Sonntage, dem vierten des Adventes, reiste Bruder Gerhard vom Greif,
dem der Prior Hermann den Bruder Petrus als Begleiter zugesellt hatte,
nach Stommeln. Im Hause Christinas angelangt, legten sie ihre vom
Regen durchnäßten Oberkleider ab und gaben sie denen, die am Feuer
waren, zum Trocknen. Dann traten sie ein ins Kämmerlein Christinas,
woselbst sie unter anderen den Johannes von Muffendorf mit seinem
Gefährten sowie den Pfarrer von Stommeln antrafen. Nach der Begrüßung
der Anwesenden fügte Bruder Gerhard scherzhaft die Worte hinzu: „Herr
Teufel, mich darfst du nicht besudeln; denn ich bin dein Freund.“ „Wenn
du des Teufels Freund bist, entgegnete Petrus, so bin ich dein und sein
Feind.“ Gerhard nahm nun Platz zu Füßen des Bettes, in dem Christina
saß, Petrus aber zu dessen Häupten nahe bei der Tür. „Da wir nun so
saßen, schreibt Petrus, kam plötzlich aus einem Winkel, worin niemand
war, eine schmutzige Flüssigkeit, wie aus einem Becken gegossen, auf
mich zugeflogen und benetzte meine rechte Schulter sowie auch die ganze
Türe neben mir. Nach dem Essen stand Bruder Gerhard auf und wollte zum
Feuer gehen, das vor der Zimmertüre brannte. Doch mitten im Zimmer noch
wurde er mit seinem neuen weißen Skapulier, das er tags vorher zuerst
angelegt hatte, vom Teufel mit Unrat übergossen. Daß der Teufel seinen
angeblichen Freund so übel zugerichtet hatte, machte einigen Freude.
Der Teufel überbot in der kommenden Nacht nicht bloß alles, was er
bisher an Besudelung geleistet, sondern brannte auch Christina, wie
er es bereits in den sechs vorangegangenen Nächten getan hatte, mit
einem glühenden Stein. Um Mitternacht nämlich, da ich neben Christina
saß und sie tröstete, begann sie plötzlich sich zu krümmen und zu
zittern und es brach ihr der Schweiß aus. „Was ist geschehen?“ fragte
ich, „woher diese Angst und dieser Schweiß?“ -- „Wundere dich nicht,“
antwortete Christina, „hier vor meinen und deinen Augen sehe ich einen
schrecklichen Dämon stehen, mit einem glühenden Steine in den Händen
und er droht mir, mich damit zu brennen.“ Ich tröstete sie, soweit ich
konnte, und ermahnte sie zur Geduld. Nach einer Weile legte der Teufel
wirklich einen faustdicken, glühenden Stein auf ihre linke Seite unter
die Kleider und drückte ihn so stark ins Fleisch hinein, daß er darin
unbeweglich festsaß, wie wenn er mit dem Körper zusammengewachsen
gewesen wäre. Alle Anwesenden haben den Stein gesehen und mit den
Händen berührt. Nach geraumer Zeit nahm der Teufel den Stein unter
ihren Händen weg und legte ihn auf Christinas Schulter, wo er bis zum
ersten Hahnenschrei liegen blieb. Dann schwand diese Plage.
Da es nun Morgen geworden und der Teufel wußte, daß er nur noch
kurze Zeit habe, begann er noch heftiger zu wüten als bisher und
auch sein Unwesen der Besudelungen fortzusetzen. Wir fürchteten
deshalb, Christina allein zu lassen; denn, wenn ein Priester ihr
beistand, wütete er nicht so sehr. Wir sprachen uns also ab, daß
Bruder Johannes und sein Begleiter zur Kirche gehen sollten, um die
Leute Beichte zu hören und sonst auszuhelfen, -- es war tags vor
Weihnachten -- Bruder Gerhard aber und ich bei Christina bleiben
sollten. Den ganzen Vormittag dauerten die Besudelungen. Es nahte schon
bald die Mittagszeit und die Brüder waren noch nicht aus der Kirche
zurückgekommen. Wir hatten uns schon darauf gefaßt, auf die h. Messe zu
verzichten und beteten die Tagzeiten von der allerseligsten Jungfrau,
die beginnen mit den Worten: _Rorate caeli desuper_. Als wir an das
Evangelium: _Missus est_ gekommen waren, kniete ich mit beiden Knien
auf die Erde nieder und legte beide Hände auf das Haupt Christinas,
damit die Kraft der heiligen Worte auf sie mehr einwirken möchte.
