Seit jener Zeit bis Weihnachten hatte ich fortwährend zu

leiden, was mir sonst niemals widerfahren ist. Es stiegen

nämlich in meinem Herzen ohne Unterlaß Gedanken auf über

Gott, als ob er gerade so sei wie ein anderer Mensch.

-- Diese Plage darf kein anderer wissen, als Ihr allein.

-- Aus dieser Vorstellung entstanden dann wieder andere

Gedanken, so daß es mir vorkam, mein Geliebter sei meiner

nicht würdig. Und doch war mir dieses überaus widerwärtig

und betrübte mich über die Maßen. Er wollte nämlich, daß

mein Herz ihm fluche und seinen heiligen Namen lästere.

Mehrere, auch einige von Eueren Ordensbrüdern, haben ja

gehört, wie der Dämon deutlich aus meinem Munde heraus

wider Gott redete. Und hierbei kam mir mein Bräutigam, der

mir soviel Gutes erwiesen hat, vor, wie ein Nichtswürdiger,

der voller Eifersucht ist. Im Widerstande gegen diese

Versuchungen habe ich derart gelitten, daß mir Blut aus

Mund und Nase hervordrang. Bei der Kommunion ging es mir

gerade so. Welche Bitterkeit mir das verursachte, könnt

Ihr Euch denken. Ich klage Euch das als meinem getreuen

Beistande. Bestürzung befiel mich auch bei der Erinnerung

an meine früheren Beziehungen zu meinem Bräutigam, und

daß an Stelle von Tröstung und Freude nunmehr gänzliche

Bitterkeit mein Anteil sei. Eine andere Versuchung betraf

meinen Herrn Pfarrer. Was immer er tat, mochte er nun meine

Beichte hören oder mir den Leib des Herrn reichen, nichts

von dem, woran ich doch früher soviele Freude hatte, gefiel

mir, und er selbst kam mir vor wie ein Nichtswürdiger. Zu

alle dem hatte ich noch eine Versuchung, die ich weder

dem Herrn Pfarrer noch einem andern Menschen offenbaren

konnte. Ihr wollet ihrethalben, wie ich vertraue, zu Gott

für mich beten.

Mit meinen äußern Leiden verhielt es sich folgendermaßen:

Gleich nach dem ersten Adventssonntage kam der Dämon und

warf die Türe meines Kämmerleins so ins Haus hinein, daß

diejenigen, die darin waren, meinten, das Haus stürze ein.

Hierauf brachte er einen Totenkopf, warf denselben hin und

her und grinste mich aus seinen Augen heraus schrecklich

an. Dann warf er denselben der Schwester des Pfarrers,

Gertrud, an den Kopf und unserm Knechte in die Seite, band

ihm dann denselben an den Hals und ließ ihn schließlich

bei uns liegen. Fast die ganze Pfarre kam hierüber in

Aufregung.

