in der Jülicher Handschrift berichtet werden, anbelangt, so verdient
hervorgehoben zu werden, daß diese Handschrift zu Lebzeiten Christinas
angefertigt wurde, und die Verfasser die Vorkommnisse miterlebt
oder sie aus dem Munde Christinas vernommen haben. Daß sie alle die
Wahrheit sagen wollten, wird niemand, der diese Aufzeichnungen und
Briefe liest, in Zweifel ziehen. Die Erzählung ist so treuherzig,
die Schilderung so unmittelbar, die in die Darstellung verwobenen
Angaben über Ort, Zeit und sonstige Umstände der Geschehnisse mit
der geschichtlichen Wirklichkeit so genau übereinstimmend, daß ihr
der Stempel der Wahrhaftigkeit nicht abgeleugnet werden kann. Die
Personen, welche diese Dinge berichten, sind achtbare, unterrichtete
Männer. Da sind zunächst die beiden Pfarrer von Stommeln, Johannes und
sein Nachfolger Heinrich, die beide über alles, was Christina betraf,
aufs genaueste unterrichtet waren, an ihr das lebhafteste Interesse
nahmen und in ihrem ganzen Verhalten eine Art heiliger Ehrerbietigkeit
gegen Christina an den Tag legten. Pfarrer Johannes war ein Mann
nach dem Herzen Gottes, von reinem Wandel und erprobter Tugend,
ausgezeichnet durch uneigennützige Freigebigkeit und große Frömmigkeit,
wie allgemein bekannt war. Da ist ferner der hochbetagte, in der
Seelenleitung wohlerfahrene Bruder Walter aus dem Dominikanerkloster
zu Cöln, der uns geschildert wird als sehr frommer Mann, reich
an Jahren und Verdiensten, mit weißem Haupthaar und lieblichem
Angesichte, hochangesehen nicht bloß bei den Weltgeistlichen, sondern
auch bei den Ordensleuten.[9] Dieser war Christinas Beichtvater
seit ihrem Eintritt ins Beginenkloster zu Cöln. Da ist vor allem
der schwedische Dominikaner Petrus von Dazien, der am eingehendsten
sich mit den Zuständen Christinas befaßt und dem vorzugsweise die
über sie erhaltenen Aufzeichnungen zu danken sind. Petrus stammte
aus der Stadt Wisby auf der Insel Gotland in der Ostsee, war gegen
das Jahr 1266 in den Dominikanerorden eingetreten, dessen zehnte
Provinz Dänemark, Schweden und Norwegen umfaßte und Dazien genannt
wurde. Wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Provinz wird er gemeinhin
Petrus von Dazien genannt. Wegen seiner besonderen Befähigung wurde
er von seinen Ordensobern zur Vervollkommnung seiner Studien nach
Cöln und Paris geschickt. Während seines Cölner Aufenthaltes, der von
1266-1269 währte, kam er zwölfmal nach Stommeln, dann noch einmal
bei seiner Hinreise nach Paris und abermals bei der Rückreise, und
später noch einmal von Schweden aus, also im ganzen fünfzehnmal. Der
ebenso fromme und demütige wie kenntnisreiche und gelehrte Ordensmann
betrachtete Christina als das ihm von Gott gegebene Vorbild eines
vollkommenen, ganz der Liebe Jesu Christi geweihten Lebens; Christina
hingegen, durch göttliche Erleuchtung belehrt, betrachtete den Petrus
als ihren geistlichen Führer und Tröster. Christina verschloß, wie
alle wahrhaft mystischen Seelen, die Vorgänge ihres Innenlebens vor
der Außenwelt. Nur dem Petrus gab sie in Gehorsam hierüber Aufschluß.
