Imma

Fräulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem

Abend des Tages, an welchem sie der Fürstin zu Ried die große Neuigkeit

überbracht hatte, veröffentlichte der »Eilbote« die Kunde von Samuel

Spoelmanns, des weltberühmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und

anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des

Jahres, in welchem Großherzog Albrecht sein zweiunddreißigstes, Prinz

Klaus Heinrich sein sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) --

kaum also, daß die öffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten

Höhepunkt zu erreichen -- vollzog sich diese Ankunft, ward schlichte

Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten, ganz unscheinbaren

Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein unendlich

denkwürdiges Datum erweisen sollte.

Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein -- darauf beschränkte sich

vorderhand die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn daß die

»Fürstenzimmer« des Hotels Quellenhof durchaus nicht von blendender

Pracht waren, wußte jedermann. Müßiges Publikum, überwacht von einem

kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte sich hinter der Perronsperre

eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen. Aber wer

Außerordentliches gewärtigt hatte, wurde enttäuscht. Spoelmann wäre fast

gar nicht erkannt worden, so wenig überwältigend war er. Längere Zeit

hielt man seinen Leibarzt für ihn, Doktor Watercloose -- so, sagte man,

hieß er --, einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen

Mund zwischen dem weißen geschorenen Backenbart beständig mild lächelnd

in die Breite zog und die Augen dabei schloß. Erst im letzten Augenblick

ward bekannt, daß vielmehr der Kleine, Rasierte im mißfarbenen Paletot

-- der, welcher im Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrückt trug,

der eigentliche Spoelmann sei, und die Zuschauer waren einig darin, daß

ihm nichts anzumerken sei. Fabelhafte Dinge waren über ihn im Umlauf

gewesen. Durch irgendeinen Spaßvogel war das Gerücht verbreitet und auch

gewissermaßen geglaubt worden, Spoelmann habe lauter goldene

Vorderzähne, und in jeden dieser goldenen Vorderzähne sei in der Mitte

ein Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit

dieser Behauptung nicht gleich zu prüfen war -- denn Spoelmann ließ

seine Zähne nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr

ärgerlich und durch seine Krankheit gereizt --, so glaubte angesichts

seiner Person sogleich kein Mensch mehr daran. Was aber Miß Spoelmann,

seine Tochter, betraf, so hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren

Taschen sie ihre Hände verbarg, hoch emporgeschlagen, so daß überhaupt

fast nichts von ihr zu sehen war als ein paar unverhältnismäßig großer

braunschwarzer Augen, die über die Menschenansammlung hin eine ernste,

fließende, aber nicht allgemeinverständliche Sprache führten. An ihrer

Seite befand sich die Persönlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame,

die Gräfin Löwenjoul erkannte, eine Frau von fünfunddreißig

Jahren, schlicht gekleidet und beide Spoelmanns an Körperlänge

überragend, die ihren kleinen Kopf mit dem spärlichen glatten

Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen starren

Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne Frage ein

schottischer Schäferhund, der von einem Diener mit stillem

Sklavengesicht an der Leine geführt wurde -- ein ungewöhnlich schönes,

aber, wie es schien, entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und

tänzelnd die Bahnhofshalle mit seinem exaltierten Gebell erfüllte.

Man sagte, daß ein paar Spoelmannsche Dienstboten männlichen und

weiblichen Geschlechts schon einige Stunden früher im Quellenhof

eingetroffen seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein

überlassen, das Gepäck zu besorgen; und während er es besorgte, fuhr

seine Herrschaft in zwei gemeinen Droschken -- Herr Spoelmann mit Doktor

Watercloose, Miß Spoelmann mit ihrer Gräfin -- zum Quellengarten hinaus.

Dort stiegen sie ab, und dort führten sie anderthalb Monate lang ein

Leben, das mit geringeren Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen

wäre.

Sie hatten Glück, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine

lange Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November,

und Miß Spoelmann ritt täglich -- das war der einzige Luxus, den sie

trieb -- mit ihrer Ehrendame spazieren, auf Pferden übrigens, die sie im

Tattersall wochenweise gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht,

obgleich der »Eilbote« mit deutlichem Hinblick auf ihn eine Notiz seines

medizinischen Mitarbeiters veröffentlichte, wonach das Reiten bei

Steinleiden infolge der Erschütterung lindernd wirke und den Abgang der

Steine befördere. Aber durch das Hotelpersonal wurde bekannt, daß der

berühmte Mann in seinen vier Wänden ein künstliches Reiten betrieb mit

Hilfe einer Maschine, eines feststehenden Velozipeds, dessen Sattel

durch das Treten der Pedale in schütternde Bewegung versetzt wurde.

Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er große

Stücke zu halten schien. In aller Frühe erschien er täglich im

Füllhause, begleitet von seiner Tochter, die übrigens ganz gesund war

und nur zur Gesellschaft mittrank, und bewegte sich dann in seinem

mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn durch den Kurgarten und die

Wandelhalle, indem er das Wasser aus dem bläulichen Glasbecher durch

eine gläserne Röhre zu sich nahm -- aus der Ferne beobachtet von den

beiden amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die gehalten waren, ihren

Blättern täglich tausend Worte über Spoelmanns Ferienaufenthalt zu

telegraphieren und also danach trachten mußten, Stoff zu gewinnen.

Sonst sah man ihn wenig. Sein Leiden -- Nierenkoliken, wie man sagte,

höchst schmerzhafte Anfälle -- schien ihn oft an das Zimmer, wenn nicht

ans Bett zu fesseln, und während Miß Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul

zwei- oder dreimal im Hoftheater erschien (wobei sie ein schwarzes

Sammetkleid und um die kindlichen Schultern ein indisches Seidentuch von

wundervollem Goldgelb trug, auch mit ihrem perlblassen Gesichtchen und

ihren großen, schwarzen und fließend redenden Augen sehr fesselnd

wirkte), wurde ihr Vater niemals bei ihr in der Loge gesehen. Er

unternahm zwar in ihrer Begleitung ein paar Streifzüge durch die

Residenz, um kleine Einkäufe zu machen, die Stadt in Augenschein zu

nehmen und einige innere Sehenswürdigkeiten zu besuchen; er spazierte

auch wohl mit ihr durch den Stadtgarten und besichtigte dort zweimal

Schloß Delphinenort -- das zweitemal allein, wobei er in seinem

Interesse so weit ging, mit einem gewöhnlichen gelben Meterstabe, den er

aus seinem mißfarbenen Paletot hervorzog, Messungen an den Wänden

vorzunehmen ... Aber nicht einmal im Speisesaal des Quellenhofes wurde

man seines Anblickes teilhaftig; denn entweder, weil er auf schmale,

fast fleischlose Kost gesetzt war oder aus anderen Gründen, speiste er

mit den Seinen ausschließlich in seinen Zimmern, und die Neugier des

Publikums erhielt im ganzen recht wenig Nahrung.

So kam es, daß Spoelmanns Ankunft dem Quellengarten vorderhand nicht in

dem Maße zum Nutzen gereichte, wie Fräulein von Isenschnibbe und mit ihr

viele Leute erwartet hatten. Der Flaschenversand nahm zu, das war

festzustellen; er stieg sehr rasch fast um die Hälfte seiner bisherigen

Ziffer und hielt sich dauernd auf dieser Höhe. Aber der Fremdenzuzug

steigerte sich nicht wesentlich; die Gäste, die eintrafen, um sich an

dem Anblick dieser ungeheuerlichen Existenz zu weiden, reisten bald

befriedigt oder enttäuscht wieder ab, und zudem waren es großenteils

nicht die besten Elemente, die von seiner Gegenwart angelockt wurden.

Sonderbare Köpfe tauchten in den Straßen auf, unfrisierte und wildäugige

Köpfe -- Erfinder, Plänemacher, verbohrte Menschheitsbeglücker, die

Spoelmann für ihre fixen Ideen zu gewinnen hofften. Aber der Milliardär

verhielt sich durchaus ablehnend gegen diese Leute, ja, einen von ihnen,

der sich im Stadtgarten an ihn machen wollte, schrie er, kirschbraun vor

Jähzorn, dermaßen an, daß der Wirrkopf sich eilig trollte, und mehrfach

wurde versichert, daß die Flut von Bettelbriefen, die täglich für ihn

einströmte -- Briefe die oft mit Marken beklebt waren, wie die Beamten

des großherzoglichen Postbureaus sie niemals zu Gesichte bekommen --,

geradeswegs in einen Papierkorb von seltenem Umfang geleitet werde.

Spoelmann schien sich alle geschäftlichen Mitteilungen verbeten zu

haben, schien entschlossen, seine Ferien gründlich zu genießen und

während dieser Europareise ausschließlich seiner Gesundheit -- oder

Krankheit -- zu leben. Der »Eilbote«, dessen Zuträger sich beeilt

hatten, mit den amerikanischen Berufsgenossen Freundschaft zu schließen,

wußte zu erzählen, daß ein zuverlässiger Mann, ein _chief manager_, wie

es hieß, Herrn Spoelmann drüben vertrat. Er erzählte ferner, daß seine

Jacht, ein prunkvoll eingerichtetes Schiff, den gewaltigen Mann in

Venedig erwarte, und daß er sich nach beendeter Trinkkur zunächst mit

den Seinen nach Süden zu wenden beabsichtige. Er erzählte auch -- und

kam damit einem drängenden öffentlichen Bedürfnis nach -- von der

abenteuerlichen Entstehung des Spoelmannschen Besitzstandes, von dem

Urbeginn im Lande Victoria, wohin sein Vater von irgendeinem deutschen

Kontorsessel aus gekommen war, ganz jung und arm und ausgestattet allein

mit einer Picke, einer Schaufel und einem zinnernen Teller. Dort hatte

er anfänglich als Gehilfe eines Goldgräbers gearbeitet, als Tagelöhner,

im Schweiße seines Angesichts. Und dann war das Glück gekommen. Einem

Manne, einem kleinen Grubenbesitzer, war es so schlecht gegangen, daß er

nicht einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen

hatte kaufen können, und in der größten Not hatte er seine Grube

veräußern müssen. Spoelmann der Ältere hatte sie gekauft, hatte sein

Alles auf eine Karte gesetzt und für sein ganzes Erspartes, bestehend

aus fünf Pfund Sterling, dies Stückchen Alluvialfeld, »Paradiesfeld«

genannt, nicht größer als vierzig Quadratfuß, käuflich erworben. Und

tags darauf hatte er anderthalb Handbreit unter der Oberfläche einen

Klumpen Reingold, den zehntgrößten der Welt, den »Paradise Nugget« von

neunhundertachtzig Unzen und fünftausend Pfund wert, zutage

gefördert ...

Das war, erzählte der »Eilbote«, der Anfang gewesen. Mit dem Erlös

seines Fundes war Spoelmanns Vater nach Südamerika übergesiedelt, ins

Land Bolivia, und als Goldwäscher, Amalgam-Mühlenbesitzer und

Bergwerksunternehmer hatte er fortgefahren, das gelbe Metall ohne Umwege

den Flüssen, dem Schoß des Gesteins zu entreißen. Damals und dort hatte

Spoelmann der Ältere sich vermählt -- und der »Eilbote« ließ eine

Bemerkung darüber einfließen, daß er es trotzigerweise und ohne

Rücksicht auf dortzuland herrschende Vorurteile getan habe. So aber

hatte er sein Kapital verdoppelt und auf unerhörte Art hatte er mit

seinem Pfunde zu wuchern verstanden. Er war gen Norden gewandert nach

Philadelphia im Staate Pennsylvanien. Das war in den fünfziger Jahren

gewesen, der Zeit lebhaften Aufschwungs im Eisenbahnbau, und Spoelmann

hatte seine Geschäfte mit einer Anlage in Aktien der Baltimore- und

Ohiobahn begonnen. Er hatte ferner im Westen des Staates ein

Kokskohlenlager bewirtschaftet, dessen Erträge bedeutend gewesen waren.

Aber dann hatte er zu jener Gruppe gottbegnadeter junger Leute gehört,

welche für einige tausend Pfund die berühmte Blockheadfarm erwarben --

jenes Landgütchen, das mit seiner Steinölquelle binnen kurzem das

Hundert- und aber Hundertfache seines Kaufpreises wert war ... Dies

Unternehmen hatte Spoelmann den Älteren reich gemacht, aber er hatte

sich keineswegs zur Ruhe begeben, sondern unablässig die Kunst geübt,

mit Geld mehr Geld und endlich überschwenglich viel Geld

hervorzubringen. Er hatte Stahlwerke geschaffen, hatte Gesellschaften

gebildet, die im größten Maßstabe die Umwandlung des Eisens in Stahl,

den Bau von Eisenbahnbrücken betrieben. Er hatte die Mehrzahl der Aktien

von vier oder fünf großen Eisenbahnkompanien an sich gebracht und war in

vorgerückten Jahren Präsident, Vizepräsident, Bevollmächtigter oder

Direktor dieser Gesellschaften gewesen. Bei der Begründung des

Stahltrusts, so erzählte der »Eilbote«, war er dieser Vereinigung

beigetreten, mit einem Aktienbesitz, der ihm allein schon eine jährliche

Einnahme von zwölf Millionen Dollar gewährleistete. Aber ebenso war er

Hauptaktionär und Aufsichtsrat des Petroleumzusammenschlusses gewesen,

hatte gleichzeitig kraft seines Anteilbesitzes über drei oder vier der

anderen Treuhandgesellschaften Vorherrschaft geübt. Und bei seinem Tode

hatte sein Vermögen, berechnet im Münzfuß hierzulande, eine runde

Milliarde betragen.

