Die Hemmung

Schüsse wurden gelöst, als auf den verschiedenen Verständigungswegen der

Neuzeit in die Residenz die Nachricht gelangte, daß auf Grimmburg die

Großherzogin Dorothea zum zweiten Male von einem Prinzen entbunden sei.

Es waren zweiundsiebzig Schüsse, die über Stadt und Land hinrollten,

abgefeuert von militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich

darauf kanonierte auch die Feuerwehr mit den städtischen

Salutgeschützen, um nicht zurückzustehen; aber es entstanden lange

Pausen dabei zwischen einzelnen Detonationen, was viel Heiterkeit in der

Bevölkerung erregte.

Die Grimmburg beherrschte von einem buschigen Hügel das malerische

Städtchen des gleichen Namens, das seine grauen Schrägdächer in dem

vorüberfließenden Stromarm spiegelte und von der Hauptstadt in

halbstündiger Fahrt mit einer unrentablen Lokalbahn zu erreichen war.

Sie stand dort oben, die Burg, in grauen Tagen vom Markgrafen Klaus

Grimmbart, dem Ahnherrn des Fürstengeschlechts, trotzig erbaut, mehrmals

seither verjüngt und instand gesetzt, mit den Bequemlichkeiten der

wechselnden Zeiten versehen, stets wohnlich gehalten und als Stammsitz

des Herrscherhauses, als Wiege der Dynastenfamilie auf eine besondere

Weise geehrt. Denn das Hausgesetz und Herkommen bestand, daß alle

direkten Nachkommen des Grimmbartes, alle Kinder des jeweils regierenden

Paares hier geboren werden mußten. Diese Überlieferung war nicht wohl

außer acht zu lassen. Das Land hatte geistesklare und leugnerische

Souveräne gesehen, die ihren Spott daran geübt hatten, und dennoch

hatten sie sich ihr achselzuckend gefügt. Nun war es längst zu spät

geworden, noch davon abzugehen. Vernünftig und zeitgemäß oder nicht --

warum denn ohne Not mit einer ehrwürdigen Gepflogenheit brechen, die

sich gewissermaßen bewährt hatte? Im Volke stand fest, daß etwas daran

sei. Zweimal im Wandel von fünfzehn Generationen hatten Kinder

regierender Herren infolge irgendwelcher Zufälligkeiten auf andern

Schlössern das Licht erblickt: mit beiden hatte es ein unnatürliches und

nichtswürdiges Ende genommen. Aber von Heinrich dem Bußfertigen und

Johann dem Gewalttätigen nebst ihren lieblichen und stolzen Schwestern

bis auf Albrecht, den Vater des Großherzogs, und diesen selbst, Johann

Albrecht III., waren alle Souveräne des Landes und ihre Geschwister hier

zur Welt gebracht worden, und vor sechs Jahren war Dorothea mit ihrem

ersten Sohne, dem Erbgroßherzog, hier niedergekommen ...

Übrigens war das Stammschloß ein Zufluchtsort, so würdig als friedevoll.

Als Sommersitz mochte man ihm, der Kühle seiner Gemächer, des schattigen

Reizes seiner Umgebung wegen, sogar vor dem steif-lieblichen Hollerbrunn

den Vorzug geben. Der Aufstieg vom Städtchen, jene ein wenig grausam

gepflasterte Gasse zwischen ärmlichen Heimstätten und einer geborstenen

Mauerbrüstung, durch massige Torwege bis zu der uralten Schenke und

Fremdenherberge am Eingang zum Burghof, in dessen Mitte das Steinbild

Klaus Grimmbarts, des Erbauers, stand, war pittoresk, ohne bequem zu

sein. Aber ein ansehnlicher Parkbesitz bedeckte den Rücken des

Schloßberges und leitete auf gemächlichen Wegen hinab in das waldige und

sanft gewellte Gelände, das voller Gelegenheit zu Wagenfahrten und

stillem Lustwandeln war.

