auf den Passionssonntag fiel, am vorhergehenden Samstage gefeiert.
An diesem Samstage traf Bruder Petrus zu seinem dritten Besuche in
Stommeln ein. Er war diesmal begleitet von Bruder Karl, der von Paris
gekommen war und im Begriffe stand, über Cöln nach seiner Heimat
Dazien zurückzureisen. Petrus hatte ihm von Christina erzählt und ihm
auch die beiden schrecklichen Nägel gezeigt, die der Teufel ihr ins
Fleisch hineingetrieben hatte. Bruder Karl wurde darob so ergriffen,
daß er gar sehr Christina zu sehen wünschte. Auch erbat er sich von
Petrus einen der Nägel zum Geschenke. Petrus gab ihm den kleinern. Nach
erhaltener Erlaubnis machten die Brüder sich am Nachmittage des 24.
März auf den Weg, kamen nach der Komplet in Stommeln an, und kehrten
im gastlichen Pfarrhause ein, wo sie auch die Nacht zubrachten. Als sie
nach dem Abendbrote miteinander plauderten, fragte Petrus den Pfarrer,
wie man es wohl einrichten könne, daß man Bruder Karl, der gar sehr
darnach verlange, Christina kennen zu lernen, seinen Wunsch erfüllen
könne. Freundlich entgegnete der Pfarrer: „Ladet sie morgen ein, mit
euch zu speisen.“ Ich erwiderte: „Es steht mir nicht zu, jemanden
einzuladen.“ Darauf sagte der Pfarrer. „Sie wird lieber kommen,
wenn ihr sie einladet.“ Ich lud sie denn auch, schreibt Petrus, am
folgenden Morgen ein. Da wir nun zu Tisch gehen sollten, fanden wir sie
dastehen, bereit, uns Wasser über die Hände zu gießen. Während sie uns
zum Händewaschen einlud, kamen mir unwillkürlich die Worte Elisabeths
in den Sinn: „Woher mir dieses, daß die Mutter meines Herrn zu mir
kommt?“ Doch ließ ich die Dienstleistung geschehen, um Christinas Demut
und ihren frommen Sinn nicht zu beschämen. Weil der Pfarrer uns am
vorhergehenden Abende gesagt hatte, in Christinas Handfläche sei das
Zeichen des Kreuzes erschienen, suchte ich bei Tisch ihre linke Hand
zu beobachten. Es gelang mir jedoch nicht zu sehen, was ich wünschte.
Als wir aber nach Tisch am Herdfeuer saßen nach Sitte der Deutschen,
bat mich Christina, ihr etwas von Gott zu reden. Ich erklärte ihr
also die vier oder drei hauptsächlichen Eigenschaften der Serafin
nach dem seligen Dionysius;[30] denn ich wußte, daß sie gerne von der
Liebe Gottes reden hörte. Darob wurde sie so ergriffen, daß sie die
Magd ihrer Mutter, die zu ihr geschickt worden war und sie dreimal
angeredet hatte, nicht bemerkte und ihr keine Antwort gab. Ich hielt
nun eine Weile inne und sprach zu ihr: „Warum hast du der Magd deiner
Mutter keinen Bescheid gegeben?“ denn ich kannte damals ihr Wesen nicht
hinlänglich. Sie erwiderte: „Wenn auch die ganze Habe meiner Mutter in
Gefahr wäre, so wäre es mir doch augenblicklich unmöglich, mich damit
zu befassen.“ Während sie nun so im Geiste ergriffen war, öffnete sie
ihre linke Hand und ich erblickte in ihr etwas, wie ich es in meinem
Leben nicht gesehen hatte ... In der weißen Hand der Jungfrau sah
ich das Kreuz unseres Herrn von blutroter Farbe. Es war aber nicht
wie mit Farbe oder Blut aufgemalt, sondern durch sichtbare Wunde in
das Fleisch eingeprägt, und zudem mit zierlichen Blümchen geschmückt.