Kaum war ich mit dem Evangelium zu Ende und siehe da, der Geist der
Unlauterkeit brachte unter meinen Händen über Christinas Haupt zwischen
Kopf und Schleier eine dichte Schicht des häßlichsten Unrates. Endlich
kam der Pfarrer aus der Kirche zu uns und sagte, die Brüder würden bald
zurückkommen. In dieser Erwartung gingen wir dann zur Kirche, um die
h. Messe zu lesen und waren froh, bei Christina zu ihrem Troste einen
Priester zurücklassen zu können. Auf dem Wege begegnete uns Bruder
Johannes mit seinem Gefährten und fragte uns, wie es mit Christina
stehe. „Sehr schlimm,“ sagten wir. Da sprach er, heftig bewegt: „Laßt
uns hingehen, um mit dem Teufel zu kämpfen,“ und raschen Schrittes ging
er weiter. Wir aber gingen zur Kirche, hielten die h. Messe, und da
während derselben auch der Pfarrer wiedergekommen war, schlossen wir,
nach Landesbrauch an die h. Messe unmittelbar die Vesper an.[36]
[36] Es war ja der Vorabend von Weihnachten und mithin Fasttag, an
welchem die Mahlzeit erst nach der Vesper eingenommen wurde.
Während wir in der Kirche waren, trug sich in Christinas Hause etwas
eigenartig Grausiges zu. Bruder Johannes und sein Begleiter, Hilla
vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, die zugegen waren,
haben es uns nachher erzählt. Jener böse Feind, der Gott selbst hatte
gleich sein wollen, vermaß sich in seiner Frechheit, Christinas Bett zu
durchwühlen und zu erschüttern und dabei Worte der Gotteslästerung zu
singen. Er sang in wohlgesetzter Melodie, und die Worte waren rythmisch
geordnet und endeten in Reimbildung. So sang er in hohem Tone: „Wo
ist nun dein Gott? Wo ist dein Gott?“ Oefter und mit Zwischenpausen
wiederholte er diese Frage und sang dann auch die Antwort: „Ich bin
dein Gott. Ich bin dein Gott.“ Nachdem er diesen gotteslästerlichen
Gesang mehrfach wiederholt hatte, fügte er hinzu: „Jetzt wenigstens
erkenne, daß ich dein Gott bin; denn ich habe Macht, mit dir zu tun,
was mir beliebt.“ Dann beschimpfte er die Diener Gottes und sprach: „Wo
sind die geschorenen Narren, die bei dir waren? Ich werde sie jetzt so
zurichten, daß sie sich nicht mehr unterstehen, zu dir zu kommen.“ Da
sprach endlich Christina, entsetzt über die dem Namen Gottes zugefügte
Beleidigung, mit erhobener Stimme, so daß alle, die da saßen, es
hörten: „Ich beschwöre dich, Dämon, in Kraft des Leidens unseres Herrn
Jesus Christus, daß du die Wahrheit dessen beweisest, was du gesagt
hast.“ Da änderte Satan seine stolze Sprache, er ließ ab vom Singen,
Versemachen und Reimbilden und gleich einem abgelebten Greise begann er
mit zitternder, schwacher Stimme die Wahrheit zu bekennen und sprach:
„Wahrhaftig, alles ist gelogen, was ich gesagt habe; ich bin nicht
Gott. Ich habe keinen Teil an seiner Wesenheit, und die Teilnahme an
seiner Seligkeit habe ich mit Recht für immer verloren. Es ist mir aber
von ihm gestattet worden, meine Bosheit an dir auslassen zu können,
und das habe ich mit Eifer getan. Ueber das, was er mir erlaubt hat,
bin ich aber weder hinausgegangen noch darunter zurückgeblieben. Und
weil du mich in Kraft des Leidens des Herrn beschworen hast, muß ich
die Wahrheit bekennen. Da ich dir so viel Qual und Schmach angetan habe
und dich dennoch nicht zu besiegen vermochte, so bin ich gewiß, daß mir
das hundertfach auf ewig wird heimgezahlt werden mit dem unaufhörlichen
Spotte meiner Genossen. Als Feigling werden sie mich verhöhnen, da ich
ein einziges Mädchen nicht zu überwinden vermochte.“ Nachdem er dieses
und ähnliches gesagt, verschwand er mit einem starken Knalle.
