„Ihrem in Jesus Christus, dem süßesten Bräutigam und

Freunde, geliebtesten Vater und Herrn, dem Bruder Petrus,

Lesemeister auf Gotland, entbietet seine gar arme Tochter

Christina von Stommeln, demütiges und frommes Gebet und

was immer an Wonnevollem sich im Brautgemache des ewigen

Bräutigams finden mag. Teuerster Vater und Herr, für

die Güte und Treue, die Ihr mir allerorts und in allen

Stücken in väterlicher Huld erweiset, jetzt aber dadurch,

daß Ihr Euch für meinen Bruder so getreulich bemühtet,

in ganz vorzüglicher Weise bekundet habt, kann ich Euch

niemals genugsam Dank sagen. Ich bitte aber und flehe,

jener süßeste Bräutigam und Freund, der gütig und getreu

ist und ein überaus gnädiger Belohner alles Guten, möge

statt meiner es Euch vergelten. Im vollen Vertrauen auf

Euere Güte und Treue lasse ich also jetzt meinen Bruder zu

Euch reisen und ich empfehle ihn Euerer Liebe in Christo.

Er ist aufrichtigen Sinnes, schüchtern im Auftreten und

sanften Gemütes. Unter allen meinen leiblichen Brüdern und

Schwestern habe ich ihn von Kindheit an besonders geliebt

und ihn deshalb, da ich zuversichtlich hoffe, er werde

sein ewiges Heil wirken, allzeit durch fromme Ermahnungen

und gütiges Zureden zu fördern gesucht. Und nun bitte

ich Euch inständig bei aller Treue und Liebe, mit der wir

uns einander zugetan sind, Ihr wollet ihn, als Ankömmling

und Fremdling in Euerem Lande, in Güte aufnehmen und ihm

die Erweise Euerer Liebe noch mehr als mir selbst, wenn

ich in Person bei Euch wäre, um Gottes willen zukommen

lassen. Auch bitte ich Euch, dafür Sorge zu tragen, daß

er, sofern es nur irgendwie möglich ist, in Euerem Kloster

Unterkunft findet, und Ihr ihn dort gleich wie Euern Sohn

behandelt, ihn wie eine zarte Pflanze durch gütiges Zureden

und heilsame Lehre gleichsam bewässert und zum Ordensleben

anleitet. Das ersehne und erhoffe ich nämlich mit allen

Fasern meines Herzens, weil ich vor allen Menschen zu Euch

ein besonderes Vertrauen habe. Sollte dieses jedoch sich

nicht bewerkstelligen lassen, so bitte ich inständigst

und ergebenst, Ihr wollet ihn Euerem besondern Freunde,

dem Herrn Prior Bertold, und den einzelnen Brüdern jenes

Klosters getreulich anbefehlen und denselben ans Herz

legen, daß sie ihn liebevoll aufnehmen, durch gütiges

Zureden und trauliche Unterredungen ihn zum Guten anleiten

und seinen Sinn weiter ausbilden; denn seine Gemütsart

erheischt Ermunterung zum Guten und liebevollen Zuspruch.