Bruder Karl sah auch das Kreuz und war von allem, was er gesehen und
gehört, höchlich erbaut. Am folgenden Tage gab er der Jungfrau zum
Zeichen besonderer Verehrung sein schönes, kleines Psalterium, das er
zu Paris für sich gekauft hatte, da er vernommen, daß der Teufel ihr
letzthin am Tage Pauli Bekehrung ihr Psalmenbuch, das einzige, das sie
besaß, mit Gewalt aus der Hand gerissen und verschleppt hatte. Lächelnd
bemerkte ich dazu: „Gott will mehr geben, als der Teufel rauben kann,“
zog dann mein kleines Diurnale hervor, das mir Bruder Absalon seligen
Angedenkens, der Provinzial von Dazien, in meinem Noviziate geschenkt
hatte, und sprach: „Schau, da der Teufel dir ein Buch genommen, so gibt
Gott dir dafür zwei.“ Dabei überreichte ich ihr das Diurnale und wir
schieden recht erbaut von dannen.
[30] Pseudodionysius, _De caelesti hierarchia. cap. 7_.
Die Betrachtung des Leidens Christi war Christinas liebste
Andachtsübung. Sie brachte ihr immer Trost und Erquickung. Kein Wunder,
daß Satan ihr diese Andacht zu verleiden suchte. Er quälte sie, wie
der Pfarrer Johannes berichtet,[31] in dieser Fastenzeit mit einer
langwierigen Versuchung wider den Glauben an das Leiden Christi. Es
kam ihr der Gedanke, Gott habe überhaupt nicht gelitten. Wenn sie in
die Kirche eintrat und das Kreuz erblickte, dachte sie bei sich: „Das
ist ein Bild, was soll dies? Es liegt nichts wahres zu Grunde.“ Sie
hatte großes Leidwesen über diese Versuchung, und ihr Herz mühte sich
ab in der Bekämpfung dieser Zweifel. Dann sprach der Versucher zu ihr:
„Glaubst du, dein Gott habe gelitten? Es ist nicht wahr. Alles, was
man davon erzählt, ist erlogen, mögen die Geistlichen sagen, was sie
wollen.“ Wenn sie die h. Kommunion empfing, blieb sie ohne Erquickung
und beim Gebete verspürte sie keinen Trost. Am Donnerstage nach dem
Weggange der beiden Brüder, es war acht Tage vor dem Gründonnerstage,
betete sie, als sie der Mette beiwohnte, also zum Heilande: „O mein
Geliebter, du bist allzeit mein Helfer gewesen und du weißt, daß dein
Leiden immer für mich ein Trost war, befreie mich nun von dieser
Plage; denn ich kann diesen Unglauben nicht länger ertragen.“ Und
alsbald zeigte sich an ihrem ganzen Haupte etwas wie eine Dornenkrone.
Diese wurde ihr so eingedrückt, daß über Gesicht und Hals das Blut
herabfloß und alsbald kam sie außer sich. Als sie wieder zu sich kam,
war jene Versuchung verschwunden. Von diesem Augenblicke an bis Ostern
konnte sie an nichts anderes denken als an das Leiden des Herrn. Am
Gründonnerstage fing sie abends spät auf einmal an beängstigt zu werden
und am ganzen Körper zu zittern. Blutstropfen begannen schließlich
von ihrem Körper zu rinnen. Die Angst war so groß, daß sie glaubte,
alsbald sterben zu müssen, und dieser Zustand dauerte bis zur Non, d.