Samuel, sein einziger Sohn, erzeugt in jener zeitig geschlossenen und

auf irgendeine Weise vorurteilswidrigen Ehe, war sein einziger Erbe

gewesen -- und der »Eilbote«, feinsinnig wie er war, schaltete eine

Betrachtung darüber ein, wie doch etwas Wehmütiges in der Vorstellung

liege, daß jemand so ohne eigenes Zutun und gleichsam ohne Verschulden

sich durch Geburt in einer solchen Lebenslage finde. Samuel hatte den

Palast in der Fünften Avenue von Neuyork, die Schlösser auf dem Lande

und alle Aktien, Treuhandscheine und Gewinnanteile seines Vaters geerbt;

er erbte auch die abenteuerliche Vereinzelung des Lebens, zu der jener

emporgestiegen war, seinen Weltruhm und den Haß der benachteiligten

Menge gegen die aufgehäufte Macht des Geldes -- all den Haß, zu dessen

Besänftigung er jährlich die gewaltigen Schenkungen an Kollegien,

Konservatorien, Bibliotheken, Wohltätigkeitsanstalten und jene

Universität verteilte, die sein Vater gegründet hatte und die seinen

Namen führte.

Samuel Spoelmann trug ohne Verschulden den Haß der Benachteiligten, der

»Eilbote« versicherte es. Er war früh in die Geschäfte eingeführt

worden, hatte schon während der letzten Lebensjahre seines Vaters allein

die schwindelerregende Besitzmasse des Hauses verwaltet. Aber es war

allgemein bekannt, daß sein Herz niemals so recht und ganz bei den

Transaktionen gewesen war. Seine eigentliche Neigung hatte

sonderbarerweise vielmehr von jeher der Musik, und zwar der Orgelmusik,

gehört -- und diese Mitteilung des »Eilboten« war nachzuprüfen, denn in

der Tat hielt sich Mister Spoelmann auch im Quellenhof ein kleines

Pfeifenspiel, dessen Bälge er von einem Hausknecht des Hotels bedienen

ließ, und jeden Tag konnte man ihn vom Kurgarten aus darauf musizieren

hören.

Aus Liebe und ganz ohne geschäftliche Rücksichten, erzählte der

»Eilbote«, hatte er sich vermählt -- mit einem armen und schönen

Mädchen, halb deutsch, halb angelsächsisch ihrer Abkunft nach. Sie war

gestorben; aber sie hatte ihm eine Tochter zurückgelassen, dies

merkwürdige Blutgemisch von einem Mädchen, das wir nun ebenfalls in

unseren Mauern zu Gast hatten und das zur Zeit neunzehn Jahre alt war.

Sie hieß Imma -- ein kerndeutscher Name, wie der »Eilbote« hinzufügte,

nichts weiter als eine ältere Form von »Emma«; und leicht war denn auch

zu bemerken, daß, wenn auch englische Brocken mit unterliefen, die

tägliche Umgangssprache im Hause Spoelmann das Deutsche geblieben war.

Wie innig übrigens Vater und Tochter einander zu lieben schienen! Jeden

Morgen, wenn man sich rechtzeitig in den Quellengarten begab, konnte man

beobachten, wie Fräulein Spoelmann, die ein wenig später als ihr Vater

im Füllhause einzutreffen pflegte, seinen Kopf zwischen beide Hände nahm

und, während er sie zärtlich auf den Rücken klopfte, ihn zum Morgengruß

auf Mund und Wangen küßte. Dann gingen sie Arm in Arm durch die

Wandelhalle und sogen an ihren Glasröhren ...

So plauderte das wohlunterrichtete Blatt und nährte die öffentliche

Neugier. Es berichtete auch genau über die Besuche, die Miß Imma mit

ihrer Gesellschafterin liebenswürdigerweise mehreren städtischen

Wohltätigkeitsanstalten abstattete. Gestern hatten sie die Volksküche

eingehend besichtigt. Sie hatte heute einen aufmerksamen Rundgang durch

das Greisinnenhospital zum Heiligen Geist gemacht. Und nebenbei hatte

sie zweimal dem zahlentheoretischen Kollegium des Geheimrats Klinghammer

in der Universität beigewohnt -- hatte als Student unter Studenten auf

der Holzbank gesessen und mit ihrem Füllfederhalter eifrig

nachgeschrieben, denn bekanntlich war sie ein gelehrtes Mädchen und

oblag dem Studium der Algebra. Ja, das war fesselnd zu lesen und ergab

reichen Gesprächsstoff. Wer aber ganz ohne Zutun des »Eilboten« von sich

reden machte, das war erstens der Hund, jener edle, schwarzweiße

Colliehund, den Spoelmanns mitgebracht hatten, und zweitens auf andere

Art die Gesellschaftsdame, Gräfin Löwenjoul.

Den Hund angehend, der Perceval hieß (was englisch auszusprechen war)

und meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer

Erregbarkeit, einer Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung

spottete. Innerhalb des Hotels gab er keinen Grund zu Klagen, sondern

lag in vornehmen Posen auf einem kleinen Teppich vor den Spoelmannschen

Gemächern. Aber bei jedem Ausgang unterlag er Anfällen von

Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und Befremden, ja, mehr als

einmal wirkliche Verkehrsstörungen hervorriefen. In weitem Abstande

gefolgt von einem Schwarm einheimischer Hunde, gemeiner Köter, die,

durch sein Benehmen in Aufruhr versetzt, mit schimpfendem Gekläff hinter

ihm drein preschten und um die er sich übrigens nicht im geringsten

kümmerte, flog er, die Nase mit Schaum bespritzt und mit wild klagendem

Gebell durch die Straßen, führte wütende Kreiseltänze vor den Tramwagen

auf, brachte Droschkenpferde zu Fall und stürzte zweimal den Kuchenstand

der Witwe Klaaßen am Rathaus mit solcher Heftigkeit über den Haufen, daß

das süße Gebäck über den halben Marktplatz rollte. Da aber bei solchen

Unglücksfällen Herr Spoelmann oder seine Tochter sofort mit mehr als

angemessenen Entschädigungen einsprangen, da sich auch zeigte, daß

Percevals Zustände im Grunde ungefährlicher Natur waren, daß er nichts

weniger als bissig und rauflustig, sondern im Gegenteil unnahbar und

eben nur außer sich war, so wandte sich ihm rasch die Neigung der

Bevölkerung zu, und namentlich den Kindern waren seine Ausgänge eine

Quelle des Vergnügens.

Die Gräfin Löwenjoul ihrerseits gab auf stillere, aber nicht weniger

sonderbare Weise Anlaß zum Gerede. Anfänglich, als ihre Person und

Stellung in der Stadt noch unbekannt war, hatte sie sich das Gehänsel

der Gassenjugend zugezogen, indem sie, allein gehend, mit sanfter und

tiefsinniger Miene zu sich selber gesprochen und diese Selbstgespräche

mit lebhaftem und übrigens durchaus anmutigem und elegantem

Gebärdenspiel begleitet hatte. Aber den Kindern, die ihr nachgerufen und

sie am Kleide gezupft hatten, war sie mit solcher Milde und Güte

begegnet, hatte so liebreich und würdevoll zu ihnen gesprochen, daß die

Verfolger beschämt und verwirrt von ihr abgelassen hatten; und später,

als man sie kannte, verhinderte der Respekt vor ihrem Verhältnis zu den

berühmten Gästen, daß man sie belästigte. Unter der Hand jedoch waren

unverständliche Anekdoten über sie im Umlauf. Ein Mann erzählte, die

Gräfin habe ihm ein Goldstück eingehändigt mit dem Auftrage, eine

bestimmte alte Frau, die ihr irgendwelche unziemliche Anträge gemacht

haben sollte, zu ohrfeigen. Der Mann hatte das Goldstück eingesteckt,

ohne sich indessen seines Auftrages zu entledigen. Ferner wurde für wahr

berichtet, daß die Löwenjoul den Posten vor der Kaserne der

Leibfüsiliere angeredet und zu ihm gesagt habe, er müsse die Frau des

Feldwebels von der und der Kompanie ihrer sittlichen Verfehlungen halber

sogleich verhaften. Auch habe sie dem Obersten dieses Regiments einen

Brief geschrieben, des Inhalts, daß innerhalb der Kaserne allerlei

geheimnisvolle und unaussprechliche Greuel im Schwange seien. Gott

wußte, was für eine Bewandtnis es damit hatte. Manche leiteten

unmittelbar daraus ab, daß es der Gräfin im Kopfe fehle. Jedenfalls

hatte man keine Zeit, der Sache auf den Grund zu kommen, denn

unversehens waren sechs Wochen dahin, und Samuel N. Spoelmann, der

Milliardär, reiste ab.

Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte

malen lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels

»Quellenhof« zum Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter,

der Löwenjoul und Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped

und seiner Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Süden, um an der

Riviera, wohin ihm die beiden Neuyorker Zeitungsmänner vorausgeeilt

waren, den Winter zu verbringen und dann über den Ozean heimzukehren.

Alles war zu Ende. Der »Eilbote« rief Herrn Spoelmann ein aufrichtiges

Lebewohl nach und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Kur ihm wohl

anschlagen möge. Damit schien dieser merkwürdige Zwischenfall

beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein Recht. Man begann Herrn

Spoelmann zu vergessen.

Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Fürstin zu

Ried-Hohenried, Großherzogliche Hoheit, mit einem Töchterchen niederkam.

Auch der Frühling ging ins Land, und Seine Königliche Hoheit Großherzog

Albrecht begab sich gewohntermaßen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im

Publikum und in der Presse ein Gerücht auf, das von ruhig denkenden

Leuten anfangs mit Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt

annahm, sich festsetzte, sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete

und endlich als wirkliche und kernhafte Nachricht zur Herrschaft über

das tägliche Gespräch gelangte.

Was ging vor? -- Ein großherzogliches Schloß sollte verkauft werden. --

Das war Unsinn. Welches Schloß? -- Delphinenort. Schloß Delphinenort im

nördlichen Stadtgarten. -- Das war Narrengeschwätz. Verkauft? An wen? --

An Spoelmann. -- Lächerlich. Was sollte er damit anfangen? -- Es

wiederherstellen und bewohnen. -- Sehr einfach. Aber vielleicht hatte

unser Landtag ein wenig in solche Angelegenheit dreinzureden. -- Den

Landtag kümmerte das gar nicht. Hatte etwa der Staat eine

Unterhaltungspflicht an Schloß Delphinenort? Dann hätte es hoffentlich

besser ausgesehen um das schöne Ding. Und also hatte der Landtag =nicht=

dreinzureden. -- Die Verhandlungen waren wohl allgemein weit

vorgeschritten? -- Allerdings. Denn sie waren abgeschlossen. -- Ei, und

so war man denn natürlich wohl gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu

nennen? -- Aufzuwarten. Der Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller

und Pfennig. -- Unmöglich! Ein Kronbesitz! -- Kronbesitz hin und her.

Handelte es sich um die Grimmburg? Ums Alte Schloß? Es handelte sich um

ein Lustschloß, ein ewig unbenütztes, aus Geldmangel rettungslos

verkommendes Lustschloß. -- Und Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr

wiederzukommen und einige Wochen in Delphinenort zu wohnen? -- Nein.

Denn er beabsichtigte vielmehr, ganz und gar zu uns überzusiedeln. Er

war Amerikas müde, wollte Amerika den Rücken kehren, und sein erster

Aufenthalt bei uns war nichts als eine Auskundschaftung gewesen. Er war

krank, er wollte sich von den Geschäften zurückziehen. Er war in seinem

Herzen immer ein Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert, und

der Sohn wollte heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensführung,

den geistigen Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in

unmittelbarer Nähe der Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!

