Weihnachten fiel im Jahre 1268 auf den Dienstag. Am vorhergehenden

Sonntage, dem vierten des Adventes, reiste Bruder Gerhard vom Greif,

dem der Prior Hermann den Bruder Petrus als Begleiter zugesellt hatte,

nach Stommeln. Im Hause Christinas angelangt, legten sie ihre vom

Regen durchnäßten Oberkleider ab und gaben sie denen, die am Feuer

waren, zum Trocknen. Dann traten sie ein ins Kämmerlein Christinas,

woselbst sie unter anderen den Johannes von Muffendorf mit seinem

Gefährten sowie den Pfarrer von Stommeln antrafen. Nach der Begrüßung

der Anwesenden fügte Bruder Gerhard scherzhaft die Worte hinzu: „Herr

Teufel, mich darfst du nicht besudeln; denn ich bin dein Freund.“ „Wenn

du des Teufels Freund bist, entgegnete Petrus, so bin ich dein und sein

Feind.“ Gerhard nahm nun Platz zu Füßen des Bettes, in dem Christina

saß, Petrus aber zu dessen Häupten nahe bei der Tür. „Da wir nun so

saßen, schreibt Petrus, kam plötzlich aus einem Winkel, worin niemand

war, eine schmutzige Flüssigkeit, wie aus einem Becken gegossen, auf

mich zugeflogen und benetzte meine rechte Schulter sowie auch die ganze

Türe neben mir. Nach dem Essen stand Bruder Gerhard auf und wollte zum

Feuer gehen, das vor der Zimmertüre brannte. Doch mitten im Zimmer noch

wurde er mit seinem neuen weißen Skapulier, das er tags vorher zuerst

angelegt hatte, vom Teufel mit Unrat übergossen. Daß der Teufel seinen

angeblichen Freund so übel zugerichtet hatte, machte einigen Freude.

Der Teufel überbot in der kommenden Nacht nicht bloß alles, was er

bisher an Besudelung geleistet, sondern brannte auch Christina, wie

er es bereits in den sechs vorangegangenen Nächten getan hatte, mit

einem glühenden Stein. Um Mitternacht nämlich, da ich neben Christina

saß und sie tröstete, begann sie plötzlich sich zu krümmen und zu

zittern und es brach ihr der Schweiß aus. „Was ist geschehen?“ fragte

ich, „woher diese Angst und dieser Schweiß?“ -- „Wundere dich nicht,“

antwortete Christina, „hier vor meinen und deinen Augen sehe ich einen

schrecklichen Dämon stehen, mit einem glühenden Steine in den Händen

und er droht mir, mich damit zu brennen.“ Ich tröstete sie, soweit ich

konnte, und ermahnte sie zur Geduld. Nach einer Weile legte der Teufel

wirklich einen faustdicken, glühenden Stein auf ihre linke Seite unter

die Kleider und drückte ihn so stark ins Fleisch hinein, daß er darin

unbeweglich festsaß, wie wenn er mit dem Körper zusammengewachsen

gewesen wäre. Alle Anwesenden haben den Stein gesehen und mit den

Händen berührt. Nach geraumer Zeit nahm der Teufel den Stein unter

ihren Händen weg und legte ihn auf Christinas Schulter, wo er bis zum

ersten Hahnenschrei liegen blieb. Dann schwand diese Plage.

Da es nun Morgen geworden und der Teufel wußte, daß er nur noch

kurze Zeit habe, begann er noch heftiger zu wüten als bisher und

auch sein Unwesen der Besudelungen fortzusetzen. Wir fürchteten

deshalb, Christina allein zu lassen; denn, wenn ein Priester ihr

beistand, wütete er nicht so sehr. Wir sprachen uns also ab, daß

Bruder Johannes und sein Begleiter zur Kirche gehen sollten, um die

Leute Beichte zu hören und sonst auszuhelfen, -- es war tags vor

Weihnachten -- Bruder Gerhard aber und ich bei Christina bleiben

sollten. Den ganzen Vormittag dauerten die Besudelungen. Es nahte schon

bald die Mittagszeit und die Brüder waren noch nicht aus der Kirche

zurückgekommen. Wir hatten uns schon darauf gefaßt, auf die h. Messe zu

verzichten und beteten die Tagzeiten von der allerseligsten Jungfrau,

die beginnen mit den Worten: _Rorate caeli desuper_. Als wir an das

Evangelium: _Missus est_ gekommen waren, kniete ich mit beiden Knien

auf die Erde nieder und legte beide Hände auf das Haupt Christinas,

damit die Kraft der heiligen Worte auf sie mehr einwirken möchte.

