beruf zum Ausdruck kam.«

»Nein,« sagte er, »nein, nicht so! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich

Ihrem Studium die höchste Ehrfurcht entgegenbringe. Es ängstigt mich,

das gebe ich zu, ich habe niemals etwas davon begriffen. Und auch das

gebe ich zu, daß ich es heute ein wenig verabscheue, weil es uns soll

hindern dürfen, zu reiten ...«

»Oh, ich bin es nicht allein, die Sie aus ihrer Tätigkeit reißen, Prinz!

Da ist drittens die Gräfin. Sie schrieb. Sie zeichnet ihre

Lebenserinnerungen auf, nicht für die Welt, aber für den engeren

Gebrauch, und ich will mich verbürgen, daß ein Werk daraus wird, woraus

sowohl Sie, Prinz, wie ich, viel Neues werden lernen können.«

»Ich bin dessen ganz sicher. Aber ebenso sicher bin ich, daß die Frau

Gräfin nicht fähig ist, Ihnen, Fräulein Imma, eine Bitte abzuschlagen.«

»Und mein Vater? Wir sind beim vierten Bedenken. Sie kennen den

Tigersinn meines Vaters. Wird er seine Einwilligung geben?«

»Er hat sie gegeben. ›Reitet sie, so reitet sie‹, das sind seine

Worte ...«

»Sie haben sich seiner im voraus versichert? Nun fange ich an, Ihre

Umsicht zu bewundern, Prinz. Sie sind wie ein Feldherr vorgegangen,

obgleich Sie nicht wirklich Soldat sind, sondern nur zum Schein, wie Sie

uns neulich erzählten. Aber es ist noch ein fünfter Gegenstand da, und

der ist ausschlaggebend. Es wird regnen.«

»Nein, das ist hinfällig, was Sie da sagen. Der Himmel strahlt ...«

»Es wird regnen. Die Luft ist viel zu weich. Ich habe es festgestellt,

als wir vorm Frühstück im Quellengarten waren. Kommen Sie zum Barometer,

wenn Sie mir nicht glauben. In der Halle hängt es ...«

Wirklich traten sie hinaus in die Teppichhalle, wo neben dem Marmorkamin

ein großes Wetterglas hing. Auch die Gräfin schloß sich an. Klaus

Heinrich sagte: »Es ist gestiegen.«

»Euere Hoheit belieben sich zu irren«, antwortete Fräulein Spoelmann.

»Die Parallaxe täuscht Sie.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Die Parallaxe führt Sie irre.«

»Ich weiß nicht, was das ist, Fräulein Imma. Es ist wie mit den

Adirondacks. Ich habe nicht viel gelernt, das hängt mit meiner Art von

Dasein zusammen. Sie müssen Nachsicht haben.«

»Oh, ich bitte um gnädigste Entschuldigung. Ich hätte mich erinnern

müssen, daß man volkstümlich mit Euerer Hoheit zu reden hat. Sie stehen

schief vor dem Zeiger, darum scheint er Ihnen gestiegen. Wenn Sie sich

entschließen würden, genau davor zu treten, so würden Sie sehen, daß der

schwarze keineswegs über den goldenen hinausgegangen, sondern sogar ein

bißchen zurückgewichen ist ...«

»Ich glaube wahrhaftig, Sie haben recht«, sagte Klaus Heinrich betrübt.

»Und also ist der Luftdruck doch höher, als ich dachte!«

»Er ist niedriger, als Sie dachten.«

»Wenn das Quecksilber gefallen ist?«

»Das Quecksilber fällt bei niedrigem Druck und nicht bei hohem,

Königliche Hoheit.«

»Nun verstehe ich gar nichts mehr.«

»Ich glaube, Prinz, Sie übertreiben Ihre Unwissenheit in scherzhafter

Weise, um die Grenzen derselben zu verwischen. Aber da der Luftdruck so

hoch ist, daß das Quecksilber fällt, was freilich auf eine schwere

Verirrung der Natur deutet, so wollen wir denn reiten, Gräfin -- was

meinen Sie? Ich will es nicht verantworten, den Prinzen wieder

heimzuschicken, da er einmal gekommen ist. Er möge sich da drinnen

gedulden, bis wir fertig sind ...«

Als Imma Spoelmann und die Gräfin in den Wintergarten zurückkehrten,

waren sie zum Reiten gekleidet, Imma in ein geschlossenes schwarzes

Wollkleid mit Brusttaschen und einem Dreispitz aus schwarzem Filz dazu,

die Gräfin in schwarzes Tuch mit einem gestärkten Herren-Vorhemd und

hohem Hut. Sie gingen miteinander die Treppe hinunter, durch die

Mosaikhalle, und traten ins Freie hinaus, wo zwischen dem Säulenportal

und dem großen Bassin zwei Stallknechte mit den Pferden warteten. Sie

saßen aber noch nicht im Sattel, als mit einem hohen und jaulenden

Geheul, das der Ausdruck seiner äußersten Leidenschaft war, Perceval,

der Colliehund, geifernd und an wütender Schnellkraft einer Windsbraut

gleich, aus dem Schlosse brauste und um die Pferde, die unruhig die

Köpfe warfen, einen tobenden Drehtanz zu vollführen begann.

»Da haben wir's«, sagte Imma im Lärm und klopfte der scheuenden Fatme

den Hals. »Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten Augenblick hat

er alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne Aufhebens von

der Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen, Prinz?«

Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, daß man ebensogut den Bedienten

mit einer silbernen Drommete sich hätte können voranreiten lassen, damit

er durch sein Getön die Teilnahme der Öffentlichkeit an diesem Ausritt

erzwinge, so sagte er doch trotzig und froh, daß Perceval nur mitkommen

möge; er gehöre dazu und müsse auch seinerseits die Umgegend

kennenlernen.

»Wohin nun also?« fragte Imma, als es im Schritt durch die breite

Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin.

Perceval lärmte voran.

Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in

gemessener Entfernung.

»Der Hofjäger ist hübsch,« antwortete Klaus Heinrich, »aber zur

Fasanerie ist es ein bißchen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum

Frühstück. Ich würde den Damen das Schloß gern zeigen. Ich habe da als

Knabe drei Jahre verlebt. Es war ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern

und Mitschülern. Ich habe dort meinen Freund Überbein kennengelernt,

Doktor Überbein, meinen liebsten Lehrer.«

»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen

erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte

sie hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann

müssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!«

sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt

Ihre Einsiedelei, mein Prinz ... Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in

hinlänglichen Mengen vorhanden ... Ich denke, wir lassen den

Quellengarten hübsch seitwärts liegen, wenn es sich machen läßt.«

Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend und

trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in

nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten

waren sie von einigen Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür

Klaus Heinrich, die Hand am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit

ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen

Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und

brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein. Auf der Chaussee zog

dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer

arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der

Straße im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval

tänzelte rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und

fiebriger Erwartung, beständig in drehender, trippelnder, wedelnder

Bewegung -- sein Atem flog, seine Zunge hing lang aus dem geifernden

Rachen, und manchmal löste die unvernünftige Qual seiner Nerven sich in

kurzen, seufzerartigen Schreien. Später toste er im Weiten, verfolgte

mit aufgerichteten Ohren in hohen und kurzen Sprüngen irgendein

Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd einem flüchtigen Hasen

nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem offenen Himmel

verhallte.

Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher Nähe

sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals trug

Fatme hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden Augen;

sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden

Silberschweif. Weiß wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt und

gegürtet und mit weißem Leder gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger

Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter Mähne und gelben Fesselbinden,

erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich

er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul ritt eine große Falbe

namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt von ihrer

hohen und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt

sie zur Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen.

Klaus Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an

sie, indem er sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht,

fuhr vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften

Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die

Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«

»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns

widerwillig angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma

Spoelmann gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«

»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.

»Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein

Zeitvertreib -- obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon

verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, daß die

Gräfin nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir

gegenüber in diesem Sinne geäußert. Sie seien hart und streng, sagte

sie, und hätten erkältend auf sie gewirkt.«

Klaus Heinrich war errötet.

»Ich weiß wohl,« sagte er leise, indem er auf seine Zügel niederblickte,

»daß ich nicht erwärmend wirke, Fräulein Imma, oder doch höchstens von

weitem ... Auch das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich

sagte. Aber ich bin mir nicht bewußt, gegen die Gräfin hart und streng

gewesen zu sein.«

»Nicht mit Worten wahrscheinlich«, erwiderte sie. »Aber Sie haben ihr

nicht erlaubt, sich ein bißchen gehen zu lassen, haben ihr nicht die

Wohltat gegönnt, ein wenig zu schwatzen, -- darum ist sie Ihnen gram --,

und ich weiß auch wohl, wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen

schwer gemacht und sie erkältet haben -- sehr wohl«, wiederholte sie und

wandte sich ab.

Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hüfte gestemmt,

und seine Augen waren müde.

»Sie wissen es?« sagte er dann. »Und also wirke ich wohl auch auf Sie

erkältend, Fräulein Imma?«

»Ich ermahne Sie,« antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer

gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin

und her, »die Wirkung, die Sie auf mich ausüben, auf keine Weise zu

überschätzen, Prinz.« Und plötzlich ließ sie Fatme zum Galopp ansetzen

und flog in solcher Geschwindigkeit über das Blachfeld dahin und der

dunklen Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, daß weder die Gräfin

noch Klaus Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des

Gehölzes, durch welches auch die Landstraße lief, machte sie halt und

wandte ihr Tier, um den Nachsetzenden mit spöttischer Miene

entgegenzusehen.

Gräfin Löwenjoul auf der großen Isabeau war die erste, die sich zu der

Flüchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt über die

ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, während man in den

hallenden Wald hineinritt. Die Gräfin war wach geworden und plauderte

lebhaft, mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weißen Zähne

zeigend. Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch

den Gewaltritt aufs neue zerrissen war und der sich wütend vor den

Pferden zwischen den Stämmen drehte.