Verblüffung, Getümmel und endlose Disputationen. Aber die öffentliche

Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame, nach

kurzem Schwanken in Begeisterung für den Verkaufsplan auf, und sicher

hätte ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache überhaupt gar weit

nicht gedeihen können. Hausminister von Knobelsdorff war es gewesen, der

eine erste behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen Angebots in die

Tagespresse gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den Volkswillen

sich entscheiden lassen. Und nach der ersten Verwirrung hatten starke

Gründe in Fülle sich eingefunden, die für das Projekt sprachen. Die

Geschäftswelt brach in Beifall aus bei dem Gedanken, den gewaltigen

Abnehmer dauernd am Platze zu sehen. Die Schöngeister zeigten sich

entzückt in der Aussicht, daß Schloß Delphinenort wiederhergestellt und

erhalten -- daß dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-, ja

abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber

die staatswirtschaftlich Denkenden führten Ziffern ins Feld, die, wie im

Lande die Dinge lagen, tiefe Erschütterung hervorrufen mußten. Wenn

Samuel N. Spoelmann sich bei uns niederließ, so wurde er Steuersubjekt,

so war er gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht

fand man es der Mühe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig

klarzumachen? Es würde Herrn Spoelmann überlassen bleiben, sich

einzuschätzen; aber nach allem, was man =wußte= -- mit annähernder

Genauigkeit wußte --, würde dieser Einwohner eine Steuerquelle von zwei

Millionen und einer halben alljährlich darstellen, wobei allein die

Staatssteuern und noch nicht einmal die Gemeindesteuern in Rechnung

gezogen waren. Kam das in Betracht für uns oder nicht? Und zwar richtete

man diese Frage ganz unmittelbar an den Herrn Finanzminister Doktor

Krippenreuther. Wenn dieser Beamte nicht alles tat, um die Einwilligung

der höchsten Person zu dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er

pflichtvergessen. Denn es war ein Gebot der Vaterlandsliebe, auf

Spoelmanns Anerbieten einzugehen, damit er sich so recht nach Gefallen

bei uns einrichten konnte, und alle Bedenken erschienen nichtig

gegenüber diesem ernsten Gebot.

So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Großherzog Vortrag gehabt. Er

hatte seinem Herrn über die öffentliche Stimmung berichtet; hatte

hinzugefügt, daß zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert

des Schlosses in seinem jetzigen Zustand beträchtlich übertreffe; hatte

angemerkt, daß diese Einkunft für die Hof-Finanzdirektion eine wahre

Labsal bedeuten würde; und hatte schließlich etwas von der

Zentralheizung für das Alte Schloß einfließen lassen, die, wenn der

Verkauf zustande käme, nicht länger ein Ding der Unmöglichkeit sein

werde. Kurz, der unbefangene alte Herr hatte seinen ganzen Einfluß für

den Verkauf eingesetzt und dem Großherzog nahegelegt, die Sache vor

einen Familienrat zu bringen. Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe

an der oberen gesogen und den Familienrat einberufen. Derselbe war im

Rittersaal zusammengetreten, und es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben.

Nur zwei weibliche Mitglieder, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde,

waren gegen den Verkauf gewesen, und zwar aus Gründen der Würde. »Man

wird dich mißverstehen, Albrecht!« hatte Ditlinde gesagt. »Man wird es

dir als Mangel an Hoheitsbewußtsein auslegen, und das ist nicht richtig,

denn du hast im Gegenteil zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, daß

dir alles ganz einerlei ist. Aber ich sage nein. Ich wünsche nicht, daß

in einem von deinen Schlössern ein Vogel Roch wohnt, das ist nicht

schicklich, und es genügt ja, daß er einen Leibarzt hat und die

Fürstenzimmer vom Quellenhof in Anspruch nahm. Der »Eilbote« sagt immer,

daß er ein Steuersubjekt ist, aber in meinen Augen ist er ganz einfach

ein Subjekt und weiter nichts. Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?«

-- Aber Klaus Heinrich stimmte für den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht

die Zentralheizung, und dann sei Spoelmann nicht irgendeiner, er sei

nicht Seifensieder Unschlitt, er sei ein Sonderfall, und es sei keine

Schande, ihm Delphinenort zu überlassen. Schließlich hatte Albrecht mit

niedergeschlagenen Augen erklärt, der ganze Familienrat sei im Grunde

»Affentheater«. Das Volk habe längst entschieden, seine Minister drängen

auf den Verkauf, und es bleibe ihm gar nichts anderes übrig, als wieder

einmal auf den Bahnhof zu gehen und zu winken.

Der Familienrat hatte im Frühling getagt. Von nun an hatten die

Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem

Oberhofmarschall Herrn von Bühl zu Bühl andererseits geführt wurden,

raschen Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit

vorgeschritten, als Schloß Delphinenort mit Park und Nebengebäuden Herrn

Spoelmanns rechtmäßiges Eigentum war.

Da begann ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit um das Schloß und in

seinem Innern, daß täglich viele Leute in den nördlichen Teil des

Stadtgartens gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward

innerlich umgebaut zu einem Teil, und zwar mit außerordentlichem

Aufgebot an Arbeitskräften. Denn schnell, schnell mußte es gehen, das

war Spoelmanns Wille, und kaum fünf Monate hatte er Frist gegeben, bis

daß alles zu seinem Einzug bereit sein mußte. So wuchs mit Windeseile

ein Holzgerüst mit Treppen und Plattformen um das schadhafte

Prachtgebäude empor, ausländische Arbeiter bevölkerten es von oben bis

unten, und ein Architekt kam mit Vollmachten über den Ozean herbei, um

die Oberleitung des Ganzen zu übernehmen. Aber der Aufgabe größter Teil

fiel doch unserem Handwerksfleiße zu, und die Steinmetzen und

Dachdecker, die Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger

der Residenz, die Gartenkünstler und Werkmeister für Heizungsanlagen und

Beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und

Herbst. Wenn Seine Königliche Hoheit Klaus Heinrich auf »Eremitage« die

Fenster geöffnet hielt, so drang der Schall des Treibens dort drüben bis

in seine Empirestuben, und mehrmals ließ er sich, vom Publikum

ehrerbietig begrüßt, in seiner Chaise an Schloß Delphinenort

vorüberfahren, um sich von den Fortschritten des Erneuerungswerkes zu

überzeugen. Das Gärtnerhäuschen ward aufgefrischt, die Ställe und

Remisen, die den Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark aufnehmen

sollten, wurden erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles

ausgeladen an Möbeln und Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und

Hausrat vor Schloß Delphinenort, während sich unter den Umstehenden die

Kunde verbreitete, daß dort drinnen kundige Hände geschäftig seien,

Spoelmanns über das Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem

Triebwerk aufzurichten. Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der

zum Schlosse gehörte und so prächtig gesäubert und hergerichtet wurde,

gegen den Stadtgarten durch Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden.

Aber nichts dergleichen geschah. Der Besitz sollte zugänglich bleiben,

die Bewegungsfreiheit der Hauptstädter im Grünen nicht eingeschränkt

werden -- so wollte es Spoelmann. Bis dicht an das Schloß, bis an die

beschnittenen Hecken, die das große viereckige Wasserbassin einsäumten,

sollten die sonntäglichen Spaziergänger Zutritt haben -- und das

verfehlte nicht, den besten Eindruck in der Bevölkerung zu machen, ja,

der »Eilbote« veröffentlichte einen besonderen Artikel darüber, worin er

Herrn Spoelmann für seine freisinnige Maßnahme pries.

Und siehe da: als wieder die Blätter fielen, genau ein Jahr nach seiner

ersten Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem

Bahnhof ein. Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis

weit größer als voriges Jahr, und es ist verbürgt, daß, als Herr

Spoelmann in dem bekannten mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn

seinen Salonwagen verließ, lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer

erschollen -- Kundgebungen, über die Herr Spoelmann sich übrigens eher

zu ärgern schien, und für die statt seiner Doktor Watercloose dankte,

indem er seinen Mund mild lächelnd in die Breite zog und die Augen

schloß. Auch als Miß Spoelmann ausstieg, wurde ein Hoch ausgebracht, und

ein paar Spaßvögel riefen sogar hurra, als Percy, der Colliehund,

bebend, tänzelnd und vollständig außer sich auf dem Bahnsteig erschien.

Außer dem Arzt und der Gräfin Löwenjoul befanden sich zwei noch

unbekannte Personen in der Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte

und entschlossen blickende Herren in auffallend weiten Paletots. Es

waren Herrn Spoelmanns Sekretäre, die Herren Phlebs und Slippers, wie

der »Eilbote« in seinem Bericht bemerkte.

Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns

bezogen zunächst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein

großer, bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche

Haushofmeister oder _butler_, der vor ihnen eingetroffen war, für sie

Quartier gemacht und eigenhändig das Stubenveloziped aufgestellt hatte.

Täglich, während Miß Imma mit ihrer Gräfin und Percy spazierenritt oder

Wohltätigkeitsanstalten besichtigte, weilte Herr Spoelmann in seinem

Hause, um die Arbeiten zu überwachen und Anordnungen zu treffen; und als

das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz nachdem der erste Schnee

gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen Spoelmanns in Schloß

Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie kürzlich anlangen sehen

-- herrliche Fahrzeuge, von Riesenkräften mit zart metallischem Rauschen

dahingetrieben) trugen die sechs Personen -- denn in dem zweiten saßen

die Herren Phlebs und Slippers --, gelenkt von in Leder gekleideten

Chauffeuren, neben denen mit verschränkten Armen Bediente in

schneeweißen Pelzmänteln saßen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel

durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee

durchflogen, die in die Auffahrt mündete, da hingen an den hohen

Lampenträgern, welche an allen vier Ecken des großen Brunnenbassins

aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre

Mützen ...

So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansässig, und seine

Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte seine

weißgoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen

großherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plüsch

gekleidete Neger, der als Türhüter vor dem Portal von Delphinenort Wache

hielt, war bald eine volkstümliche Gestalt; und wenn man am Schlosse

vorüberspazierte und das gedämpfte Brausen von Herrn Spoelmanns

Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte:

»Horch, er spielt. Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.«

Täglich sah man Miß Imma an der Seite der Gräfin Löwenjoul, gefolgt von

einem Reitknecht und umlärmt von dem rasenden Percy, spazierenreiten

oder ein prächtiges _Four-in-hand_-Gespann eigenhändig durch den

Stadtgarten lenken -- wobei der Bediente, der auf dem Rücksitz des

leichten Wagens saß, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem

Lederfutteral eine lange silberne Trompete zog und mit hellem Schall das

Nahen des Gefährtes verkündete; und wenn man früh aufstand, konnte man

jeden Morgen Vater und Tochter in einem dunkelrot lackierten Coupé oder

bei schönem Wetter zu Fuße sich durch den Parkgrund von Schloß

»Eremitage« zum Quellengarten begeben sehen, um den Brunnen zu trinken.

Was Imma betraf, so nahm sie, wie erwähnt, ihre Besichtigungen der

städtischen Wohltätigkeitsanstalten wieder auf, schien aber darüber ihre

Wissenschaft nicht zu vernachlässigen, denn seit dem Beginne des

Studienhalbjahres besuchte sie regelmäßig die Vorlesungen des Geheimrats

Klinghammer in der Universität -- saß täglich in einem schwarzen Kleid

mit weißem Umlegekragen und Manschetten unter den jungen Leuten im

Hörsaal und führte mit hochaufgesetztem und eingedrücktem Zeigefinger --

dies war ihre Schreibart -- die Füllfeder über die Seiten ihres

Kollegheftes. Spoelmanns lebten zurückgezogen, sie pflogen keinen

Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn Spoelmanns Krankheit als

auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine Erklärung fand.

Welcher Gesellschaftsgruppe hätte er sich anschließen sollen? Niemand

mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor

Wolfsmilch auf vertrauten Fuß zu treten. Wohl aber näherte man sich ihm

bald mit Ansprüchen an seine Mildtätigkeit und wurde nicht abgewiesen.

Denn Herr Spoelmann, der, wie man wußte, vor seiner Abreise von Amerika

der Behörde für den öffentlichen Unterricht in den Vereinigten Staaten

eine gewaltige Summe Dollars überwiesen, auch die bindende Versicherung

abgegeben hatte, seine jährlichen Zuwendungen an die Spoelmann-Universität

und die übrigen Bildungsinstitute keineswegs einzustellen

-- er zeichnete bald nach seinem Einzuge in »Delphinenort«

zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-Kinderhospitals, für das gerade

gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren Hochherzigkeit der »Eilbote«

und die übrige Presse in warmen Worten zu würdigen wußte. Ja, obwohl

Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten, so eignete ihrem

Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse

Öffentlichkeit, und mindestens im örtlichen Teil der Tagesblätter wurde

ihr Wandel mit nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der

Mitglieder des großherzoglichen Hauses. Das Publikum wurde unterrichtet

davon, wenn Miß Imma mit der Gräfin und den Herren Phlebs und Slippers

eine Partie Tennis im Park von »Delphinenort« gespielt hatte, es war auf

dem laufenden darüber, wann sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch

ihr Vater dabeigewesen war, um anderthalb Aufzüge einer Oper anzuhören;

und wenn Herr Spoelmann der Neugier auswich, wenn er während der

Theaterpause niemals seine Loge verließ und sich fast niemals zu Fuß in

den Straßen blicken ließ, so war er doch offenbar nicht ohne Sinn für

die darstellerischen Verpflichtungen, die ein außerordentliches Dasein

auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich war der Park von

»Delphinenort« nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine Mauer

trennte das Schloß von der Welt. Von der Rückseite zumal konnte man über

die Rasenflächen bis dicht an den Fuß der breiten gedeckten Terrasse

vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man

durch die große Glastür geradeswegs in den hohen, weißgoldenen

Gartensalon blicken, woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fünf Uhr

den Tee nahm. Ja, als die schöne Jahreszeit eintrat, da wurde die

Teestunde draußen auf der Terrasse abgehalten, und wie auf einer Bühne

saßen Herr und Fräulein Spoelmann, die Löwenjoul und Doktor Watercloose

in neuartig geformten Korbstühlen und tranken öffentlich Tee. Denn am

Sonntag wenigstens fehlte es niemals an Publikum, das aus einiger

ehrerbietiger Entfernung das Schauspiel genoß. Man zeigte einander den

großen silbernen Teekessel, der, was man noch niemals gesehen,

elektrisch geheizt wurde, und die wundersamen Livreen der beiden

Bedienten, die die Tassen und Konfitüren darreichten: weiße,

hochgeschlossene und goldbetreßte Fräcke, die an den Kragen, den Ärmeln,

den Säumen mit Schwan besetzt waren. Man horchte auf das

englisch-deutsche Gespräch und verfolgte mit offenen Mündern jede

Bewegung der merkwürdigen Familie dort oben. Dann ging man hinüber vors

Hauptportal, um dem bordeauxroten Plüschmohren ein paar Scherze im

Volksdialekt zuzurufen, die jener mit weißem Grinsen beantwortete ...

