So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere

besondere Sorgfalt angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr

sagt, Euer einziges Pflegekind bin. Teuerster, wie groß

mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag ich nicht

zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist

es, daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben

kann, wie ich gern wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht

mehr wie ehedem, als Ihr nebst Bruder Aldebrandino mit

mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel Tröstliches

gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für

mich allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch

recht sehr für Euere mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen

zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr angestrengt und

mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum[43] danke

ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur

an Festtagen an; denn ich möchte, so Gott will, ihn mein

ganzes Leben lang tragen. Ach! Teuerster, was fehlte mir,

als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine Furcht; und

Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude

und meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach

der guten Seite hin ausgelegt als wahrer Freund, der meine

Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich lege

mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen nicht

finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste

Pein erachte ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid

wie einer, der verbannt ist ohne Hoffnung auf Rückkehr.

[43] Es ist wohl das mit Reliquien umkränzte, zweiteilige

Gebetstäfelchen (Diptychon) gemeint, das noch im Grabmale

Christinas in Jülich aufbewahrt wird.

Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer

Euretwegen besorgt wegen der Witterung, der Beschwernis

und Weite des Weges, ob Unfall Euch etwa getroffen, ob Ihr

gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs gefunden;

und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche

Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch,

daß Ihr mir recht viele Freunde anwerben wollet, die für

mich bei Gott Fürsprache einlegen. Besorget mir auch,

wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund, der

nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies

beschwöre ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten

die von mir ersehnte Gnade zu erwirken, daß er mich nach

Euerem Heimgange nicht länger möge leben lassen, sonder

vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern

Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins

Himmelreich. Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch,

daß Ihr, wofern es immer möglich ist, in Anbetracht unserer

gegenseitigen Liebe und Freundschaft, mich Unwürdige

vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil

ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu

offenbaren habe, was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn

Ihr irgendeinen Wunsch habt, so lasset ihn mich wissen;

denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche zu erfüllen.

Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch,

Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den

Schreiber dieses Briefes.“

Mit diesem Briefe Christinas gelangte gleichzeitig ein anderes

Schreiben von ihr an Petrus, das über neue Versuchungen berichtet.

Christinas Trauer und Niedergeschlagenheit über des Petrus Abreise

benutzte Satan dazu, um sie zu versuchen, dem Ordensleben zu

entsagen. Ihr Herzeleid und ihre Trostlosigkeit klagt sie dem Petrus

folgendermaßen:

„Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern

Freunde, dem Bruder Petrus aus dem Predigerorden,

Lesemeister in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln

alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe wünschen

mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach

Euerem Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz

vor Allerheiligen (1270) der Dämon mich durch einen

bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch Gottes

Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir,

mich bei den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er

schließlich auch ins Werk und zog mich an den Haaren über

die Decke, den Dachboden meiner Kammer, die Ihr kennt,

und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor

dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der

Hilla das Kleid und verletzte ihren Rücken. Als ich aber

über meiner Kammer lag, fuchtelte er mit dem Schwerte, wie

alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein Vater zum

Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte

bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er

aber eintrat, sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein

Schwert einhersauste, Hände aber sah er nicht. Als er nun

eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen, wurde er daran

gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den

Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange

das Schwert hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in

die Stange hinein. Endlich als mein Herr Pfarrer beherzt

heraufkommen wollte, ließ der Dämon das Schwert fallen und

so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder

Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon

und schlug mich aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt

desselben Bruders und sprach. „Teuerste Tochter, ich habe

dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis will ich mit

dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt

Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine

Versuchungen offenbart, weil ich in dieselben einwilligen

möchte? Das empört mich. Ich glaubte, Ihr würdet mich

trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber sterben möchte,

als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese

Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde

aufschreien und ihn beschämen; denn er wußte nicht, daß

der Dämon die Sache angestiftet hatte. Im Advent (1270)

bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete

Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen

ganzen Körper so, daß ich beinahe erstickte und viele

Ordensleute mich nicht halten konnten. Zudem zog er mir

die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen, und sie

verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen

konnte. Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen

das Kreuzzeichen über meine Zunge machte, sprach ich: „Herr

Jesus Christus, wenn jemals diese Zunge dich würdig gelobt

hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie verlasse.“

Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage

lang stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde

in die Hand. Dem Bruder Johannes von Kreuzburg machte er

Schnitte in zwei Finger, und als derselbe Bruder einmal da

saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las, schlug ihn

der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm

das Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer.