Das Innere der Burg angehend, so war es zuletzt noch zu Beginn der

Regierung Johann Albrechts III. einer umfassenden Auffrischung und

Verschönerung unterzogen worden -- mit einem Kostenaufwand, der viel

Gerede hervorgerufen hatte. Die Einrichtung der Wohngemächer war in

einem zugleich ritterlichen und behaglichen Stil ergänzt und erneuert,

die Wappenfliesen des »Gerichtssaales« waren genau nach dem Muster der

alten wiederhergestellt worden. Die Vergoldung der verschmitzten, in

vielfachen Spielarten wechselnden Kreuzbogengewölbe zeigte sich glänzend

aufgemuntert, alle Gemächer waren mit Parkett ausgestattet, und der

große sowohl wie der kleine Bankettsaal war durch die Künstlerhand des

Professors von Lindemann, eines hervorragenden Akademikers, mit großen

Wandmalereien geschmückt worden, Darstellungen aus der Geschichte des

landesherrlichen Hauses, angefertigt in einer leuchtenden und glatten

Manier, die fernab und ohne Ahnung von den unruhigen Bedürfnissen

jüngerer Schulen war. Es fehlte an nichts. Da die alten Kamine und

seltsam bunten, in runden Terrassen sich deckenhoch aufbauenden Öfen der

Burg nicht wohl verwendbar waren, so hatte man, im Hinblick auf die

Möglichkeit eines winterlichen Aufenthaltes, sogar Anthrazitöfen

gesetzt.

Aber am Tage der zweiundsiebzig Schüsse war beste Jahreszeit,

Spätfrühling, Frühsommer, Junianfang, ein Tag nach Pfingsten. Johann

Albrecht, in aller Frühe telegraphisch benachrichtigt, daß gegen Morgen

die Geburt begonnen habe, traf um acht mit der unrentablen Lokalbahn auf

Station Grimmburg ein, von drei oder vier offiziellen Persönlichkeiten,

dem Bürgermeister, dem Amtsrichter, dem Pastor, dem Arzt des Städtchens,

mit Segenswünschen empfangen, und begab sich sofort zu Wagen auf die

Burg. In der Begleitung des Großherzogs langten der Staatsminister

Doktor Baron Knobelsdorff und der Generaladjutant General der Infanterie

Graf Schmettern an. Ein wenig später fanden sich noch zwei oder drei

Minister, der Hofprediger Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein

paar Herren mit Hof- und Oberhofchargen und ein noch jugendlicher

Adjutant, Hauptmann von Lichterloh, auf dem Stammschloß ein. Obwohl der

großherzogliche Leibarzt, Generalarzt Doktor Eschrich, sich bei der

Wöchnerin befand, hatte Johann Albrecht die Laune, den jungen Ortsarzt,

einen Doktor Sammet, der obendrein jüdischer Abstammung war,

aufzufordern, ihn auf die Burg zu begleiten. Der schlichte, arbeitsame

und ernste Mann, der alle Hände voll zu tun hatte und sich solche

Auszeichnung nicht vermutend gewesen war, stammelte mehrmals: »Ganz gern

... ganz gern ...«, was einiges Lächeln hervorrief.

Der Großherzogin diente als Schlafzimmer die »Brautkemenate«, ein

fünfeckiges, sehr bunt ausgemaltes Gemach, welches, im ersten Stockwerk

gelegen, durch sein feierliches Fenster eine prangende Fernsicht über

Wälder, Hügel und die Windungen des Stromes bot und rings mit einem

Fries von medaillonförmigen Porträts geziert war, Bildnissen fürstlicher

Bräute, die hier in alten Tagen des Gebieters geharrt hatten. Dort lag

Dorothea; ein breites und starkes Band war um das Fußende ihres Bettes

geschlungen, daran sie sich hielt wie ein Kind, das Kutschieren spielt,

und ihr schöner, üppiger Körper tat harte Arbeit. Doktorin Gnadebusch,

die Hebamme, eine sanfte und gelehrte Frau mit kleinen feinen Händen und

braunen Augen, die durch runde und dicke Brillengläser einen mysteriösen

Glanz erhielten, unterstützte die Fürstin, indem sie sagte:

»Nur fest, nur fest, Königliche Hoheit ... Es geht geschwinde ... Es

geht ganz leicht ... Das zweitemal ... das ist nichts ... Geruhen: die

Knie auseinander ... Und stets das Kinn auf die Brust ...«

Eine Wärterin, gleich ihr in ein weißes Leinen gekleidet, half ebenfalls

und ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefäßen und Binden umher.

Der Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubärtiger Mann, dessen linkes

Augenlid gelähmt schien, überwachte die Geburt. Er trug den

Operationsmantel über seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in

der Kemenate, um sich vom Fortschreiten der Entbindung zu überzeugen,

Dorotheas vertraute Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen,

eine beleibte und asthmatische Dame von unterstrichen spießbürgerlichem

Äußern, die jedoch auf den Hofbällen eine Welt von Busen zu entblößen

pflegte. Sie küßte ihrer Herrin die Hand und kehrte zurück in ein

entlegenes Gemach, wo ein paar magere Schlüsseldamen mit dem

diensttuenden Kammerherrn der Großherzogin, einem Grafen Windisch,

plauderten. -- Doktor Sammet, der das Linnengewand wie einen Domino über

seinen Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und aufmerksamer

Haltung am Waschtisch.

Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation

einladenden Gewölbe auf, das von der »Brautkemenate« nur durch das

sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es

führte den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere

handschriftliche Folianten, die schräg auf dem wuchtigen Schranke

lehnten und die Geschichte der Burg enthielten. Das Gemach war als

Schreibzimmer eingerichtet. Globen schmückten die Wandborte. Durch das

Bogenfenster, das geöffnet stand, wehte der starke Wind der Höhe. Der

Großherzog hatte sich Tee servieren lassen, Kammerdiener Prahl hatte

selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen auf der Platte des

Sekretärs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen, unangenehm

angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein Gang war vom

unaufhörlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. -- Flügeladjutant

von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe leeren

Durchgangszimmer langweilte.

Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen,

neun oder zehn Herren, warteten in den Repräsentationsräumen des

Hoch-Erdgeschosses. Sie wanderten durch den großen und den kleinen

Bankettsaal, wo zwischen den Lindemannschen Gemälden Arrangements von

Fahnen und Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern, die

sich über ihnen zu bunten Gewölben entfalteten; sie standen vor den

deckenhohen und schmalen Fenstern und blickten durch die in Blei

gefaßten Scheibchen hinab über Fluß und Städtchen; sie saßen auf den

Steinbänken, die um die Wände liefen, oder auf Sesseln vor den Kaminen,

deren gotische Dächer von lächerlich kleinen gebückt schwebenden und

fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere Tag machte

den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den wattierten

Brustwölbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der

Würdenträger erglitzern.

Man unterhielt sich schlecht. Beständig hoben sich Dreimaster und

weißbekleidete Hände vor Münder, die sich krampfhaft öffneten. Fast alle

Herren hatten Tränen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu

frühstücken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck

und das kugelförmige, in Leder gehüllte Chloroformgefäß, das Generalarzt

Eschrich hier für alle Fälle niedergelegt hatte, einem furchtsamen

Studium unterzogen. Nachdem Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, ein

starker Mann mit schwänzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem

Zwicker und langen gelben Fingernägeln, in seiner abgerissen plappernden

Art mehrere Geschichten erzählt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von

seiner Gabe Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen -- reglosen Blicks

und in bester Haltung das Bewußtsein von Zeit und Raum zu verlieren,

ohne die Würde des Ortes im mindesten zu verletzen.

