Der Herr gab ihr in den Sinn, um Qual und Leid zu bitten zur Erlösung

der Seele des genannten Pfarrers. Da kam in den drei Nächten vor

Pfingsten 1280 durch Gottes Zulassung der böse Geist in Gestalt jenes

Priesters zu Christina und sagte, er sei auf ewig verdammt. Christina

aber mochte dies nicht glauben und betete also zum Herrn: „O liebster

Vater und Herr, soll denn dieser dein Diener, den du mir, deiner

Magd, zum dienstbereiten Freunde gegeben, und der deinen Wunderwerken

gläubig frommen Sinn entgegenbrachte, auf ewig von deinem Angesichte

verstoßen sein, da du doch meinem Herzen eine wahre Hoffnung und ein

volles Vertrauen eingeflößt hattest, daß er selig werden würde? Was

soll ich denn anfangen? Wohin soll ich mich wenden? Wenn dieser von

deinem Angesichte verstoßen wird, dann wird auch meine ganze Hoffnung

und mein Vertrauen zu nichte!“ -- In der dritten Nacht nun bekannte

jener böse Geist seine Lüge und gestand, daß er über jenen Priester

kein Recht habe. Vom Pfingstmittwoche, dem 9. Juni 1280 bis zum

Freitag nach Peter und Paul, den 5. Juli, dem Jahrestage des Todes

jenes Pfarrers, erduldete Christina für dessen Seele die Peinen des

Fegfeuers in der oben beschriebenen außerordentlich schmerzlichen Weise

und sie schaute dabei auch die Ursachen dieser Qualen, nämlich die

verschiedenen Nachlässigkeiten, die der Pfarrer sich zeitlebens hatte

zuschulden kommen lassen. Am 5. Juli kam Christina nach dem Empfange

der h. Kommunion in Verzückung, wurde im Geiste in den Himmel versetzt

und schaute dort im Spiegel der Gottheit den Freund, für den sie soviel

gelitten, bei dem ewigen Freunde und Bräutigam.

Erschütternd ist das, was in den Offenbarungen der seligen Christina

über die lange Dauer des Fegfeuers angedeutet wird. Wenn auch der

Magister Johannes, der Christina die diesbezüglichen Mitteilungen bei

ihrem Erwachen aus der Verzückung ablauschte, sich mitunter verhört

haben mag, wenn auch die Berechnung der Jahre des Fegfeuers offenbar

die Zeitdauer der für die einzelnen Vergehen festgesetzten Kirchenbuße

widerspiegelt und die Verschärfung der Strafe oder stellvertretende

Genugtuung eine Kürzung der Zeitdauer des Fegfeuers bedingt, so kann

man sich dem Eindruck doch nicht entziehen, daß Gottes Gerechtigkeit

unerbittlich jegliche Sünde straft, und wenn er auch den wirklich

reumütigen Sünder nicht zur Hölle verdammt, er ihn doch für jede,

auch der Schuld nach verziehene Sünde, im Fegfeuer der mißachteten

Oberhoheit der göttlichen Majestät Sühne leisten läßt. Mit der langen

Dauer des Fegfeuers, wie sie sich in den Offenbarungen der seligen

Christina und anderer Auserwählten Gottes kundgibt, stimmt auch die

Auffassung der Kirche überein, die Jahrhunderte hindurch die h. Messe

für dieselben Verstorbenen darbringen läßt.

Abb. 12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.

Abb. 13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.

Christinas Mutter hätte sechshundert Jahre im Fegfeuer bleiben müssen,

hätte Christina nicht für sie ihre Leiden und Verdienste zur Sühne

angeboten. In der Nacht nach dem dritten Adventssonntage 1282 wurde

Christina von den bösen Geistern auf jene Felder geschleppt, die

einst ihr Vater besessen hatte, und bei jedem Stücke sprachen sie zu

ihr: „Siehe, das sind die Aecker, wegen deren dein Vater in Sünden

gelebt und zur Hölle gefahren ist. Wofern du dich nicht auf der Stelle

bekehrst, so werden wir dich zu deinem Vater ins ewige Feuer bringen.“

Und da Christina sich an dieses Gerede nicht störte, so rissen die

Teufel sie in die Höhe und ließen sie dann zur Erde fallen und das

wiederholten sie auf jedem Ackerfelde. Die ganze Woche hindurch wurde

Christina in dieser Weise und auch noch durch Verwundungen gepeinigt.