Und weil ich vor allen übrigen Orden dem Predigerorden in

aufrichtiger Liebe und besonderer Ergebenheit zugetan bin,

so bin ich voller Freude und Wonne darüber. daß mein Bruder

in denselben Aufnahme findet. Deshalb bitte ich Euch, Ihr

wollet doch diesen meinen Bruder in keinem andern Orden als

demjenigen Euerer Brüder unterbringen und dafür sorgen, daß

er von den Brüdern mit solchem Wohlwollen behandelt wird,

daß nicht die fremde Gegend, die immerhin schwerdrückende

Entfernung von der Heimat und die Strenge der Ordenszucht

ihm Ueberdruß verursachen, ihn mutlos machen und, was

Gott verhüten wolle, in die Heimat zum größten Schmerze

meines Herzens zurücktreiben ... Abermals bitte ich recht

herzlich, Ihr wollet zu meines Herzens großer Freude mir

recht bald schreiben und mir im Einzelnen mitteilen, wo,

wie und wann mein Bruder in Euern Orden aufgenommen worden

ist und wie es ihm auf der Reise ergangen. Aber auch

noch einen andern Wunsch habe ich, daß Ihr ihn nämlich im

Ordenskleide der Predigerbrüder hierher führet. Denn nichts

könnte mich, sofern es Gottes Wille sein sollte, so sehr

bewegen und bestimmen, in Euerem Lande meinen Aufenthalt

zu nehmen. Geschrieben am Tage der Apostel Petrus und

Paulus. Lebet wohl für immer.“

Am 9. August 1282 kam Sigwin, von Bruder Mauritius geführt, in Wisby

an. Sie brachten auch ein Heiligenhaupt mit, das Christina für den

inzwischen verstorbenen Definitor Johannes in Cöln besorgt hatte, wofür

Petrus später seinen Dank ausspricht. Petrus besprach sich sofort in

Wisby mit dem dort zum Provinzialkapitel weilenden Prior Bertold, und

Sigwins Aufnahme in den Dominikanerorden wurde beschlossen. Bereits am

Tage des h. Bernard (20. August) wurde er wahrscheinlich in Schöningen

eingekleidet und erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in

dortiger Gegend nicht gebräuchlich war. Bruder Petrus konnte in einem

Briefe, den er vor dem Provinzialkapitel des Jahres 1283 an Christina

schrieb, nur Gutes über ihren Bruder melden: Er sei gesund an Leib und

Seele und von Gott und den Menschen geliebt. „Unsere Brüder,“ schreibt

Petrus, „die ihn kürzlich sahen und lange Zeit mit ihm zusammen waren,

haben mir erzählt, er sei Kellermeister unserer Brüder und führe dieses

Amt so umsichtig, daß es allen eine wahre Freude sei. Auch sagten

sie, er sei gottselig und eifrig besorgt, unsere Ordenssatzungen zu

beobachten. Dafür, Teuerste, schuldet Ihr Gott innigsten Dank. Jetzt

will ich, was ich bisher nicht wagte, Euch die Wahrheit gestehen.

Wider Erwarten nämlich ist die Sache gelungen; denn, wenn Ihr wüßtet,

wieviel hin und her überlegt wird, wenn es sich um die Aufnahme von

Laienbrüdern in unsern Orden handelt, so würdet Ihr es für ein Wunder

oder doch für einen besonderen Hulderweis Gottes erachten, daß Euer

Bruder unter Unbekannten so schnell in den Orden aufgenommen worden

ist.“ Vom Provinzialkapitel des Jahres 1284, dem Petrus als Prior von

Wisby beiwohnte, erhielt Christina die weitere fröhliche Nachricht, daß

ihr Bruder, wie es von jeher ihr sehnlichster Wunsch gewesen, unter

die Leitung des Petrus komme. Noch vor dem Winter des Jahres 1284

wurde er ins Kloster zu Wisby versetzt, wo Petrus Prior war. Im Jahre

1287 war er aber wieder in einem andern Kloster. Denn Petrus meldet

der Christina, ihr Bruder befinde sich sehr wohl und sei Gott und den

Menschen wohlgefällig. Alle Ausgaben der Brüder seines Klosters gingen

durch seine Hand und seien seiner Verwaltung übergeben. Auch habe er

ihm geschrieben, es sei ihm sehr lieb, in dem Kloster zu verbleiben,

in dem er sich jetzt befinde. Im Herbste 1287 jedoch starb Petrus

und Bruder Folkwin, der am 9. September Christina die Trauerbotschaft

meldete, stellte einen baldigen Besuch Sigwins in Stommeln in Aussicht.

Weitere Nachrichten über Sigwin fehlen.

Sechzehntes Kapitel.

Christina bewirkt die Bekehrung der Sünder und die Befreiung der armen

Seelen aus dem Fegfeuer.

