schreckliche Versuchung gegen die jungfräuliche Reinheit zu bestehen,
die von Pfarrer Johannes umständlich berichtet wird.[37] Es befand
sich damals in Stommeln oder nahebei ein elender, schrecklicher
Mensch, der ein Ausbund aller Laster und ein berüchtigter Räuber
war. Wie sehr Christina diesen Menschen auch fürchtete und seine
Stimme ihr Grausen erregte, so kam ihr doch wider ihren Willen die
Neigung, diesen Menschen zu sehen und mit ihm zu sprechen. Schon im
Mai des vorhergehenden Jahres hatte diese unerklärliche Neigung sich
bemerkbar gemacht. Jetzt nun kam in der Nacht der Versucher in Gestalt
jenes schlechten Menschen zu Christina und sprach: „Geliebteste,
siehe, ich bin es. Ich bin hereingekommen; das Haus ist offen. Dein
Vater und deine Mutter wissen nicht, daß ich hier bin; Du brauchst
nichts zu fürchten.“ Dann kam er näher auf sie zu und ergriff ihre
Hände. Christina glaubte, den Räuber vor sich zu haben und schrie aus
allen Kräften: „Wenn Ihr mich berührt, so wisset, daß der Dämon Euch
umbringen wird.“ Dann bat sie ihn beim Leiden unseres Herrn, sie in
Ruhe zu lassen. Der Versucher aber entgegnete: „Trauteste, nie habe
ich ein Menschenkind so sehr geliebt wie Dich. Wenn Du mir nur einen
freundlichen Blick schenken wolltest, so würde ich fürderhin nicht
mehr schlecht sein. Wenn Du es willst, werde ich gut sein, und wenn Du
es willst, werde ich schlecht sein. Ich werde Dich zu einer vornehmen
Frau machen, Dir schöne Kleider kaufen, Dir soviel Geld geben, als Du
haben willst, und nichts wird Dir mangeln. Ich nehme Dich mit; Deine
Eltern werden nichts davon gewahr, und ich bringe Dich zu reichen
und feinen Leuten, wo Du ein herrliches Leben haben wirst.“ Allein
Christina antwortete nicht und richtete alle ihre Gedanken auf das
Leiden unseres Herrn. „Du bringst mich ums Leben, begann er nun zu
schluchzen, ich muß sterben, weil Du mich verschmähst; ich vermag
nicht mehr zu schlafen und kann weder essen noch trinken.“ Als aber
alles fruchtlos blieb, änderte der Versucher seine Sprache und schrie:
„Ich werde doch meinen Willen an Dir vollbringen!“ und dabei ergriff
er sie mit Gewalt, wie wenn er sie hätte umbringen wollen. Christina
aber schrie zu Gott: „Herr, stärke mich in dieser Stunde!“ Dann zog der
Versucher ein Messer hervor, setzte es ihr auf die Brust und sprach:
„Ich ermorde Dich, wofern Du mir nicht zu Willen bist.“ Christina
entgegnete: „Meinem Herrn Jesus Christus habe ich Treue gelobt; für
seinen Namen zu sterben ist mein Wunsch.“ „Doch nicht so, erwiderte
der Versucher, Dein Vater und Deine Mutter sollen die ersten sein; ich
will alle im ganzen Hause ermorden, Dich aber fürs letzte aufsparen.“
Alsdann lief er mit dem Messer durchs Haus und tat so, wie wenn er am
Morden wäre, Christina aber hörte erbärmliches Weinen und Jammern. Es
war das alles freilich teuflische Gaukelei. Dann hörte sie, wie ihr
Vater, es war in Wahrheit der Teufel, zu dem Verführer sprach: „Halte
ein! töte mich nicht; ich will sie bereden, daß sie Dir zu Willen
sei.“ Und alsdann kam dieser Teufel zu Christina in der Gestalt ihres
Vaters -- Christina jedoch glaubte wirklich, es sei ihr Vater -- und
sprach zu ihr: „Liebste Tochter! gedenke, daß ich kein anderes meiner
Kinder so geliebt habe wie Dich; willige doch ein, damit Du mir das
Leben rettest. Du wirst es doch nicht vor Gott verantworten können,
wenn ich um Deinetwillen getötet werde.“ Christina aber, obgleich
voll Mitleid mit dem vermeintlichen Vater, sprach herzhaft: „Vater,
Ihr sagt, ich solle Gott verlassen! Wisset Ihr denn nicht, daß Gott
für uns gestorben ist. Seid deshalb standhaft und erleidet freudig
den Tod.“ Der Verführer stürzte sich alsdann auf Christinas Vater und
versetzte ihm den Todesstoß; Christina hörte sein Röcheln. Dann kam er
auf Christina zu. Diese aber entriß ihm behend das Messer, stieß es
sich selbst in die Hüfte, um durch den Schmerz der Verwundung aller
sinnlichen Empfindung vorzubeugen, und rang mutig mit dem Versucher,
der alsdann beschämt die Flucht ergriff. Das Messer jedoch blieb
zurück. Christina bediente sich desselben später beim Essen und der
Pfarrer Johannes hat es sich nachher von ihr zum Geschenke erbeten. Die
Wunde aber, die Christina sich beigebracht, blutete drei Tage lang. Sie
lag da und weinte, da sie glaubte, sterben zu müssen und sich quälte
mit dem Gedanken, sie habe selbst den Tod herbeigeführt. Da sie nun
so weinte, kam ein Jüngling in Himmelsschönheit zu ihr und sprach:
„Sei ohne Furcht, geliebteste Tochter! Siehe, ich bin Jesus Christus,
dem Du Treue gelobt hast, ehe Du zu den Beginen kamst. Laß alle Sorge
fahren; an dieser Wunde wirst Du nicht sterben. Du hast Deine Treue
gegen mich bewährt. Und wie Katharina, da sie um meinetwillen die Welt
verachtete, den Tod erduldete und deshalb ihr Tod kostbar war in meinen
Augen, so würdest auch Du, wenn Du an der Wunde, die Du in gleicher
Gesinnung Dir beigebracht, gestorben wärest, den gleichen Lohn erhalten
haben wie sie.“ Bei diesen Worten machte er das Kreuzzeichen über die
Wunde und augenblicklich hörte diese auf zu bluten, und aller Schmerz
war verschwunden. Am Gründonnerstage kam Petrus wieder nach Stommeln.