In der h. Weihnacht, als die Mette und die erste h. Messe vorüber
waren, ging der Pfarrer zu Christina und reichte ihr die h. Kommunion.
Bei Anbruch des Tages ging Bruder Johannes zu Christina und ich folgte
ihm. Wir fanden Christina in Verzückung, im Bette liegend und ganz
starr. In diesem Zustande blieb sie den Weihnachtstag hindurch bis tief
in die folgende Nacht. An den übrigen Festtagen speisten wir mit ihr
und nahmen dabei mehrere Zeichen ihrer himmlischen Tröstung und inneren
Liebe wahr, woraus wir schlossen, daß nach der Fülle der Leiden, die
sie erduldet, nun auch Gottes Tröstungen ihre Seele erfreuten.“
Zehntes Kapitel.
Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter
Besuch des Petrus.
Im Advent hatte der Teufel Christina äußerlich mit Unrat besudelt.
Darauf suchte er in der Fastenzeit ihre jungfräulichreine Gesinnung
durch sinnliche Versuchungen und Vorführung unsauberen Blendwerks
zu beleidigen. Dem Berichte des Pfarrers Johannes entnehmen wir
Folgendes: Der Teufel erschien ihr und sprach: „Schau! Du hast ein ganz
elendes und mühseliges Leben; du siehst, daß du Tag und Nacht keine
Ruhe hast. Die aber in der Welt leben, haben sehr vergnügte Tage im
Familienleben. Auch sind viele unter ihnen sehr reich. Wenn du deiner
jetzigen Lebensweise entsagen wolltest und leben wie Weltleute, so
würde ich dich reich machen und dein Leben verlängern, so lange du
willst.“ Christina antwortete ihm: „Verfluchter, du lügst. Für Gott ist
mir keine Mühe zu viel, und was du versprichst, vermagst du nicht zu
halten.“ Darauf der Teufel: „Die Ordensleute, die Geistlichen und alle
Enthaltsamen sind betrogen; ihre Lebensweise ist Ketzerei. Denn Gott
hat von Anbeginn es so angeordnet, daß alle Menschen im Ehestande leben
sollen. Wenn auch du das befolgen würdest, könntest du leicht und eher
selig werden.“ Um diesen Versuchungen mehr Reiz zu geben, begleitete
der Teufel sie mit allerhand unlauterem Blendwerk. -- Wochenlang quälte
er so Christina, vermochte jedoch nicht ihren Sinn zu beugen. Da sprach
der Teufel: „Weil du mir nicht folgst, so wisse, daß ich dich beschämt
machen werde vor aller Welt. In der Kirche werde ich einen kleinen
Knaben vor dich hinstellen und ausrufen, daß er von dir sei.“ Diese
Drohung quälte Christina fürchterlich. Wenn sie in der Kirche war und
zur h. Kommunion gehen wollte, so kam es ihr vor, als ob die Leute sich
zuflüsterten: „Schauet da die elende Heuchlerin, wie sie die Menschen
betrogen hat. Jetzt kommen ihre Betrügereien an den Tag; sie hat ja ein
Kind geboren.“ Lange Zeit kämpfte Christina mit dieser Angst und wagte
es nicht, zum Tische des Herrn zu gehen. Endlich überwand sie diese
Angst, indem sie also bei sich dachte: „Möge man immerhin rufen; Gott
weiß, daß du unschuldig bist.“ Darauf hatte sie in der Nacht folgendes
Traumgesicht: „Geliebter, so glaubte sie zu sprechen, habe Mitleiden
mit mir in dieser neuen Angst und nimm diese Versuchung von mir.“ Da
antwortete alsbald eine Stimme: „Vielgeliebte Tochter, habe Geduld;
deine Pein wird heute ein Ende haben und dein Bräutigam wird dir für
die ausgestandene Angst den gleichen Lohn geben, als ob du wirklich
die Beschämung erduldet hättest.“ Da sprach sie: „Gepriesen seist du, o
Süßester; ich bin elend, reich aber ist deine Huld.“ Als sie erwachte,
war alle Versuchung verschwunden. Sie ging am Morgen zur h. Kommunion
und wurde mit solcher Wonne erquickt, daß sie drei Tage lang weder aß
noch trank und kein Wort reden konnte.
