Der größte Teil der an Christina verübten Quälereien ist jedoch

visionären Charakters, vollzog sich im Innenleben Christinas und war

für andere nicht wahrnehmbar. Darüber belehrt uns Christina selbst.

Denn sehr häufig betont sie, man solle nicht glauben, daß die von ihr

berichteten Vorgänge sich alle tatsächlich ereignet hätten, sie teile

seelische Empfindungen mit, sie habe Zustände inneren Leidens und

Kämpfens gehabt, die so auf sie einwirkten, als hätten sich die Dinge

wirklich zugetragen.[27] Diese Quälereien erfolgten regelmäßig durch

lebhaft in die Erscheinung tretende und auf das Vorstellungsvermögen

einwirkende Bilder.

[27] _=Putabam= me sanguineas sudare guttas (V.C. 71); =Videbatur=

mihi quod totum corpus meum combureretur (72); =Videbatur= mihi

quidquid oraovi quod in nomine daemonis orarem (73); =quasi=

flamma apparuit, =quasi= hoc emitteret in os meum ... =quasi=

cupiens me devorare (86); =videbatur= ei, quod aperiretur abyssus

(137); angelos ... =corporalibus oculis non videbat=, sed ...

angelorum consolationes =in corde suo spiritualiter et veraciter

cognoscebat= (109); eam daemones =in corde= taliter illudebant,

quod ad spectaculum tormentorum suorum multitudinem populi adesse

=credebat= (171); =non visibiliter sed in corde sensibiliter=

diversa tormentorum genera sustinuit (20); singula tormentorum

genera vehementi cordis impetu pertransivit, =nec minor erat

cruciatus et dolor, quam si omnia corporaliter pateretur= (201)._

Bei einer Anzahl von Belästigungen geschah die Einwirkung auf das

Vorstellungsvermögen nicht durch Bilder, sondern durch Truggestalten,

die dem körperlichen Auge wahrnehmbar waren. Um derartige Vorgänge

handelt es sich, wenn Christina hier und da beteuert, dieselben seien

nicht bloß innerlich gewesen, sondern hätten sich auch äußerlich

abgespielt.

Es kommen im Seelenleben Christinas mitunter auch gestaltlose

Einwirkungen vor, wie sie den sogenannten Verstandesvisionen eigen

sind, die in unmittelbarem Verkehre himmlischer Geister oder Gottes

selber mit der menschlichen Seele bestehen.

Auch verdient hervorgehoben zu werden, daß, wiewohl im Leben Christinas

zeitweise das Dämonische so stark in den Vordergrund tritt, doch

nirgendwo sich etwas findet, was mit dem in späterer Zeit auftretenden

Hexenwahn irgendwie verwandt wäre.

Schließlich sei noch auf den bisher von niemanden beobachteten

Nebenumstand hingewiesen, daß Christina im Gegensatz zu ihrer Umgebung

den bösen Feind niemals als Teufel (_diabolus_) bezeichnet; sie bedient

sich stets des gewählteren Ausdruckes Dämon, was einerseits von der

Zartheit ihres Empfindens, andererseits aber auch von der Genauigkeit

der Berichterstattung Zeugnis ablegt.

Fünftes Kapitel.

Erster Besuch des Petrus von Dazien bei Christina im Advent 1267.