Seine Abreise nach Paris hatte sich nämlich verschoben, da die Brüder
aus Dazien, die mit ihm reisen sollten, noch nicht angekommen waren.
Er kam als Begleiter des Bruders Johannes von Muffendorf, der vom
Pfarrer von Stommeln zum Osterfeste war eingeladen worden. Die Brüder
Aldebrandino und Mauritius hatten sich mit Erlaubnis des Priors Hermann
ihnen angeschlossen. Zur Zeit der Komplet kamen die vier Brüder
in Stommeln an und begaben sich alsbald in die Kirche, wo sie, wie
Petrus sagt, die Reliquien der Heiligen oder vielmehr die Heiligen,
deren Gebeine dort aufbewahrt wurden, begrüßten. Dann trat Petrus auf
Christina zu, die vor dem Altare der allerseligsten Jungfrau saß, da
sie in Folge des erlittenen Blutverlustes sich sehr schwach fühlte.
Sie erlitt sogar einen leichten Ohnmachtsanfall, bei dem Petrus in
ihrer linken Hand, die etwas unter dem Mantel hervorgekommen war,
fünfzehn Malzeichen wahrnahm. Sie waren sämtlich rund von Gestalt,
rötlich von Farbe und wohl geordnet. Das größte Malzeichen befand sich
in der Mitte der Hand und hatte die Größe eines Sterlings. Um dieses
herum waren vier andere, die etwas kleiner waren, so verteilt, daß
sie ein Kreuz bildeten. Von den zehn übrigen, die noch kleiner waren,
befanden sich zwei auf den unteren Fingergliedern. Christina hatte von
ihrem himmlischen Bräutigam für die in der schrecklichsten Versuchung
bewiesene Treue für die linke Hand, wie es ja bei Verlobten Brauch
ist, ein bräutliches Abzeichen erhalten. Als die Komplet zu Ende war,
wurde nach Landesbrauch zur Dämmerstunde die düstere Mette gesungen,
gegen deren Ende die Lichter allmählich ausgelöscht werden und zu deren
Schluß etwas Geräusch mit den Sitzklappen des Chorgestühls gemacht zu
werden pflegt. In Stommeln scheint die Jugend für diesen geräuschvollen
Schluß der Mette eine besondere Vorliebe gehabt zu haben. Als die
Ordensbrüder nach dem _Benedictus_ das _Kyrie eleison_ sangen und alles
finster war, fing, wohl aus Irrtum, die Jugend schon an vorzeitig
Geräusch zu machen und die Erwachsenen halfen redlich mit. Während
dieser Störung des Gottesdienstes wurde ein großer Teil des Volkes im
Schiffe der Kirche mit Unrat besudelt. Christina aber blieb von der
Besudelung unberührt, wiewohl diejenigen, die um sie herum saßen, von
ihr sämtlich betroffen wurden. Am meisten waren gerade jene besudelt
worden, die ihre Zunge gegen Christina geübt und ausgestreut hatten,
die Besudelungen, die Christina im Advent erlitten, seien Erdichtungen.