Kaum war ich mit dem Evangelium zu Ende und siehe da, der Geist der

Unlauterkeit brachte unter meinen Händen über Christinas Haupt zwischen

Kopf und Schleier eine dichte Schicht des häßlichsten Unrates. Endlich

kam der Pfarrer aus der Kirche zu uns und sagte, die Brüder würden bald

zurückkommen. In dieser Erwartung gingen wir dann zur Kirche, um die

h. Messe zu lesen und waren froh, bei Christina zu ihrem Troste einen

Priester zurücklassen zu können. Auf dem Wege begegnete uns Bruder

Johannes mit seinem Gefährten und fragte uns, wie es mit Christina

stehe. „Sehr schlimm,“ sagten wir. Da sprach er, heftig bewegt: „Laßt

uns hingehen, um mit dem Teufel zu kämpfen,“ und raschen Schrittes ging

er weiter. Wir aber gingen zur Kirche, hielten die h. Messe, und da

während derselben auch der Pfarrer wiedergekommen war, schlossen wir,

nach Landesbrauch an die h. Messe unmittelbar die Vesper an.[36]

[36] Es war ja der Vorabend von Weihnachten und mithin Fasttag, an

welchem die Mahlzeit erst nach der Vesper eingenommen wurde.

Während wir in der Kirche waren, trug sich in Christinas Hause etwas

eigenartig Grausiges zu. Bruder Johannes und sein Begleiter, Hilla

vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, die zugegen waren,

haben es uns nachher erzählt. Jener böse Feind, der Gott selbst hatte

gleich sein wollen, vermaß sich in seiner Frechheit, Christinas Bett zu

durchwühlen und zu erschüttern und dabei Worte der Gotteslästerung zu

singen. Er sang in wohlgesetzter Melodie, und die Worte waren rythmisch

geordnet und endeten in Reimbildung. So sang er in hohem Tone: „Wo

ist nun dein Gott? Wo ist dein Gott?“ Oefter und mit Zwischenpausen

wiederholte er diese Frage und sang dann auch die Antwort: „Ich bin

dein Gott. Ich bin dein Gott.“ Nachdem er diesen gotteslästerlichen

Gesang mehrfach wiederholt hatte, fügte er hinzu: „Jetzt wenigstens

erkenne, daß ich dein Gott bin; denn ich habe Macht, mit dir zu tun,

was mir beliebt.“ Dann beschimpfte er die Diener Gottes und sprach: „Wo

sind die geschorenen Narren, die bei dir waren? Ich werde sie jetzt so

zurichten, daß sie sich nicht mehr unterstehen, zu dir zu kommen.“ Da

sprach endlich Christina, entsetzt über die dem Namen Gottes zugefügte

Beleidigung, mit erhobener Stimme, so daß alle, die da saßen, es

hörten: „Ich beschwöre dich, Dämon, in Kraft des Leidens unseres Herrn

Jesus Christus, daß du die Wahrheit dessen beweisest, was du gesagt

hast.“ Da änderte Satan seine stolze Sprache, er ließ ab vom Singen,

Versemachen und Reimbilden und gleich einem abgelebten Greise begann er

mit zitternder, schwacher Stimme die Wahrheit zu bekennen und sprach:

„Wahrhaftig, alles ist gelogen, was ich gesagt habe; ich bin nicht

Gott. Ich habe keinen Teil an seiner Wesenheit, und die Teilnahme an

seiner Seligkeit habe ich mit Recht für immer verloren. Es ist mir aber

von ihm gestattet worden, meine Bosheit an dir auslassen zu können,

und das habe ich mit Eifer getan. Ueber das, was er mir erlaubt hat,

bin ich aber weder hinausgegangen noch darunter zurückgeblieben. Und

weil du mich in Kraft des Leidens des Herrn beschworen hast, muß ich

die Wahrheit bekennen. Da ich dir so viel Qual und Schmach angetan habe

und dich dennoch nicht zu besiegen vermochte, so bin ich gewiß, daß mir

das hundertfach auf ewig wird heimgezahlt werden mit dem unaufhörlichen

Spotte meiner Genossen. Als Feigling werden sie mich verhöhnen, da ich

ein einziges Mädchen nicht zu überwinden vermochte.“ Nachdem er dieses

und ähnliches gesagt, verschwand er mit einem starken Knalle.

