so wirksam zu trösten verstand, er sollte schon bald aus der
irdischen Wanderschaft abberufen werden, um das ewige Heil dort
oben zu schauen. Zu Anfang des Jahres 1287 war er aus Gotland nach
Bordeaux, jedenfalls zur See, als Gefährte seines Provinzials, zum
Generalkapitel gereist. Den Rückweg machte er dann auf demselben Wege
bis Antwerpen, reiste dann aber zu Lande bis Löwen, von wo er am 1.
Juli an Christina schrieb, daß die Reise langwierig und mühselig sei,
und er viele Beschwerden und körperliche Schmerzen erduldet habe,
doch die unverdrossene Liebe überwinde alles, und wenn er auch mit dem
linken Fuße stark hinke, so hoffe er doch im Herrn, in einer Woche zu
Stommeln zu sein. Er erinnert dann noch Christina daran, daß sie ihm
Reliquien der Heiligen und Magister Johannes ihm zwei Sexterne über
die Wunderwerke Gottes versprochen habe. Ob Petrus wirklich im Jahre
1287 nach Stommeln gekommen ist, wissen wir nicht. Es ist jedoch sehr
wahrscheinlich. Er starb auf Gotland in der Fastenzeit 1288 und Bruder
Folkwin meldete am 9. September 1288 die Trauerbotschaft nach Stommeln.
Durch Reisen und Geschäfte, so schreibt er, sei er gehindert, öfter
zu schreiben. „Jetzt aber zeige ich Euch mit Schmerz und unter Tränen
an, daß unser ehrwürdiger Vater, der Bruder Petrus, weiland Prior und
Lesemeister unseres Klosters, in der Fastenzeit im Herrn entschlafen
ist. Seine Seele empfehle ich inständigst Euern heiligen Gebeten und
bitte Euch zugleich, daß Ihr seine Seele den Gebeten der Schwestern,
die bei Euch sind, sowie auch dem Gebete der Schwestern in Cöln,
die er kannte, angelegentlichst empfehlen wollet.“ Der früher von
Christina mehrmals geäußerte Wunsch, dem Bruder Petrus im Tode bald
nachzufolgen, ging nicht in Erfüllung. Der Herr ließ sie noch nahezu
fünfundzwanzig Jahre hier auf Erden. Jedoch bildet das Jahr 1288 einen
Wendepunkt im Leben Christinas. In ihm wurde sie ihres geistigen Vaters
und Trösters beraubt; in ihm sollten aber auch die Beunruhigungen
und Quälereien seitens der Mächte der Finsternis ein Ende nehmen. In
ihm löst sich ja auch die aus der Machtgier der Fürsten und Völker
des Niederrheins erwachsene Unsumme von Haß und Eifersucht in der
folgenschweren Schlacht von Worringen aus, in der die Heeresmächte
sämtlicher Fürsten der niederrheinischen Lande miteinander kämpften.
Veranlassung zum Kriege war die Thronfolge im Herzogtum Limburg. Im
Jahre 1282 war der Herzog von Limburg ohne männliche Nachkommenschaft
gestorben. Graf Reinold von Geldern und Graf Adolf von Berg stritten um
die Erbschaft. Letzterer übertrug seine Ansprüche an den Herzog Johann
von Brabant, und nun entstand Spannung, Streit und Zwietracht zwischen
den Genannten nicht bloß, sondern auch zwischen allen benachbarten
Fürsten. Auf Seite des Grafen von Geldern standen der Erzbischof von
Cöln, Sigfrid von Westerburg, Graf Heinrich von Luxemburg, Adolf von
Nassau, der spätere deutsche König, Dietrich von Cleve, Johann von
Limburg an der Lahn, Walram von Falkenburg, Dietrich von Moers und
andere Herren. Johann von Brabant hatte zu Verbündeten den Herzog
Walram von Jülich, Graf Eberhard von der Mark, Adolf von Berg und
andere. Die Erbitterung des Grafen von Jülich gegen den Erzbischof
und Kurfürsten von Cöln sowie die Spannung zwischen der Stadt Cöln
und dem Erzbischofe spielten mächtig in den Streit hinein. Sechs Jahre
lang wurde gegenseitig gerüstet. Der Erzbischof selbst zog mit 14000
Mann auf das Schlachtfeld. Am 5. Juni 1288 kam es bei Worringen zur
Schlacht. In der Abteikirche zu Brauweiler hatte Sigfrid vorher einen
feierlichen Gottesdienst gehalten und seine Mannschaften durch eine
feuerige Ansprache aufgefordert, die von den Gegnern im Erzstifte
verübten Greuel zu rächen. Sigfrid und Reinold standen auf den beiden
Flügeln, Heinrich von Luxemburg im Zentrum. Ihnen gegenüber standen
Adolf von Berg und Arnold von Looz, im Zentrum dagegen Herzog Johann
von Brabant. Durch einen geschickten Meisterzug lockte Erzbischof
Sigfrid den Feind auf von Wassergräben durchschnittenes Gelände und
wäre so beinahe gleich nach Beginn der Schlacht Sieger geworden. Allein
durch das Ungeschick seiner ungestüm herandrängenden Bundesgenossen
wurde Verwirrung angerichtet; die Lage des Erzbischofs und des
Grafen von Geldern verschlechterte sich. Mit großer Tapferkeit wurde
beiderseits gekämpft, lange wogte der blutige Kampf unentschieden hin
und her, zuletzt neigte sich der Sieg auf die Seite der Brabanter.