Die Unruhe wurde durch die Besudelung noch gesteigert, legte sich dann
aber allmählich und jeder begab sich nach Hause. Christina wurde von
ihrem Vater nach Hause geführt; denn sie konnte vor Schwäche nicht
allein gehen. Petrus begleitete sie bis zum Scheidewege, wo er auf
dem andern Wege zum Pfarrhause hin abbog. Die ganze folgende Nacht
war Christina wie entrückt und ihre Gedanken waren derart mit dem
Leiden Christi beschäftigt, daß sie kaum beachtete, wenn man mit ihr
sprach. Jungfrauen hielten bei ihr Wache. Am Morgen des Karfreitags
gingen die Ordensbrüder Aldebrandino und Mauritius nach Cöln zurück,
sprachen aber zuvor in Begleitung des Pfarrers bei Christina vor,
sahen jedoch nichts anderes, als daß sie zu Bette lag und das Gesicht
mit dem Schleier bedeckt hatte. Zur Zeit der Terz, d. h. um neun Uhr
morgens, sprachen auch Petrus und Johannes vor und fanden Christina
ganz starr wie eine Leiche. Sie gingen alsdann zur Kirche und hielten
den Karfreitagsgottesdienst, wie es für diesen Tag Vorschrift und
Brauch war. Nachmittags verfügten sich die drei wieder ins Kämmerlein
Christinas, verrichteten ein Gebet, damit Gott ihnen zeigen möge,
was, wie sie vermuteten, an Christina vorging, und dann sprach Petrus
zu den beiden Johannes: „Ihr habt noch immer Zeit und Gelegenheit;
ich aber werde bald abreisen und kann nicht hoffen, jemals wieder an
solchem Tage an diesen Ort zu dieser Person zu kommen. Es würde mir
sehr wehe tun, wenn ich des Trostes entbehren sollte, den ich hier
zu finden hoffte. Ich hatte mich darauf gefreut, das jetzt selbst zu
sehen, was ich im vorigen Jahre von andern gehört habe.“ Zum Pfarrer
gewandt, sprach er dann: „Du weißt gar wohl, daß nur die Liebe Christi
uns hierher führt und das Bestreben, der Wahrheit zu dienen und das
Zweifelhafte aufzuhellen. Strecke nun, ich bitte Dich, Deine Hand
aus und berühre ihre Fußsohle.“ Er tat es mit großer Scheu, und als
er die Hand wieder zurückzog, war sie ganz mit Blut überronnen. Da
sprach Petrus: „Lasset uns eines von den Mädchen rufen, damit dieses
uns die äußersten Teile der Füße aufdecke und wir so feststellen
können, was dieses bedeutet.“ Da die Beiden, so fährt Petrus fort,
mit dem Vorschlage einverstanden waren, rief ich Hilla vom Berge und
ersuchte sie, den untersten Teil der Füße Christinas aufzudecken.
Diese entschuldigte sich anfangs, gab aber doch meiner Bitte und ihrer
Begründung nach und tat, was ich wünschte, mit großer Ehrfurcht und
heiliger Scheu. Und wir alle vier sahen, was ich hier schreibe: In der
Mitte des rechten Fußes, und zwar an seiner obern und untern Seite,
war eine Wunde, etwas größer als ein Sterling, und aus ihr flossen
vier Bächlein Blutes von ziemlicher Breite, jedoch nicht auf die Zehen
hin, sondern seitwärts. Da wir das sahen, suchte jeder von uns sich
einen Winkel, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen, weil Christina
mit dem Heilande litt, und seine Wunden an ihr zur Ausprägung gekommen
waren. Als wir uns ausgeweint hatten, gingen wir zum Pfarrhause zurück,
nahmen ein kleines Mahl, wie es sich für den Tag schickte, und gingen
dann vor der Komplet wieder zum Hause Christinas. Sie atmete nicht
und war ganz starr. Ich sprach deshalb zum Pfarrer: „Laßt uns doch
versuchen, an ihrem Haupte nachzuschauen, ob auch dort sich ein Merkmal
des Leidens Christi vorfindet!“ Dieser erwiderte: „Ich sehe nicht, wie
das möglich ist. Denn Gesicht und Kopf hat sie mit größter Sorgfalt
verhüllt.“ Sie hatte nämlich die Arme kreuzweise über die Brust gelegt,
so daß die Hände die Wangen berührten, und hielt dabei den vordern
Saum des Schleiers, womit sie Kopf und Gesicht geschickt verhüllt
hatte, zwischen den Fingern fest. Auf mein abermaliges Ersuchen machte
indes der Pfarrer den Versuch, die Stelle am rechten Ohre in etwa
aufzudecken. Soviel ich jedoch bemerken konnte, war dort kein Wundmal
zu sehen. Als er aber das Gesicht aufgedeckt hatte, sahen wir auf der
Stirne drei Blutbächlein von je zwei Finger Breite wie aus einem Quell
herabfließen. Das mittlere strömte auf die Nase, die beiden anderen auf
die Schläfen zu. Aus Ehrfurcht vor der göttlichen Gegenwart, die sich
hier in so deutlichen Zeichen zu erkennen gab, trugen wir Scheu, das
göttliche Geheimnis weiter zu erforschen. Wir hörten jedoch nach dem
Ostertage von den Jungfrauen, die Christinas Vertraute waren, daß auch
ihr Untergewand dort, wo es die Herzgegend berührte, in Handbreite mit
Blut getränkt war. Und während der Osteroktav haben wir selbst, als wir
mit Christina aßen, an beiden Händen die Spuren der Wundmale auf der
Vorder- und Rückseite deutlich wahrgenommen. Vor Sonnenuntergang kam
Christina wieder zu sich und ich fragte sie: „Wie befindest Du Dich?“
-- Sie antwortete ganz leise: „Ich bin sehr schwach. Rede nicht weiter
mit mir; denn ich kann Dir nicht antworten vor Bitterkeit im Munde
und Gaumen.“ Wir ließen nun Christina allein und gingen zur Kirche.