Klaus Heinrich sah Imma Spoelmann zum erstenmal an einem heiteren

Wintertage mittags um zwölf. Damit ist nicht gesagt, daß er sie nicht

vorher schon manches Mal im Theater, auf der Straße, im Stadtpark

=erblickt= hätte. Aber das ist etwas anderes. Er sah sie zum erstenmal

um diese Mittagsstunde, und zwar unter lebhaften Umständen.

Er hatte bis halb zwölf Uhr im Alten Schlosse »Freiaudienzen« erteilt

und war nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schloß »Eremitage«

zurückgekehrt, sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem

Coupé in einem der Höfe zu warten, indes er mit den diensttuenden

Offizieren des Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette

rauchen wollte. Da er die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein

persönlicher Adjutant angehörte, so gab er sich Mühe, den Schein einer

gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in

ihrem Kasino und leistete ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf

der Hauptwache Gesellschaft, obgleich er dunkel vermutete, daß er eher

störend wirke, indem er die Herren davon abhielt, Karten zu spielen und

unanständige Geschichten zu erzählen. Er stand also, den gewölbten

Silberstern des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem

Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, mit Herrn

von Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekündigt

hatte, in der Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses,

ganz nahe beim Albrechtstor gelegen war -- unterhielt ein nichtssagendes

Gespräch mit zwei oder drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes,

während eine weitere Gruppe von Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster

plauderte. Weil draußen so warm die Sonne schien, hatte man das Fenster

geöffnet, und von der Kaserne her näherte sich die Albrechtsstraße

herauf zu Musik und Paukenschlag der Marschschritt der aufziehenden

Ablösung. Es schlug zwölf von der Hofkirche. Man hörte draußen den

Unteroffizier mit heiserer Stimme sein »Angetreten!« in die

Mannschaftsstube rufen, hörte das Getrappel der zu ihren Gewehren

eilenden Grenadiere. Publikum versammelte sich auf dem Platze. Der

Leutnant, der das Kommando zu führen hatte, gürtete hurtig den Säbel um,

schlug vor Klaus Heinrich die Absätze zusammen und ging hinaus. Da

plötzlich rief Leutnant von Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt

hatte, mit jener ein wenig falschen Unmittelbarkeit, die zum Ton

zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren gehörte: »Teufel auch, wollen

Königliche Hoheit was Feines sehen? Da kommt die Spoelmann vorbei, mit

ihrer Algebra unterm Arm ...« Klaus Heinrich trat an das Fenster. Miß

Imma kam zu Fuß und allein von rechts auf dem Bürgersteig daher. Beide

Hände in ihrem großen, mappenartigen Muff, dessen lang hinabhängende

Decke mit Schwänzchen besetzt war, hielt sie mit einem Unterarm ihr

Kollegienheft an sich gedrückt. Sie trug eine lange Jacke aus glänzendem

Schwarzfuchspelz und eine Mütze aus dem gleichen Rauchwerk auf ihrem

dunklen, fremdartigen Köpfchen. Sie kam von »Delphinenort« offenbar und

sputete sich, die Universität zu erreichen. Sie gelangte vor die

Hauptwache in dem Augenblick, als die Ablösungsmannschaft gegenüber der

Wachtmannschaft, die in zwei Gliedern und Gewehr bei Fuß die Höhe des

Bürgersteiges besetzt hielt, im Rinnstein aufmarschierte. Sie mußte

unbedingt umkehren, das Musikkorps und die Zuschauermenge umgehen, ja,

wenn sie den offenen Platz mit seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem

ringsherum führenden Fußsteig einen ziemlich weiten Bogen beschreiben

oder das Ende der militärischen Verrichtung erwarten. Sie machte zu

keinem von beidem Miene. Sie schickte sich an, auf dem Bürgersteige vorm

Schloß zwischen den Gliedern hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der

heiseren Stimme sprang vor. »Kein Durchgang!« schrie er und hielt den

Kolben seines Gewehrs vor sich hin. »Kein Durchgang! Umkehren!

Abwarten!« Da aber wurde Miß Spoelmann zornig. »Was fällt Ihnen ein!«

rief sie. »Ich habe Eile!!« Aber diese Worte besagten wenig im Vergleich

mit dem Nachdruck aufrichtigster, leidenschaftlichster,

unwiderstehlichster Entrüstung, mit dem sie hervorgestoßen wurden. Wie

klein und seltsam sie war! Die blonden Soldaten, unter denen sie stand,

überragten sie wohl um doppelte Haupteslänge. Ihr Gesichtchen war bleich

wie Wachs in dieser Minute, ihre schwarzen Brauen bildeten über der

Nasenwurzel eine schwere und ausdrucksvolle Zornesfalte, die Löcher

ihres unbestimmt gebildeten Näschens waren kreisrund geöffnet, und ihre

Augen, tiefschwarz vor Erregung und übergroß, führten eine dermaßen

eindringliche, hinreißend fließende Sprache, daß keine Einrede möglich

schien. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Und dabei

schob sie mit der Linken den Kolben mitsamt dem verdutzten Unteroffizier

beiseite und ging mitten zwischen den Gliedern hindurch -- ging

geradeaus ihres Weges, bog linker Hand in die Universitätsstraße und

entschwand den Blicken.

»Verdammt!« rief Leutnant von Sturmhahn. »Da sind wir schön angekommen!«

Die Offiziere am Fenster lachten. Auch draußen unter den Zuschauern

herrschte viel Heiterkeit, die übrigens unbedingt beifällig klang. Klaus

Heinrich stimmte in die allgemeine Fröhlichkeit ein. Die Ablösung

vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklängen. Klaus

Heinrich kehrte nach »Eremitage« zurück.

Er frühstückte ganz allein, unternahm nachmittags einen Spazierritt auf

seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in großem Kreise beim

Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzählte er mit

heiter bewegter Stimme den Auftritt vor der Schloßwache, und sie zeigten

sich hingerissen von seiner Erzählung, obgleich die Geschichte sofort

die Runde gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nächsten Tage

mußte er verreisen, da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier

zur Einweihung der neuen Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt

hatte. Aus irgendwelchen Gründen fuhr er ungern, verließ er nur mit

Widerstreben die Residenz. Ihm schien es so, als ob er eine wichtige,

freudige, auch wohl beunruhigende Angelegenheit zurückließe, die

eigentlich aufs dringlichste seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war

sein hoher Beruf wohl das Wichtigere. Aber während er fest und glänzend

gekleidet auf seinem Ehrenstuhl in der Stadthalle saß und der

Bürgermeister die Festrede hielt, war Klaus Heinrich nicht

ausschließlich darauf bedacht, wie er sich den Blicken der Menge

darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener neuen und

dringlichen Angelegenheit beschäftigt. Vorübergehend dachte er auch an

eine Person, deren flüchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren einmal

gemacht, an Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders -- eine

Erinnerung, die in gewissem Zusammenhang mit der dringlichen

Angelegenheit stand.

Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite -- ging

ganz allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der großen,

blonden Grenadiere. Wie perlblaß ihr Gesichtchen war gegen das schwarze

Haar unter der Pelzmütze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr.

Ihr Vater war krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schloß aus dem

Kronbesitz erworben. Wie war das noch, was der »Eilbote« über seinen

unverschuldeten Weltruhm und die »abenteuerliche Vereinzelung seines

Lebens« gesagt hatte? Er trage den Haß der benachteiligten Menge -- so

ähnlich hatte der Artikel sich ausgedrückt. Übrigens waren ihre

Nasenlöcher kreisrund gewesen vor Entrüstung. Niemand glich ihr, niemand

weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie damals auf dem

Bürgerball gewesen wäre? So hätte er eine Gefährtin gehabt, hätte sich

nicht verirrt, und der Abend hätte nicht in Schimpf und Schande geendet.

»Herunter, herunter, herunter mit ihm!« O pfui! Laß das noch einmal

sehen, wie sie so schwarzbleich und fremdartig durch die Gasse der

blonden Soldaten ging.

Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich während der nächsten Tage

bei sich bewegte -- nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich

war es zum Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen

zu verlangen. Aber alles in allem erschien es ihm mehr als

wünschenswert, daß er sehr bald und womöglich noch heute das perlblasse

Gesichtchen wiedersähe.

Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper »Zauberflöte« spielte.

Und als er von seiner Loge aus Fräulein Spoelmann neben der Gräfin

Löwenjoul vorn auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum

Grund seines Herzens. Während des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel

durch sein Glas betrachten, da das Licht von der Bühne auf sie fiel. Sie

ließ ihr Köpfchen in der schmalen, ungeschmückten Hand ruhen, indem sie

unbekümmert den bloßen Arm auf die Sammetbrüstung stützte, und sah nicht

mehr entrüstet aus. Sie trug ein Kleid aus seegrüner glänzender Seide

mit lichtem Überwurf, in den farbige Blumensträuße gestickt waren, und

um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden Diamanten.

Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand Klaus

Heinrich, als sie am Aktschluß aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen

Gepräge des Köpfchens und der Schmalheit ihrer bräunlichen Schultern,

daß sie so wie ein kleines Mädchen erschien. Ihre Arme waren

wohlausgebildet, und man konnte sehen, daß sie Sport trieb und Pferde

zügelte. Aber vom Handgelenk wurde auch der Arm wie der eines Kindes.

Als die Dialogstelle gesprochen wurde: »Er ist ein Prinz. Er ist mehr

als das«, spürte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor Überbein zu

plaudern. Doktor Überbein sprach zufällig am nächsten Tage auf

»Eremitage« vor: in schwarzem Gehrock mit weißer Krawatte, wie immer,

wenn er Klaus Heinrich besuchte. Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die

Geschichte von der Hauptwache schon gehört habe? Ja, antwortete Doktor

Überbein, die habe er mehrfach gehört. Aber wenn Klaus Heinrich sie ihm

noch einmal erzählen wolle ... »Nein, wenn Sie sie kennen«, sagte Klaus

Heinrich enttäuscht. Dann kam Doktor Überbein auf etwas völlig anderes.

Er fing an von Operngläsern zu sprechen und betonte, daß das Opernglas

doch eine ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider fern

sei, nicht wahr? es schlage Brücken zu angenehmen Zielen. Was Klaus

Heinrich meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb

zuzustimmen. Und er solle ja gestern abend, wie man erzähle, recht

ausgiebig von dieser schönen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der

Doktor. Das konnte Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor

Überbein: »Nein, hören Sie mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie

werden angestarrt, und die kleine Imma wird angestarrt, das genügt. Wenn

nun aber Sie auch noch die kleine Imma anstarren, so ist das zuviel. Das

müssen Sie doch einsehen?«

»Ach, Doktor Überbein, ich habe nicht daran gedacht.«

»Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.«

»Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute«, sagte Klaus Heinrich.

Doktor Überbein lehnte sich zurück, ergriff seinen roten Bart in der

Nähe der Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkörper.

»So? Ist Ihnen?« fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.

Klaus Heinrich sagte: »Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur

Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen muß ich die

Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann kommt

das Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar keine

Lust zu repräsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem sogenannten

hohen Beruf.«

»Das höre ich ungern!« sagte Doktor Überbein scharf.

»Ja, ich konnte mir denken, daß Sie böse werden würden, Doktor Überbein.

Sie nennen es gewiß eine Schlamperei. Und dann werden Sie gewiß von

›Schicksal und Strammheit‹ reden, wie ich Sie kenne. Aber gestern in der

Oper habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und mich

gefragt, ob Sie eigentlich so ganz recht hätten in manchen Punkten ...«

»Hören Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere

Königliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich

selber gebracht ...«

»Das war etwas anderes, Doktor Überbein. Ach wenn Sie doch einsähen, daß

das etwas ganz und gar anderes war! Das war im ›Bürgergarten‹, aber der

liegt so weit zurück, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie

ist ja selbst ... Sehen Sie, Sie haben mir früher manchmal erklärt, was

Sie unter ›Hoheit‹ verstünden, und daß sie rührend sei, und daß man sich

ihr mit zarter Teilnahme zu nahen habe, wie Sie sich ausdrückten. Finden

Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie rührend ist und daß

man teil an ihr nehmen muß?«

»Vielleicht«, sagte Doktor Überbein. »Vielleicht.«

»Sie sagten oft, daß man die Sonderfälle nicht wegleugnen dürfe, das sei

eine Schlamperei und eine liederliche Gemütlichkeit. Finden Sie denn

nicht, daß sie auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?«

Doktor Überbein schwieg.