Doktor von Schröder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft, hatte

an diesem Tage ein Gespräch mit dem Staatsminister Doktor Baron

Knobelsdorff, Minister des Inneren, des Äußeren und des großherzoglichen

Hauses. Es war eine sprunghafte Plauderei, die mit einer

Kunstbetrachtung anhob, zu finanziellen und ökonomischen Fragen

überging, eines hohen Hofbeamten in ziemlich abfälligem Sinne gedachte

und sich auch mit den Personen der allerhöchsten Herrschaften

beschäftigte. Sie begann, als die Herren, die Hände mit ihren Hüten auf

dem Rücken, vor einem der Gemälde im Großen Bankettsaal standen, und

beide dachten mehr dabei, als sie aussprachen. Der Finanzminister sagte:

»Und dies? Was ist das? Was passiert da? Exzellenz sind so

orientiert ...«

»Oberflächlich. Es ist die Belehnung zweier jugendlicher Prinzen des

Hauses durch ihren Oheim, den römischen Kaiser. Exzellenz sehen da die

beiden jungen Herren knien und in großer Zeremonie ihren Eid auf das

Schwert des Kaisers leisten ...«

»Schön, ungewöhnlich schön! Welche Farben! Blendend. Was für reizende

goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser ... es ist der Kaiser,

wie er im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die Auszeichnungen,

die ihm zuteil geworden sind.«

»Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.«

Doktor von Schröder, ein langer Mann mit weißem Bart, einer zart

gebauten goldenen Brille auf der weißen Nase, einem kleinen Bauch, der

sich unvermittelt unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den

gestickten Stehkragen seines Fracks überquoll, blickte, ohne die Augen

von dem Bilde zu wenden, ein wenig zweifelhaft drein, von einem

Mißtrauen berührt, das ihn zuzeiten im Gespräch mit dem Baron überkam.

Dieser Knobelsdorff, dieser Günstling und höchste Beamte war so

vieldeutig ... Zuweilen waren seine Äußerungen, seine Erwiderungen von

einem ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er kannte den

Erdball, er war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und

freie Art interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schröder

verstand sich nicht völlig auf ihn. Bei aller Übereinstimmung war es

nicht möglich, sich ganz im Einverständnis mit ihm zu fühlen. Seine

Meinungen waren voll heimlicher Reserve, seine Urteile von einer

Duldsamkeit, die in Unruhe ließ, ob sie Gerechtigkeit oder

Geringschätzung bedeute. Aber das Verdächtigste war sein Lächeln, ein

Augenlächeln ohne Anteil des Mundes, das vermöge strahlenförmig an den

äußeren Augenwinkeln angeordneter Fältchen zu entstehen schien oder

umgekehrt mit der Zeit diese Fältchen hervorgerufen hatte ... Baron

Knobelsdorff war jünger als der Finanzminister, ein Mann in den besten

Jahren damals, obwohl sein gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der

Mitte gescheiteltes Haupthaar schon leicht ergraut waren -- untersetzt

übrigens, kurzhalsig und von dem Kragen seines bis zum Saume betreßten

Hofkleides sichtlich beengt. Er überließ Herrn von Schröder einen

Augenblick seiner Ratlosigkeit und fuhr dann fort: »Nur wäre vielleicht

im Interesse einer löblichen Hoffinanzdirektion zu wünschen, daß der

berühmte Mann sich ein wenig mehr mit Sternen und Titeln begnügte, und

... roh gesprochen, was mag dieses gefällige Bildwerk gekostet haben?«

Herr von Schröder gewann wieder Leben. Der Wunsch, die Hoffnung, sich

mit dem Baron zu verständigen, dennoch zur Intimität und vertraulichen

Einhelligkeit mit ihm zu gelangen, machte ihn eifrig.