Kehren wir nunmehr zu Christina zurück, die wir im Advent des Jahres

1267 im Pfarrhause zu Stommeln zurückgelassen haben, wo sie den ersten

Besuch des Dominikanerpaters Petrus von Dazien erhalten sollte. Wie

das kam, soll uns Petrus selbst erzählen. „So weit meine Erinnerung

reicht, schreibt Petrus,[28] hatte ich seit meiner frühesten Kindheit

allezeit eine innige Freude, wenn ich etwas hörte von dem Leben,

den Tugenden, den Leiden und dem Tode der Heiligen und besonders

von Jesus, unserem Herrn, und seiner glorreichen Mutter. Wenn ich

dann über das Gehörte nachdachte, so brachte das meinem Herzen viele

Tröstungen. Infolgedessen fing ich schon damals an, die Welt mit ihren

Lüsten geringzuschätzen und öfters sprach ich mit meinen leiblichen

Brüdern darüber, wie wir die Welt verlassen möchten. Dabei entstand

in meinem Herzen eine besondere Sehnsucht. Ich verlangte und wünschte

nämlich, der Herr möchte mir mit seiner Gnade behülflich sein, irgend

einen seiner Diener kennen zu lernen, durch den ich den Wandel der

Heiligen nicht bloß in Worten, sondern in Tat und Beispiel sicher

und klar erlernen könnte.... Unter diesem Sehnen flossen viele Jahre

dahin, wie ich meine, wohl über zwanzig Jahre. In dieser Zeit hat nun

freilich der Herr mir mehrere Personen beiderlei Geschlechtes gezeigt,

an denen ich mich oft erbaut habe. Doch wurde durch sie niemals mein

Verlangen gesättigt. Je mehr ich solche fromme Seelen antraf, desto

mehr sehnte ich mich wieder nach andern. Denn in keiner fand ich, was

ich suchte, und mein Sehnen blieb ungestillt. Endlich hat der Vater

der Erbarmungen ... mich ganz unerwartet eine solch fromme Seele, die

ich suchte, finden lassen. Eine aus vornehmer Familie entsprossene

Frau namens Alfradis, die einen Mann, der ebenfalls vornehmen Standes

war, geehlicht hatte, wurde schwer krank und sandte zum Bruder Walter,

der seit langer Zeit ihr Beichtvater war. Er ging zu ihr am Tage vor

dem Feste des h. Apostels Thomas und nahm mich als Begleiter mit.

Wir kamen erst spät an jenem Hause an. Während nun Walter die Beichte

jener Frau hörte und ich im Hause saß, kam zu mir eine Begine, Aleidis

mit Namen, und fragte mich, woher ich gekommen sei. Ich antwortete:

Von Cöln. Da sprach sie: Wärest du doch in unserem Dorfe gewesen und

hättest einmal die wunderbaren Dinge gesehen, die dort an einem Mädchen

geschehen! Am Nachmittage des folgenden Tages nun gingen wir, wie es

Walter bestimmte, nach jenem Pfarrdorfe und kehrten im Pfarrhause

ein, wo sich damals jenes Mädchen befand wegen der Bedrängnis, die

man befürchtete.... Als ich ins Pfarrhaus eintrat, sah ich ärmlichen

Hausrat, betrübte Menschen und eine junge Person, die etwas seitwärts

saß und das Gesicht mit dem Mantel verhüllt hielt. Diese stand auf, als

Bruder Walter eintrat, und grüßte ihn. Aber in demselben Augenblicke

stieß der Teufel sie rückwärts, sodaß ihr Kopf heftig wider die Wand

anschlug. Die Anwesenden erschraken darüber, waren aber noch mehr in

Angst wegen der Trübsale, die nach den Erfahrungen der früheren Jahre

noch zu befürchten waren. Während nun diese alle in Sorge und Betrübnis

waren, wurde ich allein mit einer ganz besonderen, ungewohnten Freude

erfüllt, fühlte eine innerliche Tröstung und war ganz von Staunen

ergriffen. Ich begriff nicht, was mit mir vorging, und wurde darob

betroffen, weil ich fürchtete, man möchte es merken.... Um nun diese

meine Gemütsstimmung zu verbergen, suchte ich mit den Hausgenossen, mit

dem Herrn Pfarrer nämlich und seiner Mutter, mit seinen Schwestern und

anderen Personen, die gerade im Hause waren, ein Gespräch anzuknüpfen.

