Vorspiel

Es ist auf der Albrechtsstraße, jener Verkehrsader der Residenz, die den

Albrechtsplatz und das Alte Schloß mit der Kaserne der Gardefüsiliere

verbindet -- um Mittag, wochentags, zu einer gleichgültigen Jahreszeit.

Das Wetter ist mäßig gut, indifferent. Es regnet nicht, aber der Himmel

ist auch nicht klar; er ist gleichmäßig weißgrau, gewöhnlich,

unfestlich, und die Straße liegt in einer stumpfen und nüchternen

Beleuchtung, die alles Geheimnisvolle, jede Absonderlichkeit der

Stimmung ausschließt. Es herrscht ein Verkehr von mittlerer Regsamkeit,

ohne viel Lärm und Gedränge, entsprechend dem nicht sehr geschäftigen

Charakter der Stadt. Trambahnwagen gleiten dahin, ein paar Droschken

rollen vorbei, auf den Bürgersteigen bewegt sich Einwohnerschaft,

farbloses Volk, Passanten, Publikum, Leute. -- Zwei Offiziere, die Hände

in den Schrägtaschen ihrer grauen Paletots, kommen einander entgegen:

ein General und ein Leutnant. Der General nähert sich von der Schloß-,

der Leutnant von der Kasernenseite her. Der Leutnant ist blutjung, ein

Milchbart, ein halbes Kind. Er hat schmale Schultern, dunkles Haar und

so breite Wangenknochen, wie viele Leute hierzulande sie haben, blaue,

ein wenig müde blickende Augen und ein Knabengesicht von freundlich

verschlossenem Ausdruck. Der General ist schlohweiß, hoch und breit

gepolstert, eine überaus gebietende Erscheinung. Seine Augenbrauen sind

wie aus Watte, und sein Schnurrbart überbuscht sowohl Mund als Kinn. Er

geht mit langsamer Wucht, sein Säbel klirrt auf dem Asphalt, sein

Federbusch flattert im Winde, und langsam schwappt bei jedem Schritte

der große rote Brustaufschlag seines Mantels auf und nieder. So kommen

sie aufeinander zu. -- Kann dies zu Verwickelungen führen? Unmöglich.

Jedem Beobachter steht der naturgemäße Verlauf dieses Zusammentreffens

klar vor Augen. Hier ist das Verhältnis von alt und jung, von Befehl und

Gehorsam, von betagtem Verdienst und zartem Anfängertum, hier ist ein

gewaltiger hierarchischer Abstand, hier gibt es Vorschriften. Natürliche

Ordnung, nimm deinen Lauf! -- Und was, statt dessen, geschieht? Statt

dessen vollzieht sich das folgende, überraschende, peinliche,

entzückende und verkehrte Schauspiel. Der General, des jungen Leutnants

ansichtig werdend, verändert auf seltsame Art seine Haltung. Er nimmt

sich zusammen und wird doch gleichsam kleiner. Er dämpft sozusagen mit

einem Ruck den Prunk seines Auftretens, er tut dem Lärm seines Säbels

Einhalt, und während sein Gesicht einen bärbeißigen und verlegenen

Ausdruck annimmt, ist er ersichtlich nicht einig mit sich, wohin er

blicken soll, was er so zu verbergen sucht, daß er unter seinen

Wattebrauen hinweg schräg vor sich hin auf den Asphalt starrt. Auch der

junge Leutnant verrät, genau beobachtet, eine leichte Befangenheit, die

aber seltsamerweise bei ihm in höherem Grade als bei dem greisen

Befehlshaber von einer gewissen Grazie und Disziplin bemeistert scheint.

Die Spannung seines Mundes wird zu einem Lächeln von zugleich

bescheidener und gütiger Art, und seine Augen blicken vorläufig mit

einer stillen und beherrschten Ruhe, die den Anschein der Mühelosigkeit

hat, an dem General vorbei und ins Weite. Nun sind sie auf drei Schritt

aneinander. Und statt die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung auszuführen,

legt der blutjunge Leutnant ein wenig den Kopf zurück, zieht

gleichzeitig seine rechte Hand -- nur die rechte, das ist auffallend --

aus der Manteltasche und beschreibt mit eben dieser weißbehandschuhten

Rechten eine kleine ermunternde und verbindliche Bewegung, nicht

stärker, als daß er, die Handfläche nach oben, die Finger öffnet; aber

der General, der dieses Zeichen mit hängenden Armen erwartet hat, fährt

an den Helm, biegt aus, gibt in halber Verbeugung sozusagen den

Bürgersteig frei und grüßt den Leutnant von unten herauf aus rotem

Gesicht mit frommen und wässerigen Augen. Da erwidert der Leutnant, die

Hand an der Mütze, das Honneur seines Vorgesetzten, erwidert es, indem

eine kindliche Freundlichkeit sein ganzes Gesicht bewegt, erwidert es --

und geht weiter.

Ein Wunder! Ein phantastischer Auftritt! Er geht weiter. Man sieht ihn

an, aber er sieht niemanden an, er sieht zwischen den Leuten hindurch

geradeaus, ein wenig mit dem Blick einer Dame, die sich beobachtet weiß.

Man grüßt ihn, dann grüßt er zurück, fast herzlich und dennoch aus einer

Ferne. Wie es scheint, so geht er nicht gut; es ist, als sei er des

Gebrauches seiner Beine nicht sehr gewohnt oder als behindere ihn die

allgemeine Aufmerksamkeit, so ungleichmäßig und zögernd ist sein

Schritt, ja, bisweilen scheint er zu hinken. Ein Schutzmann macht Front,

eine elegante Frau, aus einem Laden tretend, sinkt lächelnd ins Knie.

Man blickt nach ihm um, man weist mit dem Kopfe nach ihm, man zieht die

Brauen empor und nennt gedämpft seinen Namen ...

Es ist Klaus Heinrich, der jüngere Bruder Albrechts II. und nächster

Agnat am Throne. Dort geht er, man kann ihn noch sehen. Gekannt und doch

fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und gleichsam

doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trägt auf seinen

schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.

Königliche Hoheit: Roman · 第 3 / 18 题