»Genau mein Gedanke!« sagte er, indem er sich wandte, um den Gang durch

die Säle wieder aufzunehmen. »Exzellenz nehmen mir die Frage vom Munde.

Was mag für diese ›Belehnung‹ bezahlt worden sein? Was für die übrige

Farbenpracht hier an den Wänden? Denn _in summa_ hat die Restauration

der Burg vor sechs Jahren eine Million gekostet.«

»Schlecht gerechnet.«

»Rund und nett! Und diese _summa_ geprüft und genehmigt vom

Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, der sich dort hinten seiner

angenehmen Katalepsie überläßt, geprüft, genehmigt und ausgekehrt vom

Hoffinanzdirektor Grafen Trümmerhauff ...«

»Ausgekehrt oder schuldig geblieben.«

»Eins von beiden!... Diese _summa_, sage ich, auferlegt und zugemutet

einer Kasse, einer Kasse ...«

»Mit einem Worte: der Kasse der großherzoglichen Vermögensverwaltung.«

»Exzellenz wissen so gut wie ich, was Sie damit sagen. Nein, mir wird

kalt ... ich beschwöre, daß ich weder ein Knicker noch ein Hypochonder

bin, aber mir wird kalt in der Herzgrube bei der Vorstellung, daß man im

Angesicht der waltenden Verhältnisse gelassenen Sinnes eine Million

hinwirft -- wofür? für ein Nichts, eine hübsche Grille, für die

glänzende Instandsetzung des Stammschlosses, auf dem geboren werden

muß ...«

Herr von Knobelsdorff lachte: »Ja, mein Gott, die Romantik ist ein

Luxus, ein kostspieliger! Exzellenz, ich bin Ihrer Meinung --

selbstverständlich. Aber bedenken Sie, daß zuletzt der ganze Mißstand

fürstlicher Wirtschaft in diesem romantischen Luxus seinen Grund hat.

