mit der h. Messe warteten, bis die Aebtissin zur Kirche kam, ging ich
in der Zwischenzeit zu Christina, die in der Kirche war, begrüßte sie
und fragte sie, wie es ihr gehe. Sie antwortete: „Ich habe Kopfwehe,
weil ich seit vierzehn Tagen nicht mehr geschlafen habe. Wenn ich mich
zu Bette lege, so überfällt mich eine so große Hitze, wie wenn ich in
siedendes Wasser gelegt würde. Daher ist auch mein ganzer Körper mit
Bläschen bedeckt, die vor Hitze aufbrechen und so kann ich gar nicht
schlafen.“ Sie bat mich, ich möge für sie beten. Ich tröstete sie
und ermahnte sie zur Geduld. Darauf ging ich wieder ins Chor, hörte
eine h. Messe, die für die Verstorbenen gehalten wurde, und las dann
selbst die h. Messe von den Engeln. Denn Montags pflegte ich die h.
Messe von den Engeln zu lesen, wenn kein Hindernis entgegenstand. In
der h. Messe gedachte ich in besonderer Weise Christinas, wie sie
mich gebeten und wie ich es ihr versprochen hatte.“ Mittags wurde
bei der Aebtissin im Fronhofe gespeist. Nach der Vesper trafen noch
zwei andere Studiengenossen des Bruders Aldebrandino aus Cöln ein,
nämlich Bruder Balduin aus Flandern und Bruder Mauritius aus Reval.
Abends wurde wieder bei der Aebtissin gespeist. Dann machte diese mit
ihren Mägden und den adeligen Stiftsfräulein, deren sechs da waren,
einen Spaziergang ins Feld und auf ihren Wunsch gingen die Brüder mit
ihnen. Nach dem Spaziergange setzte sich die Aebtissin auf einem Hügel
vor ihrem Hofe auf einen Sitz, und die Brüder und die Stiftsfräulein
setzten sich um sie herum. Als man eine Weile hin und her geredet
hatte, sprach der Pfarrer zur Aebtissin: „Gnädige Frau, ihr habt hier
vier gelehrte Studenten des Predigerordens aus verschiedenen Provinzen
vor Euch. Saget ihnen, daß sie über irgendeine theologische Frage
eine Unterredung halten.“ Die Aebtissin ersuchte darauf den Petrus,
irgendeine Streitfrage zu behandeln. Petrus aber bat die Aebtissin,
sie möge auf ihrem Wunsche nicht bestehen, weil er befürchtete, es
möchte, wie gewöhnlich, zu hitzig hergehen. Sie aber ließ nicht nach,
weil sie noch nie einer gelehrten Disputation beigewohnt hatte und
begierig war, eine solche zu hören. Auf den Vorschlag des Pfarrers
stellte sie die Frage zur Verhandlung: „Wem unser Herr einen größern
Vorzug verliehen, dem Petrus, dem er seine Kirche, oder dem Johannes,
dem er die glorreiche Jungfrau, seine Mutter, anvertraut habe.“ Bruder
Aldebrandino, der unter den Brüdern der älteste war und im Erbteile
des h. Petrus, dem Kirchenstaate, das Licht der Welt erblickt hatte,
übernahm es, die Würde des h. Petrus zu vertreten, Bruder Petrus
hingegen verteidigte die jungfräuliche Reinheit des h. Johannes und
seine vertraute Freundschaft mit Jesus. Während nun Einwendungen
und Lösungen von den Beiden vorgebracht wurden, wobei die zwei
Studiengenossen miteingriffen, kam plötzlich ein Mädchen herzugelaufen
und rief dem Pfarrer, er möge schleunigst kommen. „Wir glaubten,“
sagt Petrus, „es handle sich um einen Kranken, der am Sterben liege.“
Als aber der Pfarrer mit dem Mädchen gesprochen, rief er mir laut zu,
ich solle samt Aldebrandino schnell kommen; der Teufel habe Christina
in eine Grube voll Morast geworfen. Wir brachen die Disputation ab,
liefen so schnell wir konnten und fanden Christina ganz in schmutzigen
Schlamm versenkt. Nur ihr Kopf ragte noch hervor, den Hilla vom
Berge aufrecht hielt. Petrus, der zuerst angelangt war, sprang mit
den Schuhen in den Morast hinein und suchte mit Hilla, sie aus dem
Schlamm herauszuziehen, vermochte es aber nicht, bis der Pfarrer und
Aldebrandino zu Hülfe kamen. Nunmehr wurde Christina, die nur mit ihrem
langen, weißen Untergewande bekleidet war und Kopf und Hals mit dem
Schleier umwunden hatte, in den auch ihre erhobenen Hände eingehüllt
waren, herausgezogen, eine kleine Weile aufs Stroh gelegt und dann ins
Haus getragen. Die Mägde trugen sie, Aldebrandino aber stützte den Kopf
und Petrus die Schultern. Sie wurde ins Bett gebracht und es fand sich,
daß sie ganz empfindungslos war, jedoch war der Körper nicht starr.