»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender

Stimme, »wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so

etwas wie ein Allerweltsfall werde?«

Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse,

wobei er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu

dürfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.

Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn

einmal zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste

Entschuldigung bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr

in Anspruch. Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah

übrigens grüner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und

kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich

bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz

auffallend viel Sympathie für Samuel Spoelmann vorhanden, man spüre es

überall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natürlich als

Steuersubjekt, aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für ihn, in allen

Schichten, für sein Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und seine

Nierenkoliken. Jeder Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht

so unzugänglich und verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen

geben. Die Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe

natürlich den besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm,

Überbein, erzählt, daß mit Hilfe dieser Schenkung umfassende

Verbesserungen im Spital vorgenommen seien. Und übrigens, was ihm da

einfalle! Die kleine Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen

in Augenschein nehmen, habe Sammet erzählt. Sie habe einen von ihren

Schwanverbrämten geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei.

Eigentlich gehe sie ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte

Überbein, aber sie wolle vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf,

wenn ihn sein Gedächtnis nicht täusche. Dann sprach er von etwas

anderem. Beim Weggehen sagte er noch: »Der Großherzog sollte sich mal

ein bißchen um das Dorotheen-Spital kümmern, Klaus Heinrich, man

erwartet das. Eine segensreiche Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren.

Und das hohe Interesse bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen ... Und damit

Gott befohlen.«

Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht war,

unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig

unwahrscheinlich darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals

wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so

lasse ich Sie sitzen.« Dann kniff er die Lippen zusammen und ging

schnell hinaus.

Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß

»Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem

Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen

Vorstadtstraßen zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem

schlichten weißen Hause, über dessen Eingang in breiten schwarzen

Lettern »Dorotheen-Kinderspital« zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet.

Der Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz

dritter Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren Ärzten und dem Korps der

Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm

und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum zweitenmal eine

alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur

Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind

Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«

Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts

geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am

Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die

Schwester-Oberin vor und sagte dann: »Ich muß Euerer Königlichen Hoheit

anzeigen, daß der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem

anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr

Vater hat unsere Anstalt in so großartiger Weise gefördert ... Wir

konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rückgängig machen. Die

Schwester-Oberin wird das Fräulein führen.«

Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis. Er

tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er

kleidsam nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick

in die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin

blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurück.

Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die Kräne

der Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem Ellenbogen,

aus Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren angebracht,

für die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der leer war bis

auf ein paar Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte. Im

Ordinationszimmer, nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem Gestell

mit den weißen Mänteln der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit

Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und

eine muldenförmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei den

Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung der Präparate erklären.

Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den Rundgang mit dieser

Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen

werde.

Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an

und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im

Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus

Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine

Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot.

»Scheinbar kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß

welcher kommen werde. Gehen wir weiter?«

Man begab sich in die Küche, die Milchküche, den großen, mit Kacheln

ausgelegten Raum für Milchmischung, den Aufbewahrungsort für Vollmilch,

Schleime und Buttermilch. Die täglichen Quanten standen auf reinlichen

weißen Tischen in kleinen Flaschen beisammen. Es herrschte ein säuerlich

fader Geruch.

Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit zu. Er

ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzüglich. Wie

müßten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen

Buttermilch. Während dieser Musterung öffnete sich die Tür, und Miß

Spoelmann kam zwischen der Schwester-Oberin und der Gräfin Löwenjoul

herein, gefolgt von den drei Diakonissinnen.

Heute bestanden Jacke, Mütze und Muff, die sie trug, aus dem

herrlichsten Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen

Edelsteinen besetzten Kette. Übrigens zeigte ihr schwarzes Haar die

Neigung, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen. Sie überflog

den Raum mit einem großen Blick, ihre Augen waren wirklich ganz

ungebührlich groß im Verhältnis zu ihrem Gesichtchen; sie beherrschten

es wie bei einem Kätzchen -- nur daß sie schwarz waren wie Glanzkohle

und diese fließende Sprache führten ... Die Gräfin Löwenjoul, ein

Federhütchen auf ihrem kleinen Kopf und übrigens schlicht, knapp und

nicht ohne Vornehmheit gekleidet wie immer, lächelte abwesend.

»Die Milchküche,« sagte die Schwester-Oberin, »hier wird die Milch

gekocht für die Kinder.«

»Etwas Ähnliches ließ sich vermuten«, entgegnete Fräulein Spoelmann. Sie

sagte es äußerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag übrigens,

mit vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmütigen Hin- und

Herwenden des Köpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer

tiefen und einer hohen, mit einem Bruch in der Mitte.

Die Schwester-Oberin war ganz betreten. »Ja,« sagte sie, »man sieht es

gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht

zu bemerken.

Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus Heinrichs

Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt war,

innerhalb feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige und

verwirrte Umstände zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von

Braunbart war im Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Fräulein

Spoelmann, auf der anderen Seite, schickte sich an, die Milchküche

wieder zu verlassen, als der Prinz mit der Rechten eine kleine

verbindende Bewegung zwischen sich und dem jungen Mädchen vollführte.

Dies war das Zeichen für Doktor Sammet, auf Imma Spoelmann zuzutreten.

»Doktor Sammet. Ja.« Er bitte um die Ehre, das gnädige Fräulein Seiner

Königlichen Hoheit vorstellen zu dürfen ... »Fräulein Spoelmann,

Königliche Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel

verdankt.«

Mit geschlossenen Absätzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im weißen

Militärhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem Rehleder

bekleidetes Händchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des Händedrucks

eine wagerechte Richtung, machte ein englisches _shake-hands_ daraus,

wobei sie gleichzeitig mit spröder Pagenanmut etwas wie einen Hofknicks

andeutete, ohne ihre großen Augensterne von Klaus Heinrichs Gesicht zu

wenden. Er sagte etwas sehr Gutes, nämlich: »Sie machen also auch dem

Spital einen Besuch, gnädiges Fräulein?«

Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen

hochmütigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen

Stimme: »Man kann nicht leugnen, daß manches für diese Annahme spricht.«

Unwillkürlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor Sammet

blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen Ärzte

entschlüpfte ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war.

Man sah jetzt in Klaus Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche

Verzerrung. Er sagte: »Natürlich ... so werde ich also die Anstalt

zusammen mit dem gnädigen Fräulein besichtigen können ... Herr Hauptmann

von Braunbart, mein Adjutant«, fügte er rasch hinzu, da er seine

Bemerkung gleich der letzten würdig fand. Sie sagte dagegen: »Frau

Gräfin Löwenjoul.«

Die Gräfin verbeugte sich vornehm -- mit einem rätselhaften Lächeln

übrigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes

hatte. Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich

entwichenen Blick zu Klaus Heinrich zurückkehren ließ, der in gefaßter

und militärisch gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das

Lächeln von ihrem Gesicht, ein Ausdruck von Ernüchterung und Gram

ergriff von ihren Zügen Besitz, und in derselben Sekunde war es, als ob

in ihren ein wenig verschwollenen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus

Heinrich aufzuckte ... Das war nur eine flüchtige Erscheinung. Klaus

Heinrich fand nicht Zeit, darauf achtzuhaben, und vergaß es alsbald. Die

beiden jungen Ärzte gelangten zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und

dann stimmte Klaus Heinrich dafür, daß man den Rundgang wieder aufnähme.

Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und Imma

Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Gräfin Löwenjoul

mit Herrn von Braunbart und endlich die jungen Ärzte. Hier waren die

größeren Kinder -- ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein Vorraum mit

Wäscheschränken trennte die Säle für Mädchen und Knaben. In weißen

Gitterbettchen, mit einem Namensschild zu Häupten und einem Klapprahmen

am Fußende, der Tabellen mit Fieber- und Gewichtskurven zeigte, gewartet

von Schwestern in weißen Hauben, umgeben von Ordnung und Reinlichkeit,

lagen die kranken Kinder, und Husten erfüllte den Raum, während Klaus

Heinrich und Imma Spoelmann zwischen den Reihen dahinschritten.

Er hielt sich aus Höflichkeit zu ihrer Linken und lächelte, wie er es

tat, wenn er durch Ausstellungen geführt wurde, die Fronten von

Veteranen, Turnern und Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den

Kopf nach rechts wandte, gewahrte er, daß Imma Spoelmann ihn betrachtete

-- begegnete er ihrem großen schwarzen Blick, der prüfend, mit glänzend

ernster Frage auf ihn gerichtet war. Das war so seltsam, daß Klaus

Heinrich nie etwas Seltsameres erlebt zu haben glaubte als ihre Art, so

ohne Rücksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und frei, ganz

unbesorgt, ob jemand acht darauf habe, mit ihren großen Augen ihn zu

betrachten. Wenn Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall

zu erklären, wie bei dem kleinen Mädchen, dessen gebrochenes, weiß

verpacktes Bein ganz senkrecht emporgebunden war, so hörte Fräulein

Spoelmann ihm aufmerksam zu, man sah es wohl; aber während sie lauschte,

blickte sie nicht auf den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen

Klaus Heinrich und dem Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust

gekreuzten Händen aus seiner Rückenlage zu ihnen emporblickte --

zwischen dem Prinzen und diesem kleinen Leidensfall, der ihnen gemeinsam

erklärt wurde, hin und her, als beaufsichtige sie Klaus Heinrichs

Teilnahme oder als suche sie die Wirkung von Doktor Sammets Worten in

seiner Miene zu lesen -- man wußte nicht recht, warum es geschah. Ja,

namentlich war es so bei dem Knaben mit dem Schuß durch den Arm und bei

dem, der aus dem Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fällen, wie

Doktor Sammet bemerkte. »Eine Verbandschere, Schwester«, sagte er und

zeigte ihnen die Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und

Austritt einer Revolverkugel. »Die Wunde«, sagte Doktor Sammet gedämpft

zu seinen Gästen, indem er dem Bettchen den Rücken zuwandte, »die Wunde

hat ihm sein eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei

diesem einen. Der Mann hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich

selbst mit einem Revolver erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem

Knaben ...« Klaus Heinrich sah auf die Doppelwunde. »Warum tat das der

Mann?« fragte er scheu, und Doktor Sammet antwortete: »In der

Verzweiflung, Königliche Hoheit; es war Schande und Not, was ihn dazu

veranlaßte. Ja.« Er sagte nichts weiter; nur dies Allgemeinste -- ebenso

wie bei dem Kleinen, der aus dem Wasser gezogen war, einem zehnjährigen

Knaben. »Er schnauft«, sagte Doktor Sammet. »Er hat noch Wasser in

seiner Lunge. Man hat ihn heute früh aus dem Fluß gefischt -- ja.

Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß er so recht eigentlich in das

Wasser =gefallen= ist. Mehrere Anzeichen sprechen dagegen. Er war von

Hause entflohen. Ja.« Er schwieg. Und wieder fand Klaus Heinrich, daß

Fräulein Spoelmann ihn anblickte, groß, schwarz und glänzend ernst --

mit ihrem Blick, der den seinen suchte, ihn dringlich aufzufordern

schien, gemeinsam mit ihr die »traurigen Fälle« zu durchdenken, Doktor

Sammets Andeutungen im Geist zu vervollständigen, bis zu den

schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch diese zwei kranken

Kinderkörper zusammengefaßt und dargestellt wurden ... Ein kleines

Mädchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende

Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr

Bettchen gestellt wurde. Fräulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen

nieder. »Es tut nicht weh,« sagte sie und ahmte die Kindersprache nach,

»kein bißchen. Du mußt nicht weinen.« Und als sie sich wieder

aufrichtete, fügte sie rasch hinzu und rümpfte die Lippen: »Es steht zu

vermuten, daß sie nicht sowohl über den Apparat als über die Bilder

weint.« Alle lachten. Der eine der jungen Assistenten hob den Pappdeckel

empor und lachte noch lauter, als er die Bilder betrachtete. Man ging

hinüber ins Laboratorium. Klaus Heinrich dachte im Gehen darüber nach,

wie seltsam Fräulein Spoelmann spottete. »Es steht zu vermuten«, hatte

sie gesagt, und »nicht sowohl«. Es war gewesen, als ob sie sich nicht

nur über die Bilder, sondern auch über die ausgesuchten und scharfen

Redensarten lustig machte, die sie mit rascher Gewandtheit benutzte. Und

das war wohl der unumschränkteste Spott, der sich denken ließ ...

