In dem bereits vorhin erwähnten Begleitschreiben zu diesem Briefe macht

Bruder Laurentius zum Einsturz des Hauses folgende Bemerkung: „Während

die ganze Familie und dabei auch kleine Kinder im Hause waren, und ein

mächtiges Feuer brannte, stürzte das Gebäude plötzlich zusammen. Jedoch

wurde niemand verletzt, und auch das Feuer richtete keinen Schaden an,

was einige für ein Wunder halten. Der Zusammensturz war vollständig;

nur die Kammer, in der Christina war, blieb stehen. Doch auch sie wurde

von den herabstürzenden Balken hart getroffen.“

Einige Zeit nachher, im Herbste 1278, starb auch Christinas Mutter.

Petrus wurde im selben Herbste auf dem Provinzialkapitel in Wisby zum

Lesemeister dieser seiner Geburtsstadt Wisby auf der Insel Gotland

ernannt, weshalb er von da an Lesemeister von Gotland genannt wird.

Abb. 9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.

Vierzehntes Kapitel.

Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln,

um Christina zu besuchen. 1279.

Als Bruder Petrus obigen Brief Christinas erhalten und ihm auch noch

sonst Mitteilungen über das Mißgeschick, das über sie hereingebrochen,

zugegangen waren, da, so schreibt er, entbrannte mein Geist, und mein

Herz wurde heftig bewegt und ich sann darüber nach, wie ich sie wohl

trösten könnte. Ich begab mich zum Provinzial, Bruder Augustinus,

(nach Westeräs), um von ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach Cöln zu

erlangen. Dreierlei Gründe lagen zu dieser Reise vor. Erstlich wünschte

ich von der geistigen Trockenheit befreit zu werden, an der ich schon

lange gelitten und die mich mitunter so niedergeschlagen machte, daß

man für mein Leben fürchtete. Zweitens ging mein Verlangen danach, die

glorreichen Schutzpatrone Cölns, nämlich die dort ruhenden Martyrer und

Jungfrauen, für die ich seit meiner Cölner Studienzeit eine besondere

Verehrung hatte, zu besuchen, mir von ihnen Reliquien zu verschaffen

und diese dann in mein Vaterland zu übertragen. Drittens, um die in

Christo geliebte Christina, nach deren Wiedersehen ich verlangte,

zu besuchen und sie im Herrn zu trösten, wie sie es wünschte, und

wie es meinem frommen und mitleidigen Sinne entsprach, um aber auch

andererseits von ihr Tröstung und Erleuchtung zu erhalten. Mit Gottes

Hülfe und (wie ich vertraue) durch Christinas Verdienste ist alles

nach Wunsch glücklich von statten gegangen, und es hat sich bestätigt,

daß „unverdrossene Liebe alles überwindet“.[46] Am Pfingstmontage also

brach ich von Westeräs auf, kam dann nach Gotland, wo ich eine Zeitlang

blieb, und gelangte schließlich nach Lübeck. Und wahrhaftig, ich, der

ich früher keine halbe Meile zurücklegen konnte, ohne zu ermüden,

Einkehr zu nehmen und Halt zu machen, ging jetzt einen ganzen Tag,

ohne sonderliche Ermüdung zu verspüren. Es war am Tage nach der Oktav

des h. Laurentius (18. August). Am Tage der Oktav von Maria Geburt

(15. Sept.) langten wir in Stommeln, dem lang ersehnten, von Gott

mit vielen Vorzügen begnadigten, vor allem aber durch die Frömmigkeit

seiner Bewohner ausgezeichneten Orte, an. Als wir uns nun diesem Dorfe

näherten, sahen wir von Ferne die Leute aus der Messe nach Hause gehen,

-- es war nämlich Freitag[47] -- zuletzt aber gingen zwei Beginen.