Die Schwester des Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem

Laien hatte er den Daumen nahezu abgeschnitten.“

Diesem Briefe Christinas fügte der Pfarrer noch eine Nachschrift bei,

in der die Reihe der teuflischen Mißhandlungen ergänzt und erläutert

wird. Unter anderm erfahren wir, daß der Teufel, als er schließlich

am Vorabende vor Weihnachten abließ, Christina zu schütteln, sich

entfernte mit den Worten: „_=Louvelois scheindhof=_“ (schmähliche

Hofschinderin), mir ward Gewalt gegeben, Dich zu versuchen; doch mit

Schande weiche ich zurück und werde die verdiente Strafe empfangen.“

Auch meldet der Pfarrer, daß bald nach der Abreise des Petrus ein

Interdikt über die Gegend verhängt worden sei -- Erzbischof Engelbert

von Falkenburg war der Urheber dieser Maßregel -- Christina mußte

deshalb nach Brauweiler gehen, um die h. Kommunion zu empfangen. Die

Abtei Brauweiler unterlag nämlich nicht dem Interdikte. Wenn Christina

nun ausgehen wollte, um die hh. Sakramente zu empfangen, so drohte ihr

der Teufel, wenn sie nicht zu Hause bleibe, so werde er sie mit vielen

Plagen heimsuchen und dafür sorgen, daß sie beschämt werde. Als sie

nun einmal in der Kirche zu Brauweiler beim Prior gebeichtet hatte und

sich dann anschickte, zur h. Kommunion zu gehen, da riß ihr urplötzlich

der Teufel die Schuhe von den Füßen und zerfetzte sie; dann stieß er

sie mit dem Kopfe gegen die Mauer und zog ihr die Haut von den Füßen.

In diesem schmerzlichen Zustande ging sie zum Altare. Noch lange Zeit

nachher hatte sie Schmerzen an den Füßen.

Ein dritter Brief, den Bruder Petrus zu Aarhus von Christina erhielt,

gibt Kunde von weiteren Prüfungen, die sie betroffen, vom Verluste

mehrerer Freunde und von der Verarmung ihrer Eltern. Er ist gegen Ende

der Fastenzeit 1272 geschrieben und hat folgenden Wortlaut:

„Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus,

Lesemeister der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet

Christina von Stommeln Heil im wahren Heilande. Da ich

nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von meinem

Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen,

daß ich, was viele gesehen, beträchtliche Klumpen

geronnenen Blutes gespieen habe.

Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick

meiner Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß

der innigstgeliebte Herr Prior von Brauweiler nach Mariä

Himmelfahrt gestorben ist. In seiner Krankheit hat er sich

mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen, daß

ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch

gewünscht, ich möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn

betet. Ich bitte Euch deshalb, daß Ihr so seiner Seele

gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung es für

mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir

nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um

meinen Schmerz voll zu machen, ist dann auch noch Bruder

Gerhard vom Greif weggegangen. Er wurde nämlich als Prior

nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast alle meine

Freunde von mir geschieden.

Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden

und zumal meine Eltern, die ganz verarmten, weil mein

Vater in Folge einer Bürgschaft, die er zwischen Juden und

Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt hat. Da er

es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist

er für drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt

Euch denken, Teuerster, welche Betrübnis es für mich war,

als mein Vater, der mir soviel Gutes erwiesen, jeglichen

Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war, drängte

es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm

stände. Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich

herzlich geweint. Am Tage der unschuldigen Kinder mußte

meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu besuchen, fiel aber

vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde am

Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war

für mich eine neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war

und viele Auslagen hatte. Auch wurde sie von hochgradigem

Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die h. Oelung

erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie

nicht wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie

in dieser Heimsuchung in Cöln darnieder. Und so ging

ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen nach Cöln.

Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe

anziehen -- kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der

Teufel Bindweiden durch die Füße gezogen -- und so ging

ich denn barfuß nach Cöln bei größter Kälte und in großer

Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger Zeit nach

Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner.

Nichts mehr fand sich dort vor; ich war wie eine Arme und

Heimatlose und in gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald

dort Unterkunft suchen.

Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr

Leid mache ich mich gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge

treffen und den ganzen Tag über sehe ich der vollständigen

Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster,

bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in

Anbetracht der großen Notlage, in die ich gekommen bin,

auf daß Gott mich in diesen Prüfungen ohne Sünde erhalten

möge, mir unerachtet der Ablenkung seine Gnade nicht

entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude,

die niemand mir nehmen kann.

In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen

Brief schreibe, entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung

und der Freude am Gebet. Dabei werde ich von innerlichen

Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der Dämon,

wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne --

Christina hatte besondern Ekel vor Spinnen -- mir ins

Gesicht gekrochen und belästigt mich. An einem Finger

hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte, daß sie

mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals

bitte ich Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt,

mich besuchen; denn ich bedarf Eueres Rates und möchte

Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn Jesus

Christus.“

Am Karfreitage (22. April) des Jahres 1272 empfing Christina die

fünf Wunden wie in den früheren Jahren und am h. Ostertag genoß sie

überreichlichen Trostes. Auch verschwanden an diesem Tage die Narben

der Wundmale, worüber sie sich sehr freute. Vor Maria Himmelfahrt war

ihr längere Zeit hindurch jegliche Tröstung entzogen und es war ihr,

als ob Gott ihr niemals eine Gunsterweisung erzeigt hätte. Am Tage des

h. Laurentius begann der Teufel morgens ihr besonders heftig zuzusetzen

und in der folgenden Nacht versengte er ihr die Haare, so daß der

Geruch davon sich durchs ganze Haus verbreitete. Dann stieß er ihr ein

glühendes Eisen in den Rachen, zog es aber wieder heraus, und stieß es

ihr dann in die Eingeweide. Das verursachte ihr unaussprechliche Qual.

Sie hatte sich aber vorgenommen, am folgenden Tage zur h. Kommunion zu

gehen und sie sprach deshalb: „Ich sage Dir, Dämon, daß ich vorhabe,

morgen meinen Geliebten zu empfangen.“ Der Dämon antwortete, indem er

einen Dolch hervorzog: „Wenn Du das tust, so steche ich Dich in die

Zunge und vereitle Dein Vorhaben.“ Und da sie von ihrem Vorhaben nicht

abließ, stieß der Teufel sie wirklich mit dem Dolch in die Zunge und

ließ ihn darin stecken. Als sie morgens zur Kirche kam, floß das Blut

noch aus dem Munde.

Am Feste Mariä Himmelfahrt oder tags darauf diktierte Christina dem

Pfarrer Johannes ein kurzes Schreiben, das Petrus zugleich mit den drei

vorhin mitgeteilten zu Aarhus erhielt. Es bringt inhaltlich nichts

Neues, enthält vielmehr Wiederholungen, ist aber bezeichnend für den

Zustand des Verlorenseins, der Christina beim Diktieren überraschte.

Sie geriet nämlich beim Diktieren in Verzückung. Das Briefchen lautet

wie folgt:

„Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem

Bruder Petrus, Lesemeister in Skeninge, wünscht seine

Tochter Christina immerwährende geistige Teilnahme am

himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung zum

Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung.

Oefters habt Ihr mir vorgehalten, daß ich Euch nicht

schriebe; in letzter Zeit aber habe ich Euch vier Briefe

geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt werden

sollten -- ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt.

In diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das,

was mir der Dämon nach Euerem Weggang angetan hat, und

auch solches, was meine Freunde betrifft. Und weil ich

Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft Ihr Euch

versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde,

wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was

mir bis zum Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben.