Das Übel fängt an damit, daß die Fürsten Bauern sind; ihre Vermögen

bestehen aus Grund und Boden, ihre Einkünfte aus landwirtschaftlichen

Erträgnissen. Heutzutage ... Sie haben sich bis zum heutigen Tage noch

nicht entschließen können, Industrielle und Finanzleute zu werden. Sie

lassen sich mit bedauerlicher Hartnäckigkeit von gewissen obsoleten und

ideologischen Grundbegriffen leiten, wie zum Beispiel den Begriffen der

Treue und Würde. Der fürstliche Besitz ist durch Treue --

fideikommissarisch -- gebunden. Vorteilhafte Veräußerungen sind

ausgeschlossen. Hypothekarische Verpfändung, Kreditbeschaffung zum

Zwecke wirtschaftlicher Verbesserungen scheint ihnen unzulässig. Die

Administration ist in der freien Ausnutzung geschäftlicher Konjunkturen

streng gehindert -- durch Würde. Verzeihung, nicht wahr! Ich sage Ihnen

Fibelwahrheiten. Wer so sehr wie diese Menschenart auf gute Haltung

sieht, kann und will mit der Freizügigkeit und ungehemmten Initiative

minder eigensinniger und ideell verpflichteter Geschäftsleute natürlich

nicht Schritt halten. Nun denn, was will gegenüber diesem negativen

Luxus die positive Million bedeuten, die man einer hübschen Grille

wegen, um Eurer Exzellenz Ausdruck zu wiederholen, geopfert hat? Wenn es

mit dieser einen sein Bewenden hätte! Aber da haben wir die regelmäßige

Kostenlast einer leidlich würdigen Hofhaltung. Da sind die Schlösser und

ihre Parks zu unterhalten, Hollerbrunn, Monbrillant, Jägerpreis, nicht

wahr ... Eremitage, Delphinenort, Fasanerie und die anderen ... ich

vergesse Schloß Segenhaus und die Ruine Haderstein ... vom Alten

Schlosse zu schweigen ... Sie werden schlecht unterhalten, aber es ist

ein Posten ... Da ist das Hoftheater, die Galerie, die Bibliothek zu

unterstützen. Da sind hundert Ruhegehälter zu zahlen -- auch ohne

Rechtspflicht, aus Treue und Würde. Und auf welch fürstliche Art der

Großherzog bei der letzten Überschwemmung eingesprungen ist ... Aber das

ist eine Rede, die ich da halte!«

»Eine Rede,« sagte der Finanzminister, »mit der Eure Exzellenz mir zu

opponieren gedachten, während Sie mich damit unterstützen. -- Teuerster

Baron« -- und hierbei legte Herr von Schröder die Hand aufs Herz --,

»ich gebe mich der Sicherheit hin, daß über meine Gesinnung, meine

loyale Gesinnung zwischen Ihnen und mir jedes Mißverständnis

ausgeschlossen ist. Der König kann nicht unrecht tun ... Die höchste

Person ist über jeden Vorwurf erhaben. Aber eine Schuld ... ach, ein

doppelsinniges Wort!... eine Schuld ist vorhanden, und ich wälze sie

ohne Zögern auf den Grafen Trümmerhauff. Daß die früheren Inhaber seines

Postens ihre Souveräne über die materielle Lage des Hofes

hinwegtäuschten, lag im Geiste der Zeiten und war verzeihlich. Das

Verhalten des Grafen Trümmerhauff ist es nicht mehr. Ihm, in seiner

Eigenschaft als Hoffinanzdirektor, hätte es obgelegen, der herrschenden

... Sorglosigkeit Einhalt zu tun, ihm würde es heute noch obliegen,

Seine Königliche Hoheit rückhaltlos zu belehren ...«

Herr von Knobelsdorff lächelte mit emporgezogenen Brauen.

»Wirklich?« sagte er. »Es ist also Eurer Exzellenz Anschauung, daß die

Ernennung des Grafen zu diesem Ende erfolgt ist? Und ich, ich male mir

das berechtigte Erstaunen dieses Edelmannes aus, wenn Sie ihm Ihre

Auffassung der Dinge darlegten. Nein, nein ... Exzellenz dürfen sich

nicht darüber täuschen, daß diese Ernennung eine ganz gemessene

Willensäußerung Seiner Königlichen Hoheit in sich schloß, die der

Ernannte als Erster zu achten hatte. Sie bedeutete nicht nur ein

Ich-weiß-nichts, sondern auch ein Ich-will-nichts-wissen. Man kann eine

ausschließlich dekorative Persönlichkeit und dennoch befähigt sein, dies

zu begreifen ... Im übrigen ... aufrichtig ... wir alle haben es

begriffen. Und für uns alle gilt zuletzt nur ein mildernder Umstand:

dieser, daß in der Welt kein Fürst lebt, zu dem von seinen Schulden zu

sprechen eine fatalere Sache wäre als zu Seiner Königlichen Hoheit.

Unser Herr hat in seinem Wesen ein Etwas, das einem solche Mesquinerien

auf der Lippe ersterben läßt ...«

»Sehr wahr. Sehr wahr«, sagte Herr von Schröder. Er seufzte und

streichelte gedankenvoll den Schwanbesatz seines Hutes. Die beiden

Herren saßen, einander halb zugewandt, an erhöhtem Ort, einem

Fensterplatz in geräumiger Nische, an welcher draußen ein schmaler

Steingang vorbeilief, eine Art Galerie, die durch spitze Bogen den Blick

auf das Städtchen freigab. Herr von Schröder sagte wieder:

»Sie antworten mir, Baron, Sie scheinen mir zu widersprechen, und Ihre

Worte sind im Inneren ungläubiger und bitterer als die meinen.«

Herr von Knobelsdorff schwieg mit einer vagen und anheimgebenden Geste.