Dann kam der Teufel mit einer andern Versuchung: „Was führst du
doch, sprach er, jetzt für ein Leben? Früher betetest du viel, übtest
dich fleißig im Stillschweigen, fastetest, stets warst du allein und
konntest den Umgang mit Mannsleuten nicht leiden; jetzt aber gehst
du gar zu vertraulich mit ihnen um, mit Ordensbrüdern und andern
plauderst du in der Kirche, und außer der Kirche bist du träge. Auf
diese Weise wirst du nicht ins Himmelreich kommen können; so gemächlich
geht es nicht.“ Wieder ein anderes Mal, als sie im Gebete die Nacht
durchwachte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie zum Tische des Herrn
gehen wollte, kam jener alte Bösewicht und sprach gar gelind, wie wenn
es ein Engel vom Himmel gewesen: „Teuerste, du hast vor, zur Kommunion
zu gehen. Tue das nicht um dreier Ursachen willen. Erstens wird die
Hostie zur Erde fallen, wenn der Priester sie dir in den Mund legt, und
das wird eine große Störung verursachen. Zweitens mußt du auch billig
erkennen, daß du eine Sünderin bist und deshalb gänzlich unwürdig.
Drittens weiß der Pfarrer dieses auch und ist deshalb in übler
Stimmung“. Christina wähnte, ein Engel rede zu ihr, hatte aber doch
Zweifel und deshalb bat sie den Herrn, er möge ihr kundtun, ob diese
Stimme von ihm oder von einem andern sei. Da entstand ein gewaltiges
Gepolter und alles war vorbei. Morgens ging sie zur Kirche, wagte
aber nicht, zum Tische des Herrn zu gehen wegen jener drei Gründe. Der
Priester aber, dem sie dies offenbarte, sagte ihr, der Teufel habe sie
von der h. Kommunion abhalten wollen und so ging sie mit großer Furcht
zum Tische des Herrn.
Um diese Zeit erhielt Christina den elften Besuch des Bruders Petrus.
Diesem war zu Ohren gekommen, daß er laut Bestimmung seiner Obern
zur Fortsetzung seiner Studien nach Paris gehen sollte und deshalb
wollte er vorher seine Freunde in Stommeln noch einmal besuchen. In
der Fastenzeit kam er mit seinem Landsmann Bruder Johannes Hespe zu
Christina. Zur Zeit der Komplet sprach er zu ihr einiges zur Erbauung.
Darob wurde sie sehr zur Andacht entflammt, und sie bat Petrus, er
möge am folgenden Tage die Messe von der seligsten Jungfrau nicht
lesen, sondern singen. Petrus kam dem Wunsche nach und sang die Messe
„_Rorate caeli desuper_“. -- Trauet Himmel den Gerechten --, für die er
eine besondere Vorliebe hatte. Als nach Beendigung des Gottesdienstes
das Volk die Kirche verließ, blieb Christina, ohne sich zu regen, auf
ihrer Stelle zurück. Da sprach der Pfarrer zu Petrus: „Es scheint mir,
daß Christina entrückt ist.“ Petrus und Bruder Johannes gingen nun
auf sie zu und fanden sie ganz starr. Der Mantel aber, mit dem sie
ihr Haupt bedeckt hatte, war an der Stelle über dem Kopfe wie mit Tau
benetzt. Bruder Johannes, der seit vierzehn Tagen am Gelenke zwischen
Arm und Hand einen Auswuchs von der Größe eines halben Eies hatte,
befeuchtete seine gesunde Hand mit diesem Tau und berührte dann mit
dieser also befeuchteten Hand den Auswuchs an der andern Hand. Von
diesem Augenblicke an begann die Geschwulst schneller abzunehmen, als
sie bisher gewachsen, sodaß sie in wenigen Tagen ganz verschwunden war.
Christina aber blieb verzückt bis zur Komplet. Tags darauf besuchten
die beiden Brüder den Prior zu Brauweiler und kehrten von da nach Cöln
zurück.