Elfhundert Leichen deckten die Wahlstatt und von den Verwundeten
starben siebenhundert bald nachher. Unter den Gefallenen waren Graf
Heinrich von Luxemburg und sein Bruder Walram, desgleichen Heinrich
von Westerburg, des Erzbischofs Bruder. Sigfrid selbst wurde gefangen
genommen, desgleichen Adolf von Nassau. Auch Reinold von Geldern wurde
auf der Flucht eingeholt und mußte sich ergeben. Erzbischof Sigfrid
verbrachte die erste Nacht seiner Gefangenschaft in der Kirche zu
Monheim und blieb dann ein Jahr lang auf Schloß Burg an der Wupper in
strenger Haft des Grafen Adolf von Berg.
Die sechs Jahre anwährenden Kriegsunruhen machten auf Christina, deren
Heimat Stommeln, an der Grenze zwischen den Jülicher Landen und dem
Cölner Erzstifte, nur zwei Stunden vom Schlachtfelde Worringen entfernt
gelegen war, einen tiefen und betrübenden Eindruck. Der Gedanke an die
vielen Greuel und Frevel, die der Krieg herbeiführte, und besonders
die Befürchtung, es möchte mancher im Kriege umkommen, ohne mit Gott
versöhnt zu sein, und in die Hölle fahren, hatte sie bewogen, Gott
den Herrn zu bitten, er möge sie leiden lassen, um die einen vor dem
Tode zu bewahren und denen, die fallen würden, die Gnade einer seligen
Sterbestunde zu erlangen. Der Herr nahm ihr Anerbieten an und schickte
ihr anderthalb Jahre hindurch vor der Schlacht ganz besondere Leiden.
Den Teufeln wurde gestattet, sie am ganzen Körper mit spitzigen Eisen
und Scherben zu zerkratzen und zu schinden, so daß er nur eine Wunde
war, und diese Wunden wurden dann noch, um den Schmerz zu erhöhen,
mit Salz eingerieben. Bluttriefend, einem Schlachtopfer gleich,
dem h. Bartholomäus, den sie von Jugend auf besonders verehrte und
der für Christus geschunden wurde, ähnlich, lag Christina auf ihrem
Schmerzenslager inmitten des um sie her herrschenden Kriegeslärms und
Kampfgetümmels. Trotz der grausamen Folter, die sie an allen Gliedern
ihres Leibes quälte, und trotz des großen Blutverlustes nahm sie nur
wenig Nahrung zu sich. Während dieser ganzen Zeit von anderthalb Jahren
aß sie nichts anderes als etwas Ingwer. Das war ihre ganze Speise.
Durch ihre Leiden und Gebete erlangte sie von Gott die Gnade, daß
Graf Adolf von Berg in jener Schlacht dem Tode entging und auch nicht
gefangen genommen wurde und die beiden Grafen von Luxemburg nebst sehr
vielen andern, die dort umkamen, durch die Barmherzigkeit Gottes vor
der Höllenstrafe bewahrt blieben.
