Aber zehn oder fünfzehn Minuten nach ihm machte auch der Großherzog die
mißliche Entdeckung -- das war unvermeidlich und hatte für Generalarzt
Eschrich eine kurze, außerordentlich unangenehme Szene zur Folge, für
den Grimmburger Doktor Sammet aber eine Unterredung mit dem Großherzog,
die ihn sehr in dessen Achtung steigen ließ und ihm in seiner späteren
Laufbahn von Nutzen war. Kurz zusammengefaßt, ging dies alles vor sich
wie folgt.
Während der Nachgeburt hatte Johann Albrecht sich wieder in der
»Bibliothek« aufgehalten und sich dann einige Zeit, Hand in Hand mit
seiner Gemahlin, am Wochenbette verweilt. Hierauf begab er sich in das
»Frisierkabinett«, wo der Säugling nun in seinem hohen, zierlich
vergoldeten und halb von einer blauseidenen Gardine umhüllten Bettchen
lag, und ließ sich in einem rasch herzugezogenen Armstuhl zur Seite
seines kleinen Sohnes nieder. Aber während er saß und das schlummernde
Kind betrachtete, geschah es, daß er wahrnahm, was man ihm gern noch
verhehlt hätte. Er zog die Decke weiter zurück, verfinsterte sich und
tat dann alles, was vor ihm Herr von Knobelsdorff getan hatte, sah
nacheinander die Doktorin Gnadebusch und die Wärterin an, die
verstummten, warf einen Blick auf die angelehnte Tür zur Kemenate und
kehrte erregten Schrittes in die Bibliothek zurück.
Hier ließ er sofort die silberne, mit einem Adler geschmückte
Druckglocke ertönen, die auf dem Schreibtisch stand, und sagte zu Herrn
von Lichterloh, der klirrend eintrat, sehr kurz und kalt: »Ich ersuche
Herrn Eschrich.«
Wenn der Großherzog auf eine Person seiner Umgebung zornig war, so
pflegte er den Betreffenden für den Augenblick all seiner Titel und
Würden zu entkleiden und ihm nichts als seinen nackten Namen zu lassen.
Der Flügeladjutant klirrte aufs neue mit seinen Sporen und zog sich
zurück. Johann Albrecht schritt ein paarmal heftig knarrend durch das
Gemach und nahm dann, als er hörte, daß Herr von Lichterloh den
Befohlenen in das Vorzimmer einführte, am Schreibtisch Audienzhaltung
an.
Wie er dastand, den Kopf herrisch ins Halbprofil gewandt, die Linke, die
den mit Atlas ausgeschlagenen Gehrock von der weißen Weste hinwegraffte,
fest in die Hüfte gestemmt, glich er genau seinem Porträt von der Hand
des Professors von Lindemann, welches, als Gegenstück zu dem Dorotheas,
im Residenzschloß im »Saal der zwölf Monate« zur Seite des großen
Spiegels über dem Kamine hing und von dem zahllose Nachbildungen,
Photographien und illustrierte Postkarten im Publikum verbreitet waren.
Der Unterschied war nur der, daß Johann Albrecht auf jenem Bildnis von
heldischer Figur erschien, während er in Wirklichkeit kaum mittelgroß
war. Seine Stirne war hoch vor Kahlheit, und unter ergrauten Brauen
blickten seine blauen Augen, matt umschattet, mit einem müden Hochmut
ins Weite. Er hatte die breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Wangenknochen, die ein Merkmal seines Volkes waren. Sein Backenbart und
das Bärtchen an der Unterlippe waren grau, der gedrehte Schnurrbart
beinahe schon weiß. Von den geblähten Flügeln seiner gedrungenen, aber
vornehm gebogenen Nase liefen zwei ungewöhnlich tief schürfende Furchen
schräg in den Bart hinab. In dem Ausschnitt seiner Pikeeweste leuchtete
das zitronengelbe Band des Hausordens zur Beständigkeit. Im Knopfloch
trug der Großherzog ein Nelkensträußchen.
Generalarzt Eschrich war mit tiefer Verbeugung eingetreten. Er hatte
sein Operationsgewand abgelegt. Sein gelähmtes Augenlid hing schwerer
als sonst über den Augapfel hinab. Er machte einen finsteren und
unseligen Eindruck.