Mein Genosse saß inzwischen ein wenig von uns entfernt bei jenem

Mädchen und hielt ihr verschiedene Beispiele vor von der Geduld Christi

und der Heiligen. Jene meine Freude aber prägte sich so stark in meine

Seele ein, daß auch bis jetzt, wo schon elf Jahre seitdem verflossen

sind, sie nicht bloß mir im Gedächtnis haftet, sondern mir auch wie

gegenwärtig fühlbar ist. Ich habe in jener Stunde, wie ich glaube,

gewiß irgendeine göttliche Einwirkung empfangen. Während ich nun so

dasaß und den Leuten zuhörte, auch mitunter ein munteres oder ernstes

Wort dazwischen redete, waren meine Augen und Gedanken dahin gerichtet,

wo jene Person sich befand, deren Nähe ich meine Umwandlung zuschrieb

... Wie ich nun meinen Genossen und jenes Mädchen genau beobachtete,

sah ich, daß der Teufel es siebenmal stieß, viermal wider die Wand

rücklings und dreimal wider eine Kiste zu ihrer Linken und zwar mit

solcher Gewalt, daß die Stöße auch für die ferner Stehenden hörbar

waren. Was mir besonders auffiel, war der Umstand, daß bei diesen

heftigen Stößen das Mädchen weder Seufzer noch Schluchzen vernehmen

ließ, ja nicht das geringste Zeichen von Ungeduld oder Schmerz weder

durch Wort noch Geberde zu erkennen gab, sondern ruhig blieb, ohne

einen Laut des Murrens oder der Klage von sich zu geben. Ich konnte

mich nun nicht länger mehr halten und sprach zu Bruder Walter:

„Liebster Vater, ich weiß nicht, ob Ihr es bemerkt, wie der Teufel

das Mädchen so heftig stößt. Es wäre wohl gut, wenn Ihr mit ihm etwas

weiter von der Wand und der Kiste abrücktet und ein Kissen hinter

ihren Kopf legtet, damit, wenn noch weitere Stöße erfolgen sollten, die

Heftigkeit des Anpralles durch die weiche Hinterlage gemildert werde.“

Man tat dieses auch. Wie wir nun noch eine Weile dagesessen hatten,

hörte ich das Mädchen auf einmal aufseufzen, wie wenn es plötzlich

von etwas Schmerzhaftem betroffen worden wäre. Als die Frauen, die

um es herumsaßen, dies bemerkten, fragten sie nach der Ursache des

Aufseufzens. Es antwortete: „Ich bin an den Füßen verwundet.“ Man

sah nach und fand es so. Denn an jedem Fuße fand sich eine frisch

blutende Wunde. Als die Verwundete auf solche Weise viermal von neuem

aufseufzte, wurde ich von Mitleid ergriffen und bei dem Weinen und

Schluchzen derer, die um sie saßen und bei jedem neuen Aufseufzen neue

Wunden sahen, stand auch ich auf und sah, wie ich meine, bei den beiden

letzten Aufseufzungen nach, und ich erblickte die Wunden in ihrem

Entstehen, noch bevor das Blut hervorquoll. Denn gewöhnlich pflegt

es einige Augenblicke zu dauern, ehe das Blut nach der Verwundung

hervorfließt. Hiermit nun hatte diese Mißhandlung ein Ende. Sieben

frisch blutende Wunden erblickte ich auf der oberen Seite der Füße,

und zwar vier auf dem einen und drei auf dem anderen Fuße. Da ich

aber zweimal aufgestanden war und die Sache mich sehr interessierte,

habe ich genau acht gegeben und bemerkt, daß jedesmal eine neue Wunde

hinzugekommen war. Unterdessen war die Nacht nach dem Feste des h.