Einigen Trost hatte sie jedoch dadurch, daß sie gleich zu Anfang der

Woche über die Erlösung ihres Vaters belehrt wurde und so ertrug sie

diese Peinen mit Freude. In der Nacht nach dem vierten Adventssonntage

wurde sie nach Nettesheim geschleppt und in den drei folgenden Nächten

nach Knechtsteden und dort gefoltert. In der dritten Nacht, der h.

Weihnacht, rang Christina den Teufel, der sie mit einer Lanze in

den Schlamm des Klostergrabens stieß, nieder, bannte ihn fest, bis

die anderen Teufel herbeikamen und flehentlich um Entlassung baten.

Sie gestanden, daß ihrer zwölftausend seien, daß sie von Gott den

Befehl erhalten, Christina zu foltern zur Erlösung ihres Vaters. Am

Weihnachtstage wurde Christina nach der h. Kommunion entrückt und

wurde gewürdigt, die Seele ihres geliebten Vaters, für den sie soviel

gelitten hatte, und zugleich die Seele eines jungen Mannes, des

Bruders des Magisters Johannes, vor Gottes Angesicht in Seligkeit und

Herrlichkeit zu schauen. Es wurde ihr dabei auch kundgetan, daß die

Seele ihres Vaters noch zwölftausend Jahre und die Seele des jungen

Mannes noch viele Jahre im Fegfeuer hätten leiden müssen, wenn durch

Christinas Verdienste ihnen nicht Hülfe gekommen wäre.

* * * * *

In der Fastenzeit des Jahres 1283 erreichte die Peinigung Christinas,

was die Anzahl der bösen Geister anbelangt, ihren Höhepunkt. Sie

schleppten sie zur Nachtzeit gewöhnlich in den benachbarten Wald,

„Gohrbroich“ genannt, und in der Nacht vor dem Gründonnerstage sogar

in das weitentlegene, von einem grausamen Volke bewohnte Friesland

und folterten sie auf alle mögliche Weise. Einem schlachtgeübten Helde

gleich triumphierte Christina über den ganzen Höllenschwarm, der seine

eigene Ohnmacht und die Allmacht des Herrn, den Christina verehrte,

bekennen mußte. Den Gründonnerstag verbrachte Christina in Tröstung.

Am Karfreitage schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, und empfing

wie üblich die Wundmale des Herrn. Am Karsamstage war sie wieder in

großer Freude und nach der Kommunion am h. Ostertage wurde ihr in

der Verzückung kundgetan, daß durch ihr letztes Leiden zwei Seelen

aus ihrer Verwandtschaft aus dem Fegfeuer befreit worden seien, von

denen die eine sonst sechshundert, die andere dreihundert Jahre im

Reinigungsorte hätte leiden müssen.

Nach der prüfungs- und schmerzreichen Adventszeit des Jahres 1283

wurde ihr am Weihnachtstage in der Verzückung auch die Auszeichnung

zuteil, daß sie drei Seelen, für die sie so bittere Schmerzen hatte

erdulden müssen, von den Strafen des Fegfeuers befreit, vor Gottes

Thron erblickte. Die eine war die des Oheims des Magister Johannes, die

zweite die der Großmutter Christinas und die dritte die einer Matrone

aus Cöln, welche bei ihren Lebzeiten Christina besonders geliebt hatte.

Gleichzeitig mit diesen wurde noch eine große Anzahl anderer Seelen

aus den Qualen des Reinigungsortes in des Himmels Seligkeit eingeführt,

die ohne Christinas stellvertretende Sühne noch viele Jahre im Fegfeuer

wären zurückgehalten worden.