Der Großherzog, die Linke in der Hüfte, warf den Kopf zurück, streckte
die Rechte aus und bewegte sie, die Handfläche nach oben, mehrmals kurz
und ungeduldig in der Luft hin und her.
»Ich erwarte eine Erklärung, eine Rechtfertigung, Herr Generalarzt«,
sagte er mit vor Gereiztheit schwankender Stimme. »Sie werden die Güte
haben, mir Rede zu stehen. Was ist das mit dem Arm des Kindes?«
Der Leibarzt hob ein wenig die Arme -- eine schwache Geste der Ohnmacht
und der Schuldlosigkeit. Er sagte:
»Geruhen Königliche Hoheit ... Ein unglücklicher Zufall. Ungünstige
Umstände während der Schwangerschaft Ihrer Königlichen Hoheit ...«
»Das sind Phrasen!« Der Großherzog war so erregt, daß er eine
Rechtfertigung nicht einmal wünschte, sie geradezu verhinderte. »Ich
bemerke Ihnen, mein Herr, daß ich außer mir bin. Unglücklicher Zufall!
Sie hatten unglückliche Zufälle hintanzuhalten ...«
Der Generalarzt stand in halber Verneigung da und sprach mit unterwürfig
gesenkter Stimme auf den Fußboden hinab.
»Ich bitte gehorsamst, erinnern zu dürfen, daß ich zum wenigsten nicht
allein die Verantwortung trage. Geheimrat Grasanger hat Ihre Königliche
Hoheit untersucht -- eine gynäkologische Autorität ... Aber niemanden
kann in diesem Falle Verantwortung treffen ...«
»Niemanden ... Ah! Ich erlaube mir, Sie verantwortlich zu machen ... Sie
stehen mir ein ... Sie haben die Schwangerschaft überwacht, die
Entbindung geleitet. Ich habe auf die Kenntnisse gebaut, die Ihrem Range
entsprechen, Herr Generalarzt, ich habe in Ihre Erfahrung Vertrauen
gesetzt. Ich bin schwer getäuscht, schwer enttäuscht. Der Erfolg Ihrer
Gewissenhaftigkeit besteht darin, daß ein ... krüppelhaftes Kind ins
Leben tritt ...«
»Wollen Königliche Hoheit allergnädigst erwägen ...«
»Ich habe erwogen. Ich habe gewogen und zu leicht befunden. Ich danke!«
Generalarzt Eschrich entfernte sich rückwärts, in gebeugter Haltung. Im
Vorzimmer zuckte er die Achseln, sehr rot im Gesicht. Der Großherzog
schritt wieder in der »Bibliothek« auf und ab, knarrend in seinem
fürstlichen Zorn, unbillig, unbelehrt und töricht in seiner Einsamkeit.
Sei es aber, daß er den Leibarzt noch weiter zu kränken wünschte oder
daß er es bereute, sich selbst um jede Aufklärung gebracht zu haben --
nach zehn Minuten trat das Unerwartete ein, daß der Großherzog durch
Herrn von Lichterloh den jungen Doktor Sammet zu sich in die
»Bibliothek« befehlen ließ.
Der Doktor, als er die Nachricht empfing, sagte wieder: »Ganz gern ...
ganz gern ...« und verfärbte sich sogar ein wenig, benahm sich dann aber
ausgezeichnet. Zwar beherrschte er die Form nicht völlig und verbeugte
sich zu früh, schon in der Tür, so daß der Adjutant diese nicht hinter
ihm schließen konnte und ihm die Bitte zuraunen mußte, weiter
vorzutreten; dann aber stand er frei und angenehm da und antwortete
befriedigend, obgleich er die Gewohnheit zeigte, beim Sprechen ein wenig
schwer, mit zögernden Vorlauten anzusetzen und häufig, wie zu schlichter
Bekräftigung, ein »Ja« zwischen seinen Sätzen einzuschalten. Er trug
sein dunkelblondes Haar bürstenartig beschnitten und den Schnurrbart
sorglos hängend. Kinn und Wangen waren sauber rasiert und ein wenig wund
davon. Er hielt den Kopf leicht seitwärts geneigt, und der Blick seiner
grauen Augen sprach von Klugheit und tätiger Sanftmut. Seine Nase, zu
flach auf den Schnurrbart abfallend, deutete auf seine Herkunft hin. Er
hatte zum Frack eine schwarze Halsbinde angelegt, und seine gewichsten
Stiefel waren von ländlichem Zuschnitt. Eine Hand an seiner silbernen
Uhrkette, hielt er den Ellenbogen dicht am Oberkörper. Redlichkeit und
Sachlichkeit waren in seiner Erscheinung ausgedrückt; sie erweckte
Vertrauen.