Am Karsamstage zur Zeit der Komplet, während Bruder Johannes in der
Kirche Beicht hörte, ging ich wieder zu Christina, an der ich große
Herzensfreude wahrnahm. Wir unterhielten uns über die beschauliche
Betrachtung und Liebe Gottes, wobei Christina reichlichen Stoff
lieferte. Am Ostermorgen begab sie sich ganz in der Frühe, zu Pferde,
in weltlicher Kleidung, von ihrem Vater begleitet, zur Kirche. Sie
hatte nämlich an Stelle des Mantels ein leinenes Tuch umgelegt. Sie
begab sich zu Pferde zur Kirche, weil die Wundmale an den Füßen sie
am Gehen hinderten. Auch hoffte sie so, unerkannt zu bleiben und das,
was an ihr geschehen war, zu verheimlichen. Weil nämlich im vorigen
Jahre der Pfarrer ihr die h. Kommunion am Ostertage ins Haus gebracht
hatte, war aus diesem Anlasse Gerede entstanden und das Gerücht über
ihre Wundmale hatte sich verbreitet. Christina empfing in der ersten
Messe die h. Kommunion, blieb dann vollständig verzückt bis nach Mittag
und kam ganz zu sich vor der Komplet. Während der Osteroktav kam auch
Bruder Wipert wieder nach Stommeln und hielt eine Predigt, während
der Christina in Verzückung kam und in ihr blieb bis zur Vesper. Am
Samstage vor weißen Sonntag sprach Bruder Salomon aus Ungarn auf der
Durchreise nach Paris in Stommeln vor, um dort seinen Freund, Bruder
Petrus, zu begrüßen. Dieser erzählte ihm von den Wundmalen Christinas
und Salomon wünschte gar sehr, diese zu sehen. Petrus sagte ihm, dann
möge er sich wohl hüten, Christina über diese Dinge zu befragen, weil
sie dann gleich ihre Hände verbergen würde; er solle vielmehr zusehen,
ob an seinen Kleidern nichts aufzubessern sei, und Christina dann
bitten, die Ausbesserung vorzunehmen. Und wirklich fand Wipert, daß an
seiner Kapuze sich eine Naht aufgetrennt hatte. Er bat nun Christina,
sie möge die Naht wieder zunähen, und während sie daran arbeitete, war
es Bruder Wipert vergönnt, die Spuren der Wundmale an ihren Händen zu
sehen.
[37] _V. C._ 126-130.
Am weißen Sonntag kam zur Vesperzeit hoher Besuch in Stommeln an. Zu
Pfingsten sollte das Generalkapitel des Dominikanerordens in Paris
gehalten werden. Alle drei Jahre fanden diese Generalkapitel statt
und zwar abwechselnd einmal jenseits, das andere Mal diesseits der
Alpen. Auf der Hinreise zu diesem Kapitel hielten nun der Cölner Prior,
Hermann von Havelbrech, und der Prior von Straßburg, Arnold von Xanten,
der damals Definitor des Generalkapitels war, mit ihren Gefährten in
Stommeln an. Die Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln war schon
vorher mit den Stiftsfräulein eingetroffen, um die Brüder, dreizehn an
der Zahl, auf ihrem Hofe aufzunehmen und zu bewirten. Montags besuchte
Prior Hermann Christina und sprach bei der Rückkehr das bezeichnende
Wort: „Dieses Antlitz ist nicht dasjenige eines Menschen, der auf
Erden wandelt.“ Petrus stimmt diesem Urteile bei und fügt hinzu: „Ueber
dieses Antlitz war auch körperlich ein Anflug von Glanz ausgegossen,
wie ich ihn nie im Angesichte eines sterblichen Menschen, mit Ausnahme
eines Einzigen, wahrgenommen habe.“ Dieser Einzige wird wohl der große
h. Thomas von Aquin gewesen sein, der nachmals in Paris Lehrer des
Petrus war und mit der Sonne verglichen zu werden pflegte. Petrus hielt
die Messe von der seligsten Jungfrau und der Prior Arnold predigte
in derselben über das Evangelium: „_Stabat iuxta crucem Jesu_ -- Es
stand neben dem Kreuze Jesu seine Mutter“, das die Weltpriester um
jene Zeit im Cölner Erzbistum zu lesen pflegten. Christina kam während
der Predigt in Verzückung und blieb bis zum Abend ohne Bewegung und
Empfindung. In diesem Zustande haben die meisten der Dominikaner sie
beobachtet und sich daran sehr erbaut. Nachmittags setzten die einen
der Brüder ihre Reise nach Paris fort, die andern, unter ihnen Petrus
und Johannes, kehrten nach Cöln zurück.
Abb. 7. Bild Christinas am Cölner Dom.
Elftes Kapitel.