Im Juni 1284 hatte Christina eine Erscheinung. Es zeigte sich ihr

die Seele eines Adeligen, der einige Tage vorher in einem Gefechte

bei Aachen gefangen genommen und dann aufs Rad geflochten und getötet

worden war. Er hatte mehrere Jahre in Sünden dahin gelebt, jedoch die

gute Gewohnheit beibehalten, täglich zu Gott zu beten und auch sonst

war er gutherzig. Er hatte das Glück, vor seinem Tode eine reumütige

Beichte ablegen zu können, und so wurde seine Seele durch Gottes

Erbarmen vor der Hölle bewahrt, jedoch zu den schwersten Strafen des

Fegfeuers verurteilt. Die Seele dieses Mannes sah Christina in der Qual

und hörte ihn mit jämmerlicher Stimme rufen: „Erbarme dich meiner, o

Vater der Barmherzigkeit, und habe Mitleiden mit mir, der ich mich

in so schweren und unerträglichen Leiden befinde; denn du hast mir

nach deiner wunderbaren und unaussprechlichen Güte die Barmherzigkeit

erwiesen, mich vor der Hölle zu bewahren. Nun flehe ich zu dir, du

wollest mich auch aus dieser so schweren und unerträglichen Marter

befreien.“ Christina erbot sich, für ihn zu leiden, wurde infolgedessen

von einer großen Schar böser Geister zwei Wochen lang aufs grausamste

gehämmert und sonstig gefoltert, erhielt dann aber am Sonntag vor Petri

Kettenfeier die Versicherung, daß jenem Manne soviele Jahre von seinen

Strafen erlassen worden seien, als Teufel gewesen, die sie seinetwegen

gequält hätten. Dann erlitt sie nach dreitägiger Pause zwei Wochen

hindurch bis zum Feste der Himmelfahrt Mariens, dann wieder zwei

Wochen lang vor dem Feste der Geburt Mariens und noch sechs Nächte

nach diesem Feste die Qualen des Fegfeuers. Doch erst am Feste der

Himmelfahrt Mariens 1285, vor dem sie abermals acht Tage hindurch die

Fegfeuersmarter erduldet hatte, wurde sie in der Verzückung gewürdigt,

zu sehen, wie die Seele jenes Edelmannes aus dem Fegfeuer erlöst und

mit der Himmelsfreude beglückt wurde. Bei ihm befanden sich noch

sieben andere Seelen von Männern, die sieben Jahre vorher, in der

Gertrudisnacht 1278, beim Ueberfall Aachens durch Graf Wilhelm von

Jülich, in der Stadt Aachen erschlagen worden waren, und außer diesen

noch neun andere aus verschiedenen Gegenden, die, wenn Christina

nicht für sie gelitten, sonst noch viele Jahre in den Flammen des

Reinigungsortes hatten leiden müssen.

Zwischen Ostern und Pfingsten 1285 hatte sie die Fegfeuerspein

zur Erlösung von neun armen Seelen erduldet, deren Einzug in den

Himmel sie am Pfingsttage in der Verzückung schaute. Eine dieser

Seelen war die eines sehr weisen und gebildeten Cölner Bürgers, der

vor anderthalb Jahren gestorben war. Dieser hatte einst Christina

mit einigen anderen Ordensjungfrauen in sein Haus aufgenommen, ihr

Gastfreundschaft erwiesen, sich nach Tisch unbemerkt zu den Füßen

Christinas niedergeworfen und sie inständigst gebeten, doch seiner vor

dem Herrn zu gedenken. Seit jenem Tage hatte Christina allezeit seiner

im Gebete gedacht. Ohne Christinas Hülfeleistung hätte die Seele dieses

Mannes angeblich dreißigtausend Jahre zur Abbüßung ihrer Sündenstrafen

im Fegfeuer bleiben müssen. Eine andere Seele war die der Mutter eines

Mädchens, das mit Christina sehr befreundet war. Diese hätte hundert

Jahre im Fegfeuer zubringen müssen. Zwei andere waren Seelen von Frauen

aus Cöln, die vor zwei Jahren gestorben und noch dreißig Jahre hätten

leiden müssen, die fünf übrigen Seelen waren solche von Knaben, die

ungefähr fünfzehn Jahre alt waren.