»Königliche Hoheit«, sagte sie, »sollten ihn springen sehen ...

voltigieren ... Er nimmt Gräben und Bäche von sechs Meter Breite, und

zwar mit einer Schönheit und Leichtigkeit, daß es entzückend ist. Aber

nur eigenwillig, wohlgemerkt, aus freien Stücken, denn eher, glaube ich,

ließe er sich totschlagen, als daß er sich irgendwelcher Dressur

unterzöge und befohlene Kunststücke ausführte. Er hat, möchte ich sagen,

die Dressur und Zucht in sich selbst, von Geburt, und wenn er ungebärdig

ist, so ist er doch niemals roh. Das ist ein Freiherr, ein Edelmann,

wohlgeboren und vom strengsten Charakter. Oh, er ist stolz, er scheint

wohl toll, aber er weiß sich zu beherrschen. Niemand hat ihn im Schmerze

je schreien hören, sei es bei Verletzungen oder bei Züchtigungen. Auch

nimmt er nur Nahrung, wenn er Hunger hat, und verschmäht im anderen

Falle die leckersten Bissen. Morgens erhält er Rahm ... man muß ihn

nähren. Er verzehrt sich von innen, er ist mager unter seinem seidenen

Fell, daß man alle Rippen fühlt, und man muß leider gewärtigen, daß er

nicht alt werden, sondern frühzeitig der Schwindsucht zum Opfer fallen

wird ... Das Gesindel verfolgt ihn, es drängt sich an ihn und hat es auf

ihn abgesehen auf allen Gassen; aber wild und ohne sich gemein zu

machen, entspringt er, und nur wenn man zu Feindseligkeiten übergeht, so

teilt er mit seinen prächtigen Zähnen Bisse aus, an die der Pöbel sich

erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit soviel Reinheit ist

liebenswert.«

Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos

Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.

»Ja,« sagte sie, »Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu

dir halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn für geisteskrank erklärt, das

komme bei edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn töten

zu lassen, weil er unmöglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung

bringen werde. Aber ich lasse mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist

unmöglich, ja, und manches Mal schwer zu ertragen; aber bei alledem ist

er rührend und brav und hat meine volle Zuneigung.«

Hierauf sprach auch die Gräfin noch dies und das über des Collies Natur,

aber es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein

Selbstgespräch mit lebhaftem und elegantem Gestenspiel über; und nachdem

sie zuletzt einen gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich hinübergesandt,

verfiel sie aufs neue in Abwesenheit.

Klaus Heinrich fühlte sich froh und getröstet, sei es durch den scharfen

Ritt -- bei dem er sich übrigens weidlich hatte zusammennehmen müssen,

da er zwar gut und ansprechend zu Pferde saß, aber eigentlich, schon

seiner linken Hand wegen, kein sehr sicherer Reiter war --, sei es aus

anderem Grunde. Als sie das Nadelgehölz verlassen hatten und auf der

stillen Landstraße zwischen Wiesen und gefurchten Äckern hin und dann

und wann an einem Bauerngehöft, einer ländlichen Wirtschaft vorüber, im

Schritt der nächsten Waldung entgegenritten, fragte er gedämpft: »Wollen

Sie nicht Ihr Versprechen einlösen und mir von der Gräfin erzählen,

Fräulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?«

»Sie ist meine Freundin,« antwortete sie, »und in gewisser Weise auch

meine Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen

war. Das war vor drei Jahren, in Neuyork, und die Gräfin war damals in

schrecklicher Lebenslage. Sie war am Verhungern«, sagte Imma Spoelmann,

und indem sie es sagte, richtete sie ihre großen, schwarzen Augen mit

einem forschenden und entsetzten Ausdruck auf Klaus Heinrich.

»Wirklich am Verhungern?« fragte er und erwiderte ihren Blick ...

»Bitte, erzählen Sie weiter!«

»Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich

natürlich wohl sah, daß ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie

doch so großen Eindruck auf mich, daß ich meinen Vater veranlaßte, sie

mir zur Gesellschaft zu geben.«

»Wie kam sie nach Amerika? -- Ist sie Gräfin von Geburt?« fragte Klaus

Heinrich.

»Nicht Gräfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhältnissen

aufgewachsen, behütet und geschützt vor allen Winden, wie sie mir

erzählte, schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und

schonungsbedürftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem

Grafen Löwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann -- und das war ein etwas

eigenartiger Aristokrat, ihren Erzählungen nach -- nicht ganz

mustergültig, um mich gelinde auszudrücken.«

»Wie mag er gewesen sein ...« fragte Klaus Heinrich.

»Ja, Prinz, genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie müssen in Erwägung

ziehen, daß die Gräfin eine etwas dunkle Art zu erzählen hat. Aber ihren

Andeutungen nach zu urteilen, muß er ein so wilder und schamloser Mensch

gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag, so ein

Wüstling, wissen Sie ...«

»Ja, ich weiß«, sagte Klaus Heinrich; »was man einen Bruder Liederlich

nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.«

»Gut, sagen wir Lebemann -- aber in der ausschweifendsten und

grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Gräfin zu

schließen, gibt es überhaupt keine Grenzen in dieser Richtung ...«

»Nein, den Eindruck habe ich auch«, sagte Klaus Heinrich. »Ich habe

mehrere Leute dieses Schlages gekannt -- verfluchte Kerle, wie man wohl

sagt. Von einem ist mir zu Ohren gekommen, daß er in seinem Automobil,

und zwar in voller Fahrt, Liebesverhältnisse anzuknüpfen pflegt.«

»Haben Sie das von Ihrem Freunde Überbein?«

»Nein, von anderer Seite. Überbein würde es nicht für passend halten,

mich solche Einblicke tun zu lassen.«

»Dann muß er ein unnützer Freund sein, Prinz.«

»Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzähle, Fräulein Imma, so werden Sie ihn

schätzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!«

»Nun, ich weiß nicht, ob Löwenjoul es machte wie Ihr Lebemann.

Jedenfalls trieb er es arg ...«

»Ich kann mir denken, daß er spielte und trank.«

»Allerdings, das ist anzunehmen. Und außerdem knüpfte er natürlich auch

Liebesverhältnisse an, wie Sie sagen, betrog die Gräfin mit lasterhaften

Weibern, von denen es überall sehr viele gibt -- anfangs hinter ihrem

Rücken und dann nicht einmal mehr hinter ihrem Rücken, sondern frech und

offen und ohne Mitleid mit ihrem Kummer.«

»Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?«

»Das hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern getan, weil sie verliebt in

ihn war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schöner Mann, als

sie ihn kennenlernte -- später verkam er auch äußerlich. Aber zweitens

ging ihm der Ruf eines Lebemannes voraus, und das muß, ihren Äußerungen

nach, eine gewisse, unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgeübt haben,

denn obgleich sie so behütet und geschützt gewesen war, ist sie in dem

Entschlusse, das Leben mit ihm zu teilen, nicht zu erschüttern gewesen.

Wenn man darüber nachdenkt, so kann man es verstehen.«

»Ja,« sagte er, »ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stöbern,

wollte alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tüchtig der Wind um die

Nase.«

»So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint für

das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mißhandelte sie.«

»Wollen Sie sagen, daß er sie schlug?«

»Ja, er mißhandelte sie körperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon

auch Sie noch nicht gehört haben werden. Sie hat mir zu verstehen

gegeben, daß er sie nicht nur im Zorn mißhandelte, nicht nur in Wut und

Streit, sondern auch ohne solche Veranlassung, lediglich zu seinem

Vergnügen, das heißt dergestalt, daß die Mißhandlungen abscheulichen

Liebkosungen gleichkamen.«

Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er:

»Hatte die Gräfin Kinder?«

»Ja, zwei. Sie starben ganz früh, beide in den ersten Wochen, und das

ist wohl das Schwerste gewesen, was die Gräfin erlebte. Ihren

Andeutungen zufolge ist es nämlich die Schuld der lasterhaften Weiber

gewesen, mit denen ihr Mann sie betrog, daß die Kinder gleich wieder

sterben mußten.«

Sie schwiegen wieder, mit grübelnden Augen.

»Nebenbei«, fuhr Imma Spoelmann fort, »vergeudete er im Spiel und mit

den Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode

ihrer Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch

einmal aus, als er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst

quittieren zu müssen. Aber dann kam eine Geschichte, etwas ganz

Ausschreitendes und Anstößiges, worein er verwickelt war und was ihn

vollends aus dem Sattel hob.«

»Was mag das gewesen sein?« fragte Klaus Heinrich.

»Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem,

was die Gräfin darüber verlauten läßt, war es ein Ärgernis der äußersten

Art -- wir kamen ja schon überein, daß es überhaupt keine Grenzen gibt

in dieser Richtung.«

»Und da ging er nach Amerika?«

»Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.«

»Ach, Fräulein Imma, erzählen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehört

wie die Geschichte der Gräfin ...«

»Das hatte ich auch nicht; und darum können Sie sich denken, welchen

Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Löwenjoul also,

dem die Polizei auf den Fersen war, ward flüchtig nach Amerika, unter

Hinterlassung bedeutender Schulden natürlich. Und die Gräfin begleitete

ihn.«

»Sie ging mit ihm? Warum?«

»Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem -- sie tut es heute

noch --, und weil sie auf alle Fälle an seinem Leben teilhaben wollte.

Er aber nahm sie wohl mit, weil er eher auf Unterstützung von seiten

ihrer Verwandten zu rechnen hatte, solange sie bei ihm war. Die

Verwandten schickten ihnen denn auch einmal noch eine Summe Geldes über

den Ozean, aber dann nie mehr -- sie zogen endgültig die Hand von ihnen;

und als Graf Löwenjoul sah, daß seine Frau ihm nichts mehr nütze war, da

verließ er sie dennoch -- ließ sie vollständig allein im Elend zurück

und machte sich fort.«

»Ich wußte es,« sagte Klaus Heinrich, »ich habe es mir gedacht. So geht

es zu.« Imma Spoelmann aber fuhr fort: »Da saß sie denn nun, von allen

Mitteln entblößt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich

ihren Unterhalt zu verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem

Hunger überantwortet. Nun soll aber das Leben dort drüben noch um vieles

härter und schnöder sein als hier bei Ihnen, und andererseits ist in

Betracht zu ziehen, wie zart und verletzlich sie immer gewesen und wie

schonungslos ihr viele Jahre hindurch mitgespielt worden war. Kurzum,

sie war den Eindrücken, die sie fortwährend vom Leben empfing, in keiner

Weise gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.«

»Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es

mit der Wohltat, Fräulein Imma?«

»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im

äußersten Jammer etwas in ihr übersprang -- diesen Ausdruck hat sie mir

gegenüber verwendet --, daß sie sich nicht mehr mit klarem und

nüchternem Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu

leisten brauchte, sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu

lassen, sich einige Abspannung zu gönnen und ein bißchen zu schwatzen.