Der Großherzog redete ihn ungewöhnlich gnädig an, ein wenig in der Art
eines Lehrers, der einen schlechten Schüler gescholten hat und sich in
plötzlicher Milde zu einem anderen wendet.
»Herr Doktor, ich habe Sie bitten lassen ... Ich wünsche Auskunft von
Ihnen in betreff dieser Erscheinung an dem Körper des neugeborenen
Prinzen ... Ich nehme an, daß sie Ihnen nicht entgangen ist ... Ich
stehe vor einem Rätsel ... einem äußerst schmerzlichen Rätsel ... Mit
einem Wort, ich bitte um Ihre Ansicht.« Und der Großherzog, die Stellung
wechselnd, endete mit einer vollkommen schönen Handbewegung, die dem
Doktor das Wort ließ.
Doktor Sammet sah ihm still und aufmerksam zu, wartete gleichsam ab, bis
der Großherzog mit seinem ganzen fürstlichen Benehmen fertig war. Dann
sagte er: »Ja. -- Es handelt sich also um einen Fall, der zwar nicht
allzuhäufig eintritt, der uns aber doch wohlbekannt und vertraut ist.
Ja. Es ist im wesentlichen ein Fall von Atrophie.«
»Ich muß bitten ... ›Atrophie‹ ...«
»Verzeihung, Königliche Hoheit. Ich meine von Verkümmerung. Ja.«
»Sehr richtig. Verkümmerung. Das trifft zu. Die linke Hand ist
verkümmert. Aber das ist unerhört! Ich begreife das nicht! Niemals ist
dergleichen in meiner Familie vorgekommen. Man spricht neuerdings von
Vererbung ...«
Wieder betrachtete der Doktor still und aufmerksam diesen entrückten und
gebietenden Herrn, zu dem ganz kürzlich die Kunde gedrungen war, daß man
neuerdings von Vererbung spreche. Er antwortete einfach: »Verzeihung,
Königliche Hoheit; aber von Vererbung kann in dem vorliegenden Fall auch
gar nicht die Rede sein.«
»Ach! Wirklich nicht!« sagte der Großherzog ein wenig spöttisch. »Ich
empfinde das als Genugtuung. Aber wollen Sie mir freundlichst sagen,
wovon denn eigentlich die Rede sein kann.«
»Ganz gern, Königliche Hoheit. Die Mißbildung hat eine rein mechanische
Ursache, ja. Sie ist bewirkt worden durch eine mechanische Hemmung
während der Entwicklung des Fruchtkeimes. Solche Mißbildungen nennen wir
Hemmungsbildungen, ja.«
Der Großherzog horchte mit einem ängstlichen Ekel; er fürchtete
sichtlich die Wirkung jedes neuen Wortes auf seine Empfindlichkeit. Er
hielt die Brauen zusammengezogen und den Mund geöffnet; seine beiden in
den Bart verlaufenden Furchen schienen noch tiefer dadurch. Er sagte:
»Hemmungsbildungen ... Aber wie in aller Welt ... ich kann nicht
zweifeln, daß jede Sorgfalt angewandt worden ist ...«
»Hemmungsbildungen,« antwortete Doktor Sammet, »können auf verschiedene
Weise entstehen. Aber man kann mit ziemlicher Gewißheit sagen, daß in
unserem Falle ... in diesem Falle das Amnion die Schuld trägt.«
»Ich muß bitten ... ›Das Amnion‹ ...«
»Das ist eine der Eihäute, Königliche Hoheit. Ja. Und unter gewissen
Umständen kann sich die Abhebung dieser Eihaut vom Embryo verzögern und
so schwerfällig vor sich gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen
beiden ausziehen ... amniotische Fäden, wie wir sie nennen, ja. Diese
Fäden können gefährlich werden, denn sie können ganze Gliedmaßen des
Kindes umschlingen und umschnüren, können zum Beispiel einer Hand völlig
die Lebenswege unterbinden und sie allenfalls amputieren, ja.«
»Mein Gott ... amputieren. Man muß also noch dankbar sein, daß es nicht
zu einer Amputation der Hand gekommen ist?«
»Das hätte geschehen können. Ja. Aber es hat mit einer Abschnürung und
infolge davon mit einer Atrophie sein Bewenden gehabt.«
»Und das war nicht zu erkennen, nicht vorauszusehen, nicht zu
verhindern?«
»Nein, Königliche Hoheit. Durchaus nicht. Es steht ganz fest, daß
niemanden irgendwelches Verschulden trifft. Solche Hemmungen tun im
Verborgenen ihr Werk. Wir sind ohnmächtig ihnen gegenüber. Ja.«
»Und die Mißbildung ist unheilbar? Die Hand wird verkümmert bleiben?«
Doktor Sammet zögerte, er sah den Großherzog gütig an.