Da sagte ich zu Bruder Folkwin, meinem Begleiter: „Siehe, da geht

Christina.“ Denn auch ihn trug Verlangen, sie zu sehen. Man konnte aber

Christina gut von andern unterscheiden. Denn, wie sie sich im Umgange

durch Erbaulichkeit und im Aussehen durch Frömmigkeit auszeichnete,

so hatte ihr Gang eine würdevolle Gemessenheit. Um es kurz zu sagen,

in all ihrem Tun und Handeln, in Gang und Bewegung leuchtete ein

verklärender Schimmer besonderer Anmut hervor, so daß ein jeder,

der mit frommem Sinne ihr Benehmen beobachtete, nicht daran zweifeln

konnte, Gottes Gnade und Gottes Gegenwart sei bei und in ihr.

[46] Petrus ändert hier den Wahlspruch des alten Römervolkes: „_Labor

improbus omnia vincit_“ (Unverdrossene Arbeit überwindet alle

Hindernisse) um in den der Sachlage mehr entsprechenden: „_Amor

improbus omnia vincit._“

[47] Am Rande der Jülicher Handschrift ist die Bemerkung eingetragen:

An Freitagen hören in Stommeln gewöhnlich alle die h. Messe.

Als wir nun bis zum Pfarrhause gekommen waren, wo wir das Erforderliche

besorgen wollten, um die h. Messe lesen zu können, stand die Frau

des Glöckners da, schaute mich neugierig an und sagte schließlich:

„Wie heißet Ihr?“ „Petrus,“ entgegnete ich. Darauf fragte sie weiter:

„Woher seid Ihr?“ „Aus Dazien,“ gab ich zur Antwort. Da eilte sie

gleich auf die Straße hinaus und rief, so laut sie konnte: „Christina!

Christina! komme zurück, wenn Du eine Messe hören willst.“ Da nun

auch wir auf die Straße hinausgingen, trafen wir mit Christina, die

zurückkehrte, zusammen. Als ich sie grüßte, wußte sie vor Staunen und

Ergriffenheit kaum zu antworten. Schließlich sagte sie: „Woher kommt

Ihr?“ Ich antwortete: „Von Gott dem Herrn gesandt bin ich gekommen.“

Als mein Gefährte und ich Messe gelesen, speisten wir mit Christina in

der Klause, wobei der Schulmeister Johannes den Gastgeber machte. Auch

der Herr Pfarrer -- Heinrich hieß er -- gesellte sich zu uns. Als ich

tags darauf nach der Vesper auf Christinas Begehr die Schriftstelle

auseinanderlegte: „Ein gutes, geschütteltes, gerütteltes und gehäuftes

Maß wird man Euch in den Schoß schütten“, kam sie derartig in

Verzückung, daß sie weder zu Nacht speisen noch reden konnte. Ja, sie

war derart in Gott versunken, daß sie gar nicht mehr achtete auf das,

was gesprochen wurde. Sie war ganz mit ihrem Geliebten beschäftigt;

sie hatte für nichts anderes Sinn und nur Worte der Andacht brachte

sie hervor. Und in Anbetracht dieser großen Liebe zu ihrem Bräutigam

ruhte alle Sinnestätigkeit. Zweimal aber brach sie währenddem in die

Worte aus: „Teuerste! lasset uns Gott lieben, denn er ist überaus

liebenswürdig. Teuerste! was sollen wir ihm wiedervergelten für so

viele Wohltaten, die er uns erwiesen hat?“ ... Als sie endlich in etwa

zu sich kam, geleiteten der Schulmeister Johannes und Aleidis sie zu

ihrer Wohnung. Als es sich nun traf, daß ich neben ihr ging, fragte

sie, wer das sei. Es wurde ihr geantwortet: „Bruder Petrus.“ Da sagte

sie: „Bruder Petrus, wenn Du von Gott reden willst, bist Du willkommen.