Nach einer halben Stunde begann sie wie aus einer Ohnmacht zu sich zu
kommen, jedoch nicht stufenweise wie beim Erwachen aus der Verzückung,
und sie weinte bitterlich. Sie beklagte sich beim Herrn darüber, daß
Männerhände sie berührt und getragen hätten. „Solch eine Beschämung
sprach sie, ist für mich hart über alles; leicht wäre es mir, alles zu
erdulden, was du von mir verlangst, mag es auch noch so unerträglich
sein, wenn ich es nur vor dir allein zu leiden hätte.“ Petrus wollte
sie trösten, indem er bemerkte, daß nichts unziemliches vorgekommen
sei; sie aber wollte keinen Trost annehmen, pries aber Gottes Fügung.
Darauf kehrten die Brüder mit dem Pfarrer zu ihrer Wohnung zurück.
Tags darauf, am Feste der h. Christina und Vorabend des h. Apostels
Jakobus, gingen die Brüder mit dem Pfarrer wieder zu Christina und
begrüßten sie. Sie wurden von Christina freundlich empfangen und
begaben sich dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Zuerst las
Aldebrandino, dann hielt Bruder Petrus am Altare des h. Apostels
Petrus die Messe vom h. Geiste und während er beim Memento Christinas
gedachte, wurde seine Seele von einer nie empfundenen süßen Freude
erfüllt und Tränen strömten ihm aus den Augen. Der Pfarrer brachte
unterdessen Christina die h. Kommunion. Nach Beendigung der hh. Messen
drang Aldebrandino in Petrus, er möge mit ihm zu Christina gehen, da
er gehört hatte, daß sie nach der h. Kommunion in Verzückung zu kommen
pflege und ihr Leib dann starr werde. Sie gingen hin, fanden Christina
im Bette liegen, das Gesicht mit dem Schleier und den Körper mit einer
anständigen, aber ärmlichen Decke bedeckt, und so regungslos, daß man
nicht einmal das Atemholen bemerken konnte. Aldebrandino trat näher
ans Bett hin und berührte ihre Schulter. Da er aber nichts von Starre
bemerkte, wandte er sich voller Entrüstung zu Petrus hin und rief
in seiner feurigen Art: „Bruder Petrus, Lüge ist es, was man mir von
diesem Mädchen gesagt hat, daß sie so tief in Verzückung komme, daß ihr
Leib hart werde.“ Petrus sagte ihm, er möge noch ein wenig zuwarten;
denn zwischen der Kommunion und der Starre pflege eine längere Zeit zu
verstreichen. Doch Aldebrandino ging aufgebracht weg und beklagte sich,
daß man ihn falsch berichtet habe. Das mißfiel dem Petrus sehr.
Bei der Aebtissin wurde um drei Uhr -- es war ja Fasttag -- gespeist
und nach Tisch ersuchte Aldebrandino den Petrus, ihn zu Christina zu
begleiten. Petrus aber wollte nicht. Aldebrandino jedoch ließ nicht
nach mit Bitten, und so entschloß sich doch schließlich Petrus dazu,
mit ihm zu Christina zu gehen. Auch der Pfarrer ging mit. Christina lag
noch geradeso da, wie am Vormittage, das Gesicht zur Wand gerichtet.
Aldebrandino stellte sich zu Häupten des Bettes und beobachtete alles
genau. Da er nun kein Lebenszeichen mehr an ihr wahrnahm, auch kein
Atemholen mehr bemerken konnte, legte er noch einmal seine Hand auf
ihre Schulter und fand diese so starr, wie wenn der Tod eingetreten
wäre. Die Härte, die er wahrgenommen, brachte sein Herz zur Erweichung.