Christinas Leiden hatten den Höhepunkt erreicht. Nach der Wut
des Kampfes trat endlich Friede ein im Lande. Nach der Zeit der
Versuchungen und Prüfungen kamen nun auch Jahre friedevollen Trostes
für die heldenmütige Dulderin Christi. Die von einem Ungenannten
verfaßte Lebensbeschreibung Christinas schließt mit den Worten: „Nach
der Schlacht bei Worringen hörte jegliche Verfolgung seitens des
Teufels gänzlich auf. Zu dieser Zeit hat Christi Braut durch die Gnade
ihres Bräutigams den Luzifer samt allen Teufeln, die in und außer der
Hölle sind, durch standhaften Kampf und heldenmütigen Sieg überwunden,
so daß sie über alle Feinde: Fleisch, Welt und Teufel, glorreich
triumphiert.“
Christina war, um mich der Redeweise der h. Teresia zu bedienen,
eingetreten in die siebente Wohnung der Seelenburg, in der es fast nie
Geistestrockenheit noch innere Beunruhigung mehr gibt. Hier sprudelt
dem verwundeten Hirsche labendes Quellwasser in Fülle. Hier findet die
Taube, nach dem Verlaufen der Flut, den Oelzweig zum Zeichen, daß sie
festen Boden gewonnen inmitten der Strömungen dieser Welt. Die Seele
ergötzt sich im Zelte Gottes in fast ungetrübter Ruhe und ist frei von
jeglicher Furcht, der böse Feind könne sie umgarnen. Sie ist nämlich
vergewissert, daß Gott selbst es ist, der hier wirkt. Und wenn auch in
diesem Seelenfrieden mitunter aus irgend einem äußeren Anlasse eine
Beunruhigung eintritt, so ist sie von ganz kurzer Dauer und vermag
nicht, die Seele in ihrer Entschlossenheit, in keinem Stücke vom Wege
der Gottwohlgefälligkeit abzuweichen, wankend zu machen.
Der Born, an dem die Seele sich labt, ist die Seitenwunde Christi, aus
der geflossen jenes Geheimnis der Liebe, das da ist unsere Stärkung
auf der Wanderschaft zum himmlischen Vaterlande. Häufig und mit
innigster Sehnsucht nahte Christina dem Tische des Herrn. Wie würde sie
aufgejubelt haben, wäre es ihr vergönnt gewesen, täglich das Sakrament
des Leibes und Blutes Jesu Christi zu genießen. Damals war es nicht
Sitte, außerhalb der Hochgezeiten des Jahres zum Tische des Herrn
zu gehen und Christina war zu bescheiden, um durch öftere Kommunion
Aufsehen zu erregen. Jedoch benutzte sie jeden sich darbietenden
festlichen Anlaß, um sich im Sakramente mit Christus zu vereinen, so
daß sie durchschnittlich monatlich zum Tische des Herrn hinzutrat. So
läßt sich aus den zufälligen Angaben des Petrus von Dazien feststellen,
daß sie z. B. im Jahre 1279 zu Allerheiligen die Kommunion empfing,
dann am Katharinentage, dann wieder zu Weihnachten, Mariä Lichtmeß,
zweimal in der h. Fastenzeit, am Gründonnerstage, zu Ostern, am dritten
Sonntage nach Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten. Später, zumal
nachdem Magister Johannes Priester geworden und ihr die h. Kommunion
reichen konnte, ging sie häufiger, nämlich durchgehends alle vierzehn
Tage, zu den hh. Sakramenten. Mit welch heiligem Ernste, mit welch
auferbaulicher Sammlung sie sich auf den Empfang des allerheiligsten
Sakramentes vorbereitete, sahen wir im Verlaufe der Lebensbeschreibung
des öftern. Den ganzen vorhergehenden Tag zog sie sich gänzlich von
der Welt zurück und die Nacht durchwachte sie im Gebete, einzig und
ausschließlich damit beschäftigt, sich vorzubereiten auf den Empfang
ihres himmlischen Bräutigams, und in seliger Vereinigung mit ihm
verbrachte sie den Kommuniontag gewöhnlich im Zustande der Verzückung
an ihrem liebgewonnenen Plätzchen hinter dem Hochaltar der Pfarrkirche.