h. bis drei Uhr nachmittags des Karfreitags. Da öffneten sich die fünf
Wundmale und zwar an ihrer Seite, an den Füßen und den Händen, und am
Haupte erschien die Dornenkrone. Auch wurde sie mit Galle getränkt, und
ihr Mund war davon mit solcher Bitterkeit erfüllt, daß sie keinerlei
Speise verkosten konnte. Sie lag da wie halbtot jene Tage hindurch bis
zum Ostertage, wo sie in solchen Seelenjubel eintrat, daß es wunderbar
war. Seit jener Zeit kam sie, so oft sie an das Leiden des Herrn dachte
oder davon reden hörte, jedesmal, wenn nicht gerade besondere Prüfungen
sie heimsuchten, außer sich. Auch hatte sie hinfort eine solche innere
Erleuchtung, daß die h. Schrift ihr besser verständlich wurde. Zudem
glaubte sie von Gott alles erlangen zu können, was sie begehrte. Wenn
jemand mit ihr ein Gespräch anknüpfte, so erkannte sie innerlich, in
welcher Absicht dies geschah.
[31] _V. C._ 121-123.
Hören wir nunmehr den Bericht des Bruders Petrus über die
Stigmatisation Christinas. Am Karsamstage sagte ihm der Prior, er solle
mit Bruder Gerhard vom Greif nach Stommeln gehen; denn der Pfarrer
hatte um Aushülfe gebeten. Freudig gehorchte Petrus und er machte
sich mit seinem Gefährten nach Tisch auf zu seinem vierten Besuch in
Stommeln. Als sie ins Pfarrhaus eintreten wollten, kam ihnen die Mutter
des Pfarrers, eine hochbetagte Frau, entgegen und sagte zu Petrus,
den sie von früher ja kannte: „Liebster Sohn, schade, daß du gestern
nicht hier warest. Du hättest Gottes Wunderwerke geschaut, wenn du hier
gewesen wärest.“ Gleichsam scherzend entgegnete Petrus: „Vielleicht
kann ich morgen auch dergleichen sehen.“ -- „Nein, sagte sie, niemals
ist in unserer Zeit auf dieser Erde so etwas gesehen worden und wird
auch wohl nicht mehr gesehen werden.“ Da ich merkte, schreibt Petrus,
daß sie etwas Wichtiges uns mitteilen wollte, fragte ich sie: „Was ist
denn Neues geschehen, wovon du soviel Aufhebens machst?“ Da begann sie
zu erzählen und sprach: „Gestern sind an einem Mädchen hier im Dorfe
die Zeichen des bitteren Leidens deutlich erschienen“ und sie fügte
dann noch einiges über die Umstände des Vorganges hinzu. Petrus wurde
darob sehr gerührt und wäre am liebsten sofort zu Christina ins Haus
der Aleidis gegangen. Allein sein Gefährte war zu müde, um mit ihm
gehen zu können. Am Ostertage ging Christina ganz in der Frühe zur h.
Kommunion. Nach Tisch gingen der Pfarrer und Petrus zu ihr. Sie lag zu
Bett und hatte das Gesicht sorgfältig mit dem Schleier bedeckt. Petrus
hatte von der Mutter des Pfarrers gehört, Christinas Gesicht sei ganz
blutig unterlaufen, wie wenn es mit Stöcken wäre zerschlagen worden.
Er setzte sich deshalb zu Füßen des Bettes, um womöglich einen Blick
auf das Gesicht tun zu können. Der Pfarrer, der sich zu Häupten gesetzt
hatte, begann zu Christina zu reden vom Osterlamme; denn dieses habe
sie am Morgen genossen. Und als die Beiden hierüber einige herzliche
Worte wechselten, traf es sich, daß Christina sich räuspern mußte,
wobei sie den Schleier etwas lüftete. Da ich am Fußende saß, schreibt
Petrus, sah ich ihr Angesicht unter dem Schleier, und wahrlich, es war
nicht wie das Angesicht eines Engels, sondern eher wie das Angesicht
des ewigen Hohenpriesters, und gar wehmütig anzuschauen. Denn es war
ganz blutrünstig, ja fast schwarz. Bald darauf sah ich es noch einmal
und meine Augen wurden starr beim Anblicke. Staunen ergriff mich und
ein wunderbares Mitleiden mit dem leidenden Heilande ergriff meine
Seele.... Ich ging nun mit dem Herrn Pfarrer zur Kirche, um die Vesper
zu halten. Nach Landesbrauch war die Vesper schon früh nachmittags
beendigt, sodaß man kaum sagen konnte „_Quoniam advesperascit_“ (es
will Abend werden), und der Pfarrer ging mit Bruder Gerhard abermals
zu Christina. Petrus folgte ihnen. Auf dem Wege trafen sie noch zwei
andere Brüder, nämlich Johannes von Muffendorf und Nikolaus, die
wahrscheinlich auf einem benachbarten Dorfe zur Aushülfe gewesen waren.