Später warf er mit fürchterlichen Steinen meinem

geliebten Vater nach dem Kopfe und brachte ihm zwei Wunden

am Arme bei. Gertrud, des Pfarrers Schwester, verwundete

er schrecklich an der Stirne. Eine Jüdin, die gerade

hinzukam, nichts nach ihm fragte und sagte, er würde sich

nicht unterstehen, ihr so etwas anzutun, warf er mit einem

schweren Stein an den Kopf. Es tat mir wehe, daß er Leute

meines näheren Bekanntenkreises so verletzte. Später warf

er einen großen Stein zwischen die beiden Brüder Heinrich

von Bedburg und Nikolaus. Dem Prior von Brauweiler biß

er elf Wunden in die Hand. Auch dem Bruder Johannes von

Muffendorf brachte er eine große Wunde bei. Den Pfarrer

biß er in die Hand. Einem andern Mönche[41] brachte er

fünf Bißwunden bei. Auch biß er eine Begine aus Brauweiler

und Eueren Sohn Adolf, den Scholaren des Herrn Dechanten

der Cölner Domkirche. Auch an mich machte er sich heran,

warf mir mit einem Steine nach dem Kopfe, und verwundete

mich so am Kopfe viermal, nach den Knien sechsmal, wobei

er mich einmal verwundete, fünfmal auf den Rücken, und

kratzte mich neulich wund am Knie mit der Scherbe eines

Trinkkruges. Endlich warf er mich mit einem vierpfündigen

Steine zwischen die Schultern, so daß ich Blut spie, mit

fünferlei andern Steinen und mit Tierknochen. Fünfmal

schnürte er mir in Gegenwart von Knaben die Finger und

Fußgelenke so fest zusammen, daß Blut floß. Auch preßte

er mir wie mit eiserner Hand die Zehen derartig zusammen,

daß unter den Nägeln das Blut hervorquoll. Desgleichen

preßte er meinen Arm so, daß er ihn beinahe verrenkte. Eine

besondere Plage, welche die ganze Adventszeit hindurch

andauerte, bestand darin, daß er mir ungezählte Wunden

in den Rücken biß und immer wieder mit den Zähnen in die

Wunden einhackte, so daß das Blut von den Seiten und vom

Rücken herabfloß. Auch biß er mich derartig in die Füße,

daß die beiden Zahnreihen unter der Haut aufeinanderkamen.

Er tat das mit aufgesperrtem Maule, und zwar so, daß er

den Biß in die Fersen und Fußgelenke wiederholte. Jene,

die das Blut fließen sahen, konnten sich des Weinens nicht

enthalten.

[41] Er war aus dem Kloster Quinheim.

In der letzten Woche brachte er eine geschundene Katze,

drückte sie mir mit Gewalt in den Mund und ließ sie darin

stecken. Am folgenden Tage steckte er mir den Kopf einer

Katze in den Mund, und mein Mund wurde dabei so voll Blut,

daß die Umhersitzenden dasselbe herausfließen sahen. Auch

stopfte er mir Fleisch von Thieräsern in den Mund. Er stieß

mich mit den Füßen so gegen einen Sessel, daß man diesen

nicht losbekommen konnte. Im Beisein der Brüder verbrannte

er mein Oberkleid am Rücken und lies ein kleines Stück

daran am Halse übrig. Auch mein Unterkleid verbrannte

und zerriß er. Mein besseres Unterkleid nahm er mir im

Beisein anderer weg, als ich es auszog. Er goß mir auch

unsichtbaren Schwefel in den Mund, so daß ich nur solchen

Geschmack im Munde hatte. Etwas wie eine Flamme erschien

mir die ganze Nacht hindurch und es kam mir vor, als ob

er sie mir in den Mund brächte. Zuweilen zeigte er sich

als Ungeheuer mit fürchterlichen Zähnen und tat, als ob er

mich verschlingen wollte. Stimmen ließen sich vernehmen

wie die eines Ochsen und eines Schafes, was mir großen

Schrecken einjagte. Oefters führte er hohe Gespräche über

Glaubenssachen und führte dabei Schriftstellen an. Doch

es gebricht mir die Zeit, Euch alles zu schreiben.

Teuerster, Ihr könnt Euch nicht denken, welche Qual mir

dies alles verursacht hat, zumal ich Euch, meinen allezeit

getreuen Helfer, in meinen Leiden nicht bei mir hatte.

Unzählige Tränen vergieße ich bei der Erinnerung an Euere

Güte, Euer Mitleid und Euern hülfreichen Beistand. Wiederum

muß ich Euch die Abwesenheit meines Geliebten klagen; denn

ich kenne keinen Menschen, der mich in dieser Bitterkeit

so versteht, wie Ihr. Doch beginnt der helle Tag in etwa

zu leuchten.

Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die

andern Geschenke, die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt,

daß Ihr alles, was für mich gut ist, zur Ausführung bringt.

Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch Vertrauen

schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für

meinen Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie

es mir im Herzen ist, das vermag ich nicht wegen meiner

Euch bekannten Scheu.“

Der Pfarrer Johannes, der Christinas Brief geschrieben, fügte demselben

folgende Nachschrift bei:

„Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen

entgegen zu nehmen: Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß

Euere Tochter Christina am Vorabende von Weihnachten

glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler --

es waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein

Gefährte, der Prior von Brauweiler mit seinen Begleitern

und noch mehrere andere -- rief der Dämon laut und allen

vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er

heiße „Schütterich“ (_scutericht_). Auch von den andern

Versuchungen ward sie befreit und die Gnade Gottes ist

reichlich zu ihr zurückgekehrt.“

Drei Tage vor Lichtmeß, mithin am 30. Januar 1270, erhielt Petrus

vorstehenden Brief Christinas. Er antwortete ihr in mehreren Briefen,

die einzelne in Christinas Brief angeklungene Fragen des geistigen

Lebens behandeln, nämlich das Unvermögen, vollständig das Empfinden

wiedergeben zu können, die Abwesenheit des Geliebten, den Anbruch des

Tages u. dgl. Er bittet Christina, ihm in einem Quatern, d. h. einem

Hefte von vier Pergamentblättern in Folio, eingehendere Mitteilung über

ihren Zustand zu machen. In der Fastenzeit sandte dann Christina dem

Petrus folgendes Schreiben:

„Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von

Dazien in Paris entbietet Christina, seine Tochter oder

Schwester[42] in Stommeln, Gruß und was immer er gutes und

nützliches sich wünschen mag. Teuerster, gar sehr bin ich

um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon öfters

geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch

nochmals zu wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach

Eurer Gegenwart habe, die für mich so vorteilhaft war, wie

sehr ich Euch =im Herzen Jesu Christi= liebe und wie ich

danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche unseres

Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo

möglich, so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln

aufhaltet. Dann kann ich Euch auch nicht genug danken für

die Tröstung, die Ihr mir durch Euere Briefe bereitet habt

und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch ewig

vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch

anbelangt, ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß

geben und das Betreffende in einem Quatern aufzeichnen, so

habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche nach Möglichkeit

zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst

niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen

machen. Mein Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen,

daß ihr meine Mitteilungen Euerer Gepflogenheit gemäß

sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudem bitte

ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele

Fürbitter verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete,

worauf ich Vertrauen setze, zu Hülfe kommen. Denn ich bin

in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde ich schweres

Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger leben

könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß

es mir scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten

ein besseres Leben. Auch verzweifle ich an Gott, obschon

mir das zuwider ist. Das alles verursacht mir größere

Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes

Hülfe kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch

Nase und Mund Blut hervordringt. An nichts Gutem habe ich

mehr Freude. Habet doch Mitleiden mit mir! Ich fühle mich

schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite und am

Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom

Dämon keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit

(2. Fastensonntag) kam eine Menge von Dämonen in mein

Kämmerlein und hielten ein Gespräch, wobei ich anfänglich

zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel Uebles sie

mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden

hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und

welche Strafe sie dann erlitten. Als sie endlich weggingen,

ließen sie die Fetzen meines Obergewandes zurück, das sie

verbrannt hatten.

[42] In seinen Briefen hatte Petrus Christina bald als Tochter, bald

als Schwester angeredet. Den Titel „Schwester“ gab er ihr wohl in

Folge des oben erwähnten Verbrüderungsbriefes.

Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter

wissen, wie es Euch geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude

mir Euere Briefe machen, würdet Ihr mir gerne schreiben.

Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte

Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“

Diesen Brief erhielt Bruder Petrus am Tage des h. Petrus von Mailand

(29. April) zugleich mit einem ganz kurzen Schreiben des Pfarrers

Johannes. Dieser machte noch, jedoch ohne Vorwissen Christinas,

Mitteilung davon, daß sie am Sonntag Reminiscere (2. Fastensonntag),

während Bruder Gerhard vom Greif vom Leiden des Herrn predigte, die

fünf Wunden sowie die Dornenkrone empfing und mit Galle getränkt

wurde. Am Karfreitag erschienen desgleichen an ihren Händen und Füßen,

sowie an der Seite und Stirne die Wundmale wie in den vorhergehenden

Jahren. Vor Pfingsten hatte Christina drei Nächte nacheinander ein

merkwürdiges Gesicht. Sie schaute und gewahrte alle Peinen der Hölle:

Heulen und Weinen, Hammerschläge, Qual der Hitze und der Kälte, Kröten

und Schlangen, Gestank und Qualm und viele andere, die sich mit Worten

nicht ausdrücken lassen. Infolge dieses Gesichtes überfiel sie eine

große Angst wegen ihrer Sünden, da sie sah, welch unerträgliche Qualen

in der Hölle und im Fegfeuer den Menschen treffen wegen der Sünden,

die so bald vollbracht sind. Sie wünschte deshalb, sofern es dem

Willen Gottes entspreche, daß eine von den Schlangen, die sie gesehen,

sie quäle für ihre Sünden und sie reinige, damit sie so den Strafen

des Fegfeuers entgehe. Und in der Tat, die Schlange kam auf sie zu,

zischte ihr entgegen, ringelte sich um ihre Glieder und zernagte ihre

Eingeweide, so daß Christina aufschrie vor Angst und Schmerz. Zwei

Wochen dauerte diese furchtbare Qual. Dann verschwand die Schlange und

die seligste Jungfrau kam im Schlafe zu Christina mit einem Becher in

der Hand und sprach: „Nimm hin, Geliebteste, und trinke; dann wirst

du gesunden und aller Schmerz wird von dir weichen.“ Süßer als Honig

dünkte dieser Trunk der Schwergeprüften und drei Tage hindurch wich

dieser Geschmack nicht aus ihrem Munde.

Abb. 8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.

Zwölftes Kapitel.

Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris.

Bereits zu Ostern 1270 war nach Cöln die Kunde gekommen, Bruder

Petrus werde in Bälde aus Paris zurückkehren. Jedoch reiste er erst

am Sonntage nach dem Feste des h. Jakobus (27. Juli 1270), begleitet

von Bruder Nikolaus, von Paris ab und langte zwei Tage vor Maria

Himmelfahrt in Stommeln an. Tags darauf machte Petrus der Christina

einen kurzen Besuch. Es war ja der Vorabend des höchsten Marienfestes,

ein Fasttag, den Christina, wie alle ähnlichen Tage, in strengster

Zurückgezogenheit zuzubringen pflegte. Bruder Nikolaus drang darauf,

noch am selben Tage nach Cöln zu gehen, um dort mit den Brüdern das

Fest zu begehen. Bruder Hiddo jedoch, ein Ordensmann von hohem Ansehen,

der neun Jahre hindurch Provinzial der deutschen Provinz gewesen,

befand sich gerade in Stommeln. Er war Beichtvater und Ratgeber der

Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die auf ihrem Hofe in Stommeln

weilte, und Hiddo war deshalb zum Feste herübergekommen. Dieser

riet den beiden Brüdern, in Stommeln zu bleiben bis zum Nachmittage

des Festtages. Sie folgten dem Rate, übernachteten auf dem Hofe des

Cäcilienstiftes und gingen am Maria Himmelfahrtstage nach Tisch mit

Bruder Hiddo nach Cöln.