Mit einem Worte, die Wohltat war, daß sie wunderlich wurde.«

»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau

Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«

»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und

lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem

weh damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren

sie gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie

wollen, ein Mangel an ...«

»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.

»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß

besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«

»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht

erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern

daß es unter allen Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«

»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.«

Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches

Köpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer

gebrochenen Stimme hinzu: »Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen,

und ich bitte, es wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht

gesonnen sind, ein wenig Mitleid und Nachsicht und Milde zu üben, so

werde ich mich des Vergnügens Ihrer erlauchten Gesellschaft ein für

allemal entschlagen müssen.«

Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.

»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte

er endlich.

»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er

so herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war

einfach genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da

sie gehört hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich

suchte. Und obgleich sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel

doch meine Wahl -- denn ich hatte zu wählen -- sofort auf sie, so sehr

war ich nach unserer ersten Unterredung für sie eingenommen. Sie war

wunderlich, das sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus überguter

Kenntnis des Elends und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer

Worte hervor, und was mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig

allein und abgesondert gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben,

wenn ich von meinen Universitätsstudien absehe ...«

»Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?«

wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.

»So sagte ich. Es war ein einigermaßen langweiliges und einfältiges

Leben, das ich führte und eigentlich noch führe, denn es hat sich ja

nicht vieles geändert und ist im ganzen überall dasselbe. Es gab

Gesellschaften mit Kunststernen und Bälle, und manchmal ging es sehr

rasch im geschlossenen Automobil zum Opernhaus, woselbst ich in einer

der kleinen flachen Logen über dem Parterre saß, um so recht in ganzer

Figur gesehen werden zu können, _for show_, wie man drüben sagt. Das

brachte meine Stellung so mit sich.«

»_For show?_«

»Ja, _for show_, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen,

keine Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Gärten und

über den Rasen und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und

Tee trinkt. Meinem Vater, Mister Spoelmann, war es im höchsten Grade

zuwider. Aber unsere Stellung brachte es mit sich.«

»Und wie lebten Sie sonst, Fräulein Imma?«

»Nun, im Frühjahr ging man in die Adirondacks auf das Schloß und im

Sommer auf das Schloß in Newport an der See. Es fanden natürlich

Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt

spazieren und fuhr _Four in hand_ oder im Automobil, und die Leute

blieben stehen und gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und

manche schimpften auch hinter mir drein.«

»Sie schimpften?!«

»Ja, sie hatten wohl ihre Beweggründe dazu. Jedenfalls war es ein etwas

vorgeschobenes und der Erörterung ausgesetztes Dasein, das wir führten.«

»Und zwischendurch«, sagte er, »spielten Sie in den Lüften, nicht wahr,

oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend ...«

»So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines überaus offenen Kopfes.

Aber nach alldem können Sie sich nun denken, wie außerordentlich

willkommen mir die Gräfin war, als sie sich in der Fünften Avenue

vorstellte. Sie äußerte sich nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr

auf geheimnisvolle Weise, und die Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt,

ist nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber das scheint mir eben recht

und lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von der

Grenzenlosigkeit des Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht

wahr, Sie beneiden mich um die Gräfin?«

»Nun, beneiden ... Sie scheinen anzunehmen, Fräulein Imma, daß ich

niemals irgendeinen Einblick getan habe.«

»Haben Sie Einblicke getan?«

»Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von

unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich

etwas träumen lassen.«

»Sind die Lakaien so schlimm?«

»Schlimm? Nichtswürdig sind sie, das ist das Wort für sie. Erstens

treiben sie Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von

den Lieferanten bezahlen ...«

»Nun, Prinz, das ist vergleichsweise harmlos.«

»Ja, ja, mit den Einblicken der Gräfin kann es sich wohl nicht

messen ...«

Sie fielen in Trab, verließen beim Wegweiser die gemächlich steigende

und fallende Landstraße, die sie zwischen Nadelwäldern hin verfolgt

hatten, und lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen

erhöhten Rändern von Brombeersträuchern eingefaßten Richtweg ein, der in

das buschige Wiesengelände von Schloß Fasanerie mündete. Klaus Heinrich

war zu Hause in diesem Gebiet; er streckte den Arm darüber hin, den

rechten, um seinen Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel

Sehenswürdiges vorhanden war. Dort lag das Schloß, verschlossen und

stumm, mit seinem Schindeldach und seinen Blitzableitern am Rande des

Waldes. Dort abseits war das Fasanengehege, nach welchem das Ganze

seinen Namen hatte, und hier Stavenüters Wirtsgarten, wo er zuweilen mit

Raoul Überbein gesessen hatte. Über den feuchten Wiesen schien mild die

Vorfrühlingssonne und tauchte die fernen umgrenzenden Wälder in zarten

Schmelz.

Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma

Spoelmann prüfte das Schloß mit den Augen, dies nüchterne Landhaus, das

Schloß Fasanerie benannt war.

»Von sinnverwirrendem Prunk«, sagte sie mit gerümpften Lippen, »scheint

Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.«

»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie

außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es

wiederherstellten ...«

»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem

Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will

sehen, was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«

Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in

Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit

beiden Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man

sein vollständig nacktes Zahnfleisch sah.

»Königliche Hoheit!« sagte er, Glück in der Stimme, »tun Königliche

Hoheit mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gnädige Fräulein!«

setzte er mit andächtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns

Tochter sehr wohl und hatte so eifrig wie einer im Großherzogtum die

Zeitungsnotizen gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen

zusammen nannten. Er war der Gräfin beim Absteigen behilflich, da Klaus

Heinrich, zuerst aus dem Sattel, sich dem Fräulein widmete, und rief

nach einem Knecht, der zusammen mit dem Spoelmannschen Livrierten die

Pferde besorgte. Aber hierauf hielt Klaus Heinrich Begrüßung und

Empfang, wie er es gewohnt war. In geschlossener Haltung richtete er

einige formelhafte Fragen an den dienernden Herrn Stavenüter, erkundigte

sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit, nach dem Stande seiner

Geschäfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken scheinbar

sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre Reitgerte mit

beiden Händen hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und kalten

Auftritt mit ernsten und glänzend forschenden Augen zu. »Ich erlaube

mir, in Erinnerung zu bringen, daß ich Durst leide«, sagte sie endlich

scharf und verstimmt, und so trat man denn in den Garten und

beratschlagte, ob man das Wirtszimmer aufsuchen müsse. Es sei noch zu

feucht unter den Bäumen, meinte Klaus Heinrich; aber Imma bestand

darauf, im Freien zu sitzen, und wählte selber einen der schmalen und

langen Trinktische mit Bänken zu beiden Seiten, den Herr Stavenüter mit

einem weißen Tuche zu decken sich beeilte.

»Limonade!« sagte er. »Das ist das Beste für den Durst und reine Ware!

Kein Gesudel, Königliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern gezuckerte

Natursäfte und das Bekömmlichste von allem!«

Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen; und

während die hohen Gäste das Getränk kosteten, verweilte Herr Stavenüter

sich noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war

längst Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den

Blättern das Lied vom gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei

mit den Fingern geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls außer Hause, der

Sohn als Soldat in der Stadt und von den Töchtern die eine verheiratet

mit einem benachbarten Ökonomen, die andere als Magd in städtischem

Hause, weil es sie zum Höheren gezogen hatte. So schaltete Herr

Stavenüter allein in dieser Abgeschiedenheit, und zwar in dreifacher

Eigenschaft, als Pächter der Schloßwirtschaft, Kastellan und

Fasanenmeister, zufrieden mit seinem Lose. Bald, wenn die Witterung sich

ferner so anließ, kam wieder die Zeit der Radfahrer und Spaziergänger,

die Sonntags den Garten füllten. Dann blühte das Geschäft. Und ob die

hohen Herrschaften denn nicht vielleicht die Fasanerie in Augenschein

nehmen wollten?

Ja, das wollten sie, später, und so zog Herr Stavenüter sich vorläufig

mit Anstand zurück, nachdem er eine Schale mit Milch für Perceval neben

den Tisch gestellt.

Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie der

Teufel. Seine Beine waren dünn vor Nässe -- und die weißen Teile seines

zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geöffnetes Maul, mit dem er

die Erde nach Feldmäusen durchwühlt, war geschwärzt bis in den Schlund,

und schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing seine

triefende Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der

Schale und ließ sich hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben

seiner Herrin zu Boden fallen, flach auf die Seite, den Kopf mit

ruhelechzendem Ausdruck zurückgeworfen.

Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, daß Imma hier nach dem Ritt so

ohne Umhüllung sich der trügerischen Frühlingsluft preisgäbe. »Nehmen

Sie meinen Mantel!« sagte er. »Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist

warm, und mein Rock ist über der Brust wattiert!« Sie wollte nichts

wissen von seinem Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie inständig zu

bitten, so willigte sie ein und ließ sich seinen grauen Militärmantel

mit den Schulterabzeichen eines Majors um die Schultern legen. So

eingehüllt stützte sie ihr schwarzbleiches, mit dem Dreispitz bedecktes

Köpfchen in die hohle Hand und sah ihm zu, wie er den Arm nach dem

Schlosse ausstreckte und von dem Leben erzählte, das er hier einst

geführt.

Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das Speisezimmer

gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs Zimmer mit dem

Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von Professor Kürtchen

und seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht, von der Hauptmännin

Amelung, den adeligen »Fasanen«, die alles für »Schweinerei« erklärt

hatten, und namentlich von Raoul Überbein, seinem Freunde, auf welchen

zurückzukommen Imma Spoelmann ihn mehrmals ermunterte.

Er sprach von des Doktors dunkler Herkunft und von der Abfindungssumme;

von dem Kinde im Moor oder Sumpf und der Rettungsmedaille; von Überbeins

tapferer und ehrgeiziger Laufbahn, zurückgelegt unter jenen harten und

streng auf die Leistung weisenden Bedingungen, die er die guten zu

nennen pflegte, und von seinem Bündnis mit Doktor Sammet, den Imma

kannte. Er schilderte sein wenig einnehmendes Äußeres und begründete mit

frohen Worten die Neigung, die ihn dennoch von Anbeginn zu diesem Lehrer

gezogen, indem er sein Verhalten gegen ihn, Klaus Heinrich, beschrieb --

diese väterliche und herzlich schwadronierende Kameradschaftlichkeit,

die sich von dem Gehaben aller übrigen Leute so strikt unterschieden

hatte --, ließ auch, so gut es ihm gelingen wollte, dies und das von

Überbeins Lebensaspekten einfließen und gab schließlich seinem Kummer

darüber Ausdruck, daß der Doktor bei seinen Mitbürgern sich keiner

wahren Beliebtheit zu erfreuen scheine.

»Das glaube ich«, sagte Imma.

Er war erstaunt und fragte, warum sie es glaube.

»Weil ich gewiß bin,« antwortete sie und wandte ihr Köpfchen hin und

her, »daß dieser Überbein mit all seinen aufgeräumten Redereien ein

unseliger Mensch ist. Er steht wohl da und prahlt; aber er hat gar

keinen Rückhalt, Prinz, und darum wird er ein schlechtes Ende nehmen.«

Klaus Heinrich blieb eine Weile bestürzt und nachdenklich über diese

Worte. Dann wandte er sich der Gräfin zu, die lächelnd aus einer

Abwesenheit zu sich kam, und sagte ihr eine Artigkeit über ihre

Reitkunst, wofür sie mit frischen und ritterlichen Worten dankte. Er

äußerte, man merke wohl, daß sie beizeiten auf einem Pferderücken zu

sitzen gelernt habe, und sie bestätigte, daß allerdings die Stunden in

der Reitbahn einen wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung ausgemacht

hätten. Sie sprach klar und munter; aber allmählich, fast unmerklich,

schweifte sie vom gangbaren Wege ab, erzählte etwas Sonderbares von

kühnen Ritten, die sie als Leutnant im letzten Feldzuge ausgeführt, und

kam völlig unvermutet auf die unbeschreiblich liederliche Frau eines

Feldwebels bei den Leibgrenadieren zu sprechen, die diese Nacht in ihrem

Zimmer gewesen, ihr in der erbarmungslosesten Weise die Brust zerkratzt

und Reden dazu geführt habe, welche wiederzugeben sie ablehnen müsse.

Klaus Heinrich fragte leise, ob denn nicht Tür und Fenster verschlossen

gewesen wären. »Allerdings, aber die Scheibe ist ja da!« antwortete sie

hastig. Und da sie bei dieser Entgegnung auf der einen Seite ihres

Gesichtes blaß, auf der anderen rot wurde, so willigte er nickend und

mit sanften Worten darein. Ja, indem er die Augen niederschlug, bot er

ihr an, sie einstweilen ein wenig »Frau Meier« zu nennen, ein Vorschlag,

den sie mit Eifer und Eile annahm, nicht ohne ein vertrauliches Lächeln

übrigens, einen Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes

hatte. Sie brachen auf zur Besichtigung der Fasanerie, nachdem Klaus

Heinrich seinen Mantel zurückerhalten; und als sie den Garten verließen,

sagte Imma Spoelmann: »So war es recht, Prinz. Sie machen Fortschritte.«

Ein Lob, das ihm die Wangen färbte, ja, ihm ohne Vergleich mehr Freude

bereitete als der schönste Zeitungsbericht über die erhebende Wirkung

seiner festlichen Person, den Geheimrat Schustermann ihm hätte vorlegen

können.

Herr Stavenüter geleitete seine Gäste in das von Palisaden umfriedigte

Gehege, wo in Wiese und Busch die sechs oder sieben Fasanenfamilien ein

versorgtes und bürgerliches Leben führten, und sie sahen dem Benehmen

der bunten, rotäugigen und steifgeschwänzten Vögel zu, besichtigten das

Bruthäuschen und wohnten einer Fütterung bei, die Herr Stavenüter am Fuß

einer schönen, einzeln stehenden Fichte zu ihrem Vergnügen vornahm,

worauf Klaus Heinrich ihm seine vollste Anerkennung des Gesehenen zum

Ausdruck brachte. Imma Spoelmann betrachtete ihn mit großen und dunkel

forschenden Augen bei Erledigung dieser Förmlichkeit. Dann stieg man

vorm Wirtsgarten zu Pferde und trat, während Perceval sich vor den

Pferden mit rasendem Geheul um sich selber schwang, den Heimweg an.

Auf diesem Heimwege aber sollte Klaus Heinrich gesprächsweise noch einen

nicht unbedeutsamen Fingerzeig über Imma Spoelmanns Natur und Charakter

erhalten, eine mittelbare Erläuterung gewisser Seiten ihrer

Persönlichkeit, die ihm Stoff zu anhaltendem Nachdenken gab.

Bald nämlich, nachdem man den brombeerbewachsenen Hohlweg verlassen

hatte und wieder auf der sanft gewellten Landstraße dahinritt, kam Klaus

Heinrich auf einen Punkt zurück, der bei seinem ersten Besuch auf

»Delphinenort« in der Unterhaltung am Teetisch seltsam kurz berührt

worden war und nicht aufgehört hatte, ihn unbestimmt zu beunruhigen.

»Lassen Sie mich übrigens«, sagte er, »eine Frage tun, Fräulein Imma.

Sie brauchen sie nicht zu beantworten, wenn es Ihnen nicht gefällig

ist.«

»Wir werden sehen«, antwortete sie.

»Vor vier Wochen,« fing er an, »als ich zum erstenmal das Vergnügen

hatte, mit Herrn Spoelmann, Ihrem Vater, zu plaudern, richtete ich eine

Frage an ihn, die er so kurz und abbrechend beantwortete, daß ich

fürchten muß, einen Mißgriff oder falschen Schritt damit getan zu

haben.«

»Was fragten Sie?«

»Ich fragte, ob es ihm nicht schwer geworden sei, Amerika zu verlassen.«

»Ja, sehen Sie, Prinz, das war nun wieder so recht eine Frage, die Ihnen

ähnlich sieht, eine ausgemachte Prinzenfrage. Wären Sie auf dem Gebiete

der Denklehre ein wenig beschlagener, so hätten Sie sich wohl

stillschweigend mit dem Vernunftbeschluß begnügt, daß, wenn mein Vater

Amerika nicht leicht und gern verlassen hätte, er es schlechterdings

überhaupt nicht verlassen hätte.«

»Das mag wahr sein, Fräulein Imma, verzeihen Sie, ich denke nicht sehr

genau. Aber wenn ich mit meiner Frage mich keines andern Fehltritts als

nur eines Denkfehlers schuldig gemacht habe, so will ich wahrhaftig

zufrieden sein. Können Sie mich soweit beruhigen?«

»Nun denn, Prinz, nein, nicht einmal soweit«, sagte sie und sah ihn

plötzlich mit ihren großen, schwarzglänzenden Augen an.

»Sehen Sie? Sehen Sie? Aber was für eine Bewandtnis hat es damit,

Fräulein Imma? Lassen Sie mich nun wissen, was hier zu wissen ist. Sie

sind es unserer Freundschaft schuldig!«

»Sind wir Freunde?«

»Ich dachte«, sagte er bittend ...

»Nun, nun, Geduld! Ich wußte es nicht. Ich lasse mich gern belehren. Um

aber auf meinen Vater zurückzukommen, so hat er sich in der Tat über

Ihre Frage geärgert -- er ärgert sich leicht und hatte Gelegenheit, sich

ungewöhnliche Übung in dieser Gemütsbewegung zu erwerben. Die Sache ist

die, daß die öffentliche Stimmung und Meinung uns nicht sonderlich

günstig war in Amerika. Umtriebe sind da im Gange ... ich bemerke, daß

ich über die Einzelheiten nicht unterrichtet bin, aber eine eifrige

politische Tätigkeit findet statt zu dem Zwecke, die große Menge, wissen

Sie, die vielen Leute, die es nicht getroffen hat, gegen uns

aufzuwiegeln, und daraus sind gesetzliche Anfeindungen und beständige

Widerwärtigkeiten entstanden, die meinem Vater das Leben dort drüben

verleidet haben. Sie wissen wohl, Prinz, daß nicht er es war, der unsere

Lage geschaffen hat, sondern mein garstiger Großvater mit seinem

Paradise-Nugget und seiner Blockhead-Farm. Mein Vater kann gar nichts

dafür, er hat sein Schicksal geerbt und hat nicht leicht daran getragen,

denn er ist eher scheu und zart von Natur und hätte am liebsten immer

nur Orgel gespielt und Gläser gesammelt, ja, ich glaube, daß der Haß, in

dem wir schließlich infolge der Umtriebe lebten, so daß zuweilen das

Volk hinter mir drein schimpfte, wenn ich im Automobil vorüberfuhr --

daß der Haß ihm ganz eigentlich seine Nierensteine eingebracht hat, das

ist sehr möglich.«

»Ich bin Ihrem Herrn Vater von Herzen zugetan«, sagte Klaus Heinrich mit

Nachdruck.