Doch schwieg er einstweilen still. Nachdem sie noch eine Weile
schweigend dagesessen, kam Christina in etwa zu sich, jedoch nicht so,
daß sie mit den Sinnen etwas wahrnahm, sondern bloß, daß sie atmete und
der Körper sich etwas regte. Da fügte es sich, daß sie den linken Arm
ausstreckte, wobei die Hand sich etwas öffnete. Als nun Aldebrandino,
der scharf aufpaßte, in der Handfläche das oben beschriebene purpurrote
Kreuzchen erblickte, rief er, von Rührung übermannt, laut aus: „Wehe
mir Ungläubigen! daß ich es jemals gewagt habe, wider eine solche
Heiligkeit zu reden! Nie habe ich so etwas gesehen, und keinem würde
ich es glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen geschaut! Wehe mir!
wie konnte ich so unsinnig sein, wider eine solche Heiligkeit zu reden!
Wahrlich, die ganze Welt vermag nicht, ein solches Kreuz zu bilden!“
Während Aldebrandino dieses und ähnliches aus Herzensdrang in großer
Aufregung sprach, weinten alle vor Rührung. Auch Aldebrandino weinte
bis zur Vesper, machte bald sich selbst Vorwürfe, pries bald Gottes
Wunderwerke und ging einher wie trunken im Geiste. Zur Vesperzeit
gingen alle zur Kirche. Als sie am Fronhofe vorbeikamen, trafen sie
die Aebtissin an der Türe des Hauses sitzen. Auf deren Frage, ob sie
Christina gesehen, sprach Bruder Aldebrandino: „Gottes herrliche und
wunderbare Werke haben wir heute geschaut. Nie hätte ich geglaubt,
daß solches zu unseren Zeiten geschehe.“ Und er erzählte dann den
ganzen Hergang. Am folgenden Tage, dem Feste des h. Jakobus, nahmen
die Brüder Abschied von der Aebtissin und sprachen dann, bevor sie
den Rückweg nach Cöln antraten, bei Christina vor. Sie war wieder im
gewohnten, natürlichen Lebenszustande. Petrus fragte sie unter anderm,
wie es gekommen, daß sie in den Schlamm geraten sei. Da erzählte sie
Folgendes: „Am Tage vor dem Feste der h. Christina ergriff mich, als du
weggegangen, ein solcher Schauer und eine solche Angst, daß ich nicht
wußte, was mit mir vorging. Um diese Beklemmung in etwa zu mildern,
legte ich mein Obergewand ab und machte die Betten meiner Mitschwestern
zurecht. Als ich das getan und auch so meine Beklemmung nicht gewichen,
ging ich aus dem Kämmerlein, worin ich mich mit meinen Mitschwestern
befand, hinaus und kniete nieder vor einer Kiste, die im größern Hause
stand, jedoch nahe an der Türe des Gemaches, aus dem ich herausgekommen
war. Während ich nun zu Gott betete, er möge meine Trübsal mildern oder
mir Geduld verleihen, sie zu ertragen, kam es mir plötzlich vor, als
komme durch die große, nach Morgen befindliche Türe des größern Hauses
eine schauerige, schwarze Wolke herangezogen, und umhülle meinen Kopf.
Was nun noch weiter mit mir geschehen ist, davon weiß ich nichts, bis
ich mich im Bette liegend gefunden habe.“
Neuntes Kapitel.
Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen,
im Advent und zu Weihnachten 1268. -- Seelenjubel, Besudelung.