Petrus war schon einundzwanzig Jahre hindurch im Dominikanerorden,
als er im Advent 1267 zum ersten Male nach Stommeln kam. Er war mithin
nicht ein unerfahrener, junger Student, wie der Innsbrucker Professor
Emil Michael irrtümlicher Weise annimmt, sondern ein allseitig
durchgebildeter, urteilsfähiger Ordensmann in der vollen Kraft des
Mannesalters. In welchem Ansehen er stand, geht daraus hervor, daß er
nach seiner Rückkehr in die Heimat Lesemeister zu Skeninge, dann zu
Strengnäs und darauf zu Gotland wurde und schließlich zu Wisby das Amt
eines Priors versah. Einen getreuen Helfer in der Aufzeichnung dessen,
was sich Merkwürdiges im innern und äußern Leben Christinas ereignete,
hatte Petrus in dem Schullehrer zu Stommeln, dem Magister Johannes,
einem allseitig verehrten Manne von frommem und reinem Wandel, der
später Priester wurde und als Kaplan Christinas bezeichnet wird. Petrus
vergleicht ihn in einem seiner Berichte mit dem Apostel Johannes; denn
wie der Heiland diesem seine jungfräuliche Mutter, so habe er ihm
seine Namensgenossin, das Gefäß der Tugenden und die Uebungsschule
aller geistigen Kämpfe zur Hut anvertraut. Dem Petrus sei auch hier
der Johannes vorgezogen. „Darum,“ so fährt Petrus fort, „strenge
deine Sinne an, suche scharf und mit allem Fleiße zu beobachten, was
der Herr Wunderbares wirkt. Lasse dir keine Handlung und kein Wort
entgehen, was der Bräutigam oder die Braut tut oder spricht. Beobachte
das Benehmen, wäge ab die Handlungen, verkoste die Freuden, merke
die Gnadenerweisungen, das Geheime bewahre treu in deinem Herzen
und erzähle es, wenn die Zeit gekommen, den Gläubigen. Denn es wird
die Zeit kommen, wo man dies von dir verlangen wird. Und weil das
Gedächtnis sehr vergeßlich ist, so schreibe auf, was der Herr Großes
wirkt.“[10] Wie getreulich der Meister Johannes dieser Aufforderung
nachgekommen ist, zeigt das dritte Buch der Jülicher Handschrift. Was
Johannes von Christina berichtet, hat er ihr größtenteils abgelauscht
bei ihrem Erwachen aus der Verzückung. „Diese Geheimnisse,“ so schreibt
er an Petrus, „die ich Ew. Liebden mitteile, sind mir nicht von einem
Menschen, sondern von Gott kundgemacht worden. Laßt Euch das nicht
unglaublich sein. Denn wenn zu den Dienern Gottes im allgemeinen
gesagt ist: „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures
Vaters ist es, der in euch redet,“ so gilt das auch insbesondere
von seiner Braut und besonders zu jener Zeit, wo sie eben aus der
Entrückung zurückkehrt, in dem Zeitraum, wo sie von äußern Dingen und
von sich selbst nichts weiß. Ich schreibe euch dies darum, auf daß ihr
wisset, daß Christina, Eure Tochter, zur Zeit, wo sie ihrer mächtig
war, mir nichts von dem, was ich aufgeschrieben habe, mitgeteilt hat,
außer wenigem über ihr Leiden.“ Sehr richtig ist diese Bemerkung
des Magisters Johannes für die Beurteilung der außergewöhnlichen
teuflischen Quälereien, die im dritten Buche der Jülicher Handschrift
berichtet werden. Sie tragen durchgängig visionären Charakter und somit
entfällt alles, was man gegen ihre Glaubwürdigkeit vorgebracht hat.
[9] _V. C._ 6.
[10] _V. C._ 235.