Christinas Briefwechsel mit Petrus während dessen Aufenthalt zu Paris
(Mai 1269 bis Juli 1270).
Der Prior von Dazien, Bruder Nikolaus Heinrich, kam vierzehn Tage
später in Cöln an und brachte dem Bruder Petrus die Weisung, sich zur
Vollendung seiner Studien nach Paris zu begeben. Der Prior reiste
ohne Verzug weiter nach Paris zum Generalkapitel, dessen Definitor
er war. Petrus konnte noch nicht allsogleich abreisen und folgte
seinem Prior einige Tage später nach. Als Reisegefährten hatte er
den Bruder Mauritius. Sie gingen über Stommeln, weil es nicht weit
ablag von der Hauptstraße, die von Cöln nach Paris führte, um von den
dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Sie übernachteten in Stommeln
und reisten am folgenden Tage nach dem Mittagessen weiter. Der Pfarrer
Johannes von Stommeln sowie Christina und mehrere Andere begleiteten
die beiden Brüder bis Ingendorf (Engendorp), wo sie tiefgerührt
voneinander Abschied nahmen. Am Freitage vor Pfingsten, das auf den
12. Mai fiel, kamen die beiden Brüder in Paris an, also noch vor
Zusammentritt des Generalkapitels, zu dem auch Thomas von Aquin aus
Italien herübergekommen war. Im Kollegium von St. Jakob, das zur
Zeit der großen französischen Revolution den führenden Männern als
Versammlungsort diente und ihnen den Namen Jakobiner eingetragen
hat, hielt der berühmte Aquinate in diesem und im folgenden Jahre
philosophische und theologische Vorlesungen und gerade in diesem
Kollegium nahm Petrus von Dazien Wohnung.
Während der vierzehn Monate, die Petrus in Paris zubrachte, wurde
zwischen ihm und Christina ein Briefwechsel in lateinischer Sprache
geführt, der uns über Christinas Zustände einigen Aufschluß gibt.
Christina scheint das Latein einigermaßen verstanden zu haben. Sie
führt einmal einen Hexameter an, ein anderes Mal läßt sie eine Stelle
aus dem prächtigen Osterhymnus der Cölner Kirche einfließen und von
der Uebersetzung eines Briefes sagt sie, daß sie dadurch zu vollerem
Verständnis desselben gekommen sei.[38] Hätte sie das Latein nicht
verstanden, so hätte sie auch nicht unter den Psalmen gerade diejenigen
als Lieblingsgebete auswählen können, die auf ihre Lage ganz besonders
paßten.
[38] _V. C._ 133, 148, 150.
Christinas Briefe, die sie dem Pfarrer Johannes und später dem
Schulmeister Johannes diktierte und die diese dann lateinisch
niederschrieben, sind gewöhnlich kürzer gehalten als die des Petrus,
die sich meist in frommen Betrachtungen und Tröstungen ergehen.
Christinas Briefe, die für uns wichtiger sind, geben wir dem Wortlaute
nach vollständig wieder, die des Petrus nur auszugsweise. Die
Ausdrucksweise dieser Briefe ist die des dreizehnten Jahrhunderts,
die, was Herzlichkeit anbelangt, die jetzt herrschende Form bedeutend
überbietet. Auch lehnt sich die Sprache mitunter an die des Hohen
Liedes an.
Seit der Abreise des Petrus bis zum Dreifaltigkeitssonntage befand
sich Christina wohl, dann litt sie einige Zeit hindurch an dreitägigem
Fieber und danach kamen neue Plagen des Teufels. Kurz nach Johannis
Geburt schrieb hierüber Christina an Petrus folgenden Brief:
„Dem geliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris
entbietet seine Tochter Christina in Stommeln ihre Gebete
im Herrn. Ich glaube Euch mitteilen zu sollen, daß Euere
Abreise mich mehr, als ich geglaubt hätte, angegriffen
hat. Denn ich gedenke Euerer treuen Anhänglichkeit und
meiner geringen Dankbarkeit. Ich hoffte und hoffe noch, Ihr
würdet mich beerdigen. Ihr habt mich um Einiges gefragt,
worüber ich Euch keine Auskunft gegeben habe und das tat
mir später leid. Denn ich sehe ein, daß es gut für mich
gewesen wäre, wenn ich Euch jene Dinge und mehreres Andere
mitgeteilt hätte. Auch möget Ihr wissen, daß ich seit
dem Feste des h. Johannes des Täufers weder beten noch
beichten kann, ohne daß der Dämon mich mit einem glühenden
Eisen brennt und mir äußerlich und innerlich am Munde
Brandblasen verursacht. Diese Plage wird voraussichtlich
dauern bis Mariä Himmelfahrt. Früher habt Ihr mir in Eurer
Treue viele Freunde erworben; auch jetzt wollet mich, ich
bitte Euch darum, dem Gebete vieler empfehlen. Durch den
Ueberbringer dieses Briefes würde ich Euch zwei Korporalien
haben zugehen lassen, wenn er sie hätte mitnehmen wollen.