Zu Allerheiligen lud der Pfarrer von Stommeln den Bruder Petrus und
den Bruder Aldebrandino ein, herüberzukommen. Schon tags vorher in
der Frühe machten sich die Beiden auf den Weg und kamen noch vor
der Messe in Stommeln an. Als sie zu Tische gerufen wurden, fragte
Aldebrandino, wo Christina sei. Man antwortete ihm, sie sei deshalb
nicht gekommen, weil sie der Andacht und dem Gebete obliege, da sie
am folgenden Tage zur h. Kommunion gehen wolle. Diese Entschuldigung
gefiel dem Aldebrandino sehr wohl. Am Allerheiligentage empfing
Christina während der h. Messe nach den übrigen die h. Kommunion
und ging dann ihrer Gepflogenheit gemäß auf ihr stilles Plätzchen
hinter dem Hochaltar, wo sie sich zur Danksagung in gewohnter Weise
hinstreckte und bis lange nach der Komplet verblieb. Nach der Non wurde
die Kirche geschlossen. Als die beiden Brüder mit dem Pfarrer zu Mittag
gespeist, gingen sie mit diesem zur Kirche, um sich dort an Christina
zu erbauen. Sie konnten jedoch nicht eintreten, weil der Küster mit
dem Schlüssel nicht zur Hand war. Während sie wohl eine Stunde lang
vor der Kirche warteten, vernahmen sie in der Kirche eine gar liebliche
Stimme, die zwar dem Petrus als eine menschliche erschien, jedoch der
Melodie nach und, was Schmelz und Zartheit anbelangt, menschliche
Singweise übertraf. Man hörte deutlich, daß es nur eine Stimme war
und daß die Töne, die süß wie Honigseim dahinflossen, sich zu einer
Melodie zusammenschlossen, ohne daß jedoch artikulierte Worte damit
verbunden waren. Als der Küster endlich gekommen war und die Kirche
aufgeschlossen hatte, gingen die drei hinein und fanden dort niemanden
als Christina. Sie lag noch an derselben Stelle, war empfindungslos und
starr am ganzen Körper und hatte das Gesicht mit dem Mantel bedeckt.
Der unterdessen verstummte Seelenjubel wurde nach einer Weile wieder
vernehmbar und die drei beobachteten, daß er aus Christinas Brust
herkam. In diesem Zustande blieb Christina bis zum Abendgottesdienste.
Abb. 5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.
Abb. 6. Gebetstäfelchen Christinas.
* * * * *
Tags darauf, am Allerseelentage, kam es durch die Mutter und eine
der beiden Schwestern des Pfarrers, jedenfalls Hadewig, zu einer sehr
aufgeregten Szene gegen Christina. Die beiden Dominikaner erachteten
es infolgedessen für ratsam, daß Christina auf einige Zeit nach Cöln
gehe, bis die Erbitterung sich gelegt. Dies geschah auch. Was die
Veranlassung zur Erregung gab, wird von Petrus nicht angegeben, ist
aber unschwer zu erraten. Der Sturm spielte sich im Pfarrhause ab.
Der Pfarrer war nicht wohlhabend. In seinem Hause sah es ärmlich aus.
Er hatte seine alte Mutter und zwei Schwestern bei sich, zudem wird
seine Wohltätigkeit gerühmt. Es ist daher begreiflich, daß es schwer
wurde, die Auslagen des Haushaltes zu bestreiten. Das mehrtägige
Verweilen der beiden Dominikaner im Pfarrhause nun wird wegen der damit
verbundenen Unkosten die besorgte alte Frau aufgebracht haben und die
Schuld hiervon schob sie in ihrem Unmut Christina zu. Hiermit stimmt
auch, daß Petrus bei seinem nächsten Besuche, der im Advent stattfand,
nicht im Pfarrhause einkehrte und daß er sich dreimal bitten ließ,
ehe er der durch Christinas Eltern erfolgten Einladung Folge gab. Die
Mutter des Pfarrers scheint sogar soweit sich vergessen zu haben, daß
sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Denn gegen Ende des Jahres 1269
schreibt Bruder Mauritius dem Petrus, die Mutter des Pfarrers und seine
Schwester, die wegen des Vorfalles mit dem Pfarrer zerfallen waren,
hätten sich mit ihm wieder ausgesöhnt und die übeln Nachreden, die sie
über ihn und andere geführt, als Verleumdungen, zu denen der Teufel sie
aufgestachelt habe, widerrufen und zwar bei denjenigen, vor denen sie
dieselben vorgebracht.[34] Nach dem Tode des Pfarrers jedoch hat seine
Mutter nochmals Vorwürfe gegen Christina erhoben, als ob diese daran
Schuld gewesen, daß der Pfarrer keine größere Barschaft hinterlassen
hatte.[35]
[34] _V. C._ 150.
[35] _V. C._ 81.