Apostels Thomas angebrochen und ich, der ich vorher von Freude erfüllt

war, war nun voll des Mitleidens. Bruder Walter wünschte, daß wir jetzt

die Komplet beteten. Wir beteten sie mit allen Zusätzen nach Vorschrift

und zwar in Gegenwart der Jungfrau. Und als wir zu Ende waren, kniete

die Jungfrau nieder, Bruder Walter legte ihr beide Hände auf das Haupt

und sprach das Johannesevangelium zum Schutze gegen die Wut des bösen

Feindes. Hierauf bat ich ihn um die Erlaubnis, mit den Hausgenossen

die Nacht durchwachen zu dürfen. Er gestattete es und ich geleitete

ihn zu seiner Ruhestätte, die man ihm aus Ehrfurcht vor seinem Alter

und seiner Frömmigkeit im Pfarrhause selbst bereitet hatte.... Als ich

nun mit seiner Erlaubnis wieder zur Jungfrau zurückkam, um ihr Trost zu

spenden und auch durch sie mittels der Wunderwerke des Herrn Trost zu

empfangen, fand ich zwei Lichter im Hause, die bis zum Morgen brannten,

und sieben Personen, die nicht abwechselnd, sondern alle mitsammen die

Nacht hindurch ununterbrochen Wache hielten, bis es Tag wurde, ohne daß

auch nur einer sich zur Ruhe niederlegte. Man hielt dies für notwendig,

weil ein jeder der Anwesenden von der Wut und Bosheit des Teufels die

heftigsten und unerträglichsten Angriffe zu befürchten hatte. Sie waren

froh, als sie mich zurückkommen sahen, und ersuchten mich, dort Platz

zu nehmen, wo mein Gefährte vordem gesessen hatte. Ich tat es, und

als ich dort eine Weile in Stillschweigen gesessen, fragte mich jene

Jungfrau: „Wie heißet Ihr?“ Ich antwortete: „Petrus.“ Da sprach sie:

„Guter Bruder Petrus, erzählet mir etwas von Gott; ich höre so gerne

etwas von ihm, wiewohl ich wegen meiner jetzigen Bedrängnis zu meinem

Bedauern nicht sonderlich achtgeben kann.“ Auf ihren Wunsch, dem sich

auch die übrigen anschlossen, erzählte ich ihnen nun, obschon ich der

Mundart noch nicht vollkommen mächtig war, zwei Beispiele aus dem Leben

der Brüder, die ich für erbaulich hielt, das eine, wie die seligste

Jungfrau einen Kartäuser gelehrt habe, ihr zu dienen und sie zu lieben;

das andere, wie ein Bruder des Predigerordens durch die h. Messe, die

ein befreundeter älterer Bruder für ihn gelesen, aus dem Fegfeuer, in

dem er fünfzehn Jahre lang gewesen war, befreit worden sei.

[28] _V. C._ 2-10.

Als ich die Erzählungen beendigt hatte, hielt ich ein wenig inne. Da

auf einmal seufzte die Jungfrau auf, heftiger wie gewöhnlich. „Was

ist geschehen?“ fragte ich. „Ich bin am Knie verwundet,“ sagte sie.