»Ein völliger Ausgleich wird sich nicht herstellen, das nicht«, sagte er
behutsam. »Aber auch die verkümmerte Hand wird sich doch verhältnismäßig
ein wenig entwickeln, o ja, das immerhin ...«
»Wird sie brauchbar sein? Gebrauchsfähig? Beispielsweise ... zum Halten
des Zügels oder zu Handbewegungen, wie man sie macht ...«
»Brauchbar ... ein wenig ... Vielleicht nicht sehr. Auch ist ja die
rechte Hand da, die ganz gesund ist.«
»Wird es sehr sichtbar sein?« fragte der Großherzog und forschte
sorgenvoll in Doktor Sammets Gesicht ... »Sehr auffällig? Wird es die
Gesamterscheinung sehr beeinträchtigen, meinen Sie?«
»Viele Leute«, antwortete Doktor Sammet ausweichend, »leben und wirken
unter schwereren Beeinträchtigungen. Ja.«
Der Großherzog wandte sich ab und tat einen Gang durch das Gemach.
Doktor Sammet machte ihm ehrerbietig Platz dazu, indem er sich bis zur
Tür zurückzog. Schließlich nahm der Großherzog wieder am Schreibtisch
Stellung und sagte:
»Ich bin nun unterrichtet, Herr Doktor; ich danke für Ihren Vortrag. Sie
verstehen Ihre Sache, das ist keine Frage. Warum leben Sie in Grimmburg?
Warum praktizieren Sie nicht in der Residenz?«
»Ich bin noch jung, Königliche Hoheit, und bevor ich mich in der
Hauptstadt einer Spezialpraxis widme, möchte ich mich einige Jahre lang
recht vielseitig beschäftigen, auf alle Weise üben und umtun. Dazu
bietet ein Landstädtchen wie Grimmburg die beste Gelegenheit. Ja.«
»Sehr ernst, sehr respektabel. Welchem Spezialgebiet denken Sie sich
später zuzuwenden?«
»Den Kinderkrankheiten, Königliche Hoheit. Ich beabsichtige, Kinderarzt
zu werden. Ja.«
»Sie sind Jude?« fragte der Großherzog, indem er den Kopf zurückwarf und
die Augen zusammenkniff ...
»Ja, Königliche Hoheit.«
»Ah. -- Wollen Sie mir noch die Frage beantworten ... Haben Sie Ihre
Herkunft je als ein Hindernis auf Ihrem Wege, als Nachteil im
beruflichen Wettstreit empfunden? Ich frage als Landesherr, dem die
bedingungslose und private, nicht nur amtliche Geltung des paritätischen
Prinzips besonders am Herzen liegt.«
»Jedermann im Großherzogtum«, antwortete Doktor Sammet, »hat das Recht
zu arbeiten.« Aber dann sagte er noch mehr, setzte beschwerlich an, ließ
ein paar zögernde Vorlaute vernehmen, indem er auf eine
linkisch-leidenschaftliche Art seinen Ellenbogen wie einen kurzen Flügel
bewegte, und fügte mit gedämpfter, aber innerlich eifriger und
bedrängter Stimme hinzu: »Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir
diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich
inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die
in einem erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm
ausgezeichnet sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner
Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu
sehen und jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus
abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl
nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr
als sie zu ungewöhnlichen Leistungen hat. Ja. Ja«, wiederholte Doktor
Sammet. Es war die Antwort, die er mit zweimaligem Ja bekräftigte.