Christina hatte in ihrem letzten Briefe an Petrus diesem den Wunsch

ausgedrückt, er möge sich bei seiner Rückkehr aus Paris einige Zeit

in Cöln aufhalten. Als nun Petrus bei Christina am Vorabende vor Maria

Himmelfahrt vorgesprochen, hatte diese ihn gefragt, ob er sich in Cöln

aufhalten würde. „Nein,“ hatte Petrus geantwortet, „es müßte denn

ein unvorhergesehenes Hindernis eintreten.“ Christina hatte darauf

erwidert: „Möchtet Ihr doch durch irgend etwas genötigt werden, zu

bleiben.“ Als die beiden Brüder nun zwei Nächte in Cöln geschlafen und

Bruder Nikolaus, der für die Reise Vorgesetzter des Petrus gewesen

zu sein scheint, am darauffolgenden Tage unbedingt abreisen wollte,

wurde er in der Nacht von einem sehr heftigen Fieber ergriffen, das ihn

sieben Wochen lang ans Bett fesselte und fast an den Rand des Grabes

brachte. Während dieser Zeit kam Petrus eines Tages auf einige Stunden

nach Stommeln. Bruder Mauritius nämlich und Bruder Andreas von Esch

(_acsiensis_) mußten studienhalber nach Paris reisen. Sie gingen über

Stommeln und Petrus gab ihnen bis dahin das Geleit, mußte aber noch

am selben Tage nach Cöln zurück, um die Nacht hindurch wieder bei dem

kranken Gefährten Nikolaus sein zu können. In jenen Tagen kam Christina

einmal nach Cöln und während sie dort war, raubte ihr der Teufel acht

cölnische Schillinge (_solidi_), die sie dem Petrus geben wollte, damit

er sich dafür einen neuen Rock kaufen könne. Denn sie hatte gesehen,

daß er dessen sehr bedurfte. „Doch, schreibt Petrus, der Teufel störte

sich nicht an ihre Wohltätigkeit noch an meine Dürftigkeit.“

„Als aber Bruder Nikolaus, so fährt Petrus fort, wieder zu Kräften

gekommen war, ging ich ihm voraus nach Stommeln, um meine dortigen

Freunde zu besuchen, und als ich am Tage des h. Erzengels Michael

mich mit Christina über Gott und seine Liebe unterhielt, stellte sie

im Laufe des Gesprächs an mich die Frage: „Bruder Petrus, da du jetzt

von mir scheidest, so befrage ich dich über ein trautes Geheimnis:

sage nur, wenn du es weißt, was ist die Ursache unserer gegenseitigen

Liebe?“ Ich wurde stutzig und antwortete: „Ich glaube, daß Gott der

Bewirker und Urheber unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft

ist.“ Sie entgegnete: „Daran zweifle ich nicht; allein ich möchte

wissen, ob dir in dieser Hinsicht ein unzweifelhaftes Kennzeichen und

eine besondere Gnadenerweisung zuteil geworden ist.“ Ich suchte einer

Beantwortung auszuweichen, weil ich nicht die Unwahrheit sagen wollte,

und andererseits Vorwürfe des Gewissens fürchtete. -- Petrus hatte

nämlich am Christinatage des Jahres 1268 ein Malzeichen in der linken

Hand erhalten, das er sorgfältig geheim gehalten hatte. -- Christina

aber fuhr fort: „Ich weiß, daß die Zeit unserer Trennung und meiner

Verlassenheit ganz nahe bevorsteht. Deshalb offenbare ich dir ein

Geheimnis, das ich dir sonst nicht mitgeteilt haben würde. Erinnerst

du dich noch, wie du zuerst zu mir gekommen bist gegen Abend mit Bruder

Walter guten Angedenkens, wo ich dich zum ersten Male gesehen habe; ich

saß nicht weit von dir, hatte mich auf ein Kissen etwas angelehnt und

den Kopf geneigt?“ „Dessen erinnere ich mich,“ sagte ich. Sie aber fuhr

fort: „In jenem Augenblicke erschien mir der Herr, und ich sah meinen

Geliebten und ich hörte, wie er zu mir sprach: „Christina, kennst du

den Mann, der dort an der Seite sitzt, nach der du den Kopf hingeneigt

hast, und ist dir kund sein Loos?“ Ich antwortete: „Herr, diesen Mann

kenne ich nicht und sein Antlitz habe ich niemals gesehen.“ Da sprach

er weiter: „Betrachte diesen Mann genau; er ist dein Freund und wird

es auch fürderhin sein und er wird Vieles für dich tun. Aber auch du

sollst für ihn tun, was du für keinen andern Sterblichen tun wirst.

Wisse auch, daß er mit dir im ewigen Leben vereinigt sein wird.“ Das

nun, Bruder Petrus, ist die Ursache, weshalb ich dich liebe und weshalb

ich so vertraut gegen dich bin.“ Während Christina dies sprach, dankte

ich Gott unter Tränen, daß er mich zum Freunde einer solchen Person

hatte machen wollen und zum Mitwisser so großer göttlicher Geheimnisse.

Doch habe ich dies, was mir Gegenstand innigster Tröstung gewesen,

in meinem Herzen verborgen gehalten ... Ich hoffe aber durch Christi

Freundin Christina Verzeihung der Sünden und Gnade zur Ausübung guter

Werke zu erlangen. Am folgenden Tage, dem Tage des h. Hieronymus d. J.