Nach einer Weile, in der man wohl ein Miserere hätte beten können,

stöhnte sie wieder, zog ihre rechte Hand durch den Aermel ihres

Kleides nach innen, fuhr damit unter ihrem Kleide herab, zog dann

einen eisernen Nagel hervor, der mit frischem Blute überronnen war

und gab ihn mir in die Hand.... Ich fand ihn viel wärmer, als er es

durch Berührung des menschlichen Körpers hätte sein können.... Da es

nun, wie mir dünkte, Mitternacht war, ging ich zu meinem Gefährten, um

nach Ordensbrauch mit ihm die Mette zu beten. Wir beteten die Mette

von der allerseligsten Jungfrau, und als wir die Laudes begonnen,

entstand im Hause ein solches Jammern, daß wir das Gebet abbrachen,

ohne Nachricht abzuwarten, gleich zu der Jungfrau und ihrer Umgebung

hineilten und fragten, was geschehen sei. Man sagte uns, die Jungfrau

sei schwer verwundet worden. Mein Gefährte setzte sich neben sie und

fand sie in tiefer Betrübnis und fast ohnmächtig. Bald jedoch kam

sie wieder zu sich, zog dann die andere Hand ähnlich wie früher durch

den Aermel nach innen und langte einen anderen Nagel hervor, der mit

frischem Blute benetzt und gleich heiß war wie der erstere, aber eine

viel grauenhaftere Form hatte. Sie gab denselben meinem Gefährten in

die Hand mit den Worten: „Schauet da, womit ich verwundet worden bin.“

Alle betrachteten den Nagel, staunten über seine schreckliche Form

und entsetzten sich. Ich aber bat, man möge ihn mir zum Geschenke und

steten Andenken überlassen. Man gab ihn mir und ich habe ihn bis zum

heutigen Tage aufbewahrt, auch an ihm ein Zeichen gemacht, wie tief er

in das Fleisch eingedrungen war. Denn das Fleisch, das noch daran hing

und das anklebende Blut, ließen das ganz deutlich erkennen.

Am Morgen kehrte ich wieder nach Cöln zurück. Ich weiß nicht, ob ich

mich je in meinem Leben in solcher Gemütsverfassung befunden habe,

so daß ich damals am liebsten, wenn ich gekonnt, die Messe von der

allerseligsten Jungfrau gelesen hätte zur Danksagung für die mir von

Gott erwiesenen Gnaden. Nun glaubte ich die Psalmstelle zu verstehen:

„Helle ist mir geworden die Nacht in meiner Wonne; denn vor dir hat

die Finsternis kein Dunkel und hell wird die Nacht wie der Tag. Denn

so wie ihr Dunkel, so ist sein Licht.“ (Ps. 138, 11-12.) Und mit den

Jubeltönen des Exultet fährt dann Petrus fort: „O glückliche Nacht!

o selige Nacht, die du für mich geworden zum Anfang der göttlichen

Erleuchtungen, bei denen Nacht und Tag nicht mehr wechseln. O süße und

wonnevolle Nacht, in der mir zuerst verliehen wurde zu verkosten, wie

lieblich der Herr ist. Das ist die Nacht, in der ich gewürdigt wurde,

zuerst die Braut meines Herrn zu sehen.“ Nur eines beklagte Petrus, daß

sie für ihn zu kurz war. „Möchte von nun an,“ so schließt er, „meine

sündige Seele erneuert und ich in einen neuen Menschen umgewandelt

werden, so daß ich zu neuem Leben erstehe und den Tod nicht schaue in

Ewigkeit!“

Sechstes Kapitel.

Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel.

Nach dem Advente verließ Christina das Pfarrhaus. Im darauffolgenden

Jahre, 1268, einem Schaltjahre, fiel das Fest des h. Apostels

Matthias, das in Stommeln noch heute als das des zweiten Pfarrpatrons

besonders feierlich begangen wird, auf den Samstag vor dem ersten

Fastensonntag. Der Pfarrer von Stommeln hatte seinen guten Freund,

Bruder Gerhard vom Greif aus dem Dominikanerkloster in Cöln, gebeten,

zur Aushülfe herüberzukommen. So bot sich für Bruder Petrus eine

Gelegenheit, die Schritte wieder nach Stommeln zu lenken. Hören wir

ihn selbst, wie er seinen zweiten Besuch in Stommeln beschreibt:

„In der nächstfolgenden Fastenzeit ging ich wieder bei dargebotener

Gelegenheit nach dem früher genannten Orte, nach dem meine Sehnsucht

stand, als Begleiter des Bruders Gerhard vom Greif, dem Beichtvater

besagter Jungfrau ... Wir kamen dort an am Samstage vor dem ersten

Sonntage der Fastenzeit. Am Sonntage nun lud der Herr Pfarrer seinem

Freunde, dem Bruder Gerhard, zuliebe auch dessen geistige Tochter

auf Mittag zu Tisch. Sie folgte der Einladung und speiste mit uns.