Am Allerheiligenfeste 1285 schaute sie in der Verzückung sechs Seelen,

für die sie in der vorhergegangenen Woche gebüßt hatte. Es waren Seelen

von verheirateten Männern, die im selben Jahre in den Ländern jenseits

des Meeres im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen waren. Drei davon

hießen Petrus, einer dagegen Sibodo, einer Hermann und einer Heinrich.

Diese hätten hundert Jahre Fegfeuer zu erdulden gehabt.

Im Advent 1285 erduldete sie wiederum die Fegfeuersqualen und in der

Verzückung erhielt sie am Weihnachtstage die frohe Kunde, daß vierzig

Seelen aus dem Kerker der Reinigung befreit worden seien. Zwei davon

waren aus Stommeln, und zwar war die eine die Seele einer Begine

Hildegundis, die andere die Seele einer Witwe namens Elisabeth. Die

übrigen waren aus entfernten Gegenden am Ufer des Meeres. Unter ihnen

befanden sich zehn Männer, von denen drei Priester waren; die übrigen

waren Frauen.

Am Lichtmeßtage 1286 wurde sie in der Verzückung durch die Erlösung

dreier Seelen beglückt, von denen die eine die Seele eines bereits vor

vielen Jahren verstorbenen Verwandten war, für dessen Seelenruhe sie

schon lange Jahre gebetet hatte. Die beiden andern waren Seelen von

zwei Frauen aus Cöln, Mutter und Tochter. Am Freitage nach Pfingsten,

den 7. Juni 1286, wurde Christina nach der Kommunion entrückt und wurde

getröstet durch die Erlösung von abermals drei Seelen, für die sie die

Fegfeuerspein erduldet hatte.

Siebenzehntes Kapitel.

Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende.

Die Gnade der Beharrlichkeit ist bekanntlich ans Gebet geknüpft. Darum

versucht der Feind des Menschengeschlechtes es bis zum Aeußersten,

selbst bei den Auserlesenen, daß sie vom Gebete ablassen oder es lau

und lässig verrichten.

In der dritten Nacht nach Christi Himmelfahrt 1282 trat der Versucher

in das Zimmer der im Gebete begriffenen Jungfrau und sprach zu ihr mit

furchterregender Stimme: „Wie lange willst du, Starrsinnige, den Weg

der ewigen Verdammnis gehen? Denn du, und zwar du allein, trittst mit

Füßen die weisen Verordnungen der Väter und der Ordensstifter. Zur Zeit

der Ruhe wachest du, betest in unnützer Weise und zur Zeit des Essens

übest du Enthaltsamkeit und Fasten. Und so handelst du in allen Stücken

verkehrt und erfüllst nicht Gottes Willen, sondern deinen verdammlichen

Eigenwillen. Und darum wirst du vom Allerhöchsten in unsere Hand

gegeben.“

Als er so gesprochen, bedrohte er sie mit grausamer Folter, wofern

sie sich nicht zur Ruhe begebe und das Beten sein lasse. Christina

aber sprach unerschrocken: „Mühe dich nicht vergeblich ab, böser

Dämon, mich durch Lügengerede und Drohungen vom Lobe meines Herrn Jesu

Christi abzubringen. Jemehr du mich davon abzukehren suchst, desto mehr

bestärkst du mich darin und solltest du mir selbst meine Zunge rauben,

so würde doch mein Herz und meine Seele fortfahren, den Herrn zu

preisen.“ Darauf machte sich der Versucher beschämt von dannen.

Am Freitage nach St. Martin 1280 ging Christina morgens mit großer

Sehnsucht zur Kirche, um die h. Kommunion zu empfangen. Da kam hinter

ihr die Dienstmagd ihres in Cöln wohnenden Bruders Heinrich, die

Christina hieß, auf dem Kirchweg hergelaufen, faßte sie am Kleide an

und sprach: „Teuerste Jungfrau, warum habt Ihr nicht auf mich gehört.