Wenn es für Christina nicht tunlich war, Christum den Herrn so oft, als
sie es gerne gewünscht hätte, im Sakramente zu empfangen, so vereinigte
sie sich desto öfter im Geiste, nämlich der Sehnsucht nach, mit ihm.
Eine wundersame Art dieser geistigen Kommunion ist aus der Fastenzeit
des Jahres 1281 zu berichten. In der zweiten Fastenwoche jenes Jahres
war Christina drei Nächte nacheinander in der widerwärtigsten Weise
von den bösen Geistern gequält worden. In den beiden ersten dieser
Nächte sandte der Herr einen Engel, um Christina zu trösten und zu
heilen. In der dritten Nacht aber kam der Hohepriester und oberste Hirt
Jesus Christus selbst zu ihr, nicht sichtbar, sondern nur dem Herzen
Christinas innerlich wahrnehmbar, und trug einen Kelch von lauterm
Gold, die h. Hostie darauf, in seiner Hand, machte das Kreuzzeichen
über Christina, und siehe, alle Verwundung und Belästigung war
verschwunden, und dann reichte er ihr die h. Hostie, indem er sprach:
„Nimm hin, meine Braut und Freundin; das ist mein Leib.“ Dann reichte
er ihr auch den Kelch und sprach: „Das ist mein Blut, das für dich
vergossen wurde; durch dieses wirst du mit Sicherheit über alle Feinde
siegen. Fürchte dich also nicht, sondern streite tapfer; denn ich
werde dein sicherer Sieg und dein ewiger Lohn sein.“ Nach diesen Worten
verschwand die wundersame innere Kundgebung, ließ aber in Christinas
Seele Stärkung und Tröstung zurück.
Mit der Andacht und dem frommen Empfange des allerheiligsten
Sakramentes verband Christina auch eine Andachtsübung, die erst
in unsern Tagen Gemeingut der Christenheit geworden ist, nämlich
die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu, aus dem der Welt das Heil
geflossen.
In ihren Briefen erwähnt sie des öftern das Herz unseres Erlösers und
dem Bruder Petrus beteuert sie, daß sie ihn im Herzen Jesu liebe (S.
128), sie wünscht ihm Tröstung im Herzen Jesu (S. 123) und bittet ihn
im geliebtesten Herzen Jesu, sich ihres Bruders Sigwin anzunehmen (S.
129).
In der Nacht vor Christabend des Jahres 1280 betete sie, als die
Geister der Bosheit sie unmenschlich marterten und sie mit dem Tode
bedrohten, folgendermaßen:
„O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die
auf Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden
und Sterben und =durch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen
ist=: sollte es Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern
getötet werde, so nimm mein angstvolles Herz in Gnaden auf und
verbirg es in Deinem süßesten Herzen.“
In der Nacht des Donnerstags vor Petri Stuhlfeier 1281 rief sie
inmitten der Folter also:
„O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend
auf, der Du in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer
und liebevollster Tröster gewesen bist, keine Wut der
Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll mich jemals,
so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben
muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf und
=verbirg mich in Dein süßestes Herz=.“
In der Fastenzeit des Jahres 1282, als sie, wohl im Geiste,
hinausgeschleppt auf den Galgenberg bei Stommeln, mit dem Tode bedroht
wurde, sprach sie wehmutsvoll:
„O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine
Hände befehle ich meine Seele. Nimm sie in Frieden auf und
=bewahre sie in Deinem süßesten Herzen auf ewig=. Meinen
Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille ist, von den
Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es
Dir wohlgefällig ist.“
In der Nacht vor Weihnachtsabend 1283, als sie mit Durchbohrung des
Herzens bedroht wurde, erhob sie die Augen gen Himmel und flehte also:
„Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt
es, daß ich allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte
brechen aus Liebe zu Dir; wenn Du Dich nun jetzt würdigest,
diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage ich Dir von
ganzem Herzen Dank und =empfehle meine Seele in Dein
süßestes Herz=.“
Die sicheren Kennzeichen der Vereinigung mit Gott sind nach der h.
Teresia das Verlangen, Gott zu preisen, für ihn zu leiden, Buße zu
üben, verbunden mit dem inbrünstigen Verlangen, daß alle Menschen Gott
erkennen und lieben möchten, woraus dann bittere Pein entsteht bei der
Wahrnehmung, daß er beleidigt wird. Mit diesem Verlangen ist nach der
h. Teresia naturgemäß verbunden das Verlangen nach Einsamkeit.
