gegeben, paßt ganz und gar auf das, was bei Christina wahrgenommen
wurde. Der Leib wird empfindungslos und starr. Zu verschiedenen Malen
hat man an Christina, während sie in Verzückung war, den Versuch
gemacht, zu erproben, ob dem wirklich so sei. Einmal hat man ihr am
Arme drei Wunden beigebracht. Christina aber regte sich nicht und
merkte nichts. Als sie aber aus der Verzückung erwachte, fühlte sie
den Schmerz der Wunden, die nun anfingen zu bluten und langer Zeit
bedurften, um zu heilen. Ein anderes Mal hat, wie Bruder Gerhard vom
Greif, der Pfarrer Johannes und andere dem Bruder Petrus berichteten,
eine Begine der Christina, als sie nach der Kommunion in Verzückung
gekommen, mit der Schere tief in die Wade geschnitten. Auch diesmal
merkte Christina während der Verzückung nichts von der beigebrachten
Verletzung. Als sie aber zu sich kam, empfand sie heftigen Schmerz
und die Wunde fing an zu bluten. Da sie kein Mittel anwandte, um die
Wunde zu heilen, so schwoll das Bein bedenklich an und die Wunde fing
an in Fäulnis überzugehen. Sie begab sich nun nach Cöln und klagte
dem Bruder Gerhard vom Greif ihr Leid. Dieser sagte ihr, es müsse ein
Wundarzt die Wunde untersuchen und einen Einschnitt machen. „Muß der
Mann die Wade sehen?“ fragte Christina. Bruder Gerhard erwiderte: „Ich
glaube, er wird sie sonst nicht heilen können.“ In einer Weise, die
mehr zu bewundern als nachzuahmen ist, erwiderte Christina: „Lieber
lasse ich das ganze Bein verfaulen, als daß ich dieses zugebe,“ und
ging fort. In der Nacht wandte sie sich zum Gebete und erlangte vom
Herrn Heilung ihrer Wunde. Morgens ging sie dann zurück zu Bruder
Gerhard und sprach: „Es ist nicht nötig, den Wundarzt zu rufen;
denn der Herr hat mich in seiner Güte geheilt.“[6] Auch trifft bei
Christina zu, was die h. Teresia von den Wirkungen der Verzückung sagt.
Krankhafte Erscheinungen erzeugen Unlust zu geistiger Betätigung, sie
hinterlassen Schwäche, Abspannung und Erschöpfung. Ganz anders die
Verzückung. Auch sie greift die Sinnesorgane in ihrer Weise an. Durch
das übermächtig einströmende Licht der Gottheit wird die Tätigkeit der
Sinnesorgane nicht nur, sondern auch alle gewöhnliche Tätigkeit des
Geistes gebunden. Die Seele ist ganz aufgegangen in ihrer höchsten und
edelsten Tätigkeit, im Schauen und Lieben ihres Urhebers. Sie lebt ein
höheres Leben und das natürliche ist eine Weile wie erstorben. Kehrt
sie nun wieder zum natürlichen Leben zurück, so bedarf es einer Art
Neubelebung des Organismus, um wieder die gewohnten Beschäftigungen
aufnehmen zu können. Diese geht gemach vor sich, hat aber, da eine
Krankheit gar nicht vorlag, mit Rekonvalescenz keine Aehnlichkeit.
Bald fühlt der Organismus sich wieder ganz frisch. Die Seele brennt
vor Glut, sich wiederum mit Gott und zwar für immer zu vereinigen. Die
ganze Schöpfung möchte sie aufrufen, mit ihr Gott zu preisen. Entbehren
und leiden aus Liebe zu Gott ist für sie eine Genugtuung. Keine
Bußübung ist ihr zu schwer. Die Welt und was sie enthält erscheint
ihr gar armselig. Ihre Herrlichkeit ist ihr wie welkes Gras und ihre
Lust wie ödes Sumpfwasser. Sie hat ja Höhres verkostet. Was sie in der
Verzückung geschaut, vermag sie, wie St. Paulus es darlegt, nicht in
Worte zu kleiden. Es übersteigt ja alle Erfahrung. Gefällt es jedoch
dem Allmächtigen, sie durch bildähnliche Erscheinungen zu belehren
oder zu erbauen, so weiß sie diese auch, sobald sie zu sich gekommen,
zu beschreiben. Wo jedoch die Mitteilung des göttlichen Lichtes
unmittelbar auf die geistige Erkenntnis einwirkt, ist einerseits eine
Täuschung unmöglich; denn durch den Vorgang selbst hat die Seele die
Gewähr, daß sie mit Gott verbunden ist, andererseits aber versagen
ihr auch die Ausdrucksmittel, das, was sie erfahren, entsprechend
wiederzugeben.