Schon eine Weile laufe ich Euch nach und oft schon habe ich Euch

zugerufen. Kommt doch schnell wieder um; denn ich habe Euch einen

wichtigen Auftrag von Euerem Bruder mitzuteilen.“ Christina erwiderte:

„Teuere Namensschwester, verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigt haben

sollte. Denn der Herr weiß es, daß ich Euch gar nicht rufen gehört

habe. Wisset aber, daß ich durchaus nicht mit Euch zurückgehen werde.“

Da begann das vermeintliche Dienstmädchen zu seufzen und sprach mit

tränenerstickter Stimme: „Teuerste Jungfrau, nun muß ich es Euch

gerade heraussagen, weshalb ich gekommen bin. Euer Bruder Heinrich

ist tödlich verwundet und er schickt mich zu Euch. Und so bin ich

die ganze Nacht hindurch gelaufen, um Euch desto eher die Nachricht

bringen zu können. Ihr wisset ja, daß dieser Euer Bruder ohne Furcht

und Erkenntnis Gottes, zum großen Nachteile seines Seelenheiles, immer

in der Welt gelebt hat. Kommet also Teuerste, und stehet Euerem Bruder

bei, der dem Tode nahe ist; denn Ihr könnt durch Euere frommen und

heilsamen Ermahnungen in seinem Herzen das Feuer der Buße wecken, das

Licht der Erkenntnis Gottes entzünden und so seine Seele der Pforte der

Hölle entreißen und dem himmlischen Vaterlande zuführen.“ Aus diesen

wohlgesetzten Worten, die darauf berechnet waren, in Christinas Herzen

Regungen der Selbstgefälligkeit hervorzurufen und sie vom Empfange

der h. Kommunion abzuhalten, schöpfte sie Argwohn und gab zur Antwort:

„Gott, der Schöpfer und Erhalter aller Menschen, wolle nach seiner Güte

meinen Bruder stärken und erhalten. Ich kann aber jetzt nicht umkehren;

denn ich habe mir vorgenommen, die h. Kommunion zu empfangen.“ So

sprach sie und ging eiligen Schrittes auf die Kirche zu. Im gleichen

Augenblicke aber fiel ein schwarzer Hund sie an, zerrte sie an den

Kleidern und hinderte sie am Weitergehen. Christina aber rief den Namen

Jesu Christi an und befahl dem Versucher, zu offenbaren, wer er sei.

Dieser gestand nun, daß er es gewesen, der in Gestalt der Magd ihr

nachgelaufen, sie über die Verwundung ihres Bruders belogen, um ihr

Gemüt zu verwirren und sie von der h. Kommunion abzuhalten.

Mit innigster Liebe hing Christina an ihrem jüngsten Bruder

Sigwin, weil er ein gelehriges Herz zeigte, sich auf dem Wege der

Vollkommenheit unterweisen zu lassen. Der Teufel, der jede Neigung

des Herzens erspäht, um sie zu Versuchungen auszunutzen, wußte auch

aus dieser besondern Zuneigung Christinas zu ihrem Bruder ihr einen

Fallstrick zu drehen. Als Sigwin nach Schweden abgereist war, und noch

keine Nachricht über seine Aufnahme in den Predigerorden eingetroffen

war, nahm der Versucher zu drei verschiedenen Malen Sigwins Gestalt

an und trat Christina auf dem Kirchweg hinter dem Dorfe entgegen.

Das erste Mal wurde sie über seine vermeintliche Rückkehr sehr

betroffen, faßte sich aber und umarmte ihn sehr freundlich, ohne zu

vermuten, daß es der Versucher sei. Dieser aber konnte seine Freude

über die Ueberlistung Christinas nicht verbergen und verschwand

unter Hohngelächter. Als er aber zum dritten Male in Gestalt Sigwins

sie auf dem Kirchwege zu beunruhigen versuchte, erkannte sie, vom

Herrn belehrt, allsogleich seine Arglist und sprach zu ihm: „Weshalb

verwandelst du Bösewicht dich in fremde Gestalten? Und warum

beunruhigst du mich unter der Gestalt meines Bruders?“ Er antwortete:

„Wenn ich dich auch nicht vollends habe hintergehen können, so wollte

ich doch wenigstens dein Gebet unterbrechen, weil ich wußte, daß dein

Herz Hinneigung hat zu deinem Bruder.“ Als Christina dies hörte, kniete

sie nieder und bekannte sich schuldig vor dem Herrn, in dem Punkte

nämlich, daß ihre Andacht so lau gewesen, daß der Dämon in Gestalt

ihres Bruders sie darin habe stören können.

