„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr,

bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus,

in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch

wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen

alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit

verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem

Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst,

leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den

ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung

gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen

Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit

Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders

gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich

befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der

jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht,

weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten

möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich

Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der

Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget

womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis

nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen.

Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht

erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder

oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen

lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll.

Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen

Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie

ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge

tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte

angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit

Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe

mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken

könnt.

Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen

für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib

und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht

im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten,

so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr

das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer

übergroßer Lohn sein.

Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (_rector_) der Knaben,

der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen

Beistand leistet. Auch bitte ich, teuerster, zugleich

mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern

Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben,

wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den

weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder

Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen

lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir

hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden

gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche

Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß

Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas

gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir

befreundet seid.

Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für

ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern

Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn

Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den

Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu

Gott beten.“

Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft

sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem

Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe

auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße

erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in

Gott und den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus

für alle Menschen, auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber

der Tod des Herrn hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden

Erlösung zu bringen, so hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den

Freunden gebracht. Wie daher hinreichende und wirksame Gnade nicht in

der Bemessung des Spenders, sondern in der Bewertung des Empfängers

den Grund ihres Unterschiedes hätten, so sei auch Christi Tod von

verschiedenem Werte gewesen für seine Freunde und für seine Feinde.[48]

[48] Die im Munde eines Schülers des h. Thomas von Aquin bemerkenswerte

Stelle über die Wirksamkeit der Gnade hat folgenden Wortlaut:

„_Quamvis ergo amicis et inimicis mors domini ad liberationem

suffecit, solis tamen amicis eam effecit. Et ideo: quantum

differunt sufficientia et efficientia, non in dantis largitate,

sed in recipientis utilitate, tantum dominus inter amicos et

inimicos suos distinxit sua morte pretiosa._“ _V. C._ 194

In einem Briefe, den Petrus erst im Jahre 1282 erhielt, der aber

viel früher, nämlich nach Allerheiligen 1280, geschrieben wurde,

berichtet Magister Johannes unter anderm, daß Christina vom 5. Juli

ab, an welchem Tage die Seele des Pfarrers Johannes aus dem Fegfeuer

befreit wurde, bis zum Feste der h. Maria Magdalena ununterbrochen

große Tröstung und Wonne des Herzens verkostet habe. Sie sei während

dieser Zeit sehr oft in Verzückung gekommen und in die Geheimnisse

ihres göttlichen Bräutigams derartig vertieft gewesen, daß sie ihn,

den Magister Johannes, wenn er mitunter in ihre Wohnung oder in ihr

Kämmerlein eingetreten, nicht einmal bemerkt habe, obschon sie den

Spinnrocken in der Hand hielt und recht fleißig spann oder sonst eine

Handarbeit verrichtete. Und obschon er sie mehrmals angeredet habe, so

hätte sie doch nichts von dem gehört, was er gesagt, bis sie aus der

Entrückung gänzlich zurückgekehrt gewesen.

In den drei Nächten, die dem Freitage vor Mariä Geburt vorangingen,

also vom 4.-6. September, hatte sie verschiedenartige Qualen zu leiden,

jedoch nicht sichtbarer Weise, sondern nur innerlich im Geiste. Es

war ihr, wie wenn Donner und Blitz ihr Herz bestürmten. Da sie sich

nicht darüber klar war, ob der böse Feind der Urheber der Quälereien

sei, beschwor sie in der dritten Nacht, als die Plagen aufhörten,

deren Urheber mit den Worten: „Ich beschwöre euch, ihr bösen Geister,

im Namen des Herrn Jesus, daß ihr bekennet, ob dies alles durch euere

Bosheit geschehen ist?“ Darauf erfolgte die Antwort: „Dienerin des

allmächtigen Gottes, wir alle sind böse Geister, tausend an der Zahl;

mit Zulassung des Allmächtigen haben wir dir diese Qualen unsichtbarer

Weise zugefügt, um dich vom Gebete abzuhalten.“ Am folgenden Tage,

dem Freitage vor Mariä Geburt, ging Christina zur Kirche, empfing den

Leib des Herrn, kam in Verzückung, in der ihre Seele nach dem Maße

der überstandenen Schmerzen die Wonne der göttlichen Tröstungen zuteil

wurden (Psalm 90, 19).