Das Laboratorium war der größte Raum des Hauses. Gläser, Retorten,

Trichter und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen

Präparate in Spiritus darauf, die Doktor Sammet seinen Gästen in ruhigen

und festen Worten erklärte. Ein Kind war auf unerklärliche Weise

erstickt: Hier war sein Kehlkopf, mit pilzartigen Wucherungen statt der

Stimmbänder. Ja. Dies hier im Glase war eine krankhaft erweiterte

Kinderniere; und dies waren entartete Knochen. Klaus Heinrich und

Fräulein Spoelmann sahen alles an, sie blickten zusammen in die Gläser,

die Doktor Sammet gegen das Fenster hielt, und ihre Augen waren

andächtig, während um ihre Münder derselbe kleine Zug von Widerstand

lag. Sie blickten auch nacheinander in das Mikroskop, betrachteten, mit

einem Auge über die Linse gebeugt, eine böse Ausscheidung, eine blau

gefärbte, auf ein Glasplättchen gestrichene Materie, die neben den

großen Flecken ganz kleine Punkte zeigte: das waren Bazillen. Klaus

Heinrich wollte Fräulein Spoelmann zuerst an das Mikroskop treten

lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen emporzog und einen Mund

machte, als wollte sie mit übertriebener Betonung »Oh, unter keiner

Bedingung!« sagen. Da nahm er denn den Vortritt, denn er fand, daß es

wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so Ernstes und Furchtbares wie

Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf wurden sie hinaufgeführt, in

den zweiten Stock, zu den Säuglingen.

Sie lachten beide über das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf

der Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal

zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander über die

kahlköpfigen Geschöpfe, die mit geballten Fäustchen schliefen oder aus

allen Kräften schreiend ihre nackten Gaumen zeigten -- hielten sich die

Ohren zu und lachten aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine

gleichmäßige Wärme erzeugt wurde, lag eine Frühgeburt. Und Doktor Sammet

zeigte den hohen Gästen ein grausig leichenhaftes Armenkind mit

häßlichen großen Händen, diesem Abzeichen einer niederen und harten

Geburt ... Er nahm ein schreiendes Kind aus dem Bettchen, und es

verstummte sofort. Sachkundig stützte er den haltlosen Kopf in seine

hohle Hand und wies das rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich

dehnende Wesen den beiden vor -- Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die

nebeneinander standen und auf den Säugling niederblickten. Klaus

Heinrich sah mit geschlossenen Absätzen zu, wie Doktor Sammet das Kind

in das Bettchen zurücklegte; und als er sich wandte, traf er auf Imma

Spoelmanns glänzend forschende Augen, wie er es erwartet hatte.

Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten

hinaus über die ärmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Straße, wo,

umlagert von Kindern, der braune Hofwagen und Immas prachtvolles,

dunkelrot lackiertes Automobil hintereinander hielten. Der Spoelmannsche

Chauffeur, unförmig in seinem Zottenpelz, saß tief zurückgelehnt, eine

Hand am Steuer des gewaltigen Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad,

der weiße Bediente, dort vorn am Coupé ein Geplauder mit Klaus Heinrichs

Kutscher in Gang zu halten suchte.

»Die Nachbarn«, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weiße

Tüllgardine zurückhielt, »sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge.

Sonnabends spät ziehen die betrunkenen Väter johlend vorüber. Ja.«

Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von den

Vätern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.

Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen

hinunter, und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder

versammelt. Es wurde Abschied genommen, mit Absatzklappen und Honneurs,

mit Verbeugungen und Knicksen. Klaus Heinrich, in förmlicher Haltung vor

Doktor Sammet, der ihm mit seitwärts geneigtem Kopfe und die Hand an der

Uhrkette zuhörte, äußerte sich in einer feststehenden Redewendung höchst

beifällig über das Gesehene, während er fühlte, daß Imma Spoelmann ihre

großen Augen dabei auf ihm ruhen ließ. Er geleitete mit Herrn von

Braunbart die Damen zum Automobil, als die Verabschiedung von den Ärzten

und den Schwestern beendet war. Während sie, zwischen Kindern und

Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das Trottoir überschritten,

und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils unterhielten sich

Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann wie folgt.

»Es war mir eine große Freude, mit dem gnädigen Fräulein

zusammenzutreffen«, sagte er.

Sie antwortete hierauf nichts, sondern schob nur die Lippen vor, indem

sie ein wenig den Kopf hin und her wandte.

»Es war eine fesselnde Besichtigung«, sagte er wieder. »Man tat allerlei

Einblicke.«

Sie sah ihn an, groß und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit

ihrer gebrochenen Stimme: »O ja, bis zu einem gewissen Grade ...«

Er verfiel auf die Frage: »Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf Schloß

Delphinenort, gnädiges Fräulein?« Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen

erwiderte: »Oh, warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche

Unterkunft ...«

»Gefällt es Ihnen besser dort als in Neuyork?« fragte er. Und sie

antwortete: »Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich überall

dasselbe.«

Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von

Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und

das Automobil sich unter Erschütterungen in Bewegung setzte.

Es versteht sich, daß diese Begegnung nicht lange eine innere

Angelegenheit des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage

in aller Munde war. Der »Eilbote« veröffentlichte unter zart poetischer

Überschrift eine ausführliche Schilderung des Zusammentreffens, die,

ohne in den Einzelheiten streng den Tatsachen zu entsprechen, die

Gemüter doch mächtig gefangennahm, ja Kundgebungen einer so lebhaften

Wißbegierde des Publikums hervorrief, daß das wachsame Blatt sich

veranlaßt sah, auf weitere Annäherungen zwischen den Häusern Grimmburg

und Spoelmann fortan ein Auge zu haben. Es war nicht viel, was es melden

konnte. Es vermerkte ein paarmal, daß Seine Königliche Hoheit Prinz

Klaus Heinrich, nach Schluß der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der

ersten Galerie durchschreitend, einen Augenblick vor der Spoelmannschen

Loge haltgemacht habe, um die Damen zu begrüßen. Und in seinem Bericht

über den kostümierten Wohltätigkeitsbasar, der Mitte Januar im großen

Rathaussaale stattfand -- einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf

inständige Einladung durch das Komitee Miß Spoelmann als Verkäuferin

beteiligte --, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene

ein, wie Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude

angehalten habe, in der Fräulein Spoelmann schaltete, wie er einen

Gegenstand, eine Vase, ein Kunstglas (denn Fräulein Spoelmann verkaufte

Porzellan und Kunstgläser) von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn

Minuten lang plaudernd vor dem Verkaufsstande verweilt habe. Von dem

Inhalt des Gespräches verlautbarte nichts. Dennoch war es durchaus nicht

ohne Ergebnis verlaufen.

Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale

erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier

auf den Knien, in seinem Coupé nach Eremitage zurückkehrte, hatte er

sich in Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das

Schloß in seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser

Gelegenheit Herrn Spoelmanns Sammlung von Kunstgläsern in Augenschein zu

nehmen. Denn unter Miß Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte

Gläser befunden, die ihr Vater selbst aus seiner Kollektion für den

Basar gestiftet hatte, und eines davon hatte Klaus Heinrich gekauft.

Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen --

allein vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit

seinen Kelchen, Karaffen, seinen weißen und farbigen Porzellangruppen.

Er sah sie in dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stück

gearbeitet, ihre wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt

umschloß, indem es ihre bräunlichen Schultern und ihre Arme freiließ,

die rund und fest waren und dennoch vor dem Handgelenk wie die eines

Kindes wurden. Er sah den goldenen Schmuck, halb Kranz und halb Diadem,

in der Schwärze ihres aufgelösten Haares, das eine Neigung zeigte, ihr

in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, ihre übergroßen und

schwarzen, glänzend fragenden Augen in dem perlblassen Gesichtchen,

ihren vollen und weichen Mund, den sie mit verwöhnter Geringschätzung

vorschob, wenn sie sprach -- und um sie herum in dem großen, gewölbten

Raum war Tannengeruch und wirrer Lärm, Musik, Gongschläge, Gelächter und

Marktschreierei gewesen.

Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von

silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie

hatte gesagt, daß er aus ihres Vaters Sammlung stamme. -- So herrliche

Dinge besitze also ihr Vater eine ganze Menge? -- Allerdings. Und

glaublicherweise seien es nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater

für den Basar gestiftet habe. Sie stehe nicht an, zu erklären, daß er

viel schönere Gläser habe. -- Die wünschte Klaus Heinrich wohl sehen zu

dürfen! -- Nun, das würde sich gelegentlich ja unschwer ermöglichen

lassen, hatte Fräulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen Stimme

geantwortet, indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Köpfchen ein

wenig hin und her gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde

durchaus nicht dawider seien, die Früchte seines Sammelfleißes wieder

einmal einem verständnisvollen Beschauer vorzuführen. Um die Teestunde

seien Spoelmanns immer zu Hause.

Sie hatte die Sache sehr bürgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine

Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schließlich, auf

Klaus Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte

sie geantwortet: »Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit

unsäglich glücklich schätzen ...«

»Unsäglich glücklich schätzen« -- so sprach sie, so scharfzüngig und

spöttisch übertrieben, daß es fast weh tat und man nur mühsam gute Miene

machte. Wie sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte,

neulich im Spital! Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer

Sprechweise, ja, gewisse Laute kamen heraus, wie Kinder sie bilden --

nicht nur das eine Mal, als sie das kleine Mädchen über den Dampfapparat

getröstet hatte. Und so große Augen hatte sie gemacht, als von den

Vätern die Rede gewesen und den traurigen Fällen ...

Am nächsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schloß Delphinenort

-- am nächstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte Imma

Spoelmann gesagt, möge er kommen. Aber der nächstfolgende Tag war ihm

gelegen, und da ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht

angebracht, sie auf die lange Bank zu schieben.

Gegen fünf Uhr -- es war schon dunkel -- trug ihn sein Coupé über die

aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag

-- schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte --, Bogenlampen

erhellten den Park, das große, viereckige Brunnenbassin schimmerte trüb

zwischen den Bäumen, dahinter erhob sich das weißliche Schloß mit dem

Säulenaufbau seines Portals, seiner geräumigen Doppelrampe, die,

zwischen seinen Flügeln eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage

emporführte, seinen hohen, in kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen

römischen Büsten in den Nischen -- und als Klaus Heinrich durch die

Auffahrtsallee von mächtigen Kastanien fuhr, da sah er zu Füßen der

Rampe den bordeauxroten Plüschmohren stehen und mit aufgestütztem Stabe

Ausschau halten ...

Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind

durchwärmte Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfußboden und weißen

Götterbildern in der Runde, schritt geradeaus, der marmornen,

breitgeländrigen und mit rotem Teppich belegten Freitreppe zu, auf

welcher, mit zurückgezogenen Schultern und hängenden Armen, bauchig und

stolz, im Schmuck seines rasierten Doppelkinns, der Spoelmannsche

Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen. Er geleitete

ihn in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem

Marmorkamin geschmückten Vorsaal, wo ein paar weißgoldene und

schwanverbrämte Bediente des Prinzen Mütze und Mantel in Empfang nahmen,

während der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft Meldung

zu machen ging ... Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen Teppich

beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.

Pflanzengeruch umfing ihn, und er hörte das sanfte Plätschern fallenden

Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schloß,

brach ein Gebell aus, so jäh und toll, daß Klaus Heinrich, einen

Augenblick halb betäubt, zu Füßen der Stufen haltmachte. Perceval, der

Colliehund, hatte sich ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner

maßlosen Raserei. Er geiferte, er litt, er wußte nicht, wie sich

gebärden vor wütender Zerrissenheit seines Innern, er wand sich,

peitschte mit dem Schweif seine Flanken, stemmte die Vorderfüße gegen

den Boden und schwang sich in blinder Leidenschaft um sich selber, indem

er in Lärm und Tobsucht vergehen zu wollen schien. Eine Stimme -- es war

nicht Immas Stimme -- rief ihn zurück, und Klaus Heinrich sah sich in

einem Wintergarten, einem von schlanken marmornen Säulen gestützten

gläsernen Gewölbe, dessen Boden mit großen, quadratischen, spiegelnden

Marmorfliesen belegt war. Palmen aller Art erfüllten es, deren Schäfte

und Fächer sich manchmal bis dicht unter die gläserne Decke erhoben. Ein

beetartiges Blumenparterre, bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen

eines Mosaiks aneinandergesetzten Blumentöpfen, breitete sich im starken

Mondlicht der Bogenlampen aus und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus

einem schöngemeißelten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein

marmornes Becken, und Enten von seltsam künstlich gefiederter Art

schwammen auf der durchleuchteten Wasserfläche. Ein steinerner

Wandelgang mit Pfeilern und Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die

Gräfin Löwenjoul, die dem Eintretenden entgegenkam und sich lächelnd

verneigte.