»Gut ... nicht übel, sehr bemerkenswert wenigstens«, sagte der
Großherzog abwägend. Etwas Vertrautes, aber auch etwas wie eine
Ausschreitung schien ihm in Doktor Sammets Worten zu liegen. Er
verabschiedete den jungen Mann mit den Worten: »Lieber Doktor, meine
Zeit ist gemessen. Ich danke Ihnen. Diese Unterredung -- von ihrer
peinlichen Veranlassung abgesehen -- hat mich sehr befriedigt. Ich mache
mir das Vergnügen, Ihnen das Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone
zu verleihen. Ich werde mich Ihrer erinnern. Ich danke.«
Dies war das Gespräch des Grimmburger Arztes mit dem Großherzog. Ganz
kurz darauf verließ Johann Albrecht die Burg und kehrte mit Extrazug in
die Residenz zurück, hauptsächlich um sich der festlich bewegten
Bevölkerung zu zeigen, dann aber auch, um im Stadtschloß mehrere
Audienzen zu erteilen. Es stand fest, daß er abends auf die Stammburg
zurückkehren und für die nächsten Wochen dort Wohnung nehmen würde.
Alle Herren, welche sich zu der Entbindung auf Grimmburg eingefunden
hatten und nicht zum Hofstaat der Großherzogin gehörten, wurden
ebenfalls von dem Extrazuge der unrentablen Lokalbahn aufgenommen und
fuhren zum Teil in unmittelbarer Gesellschaft des Monarchen. Aber den
Weg von der Burg zur Station legte der Großherzog allein mit dem
Staatsminister von Knobelsdorff im offenen Landauer zurück, einem der
braun lackierten Hofwagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage. Die
weißen Federn auf dem Hute des Leibjägers vorn flatterten im
Sommerwinde. Johann Albrecht war ernst und stumm auf dieser Fahrt,
zeigte sich bedrückt und grämlich; und obgleich Herr von Knobelsdorff
wußte, daß der Großherzog es auch im intimen Verkehr schlecht ertrug,
daß man ungefragt und ohne Aufforderung das Wort an ihn richte, so
unternahm er es endlich doch, das Schweigen zu brechen.
»Königliche Hoheit«, sagte er bittend, »scheinen sich die kleine
Anomalie, die man am Körper des Prinzen ausfindig gemacht hat, so sehr
zu Herzen zu nehmen ... Dennoch sollte man glauben, daß an diesem Tage
die Beweggründe zur Freude und stolzen Dankbarkeit so sehr
überwiegen ...«
»Ach, lieber Knobelsdorff,« antwortete Johann Albrecht gereizt und
beinahe weinerlich, »Sie werden mir meine Verstimmung nachsehen, Sie
werden nicht geradezu verlangen, daß ich trällere. Ich sehe keinerlei
Veranlassung dazu. Die Großherzogin befindet sich wohl -- nun gewiß. Und
das Kind ist ein Knabe -- nochmals gut. Aber da kommt es nun mit einer
Atrophie zur Welt, einer Hemmungsbildung, veranlaßt durch amniotische
Fäden. Niemand hat schuld daran, es ist ein Unglück. Aber die
Unglücksfälle, an denen niemand schuld ist, das sind die eigentlich
schrecklichen Unglücksfälle, und der Anblick des Fürsten soll seinem
Volke andere Empfindungen erwecken als Mitleid. Der Erbgroßherzog ist
zart, man muß beständig für ihn fürchten. Es war ein Wunder, daß er vor
zwei Jahren die Rippenfellentzündung überstand, und es wird nicht viel
weniger als ein Wunder sein, wenn er zu Jahren gelangt. Nun schenkt mir
der Himmel einen zweiten Sohn -- er scheint kräftig, aber er kommt mit
einer Hand zur Welt. Die andere ist verkümmert, unbrauchbar, eine
Mißbildung, er muß sie verstecken. Welche Erschwerung! Welch Hindernis!