Es begab sich in der dritten Nacht nach Mariä Geburt, daß Christina

mit ihrem Bruder Sigwin und einem andern Manne geschäftshalber nach

Cöln reiste. -- Ihr Bruder fuhr einen Karren mit Weizen. -- Als sie

nun nicht mehr weit von Cöln waren, aber erst Mitternacht vorbei war,

spannten die beiden Männer die Pferde aus, ließen sie auf die Weide

gehen ... und legten sich zum Schlafe nieder. Christina aber stieg auf

den Karren, setzte sich auf die Säcke und hielt Wache, doch gar bald

kam der Karren derart ins Wanken und Schwanken, daß Christina sich

gezwungen sah, abzusteigen. Sie kniete nun auf die Erde nieder und hub

an zu beten. Und siehe da, ein Wolf stürzte auf sie los mit funkelnden

Augen und fletschenden Zähnen, wie wenn er sie hätte verschlingen

wollen. Sie aber erachtete dies für teuflische Gaukelei und fuhr

fort zu beten, ohne auch nur zu zucken. Da stürzte sich der Wolf auf

Christinas Bruder, und es erscholl ein klägliches Geschrei wie aus dem

Munde Sigwins, damit Christina glauben sollte, er würde erwürgt. Dann

lief er auch auf die Pferde zu und griff diese an. Und bald kam ein

ganzes Rudel Wölfe, fraß anscheinend die Leichen Sigwins und der Pferde

und erfüllte die Luft mit wildem Geheul.

Wir glauben diesen visionären Vorgang mitteilen zu sollen, weil

er Veranlassung geworden, am Nordportal des Cölner Domes die selige

Christina mit einem Wolfe darzustellen.

Im Herbste desselben Jahres trafen neue Schicksalsschläge Christina

und ihren Bruder Sigwin. Die Eltern Christinas waren infolge einer

Bürgschaft, die ihr Vater für einen Christen einem Juden gegenüber

übernommen hatte, um ihre Habe gekommen. Nur der ausverkaufte Gutshof

mit dem eingestürzten Wohnhause scheint ihnen geblieben zu sein. Durch

Christinas Bemühungen wurden jedoch die Verhältnisse wieder geordnet,

wenn auch noch Schulden zu tilgen waren. Sigwin scheint Ländereien

gepachtet zu haben, und unterstützt von Christina führte er wieder

Ackerwirtschaft größeren Stiles. Christina durfte so hoffen, bald alle

Schulden beglichen zu sehen und dann, aller weltlichen Sorgen ledig,

ungestört der Pflege des innern Lebens sich hingeben zu können. Doch

es sollte durch Gottes Fügung anders kommen. „Der Herr,“ so schreibt

Magister Johannes, „hat seine Hand ausgestreckt und die fünf Pferde,

die sie hatten, mit schwerer Seuche heimgesucht. Als die Ernte kaum

unter großer Arbeit eingeheimst war, hat er zur allerschlimmsten Zeit,

wo nämlich die Aecker zur Saat bestellt werden mußten, alle fünf Pferde

an plötzlichen Erkrankungen eingehen lassen. In Zeit von drei Wochen

wurden sie alle, und zwar zwei an einem Tage, dann eines allein und

darauf wieder an einem Tage die beiden übrigen abgedeckt. Infolge

dessen befindet sich Euere Tochter in mehrfacher Trübsal. Zunächst

drücken sie stark die Schulden, die sie binnen Kurzem bezahlen zu

können gehofft hatte. Dann ist sie auch noch immer gar sehr bekümmert

wegen des Seelenheiles ihres Bruders, der jetzt die Ackerwirtschaft

drangeben will. Doch diese und andere Leiden erträgt sie mit Geduld,

indem sie spricht: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen;

wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn

sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit.“ --

Zum Schlusse des Schreibens des Magisters Johannes ergreift Christina

das Wort und spricht:

„Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr

eine einsame und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle

in der Nähe, in der genannter Johannes, der zum Priester

geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann ... Dann aber

klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich

weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich

nicht gesehen und über die Angelegenheit meines Bruders

deshalb auch nicht mit mir Rücksprache genommen hat. Das

verursachte mir keinen geringen Kummer. Doch wurde ich

dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den

genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach

seiner Abreise, am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25.

August), erhalten habe. Bedenket, teuerster Vater, die

Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe und

unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund

ohne Unterlaß durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im

Briefe in Aussicht gestellte recht bald auszuführen. Es

grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister Johannes, Hilla

vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere

sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich

aber Magister Johannes, weil er die heiligen Weihen,

nämlich das Diakonat und sodann die Priesterweihe, zu

empfangen wünscht.[49]

[49] Das Subdiakonat zählte also damals in der Cölner Kirche nicht

zu den =heiligen= Weihen, wie es in den morgenländischen Kirchen

auch heute noch nicht als solche betrachtet wird.

Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es

so sein heiliger Wille sei und genannter Johannes in der

Demut und Frömmigkeit Fortschritte machen soll, sein Wunsch

in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn und all sein

Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke. Wir

möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister

Johannes versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns

nicht in Wirklichkeit mit der Hoffnung trügen, Ihr würdet

persönlich zu uns kommen. Lebet wohl, teuerster Vater, und

bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams Euerer

Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges

Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem

wir lange und inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief

die Antwort bilden. Nochmals, lebet wohl und freuet Euch

allzeit im Herrn.“

Vorstehender Brief blieb ohne Antwort, weil er erst nach nahezu zwei

Jahren in die Hände des Petrus kam. Deshalb schrieb Christina im Advent

1280 abermals an Petrus, vornehmlich um ihm ihren Bruder Sigwin zu

empfehlen. Das Schreiben lautet, wie folgt:

„In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und

geliebtesten Freunde, entbietet ihrem Vater und Freunde,

dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister von Gotland, seine

arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln, Gruß

sowie unvergänglichen und vollen Trost =im Herzen= des

Geliebten, dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.

Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal

und Kümmernis meiner Seele weder durch Briefe noch durch

Worte so, wie es mir ums Herz ist, auszudrücken vermag,

so möge jener, der Herzen und Nieren durchforscht, Euch

kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid

einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen

bin ich beraubt! Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin

ich umgeben! Stimme denn an deine Wehklage, o du, mein

armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit, weil

dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich

von dir zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in

der Unterwelt gesellt hat. Gleich erachtet bist du jenen,

die hinabsinken in den See; geworden bist du wie eine

Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und

deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie

weggewiesen sind von Gottes beseligendem Antlitze.[50] Was

nun wirst du tun? Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen?

Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt befreien? O,

möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten,

wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es

dir doch vergönnt sein, deinem Schmerze freien Lauf zu

lassen. Doch ach! und abermals ach! Schmerz häuft sich auf

Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in die Sorgen

und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter

Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den

Verlust deines Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um

das Maß deines Schmerzes voll zu machen wird dir überdies

zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch von den

Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine

treuesten Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten

und irrigen Lebenswandels, deiner überdrüssig sind und dich

gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster Vater, Ihr noch

Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl

regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen.

Somit beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue

und Liebe, vermöge der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum

engern Freundschaftsbunde ausersehen worden seid, Ihr

wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner Seele

wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der

ersten sich darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich

hieher kommen, um die schier unerträgliche Last meines

Herzens zu erleichtern, besonders aber, um meinen Bruder,

worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an

eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges

Leben führen kann. Denn er ist hauptsächlich Gegenstand

all meiner äußern Besorgnis. Ich sagte aber, Ihr möchtet

persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so sehr aus

eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem

Zureden zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem

Fremden wohl nicht so bereitwillig folgen möchte als gerade

Euch.