Diese vier Brüder nun gingen mit einigen anderen frommen Personen zu
Christina, um sie zu begrüßen, hielten sich indes dort nicht lange
auf. Es wurde aber bestimmt, daß am folgenden Tage Bruder Gerhard und
Bruder Johannes beim alten Vogt, Bruder Nikolaus hingegen und Bruder
Petrus bei Christina speisen sollten. Am Ostermontag nun gingen Bruder
Nikolaus und Bruder Petrus nach dem vormittägigen Gottesdienste zur
Wohnung Christinas, beteten dort mitsammen in ihrer Gegenwart die
Tagzeiten vom h. Geist und von der allerseligsten Jungfrau und setzten
sich dann vor Christinas Bett zum Essen nieder. Während wir nun mit ihr
aßen, schreibt Petrus, habe ich dreimal in ihren Händen die Wundmale
Christi beobachtet. Mitten in der inneren Fläche einer jeden Hand sah
ich eine Wunde. Sie war rund, hatte den Umfang eines Sterlings, das
rohe Fleisch war sichtbar, und nicht sah sie aus wie gemalt, sondern
sie war in etwa ins Fleisch hineingedrückt. So sahen die Wunden auch
die ganze Osteroktav hindurch aus mit dem Unterschiede, daß sie jeden
Tag etwas kleiner wurden. Auch auf dem Rücken der Hand war eine Wunde,
die sich der inneren gegenüber befand, ihr an Größe entsprach und
so aussah, als ob sie die Spur eines die Hand durchdringenden Nagels
gewesen wäre.
Christina selbst sprach kein Wort mit Petrus über die Wundmale.
Petrus aber verhörte sorgfältig im einzelnen Christinas Vertraute,
die alles gesehen und gehört hatten, über den Vorgang und zwar Hilla
vom Berge, des Pfarrers Schwester Gertrud, die blinde Aleidis und
eine andere Jungfrau weltlichen Standes aus Stommeln. Diese alle
bekundeten übereinstimmend Folgendes: Am Gründonnerstage, als die Mette
vom Karfreitag beendigt war, zur Zeit der Abenddämmerung, geleiteten
wir Christina zur Wohnung der Aleidis. Da begann sie in einer uns
ungewohnten Weise zu reden und sprach: „Geliebte Gefährtinnen, ich
weiß nicht, was mit mir vorgeht.“ Und als sie das gesagt hatte, begann
sie zu zagen und innerlich bestürzt zu werden. Die Angst nahm derart
zu, daß sie kurz vor Mitternacht Blut schwitzte, und diese Bestürzung
dauerte fort bis zum folgenden Tage, wo wir wegen des Gottesdienstes
alle zur Kirche gingen. Die Aleidis aber, die wegen ihrer Blindheit
und Körperschwäche allein bei Christina zurückgeblieben war, sagte
Folgendes: „Ich habe ein Krachen gehört, wie wenn ein Mensch derart
ausgereckt würde, daß alle Knochen aus den Gelenken gerissen würden.
Auch habe ich Stimmen und Worte gehört, die ich in meinem Leben nicht
offenbaren werde.“ Nach der Osteroktav ging Petrus mit Gerhard vom
Greif wieder nach Cöln zurück.
Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die
mit Christi Wundmalen hienieden bezeichnet wurde. Allgemein bekannt
ist diese Auszeichnung vom serafischen Patriarchen, dem h. Franz
von Assisi. Weit häufiger jedoch als in der Männerwelt tritt diese
Erscheinung bei gottseligen Personen des weiblichen Geschlechtes
uns entgegen. Kein Wunder. Das Uebernatürliche baut sich ja auf das
Natürliche auf. Das Weib hat nun aber ein reicheres Gemütsleben als der
Mann; die Liebe und das Mitleid sind mithin bei ihm weit lebhafter als
beim Manne. Die Wundmale aber sind der äußere Ausdruck der innigsten
Liebesvereinigung mit dem gekreuzigten Heiland, des herzlichsten
Mitleidens mit der grausamen Marter, die er aus Liebe zu uns erduldet
hat. Dieses Mitempfinden ist derartig lebhaft, daß nicht bloß die Seele
ganz und gar davon durchdrungen, sondern das ganze Wesen des Menschen,
mithin auch der Leib, davon ergriffen wird. Und so wird denn durch
die Glutpfeile der göttlichen Liebe nicht bloß die Seele verwundet,
sondern auch der Körper dem Gekreuzigten verähnlicht; es treten die hh.
Wundmale an ihm in die Erscheinung.
An das Wundmal der Dornenkrone erinnert eine merkwürdige Färbung
des Stirnbeins der seligen Christina, die in einem kranzförmigen,
grünlichen, mit roten Punkten durchsetzten Geäder von Fingerbreite
besteht. Wie das Geäder des Marmors erst dann klar zutage tritt,
wenn er geschliffen wird, so ist auch dieser grünlichrote Streifen
erst dann bemerkt worden, als der Schädel Christinas, der alljährlich
am 6. November den Gläubigen zum Kusse dargeboten wird, infolge der
jahrhundertelangen Verehrung glatt und blank geworden war. Peter Lull,
der um 1680 in Jülich war, spricht zuerst von diesem grünlichen Kranze
in seinem Büchlein „_Lilium inter spinas_“ und P. Steinfunder aus Essen
beschreibt ihn genau in zwei an den Bollandisten Papebroch gerichteten
Briefen, von denen der eine im Jahre 1685, der andere im Jahre 1692
geschrieben wurde. Wie Steinfunder, so erklärte auch Josef von Görres
in seiner Mystik[32] diese Erscheinung damit, daß die bei Lebzeiten
erhaltene Dornenkrone bis zur Knochensubstanz des Schädels vorgedrungen
sei. Wegen ihrer Merkwürdigkeit wurde sie im Titelblatt in Farbendruck
wiedergegeben.
[32] Bd. II. S. 415.
Achtes Kapitel.
Drei weitere Besuche des Petrus an den Festen Kreuzauffindung, Pfingsten
u. Maria Magdalena.
Am Tage vor dem Feste des h. Martyrers Petrus von Mailand, der im
Jahre 1252 den Tod erlitten und im Jahre 1253 von Innocenz IV. heilig
gesprochen worden war, wurde Bruder Petrus, was ihm selten geschah,
im Kloster zu Cöln an die Pforte gerufen, und unter den Personen, die
da mit ihm sprachen, befand sich auch Christina. Aus Andacht war sie
zu dem Feste nach Cöln gekommen, um die Dominikanerkirche zu besuchen
und des Ablasses teilhaftig zu werden. Bruder Petrus sagte ihr, Bruder
Mauritius habe ihn ersucht, auf einige Tage mit ihm auszugehen, worauf
Christina die Beiden einlud, nach Stommeln zu kommen.
Am Tage vor dem Feste Kreuzauffindung gingen nun beide Brüder nach
Stommeln, wo sie freundliche Aufnahme fanden. Am folgenden Tage
erklärte Bruder Petrus nach Tisch in Gegenwart einer ziemlichen Anzahl
von Personen die Stufen der Betrachtung nach Richard von Sankt Viktor,
wobei Christina große Freude empfand. Nach dem Vesperbrot wünschten
mehrere einen Spaziergang zu machen bis zu einem gewissen Wasser.