Alle diese Kennzeichen treten im Leben Christinas klar zutage. Die
Liebe zur Einsamkeit war es jedenfalls, die sie in ihrem stillen
Heimatdorfe zurückhielt und sie bestimmte, den wiederholten und
dringenden Einladungen, nach Schweden zu kommen, nicht Folge zu geben.
Die Liebe zur Einsamkeit war es, die sie bewog, nach dem Weggang ihres
Bruders Sigwin ein kleines Heim, dort gelegen, wo das alte Holzkreuz,
rückwärts der dem großen Kreuzhof gegenüberliegenden jetzigen
Christinakapelle, in Stommeln steht, zu beziehen, von wo sie hinter
dem Dorfe her über den jetzigen Berlich unbeachtet und ungestört zur
Kirche gehen konnte. Dort konnte sie in der Verborgenheit ihren frommen
Uebungen und Bußwerken obliegen, dort konnte sie die außergewöhnlichen
Gnadenerweise, mit denen die Huld des Herrn sie zu beglücken pflegte,
verborgen halten. Wie sehr sie darauf bedacht war, diese besonderen
Gnadenerweisungen, namentlich die hh. Wundmale, zu verbergen, erhellt
aus dem Umstande, daß die Lederhandschuhe, mit denen sie am Ostertage,
wenn sie zur Kommunion ging, die Hände verhüllte, damit die noch nicht
ganz vernarbten Wundmale neugierigen Blicken entzogen würden, erhalten
geblieben sind. Sie wurden als verehrungswürdige Gewandstücke nach
Christinas Tode sorgfältig aufbewahrt, schon um die Mitte des 14.
Jahrhunderts mit gestickten Seidenhüllen, auf deren einer Christina vor
dem Heilande, auf der anderen Christina vor dem Bilde der Gottesmutter
dargestellt ist, umgeben. Mit ihrem Gebetstäfelchen und dem gewirkten
Täschchen, in dem sie ihr Psalmenbuch aufzubewahren pflegte, sind
sie noch heute als teuere Andenken in ihrem Grabmale bei den heiligen
Gebeinen hinterlegt (Abb. 5). Sie müssen ihr also auch wohl bis zum
Lebensende gedient haben. Es liegt somit der Schluß nahe, daß auch
die Wundmale wie früher in der Leidenszeit, so auch später in der
Friedenszeit sich alljährlich am Karfreitage an Christina erneuert
haben. Nachdem Petrus von Dazien, ihr vom Herrn selbst bestellter
Seelenführer, in die ewige Heimat hinübergegangen war, hat Christina
allem Anscheine nach niemandem mehr, abgesehen von der Beichte,
über ihre inneren Erlebnisse und Zustände Mitteilungen gemacht. In
ihrer Einsiedelei lebte sie in inniger Gottvereinigung, äußerster
Genügsamkeit, am Spinnrocken sitzend und stets dem Gebete obliegend,
bis sie im Alter von siebenzig Jahren abberufen wurde zur beseligenden
Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam im Hochzeitssaale des
ewigen Lebens. In der Nachschrift des ersten Buches der Jülicher
Handschrift, die nach dem Urteil der Sachverständigen aus der Zeit von
1342-1400 herrührt, heißt es wie folgt: „Die von Gott und den Menschen
geliebte Braut Christi Christina legte im zehnten Jahre ihres Alters
das Gelübde der Keuschheit ihrem Bräutigam Jesus Christus ab, dem sie
unter mannigfachen und andauernden Versuchungen ... Nachstellungen
und Martern der bösen Geister durch ein frommes Leben und unbesiegte
Standhaftigkeit diente bis zum Jahre 1312 den 6. November, welcher
der Tag des h. Leonhard war und auf den Montag fiel, an dem sie zur
Zeit der Morgendämmerung beim ersten Hahnenschrei aus diesem irdischen
Lichte in glücklichem Tausche hinüberschied ins ewige Licht.“
Achtzehntes Kapitel.
Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst
Pius X.