[5] Seelenburg. (6. Wohnung). 4, 10-11.
[6] _V. C._ 155-156.
In der Regel sind solche besondere Hulderweisungen der göttlichen
Liebe Vorboten großer Prüfungen und Leiden. Liebe und Leib gehören nun
einmal zusammen wie im natürlichen Leben, so auch im übernatürlichen.
Seine besondern Lieblinge führt Gott den Weg des Leidens. Keine
verzärtelten Geschöpfe würdigt er seiner besonderen Freundschaft,
sondern nur die Heldenseelen, die Opferfreudigen. Sie werden in der
Schule des Leidens geübt, dann aber auch im Brautgemache der göttlichen
Liebe erquickt. Unter den Heiligen des Himmel ragen die hh. Martyrer
hervor, die für Christus die grausamsten Qualen erduldet und ihr Leben
für ihn gelassen haben. Was in den Zeiten der Christenverfolgung
wutschnaubende Machthaber an den Bekennern des christlichen Namens
verübt, das gestattet in friedlichen Zeiten Gott der Herr dem
Satan an seinen Auserwählten zu vollbringen, damit auch ihnen des
Martyriums Palme nicht fehle. Es darf uns daher nicht wundern, wenn
in der Lebensbeschreibung Christinas nach der hohen Begnadigung von
widerwärtigen Versuchungen und grausamen Quälereien die Rede ist.
Sie verehrte mit besonderer Innigkeit den h. Apostel Bartholomäus;
sie betrachtete ihn als ihren ganz besonderen Schutzpatron, da sie
in ihren Trübsalen sehr oft seinen Beistand erfahren hatte. In der
Dominikanerkirche sowohl wie in der nahegelegenen Stiftskirche zum h.
Andreas befanden sich Reliquien des h. Bartholomäus. Ob es nun diesem
Umstande zuzuschreiben ist, daß Christina sich ihn zum besonderen
Schutzheiligen erkor, oder ob seine grausame Marter, da ihm lebendigen
Leibes die Haut abgezogen wurde, auf ihr mitleidiges und heldenmütiges
Herz bestimmend eingewirkt hat, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht
haben beide Gründe zusammen eingewirkt.
Abb. 2. Kirchhügel zu Stommeln.
* * * * *
Als Christina bereits zwei Jahre bei den Beginen zu Cöln war, sie
mithin fünfzehn Jahre zählte, kam, als sie nachts in ihrer gewohnten
Art sich zum Gebete niedergeworfen hatte, der Versucher in Gestalt
des h. Bartholomäus vor sie hinstehen und sprach: „Tochter, du betest
viel und hast ein großes Verlangen, in den Himmel zu kommen. Nun
wisse, daß du dies erreichen wirst, wenn du dich tötest. Das ist ja
bald geschehen, und du kommst dann ohne alles Leid ins Himmelreich.“
Christina, die noch unerfahren war in der Unterscheidung der Geister,
glaubte, es sei wirklich der h. Bartholomäus, und war ein halbes
Jahr lang von dieser lästigen Versuchung geplagt. Wenn sie allein
war, meinte sie, sie müsse sich das Leben nehmen; stand sie an einem
Brunnen, so kam ihr der Gedanke, hineinzuspringen; war sie in der
Kirche, so fühlte sie sich zu ihrem größten Leidwesen gedrungen,
wieder hinauszugehen, um den Tod zu suchen. Doch endlich hatte der Herr
Erbarmen mit ihr. Als diese Versuchung ihr schier unerträglich wurde,
kam ihr in den Sinn das Wort des Evangeliums, das sie früher gehört,
sie würde verloren gehen, wenn sie Selbstmord verübe. Und so schwand
diese Versuchung.