Da die Dominikaner damals stets zu Fuß reisten und bei ihren Reisen
stets mindestens zu zweien sein mußten, so kamen mit Petrus auch
andere Dominikaner nach Stommeln und lernten Christina kennen. Außer
dem bereits erwähnten Bruder Walter verdienen noch angeführt zu werden
die Brüder Gerhard vom Greif, ein sehr gelehrter Mann, Lehrmeister
der Studenten und ehemaliger Unterprior im Cölner Kloster,[11] und
Johannes von Muffendorf, die beide auch zu Christinas Beichtvätern
zählen, ferner die Brüder Aldebrandino aus Rom, Balduin von Flandern,
Gotfrid von Werden, Jakob von Andernach, Johannes Hespe aus der Provinz
Dazien, Karl, der in Paris studiert hatte und als Ordensmann, reich
an Gnaden, ausgezeichnet durch große Herzensreinheit, feine Sitten,
Freigebigkeit und vorzügliche Frömmigkeit, gerühmt wird,[12] ferner
Bruder Laurentius aus dem Kloster zu Wisby, Bruder Mauritius, später
Lesemeister in Reval, Bruder Salomon aus Ungarn, Bruder Folkwin von
Gotland, Bruder Wilhelm von Werigehal aus der englischen Provinz und
Bruder Wipert von Böhmen aus der Provinz Polen. Wie der Vorgesetzte
dieser Brüder, der Cölner Prior Hermann von Havelbrech, über
Christina dachte, ersehen wir aus den Worten, mit denen er den Brüdern
Aldebrandino und Petrus auf ihr Begehren Erlaubnis erteilte, nach
Stommeln zu gehen: „Geliebteste Söhne,“ sprach der Prior, „mit Freuden
gestatte ich euch, nach diesem Orte zu gehen, um Gottes Wundertaten zu
sehen. Ich habe nämlich so außerordentliche Dinge von dieser Jungfrau
gehört, daß ich sehr gerne mit euch gehen möchte, wenn ich dazu in
der Lage wäre. Ihr aber, Geliebteste, seid noch jung und seid aus
entfernten Gegenden hierhergekommen und möget also hingehen und die
wunderbaren und erbaulichen Dinge beobachten. Diese könnt ihr dann
dereinst in eueren Ländern noch im hohen Alter zu gegebener Zeit andern
zur Erbauung erzählen.“[13] Einige Monate nachher, am Weißen Sonntag
1269, ging indes Prior Hermann selbst mit dem Bruder Arnold von Xanten,
Prior von Straßburg, nach Stommeln und besuchte Christina. Dieser
Prior Hermann von Havelbrech war aber ein Mann von großer Sanftmut und
Güte, geschmückt mit allen Tugenden. Längere Zeit hindurch war er der
Begleiter des Ordensgenerals Johannes I. gewesen und hatte mit diesem,
wovon er mitunter zu erzählen pflegte, zehn Provinzen des Ordens
bereist. Auch war er zweimal Provinzial der deutschen Ordensprovinz
gewesen. Doch nicht bloß die Dominikaner kannten Christina. Auch die
minderen Brüder vom h. Franz in Cöln interessierten sich für sie. Im
Jahre 1281 z. B. kamen am Vorabend von Johannes Geburt zwei Minoriten
mit vier Dominikanern nach Stommeln, um Christina in der Verzückung zu
sehen. Der Prior der unweit von Stommeln gelegenen Benediktinerabtei
Brauweiler, Gotfrid genannt, „ein Mann von allseitig gutem Rufe,
großer Bescheidenheit und auferbaulichem Wandel“, von dem Petrus von
Dazien sagt, daß er, ohne der Heiligkeit der übrigen nahetreten zu
wollen, niemals einen Mann seines Ordens von solcher Vollkommenheit
gesehen habe,[14] war Christinas väterlicher Freund, der häufiger in
Begleitung des Kellermeisters der Abtei Brauweiler, namens Leonius,
eines hochbetagten Mannes von großer Umsicht und Reife des Urteils,
sie in Stommeln besuchte. Zur Zeit des Interdiktes, das Erzbischof
Engelbert von Falkenburg über Cöln und Umgebung verhängte, weil die
Stadt sich mit dem Grafen von Jülich gegen ihn verbündet hatte, ging
Christina regelmäßig nach Brauweiler, um in der Abteikirche, die dem
Interdikte nicht unterlag, dem Gottesdienste beizuwohnen. Sie beichtete
dann regelmäßig bei dem Prior Gotfrid. Auch andere Geistliche aus dem
Ordens- und Weltklerus kamen Christinas halber nach Stommeln, z. B.