Mit den Seligen des Himmels hatte Christina am Allerheiligenfeste
in der Verzückung gejubelt. In den finsteren, langen Nächten des
Adventes sollte sie die tiefste Verdemütigung erdulden, die mit
Gottes Zulassung Satan ihr zufügen konnte. Satan, den der Herr als
unreinen Geist bezeichnet, hat sein Behagen am Schmutz jeglicher
Art. Im Lande der Gerasener erbat er sich, als er vom Herrn aus dem
Menschen ausgetrieben war, als besondere Vergünstigung die Erlaubnis,
in die unsaubersten aller Tiere, in die Schweine, fahren zu dürfen.
Besudelung des Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist,
verursacht ihm besonderes Behagen. Er ist es, der die Juden antrieb,
das Antlitz unseres Heilandes in der Leidensnacht mit unflätigem
Auswurf zu besudeln. Ist er es nicht, der jene verwegenen Diebe,
die in Kirchen einbrechen, um die hh. Gefäße oder die Opfergaben der
Gläubigen zu rauben, antreibt, dabei das Heiligtum in ekelhafter Weise
zu besudeln, wie es auffälliger Weise auch heutzutage fast bei jedem
Kirchendiebstahl festgestellt werden kann? Er hat auch Christina in
den Nächten des Adventes des Jahres 1268 in der ekelhaftesten Weise
mit Unrat besudelt. Hören wir den Bericht des Petrus, den wir jedoch,
weil er allzu umständlich ist, in Kürze wiedergeben: „Kurz vor dem
Advent, schreibt Petrus, kam Christinas Vater zu mir nach Cöln,
ließ mich ins Kapitelhaus der Brüder rufen und sprach: „Christina,
deine Tochter, läßt dich grüßen.“ Er machte den Eindruck der größten
Niedergeschlagenheit. Ich antwortete ihm: „Rede nicht also; denn sie
hat dich ja zum Vater.“ „Freilich, erwiderte er. Doch wenn du inniges
Mitleiden mit uns hast, so komme uns besuchen; denn wir sind in Gefahr.
Ein gar starker Feind ist bei uns angekommen, dessen Wut unsere Habe
nicht nur, sondern auch unser Leben gefährdet.“ Diese Worte bewogen
mich zum Mitleide, das ich jedoch zu verbergen suchte; denn ich
wußte, daß er an schwere Plagen gewohnt war und um einer Kleinigkeit
willen nicht zu mir würde gekommen sein. Doch entließ ich ihn mit den
Worten: „Gehe in Gottes Namen, der Herr möge euch trösten.“ Traurig
ging er weg, kam aber nach acht Tagen wieder und wiederholte mit
noch größerer Betrübnis seine Einladung. Ich entließ ihn wie früher
und betrübt schied er von dannen. Nach sechs Tagen kam er abermals,
suchte lange nach mir, und, nachdem er mich endlich gefunden, sprach
er wehmütig: „Meine Tochter bittet dich bei der Liebe, die du im
Herrn zu ihr trägst, zu ihr zu kommen. Auch ich und ihre Mutter bitten
inständigst darum, wenn du nicht willst, daß der Teufel unser ganzes
Anwesen durch Feuer zerstört.“ Diese Worte und noch mehr der rührende
Ausdruck, womit sie gesprochen wurden, machten Eindruck auf Bruder
Petrus. „Wenn ich Erlaubnis erhalte, so sprach er, will ich euch
gerne besuchen.“ Auf diese Antwort schöpfte der Mann etwas Mut und
entfernte sich. Petrus machte dem Bruder Aldebrandino Mitteilung von
der Bitte des Vaters der Christina. Dieser erbat und hielt denn auch
für sich und Petrus vom Prior Hermann von Havelbrecht die Erlaubnis
zur Reise nach Stommeln. Da aber für Aldebrandino Hinderung eintrat, so
erhielt Petrus zum Reisegefährten den Bruder Wipert von Böhmen aus der
polnischen Ordensprovinz. Am Donnerstage in der zweiten Adventswoche
gingen die Beiden nach Stommeln. Es regnete und die Wege waren stark
aufgeweicht. Erst spät am Abend kamen sie recht müde, wenn auch
fröhlichen Herzens, in Stommeln an und gingen ins Haus, wo Christina
war, bei der sie den Prior Gotfrid der Abtei Brauweiler nebst dem