Nach einer Weile indes wurde sie von einer andern Versuchung gequält.
Es kamen ihr Zweifel an der Gegenwart Christi im allerheiligsten
Altarssakramente und an der Erschaffung der Welt durch Gott; auch
erschien es ihr fraglich, ob überhaupt Gott um sie wisse oder die
Heiligen. Sie hatte kaum Freude mehr daran, Gutes zu tun, zu beten und
die Kirche zu besuchen. Achtzehn Wochen lang blieb sie dem Beichtstuhl
fern. Doch gab sie der Versuchung nicht nach. Trotz der Unlust wohnte
sie dennoch dem Gottesdienste bei und eines Tages betete sie bei der h.
Messe also: „Herr, ich habe doch immer gehört, daß dein Leib wahrhaftig
hier zugegen ist. Zeige mir doch, wie ich diese Zweifel los werden
kann.“ Und alsbald sah sie bei der Wandlung ein Knäblein in den Händen
des Priesters, das zu ihr sprach: „Ich bin Jesus.“ Als sie solches
sah und vernahm, kam sie vor Staunen außer sich. Und als sie wieder
zu sich gekommen, verspürte sie in ihrem Geiste ein gewisses Maß von
Licht. Daraufhin ging sie am folgenden Tage zur h. Kommunion und die
Versuchung wich so vollständig von ihr, als ob sie dieselbe niemals
gehabt hätte. Auch diese Anfechtungen gegen den Glauben währten ein
halbes Jahr.
Nunmehr suchte der arglistige Feind des Menschengeschlechtes ihr
Speise und Trank und vor allem die h. Kommunion zum Gegenstand des
Ekels zu machen. Es kam ihr vor, als ob auf jeglicher Speise, die sie
zum Munde führen wollte, häßliche Tiere säßen, Molche, Spinnen und
dergleichen. Vor Spinnen hatte sie, nebenbei bemerkt, ganz besonderen
Abscheu. Der Beichtvater gab ihr den Rat, den Ekel zu überwinden und
nichtsdestoweniger zu essen. Sie folgte, vermochte jedoch vor Ekel die
Speise nicht bei sich zu behalten. Selbst wenn sie dem Tische des Herrn
nahte, überkam sie das Gefühl des Ekels. Doch auch diese Plage überwand
sie, indem sie trotz des Widerwillens dennoch den h. Leib des Herrn
empfing. Auch diese dritte Versuchung währte ein halbes Jahr. Dies
alles trug sich zu, während Christina zu Cöln bei den Beginen weilte.
Dort blieb sie bis zum Alter von siebenzehn Jahren, also bis zum Jahre
1259. In diesem Jahre kehrte sie nach Stommeln zurück.
Drittes Kapitel.
Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien
(1259-1267).
In den bisher erschienenen Lebensbeschreibungen der seligen Christina
heißt es gewöhnlich, sie sei von den Beginen in Cöln entlassen worden
und deshalb nach Stommeln zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das scheint
jedoch nicht richtig zu sein, denn zunächst steht nichts derartiges
in dem Berichte, den der damalige Pfarrer von Stommeln, Johannes, dem
Petrus von Dazien auf dessen Bitte über Christinas Jugend zusandte.
Auch wäre es dann nicht zu begreifen, daß Christina zeitlebens Begine
geblieben ist und niemals das Kleid der Beginen abgelegt hat. Wie die
Verhältnisse lagen, dürfte die Sache sich folgendermaßen zugetragen
haben. Als Christina bei den Beginen in Cöln eintrat, gab es in
Stommeln offenbar noch kein Beginenhaus. Sonst würde Christina nicht
nötig gehabt haben, sich so viele Mühe zu geben, um endlich zu den
Beginen zu kommen. Während ihres vierjährigen Verweilens zu Cöln ist
dann zu Stommeln eine Beginengemeinschaft zustande gekommen. Eine
Verwandte Christinas, Hilla vom Berge, so genannt, weil sie auf dem
höhergelegenen Teile von Stommeln wohnte, war eine der angesehensten
der Stommeler Beginen. Wir wissen, daß Christinas Eltern ihr die
Aussteuer versagten. Deshalb werden die Cölner Beginen Christina
geraten haben, nach Stommeln zurückzukehren, da sie nunmehr dort,
wo mittlerweile die Beginen sich eingerichtet hatten, ebensogut als
Begine leben konnte wie in Cöln. Das Beginenhaus zu Stommeln war, wenn
auch nicht gleich von Anfang an, eine an die Kirche angebaute Klause.