Darüber hatte ich viele Freude; denn so hatte ich Gelegenheit, ihre

Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten ... Nach Tisch, als der

Pfarrer einen Kranken besuchte, begab es sich, daß eine Person --

jedenfalls die sangeskundige Gertrud, Schwester des Pfarrers, -- aus

Andacht den Hymnus: _Jesu dulcis memoria_ in unserer Gegenwart sang und

nach der lateinischen Strophe auch jedesmal die deutsche innig-fromme

Uebersetzung[29] mitsang. Dadurch wurde ich mehrmals zu Tränen gerührt.

Da wurde mit einem Male die Jungfrau dermaßen im Geiste entrückt, daß

sie in allen ihren Sinnesorganen unempfindlich und am ganzen Körper

starr war und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Was uns aber

noch mehr in Erstaunen setzte, man konnte gar kein Atemholen mehr an

ihr bemerken. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblicke vor Freuden

weinte und vor Verwunderung außer mir war und für eine so große Gabe

des göttlichen Einflusses dem Geber Dank sagte. Denn was hier vor

sich ging, konnte ich keiner natürlichen Ursache, noch menschlicher

Einwirkung zuschreiben; ich erkannte darin vielmehr die Nähe Gottes

... Einen solchen Zustand hatte ich noch nie an einem Sterblichen

wahrgenommen und ich glaubte, hier geschehe, was der Apostel andeutet,

wenn er schreibt: „_Sive mente excedimus_“, d. h. mögen wir im Geiste

entrückt sein ... Und ich begann nun, desto genauer alle Geschehnisse

zu beobachten, auf alle Worte zu hören, und auf alle Bewegungen und

Geberden zu merken und sie meinem Gedächtnisse tiefer einzuprägen, weil

ich alles dem Hulderweis besonderer Gnade zuschrieb.

[29] Die erste Strophe der alten Uebersetzung lautet:

„Jesu, wie süß, wer dein gedenkt!

Sein Herz vor Freuden überschwenkt.

Noch süßer über alles ist,

Wo du, o Jesu, selber bist.“

Als sie nun in diesem Zustande, ein wenig nach vorn geneigt, Gesicht

und Hände mit dem Schleier verhüllt, etwa drei bis vier Stunden auf

einer Bank gesessen hatte, seufzte sie unter Schluchzen auf, so daß

sie am ganzen Körper etwas in Bewegung kam. Dann begann sie ein wenig

aufzuatmen; jedoch ging dies leichter und langsamer vor sich, als es

sonst bei Menschen zu geschehen pflegt. Die Bewegung beim Atmen war so

gering, daß es besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, um sie wahrzunehmen

... Es war nämlich, wie gesagt, die Bewegung beim Atmen geringer und

die Zwischenzeit zwischen Ein- und Ausatmen größer wie gewöhnlich.

Als sie nun auch in diesem Zustande die Zeit von ungefähr zwei Messen

hindurch gesessen hatte, fing sie an tiefer und überhaupt so zu atmen,

wie Menschen gewöhnlich zu atmen pflegen. Darauf begann sie auch zu

reden, jedoch so leise, daß man es selbst bei aufmerksamem Hinhorchen

kaum verstehen konnte und auch nicht in vollständigen Sätzen,

sondern in einzelnen Ausrufungen voller Liebe und Süßigkeit, wie:

Liebevollster, süßester oder herzinnigster, trautester oder Bräutigam.

Und dabei jubelte sie auf unter freudiger Erregung des ganzen Körpers,

das einem Aufhüpfen ähnlich sah, und zwar in ganz ungewohnter Weise.

Das Jubeln ging in einem Atemzuge vor sich und dauerte ein Miserere

lang und dann trat wieder eine ebensolange Zeitdauer hindurch

Unbeweglichkeit ein. Es wiederholte sich dann derselbe Vorgang des

freudigen Aufhüpfens, Jubelns oder Jauchzens -- ich weiß nicht, wie

ich es nennen soll, sagt Petrus, denn ich habe früher so etwas nie

gesehen -- und nahm ungefähr die Zeit von zwei Messen in Anspruch.