Wie die Sonne nach ihrem Aufgange am Morgen sich allmählich immer

höher erhebt und bei ihrem Hinaufsteigen immer mehr Licht ausstrahlt

und immer mehr Wärme verbreitet, bis sie am Mittage in vollster Pracht

und Herrlichkeit in der Höhe des Firmamentes erglänzt, so machte

auch Gottes treue Dienerin Christina von Jahr zu Jahr, ja von Tag zu

Tag immer größere Fortschritte in der Erkenntnis und Liebe Gottes.

Und weil sie Gott liebte, deshalb war ihr Herz auch von aufrichtiger

Liebe zum Nächsten erfüllt, der ja Gottes Ebenbild in sich trägt und

zur ewigen Seligkeit berufen ist. In zweifacher Hinsicht betätigte

sie vorzugsweise die Tugend der Nächstenliebe, in der Sorge um die

Bekehrung der Sünder und im Erbarmen mit den armen Seelen im Fegfeuer.

Christus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was veloren war.

Es darf uns daher nicht wundern, daß Christina, an der immer mehr die

Präge Christi hervortrat, ganz besonders auf die Rettung der armen

Sünder bedacht war. Der Versucher gestand ihr einmal, daß er die Länder

durcheile und aus allen Ständen viele Seelen sich erwerbe. Sie aber

raube ihm jene wieder, die er schon in seinem Besitz zu haben gewähnt.

Sie bot sich nämlich als Schlachtopfer der Gerechtigkeit Gottes dar für

die Sünden anderer, um Gottes Zorn zu beschwichtigen und den Sündern

Erbarmung und Bekehrung zu erwirken. So lesen wir von ihr im dritten

Buche der Jülicher Handschrift, daß in der Nacht vom 12. auf den 13.

Januar 1284, als sie sich für den folgenden Tag auf den Empfang der

h. Kommunion vorbereitete, ein böser Geist, der sie bereits seit zwei

Jahren des öftern mit einem Dreizack gemartert hatte, sie jetzt mit

einem eisernen Haken, der zwei umgebogene Spitzen hatte, zerfleischte.