Jedoch nicht alle Beginen wohnten dort, wenigstens nicht andauernd.
Die Räumlichkeiten scheinen zu beschränkt gewesen zu sein. Mehrere
von ihnen, wie Hilla vom Berge und die blinde Aleidis, hatten eigene
Wohnungen. Bei ihrer Rückkehr nach Stommeln nahm auch Christina
zunächst im elterlichen Hause Wohnung. Hier wurde sie, namentlich
anfangs, nicht allzu freundlich behandelt, weil sie gegen den Willen
der Eltern ins Kloster gegangen war. Man gönnte ihr nicht einmal das
Brot, das sie aß. Ihr der Abtötung und dem Gebete geweihtes Leben fand
auch nicht den Beifall der Beginen. Diese spotteten mehrfach über sie
und nannten sie eine Scheinheilige. So hatte sie Niemanden, weder zu
Hause noch außerhalb, bei dem sie einigen Trost gefunden hätte. Im
öftern Empfange der h. Kommunion hätte sie gerne Kraft und Mut sich
geholt zum standhaften Ertragen aller Widerwärtigkeiten. Allein sie
wagte es nicht, darum zu bitten, mit wie heißer Sehnsucht sie auch
darnach verlangte; denn damals war es nicht üblich, häufig zu den
hh. Sakramenten zu gehen. Es war ja im dreizehnten Jahrhundert, daß
die vierte Lateransynode (1215) sich veranlaßt sah, die Pflicht der
Osterkommunion unter Androhung von kirchlichen Strafen einzuschärfen.
Der Heiland jedoch wußte auf andere Weise sich seiner treuen Dienerin
mitzuteilen. Ihrem Pfarrer Johannes hat sie nämlich im h. Gehorsam
gestanden, sie sei einst krank gewesen (so nannte sie in Demut ihren
mystischen Zustand), und da habe sie stets über das bittere Leiden
unseres Herrn nachgedacht. Das habe wohl sechs Wochen gedauert. Und
es sei ihr vorgekommen, als ob ihr vielgeliebter Heiland vor ihren
Augen getötet worden sei. Sie lag dann, so fährt der Pfarrer Johannes
fort, in tiefster Beschaulichkeit da, aß sozusagen gar nichts und ihre
Glieder blieben, wie Johannes selbst gesehen hat, ganz starr. Aber
auch der Versucher stellte sich bei ihr ein. Umstrahlt von Schönheit
erschien er ihr, tröstete sie und sprach: „Teuerste, gehab dich wohl;
der Herr ist mit dir.“ Er belobte sie dann sehr und sagte schließlich:
„Siehe, schon bist du merklich schwächer geworden. Wenn du dich noch
zwei Tage lang der Nahrung enthältst, so wirst du alsbald deinen Gott
in seiner Herrlichkeit schauen.“ Bei diesen Worten erkannte Christina
durch Erleuchtung des h. Geistes den teuflischen Betrug, begehrte
sofort zu essen und beschämt wich der Böse von dannen.
Abgesehen von dieser Versuchung lebte Christina drei Jahre lang im
Hause ihrer Eltern in seligem Herzensfrieden, auf Gott allein ihren
Sinn richtend und nicht beachtend, was in der Welt vor sich ging. Sie
war nun zwanzig Jahre alt und sollte bald in die Schule der Leiden
genommen werden, indem es dem Satan gestattet wurde, sie zu quälen,
wie er einst den Diener Gottes, den gerechten Job, gequält hatte. Nur
das Leben durfte er ihr nicht nehmen, wie er ja auch dem Job das Leben
lassen mußte. Sie nahm, wie es scheint, Wohnung im Hause der Beginen.