Die Heiligen leben nach ihrem Hinscheiden aus dieser Welt nicht bloß
weiter bei Gott in ewiger Seligkeit, sondern sie herrschen auch mit
ihm, wie die Schrift bezeugt. Der Herr liebt es, durch Vermittlung
derer, die seine getreuen Diener und auserlesenen Freunde auf dieser
Erde waren, den Erdenpilgern mannigfache Erweise seiner Huld und
Erbarmung an Leib und Seele zukommen zu lassen. Für solche, die
zeitlebens, vom Geiste Gottes getrieben, ihr Glück darin fanden,
andere glücklich zu machen; die von Gottes Liebe entzündet, sich
erschöpften in Werken christlicher Nächstenliebe, muß es ja auch im
seligen Leben dort oben Möglichkeit und Gelegenheit geben, Erbarmen und
Liebe zu üben, da ja die Himmelsherrlichkeit die Natur nicht zerstört,
sondern nur erhebt und veredelt und das mit Hülfe der Gnade hienieden
Begonnene zur Vollendung bringt. Auf die Anrufung der Heiligen erfolgen
denn auch erfahrungsgemäß ganz auffallende Gebetserhörungen und der
Herr verherrlicht die Grabstätte seiner Auserwählten nicht selten
mit Wunderwerken. Auch Christinas Grab sollte glorreich werden. Sie
wurde bestattet auf dem Kirchhofe zu Stommeln an der Nordseite des
noch jetzt stehenden Turmes der alten Pfarrkirche, die anmutig auf
der Höhe gelegen, Dorf und Umgegend beherrscht. Laut der bereits
vorhin erwähnten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Nachschrift
des ersten Buches der Jülicher Handschrift geschahen nach dem Tode
Christinas viele auffällige Heilungen an ihrem Grabe. Auch Werner
von Titz schreibt in seinen um 1586 verfaßten Annalen von Neuß zum
Jahre 1330, um jene Zeit habe angefangen berühmt zu werden die selige
Christina, eine heilige Jungfrau, die aus Stommeln gebürtig sei.
Umständlich aufgezeichnet von diesen Heilungen ist jedoch nur die des
Grafen Dietrich IX. von Cleve, die Veranlassung zur Errichtung eines
Kollegiatkapitels in Stommeln werden sollte.
Graf Dietrich litt derartig an der Gicht, daß er weder gehen noch
stehen, noch Speise zum Munde führen konnte. An seiner Schloßkapelle
zu Monterberg bei Calcar versah damals Kaplansdienste ein Johannes
von Stommeln, der wahrscheinlich dieselbe Persönlichkeit ist mit dem
ehemaligen Magister Johannes von Stommeln und nachmaligem Kaplane
Christinas. Durch diesen wohl erhielt Graf Dietrich Kunde von den
Heilungen, die sich am Grabe Christinas zu Stommeln zutrugen, und auch
er beschloß, sich dorthin fahren zu lassen. Am 2. August 1339 kam
er nach Stommeln und ließ sich in einer Sänfte hinauf zum Kirchhofe
tragen. Das Grab wurde geöffnet und die Gebeine herausgenommen, um
in die Kirche übertragen zu werden. Dietrich verrichtete am Grabe
Christinas ein Gebet, man gab ihm eines der Gebeine (ein Fingergelenk)
in die Hand, und alsbald knisterte es in seinen Gliedern, wie wenn man
dürres Reis zerbricht. Urplötzlich fühlte er sich geheilt, sprang auf,
stieg zu Pferde und ritt von dannen, voller freudiger Dankbarkeit gegen
Gott, der auf die Anrufung seiner Dienerin Christina ihm den Gebrauch
seiner Glieder wiedergegeben hatte.
Die Heilung des Grafen Dietrich war die Veranlassung zur Stiftung
zweier Kollegiatkapitel, nämlich desjenigen von Cleve und desjenigen
von Stommeln.
Graf Dietrich verlegte nämlich das von ihm am 15. Februar 1334 zu
Monterberg errichtete Stift mit Genehmigung seines Vetters, des Cölner
Erzbischofs Walram von Jülich, im Jahre 1341 nach Cleve. Am 18. März
des genannten Jahres legte er selbst den Grundstein zum neuen Chore der
ehemaligen Stiftskirche und nunmehrigen Pfarrkirche zu Cleve. Eines der
Chöre wird im Jahre 1425 bezeichnet als geweiht der seligsten Jungfrau
und der seligen Christina.[53]
[53] Die Stadt Kleve. Beiträge zur Geschichte derselben von Dr. Robert
Scholten. Kleve 1879, S. 417.