P. Leonius, dem Kellermeister (_cellerarius_) derselben Abtei, sowie
den Pfarrer Johannes von Stommeln vorfanden. Christina saß im Bette;
denn sie konnte nicht liegen wegen der Plagen, die sie unablässig zu
erdulden hatte. „Wir grüßten sie, schreibt Petrus, und alle, die bei
ihr waren, und gingen dann wieder hinaus, um an dem Feuer, das vor
der Türe des Kämmerleins brannte, unsere Kleider zu trocknen. Da wir
nun so dasaßen und der Kellermeister, der sich zu uns gesetzt hatte,
seinen mit dem Stiefel bekleideten Fuß zum Feuer hin ausstreckte,
flog auf einmal vor unser aller Augen Kot auf den Stiefel des
Kellermeisters. Darüber erstaunten wir, die wir eben angekommen waren
und noch nicht wußten, was hier vorging. Der Kellermeister aber, der
ein beherzter Mann war, sagte zu uns: „Brüder, wir müssen uns an solche
Dinge gewöhnen.“ Kurz darauf hörten wir, daß auch jene im Kämmerlein
miteinander Klagereden führten. Und als wir nach der Ursache fragten,
vernahmen wir, daß der Teufel, wie er schon die ganze Adventszeit
hindurch getan, Christina eben besudelt habe. Auf diese unerwartete
Nachricht standen wir alle, die draußen waren, auf, gingen hinein und
fanden es so, wie man uns gesagt hatte. Ich stellte mich nun nahe vor
das Bett Christinas, der Prior aber zu Häupten des Bettes, nämlich
nach Osten, der Kellermeister zu Füßen, nach Westen, der Pfarrer neben
mich nach Norden. Die Wand, an der das Bett stand, war nach Süden.
So war das Bett gut mit Wächtern umstellt. Da geschah es nun unter
unsern Augen, daß Christina nach meiner Zählung mehr als zwanzigmal
auf verschiedene Weise am Gesichte, unter dem Schleier am Kopfe, und
an sonstigen Stellen des Körpers besudelt wurde. Mit Sonnenaufgang
hörte diese Plage auf. Der Prior kehrte mit dem Kellermeister nach
Brauweiler zurück und ich ging mit meinem Gefährten zur Kirche, um die
h. Messe zu lesen. Der Tag ging vorüber, ohne daß äußerlich eine Plage
oder Belästigung zu bemerken war. Als aber die Sonne untergegangen
war, und die Nacht mit ihrer Finsternis gekommen, da kehrte auch der
Geist der Finsternis zurück und besudelte Christina in der gleichen
Weise wie in der vorhergegangenen Nacht. Gegen Mitternacht fragte ich
Christina, ob sie den Teufel sehe, dessen unsaubere Werke wir alle
wahrnahmen. Sie antwortete bescheiden: „Ich sehe den Teufel immerfort,
wenn ich auch meine Augen schließe oder sie mit dem Schleier verhülle.“
Ich fragte sie weiter: „Wie sieht er denn aus?“ Sie erwiderte: „Es
ist unmöglich, zu beschreiben, wie vielfach und verschiedenartig die
Gestaltungen sind, die er annimmt. Augenblicklich sehe ich nur ein
scheußliches Gesicht, das einem menschlichen ähnlich sieht, nur daß es
zwei Hörner hat.“ „Wo siehst du ihn denn?“ fragte ich weiter. „Dort,
sprach sie, zwischen den beiden Mädchen“ und zeigte mit der Hand nach
der nördlichen Seite, wo Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers
Schwester, saßen, die, als sie das hörten, erschraken und voneinander
abrückten. Ich aber fragte Christina, ob der Teufel sich nicht
entfernen würde, wenn wir das Zimmer mit Weihwasser besprengten. Sie
sagte, er würde freilich fliehen, aber auch sogleich und zwar im selben
Augenblicke wieder zurückkehren. Beim Anbruche des Morgens hörten
die Besudelungen auf. Als nun die dritte Nacht kam, die Nacht vor dem
dritten Adventssonntage, kam der Teufel wieder und quälte und besudelte
Christina wie in den vorhergegangenen Nächten. Ich saß zu Häupten
des Bettes, Bruder Wipert am Fußende und der Pfarrer vor dem Bette.