Wenn Ihr immer einen Wunsch habt, so tut ihn mir kund;
ich will ihn erfüllen. Lebet wohl, Teuerster. Der Herr
Pfarrer läßt Euch grüßen. Betet für meinen Vater, wie
ich Euch darum ersucht habe. Ich sehne mich danach, Euch
wiederzusehen. Besuchet mich doch, sobald Ihr könnt.“
Diesen Brief erhielt Petrus am Feste Mariä Himmelfahrt. Er aber
hatte gleich nach seiner Ankunft in Paris an Christina einen Brief
geschrieben, um sie zu trösten über den Schmerz des Abschiedes. Dieser
Brief, den Bruder Mauritius nach Stommeln überbrachte, hatte sich
mit Christinas Brief gekreuzt. Auf diesen Brief des Petrus schickte
Christina etwas nach Kreuz Erhöhung folgendes Antwortschreiben:
„Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von
Dazien aus dem Predigerorden zu Paris entbietet Christina
von Stommeln den Ausdruck ihrer Liebe und die Gabe ihres
Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich, welch' besondere
Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber,
daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des
Herrn allein sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort
und Schrift zu erkennen gebet. Doch wisset, daß auch die
Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage, nicht gemindert
wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr jetzt
bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und
wenn ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen
mit Tränen bei der Erinnerung an Eueren treuen Beistand
und Euere Liebe in Christo. Als ich Eueren Brief lesen
hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, wiewohl
das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch
die in ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen
getröstet wurde. Auch der Umstand, daß gerade Bruder
Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte meine Betrübnis
an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter war.
Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis
konnte ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und
wenn Brüder aus Euerer Gegend hierher kommen, so befällt
mich Traurigkeit, da ich Euch ferne weiß in der Verbannung.
Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern Trost. Und wenn
Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher
Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde
und in Jubel ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel
konnte ich vor Niemanden kundgeben als vor Euch, weil Ihr
mich verstandet. Gerade deshalb bin ich betrübt, weil ich
seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich
mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich
vor Jedermann, und mit niemanden kann ich verkehren wie
mit Euch. Einstmals, als ich in Leiden war, habt Ihr mir
liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe Euch mit
dem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich
mich so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen
vor sich gingen. Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu
verübeln. Ich versichere Euch, daß ich in meinen Trübsalen
niemanden lieber zum Beistande habe als Euch. Ihr waret
immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde.
Derohalb bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer
Abreise manches leiblich und geistig erduldet habe, und
ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich mitteilen
möchte.
Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h.
Johannes des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich
heim bis zum Feste der Himmelfahrt der allerseligsten
Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn ging, wurde ich
am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein
glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten
wollte, so daß ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch
bin ich vierzehn Tage hindurch, wenn ich mich anschickte,
zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst geraten,
daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich
nicht, der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu
hören oder von Gott zu reden oder zu ihm zu beten, ohne
durch jenes glühende Eisen erschreckt zu werden. Und wenn
ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen
gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen
Trost. Das war für mich über alles Maß bitter, und so ging
es fort, bis zu genanntem Feste. Schließlich bin ich außen
am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß sich ums
Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen
eine Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten
war, wurden mir in einer Nacht die Ohren verbrannt. Als
dies nachließ, wurden mir Augen und Stirne versengt und
zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde
erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung
angeschwollen und große Brandblasen waren über denselben
aufgetreten. Später wurde mir auf der Straße in Gegenwart
des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders Gotfrid von
Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen
am Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner
Seele infolge von Versuchungen. Denn der Dämon riet mir,
ich sollte meinen Gott verleugnen und so sein, wie die
übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte, wie ich
an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen
Trostes entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen,
daß es zuweilen schien, als sei ich von meinem Gott ganz
und gar verlassen. Ich verlor dann ganz meine Fassung,
wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten
oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer
Leib und das Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr
Pfarrer selbst, bei dem ich beichtete, in Flammen stände.
Später wurde meiner Schwester Gertrud, als sie bei mir
im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie
in den folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der
letzten Nacht (vor Maria Himmelfahrt) hatte ich vom ersten
Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch einen jammervollen
Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden Eisen
und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das
Eisen in meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt
meinen Gott verleugnen wollte; sonst wolle er mich auf
der Stelle töten; denn er habe Macht dazu. Ich antwortete,
seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal
für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt,
kam ein Feuerstrom wie aus einem Ofen und verbrannte mir
das ganze Gesicht, so daß ich die ganze Nacht dalag und
sozusagen nicht wußte, wo ich war.
Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte
ich dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele
und des Leibes war gänzlich von mir gewichen.
In derselben Nacht waren mir auch vier Dämone erschienen.