»Das möchte ich mir ausgebeten haben, Prinz, im Falle, daß wir Freunde

sein wollen. Aber dann kam noch ein anderes hinzu, das alles verschärfte

und unsere Stellung dort drüben ein wenig schwierig machte, und das hing

mit unserer Abstammung zusammen.«

»Mit Ihrer Abstammung?«

»Ja, Prinz, wir sind keine adeligen Fasanen, wir stammen leider weder

von Washington noch von den ersten Einwanderern ab ...«

»Nein, denn Sie sind ja Deutsche.«

»O ja, aber da ist trotzdem nicht alles in Ordnung. Haben Sie doch die

Herablassung, mich einmal genau zu betrachten. Finden Sie es etwa

ehrenhaft, so blauschwarzes, strähniges Haar zu haben, das immer fällt,

wohin es nicht soll?«

»Gott weiß, daß Sie wunderschönes Haar haben, Fräulein Imma!« sagte

Klaus Heinrich. »Auch ist mir wohlbekannt, daß Sie zum Teile südlicher

Abstammung sind, denn Ihr Herr Großvater hat sich ja in Bolivia vermählt

oder in dieser Gegend, wie ich gelesen habe.«

»Das tat er. Aber hier liegt der Haken, Prinz. Ich bin eine Quinterone.«

»Was sind Sie?«

»Eine Quinterone.«

»Das gehört zu den Adirondacks und der Parallaxe, Fräulein Imma. Ich

weiß nicht, was es ist. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich nicht viel

gelernt habe.«

»Nun, das war so. Mein Großvater, unbedenklich wie er in allen Stücken

war, heiratete dort unten eine Dame mit indianischem Blut.«

»Mit indianischem?«

»Jawohl. Besagte Dame nämlich stammte im dritten Gliede von Indianern

ab, sie war die Tochter eines Weißen und einer Halbindianerin und also

Terzerone, wie man es nennt -- oh, sie soll erstaunlich schön gewesen

sein! --, und sie wurde meine Großmutter. Die Enkel solcher Großmütter

aber werden Quinteronen genannt. So liegen die Dinge.«

»Ja, das ist merkwürdig. Aber sagten Sie nicht, daß es auf das Verhalten

der Leute Ihnen gegenüber von Einfluß gewesen sei?«

»Ach, Prinz, Sie wissen gar nichts. Sie müssen aber wissen, daß

indianisches Blut dort drüben einen schweren Makel bedeutet -- einen

solchen Makel, daß Freundschaften und Liebesbündnisse mit Schimpf und

Schande auseinandergehen, wenn eine derartige Abstammung des einen

Teiles ans Licht der Sonnen kommt. Nun steht es ja so arg nicht mit uns,

denn bei Quarteronen -- in Gottes Namen, da ist der Schade nicht mehr so

groß, und ein Quinterone gehört im ganzen schon fast zu den Makellosen.

Aber mit uns, die wir so sehr dem Gerede ausgesetzt waren, war es

natürlich etwas anderes, und mehrmals, wenn hinter mir drein geschimpft

wurde, habe ich zu hören bekommen, daß ich eine Farbige sei. Kurz, es

blieb eine Beeinträchtigung, eine Erschwerung, und sonderte uns selbst

von den wenigen ab, die sich übrigens ungefähr in der gleichen

Lebenslage befanden -- blieb immer etwas, was zu verstecken oder zu

vertreten war. Mein Großvater hatte es vertreten, er war der Mann dazu

und hatte gewußt, was er tat; auch war er ja reinen Bluts, und nur seine

schöne Frau trug den Makel. Aber mein Vater war ihr Sohn, und ärgerlich

und leicht gereizt, wie er ist, hat er es von Jugend auf nur schwer

ertragen, bestaunt und gehaßt und verachtet zu gleicher Zeit zu sein,

halb Weltwunder und halb infam, wie er zu sagen pflegte, und hatte

Amerika in jeder Beziehung satt. Das ist die Geschichte, Prinz,« sagte

Imma Spoelmann, »und nun wissen Sie es, warum mein Vater sich ärgerte

über Ihre scharfsinnige Frage.«

Klaus Heinrich sagte ihr Dank für die Aufklärung, ja, noch vor dem

Portal von »Delphinenort«, als er sich -- es war Lunchzeit geworden --,

die Hand an der Mütze, von den Damen verabschiedete, wiederholte er

seinen Dank für das, was sie ihm gesagt, und ritt dann schrittweise

heim, um über die Ergebnisse des Vormittags nachzudenken.

Imma Spoelmann saß weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im Saal,

in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, saß in üppiger

Sicherheit, während ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo

Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum doch?

Klaus Heinrich begriff es nun, und Tag für Tag war er beschäftigt, es

besser in seinem Herzen zu begreifen. Bestaunt, gehaßt und verachtet zu

gleicher Zeit, halb Weltwunder und halb infam, so hatte sie gelebt, und

das hatte die Dornen in ihre Rede gebracht, jene Schärfe und spöttische

Helligkeit, die Abwehr war, wenn sie Angriff schien, und die eine

schmerzliche Verzerrung auf den Gesichtern derer hervorrief, welche die

Wehr des Witzes nicht nötig gehabt hatten. Sie hatte ihn zu Mitleid und

Milde angehalten gegenüber der armen Gräfin, wenn sie sich gehen ließ;

aber ihr selbst tat Mitleid und Milderung not, weil sie einsam war und

es schwer hatte -- gleich ihm. Eine Erinnerung beschäftigte ihn zu

gleicher Zeit mit diesen Erwägungen, eine alte, peinvolle Erinnerung,

die den Büfettraum des »Bürgergartens« zum Schauplatz hatte und mit

einem Bowlendeckel endigte ... »Kleine Schwester!« sagte er bei sich

selbst, indem er sich hastig ab davon wandte. »Kleine Schwester!« --

Hauptsächlich aber sann er darauf, wie das Zusammensein mit Imma

Spoelmann in kürzester Frist zu erneuern sei.

Das geschah bald und wiederholt unter verschiedenen Umständen. Der

Februar ging zu Ende, es kamen der ahnungsvolle März, der

wetterwendische April, der zärtliche Mai. Und all diese Zeit verkehrte

Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort, wohl wöchentlich einmal,

vormittags oder nachmittags, und eigentlich beständig in dem

unverantwortlichen Zustande, in welchem er an jenem Februarmorgen bei

Spoelmanns erschienen war, willenlos sozusagen und wie vom Schicksal

ergriffen. Die benachbarte Lage der Schlösser begünstigte den Verkehr,

die kurze Parkstrecke von »Eremitage« nach »Delphinenort« war zu Pferd

oder mit dem Dogcart ohne bedeutendes Aufsehen zurückzulegen; und wenn

bei vorschreitender Jahreszeit infolge größerer Belebtheit der Umgebung

es schwerer und schwerer wurde, ohne Aufmerken des Publikums miteinander

spazierenzureiten, so ist des Prinzen innere Verfassung während dieses

Zeitabschnittes als eine vollkommene Gleichgültigkeit und blinde

Rücksichtslosigkeit in bezug auf die Welt, auf Hof, Stadt und Land zu

denken. Die Teilnahme der Öffentlichkeit begann erst später in seinem

Sinnen und Trachten eine -- dann freilich wichtige und beglückende Rolle

zu spielen.

Er hatte nach dem ersten Ritt sich nicht von den Damen verabschiedet,

ohne einen neuen Ausflug ins Auge zu fassen, wogegen Imma Spoelmann,

indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her gewandt,

nichts Ernstliches einzuwenden gehabt hatte. So kehrte er wieder, und

man ritt zum »Hofjäger«, einer am nördlichen Rande des Stadtgartens

gelegenen Waldwirtschaft, kehrte er abermals wieder, und man ritt zu

einem dritten Ausflugsziel, das ebenfalls ohne Berührung der Stadt zu

erreichen war. Dann, als der Frühling die Residenzler ins Freie lockte

und die Wirtsgarten sich füllten, bevorzugte man einen abgelegenen und

eigenartigen Weg, der eigentlich kein Weg, sondern ein Damm oder

Wiesenrand mit blumiger Böschung war, der zur Seite eines geschwind

strömenden Wasserarmes sich langhin in nördlicher Richtung erstreckte.

Man gelangte am ungestörtesten dahin, indem man die Rückseite des Parkes

von Schloß »Eremitage« entlang und über die Flußaue am Rande des

nördlichen Stadtgartens bis zur Höhe des »Hofjägers« ritt, dann aber

nicht -- bei der Schleuse -- auf der hölzernen Brücke den Flußarm

überschritt, sondern diesseits seinem Laufe folgte. Rechts blieb das

Gehöft der Wirtschaft zurück, und Mittelholz zog sich hin, soweit sie

kamen. Links dehnten sich Wiesen aus, die weiß und bunt waren von

Schierling und Pustblumen, von Butter- und Glockenblumen, Klee,

Margueriten und auch Vergißmeinnicht; der Kirchturm eines Dorfes ragte

zwischen Äckern hervor, und fern lief die Landstraße mit ihrem Verkehr,

vor dem sie in Sicherheit waren. Später aber traten auch linker Hand

Weiden und Haselnußstauden der Böschung nahe, die Aussicht verhindernd,

und nun ritten sie, vollends geschützt und abgeschieden, zu zweien

meistens und gefolgt von der Gräfin, weil der Weg schmal war, ritten

plaudernd und schweigend, während Perceval mit angezogenen Vorderbeinen

hin und her über das Wasser setzte oder drunten ein Bad nahm und mit

hastigem Schlappen seinen Durst stillte. Sie kehrten auf demselben Wege

zurück, auf dem sie gekommen.