Adolf, Scholar des Cölner Domdechanten, Magister Heinrich vom Stifte
der hh. Jungfrauen in Cöln, Herr Engelbert vom St. Cäcilienstifte
dortselbst und ein Mönch des Klosters Quinheim[15] bei Neuß. Es wird
vielfach behauptet, im Mittelalter sei man wundersüchtig gewesen und
deshalb verdienten die Wundermären aus jener Zeit keinen Glauben.
Wie alle derartigen allgemeinen Sprüche sich bei näherem Zusehen als
oberflächliche Uebertreibungen erweisen, so auch hier. Die Männer,
die Christinas mystische Zustände in Stommeln beobachteten, waren
keine Schwärmer. Es waren fromme und vernünftige Männer von nüchterner
Auffassung und gesundem Urteil. Wie sie dachten, geht anschaulich
hervor aus einer Begrüßungsszene zwischen dem vorhin erwähnten
Unterprior Gerhard vom Greif und Petrus von Dazien. Als letzterer im
Jahre 1279 aus Schweden kommend in Cöln anlangte, hatte er in Stommeln
vorgesprochen und der Unterprior sprach zu ihm, als er ihn im Cölner
Kloster empfing: „Habt Ihr Christina gesehen?“ denn er kannte die
Hochachtung, die Petrus gegen Christina hegte. Petrus antwortete: „Ja,
Vater.“ Da lächelte der Unterprior und fuhr fort mit den Worten des
h. Hieronymus an Paulinus: „Jene Zeit hatte ein unerhörtes, für alle
Jahrhunderte denkwürdiges Wunder, sodaß die Menschen, die in eine so
herrliche Stadt kamen, dennoch etwas anderes außerhalb dieser Stadt
suchten und diejenigen, die Cöln nicht an sich ziehen konnte zu seiner
Bewunderung, sich durch den Ruf eines einzigen Menschenkindes angezogen
fühlten.“ Dann fragte er weiter: „Wie geht es mit Christina? Wie
gefällt Euch ihr Zustand?“ Petrus antwortete: „In allem gut. Ich bin
gar sehr getröstet worden; denn seit meinem Weggang hat sie sehr große
Fortschritte in der Heiligkeit gemacht.“ Der Unterprior erwiderte:
„Ihr habt recht, Bruder Petrus; ich bin derselben Ansicht und Ihr
möget wissen, daß meine Hochachtung gegen sie um kein Haar abgenommen
hat. Daß ich sie aber seltener als früher besuche, kommt daher, weil
diejenigen, die früher die Brüder aufzunehmen pflegten, meistens
gestorben sind.“[16] So spricht und handelt kein wundersüchtiger
Schwärmer.
[11] In Cöln gab es im 13. Jahrhundert ein Haus zum Greif (_domus
Grifonis_). Anal. des hist. Vereins für den Niederrhein. 46, 97.
[12] _V. C._ 15.
[13] A. a. O. 40.
[14] _V. C._ 41.
[15] Quinheim war dort, wo jetzt Grimlinghausen liegt.
[16] _V. C._ 153-154.
Auch bei dem weiblichen Geschlechte fand Christina Verständnis und
Verehrung. Da ist vor allem zu nennen die hochangesehene, hochbetagte
Aebtissin des hochadeligen Damenstiftes zur h. Cäcilia in Cöln, Geva,
Gräfin von Virneburg, die mit den fein gebildeten Stiftsfräulein,
unter denen Irmgardis[17] hervortritt, besonderes Interesse für die
fromme Tochter des Stommler Gutsbesitzers Bruso bekundete. „Geva
liebte Christina wie eine Mutter ihre Tochter und erwies ihr viel
Gutes.“[18] Auch zwei Stiftsdamen aus dem Stifte der hh. Jungfrauen
(St. Ursula) in Cöln, Christina und ihre Schwester Gertrud, zählten
zu Christinas Bekanntenkreis.[19] Was von größter Bedeutung ist,
diejenigen, die täglich um Christina herum waren, ihre Vertrauten,
die Beginen von Stommeln, liebten und verehrten ihre Mitschwester