Man machte sich auf den Weg und ging paarweise wie in Prozession.
Petrus ging mit Christina und die Beiden unterhielten sich über die
Süßigkeit Gottes. Unter anderem fragte Christina den Petrus, wie es
komme, daß einige Priester schneller, andere langsamer die h. Messe
läsen. Petrus antwortete mit einem Gleichnis: „Wenn jemand, sprach
er, den Mund voller Mohnsamen nimmt und die Süßigkeit jedes einzelnen
Körnchens verkosten will, so muß er länger kauen und braucht deshalb
mehr Zeit wie einer, der sie ganz herunterschluckt. So auch muß jener,
der die Süßigkeit der einzelnen honigfließenden Worte des Kanons
verkosten will, diese etwas langsamer aussprechen.“ Die Erklärung
gefiel Christina und sie stellte alsbald eine andere Frage: „Guter
Bruder Petrus,“ sprach sie, „nimm mir meine Frage nicht übel. Wie ist
es dir, wenn du Messe liesest?“ Petrus antwortete: „Wohl, sehr wohl.“
Daraufhin kniete Christina mit beiden Knien nieder und neigte sich mit
dem Angesichte tief bis zur Erde hin. Nachdem sie sich wieder erhoben,
wurde der Rückweg nach Stommeln angetreten, wo unterdessen noch zwei
andere Dominikaner, nämlich Bruder Heinrich von Bedburg (_beitbur_) und
sein Begleiter eingetroffen waren. Die Gesellschaft speiste zu Abend
und ging dann mit Christina in den Baumgarten, der an das Speisezimmer
anstieß. Auf die Bitte der Gesellschaft erklärte Petrus die Stelle aus
dem Hymnus von den hh. Jungfrauen: „_Post te canentes cursitant_, d.
h. Sie folgten dir lobsingend nach.“ Darauf sprach er von der Größe und
Weite des Himmels und bezog sich auf die Schriftstelle „_O Israel, quam
magna est domus Dei_, d. h. O Israel, wie groß ist Gottes Haus“[33]
und auf des Ptolomäus Darlegungen über den Lauf der Gestirne. Während
Petrus sprach, kam Christina in Verzückung. Als Petrus dies bemerkte,
hielt er inne. Etwa zwölf Personen, darunter mehrere Geistliche, saßen
im Kreise beisammen und beobachteten den Vorgang, der für manche etwas
neues war. Die Geistlichen nannten ihn Entzückung (_raptus_). Christina
blieb in der Entzückung so ziemlich vom Untergange bis zum Aufgange der
Sonne. Die Brüder aber gingen am Morgen wieder nach Cöln zurück.
[33] Baruch 3, 24.