Wenn aber vermöge des niedrigen Luftdrucks das Quecksilber fiel, wenn es

folglich regnete und Klaus Heinrich dennoch ein Wiedersehen mit Imma

Spoelmann für notwendig erachtete, so stellte er sich auf seinem Dogcart

um die Teestunde in Delphinenort ein, und man blieb im Schlosse. Nur

zwei- oder dreimal erschien auch Herr Spoelmann am Teetisch. Sein Leiden

nahm zu in dieser Zeit, und manchen Tag war er genötigt, mit warmen

Breiumschlägen im Bette zu liegen. Kam er, so sagte er: »Na, junger

Prinz«, tauchte mit seiner mageren, von der weichen Manschette halb

bedeckten Hand einen Krankenzwieback in seinen Tee, warf hier und da ein

knarrendes Wort in die Unterhaltung ein und bot schließlich dem Gast

seine goldene Zigarettendose dar, worauf er mit Doktor Watercloose, der

stumm und lächelnd am Tische gesessen hatte, den Gartensaal wieder

verließ. Übrigens geschah es auch bei sonnigem Wetter, daß man es

vorzog, sich auf den Park zu beschränken und auf dem wohlgeebneten und

von einem Netz durchquerten Platze unterhalb der Terrasse sich mit dem

Ballspiel zu unterhalten. Ja, einmal wurde sogar eine rasche Fahrt in

einem der Spoelmannschen Automobile weit über Schloß Fasanerie hinaus

unternommen.

Eines Tages fragte Klaus Heinrich: »Ist es wahr, Fräulein Imma, was ich

gelesen habe, daß Ihr Herr Vater täglich so entsetzlich viele Briefe und

Bittgesuche bekommt?«

Da erzählte sie ihm von den Kollekten und Subskriptionslisten, die ohne

Unterlaß in »Delphinenort« einliefen und auch nach Möglichkeit

Berücksichtigung fänden, von den Stößen von Bettelschreiben aus Europa

und Amerika, die mit jeder Post eingeliefert, durch die Herren Phlebs

und Slippers gesichtet und Herrn Spoelmann in einer Auswahl vorgelegt

würden. Zuweilen, sagte sie, mache sie sich das Vergnügen, die Stöße

durchzusehen und die Adressen zu lesen, denn diese seien nicht selten

phantastischer Art. Die bedürftigen oder spekulativen Absender nämlich

suchten einander schon auf den Umschlägen in Kurialien und Wohldienerei

zu überbieten, und alle erdenklichen Titulaturen und Rangesbezeichnungen

seien in seltsamen Mischungen auf den Briefen zu finden. Ein Bittsteller

aber habe kürzlich jeden Wettbewerb geschlagen, indem er seinem

Schreiben die Aufschrift gegeben habe: »Seiner Königlichen Hoheit Herrn

Samuel Spoelmann«. Übrigens habe er nicht mehr erhalten als die

anderen ...

Ein andermal kam er mit gesenkter Stimme auf die »Eulenkammer« im Alten

Schlosse zu sprechen und vertraute ihr an, daß neuerdings wieder Lärm

darin beobachtet worden sei, was auf entscheidende Ereignisse in seiner,

Klaus Heinrichs, Familie deute. Da lachte Imma Spoelmann und klärte ihn

wissenschaftlich auf, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen

hin und her wandte, wie sie ihn über die Geheimnisse des Barometers

aufgeklärt hatte. Das sei Unsinn, sagte sie, und es möge sich etwa so

verhalten, daß ein Teil der Polterkammer ellipsoidenartig geformt sei,

und eine zweite Ellipsoidenfläche von ähnlicher Krümmung und mit einer

Lärmquelle im Brennpunkt sich irgendwo draußen befände, woher es dann

komme, daß innerhalb des Spukzimmers Rumoren hörbar sei, das in der

nächsten Umgebung nicht vernommen werden könne. Klaus Heinrich war

ziemlich niedergeschlagen über diese Auslegung und wollte von dem

allgemeinen Glauben an den Zusammenhang zwischen dem Gepolter und den

Schicksalen seines Hauses nur ungern lassen.

So unterhielten sie sich, und auch die Gräfin nahm teil, auf verständige

und auch auf verwirrte Art, da Klaus Heinrich sich redlich Mühe gab, sie

nicht durch sein Wesen zu ernüchtern und zu erkälten, sondern sie »Frau

Meier« nannte, sobald sie dessen zu ihrer Sicherheit vor den

Nachstellungen der lasterhaften Weiber zu bedürfen glaubte. Er erzählte

den Damen von seinem unsachlichen Leben, von den schönen Trinksitzungen

der Korpsbrüder, den militärischen Liebesmählern und seiner

Bildungsreise, von seinen Angehörigen, seiner ehemals so herrlichen

Mutter, die er dann und wann in »Segenhaus« besuchte, wo sie traurigen

Hof hielt, von Albrecht und Ditlinde; Imma Spoelmann erwiderte mit

einigen Nachträgen über ihre prachtvolle und sonderbare Jugend, und die

Gräfin ließ manchmal ein dunkles Wort über die Schrecken und Geheimnisse

des Lebens einfließen, worauf die beiden mit ernsten, ja andächtigen

Mienen horchten.

Eine Art Spiel trieben sie gern: es war das Erraten von Daseinsformen,

das ungefähre Einschätzen der Menschen, die sie etwa sahen, in die

Abteilungen der bürgerlichen Welt, soweit ihre Wissenschaft reichte --

eine fremde und begierige Beobachtung der Passanten aus der Entfernung,

vom Pferde herab oder von der Spoelmannschen Terrasse. Was für junge

Leute mochten wohl diese sein? Was mochten sie treiben? Wohin gehören?

Es waren wohl keine Handelsschüler, sondern vielleicht der Technik

Beflossene oder angehende Forstmänner, gewissen Merkmalen nach, auch

wohl von der landwirtschaftlichen Hochschule, ein wenig rauhe, aber

tüchtige Burschen jedenfalls, die ihren redlichen Weg schon machen

würden. Aber die Kleine, Unordentliche, die hier vorüberschlenderte, war

wohl so etwas wie eine Fabrikarbeiterin oder Nähmamsell. Solche Mädchen

pflegten einen Liebhaber aus ähnlicher Sphäre zu haben, der sie Sonntags

in einen Kaffeegarten führte. Und sie teilten einander mit, was sie

sonst etwa noch von den Leuten wußten, sprachen mit Anerkennung davon

und fühlten sich mehr als durch Laufen und Ballschlagen erwärmt durch

diesen Zeitvertreib.

Was die rasche Automobilfahrt betraf, so erklärte Imma Spoelmann im

Laufe derselben, daß sie Klaus Heinrich eigentlich nur dazu eingeladen

habe, um ihm den Chauffeur zu zeigen, der sie fuhr, einen jungen, in

braunes Leder gehüllten Amerikaner, von dem sie behauptete, daß er dem

Prinzen ähnlich sähe. Klaus Heinrich versetzte lachend, daß die

Rückansicht des Fahrers ihn nicht befähige, hierüber zu urteilen, und

forderte die Gräfin auf, ihre Stimme abzugeben. Diese, nachdem sie die

Ähnlichkeit eine Zeitlang mit höfischer Entrüstung geleugnet, ließ sich,

von Imma gedrängt, schließlich mit einem gekniffenen Seitenblick auf

Klaus Heinrich herbei, sie zu bejahen. Dann erzählte Fräulein Spoelmann,

der ernste, nüchterne und geschickte junge Mann sei ursprünglich im

persönlichen Dienste ihres Vaters gestanden, den er täglich von der

Fünften Avenue zum Broadway und andere Wege gefahren habe. Herr

Spoelmann aber habe auf außerordentliche Fahrgeschwindigkeit, die fast

der eines Eilzuges gleichgekommen sei, gehalten, und der ungeheuren

Anspannung, die solcherweise bei dem Getümmel von Neuyork von dem

Wagenlenker gefordert worden, sei dieser auf die Dauer nicht gewachsen

gewesen. Zwar habe sich niemals ein Unfall ereignet; der junge Mann habe

durchgehalten und mit gewaltiger Aufmerksamkeit seine todesgefährliche

Pflicht getan. Endlich aber sei es wiederholt geschehen, daß man ihn am

Ziele der Fahrt ohnmächtig vom Sitz habe heben müssen, und da habe es

sich gezeigt, in welcher übermäßigen Anstrengung er täglich gelebt habe.

Um ihn nicht entlassen zu müssen, habe Herr Spoelmann ihn zum

Leibchauffeur seiner Tochter ernannt, welchen leichteren Dienst er auch

an dem neuen Aufenthaltsort zu versehen fortfahre. Die Ähnlichkeit

zwischen Klaus Heinrich und ihm habe Imma festgestellt, als sie den

Prinzen zum ersten Male gesehen. Es sei natürlich keine Ähnlichkeit der

Züge, wohl aber eine solche des Ausdrucks. Die Gräfin habe sie zugegeben

... Klaus Heinrich sagte, daß er durchaus nichts gegen die Ähnlichkeit

einzuwenden habe, da der heldenmütige junge Mann seine volle Sympathie

besitze. Sie sprachen dann noch mehreres von dem schweren und

angespannten Dasein eines Chauffeurs, ohne daß die Gräfin Löwenjoul sich

weiter an diesem Gespräche beteiligte. Sie schwatzte nicht auf dieser

Fahrt, sondern sagte später mit frischen Bewegungen einige richtige und

klare Dinge.

Übrigens schien Herrn Spoelmanns Schnelligkeitsbedürfnis in gewissem

Grade auf seine Tochter übergegangen zu sein, denn jenen ausgelassenen

Galopp des ersten gemeinsamen Ausflugs wiederholte sie bei jeder neuen

Gelegenheit; und da Klaus Heinrich, durch ihren Spott erhitzt, dem

verstörten und von Mißbilligung erfüllten Florian das Äußerste zumutete,

um nicht zurückzubleiben, so erhielten diese Gewaltritte jedesmal einen

kampfartigen Charakter, wurden zu Wettrennen, die Imma Spoelmann stets

auf unvermutete und launenhafte Weise vom Zaune brach. Mehrere dieser

Kämpfe entspannen sich an jener einsamen, am Wasser hinlaufenden

Wiesenböschung, und einer besonders war langwierig und erbittert. Er

schloß sich an ein kurzes Gespräch über Klaus Heinrichs Popularität, das

von Imma Spoelmann ebenso unvermittelt eröffnet wie abgebrochen wurde.