1270, reisten Bruder Nikolaus und ich von Stommeln ab. Bruder Johannes

Hespe und Bruder Helinrich, Studierende aus der Provinz Dazien, wie

auch der Herr Pfarrer und seine Schwester Gertrud, Hilla vom Berge und

Christina nebst mehreren andern Personen begleiteten uns eine Strecke

Weges. Während ich nun mit Christina einherschritt, übergab sie mir

den Quatern, worin Einiges über ihren Zustand, das sie auf meinen

Wunsch hin hatte aufzeichnen lassen, enthalten ist. Dieser Quatern

ist meines Erachtens gemeint, wenn oben gesagt wurde, sie werde für

mich tun, was sie für keinen andern Sterblichen tun werde. Als wir

zwei nun des Weges gingen, der eine ebenso betrübt und traurig wie die

andere wegen der bevorstehenden Trennung, sprach ich endlich: „Teuerste

Christina, es ist Zeit Abschied zu nehmen. Lebe wohl im Herrn.“

Als sie das hörte, antwortete sie nicht, sondern verhüllte mit dem

Mantel ihr Gesicht, setzte sich auf die Erde und weinte reichlich und

bitterlich. Da ich sie so weinen sah, rief ich dem Bruder Nikolaus, der

etwas vorangegangen war, er möge zurückkommen, um sich von Christina

zu verabschieden, damit wir dann weiter reisen könnten. Als dieser

zurückkam, stand Christina auf. Wir verabschiedeten uns nun, empfahlen

uns einander ins Gebet und setzten dann die Reise fort. Bruder Nikolaus

aber schenkte der Christina seinen Rosenkranz, den er vier Jahre

hindurch getragen hatte. Er war nämlich durch Christinas Anblick, wie

er gestand, mit großer Verehrung gegen sie erfüllt worden. Als wir

weggegangen, setzte sich Christina wiederum auf die Erde, bedeckte ihr

Gesicht mit dem Mantel und weinte bitterlich.“

Dreizehntes Kapitel.

Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern

und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279.

Nach seinem Weggange von Stommeln blieb Bruder Petrus zwei Jahre lang

ohne Nachricht von Christina. Erst als er nach Aarhus in Jütland

zum Ordenskapitel kam, erhielt er mehrere Briefe von ihr, die aber

nacheinander zu verschiedenen Zeiten geschrieben waren. Durch Schreiben

des Bruders Mauritius aus Paris vom 15. Juni 1271 hatte Christina

erfahren, daß Petrus nach vielen Beschwerden am Freitage nach Mariä

Lichtmeß gesund und wohlbehalten in Skeninge angekommen war, dort

am Mittwoch nach dem Feste des h. Matthias sein Amt als Lesemeister

angetreten habe und wünsche, von ihr Nachricht zu erhalten.

Daraufhin schrieb dann Christina folgenden Brief:

„Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom

Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet die

besonders geliebte und ergebene Christina von Stommeln den

Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem Herzen,

im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze

und in der Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir

uns letzthin trennten, war ich so voller Betrübnis, daß

zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten, Tränen

zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des

Trostes entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden

pflegtet. Und so oft ich seitdem einen Bruder aus dem

Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich mein Schmerz über

Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch

bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause

gegangen, als eine von ihren treuen Freunden Verlassene.

Denn ich finde keinen, der mir so gesinnungsverwandt wäre,

der es so verstände, mit meinen Schwachheiten Mitleid zu

haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein

vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse

mehr als irgend einem Menschen auf Erden anvertraut haben,

wenn ich bei Euch hätte bleiben können. Ich stehe zwar zu

mehreren Brüdern in freundschaftlicher Beziehung; allein

sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr wißt,

weshalb.

Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt.

Dafür vermag ich Euch zeitlebens nicht hinlänglich

zu danken. Denn unter den unzähligen Beweisen Euerer

Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die

Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne

Tränen zu vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute,

und weil ich auch die Treue Euerer Liebe erkannte.

Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer

Abreise sagte mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf

der Reise von Räubern getötet worden.“ Zaghaft, wie ich

bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht Tage hindurch

über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott unter

Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist,

tue mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“

Darauf erschien mir im Traumgesicht die allerseligste

Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus lebt noch.

Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß

Du Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons

sollst Du keinen Glauben schenken.“

Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als

ob ich Euerer vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was

ich versprochen, werde ich mit Gottes Gnade halten, und

ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu leben.

Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand

Mitteilung machen zu können. Wenn ich einen Boten zur

Verfügung hätte, so würde ich Euch noch lieber schreiben

und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn ich selbst

schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen,

was ich jetzt füglich nicht mitteilen kann.

Ihr führtet gern den Spruch im Munde:

_Pluribus intentus minor est ad singula sensus._

Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.

Die selige Christina von Stommeln · 第 9 / 17 段