Dieser böse Geist war immer stumm gewesen und Christina hatte nie die

Kraft gehabt, ihn zur Rede zu stellen. Vom Herrn bestärkt sprach sie

aber jetzt zu ihm: „Ich beschwöre dich in Kraft des Leidens meines

Herrn Jesus Christus, daß du mir gleich sagest, weshalb du mich

schon so lange und so heftig gequält hast?“ Jener erwiderte: „Nicht

deinetwegen habe ich dies getan. Vom Allerhöchsten werde ich gezwungen,

dieses zu tun, weil du ein so großes Verlangen hast, für die Sünden

anderer zu büßen.“ In der Fastenzeit desselben Jahres hatte sie gar

schreckliche Qualen zu erdulden, kam auch bei der h. Kommunion nicht

in Verzückung, wurde aber am Abend des Freitags der ersten Fastenwoche

über den Willen Gottes bezüglich der Leiden, die ihrer noch harrten,

belehrt. Wozu diese Leiden dienten, das zeigte sich in den beiden

Nächten der Karwoche, die dem Gründonnerstage vorangingen. In der Nacht

vom Dienstag auf den Mittwoch schlangen sieben Teufel ihr eine glühende

Kette um den Leib und schleppten sie aus ihrem Kämmerlein durch Disteln

und Dornen in eine weit entlegene Gegend bis an einen großen Wald und

sprachen dann zu ihr: „Siehe, Elendeste, in diesem Walde hausen sieben

Räuber, die uns zu Willen sind, schon viele Mordtaten vollbracht und

nicht wenige Seelen zu uns in die Hölle befördert haben. Wofern du

nicht deinen Sinn änderst, so schleppen wir dich in den Wald hinein,

schlagen ringsum eine Anzahl Bäume nieder, lassen aber einen stehen, an

dem wir dich anbinden werden, locken alsdann durch unser Geschrei die

Räuber herbei, die dich in deiner schmachvollen Lage sehen sollen, um

dann mit uns und den Räubern in die Hölle zu fahren.“ Mutig entgegnete

Christina: „Sparet euere Drohungen und tut, was euch vom Herrn befohlen

ist.“ Wütend stürzten nun die Teufel auf sie los, schleppten sie in den

Wald, erfüllten denselben mit furchtbarem Geheul, hefteten Christina

mit der Kette an einen Baum und sprachen dann höhnend: „Nun rufe

deinen Bräutigam an, deinen Herrn und Helfer.“ Christina aber sprach:

„Mein Herr Jesus Christus wird mich nicht verlassen; euch Lügengeister

aber wird die ewige Qual verschlingen.“ Die Teufel wichen nun zurück.

-- Vom ungewohnten Getöse aufgeschreckt waren aber unterdessen die

Räuber herbeigekommen und sie hörten das standhafte Wort der Jungfrau.

Mit neugieriger Scheu traten sie an den Baum heran, an den Christina

angekettet war. Diese war aber derartig zugerichtet, daß die Räuber

nicht wußten, ob sie ein menschliches Wesen vor sich hatten oder

nicht. Auf ihr verwundertes Ausrufen, was denn los sei, und ob das

etwa ein menschliches Wesen sei, was da hänge, sagte Christina, die

bösen Geister seien hier im Spiele. „Ich aber,“ so fuhr sie fort, „bin

wahrhaft ein Mensch von katholischem Glauben und zwar ein weibliches

Wesen. Wisset aber, daß ich durch mich selbst in so großer Folter

nicht mehr leben könnte; aber mein Herr Jesus Christus, der für mich

gestorben ist, er ist mein Leben, mein Heiland, mein Schutz. Und weil

ich in ihm lebe, so verschmachte ich nicht in den Leiden und verliere

darin nicht mein Leben; denn er lebt in mir und redet aus mir und

beschützt mich überall.“ Darüber erstaunten die Räuber und sprachen:

„Wir kennen gar nicht diesen großen Gott und Herrn, der dir in so

großen Leiden das Leben erhält, und wir glauben niemals, daß es nach

diesem Leben noch ein anderes Leben gebe. Darum haben wir uns nicht

gescheut, unsere Hände zu allen Freveltaten auszustrecken. In dieser

Nacht aber haben wir so schreckliche Dinge gesehen und gehört, daß

wir vor Angst fast vergangen wären.“ Christina aber erwiderte: „Es

gibt einen wahren und allmächtigen Herrn Jesus Christus, der sich

herabgelassen hat, für das Heil des menschlichen Geschlechtes am Kreuze

zu sterben, der aber am dritten Tage wieder auferstanden ist und gen

Himmel aufgefahren. Er ist das Leben aller, die einen gottseligen

Wandel führen; er ist ein Helfer und Beschützer aller, die auf ihn

vertrauen. Er wird auch denen, die an ihn glauben und ihm treu dienen,

selige Unsterblichkeit schenken. Es gibt aber auch ein anderes, nie

endendes, unseliges Leben, das eher Tod als Leben genannt zu werden

verdient. Dieses ist für die Gottlosen und die Sünder bestimmt. Es

ist die schreckliche Finsternis, in der häßliche und schreckliche

Dämonen wohnen. Ihrer Gewalt werden diejenigen, die sich nicht zum

Herrn bekehren wollen, sondern in ihrer Bosheit verharren, nach diesem

Leben überliefert, um von ihnen mit unerträglichen Qualen ohne Erbarmen

gepeinigt zu werden.“

Diese Worte machten Eindruck auf die Räuber und sie sprachen: „Wenn

das wahr ist, was du sagst, was wird dann aus uns werden? Denn wir

sind Mörder und Räuber, und wenn wir schon dem Namen nach katholisch

sind, so haben wir doch Gott weder erkannt noch gefürchtet. Vor

mehreren Jahren haben wir uns zusammen getan und unsern Aufenthalt in

diesem Walde genommen, der über sechzehn Meilen breit und über dreißig

Meilen lang ist. Hier haben wir viele Mordtaten und alle möglichen

Arten anderer Greueltaten vollbracht. Wie können wir demnach noch

hoffen, Rettung zu finden?“ Die Jungfrau erwiderte ihnen: „Verzweifelt

nicht, sondern bekehrt euch zum Herrn Jesus Christus, dem Vater der

Erbarmungen, und bereuet euere Sünden von ganzem Herzen. Er ist gnädig

und überaus barmherzig, und alle euere Sünden wird er euch vergeben,

wenn ihr wahre Buße tun und in Zukunft die Sünden meiden wollet.“ Sie

aber entgegneten: „Unsere Sünden sind so zahlreich und so groß, daß

wir auf Verzeihung nicht hoffen können. Denn schon viele Jahre hindurch

sind wir Räuber der schlimmsten Art gewesen und vor keinerlei Lastern

schreckten wir zurück. Da wir nun mit so schweren Verbrechen behaftet

sind, wie können wir uns da noch Hoffnung auf Vergebung machen?“

Darauf sprach die Jungfrau: „Wollet nicht an der Barmherzigkeit Gottes

verzagen und euch nicht durch Verzweiflung in den Fallstrick des ewigen

Todes stürzen; denn Gottes unermeßliche Barmherzigkeit geht weit über

alle euere Vergehen hinaus. Auch die Größe eurer Sünden soll euch

nicht abschrecken; denn Gottes Erbarmen ladet euch zur Versöhnung ein.