Sie standen da, wie wenn sie gezwungen gewesen wären, zu
erscheinen und nannten ihre Namen. Sie bekannten, wenn
auch ungern, daß der Allerhöchste ihnen Erlaubnis gegeben
habe, solches an mir zu tun, sie aber dafür desto größere
Pein zu leiden haben würden. Schließlich sprach ich
unerschrocken: „Ich beschwöre euch in Kraft des Leidens
Christi: warum habt ihr mich so verbrannt?“ Sie erschienen
und antworteten, weil Gott meine Sinne für das Fest habe
reinigen wollen. Als sie nun anfingen, mich zu loben,
wandte ich mich zum Gebete. Da nun taten sie, als ob sie
weinten und entflohen dann mit einem solchen Getöse, als
ob sie das Dach mit sich genommen hätten. Tags darauf sah
mein Gesicht ganz verbrannt aus. Wangen, Augen, Nase und
Stirne, alles war voller großer Brandblasen. Ich kam allen
vor, als hätte ich kein Angesicht mehr; ich war wie eine
Aussätzige und von Gott Geschlagene. Auch vorher hatte
ich viele Mißhandlungen im Angesichte erlitten, wovon
noch Narben zu sehen sind. Nachdem dies alles vorüber war,
erschien mir der Dämon zweimal in Gestalt eines Begarden.
Ich fragte ihn, was er wolle, und warum er mich verfolge.
Er antwortete: „Ich verfolge dich, um dich zum Zorne zu
reizen oder zu anderen Sünden. Du aber erhebest gleich
deine Hände zu Gott und betest um Nachlaß der Sünden. Er
aber ist barmherzig und vergibt dir, und so bemühe ich
mich vergeblich.“
Am Mittwoch nach Kreuzerhöhung befand ich mich abends
in meinem Kämmerlein, damit beschäftigt, mich auf die
h. Kommunion vorzubereiten, die ich am kommenden Morgen
zu empfangen gedachte. Ein Licht brannte auf dem Stuhl,
der neben meinem Bette stand. Da kam der Dämon in
Gestalt meines Bruders, der in Cöln wohnt, und in sein
Wamms gekleidet, herein. Er machte den Eindruck eines
stark Verwundeten und war voll Blut. Er sprach zu mir:
„Erschrecke nicht, geliebteste Schwester! Siehe, da ich
hierher kommen mußte, wie ich es mitunter zu tun pflege,
kamen feindliche Menschen und verwundeten mich. Hilf mir
also meine Wunden verbinden und mache, daß Mutter nichts
davon gewahr wird.“ Ich warf mich nieder zum Gebete,
erkannte, daß es der Dämon war und rief aus: „Blutdürstige
Bestie, was verfolgst du mich?“ Er entgegnete: „Ich sehe,
du hast wieder andere Ratschläge; diese Wunden hast du
mir verursacht.“ Bei diesen Worten verschwand er. Als
ich neulich in der Kirche im Gebete hingestreckt war,
wurde ein Teil der Türe zertrümmert, ich wurde verwundet,
verlor meine Schleier, und das Buch, das Ihr mir so schön
ausgeziert habt,[39] wurde entwendet und ist fort. Infolge
der erlittenen Verwundung konnte ich acht Tage lang nicht
gehen und ich fürchte, daß ich das Schmerzgefühl nicht los
werde. Dies alles schrieb ich Euch, damit Ihr mit mir Gott
herzlich danket für alle seine Wohltaten; denn er kommt
mir stets in der Trübsal zu Hülfe und führt alles zu einem
guten Ende. Ich habe niemanden, dem ich diese und andere
Vorgänge lieber mitteile als Euch; denn es ist anscheinend
für mich heilsam, wenn Ihr davon wisset. Lebet wohl,
ja tausendmal wohl! Es grüßt Euch bestens der Pfarrer,
meine Mutter und mein Vater, deren Schulden mir einige
Sorge machen und die ich deshalb Eurem Gebete empfehle.
Es grüßen Euch meine Schwester Hilla und Hilla vom Berge,
meine Nichte Hilla, die blinde Aleidis und ihre Nichte
Engilradis. Durch den Ueberbringer lasse ich Euch einige
Geschenke zugehen: ein Biret zum persönlichen Gebrauch
und ein Käppchen. Es ist Gewürz darin zum essen. Wenn ich
sonst noch etwas hätte, was Eueren Wünschen entspräche, so
würde ich es Euch gerne schicken. Hilla vom Berge sendet
Euch ihren Schleier. Ich bitte Euch bei der Liebe Gottes,
wenn Ihr etwas von mir zu erhalten wünscht, so lasset es
mich wissen. Es quält mich sehr, daß ich nicht weiß, wie
lange Ihr dort bleiben müßt, und ich kann ohne Betrübnis
nicht daran denken. Auch möchte ich gerne wissen, wie
es mit Euerer Gesundheit steht. Schreibet mir doch bald
darüber. Auch bitte ich Euch bei der Liebe meines Gottes,
wenn Ihr aus dieser Welt scheidet, so lasset mich, wenn
Ihr es bewirken könnt, nicht lange nach Euch in dieser
Verbannung zurück. Noch einmal: Lebet wohl! Empfehlet mich
getreulich Euern Freunden ins Gebet. Die Reklusen grüßen
Euch bestens. Betet für sie; denn sie tun mir Gutes. Betet
für Bruder Gerhard vom Greif; denn er ist sehr krank, und
man fürchtet, daß er stirbt. Er ist mir ein sehr treuer
Beistand.“
[39] Es ist dasselbe Buch, das der Teufel ihr früher entrissen und dann
am Pfingstfeste wiedergebracht hatte. Petrus hatte es nachher
mit goldenen Blumen auswendig bemalen, mit silbernen Krampen,
kunstvoll gewebter Hülle und schönen Lesezeichen versehen lassen.