»Es mag sein«, sagte der Finanzminister und nickte trübe auf seinen Hut

hinunter. »Exzellenz mögen recht haben. Vielleicht sind wir alle

schuldig, wir und unsere Vorgänger. Was hätte nicht alles verhindert

werden müssen! Sehen Sie, Baron, einmal, es ist zehn Jahre her, bot sich

eine Gelegenheit, die Finanzen des Hofes zu sanieren, zu bessern auch

nur, wenn Sie wollen. Sie ist versäumt worden. Wir verstehen einander.

Der Großherzog hatte es damals, bestrickender Mann, der er ist, in der

Hand, die Verhältnisse durch eine Heirat, die von einem gesunden

Standpunkt hätte glänzend genannt werden können, zu rangieren. Statt

dessen ... meine persönlichen Empfindungen beiseite ... aber ich

vergesse niemals die Jammermiene, mit der man im ganzen Lande die Ziffer

der Mitgift nannte ...«

»Die Großherzogin«, sagte Herr von Knobelsdorff, und die Fältchen an

seinen Augenwinkeln verschwanden fast ganz, »ist eine der schönsten

Frauen, die ich je gesehen habe.«

»Eine Erwiderung, die Eurer Exzellenz zu Gesichte steht. Eine

ästhetische Erwiderung. Eine Erwiderung, die Stich halten würde, auch

wenn die Wahl Seiner Königlichen Hoheit, wie die seines Bruders Lambert

auf ein Mitglied des Hofballetts gefallen wäre ...«

»Oh, da bestand keine Gefahr. Der Geschmack des Herrn ist schwer zu

befriedigen, er hat es gezeigt. Seine Bedürfnisse haben immer das

Gegenstück zu jenem Mangel an Wahl gebildet, den Prinz Lambert zeit

seines Lebens an den Tag gelegt hat. Er hat sich spät zur Ehe

entschlossen. Man hatte die Hoffnung auf direkte Nachkommenschaft

nachgerade aufgegeben. Man bequemte sich wohl oder übel, in dem Prinzen

Lambert, über dessen ... Indisponiertheit wir einig sein werden, den

Thronerben zu sehen. Da, wenige Wochen nach seiner Thronbesteigung lernt

Johann Albrecht die Prinzessin Dorothea kennen, er ruft aus: Diese oder

keine! und das Großherzogtum hat eine Landesmutter. Exzellenz erwähnten

der bedenklichen Mienen, die entstanden, als die Ziffer der Mitgift

bekannt wurde -- Sie erwähnten nicht des Jubels, der gleichwohl

herrschte. Eine arme Prinzessin, allerdings. Aber ist die Schönheit,

solche Schönheit, eine beglückende Macht nicht? Unvergeßlich ihr Einzug!

Sie war geliebt, als ihr erstes Lächeln über das schauende Volk hinflog.