»Königliche Hoheit wollen verzeihen«, sagte sie. »Unser Percy ist so

heftig. Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewöhnt. Aber er tut

niemandem Böses. Darf ich Königliche Hoheit bitten ... Fräulein

Spoelmann wird sogleich zurückkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde

abgerufen. Ihr Vater schickte nach ihr. Mister Spoelmann wird

hocherfreut sein ...«

Damit führte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbstühlen, die,

mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe

standen. Sie sprach lebhaft und kräftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem

spärlichen aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lächelnd ihre

weißen Zähne zeigend. Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng

anschließenden braunen Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem

Händereiben Klaus Heinrich zu den Stühlen geleitete, hatte sie die

frischen und eleganten Bewegungen der Offiziersfrau. Nur in ihren Augen,

deren Lider sie blinzelnd zusammenzog, war etwas wie Tücke und

Mißtrauen, etwas Unverständliches. Sie nahmen Platz, einander gegenüber

an dem runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bücher lagen. Perceval,

erschöpft von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem schmalen,

blaßfarbigen und perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die Möbel

standen, eine schneckenförmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges

Fell war weiß an Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weiße

Halskrause, goldene Augen und einen Scheitel den ganzen Rücken entlang.

Klaus Heinrich begann ein Gespräch um des Gespräches willen, eine

förmliche Unterhaltung mit Scheingegenstand, wie er es nicht anders

kannte.

»Ich wünschte wohl, Gräfin, daß ich nicht gar zu ungelegen käme. Ich bin

glücklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling zu

fühlen. Ich weiß nicht, ob Fräulein Spoelmann Ihnen erzählt hat ... Sie

hatte die Güte, mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um

die schönen Gläser, die Herr Spoelmann so freigebig war, für den

gestrigen Basar zu stiften. Fräulein Spoelmann meinte, daß ihr Vater

nichts dagegen haben werde, mir seine Sammlung einmal zu zeigen. Da bin

ich nun ...«

Die Gräfin ließ es dahingestellt, ob Imma ihr von der Verabredung

erzählt habe. Sie sagte: »Dies ist die Teestunde des Hauses, Königliche

Hoheit. Wie könnten Königliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was

ich nicht hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert

wäre, zu erscheinen ...«

»Oh, er ist leidend?« Eigentlich wünschte Klaus Heinrich ein wenig, daß

Herr Spoelmann verhindert sein möge. Er sah der Bekanntschaft mit

unbestimmter Besorgnis entgegen.

»Er war heute leidend, Königliche Hoheit. Er hatte leider Fieber,

Schüttelfrost und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war

Doktor Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung

vorgenommen. Es handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation

nötig werden wird.«

»Das tut mir leid«, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. »Eine Operation.

Das ist schrecklich.« Und hierauf antwortete die Gräfin mit abirrenden

Augen: »O ja. Aber es gibt Schrecklicheres im Leben -- viele Dinge, die

viel schrecklicher sind als dies.«

»Zweifellos«, sagte Klaus Heinrich. »Ich glaube es wohl.« Er fühlte

seine Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch

die Andeutung der Gräfin.

Sie sah ihn an, mit seitwärts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von

Geringschätzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig

verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wußte nicht, wohin, mit jenem

geheimnisvollen Lächeln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das etwas

seltsam Lockendes hatte.

Er empfand die Notwendigkeit, das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Gräfin?« fragte er.

»Ziemlich lange«, antwortete sie, und man sah ihr an, daß sie zu rechnen

versuchte. »Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen

gemacht, daß ich es auf den Tag genau natürlich nicht sagen kann. Aber

kurz nach der Wohltat war es -- bald nachdem mir die Wohltat zuteil

geworden.«

»Die Wohltat?« fragte Klaus Heinrich.

»Allerdings«, sagte sie mit Bestimmtheit und sogar ein wenig gereizt.

»Denn die Wohltat geschah ja an mir, als es der Erfahrungen zu viele

geworden waren und der Bogen hätte springen müssen, um mich dieses

Vergleiches zu bedienen. Sie sind so jung,« fuhr sie fort, indem sie

nachlässigerweise vergaß, ihn mit seinem Titel anzureden, »so unwissend

in betreff des Elends und der Verworfenheit der Welt, daß Sie sich

keinen Begriff davon machen können, was ich habe erdulden müssen. In

Amerika hatte ich einen Prozeß, zu dem viele Generale erscheinen mußten.

Dinge kamen an den Tag, denen mein Humor nicht gewachsen war. Sämtliche

Kasernen habe ich putzen müssen, ohne daß es mir gelungen wäre, alle

liederlichen Weiber hinauszubefördern. Sie versteckten sich in den

Schränken, einige auch unter der Diele, und so kommt es, daß sie

fortfahren, mich nachts über Gebühr zu martern. Ich würde mich ungesäumt

auf meine Schlösser in Burgund zurückziehen, wenn es nicht von oben

hineinregnete. Das wußten Spoelmanns, und darum war es so sehr

entgegenkommend von ihnen, mich vorläufig bei sich aufzunehmen, wobei es

meine einzige Aufgabe ist, die vollkommen unwissende Imma vor der Welt

zu warnen. Nur leidet selbstverständlich meine Gesundheit darunter, daß

die Weiber sich nachts auf meine Brust setzen und mich zwingen, ihren

unanständigen Fratzen zuzusehen. Und dies ist der Grund, weshalb ich

bitte, mich einfach Frau Meier zu nennen«, sagte sie flüsternd, indem

sie sich vorbeugte und mit ihrer Hand Klaus Heinrichs Arm berührte. »Die

Wände haben Ohren, und es ist unbedingt erforderlich, daß ich mein

notgedrungen angenommenes Inkognito wahre, um mich vor den

Nachstellungen der lasterhaften Geschöpfe zu schützen. Nicht wahr, Sie

gehen auf meine Bitte ein? Nehmen Sie es doch als Scherz ... als eine

Spielerei, die niemandem weh tut ... Warum nicht ...«

Sie verstummte.

Klaus Heinrich saß aufrecht und ohne irgendwelche Lässigkeit auf seinem

Korbstuhl ihr gegenüber und sah sie an. Er hatte, bevor er seine

geradlinigen Stuben verließ, unter Beihilfe seines Kammerdieners Neumann

mit all der Sorgfalt Toilette gemacht, die sein den Blicken ausgesetztes

Dasein erheischte. Sein Scheitel lief, über dem linken Auge ansetzend,

schräg über den Kopf hin genau durch den Wirbel, so daß dort oben weder

Strähne noch Härchen sich erheben konnten, und rechts war sein Haar in

einem festen Hügel aus der Stirn zurückgebürstet. In seinem

Interimsuniformrock, dessen hoher Kragen und fester Sitz eine

beherrschte Haltung begünstigte, saß er, den silbern geflochtenen

Achselschmuck eines Majors auf seinen schmalen Schultern, leicht

angelehnt, doch ohne sich bequeme Abspannung zu erlauben, geordnet,

gesammelt, den einen Fuß ein wenig vor dem anderen, und bedeckte seine

linke Hand auf dem Säbelgriff mit der rechten. Sein junges Gesicht war

ein wenig müde von der Unsachlichkeit, der Einsamkeit, Strenge und

Schwierigkeit seines Lebens; allein mit einem freundlichen, klaren und

unbedingt gefaßten Ausdruck blickte er in das der Gräfin.

Sie verstummte. Ernüchterung und Gram ergriffen von ihren Zügen Besitz,

und während es war, als ob in ihren übernächtigen grauen Augen etwas wie

Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte, verfärbte sie sich auf eine ganz

besondere und selten beobachtete Weise, indem nämlich die eine Hälfte

ihres Gesichtes rot, die andere blaß wurde. Mit gesenkten Lidern

antwortete sie: »Ich bin seit drei Jahren im Hause Spoelmann, Königliche

Hoheit.«

Perceval schnellte empor. In einem tänzelnden, federnden, wedelnden

Trabe begab er sich seiner Herrin entgegen -- denn Imma Spoelmann war

eingetreten --, richtete sich würdevoll auf und setzte ihr grüßend die

Vorderpfoten auf die Brust. Sein Rachen war weit geöffnet, und zwischen

seinen prachtvollen weißen Zähnen hing blutrot die Zunge hervor. Er

glich einem Wappentier, wie er so aufrecht vor ihr stand.

Sie war wunderbar gekleidet: in ein Hausgewand aus ziegelfarbener

Rohseide und mit offen herniederhängenden Ärmeln, dessen ganzes

Bruststück aus einer schweren Goldstickerei bestand. An einer

Perlenkette lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse,

dessen Haut die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Ihr blauschwarzes,

seitwärts gescheiteltes und schlicht geknotetes Haar zeigte eine

Neigung, ihr in glatten Strähnen in Stirn und Schläfen zu fallen.

Während sie Percevals Greifenkopf mit ihren beiden schmucklosen schmalen

und schönen Kinderhänden umfaßt hielt, sagte sie in sein Gesicht hinein:

»So ... so ... guten Tag, mein Freund. Welch ein Wiedersehen. Wir waren

von Sehnsucht erfüllt, wir beiden, wir haben die Qualen der Trennung

ausgekostet. Guten Tag. Du magst nun immerhin dein Lager wieder

aufsuchen.« Und indem sie seine Füße von der Goldstickerei auf ihrer

Brust löste und zur Seite trat, machte sie, daß er sich auf seine vier

Beine niederließ.

»O Prinz«, sagte sie. »Willkommen in Delphinenort. Sie verabscheuen den

Wortbruch, wie ich sehe. Ich setze mich zu Ihnen. Wir werden

benachrichtigt, wenn wir Tee trinken können ... Es ist zweifellos gegen

alle Vorschrift, daß ich habe warten lassen. Aber mein Vater schickte

nach mir -- und dann hatten Sie ja Unterhaltung solange ...« Ihre

glänzenden Augen gingen ein wenig zweifelnd zwischen Klaus Heinrich und

der Gräfin hin und her.

»Doch,« sagte er, »die hatte ich.« Und dann stellte er eine Frage nach

Mister Spoelmanns Befinden, die leidlich zufriedenstellend beantwortet

wurde. Herr Spoelmann werde beim Tee das Vergnügen haben, Klaus

Heinrichs Bekanntschaft zu machen, er lasse sich entschuldigen bis dahin

... Was das für ein hübsches Paar Pferde sei, das Klaus Heinrich vor

seinem Coupé habe? Und nun sprachen sie von ihren Pferden, von Klaus

Heinrichs gutmütigem Braunen Florian aus dem Hollerbrunner Hofgestüt,

von Fräulein Spoelmanns arabischer Milchschimmelstute namens Fatme, die

Herr Spoelmann von einem Fürsten aus dem Morgenlande zum Geschenk

erhalten hatte, von ihren geschwinden ungarischen Füchsen, die sie als

_Four-in-hand_-Gespann benutzte ... »Kennen Sie die Umgegend?« fragte

Klaus Heinrich. »Waren Sie beim Hofjäger? Im Fasaneriegarten? Es gibt

hübsche Ausflüge.« Nein, Fräulein Spoelmann war hervorragend ungeschickt

im Auffinden von neuen Wegen, und die Gräfin -- nun, sie war ihrer

ganzen Natur nach nicht unternehmungslustig. So ritten sie immer

dieselben Wege im Stadtgarten. Das sei vielleicht langweilig, aber

Fräulein Spoelmann sei im ganzen nicht mit Abwechslung und Abenteuern

verwöhnt. Da sagte er denn, daß sie einmal zusammen reiten müßten, bei

schönem Wetter, zum Hofjäger oder nach Schloß Fasanerie, worauf sie mit

vorgeschobenen Lippen antwortete, daß man dergleichen ja immerhin in

vorläufige Aussicht nehmen könne. Dann kam der Haushofmeister und

meldete ernst, daß der Teetisch bereit sei.

Sie gingen durch die Teppichhalle mit dem Marmorkamin, geführt von dem

pomphaft schreitenden Butler, begleitet von dem tänzelnden Percy,

gefolgt von der Gräfin Löwenjoul.

»Hat die Gräfin vorhin ein bißchen geschwatzt?« fragte Imma im Gehen,

ohne ihre Stimme sonderlich in acht zu nehmen.

Klaus Heinrich erschrak und blickte zu Boden. »Aber sie kann uns ja

hören!« sagte er leise.