Diejenigen, die bei ihr saßen, weinten vor Freude ob der Inbrunst der

Andacht und der Glut der Liebe, die in dem Vorgang zu Tage trat.“ -- Es

ist dieses Aufjubeln der Seele eine im Leben der innigen Vereinigung

mit Gott mitunter hervortretende Erscheinung. Beim Einströmen der

göttlichen Liebeswonne wird die Seele gleichsam trunken vor Seligkeit.

Sie vermag sich nicht mehr zu fassen vor übergroßer Wonne, ihr Herz

strömt über und so führt sie unwillkürlich eine Art mystischen Reigens

auf, ähnlich demjenigen der jungfräulichen Chöre im Hochzeitssaale des

himmlischen Bräutigams, und süße Jubeltöne entströmen ihren Lippen, wie

sie in unnachahmlicher Meisterschaft wiederklingen in den Melismen der

Gradual- und Allelujagesänge des gregorianischen Chorals.

Als nun diese Art des Seelenjubels nachließ, begann sie in ihrer Rede

mehrere Worte miteinander zu verbinden und gleichsam vollständige Sätze

zu bilden, in denen sie Danksagung und Lobpreis ausdrückte. Denn sie

tat einige Erwähnung von dem Zustande, in dem sie gewesen war, und von

den Wohltaten, die sie empfangen hatte, obgleich sie sich in einzelnes

nicht einließ. Es war überaus rührend zu hören, wie sie dabei ihre

eigene Armseligkeit und die großmütige Freigebigkeit und herablassende

Güte ihres Bräutigams hervorhob. Von dem einen zum andern übergehend,

redete sie bald von ihrer eigenen Geringheit und Unwürdigkeit, bald

wieder pries sie die unermeßliche Güte Gottes. Diese Art und Weise der

Rede dauerte etwa die Zeit einer Messe. Darnach begann sie in größter

Bitterkeit des Herzens und unter einem großen Tränenstrome die vielen

Armseligkeiten ihrer irdischen Verbannung so sehr zu beklagen, daß ich

derartiges Weinen früher nie gesehen habe. Ich hatte zwar bis dahin

auch geglaubt, daß die Füße des Herrn, wie das Evangelium berichtet,

von den Tränen eines Weibes benetzt wurden; seitdem aber habe ich mir

diese Worte, durch ein solches Beispiel belehrt, tiefer eingeprägt. Und

ich meine, diese Jungfrau würde mit ihren Tränen nicht nur die Füße,

sondern auch die Hände und das Haupt des Herrn, wenn die Gelegenheit

dazu sich dargeboten hätte, benetzt haben. Da nun auch so eine Stunde

vorübergegangen war, begann sie, gleich einem andächtig Betenden,

Gott dem Herrn inbrünstig jene anzuempfehlen, die sich ihr empfohlen

hatten. Ich bemerke dies deshalb, weil ich hier zuerst wahrnahm,

daß sie wieder aus Antrieb der menschlichen Vernunft und natürlichen

Erkenntnis handelte ... Nachdem sie so ihre Freunde und Wohltäter, die

ihr nur irgendetwas Gutes erwiesen hatten, angelegentlich dem Herrn

empfohlen hatte, betete sie auch ganz innig für ihre Feinde, falls

sie solche haben sollte, damit der Herr ihnen verzeihe, ob sie nun

geflissentlich oder aus Unverstand gegen sie gesündigt. Das setzte sie

hinzu, weil einige, da sie die Wahrheit nicht kannten, lieblos über sie

geredet hatten. Schließlich begann sie denen, die mit ihr gesprochen,

zu antworten und sich nach gewöhnlicher Art der Menschen zu verhalten,

ohne jedoch Erwähnung zu tun von dem, was vorgegangen war. Es schien

ihr vielmehr unangenehm zu sein, wenn sie jemanden davon reden hörte.

Abb. 4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)

Siebentes Kapitel.

Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale

des Herrn.

Die selige Christina von Stommeln · 第 4 / 17 段