Zum Pfingstfeste kam Bruder Petrus mit Bruder Gerhard vom Greif zum
sechsten Besuche nach Stommeln. Am Pfingstmorgen empfing Christina nach
den übrigen Gläubigen während der h. Messe die h. Kommunion und begab
sich dann in den hinter dem Hochaltar befindlichen Raum, wo sie bis
lange nach der Komplet blieb. Sie lag dort in der bereits beschriebenen
Körperhaltung, wie sie bei den Cölner Beginen üblich war und die nicht
unähnlich ist jener durch Madernas Marmorbild verewigten Haltung, in
der Sankt Cäcilias Leichnam ins Grab gebettet wurde. Sie hatte das
Gesicht mit dem Schleier und die Hände mit dem Mantel bedeckt, war ohne
alle Empfindung gegenüber der Außenwelt und am ganzen Körper starr. Sie
war in Verzückung. Als nun die Vesper und im Anschluß an sie auch die
Komplet gesungen wurde, und der Psalm: „_Ecce unc benedicite Dominum_,
d. h. Wohlan, nun preiset alle den Herrn“ angestimmt wurde, kam auf
einmal vor den Augen des Volkes ein in ein Täschchen gehülltes Buch von
der westlich im Turme befindlichen Eingangstüre durch die ganze Kirche
geflogen, prallte gegen die nach Morgen gelegene Chorwand deutlich
vernehmbar an und fiel dann mit Geräusch zu Füßen des Bruders Petrus
nieder, der mit seinem Begleiter Gerhard und dem Pfarrer im Chorgestühl
saß. Die drei meinten im ersten Augenblicke, die an der Südseite
gegenübersitzenden Schulknaben hätten das Geräusch verursacht. Doch da
sahen sie das Buch vor sich auf dem Boden liegen. Der Pfarrer erkannte
es sofort wieder als das Psalmenbuch, das von unsichtbarer Hand am Tage
Pauli Bekehrung der Christina entrissen worden war; denn er hatte es
selbst geschrieben und er kannte auch das Buchtäschchen. Er sprach zu
Bruder Petrus, er möge das Buch aufheben. Petrus tat dies und reichte
es dann an Bruder Gerhard vorbei dem Pfarrer. Dieser besah es und sagte
dann in der Ausdrucksweise des Landes: „Bei der Seele meines Vaters,
das ist das Buch der Christina!“ Die das Buch umhüllende Tasche war naß
und übelriechend, wie wenn sie in einer Kloake gelegen. Er zog das Buch
aus dem Täschchen, wobei der Aermelsaum seines Röckleins naß wurde, das
Buch aber war ganz unverletzt und wohl erhalten. Darüber wunderten sie
sich. Ein gewisses Feuer der Andacht durchzuckte die drei, sie sprachen
den unterbrochenen Psalm bis zu Ende und stimmten dann mit erhöhter
Stimme den Hymnus der Komplet „_Veni creator spiritus_“, wie es damals
nach Cölner Brauch üblich war, an und sangen denselben so feierlich,
daß die mit Menschen besetzte Kirche sich darüber verwunderte. Nach
der Komplet hielt dann Bruder Gerhard eine Ansprache an das Volk und
zeigte ihm auch das Psalmenbuch und das Buchtäschchen. Christina
aber lag währenddem noch immer in Verzückung. Von den Leuten aber
kam niemand auf den Gedanken, daß etwa irgend ein loser Bursche das
Buch in die Kirche hätte hineinwerfen können. Auch die Brüder, die
sich noch vier Tage in Stommeln aufhielten, sowie der Pfarrer konnten
nichts derartiges in Erfahrung bringen. Christina aber stieg seit jenem
Vorgange, der viel besprochen wurde, im Ansehen der Leute, die sagten:
„Nun haben auch wir einmal etwas von den wunderbaren Dingen Christinas
mit eigenen Augen gesehen.“
Im Dominikanerkloster zu Cöln befand sich in jener Zeit ein Bruder aus
der Provinz Toskana in Italien namens Aldebrandino (Hildebrand), der
in der Wissenschaft wohl gebildet und ein tüchtiger Prediger war. Auch
er hörte von Christina, und da er wußte, daß Bruder Petrus sie näher
kannte, ersuchte er ihn, mit ihm nach Stommeln zu gehen. Petrus war
aber, wie er bemerkt, auch mit den Einwohnern von Stommeln ziemlich
bekannt, namentlich aber mit der Herrin des Ortes, der Aebtissin
Geva von St. Cäcilien in Cöln, die eine Gräfin von Virneburg war. Am
22. Juli, einem Sonntage, dem Feste der h. Maria Magdalena, gingen
die beiden nach erhaltener Erlaubnis, nicht aus Neugier, sondern aus
Andacht nach Stommeln. Sie kamen dort an zur Zeit der Vesper und gingen
deshalb zunächst zur Kirche. Nach dem Gottesdienste begrüßten sie ihre
Freunde und gingen dann zu den Wohnungen, die ihnen angeboten worden
waren. Kurz nachher kam auch die Aebtissin Geva mit ihren Mägden an.