Sie fragte plötzlich: »Habe ich recht gehört, Prinz, daß Sie so ungemein

beliebt sind bei der Bevölkerung? Daß alle Herzen Ihnen zuschlagen?«

Er antwortete: »Man sagt so. Irgendwelche Eigenschaften, die keine

Vorzüge zu sein brauchen, mögen der Grund sein. Übrigens weiß ich

durchaus nicht, ob ich es glauben oder mich gar darüber freuen soll. Ich

zweifle, ob es für mich spräche. Mein Bruder, der Großherzog, meint

geradezu, die Popularität sei eine Schweinerei.«

»Ja, der Großherzog muß ein stolzer Mann sein; ich achte ihn sehr. Da

stehen Sie dann im Dunst, und alles liebt Sie ... _go on!_« rief sie

plötzlich, ein scharfer Schlag mit der weißledernen Gerte traf Fatme,

die aufzuckte, und die Jagd begann.

Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin

verfolgt. Links hatte sich längst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen

und Grasbüschel stoben unter den Hufen auf. Die Gräfin war bald

zurückgeblieben. Als sie endlich die Pferde zügelten, zitterte Florian,

der sein Letztes getan hatte, und sie selbst waren bleich und atmeten

schwer. Der Rückweg verlief schweigsam. --

Am Nachmittag vor seinem diesjährigen Geburtstag sah Klaus Heinrich

Raoul Überbein bei sich auf »Eremitage«. Der Doktor kam, um seine

Gratulation darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein

würde. Sie gingen auf den Kieswegen im rückwärtigen Teil des Parkes

umher, der Oberlehrer in Gehrock und weißer Binde, Klaus Heinrich in

seiner Litewka. Das Gras stand reif zur Mahd unter der schrägen

Nachmittagssonne, die Linden blühten. In einem Winkel, dicht an der

Hecke, die den Grund von unschönen Vorstadtwiesen trennte, war ein

kleiner, morscher Borkentempel gelegen.

Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf »Delphinenort«, da dieser

Gegenstand ihm am nächsten lag; er erzählte anschaulich davon, ohne dem

Doktor tatsächliche Neuigkeiten mitteilen zu können, denn dieser zeigte

sich auf dem laufenden. Woher er das sei? -- Oh, aus verschiedenen

Quellen. Überbein habe nichts vor anderen voraus. -- Und also kümmere

man sich in der Residenz um diese Dinge? -- »Nein, behüte, Klaus

Heinrich, niemand denkt daran. Weder an die Ritte, noch an die

Teevisiten, noch an die Automobilfahrt. Dergleichen vermag natürlich

keine Zunge in Bewegung zu setzen.« -- »Aber wir sind so vorsichtig!« --

»=Wir= ist prächtig, Klaus Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. --

Übrigens läßt Exzellenz von Knobelsdorff sich genau über Ihre Taten

Bericht erstatten.« -- »Knobelsdorff? -- Knobelsdorff?« Klaus Heinrich

schwieg. -- »Und wie stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?«

fragte er dann. Nun, der alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung

genommen, in die Entwicklung der Dinge einzugreifen. -- Aber die

Öffentlichkeit? Die Leute? -- Ja, die Leute hielten natürlich den Atem

an. -- »Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor Überbein?!« -- »Ich warte auf

den Bowlendeckel«, erwiderte der Doktor.

»Nein!« rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. »Nein, es wird nichts

aus dem Bowlendeckel, Doktor Überbein, denn ich bin glücklich,

glücklich, was da auch kommen möge -- verstehen Sie das? Sie haben mich

gelehrt, daß das Glück nicht meine Sache sei, und haben mich bei den

Ohren wieder zu mir selbst gebracht, als ich es dennoch damit versuchte,

und ich war Ihnen unaussprechlich dankbar dafür, denn es war

schrecklich, schrecklich, und ich vergesse es nicht. Aber dies hier ist

kein Ausflug in den Tanzsaal des Bürgergartens, wovon man gedemütigt und

Übelkeit im Herzen zurückkehrt, es ist keine Verirrung und Entgleisung

und Erniedrigung. Sehen Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß

sie weder in den Bürgergarten gehört, noch zu den adeligen Fasanen, noch

irgendwohin sonst in der Welt als zu mir -- daß sie eine Prinzessin ist,

Doktor Überbein, und meinesgleichen, und daß also von Bowlendeckeln gar

nicht die Rede sein kann? Sie haben mich gelehrt, daß es liederlich sei,

zu behaupten, daß wir alle nur Menschen seien, und innerlich

hoffnungslos für mich, so zu tun, als ob es so sei, und ein verbotenes

Glück, das mit Schande enden müsse. Aber dies hier ist nicht das

liederliche und verbotene Glück. Es ist zum ersten Male das erlaubte und

innerlich hoffnungsvolle und glückselige Glück, Doktor Überbein, dem ich

mich guten Muts überlassen darf, was da auch kommen mag ...«

»Adieu, Prinz Klaus Heinrich«, sagte Doktor Überbein, ohne übrigens

schon aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hände auf dem Rücken und

den roten Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite

dahinzuwandeln.

»Nein«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, nicht adieu, Doktor Überbein -- das

ist es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer

gehabt haben und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich

ebenfalls stolz machten dadurch, daß Sie mich als Kameraden behandelten.

Ich will nun, wo ich das Glück gefunden habe, nicht bequemeren Sinnes

werden, sondern Ihnen treu bleiben und mir und meinem hohen Beruf ...«

»Wird nicht gegeben«, sagte Doktor Überbein auf lateinisch und

schüttelte seinen häßlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden

Ohren.

»Doch, Doktor Überbein, ich bin nun ganz sicher, daß es das gibt, beides

zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben

mir hergehen, wo ich so glücklich bin und obendrein der Vorabend meines

Geburtstags ist. Sagen Sie mir ... Sie haben so viele Einblicke getan

und sich in jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen -- aber haben

Sie denn niemals Erfahrungen gemacht in dieser Richtung ... Sie wissen

schon ... Sind Sie gar niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?«

»Hm«, sagte Doktor Überbein und kniff die Lippen zusammen, daß sein

roter Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten.

»Das könnte wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.«

»Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzählen Sie mir's, Doktor Überbein!

Heute müssen Sie mir's erzählen!«

Und da es eine ernste und still besonnte, auch vom Dufte der

Lindenblüten erfüllte Stunde war, so gab Raoul Überbein Auskunft über

einen Zwischenfall seiner Laufbahn, dessen er in früheren Berichten

niemals erwähnt hatte, und der gleichwohl vielleicht von entscheidender

Bedeutung für sein Leben gewesen war. Er hatte sich abgespielt zu jener

frühen Zeit, als Überbein die kleinen Strolche unterrichtet und nebenbei

für sich selbst gearbeitet, sich den Leibgurt enger gezogen und fetten

Bürgerkindern Privatstunden erteilt hatte, um sich Bücher kaufen zu

können. Immer die Hände auf dem Rücken und den Bart auf der Brust,

erzählte der Doktor in kurz angebundenem und scharfem Tone davon, indem

er zwischen den einzelnen Sätzen fest die Lippen zusammenpreßte.

Damals hatte das Schicksal ihn unaussprechlich fest mit einem Weibe

verbunden, einer schönen, weißen Frau, welche die Gattin eines

edelsinnigen und achtenswerten Mannes und Mutter dreier Kinder war. Er

war als Präzeptor der Kinder in das Haus gekommen, war aber später

häufiger Tischgast und Hausfreund geworden, und auch mit dem Manne hatte

er herzliche Empfindungen getauscht. Das zwischen dem jungen Lehrer und

der weißen Frau war lange unbewußt und länger noch stumm und unterhalb

aller Worte geblieben; aber es war im Schweigen erstarkt und übermächtig

geworden, und in einer Abendstunde, als der Gatte sich in Geschäften

verweilt hatte, einer heißen, süßen, gefährlichen Stunde, da war es in

Flammen ausgebrochen und hätte sie fast betäubt. So hatte denn nun ihr

Verlangen geschrien nach dem Glück, dem gewaltigen Glück ihrer

Vereinigung; allein hie und da, bemerkte Doktor Überbein, kamen in der

Welt anständige Handlungen vor. Sie waren sich zu schade gewesen, sagte

er, um den gemeinen und lächerlichen Weg des Betruges einzuschlagen; und

vor den arglosen Gatten »hinzutreten«, wie man wohl sagt, und sein Leben

zu zerstören, indem sie mit dem Rechte der Leidenschaft die Freiheit von

ihm forderten, war gleichfalls nicht ganz nach ihrem Geschmack gewesen.

Kurz, um der Kinder, um des guten und edlen Mannes willen, den sie

hochschätzten, hatten sie Verzicht geleistet und einander entsagt. Ja,

dergleichen kam vor, aber es war natürlich erforderlich, ein bißchen die

Zähne zusammenzubeißen. Überbein kam noch immer zuweilen in das Haus der

weißen Frau. Er speiste dort zu Abend, wenn seine Zeit es erlaubte,

spielte eine Partie Kasino mit den Freunden, küßte der Hausfrau die Hand

und sagte gute Nacht!... Aber nachdem er dies erzählt hatte, sagte er

das letzte, sagte es noch kürzer und schärfer als das vorige, während

sich noch öfter die Muskelballen an seinen Mundwinkeln bildeten. Damals

nämlich, als er und die weiße Frau Verzicht geleistet hatten, damals

hatte Überbein dem Glücke, der »Bummelei des Glücks«, wie er es seitdem

nannte, endgültig und auf immer Valet gesagt. Da er die weiße Frau nicht

gewinnen konnte oder wollte, hatte er sich zugeschworen, ihr Ehre zu

machen und dem, was ihn mit ihr verband, indem er es weit brachte und

sich groß machte auf dem Felde der Arbeit -- hatte sein Leben auf die

Leistung gestellt, auf sie allein, und war geworden, wie er war. -- Das

war das Geheimnis, war wenigstens ein Beitrag zur Lösung des Rätsels von

Überbeins Ungemütlichkeit, Überheblichkeit und Streberei. Klaus Heinrich

sah mit Bangen, wie außerordentlich grün sein Gesicht war, als er sich

mit tiefer Verbeugung verabschiedete und dabei sagte: »Grüßen Sie die

kleine Imma, Klaus Heinrich!«

Am nächsten Morgen nahm der Prinz im Gelben Zimmer die Glückwünsche

des Schloßpersonals und später diejenigen der Herren von

Braunbart-Schellendorf und von Schulenburg-Tressen entgegen. Im Laufe

des Vormittags fuhren die Mitglieder des großherzoglichen Hauses zur

Gratulation auf »Eremitage« vor, und um ein Uhr begab sich Klaus

Heinrich in seiner Chaise zum Familienfrühstück bei dem Fürsten und der

Fürstin zu Ried-Hohenried, unterwegs vom Publikum ungewöhnlich beifällig

begrüßt. Die Grimmburger waren vollzählig versammelt in dem zierlichen

Palais an der Albrechtsstraße. Auch der Großherzog kam im Gehrock,

grüßte alle mit dem schmalen Haupt, indem er mit der Unterlippe leicht

an der oberen sog, und trank Milch mit Mineralwasser vermischt zu den

Speisen. Fast unmittelbar nach beendetem Frühstück zog er sich zurück.