Dort kam der Versucher in Gestalt des h. Apostels Bartholomäus zu ihr
und sagte ganz leise: „Teuerste Tochter, deine Werke sind wohlgefällig
vor Gott, dem du über die Maßen gefällst. Du hast jetzt eine Zeit
lang an Leib und Seele Ruhe genossen. Nun mußt du auch, da du gar sehr
verlangst, zum Geliebten deiner Seele zu kommen, an deinem Körper etwas
leiden.“ Wohl einen Monat lang wurde sie von solchen Zuflüsterungen
geplagt. Endlich kam der Versucher mit einem Bündel Hülsendorn und
sprach: „Weil du bisher allzu weichlich gelebt hast, so bringe ich
dir dies, damit du damit deinen Leib zur Ehre Gottes kasteiest; denn
das gefällt ihm gar sehr.“ Also tat er zur Zeit der Mette sowohl wie
zur Zeit der Komplet. Christina aber, vom h. Geiste belehrt, dachte
bei sich: „Es ist der Dämon. Kaum vermag ich die übliche Geißelung
zu ertragen, um wieviel weniger eine solche?“ Sodann sprach sie zum
Versucher: „Uebel ist dein Rat, weil er falsch ist; denn Gott will, daß
man in allem weise maßhalte.“ Doch wiewohl sie den Versucher in dieser
Weise abfertigte, kam ihr doch später immer wieder der Gedanke, sie
hätte doch den Rat befolgen sollen; er könne doch von Gott herrühren.
Als der Versucher jedoch sah, daß Christina seinen Einflüsterungen
nicht Folge gab, rächte er sich, indem er selbst acht Nächte hindurch
Christina mit Hülsenwischen dermaßen geißelte, daß sie am ganzen Leibe
wund war. Hilla vom Berge, die zur Zeit der Komplet zu ihr zu kommen
pflegte und nicht wußte, was vor sich gegangen war, fand sie wie halb
tot und brachte sie zu Bette. Nachdem der Versucher sie noch durch
mehrere andere Plagen das Jahr hindurch belästigt hatte, quälte er
sie im Advent auf besondere Weise. Am ersten Adventssonntage wurde
sie, während sie ihren Rosenkranz[7] betete, mit einem knotigen Stocke
derartig von unsichtbarer Hand geschlagen, daß die Umstehenden meinten,
man müsse es im ganzen Dorfe hören können. Fünfmal fiel Christina
dabei in Ohnmacht. Schließlich betete sie zum Herrn also: „Herr Jesu,
ich bitte dich bei deinem bitteren Leiden, befiehl dem Dämon, er solle
aufhören mich zu schlagen; denn ich vermag es nicht länger zu ertragen.
Oder gib mir die Gnade, daß ich es auszuhalten vermag.“ Eines Tages
empfing sie, als sie in den Stall ging, einen solch heftigen Schlag
auf die Hand, daß Blut floß. Darob weinte sie, nicht aus Mangel an
Gottergebenheit, sondern weil sie glaubte, in solchem Leiden nicht
mehr allein in ihrem Kämmerlein leben zu können und in ein anderes
Haus ziehen zu müssen. Mehrfach noch erhielt sie von unsichtbarer Hand
Schläge, die derartig heftig waren, daß man sie fast bis auf die Straße
hörte. Auch wurden ihre Füße zerkratzt, und zwar einmal mit spitzigen
Eisenkrallen; und die ganze Pfarre kam zusammen und sah mit eigenen
Augen diese Quälereien.
[7] Dieser Rosenkranz bestand aus 50 Vater unser (_Pater noster_).
Auch die Gebetsschnur, der man sich beim Beten der 50 Vater
unser bediente, hieß _Pater noster_, wie sie in den Niederlanden
noch heute genannt wird. Die Dominikaner trugen einen solchen
Rosenkranz schon damals am Gürtel, und die Beginen desgleichen.
_V. C._ 108, 118.