[50] Die Redewendungen sind dem 87. Psalme entnommen.

Abb. 10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.

Abb. 11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.

Wohlan denn, teuerster Vater, von ganzem Herzen danke ich

Euer Liebden für alle und jede Wohltaten, die Ihr mir so

väterlich erwiesen habt, und abermals bitte ich flehentlich

im =geliebten Herzen= des vielgeliebten Bräutigams und

Freundes, in dem wir uns einander aufrichtig lieben, Ihr

wollet doch, getreu Euerer bisherigen Gepflogenheit, in

diesem meinem Anliegen, das gleichsam Ziel und Anfang

all meiner Besorgnis ist, mir Euern Liebeserweis weder

versagen noch ihn hinausschieben, um nicht durch Zögern

mein Herz, anstatt es zu erfreuen, über die Maßen

zu betrüben und den Gewinn, den Ihr an meinem Bruder

erzielen könnt, durch Hinausschieben gänzlich in Frage

zu stellen. Denn es liegt auf der Hand, daß mein Bruder,

so lange er noch in Demut Rat anzunehmen gesonnen ist

und sich nach Euerer Ankunft sehnt, durch Euern Rat und

Beistand zum Hafen des Heils geführt wird oder aber, zum

bittersten Schmerze und Leidwesen meines Herzens, von

den Nichtigkeiten der Welt, die jetzt sein Seelenheil

in Gefahr bringen, betört, heilsame Ratschläge von sich

weisen und in den Abgrund des Lasters versinken wird. Es

liegt auch noch ein anderer Grund vor, weshalb ich gar

sehr nach Euerer Ankunft verlange. Magister Johannes, der

bereits zum Diakon geweiht worden ist, soll, wie ich mit

Sicherheit annehme, an den kommenden Quatembertagen die

Priesterweihe erhalten. Die Zahl seiner Schüler hat aber

derartig abgenommen und ist so gering geworden, daß er

Mangel am nötigen Lebensunterhalt hat und deshalb an seiner

bisherigen Stelle nicht mehr bleiben kann. Sollte er nun

wegziehen, so können Euer Liebden leicht ermessen, daß

dies mir mehr Schmerz verursachen würde als der Tod irgend

eines mir Nahestehenden. Deshalb hegt besagter Johannes

gleich mir das sehnlichste Verlangen nach Euerer Ankunft,

damit Ihr meinen Bruder mitnehmet und auch mir raten

möget, was wir tun und wohin wir gehen sollen. Deshalb

bitte ich nochmals und abermals flehentlich: Kommet doch.