Prinz Lambert war ohne seine Gemahlin erschienen. Der alte Ballettfreund

war gefärbt, ausgehöhlt, schlottricht und besaß eine Grabesstimme. Er

wurde von den Verwandten bis zu einem gewissen Grade übersehen.

Unter Tafel drehte sich das Gespräch eine Weile um höfische

Angelegenheiten, dann um das Gedeihen der kleinen Prinzessin Philippine

und später fast ausschließlich um die großgewerblichen Unternehmungen

des Fürsten Philipp. Der zarte kleine Herr erzählte von seinen

Brauereien, Fabriken und Mühlen und namentlich von seinen

Torfstechereien, er schilderte Verbesserungen in den Betrieben, sprach

in Ziffern von Anlagen und Erträgnissen, und seine Wangen röteten sich,

während die Verwandten seiner Frau ihm mit neugierigen, wohlwollenden

oder spöttischen Mienen lauschten.

Als in dem großen Blumensalon der Kaffee genommen wurde, trat die

Fürstin mit ihrem vergoldeten Täßchen an ihren Bruder heran und sagte:

»Du hast uns aber vernachlässigt in letzter Zeit, Klaus Heinrich.«

Ditlindens herzförmiges Gesicht mit den Grimmburger Wangenknochen war

nicht ganz so durchsichtig mehr, es hatte ein wenig mehr Farbe gewonnen

seit der Geburt ihres Töchterchens, und ihr Haupt schien weniger schwer

an der Last ihrer aschblonden Flechten zu tragen.

»Habe ich euch vernachlässigt?« fragte er. »Ja, verzeih, Ditlinde, es

mag wohl sein. Aber ich war so sehr in Anspruch genommen, und dann wußte

ich ja, daß auch du es bist, denn nun hast du ja nicht mehr nur deine

Blumen zu warten.«

»Ja, die Blumen sind aus der Herrschaft verdrängt, sie machen mir nicht

viele Gedanken mehr. Es ist nun ein schöneres Leben und Blühen, das mir

zu schaffen macht, und ich glaube, ich habe so rote Backen davon

bekommen wie mein guter Philipp von seinem Torf (von dem er während des

ganzen Frühstücks gesprochen hat, was ich nicht loben will, aber es ist

seine Leidenschaft). Und da ich so wohlbeschäftigt und ausgefüllt war,

so bin ich dir auch nicht gram gewesen, daß du dich nicht sehen ließest

und deine eigenen Wege gingst, wenn sie mir auch ein bißchen

verwunderlich waren ...«

»Kennst du denn meine Wege, Ditlind?«

»Ja, leider nicht von dir. Aber Jettchen Isenschnibbe hat mich auf dem

laufenden gehalten -- du weißt, sie ist stets unterrichtet --, und

anfangs war ich heftig erschrocken, das leugne ich nicht. Aber

schließlich wohnen sie ja auf ›Delphinenort‹, und er hat einen Leibarzt,

und Philipp meint auch, in ihrer Art seien sie ebenbürtig. Ich glaube,

ich habe mich früher absprechend über sie geäußert, Klaus Heinrich, habe

etwas von ›Vogel Roch‹ gesagt, wenn ich mich recht erinnere, und einen

Scherz mit dem Worte ›Steuersubjekt‹ gemacht. Aber wenn du die Leute

deiner Freundschaft wert achtest, so habe ich mich eben geirrt und nehme

diese Äußerungen natürlich zurück und will versuchen, fortan anders über

sie zu denken, das verspreche ich dir ... Du hast immer gern gestöbert,«

fuhr sie fort, als er ihr lächelnd die Hand geküßt hatte, »und ich mußte

mit, und mein Kleid (weißt du noch? das rotsamtne), das hatte die Kosten

zu tragen. Nun stöberst du allein, und Gott gebe, daß du nichts

Häßliches dabei erfährst, Klaus Heinrich.«

»Ach, Ditlind, ich glaube eigentlich, daß es immer schön ist, was man

erfährt, ob gut, ob schlimm, aber es ist gut, was ich erfahre ...«

Um halb fünf Uhr verließ der Prinz aufs neue Schloß »Eremitage«, und

zwar auf seinem Dogcart, den er selbst kutschierte, Rücken an Rücken mit

einem Lakaien. Es war warm, und Klaus Heinrich trug weiße Beinkleider

zum zweireihigen Überrock. Nach beiden Seiten grüßend, fuhr er abermals

zur Stadt, genauer zum Alten Schloß, ließ aber das Albrechtstor liegen

und nahm seine Einfahrt in den Komplex durch einen Nebentorweg, legte

zwei Höfe zurück und hielt in demjenigen mit dem Rosenstock.

Alles war still und steinern hier; die Treppentürme mit ihren schrägen

Fenstern, schmiedeeisernen Balustraden und schönen Skulpturen ragten in

den Ecken empor, und in Licht und Schatten stand das verschiedenartige

Bauwerk umher, teils grau und verwittert, teils neueren Ansehens, mit

Giebeln und kastenartigen Ausladungen, mit offenen Loggien, Einblicken

durch weite Bogenfenster in gewölbte Hallen und gedrungenen

Säulengängen. In der Mitte aber, in seinem umgitterten Beet, stand der

Rosenstock und blühte, so sehr hatte das Jahr ihn begünstigt.

Klaus Heinrich gab die Zügel dem Diener, ging hin und betrachtete die

dunkelroten Rosen. Sie waren außerordentlich schön -- voll und

sammetähnlich, edel gebildet und wahre Kunstwerke der Natur. Mehrere

waren schon ganz erschlossen.

»Bitte, rufen Sie Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich zu einem

schnurrbärtigen Türhüter, der, die Hand am Dreispitz, herangetreten war.

Hesekiel kam, der Hüter des Rosenstocks. Es war ein Greis von siebzig

Jahren, in einer Gärtnerschürze, mit Triefaugen und gebeugtem Rücken.

»Haben Sie eine Schere bei sich, Hesekiel?« fragte Klaus Heinrich laut.

»Ich möchte eine Rose haben.« Und Hesekiel zog eine Gartenschere aus der

beutelartigen Tasche seiner Schürze.

»Die hier,« sagte Klaus Heinrich, »das ist die schönste.« Und mit

zitternden Händen durchschnitt der Alte den dornigen Stengel.

»Ich will sie besprengen, Königliche Hoheit«, sagte er und begab sich

mit schlürfenden Schritten in einen Winkel des Hofes zum Wasserhahn.

Schimmernde Tropfen hafteten, als er zurückkehrte, auf den Blättern der

Rose wie auf dem Gefieder von Wasservögeln.

»Danke, Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich und nahm die Rose. »Immer bei

Kräften? Hier!« Und er gab dem Greise ein Geldstück und bestieg den

Dogcart, fuhr, die Rose neben sich auf dem Sitz, über die Höfe und

kehrte nach der Meinung aller, die ihn sahen, vom Alten Schloß, wo er

wahrscheinlich eine Unterredung mit dem Großherzog gehabt hatte, nach

»Eremitage« zurück.

Er fuhr aber von dort durch den Stadtgarten nach »Delphinenort«. Der

Himmel hatte sich verdunkelt, große Tropfen fielen schon auf die Blätter

nieder, und in der Ferne donnerte es.

Die Damen saßen beim Tee, als Klaus Heinrich, von dem bauchigen Butler

geführt, in der Galerie erschien und die Stufen zum Gartensalon

hinabschritt. Herr Spoelmann war, wie gewöhnlich in letzter Zeit, nicht

anwesend. Er lag mit Breiumschlägen. Perceval, der in schneckenförmiger

Pose neben Immas Stuhle lag, schlug mehrmals grüßend mit dem Schweif auf

den Teppich. Die Vergoldung der Möbel war stumpf, denn hinter der

Glastür lag der Park im Wetterschatten.

Klaus Heinrich tauschte einen Händedruck mit der Tochter des Hauses und

küßte der Gräfin die Hand, indem er sie gleichzeitig sanft aus der

höfischen Verbeugung emporhob, in die sie ihrer Gewohnheit nach

versunken war. »Da ist es nun Sommer«, sagte er zu Imma Spoelmann und

bot ihr die Rose. Er hatte ihr noch niemals Blumen gebracht.

»Welche Ritterlichkeit!« sagte sie. »Danke, Prinz! Und sie ist schön!«

fuhr sie in aufrichtiger Bewunderung fort (während sie sonst nie etwas

lobte) und umfing das herrliche Blumenhaupt, dessen tauige Blätter an

den Rändern köstlich gerollt waren, mit ihren schmalen und schmucklosen

Händen. »Gibt es so schöne Rosen hier? Woher haben Sie sie?« Und sie

neigte durstig ihr schwarzbleiches Köpfchen darüber.

Königliche Hoheit: Roman · 第 13 / 18 题