Christina kehrte ins Haus ihrer Eltern zurück und blieb etwa ein Jahr
lang von körperlichen Mißhandlungen frei. Jedoch suchte der arglistige
Feind ihre Andacht auf mancherlei Weise zu stören. Am Weihnachtsabend
kam er in Gestalt eines Stieres und brüllte entsetzlich, packte ihren
Kopf zwischen seine Zähne und übergoß ihr Gesicht mit Geifer. Vier
Wochen nachher hörte sie jedesmal ein starkes Brüllen, so oft sie der
h. Messe beiwohnte, Gottes Lob singen oder predigen hörte, oder wenn
sie sich im Gebete befand. Davon wurde sie eine Zeit lang ganz taub.
Als sie den Herrn bat, er möge diese Plage, die ihr die Uebungen der
Gottseligkeit verleidete, von ihr nehmen, hörte sie eine gar liebliche
Stimme einen Psalm zum Lobpreis Gottes anstimmen, wodurch ihr Herz
in solche Wonne versetzt wurde, wie sie niemals solche bis dahin beim
Gesange empfunden hatte. Das Gehör war wiedergekommen; nunmehr wurde
sie eine Zeit lang stumm. Ein mündliches Gebet vermochte sie nicht
mehr zu verrichten. Zuweilen versuchte sie kurze Seufzer auszusprechen
wie: „Mein Herr und mein Gott!“ oder: „O Gott, erbarme dich meiner!“
oder: „Vielgeliebter.“ Aber auch das vermochte sie nicht. Sie bekam
darüber solches Wehe, daß sie vierzehn Tage lang Blut spuckte. Der
Versucher aber kam und verhöhnte sie, indem er sprach: „O Törin, wo ist
nun dein Gott? Wenn du einen Gott hast, so bete diesen an und rufe ihn
an. Du siehst doch wohl, daß ich der Schöpfer aller Dinge bin.“ Solche
Lästerungen empörten Christina, und es schmerzte sie über die Maßen,
daß sie ihn, weil sie stumm war, nicht abfertigen konnte.
Dann quälte sie der Böse durch Ohrenbläsereien. Drei Wochen lang
flüsterte er ihr unaufhörlich in die Ohren, was die Menschen Unrechtes
getan, gestohlen und dergleichen, und dabei nannte er die Leute mit
Namen. Auch drohte er ihr, er werde in der Kirche laut ausrufen, daß
sie alles, was abhanden gekommen sei, gestohlen habe. Als auch diese
Versuchungen nicht vermochten, Christina zu lieblosen Urteilen oder zur
Vernachlässigung des Gottesdienstes zu verleiten, wurde sie vierzehn
Tage hindurch durch feuerige Erscheinungen in Schrecken gesetzt. Wollte
sie in ihrem Kämmerlein beten, so schien es in Flammen zu stehen; nahm
sie ihr Gebetbuch, so schien es zu brennen; ging sie zum Beichtstuhl,
so schien der Priester in Flammen zu stehen; wollte sie dem Tische des
Herrn nahen, so glaubte sie, durchs Feuer gehen zu müssen. Unterdessen
kam wieder die Adventszeit heran und nach den früher gemachten
Erfahrungen war Christinas Umgebung in Furcht vor neuen Plagen. So kam
es, daß der ehrwürdige Pfarrherr Johannes sie für den Advent 1267 ins
Pfarrhaus aufnahm.
Viertes Kapitel.
Zur Beurteilung des Dämonischen.
In der Folge wird häufiger noch als bisher von ganz eigenartigen Plagen
die Rede sein, von denen Christina heimgesucht wurde. Christina ist
nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die solche Plagen
zu erdulden hatte. Bezeichnender Weise sind es vorzugsweise die mit
mystischen Zuständen Begnadigten, die solchen Quälereien ausgesetzt
sind, als deren Urheber gemeinhin die bösen Geister angesehen werden.
Kein geringerer als der Völkerapostel Paulus, der in den dritten
Himmel entrückt wurde, klagt darüber, daß der Satansengel ihn mit
Faustschlägen mißhandelt habe.
Die Ungläubigen, die alles Uebernatürliche leugnen, halten alles
Dämonische für Fabel oder Ausgeburt eines krankhaften Gehirns. Mit
solchen Leuten kann man aufrichtiges Mitleid haben.