Exzellenz müssen mir gestatten, mich wieder einmal zu dem Glauben an den

Idealismus des Volkes zu bekennen. Das Volk will sein Bestes, sein

Höheres, seinen Traum, will irgend etwas wie seine Seele in seinen

Fürsten dargestellt sehen -- nicht seinen Geldbeutel. Den zu

repräsentieren sind andere Leute da ...«

»Sie sind nicht da. Bei uns nicht da.«

»Ein bedauerliches Faktum für sich. Die Hauptsache: Dorothea hat uns

einen Thronfolger beschert ...«

»In dem der Himmel einigen Zahlensinn entwickeln möge!«

»Einverstanden ...«

Hier endete das Gespräch der beiden Minister. Es brach ab, es wurde

unterbrochen, und zwar dadurch, daß Flügeladjutant von Lichterloh die

glücklich vollzogene Entbindung meldete. Eine Bewegung entstand im

kleinen Bankettsaal, und alle Herren fanden sich plötzlich dort

zusammen. Die eine der großen geschnitzten Türen war lebhaft geöffnet

worden, und der Adjutant stand im Saale. Er hatte ein gerötetes Gesicht,

blaue Soldatenaugen, einen flächsernen gesträubten Schnurrbart und

silberne Gardetressen an seinem Kragen. Bewegt und ein wenig außer sich,

wie ein Mann, der von tödlicher Langeweile erlöst und einer freudigen

Nachricht voll ist, setzte er sich im Gefühl des außerordentlichen

Augenblicks keck über Form und Vorschrift hinweg. Er salutierte lustig,

indem er mit gespreiztem Ellenbogen den Griff seines Säbels beinahe zur

Brusthöhe hinaufzog, und rief mit übermütigem Schnarren: »Melde

gehorsamst: Ein Prinz!«

»_A la bonne heure_«, sagte Generaladjutant Graf Schmettern.

»Erfreulich, sehr erfreulich, das nenne ich höchst erfreulich!« sagte

Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl in seiner plappernden Art; er war

sofort ins Bewußtsein zurückgekehrt.

Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein glattgesichtiger Herr von

schöner Turnüre, der als Sohn eines Generals und dank seiner

persönlichen Distinktion in verhältnismäßig jungen Jahren zu seiner

hohen Würde gelangt war, und auf dessen seidigem schwarzen Rock sich ein

Ordensstern wölbte, faltete seine weißen Hände unterhalb der Brust und

sagte mit wohllautender Stimme: »Gott segne Seine Großherzogliche

Hoheit!«

»Sie vergessen, Herr Hauptmann,« sagte Herr von Knobelsdorff lächelnd,

»daß Sie mit Ihren Konstatierungen in meine Rechte und Pflichten

eingreifen. Bevor ich nicht über die Sachlage gründlichste Erhebungen

angestellt, bleibt die Frage, ob Prinz oder Prinzessin, durchaus

unentschieden ...«

Man lachte hierüber, und Herr von Lichterloh antwortete: »Zu Befehl,

Exzellenz! Ich habe denn auch die Ehre, Euere Exzellenz in höchstem

Auftrage zu ersuchen ...«

Diese Wechselrede bezog sich auf des Staatsministers Eigenschaft als

Standesbeamter des großherzoglichen Hauses, in welcher Eigenschaft er

berufen und gehalten war, das Geschlecht des fürstlichen Kindes nach

eigenem Augenschein festzustellen und amtlich aufzunehmen. Herr von

Knobelsdorff erledigte diese Formalität in dem sogenannten

Frisierkabinett, wo das Neugeborene gebadet worden war, verweilte sich

aber länger dort, als er selbst erwartet hatte, nachträglich stutzig

gemacht und angehalten durch eine peinliche Beobachtung, über die er

zunächst gegen jedermann, ausgenommen gegen die Hebamme, Stillschweigen

bewahrte.

Die Doktorin Gnadebusch enthüllte ihm das Kind, und ihre hinter den

dicken Brillengläsern geheimnisvoll glänzenden Augen gingen zwischen dem

Staatsminister und dem kleinen kupferfarbenen und mit einem -- nur einem

-- Händchen blindlings greifenden Wesen hin und her, als wollte sie

fragen: »Stimmt es?« -- Es stimmte, Herr von Knobelsdorff war

befriedigt, und die weise Frau hüllte das Kind wieder ein. Aber auch

dann noch ließ sie nicht ab, auf den Prinzen nieder und zu dem Baron

emporzublicken, bis sie seine Augen dorthin gelenkt hatte, wo sie sie

haben wollte. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln verschwanden, er zog

die Brauen zusammen, prüfte, verglich, betastete, untersuchte den Fall

zwei, drei Minuten lang und fragte schließlich: »Hat der Großherzog das

schon gesehen?«

»Nein, Exzellenz.«

»Wenn der Großherzog das sieht,« sprach Herr von Knobelsdorff, »so sagen

Sie ihm, daß es sich auswächst.«

Königliche Hoheit: Roman · 第 4 / 18 题