Christina und erwiesen ihr, wie Christina bezeugt, viel Gutes. Wenn
sie auch anfänglich mitunter, von frommer Eifersucht verleitet, über
Christinas strenges Bußleben und ihre mystischen Zustände gespöttelt
hatten, so erkannten sie doch, beim längeren Zusammenleben mit ihr,
die Gediegenheit ihres Wesens und die Echtheit ihrer Begnadigungen. Da
ist zuerst Hilla vom Berge, ihre Blutsverwandte und unzertrennliche
Gefährtin in allen ihren Leiden und Freuden. „Ich sah, schreibt
Petrus, ihr Angesicht immer gleich, sie mochte im Glück oder Unglück
sein. Sie war eine Jungfrau, die alles Lob verdiente, in Kreuz und
Leid unverzagt, in Freude und Glück behutsam, überall eine wahre
Jungfrau im Wandel, im Verhalten, in der Rede. Ihr Scherz war ernst
und ihr Ernst schien scherzend, weil sie in Wort und Benehmen sich
immer gleichmäßig benahm. Nächst Christina glaube ich kein Mädchen
von solcher Herzensreinheit je gesehen zu haben; denn es kam mir vor,
als könnte sie keine Sünde begehen, und Gott weiß es, daß ich an ihr
nie eine Geberde, eine Miene oder ein Wörtchen wahrgenommen habe, was
auf Leichtsinn hätte schließen lassen können, wiewohl ich sie scharf
beobachtet und mich oft und lange mit ihr unterhalten habe.“[20]
[17] Geva, Gräfin von Virneburg, war Aebtissin des St. Cäcilienstiftes
zu Cöln von 1266-1272; eine Irmgardis, Freiin von Wevelkoven
(Wevelinghoven), gehörte dem Stift an von 1276-1282. Diese
dürfte zu Gevas Zeiten wohl eine Anwartschaft auf eine Stelle als
Kanonissin gehabt haben; denn eine Irmgardis tritt als Begleiterin
Gevas auf. Diese chronologischen Angaben verdanke ich der gütigen
Mitteilung des Herrn Rektor Michels in Remagen, der zur Zeit die
Geschichte des St. Cäcilienstiftes bearbeitet.
[18] _V. C._ 30, 36.
[19] _V. C._ 22.
[20] A. a. O. 22.
An zweiter Stelle kommt die blinde Aleidis, die, wie man glaubte, durch
Weinen das Augenlicht verloren hatte und sich doch über diesen Verlust
nicht beklagte. Sieben Jahre hindurch war sie bettlägerig gewesen und
hatte bei gänzlicher Erschöpfung ihrer Kräfte eine wundersame Geduld
bewiesen. Ihre Tugend läßt sich, sagt Petrus, nicht beschreiben.
Wer sie kennt, wird gestehen, daß alles Lob hinter der Wirklichkeit
zurückbleibt.[21] -- Neben der blinden Aleidis gab es in Stommeln noch
eine andere sehr geschäftige Begine mit Namen Aleidis und außer der
Hilla vom Berge auch noch eine Hilla von Ingendorf. Die Schwester des
Pfarrers Heinrich von Stommeln, Benigna mit Namen, war ebenfalls nach
Kleidung und Wandel eine Begine, wiewohl sie nicht in deren Klause
wohnte, sondern ihrem Bruder den Haushalt führte. Zum engeren Kreise
der Freundinnen Christinas gehörten auch noch ihre Nichte Hilla und die
Nichte der blinden Aleidis, die Begine Engilradis, Tochter des dortigen
Vogtes, sowie die hochbetagte Mutter des Pfarrers Johannes und dessen
beide Schwestern Gertrud und Hadewig. Diese Gertrud, von der gerühmt
wird, daß sie eine gar liebliche Stimme hatte und oft und gerne schöne
geistliche Lieber sang, war eine ganz besondere Vertraute Christinas.
[21] A. a. O. 22.
Abb. 3. Beginenfigur (14. Jahrh.).
Was Christina selbst anbelangt, so war sie das Kind gesunder Eltern.