Befolgt mithin meinen Rat, lasset alles Mißtrauen fahren, flehet die

große Güte Gottes an und bittet um Verzeihung. Und dann gehet zu den

Priestern und bekennet vor ihnen mit reumütigem Herzen in der Beicht

den ganzen Wust euerer Sünden.“

Da aber sprachen sie: „Wenn wir deinen Rat befolgen und aus diesem

Walde herausgehen würden, um Priester aufzusuchen, so würden wir

ohne Zweifel das Leben einbüßen. Denn es gibt viele, die wegen

unserer Mordtaten, Räubereien und anderer Frevel uns schon längst

aufpassen, um uns zu ergreifen und uns dann dem schmählichsten Tode zu

überliefern.“ Darauf sprach die Braut Christi: „Wenn ihr aus Furcht für

euer leibliches Leben es nicht wagt, aus diesem Walde herauszugehen,

um Priester aufzusuchen, denen ihr eure Sünden beichtet, so dürft

ihr auch so durchaus nicht an der unendlichen Barmherzigkeit Gottes

verzweifeln. Vielmehr in der festen Hoffnung auf Verzeihung erhebet

Hände und Herz zu Gott empor und in der heiligen Gegenwart seiner

Majestät bekennet mit dem Munde alle euere Sünden; denn der Vater

der Erbarmungen und Durchforscher der Nieren ist hier gegenwärtig

und wenn er sieht, daß euere Sünden euch leid sind, so wird er euch

nicht nur verzeihen, sondern euch auch von allen Widerwärtigkeiten

und Gefahren gnädig befreien und euch nach diesem vergänglichen Leben

mit seinen Auserwählten in der ewigen Seligkeit krönen. Um euch aber

mehr Zuversicht und Vertrauen einzuflößen, so nehme ich die Last

euerer Sünden auf mich und erbiete mich aufs bereitwilligste, für

euch genugzutun.“ Da nahmen zwei von den Räubern, Simon und Rembold,

die leibliche Brüder waren, durch Gottes Barmherzigkeit gerührt, das

Wort und ermahnten ihre Genossen, dem Rate der Jungfrau zu folgen und

die Sünden wahrhaft zu bereuen. Diese aber waren noch unschlüssig,

fragten hin und her, wollten zunächst wissen, was es mit der Jungfrau

für eine Bewandtnis habe und wie sie dorthin gekommen sei. Um nun

ihre Zweifel zu heben und ihre Hoffnung auf Verzeihung zu beleben,

ergriff Christina wiederum das Wort und sprach: „Es gibt eine große

und berühmte Stadt, die Cöln heißt. Etwa zwei Meilen von dieser Stadt

liegt ein Dorf, Stommeln genannt. Dort bin ich diese Nacht, als ich

in meinem Kämmerlein betete, von den Dämonen ergriffen, unter großem

Geheul in diesen Wald geschleppt und nach vielen Martern mit einer

Kette an diesen Baum aufgehängt worden. Sie vermochten es aber nicht,

mich zu töten, weil sie über mich nur insoweit Gewalt haben, als es

ihnen von meinem Herrn Jesus Christus gestattet ist. Dieser ist mein

Schützer und mein Helfer; er erhält mich am Leben; auch aus dieser Not

wird er mich gnädig erretten, mich durch seine wunderbare Kraft heilen

und stärken und mich an den Ort, von denn ich hierher geschleppt worden

bin, wieder zurückbringen. Und das tut er, wie ich vertraue, nicht

bloß dieses mal, sondern sehr oft schon hat er in ähnlichen und noch

schwereren Bedrängnissen mich befreit. Er ist es, der mir die Kraft

gibt, aus Liebe zu ihm zu leiden. Auch habe ich zwei Engel bei mir,

die mich stärken. Ihr könnt sie freilich nicht sehen, weil die Augen

eueres Geistes noch nicht hinlänglich gereinigt und deshalb hierzu noch

nicht geeignet sind. Denn diese Engel sind Geister und können nur mit

geistigen Augen geschaut werden. Wenn ihr aber an meinen Herrn Jesus

Christus in Wahrheit glauben wollet, so werdet ihr sehen, wie ich durch

diese Engel von meiner Marter wunderbar befreit, euern Blicken entzogen

und gleichsam in einem Augenblick in mein Kämmerlein zurückgebracht

werde.“

Als die Räuber diese Worte vernahmen, sprachen sie: „Wir staunen über

die Maßen darüber, daß du aus so weitentlegener Gegend hierher geführt

worden bist; denn es däucht uns, daß dieser Wald wohl an dreihundert

Meilen von Cöln entlegen ist.“ Von Gottes Barmherzigkeit gerührt fielen

dann die Räuber allesamt auf die Knie nieder, flehten um Verzeihung

ihrer Sünden, erhoben gemäß dem Rate der Jungfrau ihre Hände gen

Himmel und bekannten ihre schmachvollen Vergehen vor der Jungfrau unter

Tränen. „Erbarme dich unser,“ so riefen sie, „Vater der Barmherzigkeit,

und habe Nachsicht mit der Schwere unserer Sünden; denn lasterhafte

Menschen sind wir und die ärgsten Sünder. Fünfzehn Priester,

teils Ordens-, teils Weltgeistliche, haben wir in diesem Walde mit

eigenen Händen ermordet. Dazu haben wir noch fünfzig andere Personen

geistlichen Standes, Diakonen, Subdiakonen und Studierende, getötet.

Hundert Mädchen und ehrbare Frauen haben wir vergewaltigt und dann

umgebracht. Auch haben wir Frauen, die ihrer Niederkunft entgegensahen,

ums Leben gebracht. Die übrigen Menschen aber, die wir ermordet haben,

als Kaufleute, Reisende und Pilger, sind nicht zu zählen. Alle diese

haben wir ausgeplündert und dann getötet, und niemanden haben wir

verschont, wenn gleich er flehentlich um sein Leben bat. Was wir so an

uns gebracht, haben wir vergeudet, indem wir weder das Gesetz achteten,

noch Gott fürchteten, sondern nach unsern Gelüsten lebten, weil wir

kein anderes Leben nach diesem Leben anerkannten.“ Als sie nun diese

und ihre anderen Sünden vor der Jungfrau bekannt hatten, ermunterte

diese sie, sie möchten wegen der Menge ihrer Sünden nicht verzagen,

vielmehr fest im Glauben und unerschütterlich in der Hoffnung auf

Verzeihung beharren; sie selbst aber wolle für sie Genugtuung leisten.