Er muß es beständig vor der Welt bravieren. Man wird es allmählich
bekanntmachen müssen, damit es bei seinem ersten öffentlichen
Hervortreten nicht allzu anstößig wirkt. Nein, ich komme noch nicht
hinweg darüber. Ein Prinz mit einer Hand ...«
»Mit einer Hand«, sagte Herr von Knobelsdorff. »Sollten Königliche
Hoheit diese Wendung mit Absicht wiederholen?«
»Mit Absicht?«
»Also nicht?... Denn der Prinz hat ja zwei Hände, nur daß die eine
verkümmert ist und daß man, wenn man will, also sagen kann, es sei ein
Prinz mit einer Hand.«
»Nun also?«
»Und daß man also fast wünschen müßte, nicht Eurer Königlichen Hoheit
zweiter Sohn, sondern der unter der Krone geborene möchte der Träger
dieser kleinen Mißgestaltung sein.«
»Was sagen Sie da?«
»Nun, Königliche Hoheit werden mich auslachen; aber ich denke an die
Zigeunerin.«
»Die Zigeunerin? Ich bin geduldig, lieber Baron!«
»An die Zigeunerin -- Verzeihung! -- die das Erscheinen eines Fürsten
aus Eurer Königlichen Hoheit Haus -- eines Fürsten ›mit einer Hand‹ --
das ist die überlieferte Wendung -- vor hundert Jahren geweissagt und an
das Erscheinen dieses Fürsten eine gewisse, sonderbar formulierte
Verheißung geknüpft hat.«
Der Großherzog wandte sich im Fond und blickte stumm in Herrn von
Knobelsdorffs Augen, an deren äußeren Winkeln die strahlenförmigen
Fältchen spielten.
»Sehr unterhaltend!« sagte er dann und setzte sich wieder zurecht.
»Prophezeiungen«, fuhr Herr von Knobelsdorff fort, »pflegen sich in der
Weise zu erfüllen, daß Umstände eintreten, die man, einigen guten Willen
vorausgesetzt, in ihrem Sinne deuten kann. Und gerade durch die
großzügige Fassung jeder rechten Weissagung wird das sehr erleichtert.
›Mit einer Hand‹ -- das ist guter Orakelstil. Die Wirklichkeit bringt
einen mäßigen Fall von Atrophie. Aber damit, daß sie das tut, ist viel
geschehen, denn wer hindert mich, wer hindert das Volk, die Andeutung
für das Ganze zu nehmen und den bedingenden Teil der Weissagung für
erfüllt zu erklären? Das Volk wird es tun, und zwar spätestens dann,
wenn auch das Weitere, die eigentliche Verheißung, sich irgend
bewahrheiten sollte, es wird reimen und deuten, wie es das immer getan
hat, um erfüllt zu sehen, was geschrieben steht. Ich sehe nicht klar --
der Prinz ist zweitgeboren, er wird nicht regieren, die Meinung des
Schicksals ist dunkel. Aber der einhändige Prinz ist da -- und so möge
er uns denn geben, soviel er vermag.«
Der Großherzog schwieg, im Innern durchschauert von dynastischen
Träumereien.
»Nun, Knobelsdorff, ich will Ihnen nicht böse sein. Sie wollen mich
trösten, und Sie machen Ihre Sache nicht übel. Aber man nimmt uns in
Anspruch ...«
Die Luft schwang von entferntem, vielstimmigem Hochgeschrei. Grimmburger
Publikum staute sich schwärzlich an der Station hinter dem Kordon.
Amtliche Personen standen in Erwartung der Equipagen einzeln davor. Man
bemerkte den Bürgermeister, wie er den Zylinder lüftete, sich mit dem
bedruckten Schnupftuch die Stirn trocknete und einen Zettel vor die
Augen führte, dessen Inhalt er memorierte. Johann Albrecht nahm die
Miene an, mit der er die schlichte Ansprache entgegennehmen und kurz und
gnädig beantworten würde: »Mein lieber Herr Bürgermeister ...« Das
Städtchen war beflaggt; seine Glocken läuteten.
Alle Glocken der Hauptstadt läuteten. Und abends war Freudenbeleuchtung
dort, ohne besondere Aufforderung von seiten des Magistrats, aus freien
Stücken -- große Illumination in allen Bezirken der Stadt.