Lebet wohl, teuerster Vater, und betet recht inständig

und herzlich zu Euerem Freunde für Euere schwer geprüfte

und trostlose Tochter. Johannes läßt Euch sagen, daß er

manches über Christi Wunderwerke aufgeschrieben hat. Wenn

Ihr es zu haben wünscht, so empfiehlt es sich, daß Ihr

möglichst bald kommt. Lebet wohl und bleibet stark in der

Liebe Christi!“

Diesen Brief erhielt Petrus im Herbste 1281, als er zum

Provinzialkapitel in Skeninge weilte. Sogleich besprach er

sich bezüglich der Anliegen Christinas mit dem Prior der Insel

Gotland, Bertold, der ihr eine Unterstützung im Betrage von zwölf

Sterlingsschillingen (_solidi sterlingorum_) zuschickte und zugleich

den guten Rat erteilte, ihren Bruder Sigwin nach Gotland einzuladen

und seine Aufnahme in den Dominikanerorden in die Wege zu leiten. Der

bereits mehrfach erwähnte Bruder Mauritius, ein Bekannter Christinas,

sollte den zum Definitor des für den Frühling 1282 in Wien anberaumten

Generalkapitels seitens der Provinz Dazien erwählten Bruder Johannes

auf der Reise begleiten und dieser sollte, da die Reise über Cöln ging,

den Sigwin mitbringen. Mauritius brachte drei Briefe nach Stommeln

mit, einen Brief des Bruders Petrus für Christina, desgleichen einen

Brief des Priors Bertold an Christina, in denen Christina eingeladen

wird, mit Sigwin nach Gotland zu kommen, wo sie in einem Kloster der

Dominikanerinnen alle Tage ihres Lebens Gott dienen könne. Sie könne

dort ihr jetziges Ordenskleid beibehalten oder auch das Ordenskleid der

Dominikanerinnen annehmen. „Doch,“ schreibt Petrus, „will ich Euch in

dieser Sache nicht meine Meinung aufdrängen; denn ich weiß, daß Ihr den

Geist Gottes habet, der Euch in allem zu belehren pflegt.“

Der dritte Brief war für Magister Johannes bestimmt und von Bruder

Petrus geschrieben. Aus ihm ersehen wir, daß im Sommer 1281 die

Abhandlung von den Tugenden, die das erste Buch der Jülicher

Handschrift bildet, durch einen jugendlichen Cölner Bürger, Johannes

von Stolzenberg, dem Magister Johannes und Christina aus Gotland war

überbracht worden. Auch ein Mann von vornehmer Herkunft, Johannes,

Bruder der Miliz Christi, d. h. des dritten Ordens des h. Dominikus,

schrieb an Christina, er habe von seinen Eltern eine besondere Vorliebe

für den Dominikanerorden überkommen und selbe auch bewahrt. Auch

habe er zwei Schwestern, von denen eine, Namens Christina, bereits

gestorben sei. Beide hätten das Kleid der Schwestern des h. Dominikus

genommen und es länger als zehn Jahre allein im Königreich Schweden

getragen. Ihr Verlangen nach Zuwachs sei leider lange Zeit hindurch

unerfüllt geblieben. Jetzt endlich sei mit Bewilligung des Königs von

Schweden und des zuständigen Diözesanbischofs sowie des Provinzials

von Dazien ein schön und günstig gelegenes Kloster gegründet worden,

das er aus seinem Vermögen sowie demjenigen seines Bruders Andreas

und seiner Schwestern mit Einkünften ausgestattet habe. Dahin ladet

er Christina mit ihrem Bruder Sigwin ein, damit sie dort an die Stelle

seiner verstorbenen Schwester Christina trete. Auch Helborgis und ihre

Schwester, die beide Beginen auf Gotland waren, luden Christina zu

sich ein, wobei sie bemerkten, daß sie unter Leitung der Dominikaner

ständen. Der Definitor der Provinz Dazien auf dem Generalkapitel in

Wien, Johannes, starb zu Wien oder auf der Reise und sein Begleiter

Mauritius schrieb nun nach Cöln an Bruder Laurentius aus Dazien, der

in Cöln studierte, er möge Christina wissen lassen, ihr Bruder Sigwin

solle sich bereit halten, um mit ihm, Mauritius, bei seiner Rückreise

aus Oesterreich zu Bruder Petrus nach Dazien zu reisen.

Auch empfiehlt er die Seele des verstorbenen Definitors Johannes in

Christinas Gebet und läßt ihr danken für das h. Haupt, das sie diesem

verschafft habe.

Am Feste Peter und Paul oder kurz nachher ist dann Sigwin mit Bruder

Mauritius nach Dazien abgereist. Am Vorabend des h. Laurentius

langten die beiden in Wisby auf Gotland an, woselbst gerade das

Provinzialkapitel gehalten wurde. Die beiden überbrachten dem Bruder

Petrus einen Brief Christinas, den letzten, der uns erhalten ist.

Derselbe lautet wie folgt:

Die selige Christina von Stommeln · 第 12 / 17 段