In der Fastenzeit kam, wenn ich betete, regelmäßig der

Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte mich, soviel

er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein

treuer Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein

Vertrauen auf Euch und ich verlange mehr nach Euerem

Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem Tode zuteil

werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester

Freund, gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue

und betet für meine Eltern, die sich in größter Trübsal

befinden.“ --

Dann fügt der Pfarrer Johannes bei: „Soeben, als sie den Brief

diktierte, vermochte sie nicht weiter zu reden, weil sie sich in

fortwährendem Jubel befand.“

Petrus tröstete Christina in einem herzlichen Antwortschreiben, indem

er sie hinweist auf die Herrlichkeit des Himmels, in der er mit ihr in

ewiger Seligkeit zusammen zu sein hoffe. Auch Bruder Mauritius schickte

von Paris ein Trostschreiben. Er habe, sagte er, ein so herzliches

Mitleiden mit ihr, je schwächer das weibliche Geschlecht sei, um dem

Ansturm solcher Leiden gegenüber standzuhalten. „Doch, fügt er hinzu,

da ich Euch als ein in Drangsalen starkmütiges Weib erkannt habe, so

hoffe ich zum Herrn, der die Stärke jener ist, so auf ihn vertrauen,

daß er Euch Standhaftigkeit und Kraft von oben verleihe, um auszuharren

bis zum guten Ende.“

Bruder Petrus wurde unterdessen nach Strengnäs im Södermanland

versetzt, wo er wie in Skeninge das Amt eines Lesemeisters bekleidete.

Von dort schrieb er mehrere Male an Christina; teilte ihr unter anderem

mit, daß auch in dortiger Gegend Gott ihn durch einige gottgeweihte

Jungfrauen erfreut habe, von denen einige das Ordenskleid des h.

Dominikus trügen, andere das der Beginen angelegt hätten. Eine von

diesen komme Freitags in Verzückung und erhalte zuweilen die fünf

Wunden. Die meiste Zeit bringe sie im Gebete und in der Betrachtung

zu und dazu sei sie bemüht, Almosen zu geben und den Armen zu dienen.

Diese begnadete Jungfrau habe eine innige Liebe zu Christina, nenne

sie ihre Schwester und wünsche, sie kennen zu lernen und womöglich

mit ihr zusammenzuleben. Auch habe sie ihm Einiges, was in Christinas

Briefen enthalten war, lange vorher offenbart. „Wundert Euch nicht, so

schließt Petrus seinen Brief, daß ich Euch seltener schreibe; denn ich

habe nicht oft Gelegenheit, einen Brief abzuschicken, weil ich tief

ins Land hinein wohne, von wo aus selten Reisende und niemals Kaufleute

hinausreisen. Meine geistliche Tochter, die ich Euere Schwester genannt

habe, bittet mich, Euch ihrerseits zu grüßen ... Ich empfehle Euch die

Seelen meiner beiden leiblichen Brüder, die nach meiner Rückkehr beide

in einem Jahre gestorben sind. Grüßet alle unsere Freunde, insbesondere

den Herrn Pfarrer, Euren Vater und Euere Mutter, alle Schwestern des

Namens Hilla, des Pfarrers Schwester Gertrud und die blinde Aleidis.

Betet für mich.“

Die Verarmung, die Christinas Eltern getroffen, dauerte fort. Von Gram

und Kummer getroffen, starb ihr Vater um das Jahr 1276. Im folgenden

Jahre gegen Peter und Paul starb auch Christinas geistiger Vater und

besonderer Wohltäter, Pfarrer Johannes von Stommeln, der bisher ihre

Briefe geschrieben. Bruder Nikolaus von Westeräs (_Westra-aros_)

überbrachte die Trauerbotschaft dem Bruder Petrus nach Strengnäs. In

einem Schreiben vom Tage nach dem Feste des h. Dionysius (10. Oktober)

ersuchte dann Petrus Christina, ihm baldigst Mitteilung über ihren

Zustand zu machen. Bruder Laurentius könne ihr als Schreiber dienen.