In der h. Weihnacht, als die Mette und die erste h. Messe vorüber

waren, ging der Pfarrer zu Christina und reichte ihr die h. Kommunion.

Bei Anbruch des Tages ging Bruder Johannes zu Christina und ich folgte

ihm. Wir fanden Christina in Verzückung, im Bette liegend und ganz

starr. In diesem Zustande blieb sie den Weihnachtstag hindurch bis tief

in die folgende Nacht. An den übrigen Festtagen speisten wir mit ihr

und nahmen dabei mehrere Zeichen ihrer himmlischen Tröstung und inneren

Liebe wahr, woraus wir schlossen, daß nach der Fülle der Leiden, die

sie erduldet, nun auch Gottes Tröstungen ihre Seele erfreuten.“

Zehntes Kapitel.

Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter

Besuch des Petrus.

Im Advent hatte der Teufel Christina äußerlich mit Unrat besudelt.

Darauf suchte er in der Fastenzeit ihre jungfräulichreine Gesinnung

durch sinnliche Versuchungen und Vorführung unsauberen Blendwerks

zu beleidigen. Dem Berichte des Pfarrers Johannes entnehmen wir

Folgendes: Der Teufel erschien ihr und sprach: „Schau! Du hast ein ganz

elendes und mühseliges Leben; du siehst, daß du Tag und Nacht keine

Ruhe hast. Die aber in der Welt leben, haben sehr vergnügte Tage im

Familienleben. Auch sind viele unter ihnen sehr reich. Wenn du deiner

jetzigen Lebensweise entsagen wolltest und leben wie Weltleute, so

würde ich dich reich machen und dein Leben verlängern, so lange du

willst.“ Christina antwortete ihm: „Verfluchter, du lügst. Für Gott ist

mir keine Mühe zu viel, und was du versprichst, vermagst du nicht zu

halten.“ Darauf der Teufel: „Die Ordensleute, die Geistlichen und alle

Enthaltsamen sind betrogen; ihre Lebensweise ist Ketzerei. Denn Gott

hat von Anbeginn es so angeordnet, daß alle Menschen im Ehestande leben

sollen. Wenn auch du das befolgen würdest, könntest du leicht und eher

selig werden.“ Um diesen Versuchungen mehr Reiz zu geben, begleitete

der Teufel sie mit allerhand unlauterem Blendwerk. -- Wochenlang quälte

er so Christina, vermochte jedoch nicht ihren Sinn zu beugen. Da sprach

der Teufel: „Weil du mir nicht folgst, so wisse, daß ich dich beschämt

machen werde vor aller Welt. In der Kirche werde ich einen kleinen

Knaben vor dich hinstellen und ausrufen, daß er von dir sei.“ Diese

Drohung quälte Christina fürchterlich. Wenn sie in der Kirche war und

zur h. Kommunion gehen wollte, so kam es ihr vor, als ob die Leute sich

zuflüsterten: „Schauet da die elende Heuchlerin, wie sie die Menschen

betrogen hat. Jetzt kommen ihre Betrügereien an den Tag; sie hat ja ein

Kind geboren.“ Lange Zeit kämpfte Christina mit dieser Angst und wagte

es nicht, zum Tische des Herrn zu gehen. Endlich überwand sie diese

Angst, indem sie also bei sich dachte: „Möge man immerhin rufen; Gott

weiß, daß du unschuldig bist.“ Darauf hatte sie in der Nacht folgendes

Traumgesicht: „Geliebter, so glaubte sie zu sprechen, habe Mitleiden

mit mir in dieser neuen Angst und nimm diese Versuchung von mir.“ Da

antwortete alsbald eine Stimme: „Vielgeliebte Tochter, habe Geduld;

deine Pein wird heute ein Ende haben und dein Bräutigam wird dir für

die ausgestandene Angst den gleichen Lohn geben, als ob du wirklich

die Beschämung erduldet hättest.“ Da sprach sie: „Gepriesen seist du, o

Süßester; ich bin elend, reich aber ist deine Huld.“ Als sie erwachte,

war alle Versuchung verschwunden. Sie ging am Morgen zur h. Kommunion

und wurde mit solcher Wonne erquickt, daß sie drei Tage lang weder aß

noch trank und kein Wort reden konnte.