Wenn Du aber zu etwas anderem gekommen bist, so mache schnell und gehe

dann; denn sonst würden wir Deiner bald müde sein.“ Die ganze folgende

Nacht hindurch blieb sie in diesem Zustand der Innerlichkeit. Tags

darauf fingen jene, die obiges gehört, mit dem Ausdruck des Bedauerns

an, darauf die Rede zu bringen, daß jemand mich beleidigt habe. Sie

antwortete: „Gewiß, wer solches gesagt hat, ist gar zu dreist gewesen.“

Sie hatte keine Erinnerung mehr an das, was sie am vorhergehenden

Abende gesagt hatte. Wir blieben drei Tage in Stommeln und gingen

dann nach Cöln, wo wir freundlich von den Brüdern aufgenommen wurden,

besonders von denen, die mich von der Studienzeit her kannten, und ganz

besonders von Bruder Johannes von Greif, der damals Unterprior war, und

Bruder Johannes von Muffendorf. Bruder Gerhard vom Greif erkundigte

sich nach Christina und belobte ihren Fortschritt auf dem Wege der

Heiligkeit. Ich blieb nun ungefähr einen Monat lang in Cöln und wurde

durch Gottes Gnade von meinem Seelenleiden geheilt. Auch verschaffte

ich mir neun Häupter der hh. Jungfrauen (aus der Gefolgschaft der

h. Ursula) und eines von der thebäischen Legion. Unsere Cölner

Ordensbrüder besorgten mir diese unter Beihülfe des Bruders Folkwin.

Mitten in dieser Zeit, nämlich am Tage nach dem Feste des h. Erzengels

Michael, ging ich mit Bruder Folkwin wieder nach Stommeln zu Christina.

Wir fanden sie zu Bette liegen und sehr schwach. Ueber unsere Ankunft

aber war sie sehr erfreut. Und als ich sie nach dem Grunde ihrer

Schwäche fragte, sagte sie: „Der Dämon hat mir in dieser Woche die

Haut vom Rücken gezogen, so daß man sich wundern muß, wie ein Mensch

dabei noch leben kann.“ Am folgenden Tage, Sonntag den 1. Oktober,

zeigte Petrus der Christina das früher am Sankt Christinatage an der

linken Hand erhaltene Malzeichen und sie bestätigte ihm mündlich alles,

was im Quatern schriftlich durch Pfarrer Johannes niedergeschrieben

worden war. Auch machte sie ihm die in Kapitel 2 bereits berichteten

Mitteilungen über Verwundungen, die man ihr während der Verzückung

beigebracht hatte. Am folgenden Mittwoch kamen alle Beginen von

Stommeln zusammen und bereiteten den beiden Ordensbrüdern ein schönes

Mittagsmahl. Auch der Pfarrer Heinrich sowie Gerhard, der Sohn des

Vogtes, und der Schulmeister Johannes gehörten zu den Gästen. Nach

Tisch hielt Bruder Petrus einen Vortrag über die geistige Freude unter

Zugrundelegung der Schriftstelle: _Laetare Jerusalem_ (Freue dich,

Jerusalem) und im Laufe des Nachmittags kehrte er mit Bruder Folkwin

wieder nach Cöln zurück.

„Zum dritten Male,“ schreibt Petrus, „ging ich nach Stommeln am Tage

der elftausend Jungfrauen, als ich auf der Rückreise in meine Provinz

begriffen war. Auf den folgenden Tag lud uns der Herr Pfarrer und

seine Schwester, Frau Benigna, die nach Kleid und Wandel eine Begine

war, zu Tische. Da nun bei Tische die Rede auf die Reliquien kam,

die ich zu Cöln erhalten, und Benigna meine Hochachtung und Verehrung

gegen Reliquien bemerkte, sagte sie: „Hätte ich das gewußt, so hätte

ich Euch gerne das Haupt einer Jungfrau geschenkt, das ich zu Cöln

habe.“ Als ich darauf erwiderte, ich möchte es mir gerne ausbitten,

sagte sie: „Ich würde es Euch mit Freuden geben, wenn ich wüßte, wie

Ihr es bekommen könntet.“ Daraufhin sprach der Herr Pfarrer: „Ehe

er dieses Hauptes entbehren soll, gehe ich selber lieber zu Fuß nach

Cöln und hole es.“ Und das tat er auch wirklich. Am folgenden Morgen

machte er sich in der Frühe auf und noch vor der Abenddämmerung war er

wieder zurück und trug jenes Haupt am Halse. Mit größter Freude nahm

ich dasselbe entgegen und habe es von Stommeln bis Lübeck am Halse

getragen, wodurch mir sehr oft große Süßigkeit des Herzens bescheert

wurde.