Dieser Bruder Laurentius war gebürtig aus Swealand, dem mittlern

Teil Schwedens, in dem Skeninge gelegen war, und studierte damals

in Cöln. An ihn schrieb nun Petrus, er möge der Christina seinen an

sie gerichteten Brief verdolmetschen und auch die an ihn gerichteten

Briefe Christinas schreiben. Da Petrus keine direkte Gelegenheit nach

Cöln hatte, so gab er die Briefe dem Bruder Olaw aus Skara mit, der im

Herbste 1277 nach Paris ging. Von Paris nun brachte Bruder Helinrich

diese Briefe im folgenden Jahre Freitags nach Margaretentag, also

am 15. Juli, nach Cöln. Tags darauf schickte Bruder Laurentius ein

Briefchen nach Stommeln, um Christina zu melden, daß ein Brief von

Bruder Petrus für sie angekommen sei und er den Auftrag habe, diesen

ihr persönlich zu verdolmetschen. Es sei jetzt auch Gelegenheit

gegeben, ein Antwortschreiben an Bruder Petrus nach Schweden abgehen

zu lassen, was vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr der Fall

sein werde. „Christina kam, so schreibt Bruder Laurentius, gleich

am folgenden Tage mit ihrer Nichte Hilla nach Cöln, obgleich sie die

Arbeit stehen lassen mußte, da es die Zeit der Ernte war. Euern Brief

übersetzte ich ihr, so gut ich konnte. Mit welcher Rührung sie ihn

entgegennahm, zeigten die Tränen, die sie reichlich vergoß.“

Als Christina den Brief des Bruders Petrus vernommen, diktierte sie

allsogleich dem Bruder Laurentius das Antwortschreiben, wie folgt:

„Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem

verehrungswürdigsten und liebevollsten, entbietet die

geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten sich selbst und

wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann als

Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen

Bruders Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und

volleres Verständnis von ihm erhalten, da ist nach dem

Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen Güter und nach

schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich

wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken

lassen, begann wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude

ich diesen Brief meines geliebtesten Vaters vernommen, mit

welcher Hurtigkeit ich unerachtet körperlicher Ermüdung

und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme herbeigeeilt

bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges

Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von

demjenigen, dessen persönliche Gegenwart so viel Liebes

hatte, für mich etwas Erfreuliches war. Mein Geist

wurde mit süßer Wonne erfüllt und die Qualen, die der

menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines

Mädchens, schier unerträglich vorkamen, wurden gelindert.

Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht,

ist gar traurig und verwirrt und das gerade Gegenteil

von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die Gottes mächtige

Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich

dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser

Hof ist in fremde Hände als Besitztum übergegangen. Das

große Haus, in dem wir bisher noch immer wohnten, war

vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr für

die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs

in der Lage, es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich

keinen Freund mehr, der uns beistehen oder auch nur trösten

könnte.

Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen

von meinem Widersacher. Neulich hat er mir mit einer

Zange zwei Backenzähne in grausamer Weise ausgerissen[44].

Von andern unzähligen Trübsalen, die ich erlitten, kann

ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa eine

mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange.

Das aber ist mir härter als alles, daß ich in unserm

Dorfe, wo ich wohne wie früher, niemanden habe, dem

ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge zu

erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem

Herzen vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der

die Herzen durchforscht, den ich auch mit gutem Gewissen

zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich, wäre mir in diesem

Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses

offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß

ich nicht. Denn zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so

getreulich anbietet, möchte ich auf keine Weise versuchen.

Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit Euch mündlich

die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig

Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam

halten solltet. Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen

jener, „der die Hoffnung der Verzagten ist und der große

Tröster in der Qual“.[45] Lebet wohl, liebster Vater, mein

einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die

Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals:

Lebet wohl!“

[44] Die Spuren davon sind noch am Schädel der seligen Christina

erkennbar. Siehe S. 37.

[45] In der lateinischen Urschrift lautet die Stelle: _qui est

spes desolatis magnaque consolatio in tormentis_. Sie ist dem

Osterhymnus der Cölner Kirche entnommen. Coll. Rit. S. 73.

Die selige Christina von Stommeln · 第 10 / 17 段