Ein anderes Mal kam ihr, als sie zur Kirche ging, jemand nach in

Gestalt eines Briefboten und fragte sie, ob sie die Jungfrau sei, die

Christina von Stommeln genannt werde. Betroffen sprach sie, warum er so

genau nach ihrem Namen frage. Er entgegnete, Bruder Petrus aus Gotland

habe ihn gesandt, um ihr einen Brief zu überbringen und Näheres über

ihren Bruder Sigwin mitzuteilen. Da freute sich Christina und ersuchte

ihn, es nur gleich zu erzählen. Da fuhr jener fort: „Erschrecket nicht,

Sigwin ist gestorben.“ Da erhob Christina die Augen gegen Himmel

und sprach: „Wenn der gute Knabe, mein geliebter Bruder, der Welt

abgestorben ist, so bete und wünsche ich, daß er ewig leben möge im

Herrn Jesus Christus.“ Und als sie das gesagt, begann sie bitterlich

zu weinen. Sobald sie begonnen zu weinen, hatte sich die Gestalt des

Briefboten als Trugbild des Versuchers erwiesen. Christina wies alsbald

den Betrüger von sich. Dieser aber erhob ein lautes Hohngelächter und

rief: „Nun habe ich dich doch wenigstens zum Weinen gebracht,“ und dann

verschwand er.

Am Dreikönigentage des Jahres 1283, als Christina frühe vor der Messe

um das Dorf zur Kirche ging, nahte sich ihr der Versucher abermals und

sprach: „Wolltest du doch mir folgen und dein leeres Geplapper -- er

meinte das Stundengebet -- aufgeben, so würde ich dich mit Reichtum

und Ehren überhäufen und dich die Kunst lehren, wie du im Augenblicke

an jedem beliebigen Orte der Welt sein könntest. Dann könntest du auch

sofort jenes Kloster besuchen, in dem dein Bruder sich befindet, den du

so sehr liebest und sehen, wie er sich befindet und daraus großen Trost

gewinnen.“ Christina fertigte ihn ab mit den Worten: „Weiche von hinnen

mit deiner Wissenschaft und deinem Trost; Jesus Christus beut mir wahre

Wissenschaft und sichern Trost.“

Alle Verführungskünste bietet der Feind des menschlichen Heiles auf, um

die Seelen, die auf dem Wege der Vollkommenheit mutig voranschreiten,

zu verwirren und vom rechten Wege abzubringen. Schmeicheleien und

Lobhudeleien wechseln ab mit Drohungen und Mißhandlungen. So wurde

auch Christina nicht immer mit Schreckbildern geplagt. Als Christina

in einer Nacht nach Pfingsten im Jahre 1281 wegen der drückenden

Hitze in ihrem Hofe auf und ab ging und betete, zeigte sich eine

Lichterscheinung in Gestalt eines Jünglings über ihr in den Lüften,

die mit ihren Strahlen Haus und Hof erhellte. Christina erkannte diese

Erscheinung als Täuschung, beschwor deren arglistigen Urheber im Namen

Jesu Christi zu verschwinden oder sich in Finsternis zu verwandeln,

und alsbald trat Dunkelheit ein. Im Januar 1282 kamen Engelsgestalten

zu ihr, als sie nachts in ihrem Kämmerlein im Gebete wachte. Brennende

Kerzen trugen sie in ihren Händen und mit den süßesten Worten

erhoben sie Christinas Verdienste, und sagten, sie seien von Christus

beauftragt, ihr an dieser Stätte, wo sie soviel für ihn gelitten, in

dieser Nacht zu dienen und ihr aufzuwarten, und ihr durch die Helle

des Lichtes Tröstung zu bereiten. Christina aber erkannte auf den

ersten Blick das Blendwerk des Teufels, verdemütigte sich in ihrem

Herzen vor dem Herrn und sprach dann: „Geister der Finsternis, durch

Jesus Christus, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters,

beschwöre ich euch, abzulegen den Glanz des Lichtes, der euch nicht

zukommt und zurückzukehren ins Reich der Finsternis.“ Und alsbald war

der gleisnerische Spuk verschwunden und an seine Stelle trat wieder der

grausame Verfolger.