Während Christina also den Räubern zuredete, wurde ihr Leib auf einmal

gar wundersam von Licht umstrahlt, im Glanze des Lichtes ehrfürchtig

durch Engelshand vom Baume, an den er angeheftet war, losgelöst,

vollständig geheilt, den Blicken der Räuber entzogen und unter großer

Tröstung ins Kämmerlein nach Stommeln zurückgebracht.

Ueberwältigt von dem hellen Lichtglanze, der ihre Augen traf, fielen

die Räuber auf die Knie nieder, und als Christina vor ihnen in diesem

Lichte entrückt wurde, da glaubten sie alles, was Christina zu ihnen

geredet, legten alle Todesfurcht ab und machten sich auf den Weg, um

Priester aufzusuchen, bei denen sie ihre Beichte ablegen könnten. Es

war ja am Vorabende des Gründonnerstages. Sie wurden aber auf dem Wege

von solchen, die ihnen auflauerten, ergriffen, und diese beschlossen

in ihrer Habgier und Grausamkeit, sie ohne weitere Umstände und

ohne gerichtliches Verhör zu töten. In dieser Not flehten die Räuber

zwar nicht um Schonung, sondern nur darum, daß man ihnen Zeit gönne,

ihre Sünden zu beichten. Dann wollten sie gerne sterben aus Liebe zu

Christus, der ja auch für sie am Kreuze gestorben sei und der sie in

vergangener Nacht so große und wundersame Dinge habe schauen lassen.

Die Häscher aber spotteten ihrer und sprachen hohnlachend: „Höret, wie

diese verruchten Räuber und Mörder jetzt noch Mönche werden wollen und

unter dem Vorgeben der Beichte uns zu überlisten gedenken. Am Rade oder

am Galgen mögen sie Profeß ablegen, und beichten und büßen mögen sie,

wenn wir ihnen Pfähle durch die Weichen stoßen.“ Da sprachen die Räuber

sich einander Trost zu und ermunterten sich gegenseitig, herzhaft den

Tod zu erleiden aus Liebe zu Christus, der die Jungfrau in so großer

Folter bewahrt und so wunderbar befreit habe, auf daß dieser ihnen in

seiner Barmherzigkeit alle ihre Sünden nachlassen möge, weil sie ja

keinen andern Beichtvater haben könnten. Als die Häscher dies hörten,

fielen sie grausam über die Räuber her, trieben ihnen spitze Pfähle

durch den Leib, hefteten sie damit an die Erde fest und brachten sie

unter jammervoller Marter so zum Tode.

In der Nacht darauf, also vor dem Gründonnerstage, wurde Christina von

den nämlichen bösen Geistern an die Stätte geschleppt, wo die Leichen

der Räuber aufgespießt waren und höhnend sprachen die bösen Geister

zur Braut Christi: „Siehe, die Seelen dieser Räuber haben wir zur

Hölle hinabgeführt, und wenn du dein Leben nicht änderst, so werden

wir auch dir diese Pfähle durch den Leib rennen und deine Seele in

die Hölle hinabführen, wo du in Gesellschaft dieser Räuber in Ewigkeit

brennen sollst.“ Christina aber erwiderte mit Unerschrockenheit: „Wozu

sucht ihr Lügengeister mich durch euer leeres Gerede zu erschrecken?