Petrus erwiderte den Brief Christinas mit einem längern schönen
Antwortschreiben, in dem er darauf hinweist, daß nur die Liebe Christi
ungeteilt unser Herz beherrschen muß. Er schließt mit den Worten: „Es
lebe und wachse in Euch die Liebe Christi, es lebe die Demut, es lebe
die Freundschaft, deren Ziel in den Worten ausgesprochen ist: Betet für
einander, damit ihr selig werdet.“ Christina erhielt diesen Brief des
Petrus mit andern am 18. Dezember 1269. Um diese Zeit, es war ja der
Advent, war sie wiederum heimgesucht von allerlei neuen schrecklichen
Plagen, die eine Steigerung alles bisher Dagewesenen darstellen und
sich sogar bis zu einer Art Besessenheit (_obsessio_) erhoben, in der
der Teufel sich der Sprachorgane Christinas bediente, um zu sagen, was
dieser innerlich ganz und gar widerstrebte. Hierüber machte sie in den
Weihnachtstagen dem Petrus Mitteilung, wie folgt:
„Ihrem vertrautesten Freunde und getreuesten Vater in
Christo, dem Bruder Petrus von Dazien in Paris, entbietet
seine Tochter Christina den Ausdruck ihrer großen Liebe
und ihr Gebet. Teuerster, ich kann Euch nicht genug danken
für die Briefe, die Ihr seit Euerer Abreise mir mehrmals
geschickt habt. Mein größter äußerlicher Trost besteht
darin, von Euch etwas zu vernehmen. Darum kann ich auch
Euere Briefe nicht lesen hören ohne Tränen zu vergießen.
Ich habe sie alle noch beisammen und verwahre sie bis zu
Euerer Rückkunft. Im Briefe vom Mittwoch nach dem Sonntag
Gaudete (3. Sonntag des Advents) führt Ihr Beschwerde
darüber, daß Euch keine Mitteilung geworden sei über die
zugesandten Geschenke und über meinen Zustand. Das ist
allein dem Umstande zuzuschreiben, daß der Bote zu schnell
wegging. Ich würde Euch weit häufiger über meinen Zustand
unterrichten, wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte. Den
Verbrüderungsbrief Eueres Ordens besitze ich nunmehr.[40]
Ich danke Euch herzlich für denselben.
[40] Dieser Verbrüderungsbrief gab Christina Anteil an allen Gebeten
und Verdiensten des Dominikanerordens.
Ihr erkundigt Euch nach meinen Leiden, von denen Ihr
gerne etwas erfahren möchtet. So wisset denn, daß ich
vor Allerheiligen vierzehn Tage hindurch eine eigenartige
Versuchung hatte. Es kam mir vor, als ob ich alles, was
ich betete, im Namen des Dämons betete. Das verursachte mir
großes Leidwesen. Was ich sagte, sagte auch der Dämon. Bei
der Erhebung der Hostie konnte ich den Leib des Herrn nicht
sehen, sondern der Dämon kam mir vor die Augen und sprach:
„Schau! nun siehst du, daß ich dein Gott bin.“ Und wenn ich
meine Knie beugen wollte, so stieß er mich so heftig auf
die Knie, daß ich nicht von der Stelle konnte. Als ich am
Mittwoch vor dem Feste (das auf den Freitag fiel) in der
Kirche war, kam der Dämon, raffte zwei Häringe aus einer
Schüssel, beschmutzte diese und warf sie mit dem Schmutze
in die verschlossene Beginenklause. Auch sagte er mir, er
habe einer ältern Begine, die mir nicht wohlgesinnt war,
aus der Klausur des Beginenhauses ungefähr zehn Cölnische
Schillinge herausgeholt und sie in die Abortsgrube der
Dominikaner geworfen. Diese fand denn auch, daß dem so
war. In der Nacht blieb ich mit meinem Vater und meinen
Befreundeten in der Kirche. Da zerdrückte mir der Dämon
alle Glieder und nahm mir einen Schuh vom Fuße weg, den
er dann später im Hause meines Vaters vor meinen Augen dem
Knechte an den Kopf warf. Auch warf er ein Fenster ins Haus
hinein mit solch schrecklichem Getöse, daß mein Bruder
fast wahnsinnig wurde. Einmal als ich betete, verletzte
er mich an der Nase, sodaß sie blutete. Am Vorabende von
Allerheiligen entwich er mit gewaltigem Gebrüll und unter
Besudelung der Klause in Gegenwart der Hilla von Ingendorf
und der Reklusen. Auch nannte er seinen Namen vor ihnen
und sagte, er heiße Barlabam. Am Feste Allerheiligen blieb
ich ohne alle göttliche Tröstung und auch nachher habe
ich solche selten genossen.