„Den Teufel spürt das Völkchen nie,
„Und wenn er sie beim Kragen hätte.“[8]
[8] Göthe, Faust.
Daß es eine Welt unsichtbarer Geister gibt, von denen die einen,
die hh. Engel, das Menschengeschlecht lieben, die andern hingegen,
die gefallenen Engel, die wir Teufel nennen und deren Fürst Satan
ist, voller Haß und Neid gegen die Adamskinder, die statt ihrer der
Himmelsherrlichkeit teilhaft werden sollen, diesen zu schaden suchen,
ist eine Wahrheit, die fast auf jeder Seite der heiligen Schriften
des alten und neuen Bundes zu Tage tritt und die auch, wenn auch mehr
oder minder entstellt, im Bewußtsein des gesamten Menschengeschlechtes
zu allen Zeiten festgehalten wurde. Ein wissenschaftlicher Beweis für
die Behauptung, daß es keine Teufel gibt oder keine geben kann, oder
daß diese die Menschen nicht zu versuchen oder ihnen nicht zu schaden
vermögen, ist bisher von Niemanden erbracht worden und kann auch
nicht erbracht werden. Von ewigen, unabänderlichen Naturgesetzen zu
reden, ist leere Phrase. Gesetze sind Vorschriften. Naturgesetze aber
schreiben nichts vor. Es sind nur Verallgemeinerungen von einzelnen von
uns beobachteten Vorgängen. Will man von Naturgesetzen reden, so muß
man auch einen Herrn der Natur annehmen, der mit Macht und Weisheit
sie leitet, der aber auch auf andere als die gewohnte Weise durch
sie wirken kann und auch solches vollbringen kann, was die Kräfte der
Natur übersteigt. Denn der Urheber der Natur ist doch nicht durch die
von ihm ins Dasein gerufenen Naturkräfte eingeschränkt. Wenn schon
der Mensch gewaltige Aenderungen im Naturlauf hervorrufen kann, indem
er die Naturkräfte seinem Willen dienstbar macht, sei es, daß er auf
dem Stahlroß oder im Kraftwagen über die Erde dahinsaust, oder im
Luftschiff sich in die Höhe emporschwingt und am Himmelsgezelt mit den
Wolken einherfährt, wie sollte es den überirdischen Geistern, denen
zudem auch die uns noch verborgenen Naturkräfte bekannt sind, sich
deren mit Zulassung des Schöpfers nicht bedienen können, um Wirkungen
hervorzubringen, die uns wunderbar vorkommen? Eigentliche Wunder kann
freilich nur Gott allein wirken, weil nur seine Allmacht die Macht
der von ihm geschaffenen Natur übersteigt. Die Engel jedoch und ebenso
die Teufel vermögen die vorhandenen natürlichen Kräfte in einer Weise
anzuwenden, die ungewohnt ist und uns deshalb wunderbar erscheint.
Teuflische Einwirkungen auf die Menschheit sind deshalb möglich. Ob sie
nun wirklich vorliegen, muß in jedem Falle, wo ihre Tatsächlichkeit
behauptet wird, bewiesen werden. Nirgendwo wäre Leichtgläubigkeit
weniger angebracht als hier. Die Kirche läßt uns in der Untersuchung
und Prüfung solcher Vorkommnisse, die in den Lebensbeschreibungen der
Heiligen berichtet werden, vollste Freiheit und ermahnt uns zu größter
Vorsicht. Der allgemeine Einwand jedoch, heutzutage trete der Teufel
nicht sichtbar in die Erscheinung, also habe er es auch früher nicht
getan, ist nicht stichhaltig. Der Teufel ist eben von jeher arglistig
und boshaft und Dummheit gehört nicht zu seinen Eigenschaften. Vor
allem sucht er Unglauben und Gottlosigkeit zu verbreiten. Das würde er
aber heutzutage am wirksamsten verhindern, wenn er offen hervorträte.
Denn wer heute an den Teufel glaubt, der kann nicht mehr ungläubig
sein, der muß auch Hölle und Himmel annehmen, und an Gott glauben.
Anders aber lagen die Dinge im Mittelalter, wo der Glaube ans Jenseits
unbestritten war.