Dann kam der Teufel mit einer andern Versuchung: „Was führst du

doch, sprach er, jetzt für ein Leben? Früher betetest du viel, übtest

dich fleißig im Stillschweigen, fastetest, stets warst du allein und

konntest den Umgang mit Mannsleuten nicht leiden; jetzt aber gehst

du gar zu vertraulich mit ihnen um, mit Ordensbrüdern und andern

plauderst du in der Kirche, und außer der Kirche bist du träge. Auf

diese Weise wirst du nicht ins Himmelreich kommen können; so gemächlich

geht es nicht.“ Wieder ein anderes Mal, als sie im Gebete die Nacht

durchwachte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie zum Tische des Herrn

gehen wollte, kam jener alte Bösewicht und sprach gar gelind, wie wenn

es ein Engel vom Himmel gewesen: „Teuerste, du hast vor, zur Kommunion

zu gehen. Tue das nicht um dreier Ursachen willen. Erstens wird die

Hostie zur Erde fallen, wenn der Priester sie dir in den Mund legt, und

das wird eine große Störung verursachen. Zweitens mußt du auch billig

erkennen, daß du eine Sünderin bist und deshalb gänzlich unwürdig.

Drittens weiß der Pfarrer dieses auch und ist deshalb in übler

Stimmung“. Christina wähnte, ein Engel rede zu ihr, hatte aber doch

Zweifel und deshalb bat sie den Herrn, er möge ihr kundtun, ob diese

Stimme von ihm oder von einem andern sei. Da entstand ein gewaltiges

Gepolter und alles war vorbei. Morgens ging sie zur Kirche, wagte

aber nicht, zum Tische des Herrn zu gehen wegen jener drei Gründe. Der

Priester aber, dem sie dies offenbarte, sagte ihr, der Teufel habe sie

von der h. Kommunion abhalten wollen und so ging sie mit großer Furcht

zum Tische des Herrn.

Um diese Zeit erhielt Christina den elften Besuch des Bruders Petrus.

Diesem war zu Ohren gekommen, daß er laut Bestimmung seiner Obern

zur Fortsetzung seiner Studien nach Paris gehen sollte und deshalb

wollte er vorher seine Freunde in Stommeln noch einmal besuchen. In

der Fastenzeit kam er mit seinem Landsmann Bruder Johannes Hespe zu

Christina. Zur Zeit der Komplet sprach er zu ihr einiges zur Erbauung.

Darob wurde sie sehr zur Andacht entflammt, und sie bat Petrus, er

möge am folgenden Tage die Messe von der seligsten Jungfrau nicht

lesen, sondern singen. Petrus kam dem Wunsche nach und sang die Messe

„_Rorate caeli desuper_“. -- Trauet Himmel den Gerechten --, für die er

eine besondere Vorliebe hatte. Als nach Beendigung des Gottesdienstes

das Volk die Kirche verließ, blieb Christina, ohne sich zu regen, auf

ihrer Stelle zurück. Da sprach der Pfarrer zu Petrus: „Es scheint mir,

daß Christina entrückt ist.“ Petrus und Bruder Johannes gingen nun

auf sie zu und fanden sie ganz starr. Der Mantel aber, mit dem sie

ihr Haupt bedeckt hatte, war an der Stelle über dem Kopfe wie mit Tau

benetzt. Bruder Johannes, der seit vierzehn Tagen am Gelenke zwischen

Arm und Hand einen Auswuchs von der Größe eines halben Eies hatte,

befeuchtete seine gesunde Hand mit diesem Tau und berührte dann mit

dieser also befeuchteten Hand den Auswuchs an der andern Hand. Von

diesem Augenblicke an begann die Geschwulst schneller abzunehmen, als

sie bisher gewachsen, sodaß sie in wenigen Tagen ganz verschwunden war.

Christina aber blieb verzückt bis zur Komplet. Tags darauf besuchten

die beiden Brüder den Prior zu Brauweiler und kehrten von da nach Cöln

zurück.

Die selige Christina von Stommeln · 第 7 / 17 段