Ich bin nämlich vergewissert, daß die göttliche Erbarmung diesen alle

ihre Sünden verziehen, sie euerer Gewalt entrissen und sie in seiner

Gnade der Zahl seiner Auserwählten zugesellt hat.“ Darob ergrimmten

die Teufel, mißhandelten Christina, flohen aber, als diese standhaft

blieb, unter Geheul von dannen, indem sie bekannten, daß sie über die

Seelen der Räuber keinerlei Gewalt hätten. Christina aber wurde in

großer Tröstung wieder in ihr Kämmerlein nach Stommeln zurückversetzt,

feierte in gewohnter Andacht den Gründonnerstag, zog sich dann von

der Außenwelt gänzlich zurück bis zum Karsamstage, wo die Spuren der

Wundmale Christi, die sich am Karfreitage an ihrem Leibe erneuert

hatten, noch sichtbar waren, empfing dann am Ostertage die h. Kommunion

und kam allsogleich darauf in Verzückung, in der sie mit neuen

Gnadengaben bereichert und mit unaussprechlicher Freude erfüllt wurde.

Zur Erleichterung der Abbüßung der Sündenstrafen der sieben Räuber

erlitt Christina in der Woche vor Pfingsten jede Nacht ganz besondere

Leiden, nicht sichtbar, sondern nach Weise des Fegfeuers geistig,

aber doch auch körperlich fühlbar, nämlich Qualen des Feuers, das heiß

war über allen menschlichen Begriff, und dazu unerträgliche Kälte und

andere empfindliche Peinen, die den Tod hätten herbeiführen müssen,

wenn nicht Gottes Kraft sie am Leben erhalten hätte. Vor Allerheiligen

erduldete sie wiederum eine Woche hindurch die Fegfeuersqualen für die

sieben Raubmörder und erhielt am Allerheiligentage, als sie nach der

h. Kommunion in Entzückung gekommen, die Versicherung, daß die Seelen

jener sieben am nächsten Weihnachtsfeste würden erlöst werden. Im

Advent litt Christina wiederum jene schweren Leiden des Fegfeuers, aber

am Weihnachtstage wurde ihr in der auf den Empfang des Leibes des Herrn

eintretenden Verzückung unter anderen Tröstungen auch die unsägliche

Freude zu teil, die Seelen jener sieben Räuber, von ihren Strafen

befreit, vor dem beseligenden Angesichte ihres Bräutigams mit der Krone

des ewigen Lebens geziert zu sehen. Jene sieben Räuber aber hießen

Simon, Rembold, Hermann, Konstantin, Volmar, Vortleuv und Eckbert.

Je weiter Christina fortschritt in der innigen Vereinigung mit Gott,

je vollkommener sie losgeschält wurde von allen Dingen dieser Welt,

desto mehr nahm auch ihr Mitleiden mit den armen Seelen zu, so daß in

der letzten Hälfte ihres Lebens das Büßen für die armen Seelen ihre

Lieblingsandacht wurde.

Christus der Herr hat, als er am Holze des Kreuzes hing, einen der

mitgekreuzigten Schächer bekehrt und seine Seele noch am selben

Abende ins Paradies eingeführt. Christina, die gewürdigt wurde,

auch in diesem Punkte ihrem göttlichen Bräutigam ähnlich zu werden,

bekehrte, wie wir eben gesehen, in der Karwoche 1284, als sie von

bösen Geistern schmachvoll an einen Baumstamm aufgeknüpft worden war,

sieben Raubmörder, erlitt für sie die Fegfeuersqualen und sah sie

so am Weihnachtstage in der Herrlichkeit des Himmels. Was sie für

arme Sünder der verkommensten Art, die ihr fremd waren, mit größter

Bereitwilligkeit getan, das übte sie mit noch größerer Bereitwilligkeit

und Hingabe für diejenigen, die ihr nahegestanden und Gutes erwiesen.

Rührend ist es zum Beispiel zu lesen, wie durch ihr Gebet und durch ihr

Leiden die Seele des Pfarrers Johannes von Stommeln aus dem Fegfeuer

befreit wurde.[51]

[51] _V. C._ 185-187.

Die selige Christina von Stommeln · 第 13 / 17 段