Auch ihre vier Geschwister erfreuten sich bester Gesundheit. Sie war,
wie der Befund ihrer Gebeine ausweist, von schlankem und kräftigem
Körperbau und erreichte ein Alter von siebenzig Jahren. Sie lebte in
frischester Landluft, liebte es freilich, vorzugsweise am Spinnrocken
zu sitzen und sich mit Nähen und Sticken zu beschäftigen.[22]
Andererseits aber beteiligte sie sich auch an der Feldarbeit, half
namentlich bei der Ernte[23] und war selbst des Reitens nicht unkundig.
So wird von ihr berichtet, daß sie am Ostersonntag des Jahres 1268,
weil ihre Füße vom Karfreitag her noch wund waren, an der Seite ihres
Vaters zur Kirche ritt, um der Osterpflicht zu genügen, und zwar, um
Aufsehen zu vermeiden, in weltlicher Tracht.
[22] A. a. O. 199.
[23] A. a. O. 150.
Manche sind geneigt, Christinas Zustände als Krankheitserscheinungen
zu betrachten. Sie denken an überreizte Nerven, Halluzinationen und
Hysterie. Krankheitsbilder unseres nervösen Zeitalters werden ohne
weiteres in das dreizehnte Jahrhundert zurückverlegt, wo jedoch
Volksgesundheit und Volkskraft in höchster Blüte standen. Christinas
Persönlichkeit hatte nun aber gar nichts an sich von der zarten
Mattigkeit, der zitternden Empfindsamkeit und dem unaussprechlichen
Angekränkeltsein der nervenschwachen Frauenwelt unserer Tage. Christina
ist einige Male wohl auf wenige Tage krank gewesen; allein von einer
ernstlichen, langandauernden Störung ihrer Gesundheit ist nirgendwo die
Rede. Sie erfreute sich im Gegenteil wie alle ihre Familienangehörigen
einer kräftigen, widerstandsfähigen Körperverfassung. Wenn sie
mitunter das Bett zu hüten gezwungen war, so geschah dies infolge
mystischer Zustände, die sie in ihrer Demut als Schwachheitszustände
bezeichnete. Man hat auch versucht, Christinas mystische Zustände
mit gewöhnlichen Frauenleiden in Verbindung zu bringen und sie aus
diesen zu erklären, weil sie mit dem einundzwanzigsten Lebensjahre
anfingen und mit dem sechsundvierzigsten Lebensjahre schlossen.
Es liegt hier der nicht selten vorkommende Trugschluß vor, aus dem
Nebeneinander zweier Erscheinungen auf deren ursächliche Abhängigkeit
voneinander ohne weiteres zu schließen. Unerklärlich bleibt jedoch
dann, weshalb denn nicht auch die Verzückungen und die Wundmale auf
diese Zeitperiode beschränkt blieben, sondern diese überdauerten.
Sind denn geheimnisvolle Leiden und von unsichtbarer Hand ausgeführte
körperliche Mißhandlungen, wie Christina sie in der angegebenen Zeit
zu erdulden hatte, dem weiblichen Geschlecht in dieser Zeitperiode im
allgemeinen eigen? Weshalb sollen denn gerade bei Christina gewöhnliche
Frauenleiden den Grund zur Erklärung ungewöhnlicher Zustände des
Seelenlebens hergeben? Auch vergißt man, daß das geheimnisvolle letzte
Leiden Christinas zur Zeit der Schlacht bei Worringen im Jahre 1288,
das gewöhnlich zur pathologischen Erklärung ihrer Zustände herhalten
muß, in keiner natürlichen Blutung bestand. Vielmehr bestand diese
darin, daß der ganze Körper zerfleischt und geschunden war und dann
zur Erhöhung der Qualen mit Salz eingerieben wurde. In Folge dieser
Marter war der ganze Leib mit Blut überströmt. Bei der beliebten
pathologischen Erklärungsweise bleibt es auch unerklärt, daß Christinas
Zustände in der angegebenen Zeit nicht das ganze Jahr hindurch währten,
sondern sich nach den liturgischen Zeiten richteten. Sie traten nämlich
regelmäßig in der Advents- und Fastenzeit sowie an den Vorabenden der
Heiligenfeste ein. Die Bußzeiten des Kirchenjahres waren Christinas
Leidenstage, ihre Festzeiten hingegen Christinas übernatürliche
Freudenzeiten. Auch blieb sie stets frei von allen Anfechtungen und
Quälereien am Kommuniontage und an dem darauffolgenden Tage bis zur
Komplet.