Abends vor dem Tage der Abreise erhielt Christina, als sie die Vesper

betete und unsere Reise Gott anbefahl, eine große Tröstung, die sich

in ihrem Aeußern offenbarte. Sie war nämlich bei der Abendmahlzeit

munterer als gewöhnlich. Als ich sie nun nach dem Essen nach dem

Grunde ihrer Munterkeit fragte, sagte sie: „Seit zwei Tagen war ich

niedergeschlagener Stimmung wegen Euerer Abreise. Als ich nun vorhin

unter dem Baume die Vesper betete und Euch in großer Betrübnis des

Herzens Gott anbefahl, sprach der Herr zu mir: „Sei ohne Sorge. Ich

war mit Bruder Petrus, als er hierher kam; ich werde auch auf der

Rückreise sein Führer sein.“ Auch sagte er: „In mir habe ich Euere

gegenseitige Liebe gegründet und ich werde sie auch in mir erhalten.“

Diese Worte gaben mir Veranlassung, von der Süßigkeit der göttlichen

Liebe zu reden. Christina wurde darob derart gerührt, daß sie wegging,

vollständig entrückt wurde und starr und regungslos dalag. Am andern

Morgen, dem Tage der hh. Krispin und Krispinian (25. Oktober), lasen

wir Messe, frühstückten und darauf hielt ich eine Ansprache über die

Schriftstelle: _Convertere anima mea in requiem tuam, quia dominus

benefecit tibi_ (Kehre in deine Ruhe ein, meine Seele, denn der Herr

hat dir Gutes erwiesen). Hierauf nahmen wir Abschied von Christina und

von denen, die bei ihr waren, empfahlen uns einander dem Herrn und so

reisten wir ab. So endete der fünfzehnte Besuch im Jahre 1279.“

Fünfzehntes Kapitel.

Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280.

Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit

seinem Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck,

schrieb von da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging

am 26. November zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen

furchtbaren Sturm, landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in

Kalmar, woselbst er im Dominikanerkloster überwinterte und an Christina

sowohl, wie an Magister Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb.

Im Briefe an Christina setzt Petrus auseinander, daß er Christina

um Christi willen liebe. „Möge die Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten,

verkleinern, zürnen und abraten, so werde ich doch die Braut meines

Herrn aus Herzensgrund lieben -- wegen des Bräutigams selbst.“ Grund

der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem Petrus Wegweiserin

und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu lieben und feiner

zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin nach der Insel

Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der Geburtsstadt

des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters an und

schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem er

unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln

erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er

dem Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist

das erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm

nämlich bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.

Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt

Petrus auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (_Aslonia_) einen

ausführlichen Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag

vor St. Urbanus (24. Mai) geschrieben hatte. Aus demselben ersehen

wir, daß Christina im Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens

heimgesucht wurde und zudem, wenn auch nicht in körperlicher Weise,

ganz neue teuflische Quälereien zu erleiden hatte. In der zweiten

Adventswoche wurde sie im Geiste in bitterster Kälte hingeschleppt

über hartgefrorene Erdschollen, durch Dorngestrüpp und Hecken

hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort verhöhnt, durch

Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich an einen Baum

aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte sich bis

zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der

Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und

fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben

ihr Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas

Beschämung alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina

wirklich zum Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer

Qual und ihrer Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall

war. Es erging der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso

wie der h. Teresia, als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde.

„Es war dies,“ sagt Sankt Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern

ein geistiger, wiewohl auch der Leib und zwar in nicht geringem Maße

an demselben teilnahm.“ In der Nacht vor dem h. Abend erhielt die

durch den Advent hindurch fortgesetzte Folter ihre Krönung durch die

Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht, sondern empfahl sich dem,

der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor Tagesanbruch hörten alle

Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl, gestanden, daß alles,

was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen, und als Christina ihnen

im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden sie unter großem

Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb Christina in

Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis sie in der

h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet so schnell

in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle hinter

dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank und

dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor Wonne

und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche

Nahrung zu sich zu nehmen.

Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute

sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer

Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß

wurde sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu

unterlassen, weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres

Leben beginnen müsse. „Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“

antwortete Christina den Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich

zum wahren Leben, das Christus ist, bekehre.“ -- Enttäuscht begannen

nun die Versucher Christina zu quälen, indem sie dieselbe mit Haken

zerfleischten. Christina achtete dies alles gering, ging, wiewohl ihre

Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion und wurde alsbald entrückt.

Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der

Heiland, der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner

Aehnlichkeit aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage

bis zum Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die

Sünden der Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am

ersten Fastensonntage aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen

wurden, um am Orte der Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten,

und erst am Gründonnerstage wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen

Zulaß erhielten, so wurde Christina in genannter Zeit der tröstlichen

Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich beraubt und ihre Seelenfreude

in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie war wie ausgeschlossen aus

dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ sie nichts von ihrem

Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit mannhafter Stärke

gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten sich vom zweiten

Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst der Finsternis

liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In Gestalt der

beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen schenkte, des

Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif, kamen zwei böse

Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei Behauptungen,

suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen und rieten

ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei Anbruch

des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder

in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr

Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nacht wieder, brachten

immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft

blieb und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält.

Bald war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das

sie vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt,

dann mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit

Lanzen zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion,

empfing aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen

Heimsuchungen der 87. Psalm: „_Domine Deus salutis meae._ Herr, Gott

meines Heiles, Tag und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so

recht ihre Verlassenheit und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht

mehr war in dieser Zeit der Name des himmlischen Bräutigams auf ihren

Lippen; sie nannte ihn nur ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen

und Unterredungen und Gebete Christinas waren während dieser ganzen

Fastenzeit nur ein Widerhall dessen, was in der h. Messe oder im

kirchlichen Stundengebet aus den Propheten oder Evangelien über das

Leiden des Herrn gelesen wurde. Am Morgen des Gründonnerstages, dem

Ende der Bußzeit, wurde Christina in der Verzückung wiederum ins

himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt Vergebung der Sünden,

wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt und mit seliger Wonne

erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum Karsamstage sonderte

sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen ab und zog sich

in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr am Karfreitag

erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an Christina.

Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich, das Herz

schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie eine

entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten,

wie groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns

zu sterben. Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische

Seligkeit hervor, ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr

ganzes Aeußere war wie verklärt. Sie war mit Christus auferstanden.

Fröhlich und jubelnd ging sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h.

Kommunion, wurde alsbald entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.

In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische

des Herrn, hatte aber in der vorhergehenden Nacht Störung im Gebete

verbunden mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.

Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister

Johannes das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen

größtenteils entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den

Petrus, er möge für Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob-

und Dankopfer darbringen und auch das versprochene Buch ihr baldigst

zugehen lassen. Gemeint ist die Fortsetzung des ersten Buches der

Jülicher Handschrift, in dem Petrus, ohne Christina mit Namen zu

nennen, im Anschluß an dreiundvierzig, in leoninische Hexameter

gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze das Ideal einer gottseligen

Jungfrau schildert, unter anderem ihre Züchtigkeit im Blick, ihre

Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im Werke, die Innigkeit ihrer

Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre Enthaltsamkeit im Genusse

von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im ganzen Benehmen hervorhebt

und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe und Triumphe feiert.

Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von

Petrus erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat

sich dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und

mit solcher Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug

wundern konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie

etwas gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den

Sinn, daß von ihr selbst im Buche die Rede war.

Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues

Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das

verschiedene Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält,

vornehmlich aber die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den

Dominikanerorden bezweckte.

Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi

Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb,

um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und

Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber

dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister

Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine

Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährende Fenster

und beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt

unseres Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt,

verkostete einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte

im Seelenjubel gar oft den Vers des Psalmes: _Ascendit deus in

iubilatione_ -- Der Herr ist aufgefahren unter Jubelsang. -- Dem Briefe

des Magisters Johannes fügte Christina am Schlusse folgende Bitte bei:

Die selige Christina von Stommeln · 第 11 / 17 段