Die Stiftungsurkunde des Kollegiatkapitels von Stommeln ist nicht
mehr vorfindlich. Aus der vom Cölner Erzbischof Walram von Jülich
unter dem 4. Mai 1342 ausgestellten Uebertragungsurkunde, die im
Staatsarchiv zu Düsseldorf beruht, geht jedoch hervor, daß das Stift
oder Kollegiatkapitel vollständig in Stommeln bestand, jedoch keine
hinlänglichen Einkünfte hatte. Es bestand aus einem Dechanten und
zwölf Stiftsherren. Der erste Dechant des Stiftes hieß Gotfrid, und als
Stommeler Stiftsherren werden aufgeführt: 1. Petrus von Unkelbach, 2.
Herpern von Kentzwilre, 3. Johannes Knode, 4. Johannes von Stommeln, 5.
Jakob von St. Andreas, 6. Johannes von Caster, 7. Wilhelm von Zülpich,
8. Ludwig von Randerode, 9. Philipp von St. Andreas, 10. Reinard von
Nideggen, 11. Johannes von Arscoit, 12. Konrad von St. Cäcilien.
Als Grund zur Verlegung nach Nideggen, der Residenz des Markgrafen von
Jülich, wird angegeben, daß Stommeln ein nicht sonderlich passender
Ort für ein Stiftskapitel sei, auch sei die dortige Bewidmung eine
dürftige. Anderweitig aber wissen wir auch, daß das Bestreben des
Markgrafen Wilhelm von Jülich schon lange dahin ging, seiner Residenz
durch ein Stift größere Bedeutung und höheren Glanz zu verleihen.
Bereits im Jahre 1329 hatte er von Papst Johann XXII. die Ermächtigung
erbeten und auch erhalten, in Nideggen eine solche Stiftskirche zu
errichten. Um jedoch mit weniger Unkosten zum Ziele zu kommen, hatte
er zunächst versucht, die Pfarrkirche in Nideggen, die im Besitze
der Johanniter war, diesen streitig zu machen und zur Stiftskirche zu
erheben. Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstande der Johanniter.
So sah sich denn Markgraf Wilhelm in die Notwendigkeit versetzt, für
das in Nideggen zu errichtende Stift eine neue Kirche zu bauen. Er
baute sie vor dem Brandenberger Tore, und wie die Pfarrkirche dem h.
Johannes dem Täufer geweiht war, so sollte die Stiftskirche den Namen
des Liebesjüngers des Herrn, des h. Apostels und Evangelisten Johannes,
tragen. Im Frühjahr 1342 scheint der Bau, der ein ansehnliches, aus
rotem Sandstein ausgeführtes, dreischiffiges Gebäude gotischen Stiles
von 130 Fuß Länge und 60 Fuß Breite war, fertig geworden zu sein.
Denn am 15. April 1342 ersuchte Markgraf Wilhelm seinen Bruder, den
Erzbischof Walram, um die Vornahme der Weihe der neuen Stiftskirche und
um die Verlegung des Stommeler Stiftes nach Nideggen. Da der Markgraf
für die Erbauung der Kirche erhebliche Aufwendungen hatte machen
müssen, so kam ihm die Geneigtheit der erst seit Kurzem in Stommeln
angesiedelten und noch nicht vollständig eingerichteten Stiftsherren,
ihr stilles Dorf mit der Residenz Nideggen zu vertauschen, sehr
gelegen. Für die vollständige Bewidmung der Stiftspfründen brauchte er
nun nicht mehr aufzukommen. Es genügte, die für das Stommeler Stift von
seinem Vetter, dem Grafen Dietrich IX. von Cleve, gestiftete Bewidmung
zu ergänzen, was er auch tat.
Unter dem 4. Mai 1342 wurde dann das Stift von Stommeln nach Nideggen
von Erzbischof Walram unter Zustimmung des Domkapitels verlegt, und
das Cäcilienstift in Cöln trat wieder in dasselbe Verhältnis zur
Pfarrkirche von Stommeln wie ehedem.