»Nein, sie hört uns nicht«, antwortete Imma. »Ich verstehe mich auf ihr

Gesicht. Wenn sie den Kopf so schräg hält und mit den Augen blinzelt, so

ist sie abwesend und tief in ihren Gedanken. Sie hat wohl ein bißchen

geschwatzt vorhin?«

»Vorübergehend«, sagte Klaus Heinrich. »Ich hatte den Eindruck, daß die

Frau Gräfin sich zeitweise gehen ließ.«

»Es ist ihr viel Schlimmes widerfahren.« Und Imma sah ihn an, so groß

und dunkel forschend, wie sie es im Dorotheen-Spital auf Schritt und

Tritt getan hatte. »Ich erzähle es ein andermal. Es ist eine

Geschichte.«

»Ja«, sagte er. »Ein andermal. Das nächste Mal. Vielleicht unterwegs.«

»Unterwegs?«

»Ja, unterwegs zum Hofjäger oder zur Fasanerie.«

»Oh, ich vergaß Ihre Gewissenhaftigkeit, Prinz, was Verabredungen

betrifft. Gut, also unterwegs. Hier geht es hinunter.«

Sie befanden sich an der Rückseite des Schlosses. Von einer mit großen

Gemälden behangenen Galerie, die sie durchquerten, leiteten

teppichbelegte Stufen in den weißgoldenen Gartensalon hinab, hinter

dessen hoher Glastür die Terrasse lag. Alles, der große Kristallüster,

der von der Mitte der hohen, weiß verschnörkelten Decke herabhing; die

ebenmäßig aufgestellten Armstühle mit goldenen Rahmen und

Wirkbildbezügen; die schwer herabfallenden, weißseidenen Vorhänge; die

feierliche Stutzuhr und die Vasen und goldenen Leuchter auf der

weißmarmornen Kaminplatte vor dem hohen Wandspiegel; die mächtigen

löwenfüßigen, vergoldeten Kandelaber, die zu beiden Seiten der

Eingangsstufen emporragten: alles erinnerte Klaus Heinrich an das Alte

Schloß, an die Repräsentationsräume, in denen er von Kind auf Dienst zu

tun gewohnt war -- nur daß die Kerzen hier Scheinkerzen waren, mit

goldig strahlenden Glühlampen an Stelle des Dochtes, und daß alles neu

war und glänzend instand bei Spoelmanns auf Schloß Delphinenort. Ein

schwanverbrämter Bedienter legte in einem Winkel des Zimmers die letzte

Hand an den Teetisch; Klaus Heinrich betrachtete den elektrisch

geheizten Kessel, von dem er im »Eilboten« gelesen hatte.

»Hat man Herrn Spoelmann benachrichtigt?« fragte die Tochter des Hauses

... Der Butler verneigte sich. »Dann soll nichts uns hindern,« sagte sie

in ihrer raschen und spöttisch redegewandten Art, »unsere Plätze

einzunehmen und ohne ihn zu beginnen. Kommen Sie, Gräfin! Ich würde

Ihnen empfehlen, Prinz, sich Ihrer Waffen zu entledigen, falls nicht

Gründe, die sich meiner Einsicht entziehen, dagegen sprechen ...«

»Danke«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, es spricht gar nichts dagegen.«

Und es schmerzte ihn, daß er zu ungeübten Geistes war, um eine behendere

Antwort zu finden.

Der Bediente nahm seinen Säbel in Empfang und trug ihn durch die Galerie

davon. Sie saßen am Teetisch nieder, unter Beistand des Butlers, der die

Lehnen der Stühle hielt, die Stühle unter sie schob. Dann zog er sich

auf die Höhe der Stufen zurück, wo er in schmuckhafter Weise

stehenblieb.

»Sie müssen wissen, Prinz,« sagte Fräulein Spoelmann, die das Wasser

aufgoß, »daß mein Vater keinen Tee trinkt, den ich nicht selbst bereitet

habe. Er mißtraut jedem Tee, der fertig in Tassen herumgereicht wird.

Das ist bei uns verpönt. Sie müssen sich dem anbequemen.«

»Oh, es ist schöner so,« sagte Klaus Heinrich, »viel behaglicher und

ungezwungener so am Familientisch ...« Er brach ab und bedachte, warum

bei diesen Worten ein gehässiger Seitenblick aus den Augen der Gräfin

Löwenjoul ihn getroffen hatte. »Und Ihr Studium,« fragte er, »gnädiges

Fräulein? Darf ich mich erkundigen? Mathematik, wie ich weiß. Es strengt

Sie nicht an? Ist es nicht furchtbar hart für den Kopf?«

»Gar nicht«, sagte sie. »Ich weiß nichts Hübscheres. Man spielt in den

Lüften, sozusagen, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend

jedenfalls. Man hat es so kühl wie in den Adirondacks ...«

»Wie wo?«

»Den Adirondacks. Das ist Geographie, mein Prinz. Ein Bergwald drüben

mit hübschen Seen. Wir haben ein Landhaus dort, für den Mai. Im Sommer

waren wir immer am Meer.«

»Auf jeden Fall«, sagte er, »kann ich für Ihren Eifer in den Studien

Zeugnis ablegen. Sie lassen sich nicht gern hindern, pünktlich in die

Vorlesung zu kommen. Ich habe noch nie gefragt, ob Sie eigentlich

neulich zur Zeit gekommen sind.«

»Neulich?«

»Ja, vor einigen Wochen. Nach dem Hindernis an der Hauptwache.«

»Großer Gott, Prinz, nun fangen auch Sie davon an. Diese Geschichte

scheint im Palast wie in der Hütte verbreitet zu sein. Hätte ich gewußt,

welch Aufhebens man davon machen würde, so wäre ich lieber dreimal um

den Schloßplatz gegangen. Sogar in der Zeitung hat es gestanden, wie man

mir sagt. Und nun hält natürlich die ganze Stadt mich für einen Teufel

an Wildheit und Jähzorn. Aber ich bin das friedfertigste Geschöpf von

der Welt und lasse mich nur nicht gern kommandieren. Bin ich ein Teufel,

Gräfin? Ich verlange bündige Antwort.«

»Nein, Sie sind gut«, sagte die Gräfin Löwenjoul.

»Nun -- gut, das ist wiederum zuviel gesagt, das geht zu weit nach der

anderen Seite, Gräfin ...«

»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »nein, nicht zu weit. Ich glaube der

Gräfin ganz fest ...«

»Viel Ehre. Wie ist die Kunde von dem Abenteuer denn eigentlich zu Eurer

Hoheit gedrungen? Durch die Zeitung?«

»Ich war Augenzeuge«, sagte Klaus Heinrich.

»Augenzeuge?«

»Ja, gnädiges Fräulein. Ich stand zufällig am Fenster der

Offizierswachtstube und habe alles von Anfang bis zu Ende mit

angesehen.«

Fräulein Spoelmann errötete. Es war kein Zweifel, daß die perlblasse

Haut ihres fremdartigen Gesichtchens sich dunkler färbte.

»Nun, Prinz, ich nehme an,« sagte sie, »daß Sie im Augenblick nichts

Besseres zu tun hatten.«

»Besseres?« rief er. »Aber es war ja so schön zu sehen! Ich gebe Ihnen

mein Wort, gnädiges Fräulein, daß ich nie in meinem Leben ...«

Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Fräulein

Spoelmann lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und

schlug mit dem Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der

Butler sich in Bewegung. Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes

es gestattete, die Stufen hinab zu der hohen Seitentür, die sich dem

Teetisch gegenüber befand, und raffte heftig die weißseidene Portiere,

indem er sein Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck in die Lüfte erhob.

Samuel Spoelmann, der Milliardär, trat ein.

Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem

glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase

ungewöhnlich wagerecht hervor, und darüber lagen nahe beieinander seine

kleinen Rundaugen, die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren,

wie bei kleinen Kindern und Tieren, und zerstreut und ärgerlich

blickten. Der obere Teil seines Schädels war kahl, aber am Hinterkopf

und an den Schläfen besaß Herr Spoelmann reichliches graues Haar, das

auf eine bei uns nicht übliche Art gehalten war. Er trug es weder kurz

noch lang, sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken abgeschnitten und

um die Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein geschnitten.

Gekleidet in einen schwarzen Schoßrock mit samtener Weste, auf der eine

lange, dünne, altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an seinen

kurzen Füßchen, näherte er sich mit mißmutigem und beschäftigtem

Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie

gewann Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde.

Imma war ihm entgegengegangen.

»Guten Tag, verehrungswürdiges Väterchen«, sagte sie; und ihre

bräunlichen Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen Ärmel

niederhingen, um seinen Nacken schlingend, küßte sie ihn auf die Glatze,

die er ihr darbot, indem er den Kopf neigte.

»Dir dürfte nicht unbekannt sein,« fuhr sie fort, »daß Prinz Klaus

Heinrich heute mit uns den Tee nimmt?«

»Nein, freut mich, freut mich«, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig und

mit knarrender Stimme. »Bitte, sich nicht stören zu lassen!« sagte er

ebenso. Und indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am

Tische stand, einen Händedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war mager

und von der ungestärkten weißen Manschette halb bedeckt), nickte er

mehrmals irgendwohin nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich

zu begrüßen. Er war fremd, krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war

entschuldigt und alles Weiteren entbunden -- Klaus Heinrich sah es ein

und bemühte sich redlich, seine innere Verstörung zu überwinden.

»... Sind ja zu Hause hier, gewissermaßen«, sagte Herr Spoelmann noch,

indem er die Anrede verschluckte, und vorübergehend erschien ein

boshafter Ausdruck um seine rasierten Lippen. Dann veranlaßte er durch

sein Beispiel alle, sich wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen

Imma und Klaus Heinrich, der Gräfin und der Verandatür gegenüber, den

der Butler unter ihn schob.

Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Säumen zu entschuldigen,

sagte Klaus Heinrich: »Ich höre mit Bedauern, daß Sie heute zu leiden

hatten, Herr Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?«

»Danke, besser, aber nicht gut«, antwortete Herr Spoelmann knarrend.

»Wieviel Löffel hast du genommen?« fragte er seine Tochter. Er meinte

damit, wieviel Tee sie in die Kanne geschüttet habe.

»Vier«, sagte sie. »Für jeden einen. Niemand soll sagen, daß ich mein

greises Väterchen dem Mangel aussetze.«

»Ach was«, antwortete Herr Spoelmann. »Ich bin nicht greis. Man sollte

dir die Zunge stutzen.« Und er nahm aus einer silbernen Büchse eine Art

Zwieback, die eigens für ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebäck und

tauchte es ärgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter

ohne Sahne und Zucker trank.

Klaus Heinrich begann von neuem: »Ich sehe mit großer Spannung der

Besichtigung Ihrer Sammlung entgegen, Herr Spoelmann.«

»Richtig«, antwortete Herr Spoelmann. »Wollen meine Gläser ansehen. Sind

Liebhaber? Vielleicht auch Sammler?«

»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »zum Sammeln bin ich bei aller Vorliebe

noch nicht gekommen.«

»Keine Zeit?« fragte Herr Spoelmann ... »Ist der Offiziersdienst so

zeitraubend?«

Klaus Heinrich antwortete: »Ich tue nicht mehr Dienst, Herr Spoelmann.

Ich bin _à la suite_ meines Regiments gestellt. Ich trage die Uniform,

das ist alles.«

»Ach so, zum Schein«, sagte Herr Spoelmann knarrend. »Was tun denn den

ganzen Tag?«

Klaus Heinrich hatte aufgehört, Tee zu trinken, hatte alles von sich

geschoben bei diesem Gespräch, das seine ganze Aufmerksamkeit

erforderte. Aufrecht saß er da und verantwortete sich, während er

fühlte, daß Imma Spoelmanns Blick groß, schwarz und forschend auf ihm

ruhte.

»Ich habe Pflichten bei Hofe, bei den Festen und Zeremonien. Ich habe

auch auf militärischem Gebiet zu repräsentieren, bei Rekrutenvereidigungen

und Fahnenweihen. Dann muß ich Empfänge abhalten, in Vertretung

meines Bruders, des Großherzogs. Und dann gibt es kleine

dienstliche Reisen, in die Ortschaften des Landes, zu Enthüllungen und

Einweihungen und anderen öffentlichen Feierlichkeiten.«

»Ach so«, sagte Herr Spoelmann. »Zeremonien, Feierlichkeiten. So für die

Gaffer. Na, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Ich sage Ihnen _once for

all_, daß ich nichts halte von Ihrem Beruf. _That's my standpoint,

sir._«

»Ich verstehe vollkommen«, sagte Klaus Heinrich. Er hielt sich aufrecht

in seinem Majorsrock und lächelte schmerzlich.

»Nun, es will ja wohl auch das geübt sein,« fuhr Herr Spoelmann ein

wenig sanfter fort, »geübt und gelernt, wie es scheint. Ich für meine

Person werde meiner Lebtage nicht aufhören, mich zu ärgern, wenn ich das

Wundertier abgeben muß ...«

»Ich will hoffen,« sagte Klaus Heinrich, »daß unsere Bevölkerung es

nicht an Rücksicht fehlen läßt ...«

»Danke, es geht«, antwortete Herr Spoelmann. »Die Leute sind wenigstens

gutmütig hier; es steht ihnen nicht gerade die Mordlust in den Augen

geschrieben, wenn sie glotzen.«

»Überhaupt würde ich mich freuen, zu hören, Herr Spoelmann« -- und Klaus

Heinrich fühlte sich besser, seit das Gespräch sich gewandt hatte und

das Fragen an ihm war --, »daß es Ihnen trotz den ungewohnten

Verhältnissen dauernd bei uns gefällt.«

»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin _at ease_. Und das Wasser ist ja

nun mal das einzige, das mir ein bißchen hilft.«

»Es ist Ihnen nicht schwer geworden, Amerika zu verlassen?«

Ein Blick streifte Klaus Heinrich, ein rascher und mißtrauischer Blick

von unten, den Klaus Heinrich nicht zu deuten wußte.

»Nein«, sagte Herr Spoelmann, scharf und knarrend. Das war alles, was er

auf die Frage antwortete, ob ihm der Abschied von Amerika nicht schwer

geworden sei.

Königliche Hoheit: Roman · 第 12 / 18 题