Ein anderes Mal wurde sie auf dem Sandberge in Stommeln in die Lüfte

erhoben, mit Lichtglanz umhüllt und von Gestalten, die Engeln ähnlich

sahen, mit jubelnden Zurufen begrüßt und eingeladen, zu ihnen zu

kommen. Aber auch diese List verfing nicht. Christina verachtete

das Gaukelspiel, ließ sich nicht zur Selbstgefälligkeit verleiten

und erwiderte, sie wolle lieber aus Liebe zu Christus leiden als

trügerische Tröstungen annehmen. Doch auch wirkliche Tröstungen

wundersamer Art bereitete ihr mitunter der Herr des Himmels und

Gebieter der Natur. Als die Unholden der Finsternis sie in einer Nacht

des Adventes 1285, der vorletzten vor Weihenacht, am zugefrorenen

Sumpfe im Gohrbroich gar jämmerlich zugerichtet hatten, kamen sieben

Wölfe herbei; die ihre natürliche Wildheit ablegten, gleich sanften

Lämmern an Christina herantraten, mit ihrem warmen Hauche ihre

erfrorenen Glieder erwärmten und dann vor ihr die Köpfe senkten,

als wollten sie zum Abschiebe Christinas Segen erbitten. Da dankte

Christina im Herzen ihrem Schöpfer, wurde innerlich getröstet und gebot

dann im Namen Jesu Christi, dem selbst die wildesten unvernünftigen

Geschöpfe gehorchen, den Teufeln, zu bekennen, weshalb sie ihr so

unmenschliche Qualen zugefügt hätten. Sie bekannten, daß sie auf

Befehl Gottes sie für die Sünden anderer gepeinigt hätten, verschwanden

alsdann, und Christus selbst trat herzu, um Christina in ihr Kämmerlein

zurückzuführen. Christinas Seele vertieft sich an Demut, steigt an

Gottwohlgefälligkeit. Nicht mehr sind es Engel, die Christina nach

überstandener Folter erquicken und trösten, der Herr der Engel selbst,

Christus, der Seelenbräutigam, würdigt sich, sie heimzusuchen und

gleich ihm wird sie durch Leib und Kreuz Siegerin und Gebieterin über

die stolzen Mächte des Reiches der Finsternis. Was David im 90. Psalme

singt, das traf auch, wie Petrus von Dazien[52] in einem seiner Briefe

an Christina bemerkt, bei dieser zu. Sie spricht zum Herrn: „Meine

Zuflucht bist du und mein Hort, mein Gott, ich vertraue auf dich. Und

der Herr rettet dich vor des Jägers Schlinge und vom bösen Worte. Mit

einem Schilde umgibt dich seine Wahrheit, nicht hast du zu fürchten vor

den Schrecknissen der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeile, der bei Tage

fliegt, vor dem Unholde, der im Finstern schleicht ... Seinen Engel

hat er geboten, dich zu schützen auf allen deinen Wegen; auf den Händen

werden sie dich tragen, daß du nicht deinen Fuß an einen Stein stoßest.

Ueber Vipern und Basilisken wirst du einherschreiten und niedertreten

Löwen und Drachen ... Rufst du zu mir, so spricht er, so werde ich dich

erhören; bei dir bin ich in der Bedrängnis, ich befreie dich und ich

verherrliche dich. Mit der Länge der Tage will ich dich ersättigen und

dich schauen lassen mein Heil.“

[52] _V. C._ 252.

Die selige Christina von Stommeln · 第 14 / 17 段