Zudem darf nicht vergessen werden, daß ein beträchtlicher Teil der
Leiden Christinas mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten
Zusammenhang hat. Es sind einfache körperliche Mißhandlungen, die von
unsichtbarer Hand ausgeführt wurden, z. B. Ausschlagen von Zähnen,
Zerren an den Haaren, Durchbohren der Füße, Brennen mit glühenden
Steinen, Stockschläge, Geißelhiebe, Bewerfen mit Unrat und dergleichen.
Einzelne der berichteten Leiden sehen allerdings epileptischen
Anfällen ähnlich, z. B. das beim ersten Besuch des Petrus beobachtete
wiederholte heftige Anschlagen des Kopfes gegen die Wand oder das
mehrere Jahre nachher im Advent eintretende heftige Erschüttertwerden
des ganzen Körpers. Allein es wirkten dabei auch Umstände mit, die in
ein Krankheitsbild schlecht passen. Des Vorganges beim ersten Besuche
des Petrus erinnert sich Christina nach zwölf Jahren noch in allen
Einzelheiten; hätte Fallsucht vorgelegen, so wäre dies doch wohl
nicht möglich gewesen. Auch fiel Christina bei dem Vorgange nicht zu
Boden, wie es doch bei epileptischen Krämpfen gewöhnlich der Fall
ist, sondern sie saß aufrecht da, wie alle übrigen, die im Zimmer
anwesend waren. Allerdings hätte Petrus, natürlich gesprochen, bei
seinem ersten Besuche zurückhaltender sein sollen in seinem Urteile.
Es wirkten jedoch damals auf seine Seele Vorgänge übernatürlicher
Art ein, von denen später noch die Rede sein wird. Diese lassen
freilich sein Verhalten erklärlich erscheinen. Das Erschüttertwerden
im Advent war Christina lange vorher angekündigt worden und sie war
darauf gefaßt. An der Fallsucht leidende Personen sind zudem in der
Regel minderwertige Menschen, was bei der mit den reichsten Gaben
an Körper und Geist ausgestatteten Christina mit nichten behauptet
werden kann. Will man epileptische Veranlagung als Erklärungsgrund
der außergewöhnlichen Zustände Christinas annehmen, so müßte doch das
Krankheitsbild ein gleichmäßiges sein. Allein das trifft keineswegs zu.
In jedem Advent, in jeder Fastenzeit treten Erscheinungen zutage, die
keinerlei Verwandtschaft aufweisen. Oder besteht etwa ein Zusammenhang
zwischen Geistestrockenheit und Besudeltwerden, zwischen Geißelung und
Brandwunden?
Es soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, daß hin und wieder
vorübergehende Krankheitserscheinungen sich in Christinas Zustände
hineingemischt haben können. Daß sie einmal, sie wußte nicht wie,
in eine mit Schlamm gefüllte Grube hineingeriet, kann in Folge eines
Fieberanfalles geschehen sein. Bezeichnender Weise sagt Christina von
diesem Vorfalle, den sie bei späterem Befragen genau beschreibt, auch
gar nicht, daß er dämonischer Einwirkung zuzuschreiben sei.
Bei Christina finden sich aber anderseits Vorkommnisse, die von allen
Gottesgelehrten, denen Fachkunde in der Unterscheidung der Geister
zusteht, als dämonische Einwirkungen bezeichnet werden. Aus der
Mundhöhle Christinas, die Gott von Herzen liebte, und deren größte
Freude es war, Gott zu loben, ertönen einmal, worüber sie entsetzt war,
Lästerungen und Verhöhnungen der Gottheit. Sie wird einmal auf einige
Zeit des Gehörs, ein anderes Mal der Sprache beraubt. Es kommt ihr
auf einmal ein unerklärlicher Widerwille gegen Personen, die sie am
meisten liebt und verehrt. Es treten Versuchungen auf, die weder von
der Umgebung herrühren, noch auf dem Boden ihres Herzens entsprossen
sein können, aber demjenigen ähnlich sehen, der Versucher von Anbeginn
ist, der bald zur Ueberhebung, bald zur Verzweiflung treibt, bald zum
Uebereifer anspornt, dann Apostasie in den Sinn gibt, in wechselnder
Folge den Menschen bald zur Unzucht, bald zum Unglauben zu verleiten
sucht, ihm jetzt Gedanken der Selbstgefälligkeit, dann Versuchungen zum
Selbstmord eingibt, dem aber immer zuwider sind Demut und Gottesliebe.