Während wir miteinander sprachen, hörten wir alle ein Geräusch, das
unter der Bank herkam, auf der Wipert saß. Das Geräusch war ähnlich so,
wie wenn Eiweiß zu Schaum geschlagen wird. Bruder Wipert nahm seinen
Rohrstock, den er aus Toskana mitgebracht hatte -- er war nämlich erst
vor Kurzem vom päpstlichen Hofe hergekommen -- und stieß mit der Pike
des Stockes heftig und öfters nacheinander unter die Bank, indem er
sprach: „Nichtswürdiger Dämon, ich will dir die Augen ausstoßen.“ Das
Getöse jedoch ließ nicht nach. Da sprach Bruder Wipert zum Pfarrer:
„Teuerster, weißt du keine Beschwörungen, mit denen dieser böse Feind
hier ausgetrieben werden kann?“ Dieser erwiderte: „Ich weiß wenigstens
jene Beschwörung auswendig, die über die Täuflinge gesprochen wird.
„_Ergo maledicte diabole recognosce sententiam tuam_“ u. s. w. Da
sprach Wipert: „Sage sie mir vor, so will ich sie dir nachsprechen in
der Meinung, daß wir diesen unreinen Geist verscheuchen.“ Da sie so
miteinander überlegten, sprach Christina zu mir: „Worüber sprechen
jene? Was haben sie vor?“ Ich antwortete: „Sie wollen den Teufel
beschwören, daß er weichen soll.“ Sie erwiderte: „Saget ihnen, sie
sollten sich gegen Gottes Zulassungen keine vergebliche Mühe machen;
denn ich muß dieses erdulden, so lange Gott will.“ Bruder Wipert hörte
das, blieb aber nichtsdestoweniger bei seinem Vorhaben. Als die Beiden
mit der Beschwörung nahezu ans Ende gekommen, entstand ein starker
und furchtbarer Knall im Kämmerlein, wie wenn eine mit Luft gefüllte
Blase zerplatzt wäre. Im selben Augenblicke erlosch die Lampe, die zwei
Ellen hoch über mir stand. Wipert sprang vor Schrecken auf und wollte
hinausgehen. Doch mitten im Zimmer kam der Teufel auf ihn zu, versetzte
ihm einen Schlag aufs Auge und übergoß ihn mit Unrat. Wipert schrie:
„Wehe mir, ich habe ein Auge verloren.“ Dem war jedoch nicht so. -- Und
er lief aus dem Kämmerlein hinaus ans Feuer, wo warmes Wasser stand,
um sich zu reinigen. Unter diesen und ähnlichen Quälereien ging diese
peinliche Nacht vorüber. Bei Tagesanbruch beteten wir die Mette und
darnach die Prim im Kämmerlein bei Christina. Als wir geendigt, sprach
ich zu Christina: „Gedenkst du heute die h. Kommunion zu empfangen, wie
du gestern es mir gesagt?“ -- „Ja,“ erwiderte sie. „Nun denn, sprach
ich zu ihr, so hüte dein Herz mit aller Sorgfalt, daß du an nichts
anderes denkst als an Jesus, den du empfangen willst.“ Sie erwiderte:
„Es würde mir schwerfallen, an etwas anderes zu denken.“ Darauf gingen
wir zur Kirche. Wir beide Brüder lasen die h. Messe und währenddessen
trug der Pfarrer Christina die h. Kommunion. Mittags speisten wir beim
Pfarrer und gingen dann, bevor wir die Rückreise nach Cöln antraten,
zu Christina. O wie hatte die Hand des Herrn hier alles umgewandelt!
Es herrschte der lieblichste Wohlgeruch statt des abscheulichen
Gestankes, die süßeste Ruhe statt Mühsal und Schmerz, Lob und Jubel
statt Betrübnis und Angst, Anstand und Sauberkeit statt ekelhaften
Schmutzes. Im Kämmerlein trafen wir Hilla vom Berge, Hilla, Christinas
Schwester, Hilla von Ingendorf und Gertrud, des Pfarrers Schwester.
Sie waren die Zeugen unserer Betrübnis gewesen, sie waren nun auch die
Zeugen unserer Tröstung. Christina war in Verzückung, ohne jegliche
Regung und Empfindung. Alle sahen mit Erbauung das Zeichen des Kreuzes
in der linken Hand der Jungfrau. Es war ein dreifaches Kreuz, da der
Querbalken des Hauptkreuzes an beiden Enden in ein kleineres Kreuz
ausmündete. Die Brüder schieden von dannen; Christina aber, entrückt
wie sie war, wurde nichts von ihrem Abschiede gewahr.