Christina aber ist gerade ein Musterbild von Demut und Gottesliebe,
die sie dem Teufel besonders verhaßt machen mußte. Sie war zudem nicht
bloß mit außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben ausgerüstet,
sondern auch mit natürlichen Vorzügen aufs vornehmste bereichert und
geschmückt.[24] Petrus von Dazien gibt uns von ihr bei seinem zweiten
Besuche folgende Schilderung: „Ich hatte Gelegenheit, ihre Sitten
und ihr Verhalten genau zu beobachten und zu prüfen und reiflicher
Erwägung zu unterziehen, wie ich früher ihre Geduld und Bescheidenheit
betrachtet hatte. Obgleich nun Manches in ihren Zuständen vorkam,
was der gewöhnliche menschliche Verstand nicht fassen und erklären
kann und was nach meiner Meinung den Charakter des Uebernatürlichen
und Wunderbaren an sich trägt, so habe ich doch zum mindesten das
bemerkt, daß sie eine erstaunliche und für solche, die es nicht aus dem
Augenschein feststellen konnten, unglaubliche Enthaltsamkeit übte, eine
mit Anständigkeit verbundene Freundlichkeit und eine mit Gottesfurcht
gepaarte Heiterkeit besaß und dazu eine vor allen ausgezeichnete Demut
und Fröhlichkeit bei Erniedrigung und Zurücksetzung. Sie redete Weniges
und nur Erbauliches, und wenn man sie über etwas befragte, antwortete
sie mit Bescheidenheit. Sie redete mitunter auch wohl ein munteres,
nie aber ein leeres oder müßiges Wort. Sie trug Ordenskleidung, die
gleich entfernt war von überflüssigem Zierart wie von gesuchter Demut.
In ihrem Wandel war etwas wunderbar Tugendhaftes, das alle, die sie
sahen oder mit ihr umgingen, sehr erbaute. In ihrem Wandel und Wesen
suchte sie sich nach Möglichkeit den andern Menschen anzubequemen und
alles Auffallende zu vermeiden, um zu keinerlei Gerede Veranlassung zu
geben.“[25]
[24] _V. C._ 143.
[25] _V. C._ 10-11.
Was nun die Beurteilung der teuflischen Quälereien, denen Christina
ausgesetzt war, anbelangt, so sind, nach Befund der Tatsachen,
drei Arten zu unterscheiden. Zunächst liegen, wie bereits gesagt,
körperliche Mißhandlungen vor, die mit den Sinnesorganen wahrnehmbar
waren. Diese wurden von vielen Zeugen wahrgenommen. Auch ließen die
dadurch hervorgerufenen Verwundungen ihre sichtbaren Spuren zurück
und heilten erst allmählich auf natürlichem Wege. Wenn z. B. in
der Jülicher Handschrift[26] berichtet wird, der Teufel habe der
Christina mit einer Zange zwei Backenzähne auf grausamste Weise
ausgerissen, so findet dies seine Bestätigung im Befunde des im
Grabmal der Seligen zu Jülich aufbewahrten Schädels. An ihm sind die
Grübchen zweier Backenzähne zugewachsen, wie es zu geschehen pflegt,
wenn Zähne im jugendlichen Alter entfernt werden. Diese Tatsache ist
bisher von niemanden beobachtet worden. Verfasser nahm sie wahr beim
Wiederverhüllen des Schädels nach der durch Weihbischof Hermann Josef
Schmitz vorgenommenen kanonischen Untersuchung der Gebeine am 17.
Februar 1897.
[26] _V. C._ 149.